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Vom Mars zur Erde

Albert Daiber: Vom Mars zur Erde - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Daiber
titleVom Mars zur Erde
publisherLevy u. Müller
illustratorFritz Bergen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde

Ein Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von Blüten die Bäume und Sträucher auf den Wiesen und in den Gärten des gesegneten Neckartales. Mai war es geworden. Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll Milde und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Rötung des östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges Nahen. Die Distelfinken begannen bereits ihre ungestümen Triller zu schmettern; die Amseln sangen da und dort auf der Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied; die Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit einander zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges Rauschen in der Luft die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in ihrem lauten Tun und Treiben plötzlich innehalten und erschreckt die Flucht ergreifen ließ.

Mit großer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein eigenartig gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Größe hier noch niemals vorher gesehen worden war. Ohne auch nur die geringsten Schwankungen zu zeigen oder sich zu überstürzen, erfolgte der fallartige Abstieg des Flugschiffes mitten auf dem großen Platz des Cannstatter Wasens. Es mußte meisterhaft gesteuert werden; denn mit einem Ruck hielt das gewaltige Fahrzeug, auf dem Boden angekommen, still, ohne irgendwelche Befestigung durch Taue oder Anker. Die Gondel lag direkt auf dem Boden.

Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertürkheim und von Cannstatt aus, war die verblüffend sichere Landung des eigentümlichen Luftschiffes bemerkt worden. Man sah auch ferner, daß der Gondel ein Mann in sonderbarer Kleidung entstieg. Kaum hatte der Angekommene die Gondel verlassen, als das Fahrzeug sich wieder hob und mit einer staunenerregenden Schnelligkeit im Luftmeere verschwand. Dies alles war das Werk von wenigen Augenblicken.

Der Mann, der hier gelandet worden, war stehen geblieben und schaute dem sich entfernenden Flugschiffe nach, solange es noch gesehen werden konnte. Dann erst wandte er sich um und betrachtete, langsam vorwärtsschreitend, die Gegend. Sie schien ihm bekannt zu sein, denn er lenkte seine Schritte gegen Cannstatt zu. Da fiel sein Blick auf einen mächtigen Obelisken, der sich auf der linken Seite seines Weges erhob und von einem hohen Eisengitter umgeben war.

Professor Fridolin Frommherz, denn das war der der Gondel entstiegene Fremdling, schritt, neugierig geworden durch das imposante Denkmal, auf den Gedenkstein zu. Überrascht und freudig berührt blieb er vor dem Obelisken stehen. Auf der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die eingemeißelten und vergoldeten Worte:

ZU EWIGEM RUHM UND ANDENKEN
AN DIE UNVERGLEICHLICH KÜHNE
IN IHREM ERFOLG EINZIG DASTEHENDE
FAHRT SCHWÄBISCHER SÖHNE DURCH DEN WELTRAUM.
DAS DANKBARE VATERLAND.

Auf der zweiten Seite war zu lesen:

VON DIESEM PLATZE HIER FUHREN
DIE WELTENSEGLER NACH DEM FERNEN
PLANETEN MARS AB 7. XII. 19...
IHRE NAMEN LAUTEN:
S. STILLER, P.PILLER,
D. DUBBELMEIER, H. HAEMMERLE,
B. BRUMMHUBER, T. THUDIUM,
FR. FROMMHERZ

Die dritte Seite trug die Mitteilung:

NACH NAHEZU DREIJÄHRIGER ABWESENHEIT
UND ZWEIJÄHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM MARS
KEHRTEN SECHS DER KÜHNEN WELTENSEGLER
GLÜCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT ZURÜCK.
OKTOBER 19...

Und hier auf der vierten Seite, da wahrhaftig, da war ja von ihm selbst die Rede. Frommherz las:

ZUR ERDE NICHT MEHR ZURÜCKGEKEHRT,
FÜR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN
DER SIEBENTE TEILNEHMER DER WELTENFAHRT
FRIDOLIN FROMMHERZ.

»Der erste Gruß der Heimat und wahrlich kein übler,« sprach Herr Frommherz vor sich hin, als er den Obelisken sattsam von allen Seiten betrachtet hatte.

»Wie froh bin ich, gleich bei meinem Betreten des heimatlichen Bodens vernehmen zu dürfen, daß meine Gefährten glücklich wieder heimgekehrt sind. Ich fasse dies als ein gutes Vorzeichen auf.«

Ohne daß Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine Anzahl Neugieriger um ihn versammelt, die den Mann mit den langen, wirren Haaren und dem großen ungepflegten Bart und seine auffallende und sonderbare Kleidung voll Staunen betrachteten. Woher der wohl gekommen sein mochte? Keiner wagte dem sichtbar Verwahrlosten näher zu treten und ihn direkt zu fragen. Ein unbestimmtes Gefühl respektvoller Scheu hielt die Leute zurück.

