Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Albert Daiber >

Vom Mars zur Erde

Albert Daiber: Vom Mars zur Erde - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Daiber
titleVom Mars zur Erde
publisherLevy u. Müller
illustratorFritz Bergen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20141116
modified20160412
projectid54cdaa9f
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche

Während die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz' Rückkehr den Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen Leitartikeln begrüßten und feierten, saßen die Freunde in Stillers gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem Berichte des Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch die Presse sollte es leider nicht abgehen.

Das seit kurzer Zeit bestehende Organ »Der Volksmund«, das seine Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles, was ihm nicht in den Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen Artikel, der nicht nur gegen Frommherz allein, sondern auch gegen die übrigen kühnen Marsbesucher gerichtet war. »Warum,« so fragte das Organ, »ist dieser Mann zurückgekommen? Entweder hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist selbst gegangen – was wir annehmen wollen – weil eben auf jenem Planeten die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen seine Freunde einst vor Jahren so viel Aufhebens machten. Schon damals war es zu verwundern gewesen, daß die Herren ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen Aussagen nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte. Ihre Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und so mußte man sie eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen annehmen.

Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde niedergestiegen, hat er seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich eine höchst derbe Lektion erteilt und sie durch seine Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein vernünftiger Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das sogenannte Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen, auch nicht freiwillig aus dem Paradiese fortgegangen, noch weniger aber ziehen Männer, die, wie die Weltreisenden, von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt sind, von einem Orte weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland vorstellt. Da steckt anderes dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen,« schloß der Artikel.

Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden. Er würde es gar nicht weiter beachtet haben, da aber der Artikel selbst mit dicken roten Strichen umgeben war, so erregte dies Stillers Interesse. Er überflog den Inhalt kurz und wandte sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu.

»Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung. Das Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient allerdings keine besondere Beachtung, das wäre gewissermaßen eine Ehrung, aber es zeigt doch, auf welchem Tiefstand der Gesinnung sich noch manche Menschen bewegen, die sich anmaßen, legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu sein.«

Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf. »Giftkröten, die man zertreten sollte,« schimpfte er.

»Leichtfertige Menschen dieser Art sind mehr zu bedauern als zu verdammen,« antwortete Stiller.

»Ach was bedauern,« knurrte Piller. »Ausreißen muß man das Unkraut.«

»Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um wirklichen Auswurf des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem Falle aber ist es tatsächlich der Mangel an Einsicht, an wirklicher Bildung, dieser fundamentalen Grundlage der vernünftigen Selbstkritik, der uns hier gegenübertritt, und das ist es, was ich bedaure.«

»Ich stimme dir bei,« sprach Frommherz. »Ein Mensch, der sich seiner Würde als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig denken und handeln. Die Menschen auf die Höhe des wahren Menschentums zu heben, an dieser Arbeit kräftig mitzuwirken, war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.«

»Eine Sisyphusarbeit,« rief Piller.

»Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr schließlich zum Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen, nein, dazu bedarf es der Zeit von Jahrhunderten, aber als Arbeiter im Dienste des Wahren, Guten und Schönen müssen wir schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des Menschheitsideales beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte fort, Fridolin,« bat Stiller.

Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise folgenden Jahre auf dem Mars mit der Bearbeitung des Wörterbuches vorübergegangen seien, wie er im Hause Bentans in Angola gelebt und auch dort einen zarten Liebestraum geträumt habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die Entsagung, der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche ihm zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe er den besten Trost und Wiederaufrichtung gefunden und später Bentans ablehnende Haltung seinem Herzenswünsche gegenüber als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle dienend anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt.

Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde von dieser gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten.

»Großartig, wirklich großartig!« rief Piller, erregt vom Stuhle aufspringend und mit hastigen Schritten das Zimmer messend. »Und denke dir, Fridolin, Stiller hat das von hier aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor wenigen Monaten, am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem selben Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte Kanalsystem auf dem Mars durch das Teleskop.«

»Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?« foppte Brummhuber.

»Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Luder mit dem vortrefflichen Namen einmal beweisen, daß auch ich verzichten kann. Fridolin, fahre fort!«

Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die die gemeinsame Arbeit mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen in den Jahren der Not in seinem Denk- und Empfindungsvermögen nach und nach hervorgebracht, und wie dadurch von ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes Stiller begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der Entschluß in ihm gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und in gleichem Sinne wie Stiller auf der Erde zu wirken. Nach Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle getreten, und in der ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter Bentans Vorsitz habe er sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten auf das günstigste aufgenommen worden sei.

