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Vom Mars zur Erde

Albert Daiber: Vom Mars zur Erde - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Daiber
titleVom Mars zur Erde
publisherLevy u. Müller
illustratorFritz Bergen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars

Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste erzählt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden. Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender Bewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen, großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die Humanität und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind wie hier auf dem Mars.

Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die jedem einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten, natürlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu suchen und zu finden, zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das Paradies, eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle, diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten. Und sie bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr.

Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren, körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen und Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nähe der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah.

In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf wurde für die Zwecke des Acker- und Gartenbaues wie für den allgemeinen Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen mußte.

Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der »Berg des Schweigens«, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei seiner ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen. Jetzt führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle nördliche Gegend.

Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen ihnen die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt, sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der Horizont. Die große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen Gartenlandes, eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf.

Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone, die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung, kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal – das idealste aller Verkehrsmittel.

Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz der ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen und schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter man nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt.

»Sieh dort,« sagte Zaran zu Fridolin, »den Berg des Schweigens, unser Ziel!«

Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem Gruße sagte er: »Für Unterkunft ist so gut wie möglich gesorgt,« und wies auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige Schritte von der Landungsstelle des Luftschiffes. Die Ankömmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches, luftiges Massenquartier zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit Erforderliche sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden. Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande waren!

Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich. Bei Tagesgrauen sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz am Fuße des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur Talsohle ab. Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mußte es noch sein, die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu solch schwindelnder Höhe hinaufzuschaffen!

»Komm, Freund,« rief da Zaran dem Sinnenden zu, »das Luftschiff ist bereit!«

»Das Luftschiff?« wiederholte Fridolin erstaunt.

»Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe befördern.«

Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher von statten.

Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit ihnen und ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrüßt hatte. Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend grünes Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in die Höhe. Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal das Rauschen eines auf dieser Seite zu Tale plätschernden Baches vernahm das lauschende Ohr. Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der Eindruck, den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder war es der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt?

Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die Höhe des Berges erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten – nun ließ es sich leicht und sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen aus. Da lag neben ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner, mit Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden an, und keine Spur von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Tätigkeit des Berges noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte weiter, da schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln.

Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren Menschen und Maschinen in voller Tätigkeit. Es galt, dem Abfluß des Sees eine neue, schmälere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das Verdunsten seines warmen Wassers möglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der die neue Arbeitskolonne hierhergebracht, aber während der ganzen Fahrt keine Silbe gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut hatte, wies jetzt jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten Linie für die neue Wasserrinne ausgehoben werden sollte. Der Erdensohn, der als ehemaliger Theologe von Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und an körperliche Arbeit nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm stehende große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte ihm der Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und regulierte sich bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante versehene Eimer schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls automatisch, das losgelöste Material hoch und ließen es auf die Ablagerungsflächen gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die Maschine außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen Vorrichtung, teils der geringeren Schwere infolge des verminderten Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn nicht allzu schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.

Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde. Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas Schönes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz außerordentlich dünnen Luft auf solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine höhere Spannung der Blutgefäße ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft, daß sie den Schall nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Männer nahm dem »Berge des Schweigens« seinen Charakter nicht.

Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen zusammenflossen und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der schweigsame Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen.

»Wer ist der seltsame Mann?« hatte der Erdensohn schon am ersten Tage gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte erzählt:

»Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe die wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit unsere Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe, die wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war. Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er so mangelhaft, daß er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder, durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus ihm gemacht. Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf technischem Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und du wirst noch viel Großes von ihm schauen.«

Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes, kluges Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als »zu viel an sich gedacht«. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er »zu viel an sich gedacht«, als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem Lichtentsprossenen zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße messen wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmächtig verlassen hatte.

Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurück.

Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster der Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort wieder auftauchend, in ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in Marsnähe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die Beobachtung ihrer Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die Beleuchtungsverhältnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die größeren Länder zu erkennen. Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der Sonne auch noch nach solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie eigentlich schon untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber.

»Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,« meinte dieser. »Je dichter die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen. Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu ein Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?«

»Nein,« erwiderte Fridolin, »da fällt die Erscheinung ganz weg.«

»Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!«

»Die Erscheinung ist wieder da,« rief Fridolin erfreut, »und zwar in noch höherem Maße als bei der Erde.«

»Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.«

So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und Interessante.

Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert. Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge schaute, waren bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes vorwärts. Die Arbeit drängte, stand doch der lange polare Winter vor der Tür. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten können, wenn die arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengürtel, der kein Eis kannte.

Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem Verdunsten ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich entgegengearbeitet werden. Natürlich war das Wasser infolge seines geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der geringeren Schwere. Charakteristisch für das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil der Südhalbkugel deckt, – das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem Mars, – sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkörpers und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher Höhe empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern.

Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug, waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die Arbeiter bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich früher der Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so kurzer Zeit durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers – doppelt so lang wie ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete – hergestellt worden; aber nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.

Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst leichten Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin, bald dorthin. Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank, leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung, und wenn es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem Rückenwinde fahren konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berühren.

Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war.

Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich die segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die schon verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben.

Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben, mitgemauert und mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine große innere Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn.

Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf dem Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die Gewohnheit verstärkt werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird, auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile seiner Mitmenschen zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch, unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte Richtung zu geben.

So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden, freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral und des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums auf der Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu folgen.

Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola, um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten.

»Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!« Diese Art der Bestattung war auf dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als bester Trost für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich, sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern.

Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. »Den Geschiedenen zur Ehre, den Lebenden zum Vorbild,« das waren die Worte, die in goldenen Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der Marsiten, von allen gesungen, schloß die Feier.

 


 

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