In ruhiger Würde und edler Haltung, die auf die sich mehrenden Neugierigen ihren Eindruck nicht verfehlte, wandte sich Frommherz von dem Denkmal weg und schritt weiter Cannstatt zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem Maße anschwoll, als die Stadt näher kam. Schutzmann Dietrich begann eben gegen den Wasen zu die erste Morgenrunde zu machen. Nach neuer Abwechslung in seinem Berufe lüstern und in jedem ihm nicht näher bekannten menschlichen Individuum wenigstens einen halben Gauner witternd, stürzte er sich, mit nur schwer unterdrücktem Freudenschrei, auf den ahnungslos daherschreitenden Frommherz.

»Halt, Mann!« gebot er, den Fremdling von oben bis unten mit finstern Blicken musternd, eine Prüfung, die sehr zu Ungunsten des Wandersmannes auszufallen schien, trotz oder gerade wegen der auffallend schönen Gepäcktasche, die der Fremde bei sich trug, und die zu seinem saloppen Äußern durchaus nicht passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdüsterte sich in drohendster Weise.

»Woher des Wegs?« fragte er kurz und grob.

»Von da oben!« Mit diesen Worten wies Frommherz gen Himmel.

Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkürlich der Blick des Schutzmannes. »Machen Sie keinen Unsinn! Ich verbitte mir das!« schrie er. »Also nochmals, woher kommen Sie?«

»Von jenseits des Erdenkreises,« antwortete Frommherz lächelnd.

Diese Antwort ging über Schutzmann Dietrichs schwaches Begriffsvermögen.

»Der Mann hier ist mit einem Luftschiffe gekommen. Ich sah es von weitem,« mischte sich jetzt einer der neugierigen und freiwilligen Begleiter des Gelehrten in das Verhör.

»So, so, ist das also ein solcher Reisender?« erwiderte der Schutzmann etwas gedehnt. »Ja, jetzt fahren sie öfters über die Grenzen weg in unser Land hinein und stellen allerlei Unfug an.« Wieder traf Frommherz ein finsterer Blick unverhohlenen Mißtrauens.

»Wer sind Sie?« inquirierte der Schutzmann weiter.

»Ein engerer Landsmann, ein Schwabe wie Sie!«

»Das glaub' ich nicht. Sie sehen gar nicht so aus. Wo sind Ihre Ausweispapiere?«

»Ich führe keine bei mir.«

»Das genügt! Also schriftenlos und herumvagabundierend. Sie kommen mit mir zur Polizei,« entschied der Vertreter der heiligen Hermandad.

»Die Sache wird sich bald klären,« erwiderte Frommherz und folgte seinem grimmigen Führer. Die Geschichte fing an, ihm Spaß zu machen, war sie doch so recht heimatlich.

Herr Polizeikommissarius Gustav Grobschmiedle, zu dessen Abteilung Schutzmann Dietrich gehörte, war nicht wenig überrascht, als die Tür seines Amtszimmers aufging und über dessen Schwelle ein höchst merkwürdig gekleideter Mann trat, hinter ihm der Polizist mit schlauem Lächeln.

»Ein richtiger Vagabund im Fastnachtsanzug,« brummte Herr Grobschmiedle vor sich hin, als er den sonderbaren Fremden von der Seite mit stolzer, verächtlicher Amtsmiene gestreift hatte.

»Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissär, daß ich diesen Mann hier, weil schriftenlos und in unpassendem Aufzug sich am frühesten Morgen auf dem Wasen herumtreibend, als verdächtig aufgegriffen habe.«

Während der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte, legte Frommherz in aller Seelenruhe sein elegantes Bündel auf die Bank an der Wand. Der Kommissär und der Schutzmann hatten sein Tun scharf beobachtet. Ihre Blicke begegneten sich. »Diese kostbare Tasche muß der Kerl irgendwo gestohlen haben,« drückte die Augensprache der beiden deutlich aus.

Der Eingelieferte wandte sich nun nach dem Beamten um. In seinen klaren, blauen Augen lag ein so hoher, zur Achtung zwingender Ausdruck, daß der Kommissär unwillkürlich etwas höflicher, als es sonst seine Gepflogenheit war, das Verhör begann.

