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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 124
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LII. Ein ganz gleiches Verhältniß findet bei der Hoffnung, der Freude und dem Verdrusse statt; doch unter allen Gemüthsbewegungen dürfte der Neid wol die heftigste sein, und es ist nicht weniger Anstrengung erforderlich, um ihn zu unterdrücken, als um ihn zu erregen. Es beneiden aber die Menschen vorzüglich die ihnen gleich Gestellten oder auch Niedrigere, wenn sie meinen, daß sie zurückgeblieben sind, und die schmerzliche Bemerkung machen, daß diese sie überflügelt haben. Aber auch gegen Höhere empfindet man oft heftigen Neid, und um so mehr, je unerträglicher sie sich brüsten und wegen ihres Vorranges an Würde und Glück die Gränze des Allen gleichmäßig zukommenden Rechtes überschreiten. Sollen diese Vorzüge zur Entflammung des Neides benutzt werden, so muß man vor Allem behaupten, daß sie nicht durch Tugend, und dann, daß sie sogar durch Laster und Vergehungen erworben seien; ferner wenn sie zu ehrenvoll und bedeutend sein sollten, so erkläre man, daß doch kein Verdienst einen so hohen Werth habe, daß es der Anmaßung und dem schnöden Stolze des Menschen gleich komme. 210. Zur Beschwichtigung des Neides hingegen muß man zeigen, daß jene Vorzüge durch große Anstrengung unter großen Gefahren erworben seien, daß ihr Besitzer dieselben nicht zu eigenem, sondern zu Anderer Nutzen verwendet habe, daß er an dem Ruhme, den er sich etwa erworben zu haben scheine, obwol er kein unbilliger Lohn der Gefahr sei, doch kein Vergnügen finde, ihn vielmehr ganz fallen lasse und aufgebe. Und weil die meisten Menschen neidisch sind, und dieses Laster so allgemein und überall verbreitet ist, ein hervorragendes und blühendes Glück aber der Gegenstand des Neides zu sein pflegt; so muß man überhaupt sich eifrig bemühen diese Meinung hiervon den Leuten auszureden und zu zeigen, daß jenes dem Scheine nach so glänzende Glück durch Mühseligkeiten und Kümmernisse verbittert werde. 211. Das Mitleid ferner wird erregt, wenn der Zuhörer in die Gemüthsstimmung versetzt werden kann, daß er das Traurige, was an einem Anderen beklagt wird, nach den eigenen bitteren Schicksalen, die er entweder erduldet hat oder befürchtet, bemißt oder bei der Betrachtung eines Anderen häufig auf sich selbst zurückblickt. Sowie nun alle Zufälle des menschlichen Elendes schmerzlich empfunden werden, wenn man sie mit teilnehmender Rührung schildert; so ist es besonders die gemißhandelte und mit Füßen getretene Tugend, welche tiefe Betrübniß hervorruft; und sowie die eine Art der Beredsamkeit, welche den Charakter eines Menschen durch die Empfehlung seiner Rechtschaffenheit in einem vorteilhaften Lichte zeigen soll, einen sanften und gelassenen Vortrag, wie ich schon oft bemerkte, erfordert, so muß die andere, deren sich der Redner bedient, um die Gemüther umzustimmen und auf jede Weise zu lenken, mit gespannter Kraft und Feuer vorgetragen werden.

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