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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 123
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LI. 205. Ich pflege daher zuerst zu überlegen, ob die Sache so Etwas erfordere. Denn weder bei geringfügigen Gegenständen darf man diese Feuerbrände der Rede anwenden, noch auch bei einer solchen Stimmung der Menschen, bei welcher wir durch unseren Vortrag auf die Rührung der Gemüther durchaus nicht einwirken können, ja uns der Gefahr aussetzen verspottet zu werden und uns verhaßt zu machen, wenn wir bei Possen Trauerspiele aufführen wollen oder das Unbewegliche in Bewegung zu setzen versuchen. 206. Weil es nämlich in der Regel besonders folgende Empfindungen sind, welche in den Gemüthern der Richter oder sonstiger Zuhörer, vor denen wir reden, in Bewegung gesetzt werden müssen: Liebe, Haß, Zorn, Neid, Mitleiden, Hoffnung, Freude, Furcht, Verdruß: so sehen wir ein, daß wir Liebe gewinnen, wenn man das, was gerade denen nützlich ist, vor denen man redet, zu vertheidigen, oder wenn man sich für rechtschaffene Männer oder wenigstens für solche, welche in ihren Augen rechtschaffen und tüchtig sind, zu bemühen scheint. Denn das Letztere gewinnt mehr Liebe, das Erstere hingegen, die Vertheidigung der Tugend, mehr Hochachtung, und mehr richtet man aus, wenn man die Hoffnung auf künftigen Vortheil ankündigt, als wenn man eine vergangene Wohlthat erwähnt. 207. Man muß sich Mühe geben zu zeigen, daß die Sache, die man vertheidigt, entweder mit Ehre oder mit Nutzen verbunden ist, und anzudeuten, daß der, dem man diese Liebe gewinnen will, Nichts auf seinen Vorteil bezogen und überhaupt Nichts in eigennütziger Absicht gethan habe. Denn die Vortheile der Menschen selbst beneidet man; ihren Bemühungen aber Anderen Vorteile zu gewähren ist man günstig. 208. Auch muß man sich hierbei vorsehen, daß wir nicht von den Männern, die wir wegen ihrer guten Handlungen geachtet wissen wollen, Lob und Ruhm, die man am Meisten zu beneiden pflegt, allzu sehr zu erheben scheinen. Aus denselben Quellen schöpfen wir auch die Kunst Haß sowol gegen Andere aufzuregen als von uns und den Unsrigen zu entfernen. und ein gleiches Verfahren müssen wir bei Erregung und Besänftigung des Zornes anwenden. Denn wenn man das, was den Zuhörern selbst verderblich oder schädlich ist, mit erhöhter Farbe darstellt, so erzeugt man Haß; wenn man aber in gleicher Weise bei der Erwähnung schlechter Handlungen, die man gegen brave Männer oder gegen solche, die es am Wenigsten verdient hatten, oder gegen den Staat ausgeübt hat, verfährt, so erregt man, wenn auch nicht einen gleich bitteren Haß, doch eine dem Unwillen oder dem Hasse nicht unähnliche Abneigung. 209. Auf gleiche Weise jagt man Furcht durch die Beschreibung eigener oder gemeinsamer Gefahren ein. Tiefer in's Herz dringt die Furcht vor eigener Gefahr; aber auch die gemeinsamen müssen so geschildert werden, daß sie jener gleich zu kommen scheinen.

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