»Ihr Name?«

»Fridolin Frommherz.«

»Geboren?«

»26. September 19..«

»Wo?«

»In Cannstatt.«

»Beruf?«

»Früher Professor an der Landesuniversität in Tübingen.«

»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der Wahrheit entsprechende Angaben zu machen.«

»Für mich ganz selbstverständlich!«

»Letzter Aufenthaltsort?«

»Lumata.«

»Lu-Lu-Lu-ma-mata?«

»Lumáta! Das a scharf gesprochen,« korrigierte Frommherz.

»Kenn' ich nicht. Wo liegt denn der Flecken?«

»Auf dem Mars.«

»Mars? Was ist denn das für ein Land?«

»Das ist ein Planet, ähnlich unserer Erde, nur einige Millionen Kilometer von ihr entfernt.«

»Herr, Sie wollen mich scheint's nur zum besten haben?« brauste Herr Grobschmiedle auf.

»Durchaus nicht, mein Lieber.«

»Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich?« brüllte der Kommissär.

»Gewiß! Ich habe ja noch glücklicherweise ein gutes Gehör.«

»Der Mann soll mit einem Luftschiffe gekommen sein,« warf Schutzmann Dietrich ein.

»Sie hab' ich nicht danach gefragt,« schnaubte Herr Grobschmiedle seinen Untergebenen an.

»Es ist so, wie der Mann sagt,« bestätigte Frommherz.

»Und Sie haben nur zu antworten, wenn ich Sie frage,« schrie der Kommissär zornig. »Sie stehen hier vor einem Vertreter der Staatsgewalt und haben sich dementsprechend zu benehmen.«

Über das Gesicht Frommherz' huschte ein spöttisches Lächeln.

»Warum lachen Sie?«

»Nur über die Art meines ersten Empfanges in der teuren Heimat nach mehr als vierzehnjähriger Abwesenheit.«

»Sie haben keine Ausweispapiere bei sich?« fuhr der Beamte fort, ohne die Bemerkung Frommherz' zu beachten.

»Nein, ich sagte dies bereits dem Schutzmann.«

»Das ist sehr verdächtig. Zu ihrem anstößigen Aufzug paßt überdies die Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und ... hm ... und Ihre übrigen Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht.«

»Das verüble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser Glaube Ihre Privatsache ist,« erwiderte der Gelehrte.

»So geben Sie also zu, unwahre Angaben gemacht zu haben?«

Aber der Kommissär hatte kaum diese verletzenden Worte gesprochen, als sich Frommherz in voller Größe stolz aufrichtete.

»Mein Herr!« redete er den Kommissär an. »Sie mögen meine Angaben in Zweifel ziehen, das ist, wie ich sagte, Ihre persönliche Angelegenheit. Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben zunächst ruhig und sachlich auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Das muß ich auf das entschiedenste verlangen. Es ist ein Akt selbstverständlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die Art, wie ich hier nach meiner Rückkehr von einem fernen Weltkörper empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spaß. Es ist höchste Zeit, ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die Güte, sofort nach Tübingen an Herrn Professor Stiller zu depeschieren. Dieser Herr wird nicht nur umgehend die Angaben über meine Person als völlig richtig bestätigen, sondern auch jede gewünschte Bürgschaft Ihnen gegenüber leisten, damit ich aus dieser geradezu unwürdigen Behandlung tunlichst schnell befreit werden kann.«

Staunend hatte der Kommissär dieser Rede gelauscht. So wie dieser Mann da hatte noch niemals vorher ein Eingelieferter mit ihm zu sprechen gewagt. Sein sonst so stark ausgeprägter Beamtendünkel hatte zum ersten Male eine kräftige Erschütterung erfahren. Verlegen kratzte sich Grobschmiedle hinter dem Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wäre? Der Kommissär erinnerte sich plötzlich, daß ihm schon mancher gewandte und wohlgekleidete Gauner aus den Fingern geschlüpft war, und daß er sich umgekehrt schon an manchem Unschuldigen vergangen hatte, nur weil er verschüchtert war und äußerlich einen weniger günstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene Klagen waren hin und wieder gegen seinen Übereifer laut geworden und hatten ihm derbe Nasenstüber und Warnungen von seiten seiner Vorgesetzten eingetragen.

Der augenblickliche Fall war verzwickt und mahnte zur Vorsicht. So viel stand fest. Aber das Mißtrauen war nun einmal in ihm rege. Fortlassen konnte und durfte er doch nicht ohne weiteres einen Menschen, der nicht einmal das geringste glaubwürdige Ausweispapier mit sich führte.

»Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenüber kraft des Gesetzes berechtigt,« erklärte er endlich nach längerer Überlegung.

»Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewiß nicht, meinem Wunsche zu entsprechen und sogleich Erkundigungen über mich einzuziehen,« entgegnete Frommherz bestimmten Tones.