»Es war in demselben Saale des Palastes in Angola, in dem wir sieben einst zum letzten Male zusammen waren,« fuhr Frommherz fort. »Dort befinden sich eure Bilder mit den nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem, ehrendem Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten, besonders aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch die innigsten Grüße und die besten Wünsche für euer Wohlergehen mitgegeben. Und nun hat der Tod drei von uns weggerafft, die ich nicht mehr sehen durfte.

Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male kam unser Fahrzeug in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn; fast wären wir mit einem Meteoriten von gewaltigen Dimensionen zusammengestoßen, und beim Eintritt in die Erdatmosphäre drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das ich je erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der Flug durch den ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick auf Eros und ein Besuch auf dem Monde bot eine Fülle des Interessanten, von dem ich euch einmal eingehend berichten werde. In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die Erde. Von dort nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern abend kamen wir über Stuttgart an, das ich sofort trotz der bedeutenden Höhe, in der unser Luftschiff schwebte, an seiner eigenartigen Lage wiedererkannte. In aller Frühe wurde ich gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem Wasen abgesetzt.«

Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche Erzählung beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine und seiner Gefährten Rückkehr zur Erde vor elf Jahren, den Empfang an den verschiedenen Orten der Welt und schließlich den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem Tode der drei Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr gestorben, nachdem er lange gemütskrank gewesen. Dann sei Thudium ganz plötzlich, unvermittelt eingegangen in das Schattenreich. Ihm sei Dubelmeier gefolgt, der an Arterienverkalkung gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten lasse, sondern behaupte, Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst vorzeitig in die Grube gefahren.

Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet, der in Wort und Schrift für das wahre Menschentum und die natürliche Moral eintrete und den Kampf gegen alles Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge aufgenommen habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die ehemaligen Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden, um alten Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem prächtigen Mars in ungestörter Weise zu leben.

Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied in diesem engsten Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar, aus dem Strome des ihn umfließenden Lebens noch manchen andern edlen Kristall zur Angliederung anziehen werde.

Während Frommherz' und Stillers Berichten waren die Stunden in raschem Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen wollten die Freunde einen kleinen Spaziergang durch den Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von zwei Herren meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel und Adolf Blieder.

»So, so, die sind es, die Pfuscher am ›Weltensegler‹ von ehemals,« bemerkte Piller spöttisch, als er einen raschen Blick auf die Karten geworfen hatte.

»Ich kann sie nicht gut ablehnen,« entgegnete Stiller. »Da ich aber vor euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie mir in eurer Gegenwart sagen, was sie von mir wollen.«

»Wird was Gescheites sein,« brummte Piller. »Doch immerhin, laß sie eintreten.«

Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem Wohlleben, körperlich sehr gewichtige Männer geworden waren, betraten das Zimmer und begrüßten Stiller freundlich.

»Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies hier ist Herr Frommherz, der gestern vom Mars zurückkam und auf dem Wasen landete,« stellte Stiller vor.

»Seinetwegen kommen wir ja zu dir,« trompetete Schnabel, sich vor Frommherz verneigend, so gut es eben seine Körperfülle zuließ.

»Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr vor,« bat Stiller. Die Herren folgten der Einladung.

»Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand der Kommission für das Denkmal gewählt wurden, das dir und deinen berühmten Herren Begleitern auf deiner Marsreise zu Ehren gesetzt wurde.«

»Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und Freunden und nicht auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen Marsreise, mein lieber Blieder,« korrigierte Stiller.

»Nun ja, also . . . hm, was wollte ich gleich sagen?«

»Das kann ich doch nicht wissen,« antwortete Stiller lächelnd.

»Von dem Denkmal,« kam Schnabel dem Verlegenen zu Hilfe.

»Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr des Herrn Frommherz wegen rechte Sorgen.«

»Wieso?« fragte Stiller erstaunt.

»Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine kostspielige Sache.«

»Eine Änderung?«

»Ja,« nahm jetzt Schnabel das Wort, »diese völlig unerwartete Rückkehr des Herrn Frommherz stellt uns vor eine schwierige Entscheidung.«

»Deshalb kommt ihr zu mir, nicht wahr?«

»Ja!«

»Wo liegt denn diese Schwierigkeit?« forschte Piller.

»In der Inschrift der vierten Seite,« gestand Herr Blieder.

»Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,« erwiderte Piller nicht ohne Hohn.

