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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 110
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXXVIII. 157. Doch, um von dieser Abschweifung auf die Hauptsache wieder zurückzukommen, weißt du nicht, daß von jenen drei berühmten Philosophen, die, wie du sagtest, nach Rom kamen, Diogenes es war, der behauptete, er lehre die Kunst einen Gegenstand gründlich zu erörtern und das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, die er mit dem Griechischen Worte Dialektik benannte? In dieser Kunst, wenn sie anders diesen Namen verdient, findet sich keine Vorschrift, wie man die Wahrheit finden, sondern nur, wie man sie beurtheilen könne. 158. Denn über AllesUeber die kritischen Schwierigkeiten dieser Stelle s. Ellendt in den kritischen Anmerkungen., wovon wir behaupten, es sei oder es sei nicht, unterfangen sich die Dialektiker, wenn die Behauptung unbedingt ausgesprochen ist, zu beurtheilen, ob es wahr oder falsch sei, und wenn sie bedingt aufgestellt ist und andere Bestimmungen hinzugefügt sind, urtheilen sie darüber, ob diese Bestimmungen mit Recht hinzugefügt seien, und ob die Folgerung jedes Schlußsatzes richtig sei; und zuletzt schneiden sie sich selbst mit ihren Spitzfindigkeiten in's Fleisch, und durch viele Untersuchungen machen sie Dinge ausfindig, die sie selbst nicht mehr zu lösen vermögen, und durch die sie sich sogar genöthigt sehen ihr vorher angezetteltes oder vielmehr fast zu Ende geführtes Gewebe wieder aufzutrennen. 159. Hier hilft uns also dieser Stoiker Nichts, weil er nicht lehrt, wie ich das, was ich sagen soll, ausfinden kann; ja er ist sogar hinderlich, weil er Vieles ausfindig macht, wovon er behauptet, es lasse sich auf keine Weise lösen, und dabei sich einer Sprache bedient, die nicht durchsichtig, nicht ungezwungen und fließend, sondern mager, trocken, abgebrochen und zerstückelt ist, einer Sprache, die man nur mit der Einschränkung billigen kann, daß man gesteht, sie eigne sich nicht für den Redner. Denn unser Vortrag muß sich den Ohren der großen Menge anbequemen, damit er die Gemüther ergötze, damit er sie antreibe Behauptungen zu billigen, welche nicht auf der Goldwage, sondern auf der gewöhnlichen Wage abgewogen werden. 160. Darum sollen wir auf diese ganze Kunst verzichten, die für die Erfindung der Beweisgründe allzu stumm, für ihre Beurtheilung allzu geschwätzig ist. Jener Kritolaus, der, wie du erwähnst, zugleich mit Diogenes kam, hätte nach meiner Ansicht unserem Berufe einen größeren Dienst leisten können. Denn er war aus der Schule des Aristoteles, von dessen Erfindungen ich, wie du meinst, nicht sehr abweiche. Zwischen diesem Aristoteles nun – ich habe nicht nur sein Buch, in dem er die von allen seinen Vorgängern aufgestellten Lehrgebäude über die Redekunst auseinandergesetztΤεχνω̃ν συναγωγή. Vgl. Cicer. Invent. II. 2, 6., sondern auch die, in denen er selbst einen Theil seiner eigenen Ansichten über dieselbe vorgetragen hat‘Ρητορικά. – und diesen eigentlichen Lehrmeistern unserer Kunst findet meines Erachtens folgender Unterschied statt. Jener hat mit demselben Scharfblicke des Geistes, mit dem er das Wesen und die natürliche Beschaffenheit aller Dinge durchschaut hatte, auch das in Augenschein genommen, was sich auf die Redekunst, die er selbst gering achtete, bezog; diese hingegen, welche dieses Feld ausschließlich anbauen zu müssen glaubten, haben in dieser einen Wissenschaft ihren Wohnsitz aufgeschlagen, aber in der Behandlung derselben zeigen sie nicht eine gleich tiefe Einsicht, wie jener, wenn sie ihn auch an Erfahrung und Fleiß in diesem einen Fache übertreffen. 161. Des Karneades unglaubliche Kraft und Mannigfaltigkeit der Rede aber dürfte uns sehr erwünscht sein; denn nie hat er in seinen Untersuchungen einen Gegenstand vertheidigt, ohne ihn zu erweisen, nie eine Ansicht bekämpft, ohne sie umzustoßen; doch dazu gehört etwas mehr, als man von unseren Redekünstlern fordern darf.

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