»Hm, hm, nein, das allerdings nicht. Wer zahlt aber die Depesche?«

»Natürlich ich!« Frommherz schloß seine Tasche auf, entnahm ihr eine alte seidene Börse, in der er noch einige Dutzend deutscher Goldstücke aufbewahrt hatte.

»So setzen Sie selbst die Depesche auf,« antwortete Grobschmiedle auffallend milder gestimmt, als er die gut gefüllte Börse des Fremden erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular mit Feder und Tinte zu.

Frommherz warf mit kräftigen Zügen folgende Depesche auf das Papier: »Professor Dr. Stiller, Universität Tübingen. Heute früh vom Mars hier gelandet, wurde ich von Cannstatts Polizei in Verwahr genommen, weil keinen befriedigenden Ausweis über meine Person in Marsitenkostüm besitzend. Befreie mich sofort aus der komisch-kritischen Lage, in die ich geraten.

Herzlichen Freundes- und Brudergruß

Fridolin Frommherz.«

»Besorgen Sie die Depesche, Dietrich,« befahl der Kommissär.

»Ich habe noch eine kleine Bitte!«

»Was soll's sein?« brummte der Beamte.

»Würden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst einigen Brötchen gestatten?«

»Warum nicht,« entgegnete der Kommissär, der inzwischen die Depesche gelesen und durch ihren Inhalt sich mehr und mehr aus der Rolle des Anklägers und Beschuldigers in die des unbewußt Schuldigen fallen fühlte.

Das Telegramm war aufgegeben. Frommherz hatte mit Behagen sein erstes frugales Frühstück auf Erden wieder im Amtszimmer des Polizeigewaltigen verzehrt und machte nun in seinem Tagebuche die letzten Notizen. So waren gegen zwei Stunden ruhig verflossen, als in sausender Geschwindigkeit ein Autoelektrik in Cannstatts Mauern einfuhr und vor dem Polizeikommissariat hielt. Dem Wagen entstiegen drei Herren. Die Türe des Amtszimmers wurde hastig aufgerissen, und herein stürzte als erster Piller.

»Ha, er ist's, er ist's tatsächlich! Ich kenn' ihn an der Narbe auf seiner Stirn. Her an meine Brust, Fridolin, Freund und Bruder!« schrie Piller voll freudiger Aufregung und umarmte den von seinem Sitze Aufgestandenen.

Auch Stiller und Brummhuber begrüßten den so unerwartet wiedergekehrten Freund auf das innigste. In Piller aber kochte es wie in einem Vulkane über den seinem Freunde angetanen Schimpf.

»So, also da herein in dieses übelriechende Wachtlokal haben sie dich geschleppt, nachdem du kaum den Boden des teuren Schwabenlandes betreten?« wetterte er. »O heilige Einfalt, dreimal gebenedeite Dummheit!«

»Der Herr hatte keine Ausweispapiere,« suchte sich der Kommissär zu entschuldigen. »Auch der ganze Aufzug war uns verdächtig, kurz . . .« aber Piller ließ Herrn Grobschmiedle nicht ausreden.

»Mensch, ihre pyramidale Dummheit hat Sie heute zu einem weltberühmten Mann gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit gesichert. Hier steht der Gelehrte, der nach vierzehnjährigem Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde zurückkehrte, und den zuerst zu empfangen und zu begrüßen Sie die hohe Ehre hatten. Und wie würdig haben Sie sich dieser Ehre gezeigt!« brüllte Piller heraus und wand sich förmlich vor Lachen. »So etwas an Tollheit kann wahrlich nur bei uns vorkommen! Ein Schwabenstreich, wie er im Buche steht!«

»Laß gut sein,« bat Frommherz den Aufgeregten. »Der Mann tat ja nur seine Pflicht. Jetzt ist ja alles wieder gut. Das einzig Richtige ist, wir lachen über die Sache.«

»Fridolin hat recht. Freuen wir uns, daß er wieder bei uns ist, und verzeihen wir den Mißgriff des Beamten,« riet Stiller.

Der Kommissär, der schon die Dienstentlassung vor Augen sah, atmete erleichtert auf, als er diese Worte hörte. Und als Frommherz auf ihn zutrat und ihm mit freundlichem Zuspruche die Hand zum Abschiede reichte, da schimmerte es feucht aus den Augen des Gefühlsregungen sonst wenig zugänglichen Polizeibeamten.

»Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal!« drängte Piller.

»Ich habe das dringende Bedürfnis nach einem Bade,« erklärte Frommherz.

