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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 118
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XLVI. 191. Und um es nicht etwa schwierig und wunderbar zu finden, daß ein Mensch so oft zürne, so oft Schmerz empfinde, so oft von allen Arten der Gemüthsbewegungen ergriffen werde, zumal in fremden Angelegenheiten: so muß man wissen, groß ist die Gewalt der Gedanken und der Gegenstände, die man in der Rede vorträgt und behandelt, so daß es keiner Verstellung und keines Truges bedarf. Denn an sich schon setzt eine Rede, die man hält, um die Gemüther Anderer in Bewegung zu setzen, den Redner selbst mehr noch als irgend Einen der Zuhörer in Bewegung. 192. Und wir wollen uns nicht wundern, daß dieß bei Verhandlungen, vor Gericht, bei Gefahren von Freunden, bei einem Zusammenlaufe von Menschen, vor unseren Mitbürgern, auf dem Forum geschieht, wo nicht allein der Ruf unserer Redegabe auf dem Spiele steht – doch das wäre noch das Geringste; wiewol, wenn man sich öffentlich das Ansehen gegeben hat Etwas leisten zu können, was nur Wenige vermögen, auch dieß nicht unbeachtet bleiben darf; – nein auch andere ungleich wichtigere Dinge kommen in Betracht, die Ehrlichkeit, die Pflicht, die Gewissenhaftigkeit, die uns bestimmen, auch wenn wir ganz fremde Menschen vertheidigen, diese dennoch, falls wir selbst für redliche Männer gelten wollen, nicht als fremde anzusehen. 193. Doch, wie gesagt, um dieß an uns nicht wunderbar zu finden, so frage ich: wo kann mehr Erdichtung herrschen als in Versen, auf der Bühne, in den Schauspielen? Und doch habe ich hier oft gesehen, wie mir die Augen des Schauspielers aus seiner Maske hervorzugehen schienen, wenn er von seinem Lager herabNach der scharfsinnigen Muthmaßung von G. Hermann: e sponda illa dicentis statt der Lesart der Handschriften spondalia illa dicentis. Die hier aus der Tragödie Teucer von Pacuvius angeführten Worte sagt Telamon, König der Insel Salamis bei Athen, zu seinem Sohne Teucer. Telamon hatte nämlich seinen beiden Söhnen, Teucer und Ajax, als Sie nach Troja zogen, anbefohlen, keiner solle ohne den anderen in die Heimat zurückkehren. Nachdem sich aber Ajax vor Troja entleibt hatte, mußte Teucer allein zurückkehren. Der von seinem Vater verbannte Teucer gründete auf der Insel Cypern Neu-Salamis. die Worte sagte:

Ihn verlassend wagst du nach Salamis zu kommen ohne ihn?
Scheust nicht des Vaters Anblick?

Niemals sagte er das Wort Anblick, ohne daß mir der erzürnte Telamon aus Trauer über den Tod des Sohnes zu rasen schien. Aber wenn derselbe in einer zum Klagetone umgewandelten Stimme die folgenden Worte sagte:

                                            Den hochbejahrten, kinderlosenTelamon nennt sich kinderlos, da er auch den Teucer, weil dieser ohne seinen Bruder zurückgekehrt war, verstieß. Greis
Hast du zerfleischt, beraubt, gemordet. Dich hat nicht des Bruders Tod,
Nicht der kleine KnabeEurysakes, Sohn des Ajax und der Tekmessa., dir zur Obhut anvertraut, gerührt.

schien er sie weinend und in tiefer Trauer zu sagen. Wenn nun ein Schauspieler solche Stellen, obwol er sie täglich vortrug, doch nicht richtig ohne Rührung vortragen konnte; wie? meint ihr, Pacuvius habe sie in ruhiger und gelassener Stimmung niedergeschrieben? Das war unmöglich. 194. Denn oft habe ich gehört, und man sagt, es stehe auch in den Schriften des Demokritus und Platon, Niemand könne ohne innere Feuerglut und ohne den Anhauch der Begeisterung ein guter Dichter werden.

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