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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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VIII. Inhalt des dritten Buches.

I. Vorwort. Cicero erwähnt den plötzlichen Tod des Crassus, seine letzten Tage und seine letzte unvergleichlich schöne Rede. (I.) – Betrachtungen über menschliche Hinfälligkeit und das Schicksal des Crassus. (II.) – Tod der übrigen Männer, die an der Unterredung Theil genommen haben: des Quintus Catulus, Marcus Antonius, Gajus Julius Cäsar, Quintus Mucius Scävola, Sulpicius; Verbannung des Gajus Cotta. (III.) – Betrachtungen Cicero's über seine eigenen Schicksale, über sein Werk vom Redner und über die Beredsamkeit des Crassus und Antonius. (IV.) – Einleitung in die folgende Unterredung. Die Gesellschaft ersucht den Crassus seinen Vortrag über den Schmuck der Rede zu halten. (V.)

II. Abhandlung.

A. Bevor Crassus zur Sache selbst schreitet, macht er

a) die Bemerkung, daß eigentlich der Stoff, den der Redner zu behandeln habe, und die Ausschmückung dieses Stoffes sich nicht von einander trennen lassen. (V.) – Wunderbare Uebereinstimmung unter allen Wissenschaften. – Es gibt nur Eine Beredsamkeit, auf welche Gebiete des Vortrages sie auch angewendet werden mag. Alle Arten von Reden haben die nämliche Quelle, sowie auch das nämliche Rüstzeug und den nämlichen Schmuck. Weder der Schmuck der Rede läßt sich finden ohne gut geordnete und deutlich ausgedrückte Gedanken, noch kann irgend ein Gedanke lichtvoll sein ohne das Licht der Worte. (V und VI.)

b) Hierauf legt Crassus seine Ansicht über die Beredsamkeit im Allgemeinen dar. Indem er von der ausgesprochenen Behauptung ausgeht, daß es nur Eine Beredsamkeit gebe, zeigt er, daß sowie die Dinge der Natur und die Künste, so auch die Rede und Sprache mehrere unter einander verschiedene Dinge umfasse, die jedoch eines gleichen Lobes werth geachtet werden. Dieß zeigt sich bei den vorzüglichsten Dichtern und Rednern, die ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Schreibart jeder in seiner Art des größten Lobes würdig sind. Die aufgestellte Behauptung wird durch Beispiele bewiesen (VII – IX, 33.) – Ungeachtet der so großen Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der Redeweisen, die aus der großen Verschiedenheit der Fähigkeiten der Redner hervorgeht, lassen sich doch für die Beredsamkeit allgemein gültige Regeln aufstellen, nur muß der Lehrer der Beredsamkeit besonders darauf achten, wohin einen Jeden seine natürliche Anlage vorzugsweise führt. (IX, 34 – 36.)

B. Jetzt folgt die Lehre selbst von dem Schmucke oder der Schönheit der Rede. Grundregel: Wir müssen ächt Lateinisch, deutlich, geschmückt und dem Gegenstande der Verhandlung angemessen reden. Ueber die Reinheit und Deutlichkeit der Rede Regeln zu ertheilen hält er für überflüssig, da dieß schon in den Schulen gelehrt wird. Er beschränkt sich daher nur auf einige Bemerkungen.

a) Die Sprachrichtigkeit (der ächt Lateinische Ausdruck) α) wird besonders durch das Lesen der Dichter und Redner gefördert. (X.) – β) Man muß gute Worte gebrauchen und bei ihnen den richtigen Gebrauch ihrer grammatischen Formen beobachten; – γ) Auch die Zunge und den Ton der Stimme muß man regeln, um sich eine richtige und feine Aussprache anzueignen. (XI und XII.)

b) Die Deutlichkeit beruht auf Sprachrichtigkeit, auf Anwendung gebräuchlicher und die Sache deutlich bezeichnender Worte, auf Vermeidung zweideutiger Ausdrücke und Reden, ferner darauf, daß man nicht zu lange Perioden bilde, sinnbildliche Darstellungen nicht sehr ausdehne, die Gedanken nicht zerreiße, die Zeiten nicht umkehre, die Personen nicht verwechsele, die Ordnung nicht verwirre. (XIII.)