»Sollst es haben! Währenddessen bestellen wir ein ordentliches Essen und besorgen dir hier einen modernen irdischen Anzug; denn im Marsitenkostüm, an dem die Spuren deiner Reise kleben, kannst du nicht unbelästigt unter Erdenmenschen wandeln,« bemerkte Piller.

»Habe es bereits erfahren,« entgegnete Frommherz lächelnd.

Dann stiegen die Herren in das Auto, und hinaus ging es an Cannstatts schönsten Ort.

Mit Blitzesschnelle hatte sich inzwischen von der Vorstadt Cannstatt aus in ganz Stuttgart das Gerücht verbreitet, der siebente und letzte der Gelehrten, der einst auf dem Mars zurückgeblieben, sei heute in aller Frühe von dort wieder zurückgekehrt und auf dem Wasen aus einem Fahrzeuge gestiegen, wie es in dieser Form und Größe bisher hier noch nicht erblickt worden sei. Nach der Landung habe sich das Luftschiff schleunigst wieder entfernt. Anfänglich wollte man die Nachricht nicht glauben. Aber als es hieß, der Zurückgekehrte sei von der Polizei einige Stunden hindurch zurückgehalten worden, wurden von vielen Seiten Anfragen an das Kommissariat gerichtet, das das Gerücht als vollkommen wahr bestätigte. Auch das Erscheinen der drei berühmten Weltensegler und allgemein gekannten Tübinger Professoren auf dem Polizeiamte in Cannstatt hatte begreifliches Aufsehen erregt, das um so größer wurde, als kurz darauf mit den drei gelehrten Herren zusammen eine vierte Persönlichkeit im Kostüm eines alten Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar das Kommissariat verließ und gegen den Kursaal zu abfuhr. Nun war es vollkommen klar, daß diese vierte Persönlichkeit niemand anders als Professor Frommherz sein könne.

Als die vier Freunde sich soeben am einladend gedeckten Tische im Kursaal niedergelassen und ihrer Freude über die endliche Wiedervereinigung von neuem Ausdruck verliehen halten, erschien der Oberbürgermeister von Stuttgart Dr. Graus mit dem Bürgerausschuß-Obmann Dr. Herlanger, um Professor Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begrüßen und zugleich sein Bedauern über den Übereifer der Polizei auszusprechen.

»Hätten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rückkehr gehabt, wir würden Sie in gleich ehrender offizieller Weise bei uns willkommen geheißen haben wie seiner Zeit Ihre Freunde,« sprach der Stadtgewaltige.

»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete Frommherz, »aber es entspricht mehr meinem innern Empfinden, einfach und still, ohne öffentliche Feier und Begrüßung zur Heimat zurückgekommen zu sein. Im übrigen wäre es mir schlechterdings auch nicht möglich gewesen, Ihnen vorher meine Ankunft anzuzeigen.«

»Er hätte eben außerhalb Deutschlands landen müssen wie wir, dann wäre es gegangen,« schmunzelte Piller vergnügt. »Nehmen Sie an unserm Tische Platz, Herr Oberbürgermeister, und feiern Sie mit uns zusammen des Freundes unverhoffte Rückkehr.«

Doch der Oberbürgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich.

»Herr Ober,« rief Piller, »bitte, kommen Sie einmal hierher.« Der Oberkellner gehorchte. »Lassen Sie niemand, wer es auch sei, in unser Zimmer herein. Wir wollen ungestört für uns sein.«

»Ich verstehe,« erwiderte der Befrackte dienstbeflissen.

»Gut gemacht!« lobte Brummhuber. »Wir könnten sonst kein Wort mehr ruhig miteinander sprechen.«

»Und nachher fahren wir zu mir in mein Heim auf den Bopser. Das soll nun auch einstweilen das deine sein, Fridolin. Von Tübingen lassen wir uns für die nächsten Tage Dispens erteilen,« schlug Stiller vor. Die Freunde waren damit einverstanden.

»Den ersten Gruß der Heimat brachte mir gewissermaßen der Obelisk,« erzählte Frommherz. »In seiner Nähe landete unser Luftschiff, und so erfuhr ich durch seine Inschrift, daß ihr alle einst glücklich und wohlbehalten wieder zurückgekommen seid, was mich außerordentlich gefreut hat. Was machen Lämmerle, Thudium und Dubelmeier?«

»Sind leider inzwischen gestorben,« antwortete Brummhuber.

»Wie sehr bedaure ich diese traurige Kunde!«

»Wir werden dir gelegentlich das Nähere darüber erzählen. In dieser Stunde des Wiedersehens wollen wir alles Traurige von uns fernhalten,« bemerkte Stiller.

