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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 116
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XLIV. 185. An diese Art der Rede aber schließt sich eine andere von ihr verschiedene, welche auf andere Weise die Gemüther der Richter bewegt und sie zu Haß, Liebe, Neid, Verlangen zu retten, Furcht, Hoffnung, Wohlwollen, Abscheu, Freude, Trauer, Mitleid, Rachsucht antreibt oder Empfindungen in ihnen hervorruft, welche diesen und solchen Gemüthsbewegungen ähnlich und verwandt sind. 186. Und der Redner muß wünschen, daß die Richter schon von selbst eine dem Vortheile des Redners günstige Gemüthsbewegung zu der Verhandlung mitbringen; denn es ist leichter, wie man sagt, den Laufenden anzufeuern als den Schläfrigen in Bewegung zu setzen. Ist dieß aber nicht der Fall oder tritt nicht deutlich hervor, so mache ich es, wie ein gewissenhafter Arzt. Sowie nämlich dieser, bevor er bei dem Kranken ein Heilmittel anzuwenden versucht, nicht allein die Krankheit dessen, den er heilen will, sondern auch seine gewohnte Lebensweise in gesundem Zustande und seine Körperbeschaffenheit erforschen muß; ebenso suche ich, wenn ich eine mißliche Sache übernehme, wobei es schwer hält die Gemüther der Richter zu bearbeiten, mit der ganzen Geisteskraft meine Gedanken und meine Sorge darauf zu richten, daß ich mit möglichst großer Scharfsichtigkeit aufspüre, was sie denken, urtheilen, erwarten und wünschen, und wohin sie wol durch meine Rede am Leichtesten gelenkt werden können. 187. Wenn sie sich mir hingeben und, wie ich zuvor sagte, von selbst sich dahin wenden und neigen, wohin ich sie bringen will; so benutze ich, was mir geboten wird, und richte meine Segel dahin, woher der Wind kommt. Ist aber der Richter unentschieden und in ruhiger Stimmung, so gibt es mehr Arbeit. Denn alsdann muß durch die Rede Alles in Bewegung gesetzt werden, da die Natur nicht zu Hülfe kommt. Aber die Rede, welche von einem guten DichterDem Pacuvius, der in der Hermione die Stelle des Euripides in der Hekuba 816: Πειθὼ δὲ τὴν τύραννον ανθρώποις μόνην nachgebildet hat. die Lenkerin der Herzen und die Beherrscherin aller Dinge genannt wird, besitzt eine so gewaltige Kraft, daß sie nicht nur den Sinkenden auffangen und den Stehenden zum Sinken bringen, sondern auch den Widerstrebenden und Widerstand Leistenden, wie ein guter und tapferer Feldherr, gefangen nehmen kann.

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