c) Der Schmuck oder die Schönheit der Rede. Allgemeine Betrachtung: die Schönheit und Angemessenheit der Rede sind die Theile der Beredsamkeit, auf denen ihr ganzer Ruhm beruht. Die Schönheit umfaßt alle Vorzüge der Rede, Deutlichkeit, Fülle, lichtvolle Darstellung der Sachen und Gedanken, rhythmische Bewegung der Rede. Die Angemessenheit der Rede verlangt, daß man den Ton der Rede so zu stimmen weiß, wie es die Würde der Sachen und Personen erheischt. Wer sich diese beiden Eigenschaften aneignen will, der muß das gründlichste Studium anwenden und sich die umfassendsten und gediegensten Kenntnisse über alle Verhältnisse und Beziehungen des menschlichen Lebens zu erwerben suchen. Und diese Kenntnisse müssen zugleich auch mit Rechtschaffenheit und der höchsten Klugheit verbunden werden (XIV), d. h. die Kunst des Denkens und Redens, worin die Weisheit besteht, muß der Redner in sich vereinigen.

Diese Bemerkung veranlaßt den Crassus zu einer Abschweifung, in der er zeigt, daß bei den alten Griechen und Römern beide Künste vereinigt gewesen seien (XV), daß aber Sokrates die in der Wirklichkeit zusammenhängenden Wissenschaften weise zu denken und schön zu reden in seinen Untersuchungen getrennt habe, und daß daraus die ungereimte, schädliche und tadelnswerthe Trennung der Zunge und des Herzens hervorgegangen und eine Trennung der Lehrer der Weisheit und der Lehrer der Beredsamkeit bewirkt worden sei. (XVI.) Aufzählung der Sokratischen Schulen, unter denen sich die Epikureische wegen ihrer Grundsätze am Wenigsten für den Redner eignet (XVII), auch nicht sehr die Stoische wegen ihrer mit dem gewöhnlichen Leben in Widerspruch stehenden Ansichten und wegen ihrer dem Volke ganz unverständlichen Ausdrucksweise, am meisten aber die der Peripatetiker und die der alten und der neuen Akademiker. (XVIII.) Insbesondere muß sich der Redner die dialektische Gewandtheit des Aristoteles und des neuen Akademikers Karneades anzueignen suchen. (XIX.)

Dann kehrt er zu dem schon ausgesprochenen Satze zurück, daß der erst ein wahrer und vollkommener Redner sei, welcher mit der Gewandtheit der philosophischen Dialektik die Uebung der Rednerschule und die Fertigkeit im Reden verbinde. (XXI.) – Einige Worte über des Crassus Studiengang. (XXII.) – Die Wissenschaften und Künste, die der Redner zum Behufe der Beredsamkeit treibt, werden von dem Redner mit weniger Thätigkeit und mit geringerem Zeitaufwande getrieben, als von denen, die dieselben zu ihrem Lebensberufe gemacht haben. Daher ist auch die Erlernung derselben nicht zu schwierig. (XXIII.) Will aber Einer nicht ein gewöhnlicher, sondern ein Redner in höherem Sinne sein, so muß er sich einen großen Vorrath von mannigfaltigen Sachkenntnissen aneignen. (XXIV.)

Jetzt kehrt Crassus zu dem eigentlichen Gegenstande von dem Schmucke der Rede zurück. α) Der Schmuck bezieht sich theils auf die ganze Rede, auf die ganze Färbung der Rede, theils auf einzelne Worte und Gedanken, auf Verzierungen der Rede in einzelnen Worten und Gedanken. – β) Diese einzelnen Glanzpunkte oder Zierate dürfen nicht gleichmäßig über die ganze Rede ausgeschüttet, sondern müssen zweckmäßig und sparsam vertheilt sein, damit nicht Ueberdruß und Ekel erregt werde. (XXV.) Die Rede muß auch schattige Stellen haben, damit die Lichtseiten um so mehr hervortreten. – γ) Die Lieblichkeit des Redners soll herb und kernhaft sein, aber nicht süßlich und kraftlos. – δ) Das höchste Lob der Beredsamkeit besteht in der Vergrößerung der Gegenstände (XXVI), die bei der Beweisführung, bei der Gewinnung der Gemüther und ganz besonders bei der Aufregung der Gemüther angewendet wird. Förderlich für die Vergrößerung sind die Uebungen im Loben und Tadeln, ferner die sogenannten Gemeinplätze (Beweisquellen), von denen ein Theil doppelseitige Erörterungen, in denen über einen allgemeinen Satz für und wider gesprochen wird, enthält. Diese dialektischen Uebungen sind den Peripatetikern und (älteren und neueren) Akademikern eigentümlich. (XXVII.) Von diesen muß der Redner, was er nöthig hat, entlehnen.