»Stiller hat recht! Sage mir aber zunächst, Fridolin, bist du absichtlich oder unabsichtlich auf dem Wasen niedergegangen?« fragte Piller.

»Mit vollster Absicht, schon des großen Platzes wegen, auf dem das gewaltige, für ununterbrochene Hin- und Rückfahrt eingerichtete Fahrzeug mit aller Sicherheit landen konnte.«

»Das ist ein Grund, der gelten kann. Wieviel Marsiten begleiteten dich?«

»Fünf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Männer, darunter auch Zaran, Erans Neffe.«

»Einige Stunden oder Tage hätten sich deine Begleiter ohne Schaden auf der Erde und in unserm Schwabenlande aufhalten können. Daß sie uns keiner weiteren Beachtung würdigten und sofort wieder dahin den Kurs lenkten, woher sie gekommen waren, das hätte kein Sterblicher unseres Planeten fertig gebracht. Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch große Nichtachtung liegt auch in diesem hastigen, einer Flucht gleichkommenden Verschwinden!« urteilte Piller.

»Sie wollten mit der Erde nichts zu tun haben, nicht einmal berührt, gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens,« entschuldigte Frommherz seine Begleiter.

»Kein Kompliment für uns,« lachte Brummhuber.

»Sicherlich nicht. Aber sie handelten korrekt, folgerichtig,« antwortete Frommherz.

»Und taten ungefähr dasselbe, was du vorhin selbst getan hast, Piller,« fügte Stiller hinzu.

»Ich? Wieso?« fragte Piller erstaunt.

»Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbürgermeister von Stuttgart hier gewesen, jeden weitern Besuch und Verkehr von außen her und wolltest dadurch unsere geschlossene Gesellschaft vor aller Profanierung schützen. Just so machten es aber auch die Marsiten,« erwiderte Stiller.

Die Herren lachten.

»Stiller ist immer noch derselbe,« erklärte Piller seinem Freunde Frommherz. »Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.«

»Wie lange warst du unterwegs?« forschte Brummhuber.

»Genau nach Erdenmaß gemessen drei Monate.«

»Nur?«

»Lange genug, trotzalledem.«

»Gewiß! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen, die wir bei unserem Fluge durch den Weltenraum einst durchgemacht, werde ich niemals vergessen, und würde ich so alt wie Methusalem,« gestand Brummhuber offen.

»Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas verspätete Frage, nicht?« fragte Stiller herzlichen Tones.

»Verhältnismäßig erträglich. Doch gab es auch allerlei Gefahren zu bestehen, und ich glaube, daß meine Marsiten bei aller Kühnheit, Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen, froh sein werden, wenn sie glücklich wieder auf ihrem wunderschönen Planeten angelangt sein werden.«

»Ja, es ist ein irdisches Paradies, dieses Land des Mars. Wie oft hat uns danach schon das Heimweh, die Sehnsucht gepackt!« seufzte Piller.

»Es war aber doch besser, meine Freunde, daß ihr nicht oben geblieben seid.«

»Mein lieber Fridolin, damals, als wir fortzogen, warst du völlig anderer Meinung,« entgegnete Brummhuber.

»Gewiß. Ich habe sie aber seitdem geändert, nicht infolge äußerer, veränderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein, von innen nach langen, schweren Kämpfen, langsam aus mir selbst heraus. Ich fand, daß Freund Stiller recht hatte, daß er eine sittliche Tat vollbrachte, als er mit euch zur Erde wieder zurückkehrte und ein Leben voll Mühe und Enttäuschung dem ruhiger und angenehmer Beschaulichkeit vorzog. Und als ich mich endlich zu dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, da reifte in mir der Entschluß, dem gegebenen Beispiele zu folgen. So kam ich wieder und bekenne ohne Zögern, daß ich dadurch den Fehler, den ich einst durch meine Abtrennung von euch beging, wieder gut zu machen suchte.«

»Ich weiß nicht, ob du recht getan hast,« bemerkte Piller. »Oft war ich der Meinung, als ob du den besten Teil gewählt, wir aber töricht gehandelt hätten, deinem Beispiele nicht gefolgt und oben geblieben zu sein.«

»Wir mußten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon!« rief Stiller. »Daß Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre meine Anschauung auf dem Mars zu eigen gemacht und sich ebenfalls zur Rückkehr entschlossen hat, ist der schönste Beweis für die Richtigkeit unserer Handlungsweise.«

»Dagegen läßt sich nun so wie so nichts mehr einwenden,« warf Brummhuber ein. »Jetzt sind wir wieder unten auf der Erde und werden wohl auch für immer hier unten bleiben müssen.«

»Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wußten unsere Gastgeber ebenfalls ganz genau. Ihr Wesen, in vielem mit dem unsern verwandt, ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, ätherischer, feiner geprägt. Dadurch war schon eine Scheidewand zwischen ihnen und uns gezogen. Und was konnten wir ihnen, den so Hochstehenden, bieten? Doch nur sehr wenig, lange nicht genügend, um ihre großartig geübte Gastfreundschaft auch nur einigermaßen befriedigend wieder auszugleichen,« sprach Frommherz.