»Gewiß,« antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht bemerkend. »Es handelt sich möglicherweise um eine Abtragung des ganzen Denkmals, denn die einmal eingehauenen Worte lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach, wie Sie vielleicht glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein verändertes und unschönes Aussehen zu geben.«

»Was wissen denn Sie, was ich deshalb glaube?« entgegnete Piller grob.

»An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees,« fuhr Herr Schnabel fort, »ist seit gestern die Aufgabe herangetreten, umgehend einen Vorschlag dem Stadtrat einzureichen zwecks Änderung, und da befürchten wir recht lebhafte und unangenehme Debatten.«

»Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?« meinte Stiller lächelnd.

»Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg aus der Sache.«

»Eine verzweifelt dumme Geschichte,« spottete Piller.

»Nicht wahr?« klagte Herr Blieder in aufrichtiger Verlegenheit.

»Das will ich meinen,« bestätigte Piller ernsten Tones.

Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch traurigen Gesichter der beiden Besucher unwillkürlich lächeln. Stiller selbst schien in Gedanken verloren.

»So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf der es sich um Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln: Nach 14½jähriger Abwesenheit am 5. Mai . . . wieder vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht gehen?«

»Das Ei des Columbus,« rief Herr Schnabel voll Freude. »Du hast es getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die Lösung, so daß es mir jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint, nicht von selbst darauf gekommen zu sein.«

»Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten Kopfzerbrechen verursacht,« erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen Schulgenossen mit überlegenem Lächeln betrachtend. »Wir haben dies ebenfalls bei der Konstruktion des ›Weltenseglers‹ vor fünfzehn Jahren erlebt, nicht wahr?«

»Gewiß, gewiß,« beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen.

»Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet, dank Columbus Stiller,« rief Piller.

Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten etwas verdutzt auf Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten mit seinen scharfen Augen und dem spöttischen Lächeln um die Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten sie sich mit Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen.

»Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten anderer leben,« äußerte sich Brummhuber, als die beiden das Zimmer verlassen hatten.

»Du hast recht,« bestätigte Piller. »Mir sind Leute, die sich immer mit den Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde der Seele zuwider.«

»Harmlose Strohköpfe,« suchte sie Stiller zu entschuldigen.

»Nur bedingt harmlos, lieber Stiller,« entgegnete Piller. »Die Dummheit paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von letzterer sind Schnabel und Blieder nicht gänzlich frei.«

»Verlassen wir das Thema!« bat Stiller. »Es lohnt sich wirklich nicht, darüber weiter zu sprechen; denn die beiden sind tatsächlich zu unbedeutend für uns.«

Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen wollten und soeben aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes Autoelektrik vor. Ihm entstieg der Graf von Neckartal.

»Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,« rief er heiter. »Ich sauste hier herauf, um unsern berühmten, der Heimat wiedergeschenkten Professor Frommherz zu begrüßen. Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum Willkomm drücken. Dem goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,« erklärte der Graf, Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren ins Haus eintretend.

»Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen die in Extremen sich bewegende Erde je wieder eintauschen würden!« fuhr Herr von Neckartal fort, als sich die Herren gesetzt hatten. »Wie eine Bombe schlug gestern die Nachricht ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter hätten Sie sehen sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender sei wieder auf schwäbischem Boden erschienen. Einfach zum Heulen vor Vergnügen! Frommherz, ich will gewiß kein Unkraut säen, aber mancher wünschte Sie im ersten Augenblicke wieder dahin zurück, woher Sie kamen.«

»Kenn' ich doch meine lieben Deutschen und kann's mir also in etwas vorstellen,« warf Piller lachend ein. »Unser Freund kam eben gegen alle Regeln der Gesellschaft unangemeldet zurück, ohne vorherige Erlaubnis.«

»Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde man schließlich noch hingenommen haben, aber das blitzschnelle Verschwinden Ihres Luftschiffes von hier wurde zuerst als eine grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden. Einige Tage wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten Stuttgartern schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit den Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttäuschung, diese merkwürdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war groß.«

»Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,« bemerkte Stiller. »Ich habe doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt, daß die Bewohner des Mars gewichtige Gründe hätten, den Verkehr mit uns abzulehnen.«

»Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen. Viel dazu trug bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz mit der Polizei bekannt wurde.«

»So etwas kann vorkommen,« entschuldigte Frommherz.

»Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich. Aber jetzt komme ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber Frommherz,« fuhr der Graf fort. »Halten Sie sich nicht fern von uns, sondern schenken Sie uns die Ehre Ihres baldigen Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das, was Sie uns sagen wollen, und möchten von Ihnen schon heute abend, falls Sie nicht zu müde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen. Ich wurde gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt. Sie darum zu bitten.«

»Ich werde Ihrem Wunsche in bescheidenem Umfange zu entsprechen suchen,« antwortete Frommherz. »Wann soll ich erscheinen?«

»Um acht Uhr in der Liederhalle.«

»Gut! Ihr kommt doch mit mir, meine Freunde?«

»Selbstverständlich,« knurrte Piller, ehrlich zornig über die seinem Freunde gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung.

»Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen und besten Dank für Ihr Entsprechen!« Damit verabschiedete sich der Graf von Neckartal.

»Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit dem es wahrlich keine Eile gehabt hätte,« polterte Piller, als der Graf gegangen war.

»Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,« erwiderte Frommherz lächelnd. »Ihr habt ja durch eure Publikationen über den Mars und seine Bewohner, wie ihr mir gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen gegeben. Somit bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären übrig.«

»Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann ich dir mit entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen. Auch mein Diener Hans, ein ehemaliger Haarkünstler, wird dir deine Marsitenmähne nach augenblicklicher Erdenmode um- und zustutzen,« sprach Stiller. »Und nun laßt uns noch ein wenig den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur streifen!«

Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten die festlich bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal führte Herrn Frommherz in den großen Saal, der bis auf den letzten Platz von Stuttgarts bestem Publikum besetzt war. Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen empfing Frommherz, als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde Platz genommen.

Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß mit einer scharfen Verurteilung des heutigen, im »Volksmund« erschienenen Artikels. Nun erhielt Frommherz das Wort.

»Verehrte Anwesende!« hub er mit seiner klangvollen Stimme zu sprechen an. »Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen Dank für den Willkomm, den Sie mir geboten. Daß mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn Jahren gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist nach dem, was Sie von jenem Planeten durch meine Freunde gehört haben, nur zu leicht begreiflich. Es werden Sie daher die Gründe besonders interessieren, die mich zur Rückkehr in die alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei etwas weiter ausholen.

Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik an der Universität in Tübingen, als ich diese Professur aufgab, um mit meinen Gefährten und treuen Freunden die gewagte Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu unternehmen. Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in ethisch-religiöser Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert unserer Kultur wie auch an die der führenden Nationen der Mutter Erde in starkes Wanken gebracht. Was sah ich in dieser Richtung überall hier unten? Eine Ablösung des Menschen von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein künstliches Dasein mit Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen Abhängigkeitsverhältnissen und einer dadurch bedingten untergehenden individuellen Selbständigkeit.

Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der Kraft und des Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge wurde es mehr und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln.

Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit für die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper und Geist der Menschen gleich verderblich schädigten. Das Ich war der Götze, dem auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es wahrscheinlich auch noch heute ist.

Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war unsagbar glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rückkehr, und so ließ ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren Willen, zurück.

Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip des naturgemäßen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine gesunde, frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten Menschlichkeit, die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt. Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt, sich geistig und körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine Zeit, allzuviel an sich selbst zu denken, sein eigenes Ich in den Vordergrund zu stellen, einem Subjektivismus zu frönen, der hier unten eine so große und verderbliche Rolle spielt.

Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt von der Rücksicht auf das Wohl aller, schafft bei den Marsiten als natürliche Folge jenes wunderbare Gleichgewicht des Innern, das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem Mars bestehenden Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende und Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich kräftig und gesund an Körper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidarität die Haupttriebkraft seines ganzen Handelns bildet.

Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist, habe ich oben auf dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie war es, die mich aufrüttelte, die mir meinen den Freunden gegenüber begangenen Fehler des eigenmächtigen, egoistischen Zurückbleibens zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den Wunsch reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich frage danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir oben lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens, der Nächstenliebe.

Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten. Der Menschheit das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral auf diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden, dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums am Herzen liegt.

So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den Rest meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen.« Mit leichter Neigung des Kopfes gegen die Zuhörer verließ Frommherz das Podium.

Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die Versammelten außerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche Größe des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkürlich achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet hatte, so fühlte er sich für den Ausfall durch das, was Frommherz gesprochen, nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig merkwürdig bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden, die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen.

 


 

 << Kapitel 12 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.