Hier macht nun Crassus eine neue Abschweifung über die Eintheilung der Reden nach der Ansicht der Philosophen. Die bürgerliche Rede zerfällt in zwei Arten, von denen die eine sich mit Streitfragen beschäftigt, die nach Zeit und Personen bestimmt sind, die andere unbestimmte Fragen über etwas Allgemeines behandelt. (XXVIII.) Beide Arten beziehen sich entweder auf das Erkennen oder auf das Handeln. Die Erkenntniß zerfällt in drei Arten: Muthmaßung, Erklärung und Folgerung, und jede dieser Arten zerfällt wieder in mehrere Unterarten. (XXIX.) Die auf das Handeln bezüglichen Streitfragen beschäftigen sich entweder mit der Erörterung einer Pflicht oder mit Aufregung und Dämpfung der Leidenschaften. Nach dieser Erörterung erklärt Crassus diejenigen Reden für die schönsten, welche von der besonderen Streitfrage ausgehend sich zu der Entwickelung des Wesens der ganzen Gattung erheben. Um dieß aber zu erreichen, muß man sich die umfassenden und gründlichsten Sachkenntnisse aneignen und daher die Wissenschaften und namentlich die ganze Staatswissenschaft, sowie auch die Philosophie umfassen. Reichtum an Sachen erzeugt Reichtum an Worten, und wenn in den Sachen selbst, von denen man redet, Würde liegt, so entspringt aus der Natur der Sache selbst Glanz und Schönheit in den Worten. (XXX und XXXI.) – Catulus, des Crassus Vortrag bewundernd, bemerkt, daß die früheren Lehrer der Beredsamkeit, die Sophisten, wie Hippias, Prodikus, Thrasymachus, Protagoras, Gorgias, das ganze Gebiet der freien und edelen Wissenschaften und Künste als mit ihrer Wissenschaft in Verbindung stehend umfaßt hätten. (XXXII.) – Auch Crassus führt eine Anzahl von alten Römern an, die als Redner oder Staatsmänner im Besitze der zu ihrer Zeit in Rom bekannten Wissenschaften waren, und klagt die Trägheit seiner Zeit an. (XXXIII.) Darauf beruft er sich auf die sieben Weisen, auf Pisistratus, Perikles, Kritias, Alcibiades, Dion, Timotheus, Epaminondas, Agesilaus, Philolaus: lauter Männer, die die Tüchtigkeit im praktischen Leben mit der Wissenschaft verbanden. (XXXIV.) Alsdann gedenkt er des Aristoteles, der in seinem Unterrichte Sachkenntniß mit Redeübung verband. Zuletzt erklärt er, daß weder die Gelehrsamkeit ohne Redefertigkeit, noch die Redefertigkeit ohne Gelehrsamkeit Lob verdienen; dem kenntnißreichen Redner aber gebühre der Vorrang vor Allem. (XXXV.)

Nach einigen Bemerkungen des Cotta, Cäsar und Sulpicius (XXXVI) kehrt Crassus zu seiner Aufgabe die Schönheit und den Schmuck der Rede abzuhandeln zurück.

A) Die Schönheit und der Schmuck der Rede entspringt entweder aus einzelnen Worten oder aus der Verbindung der Worte.

aa) Die einzelnen Worte sind entweder eigentliche oder übertragene oder neue; diesen fügt er bald darauf noch die ungewöhnlichen hinzu.

aaa) Von den eigentlichen Worten muß man die auserlesenen und lichtvollen anwenden, die niedrigen und verschollenen vermeiden. (XXXVII.)

bbb) Die ungwöhnlichen, meist altertümlichen Worte gewähren, an schickliche Stellen gebracht, der Rede ein würdevolles Ansehen.

ccc) Die neuen Worte sind theils zusammengesetzte theils einfache. (XXXVIII, 152 – 154.)

ddd) Die übertragenen (metaphorischen) Worte. Man gebrauche solche, welche die Sache veranschaulichen oder deutlicher bezeichnen oder Kürze des Ausdruckes bewirken. (XXXVIII, 155 – XXXIX.) – Grund, warum die übertragenen Worte mehr gefallen als die eigentlichen. Man hüte sich aber vor solchen Uebertragungen, in denen keine Aehnlichkeit liegt (XL), sowie auch vor solchen, in welchen die Aehnlichkeit zu weit hergeholt ist, und vor solchen, welche eine widrige Vorstellung hervorrufen können, oder vor solchen, welche die Sache zu stark oder zu schwach oder zu eng ausdrücken. Die Uebertragung ist, wenn sie zu hart erscheinen möchte, durch ein vorgesetztes Wort zu mildern. (XLI, 163 – 165.) – Aus der Metapher geht die Allegorie hervor, die auf der Verbindung mehrerer Worte beruht (XLI, 166); bei dieser muß man sich vor Dunkelheit hüten (XLII, 167). – Hieran schließen sich die Metonymie, die Vertauschung eines Wortes, die Synekdoche (XLII, 168) und die Katachresis (Wortmißbrauch) (XLIII, 169).

bb) Die Verbindung der Worte. Hier kommt es erstens auf die Stellung der Worte, zweitens auf den Rhythmus der Worte an.