»Das stimmt,« bestätigte Piller.

»Was von der Erde stammt, ist eben anders geartet als das dem Mars Entsprossene,« fuhr Frommherz fort. »Die feinen, aber doch merkbar trennenden Unterschiede lernte ich in den langen Jahren meines Aufenthaltes nach und nach kennen. So wage ich denn zu sagen, daß wir uns oben als alleinstehende Männer, ohne Familie, ohne die Möglichkeit in dem Marsvolke selbst aufzugehen, am Ende innerlich als Fremde gefühlt haben würden, trotz der Schönheit des Daseins, der Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer Freunde.«

»Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in ähnlicher Weise einst in Angola. Ganz besonders danke ich unserm Freunde für sein offenes Bekenntnis. Die Gefühle reinen Glückes bei der Erinnerung an jene unvergeßlich schöne Zeit auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch atmen dürfen, aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder großen Entsagung anhaftet, es ist durch Fridolins Worte, durch seine freiwillige Rückkehr zu uns wesentlich gemildert worden,« bemerkte Stiller.

Piller schneuzte sich wieder kräftig. »Finden wir uns damit ab, soweit es möglich ist,« entgegnete er nach kurzer Pause. »Unser irdisches Leben scheint sich nun einmal nicht harmonisch gestalten lassen zu wollen. Die wirklich schönste Melodie des Lebens, die meinen Enthusiasmus erweckt, die mich, den realen Praktiker der Wissenschaft, in holde Träume zu wiegen vermocht, ich hörte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten und auch letzten Male oben auf dem Lichtentsprossenen.«

Erstaunt blickte Fridolin Frommherz auf Piller. Eine solche Sprache hatte er früher, in alter Zeit, von dem allem Idealen so wenig geneigten Manne niemals gehört.

»Ja, ja, unser Freund Piller hat sich seit seinem Aufenthalte auf dem Mars in dieser Richtung etwas gebessert,« er klärte Stiller, der den erstaunten Blick Fridolins bemerkt und richtig verstanden hatte.

»Es ging uns allen mehr oder weniger gleich,« ergänzte Brummhuber.

Eine tiefe Stille trat ein. Da schlugen zuerst leise, dann immer kräftiger anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik außen vor dem Kursaale an ihr Ohr. Sie formten sich zu einer imposanten Melodie, der die vier Gelehrten, angenehm überrascht, lauschten. Es war die Hymne, die Kapellmeister Klingler vor elf Jahren bei Anlaß des Einzuges der sechs zurückgekehrten Schwabensöhne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da draußen vortrug.

»Dahinter steckt der Oberbürgermeister! Jetzt begreife ich, warum er unsere Einladung zum Bleiben ablehnte und so hastig verschwand,« rief Piller.

»Eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, fürwahr, die ich dankbar anerkenne,« lobte Frommherz.

Einige weitere, ausgesucht schöne Musikvorträge folgten der »Hymne an Schwabens kühnste Söhne«. Dann zog die Kapelle wieder ab.

»Für uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken,« mahnte Stiller.

Als die Herren aus dem Gebäude traten, wurden sie durch eine zweite Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters von Stuttgart überrascht. Die weißgekleidete Tochter des städtischen Oberhauptes in Gesellschaft einiger anderer ebenfalls festlich geputzter Mädchen übergab mit einer kurzen Ansprache Frommherz einen frischen Lorbeerkranz, dessen seidene Schleifen die Farben der Residenz und des Landes trugen. Frommherz nahm den Lorbeerkranz mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schüttelte jedem der blühenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden Menschenkinder warm die Hand.

Stiller war unterdessen ins Haus zurückgeeilt und hatte ein kurzes Zwiegespräch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er wieder zurück und lud die Mädchen im Namen des Gefeierten zu einer Erfrischung ein, die von ihnen mit Jubel angenommen wurde.

»In unserm großen Auto haben die Kinder auch noch Platz. Wir bringen sie hinauf nach Stuttgart,« schlug Stiller vor.

Gern willigten die andern Freunde ein. Mit welch stolzer Befriedigung fuhren nachher die Mädchen, die nun jede Scheu verloren hatten, mit ihren berühmten Begleitern durch Cannstatt, über die Karlsbrücke und durch die im Gewande des Frühlings prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude über die ihnen erwiesene Auszeichnung leuchtete aus den strahlenden Augen der Kinder, als sie auf dem Schloßplatze aus dem Auto stiegen und sich von den Gelehrten verabschiedeten. Unter den brausenden Hochrufen einer rasch sich ansammelnden Menschenmenge fuhren die Freunde Stillers Heim zu.

»Einfach, aber würdig war der Empfang. Er hat mir gefallen und mich vollkommen befriedigt,« erklärte Frommherz.

»Wahrhaftig, mir machte er einen besseren Eindruck als der unsere damals, als wir auf dem Hasenberge ankamen,« meinte Brummhuber.

»Weil er sich unvorbereitet, so ganz aus sich selbst heraus vollzog,« bemerkte Stiller.

Die Herren hatten es sich im Hause ihres Freundes bequem gemacht und saßen in anregendem Gespräche in dem bekannten großen Balkonzimmer.

»Wenn große Ereignisse mein seelisches Empfinden berühren, so fühle ich stets einen merkwürdigen Durst und . . .« Doch Stiller ließ seinen Freund Piller nicht ausreden. »Ich verstehe dich auch ohne diese Einleitung,« lachte er fröhlich. »Piller ist nämlich immer noch derselbe Durstige wie früher,« erklärte er Frommherz. »Du sollst deinen Trunk haben, lieber Piller. Wir alle wollen ein Glas auf das Wohl des teuren, uns wiedergeschenkten Freundes leeren.«

Der Wein wurde gebracht. Die Gläser hatten ausgeklungen. Der Abend senkte langsam seine Schatten auf das Häusermeer im Tale, während die Bopserhöhe sich noch in den Strahlen der untergehenden Sonne golden badete. Da begannen unten in der Stadt die Glocken anzuschlagen.

»Wir haben doch meines Wissens morgen keinen Festtag, der am Abend vorher eingeläutet werden sollte?« fragte Brummhuber.

»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte Piller.

»Es gilt ohne Zweifel unserm Freunde Fridolin,« bemerkte Stiller. »Die alte Heimat will ihrem wiedergekehrten Sohne durch den ehernen Mund der Glocken lauten Willkomm bieten.«

»Du magst recht haben,« erklärte Brummhuber.

Eine volle halbe Stunde währte das harmonische Geläute, dann verstummte es . . .

Und die Sonne, die Spenderin alles Lichtes und Lebens, war inzwischen im Westen verglüht. Leise bewegten sich im leichten Abendwinde die blühenden Bäume an der Talseite und sandten ihren Duft herauf zu den Gelehrten, die da an den offenen Fenstern des Gemaches saßen und die Lieblichkeit des Landschaftsbildes still genossen.

»Was kommt denn da die Weinsteige herauf?« fragte Brummhuber erstaunt und machte seine Freunde auf eine Masse von Lampions aufmerksam, die sich einer feurigen Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten.

»Fridolin, das gilt dir,« lachte Piller.

»Ich bin wirklich begierig, was dir und uns noch diesen Abend bevorsteht,« äußerte sich Stiller. »Unser Oberbürgermeister scheint die kurze Zeit heute fieberhaft ausgenützt zu haben, um deine Rückkehr würdig zu ehren.«

»Das kommt mir auch so vor,« antwortete Frommherz. »Ich würde aber am liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten. Ähnlich äußerte ich mich dem Oberbürgermeister gegenüber ja schon am Kursaale.«

»Ergib dich in dein unvermeidliches Schicksal, Freund Fridolin! Ohne Sang und Klang darf dieser denkwürdige Tag nicht in der unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit verschwinden,« sprach Piller.

Näher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel von Stuttgart, die da durch den Garten zog und sich vor dem Hause aufstellte. Eine feierliche Stille trat ein. Dann intonierte der große Männerchor das prachtvolle Lied: »Des Vaterlandes Gruß.«

Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schönen Vortrag, war mit seinen Freunden zu den Sängern getreten und dankte ihnen mit innigen Worten. Stiller lud die Sänger zu einem kühlen Trunke ein. Piller sorgte, unterstützt durch die Dienerschaft des Hauses, für das Getränk, und bald entwickelte sich in dem Garten ein feucht-fröhliches Sängerleben. Noch ein Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurückgekehrten, und der Männerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen, abwärts, der Stadt wieder zu. Am mitternächtigen Himmel aber stand in strahlender Schönheit Mars, das freiwillig aufgegebene Paradies der Söhne Schwabens.

 


 

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