α) Die Stellung der Worte besteht darin, daß die Worte sich bequem und glatt zusammenfügen und nicht rauh zusammenstoßen oder auseinander klaffen. (XLIII.)

β) Der Rhythmus der Worte besteht in der nach gewissen Tonverhältnissen abgemessenen Bewegung der Rede. (XLIV.) Die Beobachtung des Rhythmus ist wegen der großen Biegsamkeit und Geschmeidigkeit der Sprache minder schwierig, als es für den ersten Augenblick scheint; zudem zeigt sich, wie in allen Schöpfungen der Natur und der Kunst, so auch in der Rede in Beziehung auf ihre rhythmische Gestaltung die innigste Verbindung der Schönheit mit dem Nutzen und der Nothwendigkeit. (XLV und XLVI.) Der Rhythmus der Rede beruht auf dem Gebrauche gewisser Versfüße, wobei man sich jedoch hüten muß, daß die Rede nicht durch zu häufige Versfüße ein Vers oder versähnlich werde. Angabe der Versfüße, welche sich für den Redner am Besten eignen (XLVII), und Bemerkungen über die Anwendung der Rhythmen (XLVIII und XLIX). Die größte Sorgfalt ist auf den Schluß der Perioden zu verwenden. Selbst der ungebildete Haufe zeigt Sinn und Empfänglichkeit für die Schönheit einer rhythmisch gebildeten Rede (L), da die Rhythmen und die Töne in der innigsten Verwandtschaft mit dem Wesen des menschlichen Geistes stehen. (LI.).

B) Die Schönheit und der Schmuck der ganzen Rede, mag sie der erhabenen oder niedrigen oder mittleren Redeform angehören, hinsichtlich ihrer Gestalt und Färbung beruht darauf, daß natürliche Anmuth sich über das Ganze verbreitet, und die Worte zu wohlgegliederten Perioden, die Gedanken aber zu erhabener Würde der Rede gebraucht werden. (LII.)

C) Endlich dient zur Ausschmückung und Belebung der Rede der Gebrauch der Redefiguren in den Gedanken und in den Wörtern. (LII, 201. – LIV.)

C. Hierauf redet Crassus von der Angemessenheit und Schicklichkeit der Rede. Diese beruht auf sorgfältiger Beachtung der Sache, der Zuhörer, der Personen und der Zeit. Man muß daher die höhere, die niedrige und die mittlere Redeform auf eine dem Wesen des zu behandelnden Gegenstandes angemessene Weise auswählen.

D. Zuletzt trägt Crassus seine Ansicht über den äußeren Vortrag (die Aktion) vor, der in der Beredsamkeit die größte Macht hat. (LVI.) Jede Gemüthsbewegung hat ihre eigenen Mienen, Töne und Gebärden. Die Töne müssen dem Redner, wie die Farben dem Maler, zu Gebote stehen, um die mannigfaltigen Gemüthsbewegungen auszudrücken. (LVII und LVIII.) – Die Gemüthsbewegungen muß das Gebärdenspiel begleiten, das aber nicht ein bühnenmäßiges sein darf, sondern ein kräftiges, von den Waffen oder der Ringschule entlehntes. Hierbei kommen die Hände, das Gesicht und ganz besonders die Augen in Betracht. (LIX.) Das Wichtigste aber in dem äußeren Vortrage ist die Stimme. Für ihre Erhaltung und Ausbildung muß der Redner möglichst Sorge tragen. Die Uebung die Stimme stufenweise aufsteigen und hinabsteigen und so die ganze Tonleiter durchlaufen zu lassen, trägt einerseits zur Erhaltung der Stimme bei, andererseits verleiht sie dem äußeren Vortrage Lieblichkeit. (LX und LXI, 227 und 228.)

III. Schluß. Catulus, dem Crassus für seinen Vortrag seinen Dank aussprechend, beklagt, daß sein Schwiegersohn Hortensius nicht zugegen gewesen ist: worauf Crassus sich in eine Lobeserhebung dieses jungen so hoffnungsvollen Redners ergießt. (LXI, 229 und 230.)

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