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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 90
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Neunzehntes Kapitel: Fortsetzung

Wir haben jetzt noch etwas über die Wirksamkeit zu sagen, welche Ströme und Flüsse in der Landesverteidigung haben, wenn sie auch nicht selbst verteidigt werden.

Jeder bedeutende Fluß mit seinem Haupttal und seinen Nebentälern bildet ein sehr beträchtliches Bodenhindernis und wird also dadurch der Verteidigung im allgemeinen vorteilhaft; sein eigentümlicher Einfluß aber läßt sich in seinen Hauptbeziehungen näher angeben.

Zuerst müssen wir unterscheiden, ob er der Grenze, d. h. der allgemeinen strategischen Fronte, parallel fließt oder schief oder senkrecht gegen dieselbe. Bei dem Parallellauf müssen wir den Fall unterscheiden, wo ihn das eigene Heer, von dem, wo ihn der Angreifende hinter sich hat, und in beiden Fällen wieder die Entfernung, in welcher sich das Heer von ihm befindet.

Ein Verteidigungsheer, welches einen bedeutenden Fluß nahe, doch nicht unter einem gewöhnlichen Marsch hinter sich hat und an diesem Fluß eine hinreichende Menge gesicherter Übergangspunkte, ist unstreitig in einer viel stärkeren Lage, als es ohne den Fluß sein würde; denn wenn es durch die Rücksicht auf die Übergangspunkte in allen seinen Bewegungen etwas an Freiheit verliert, so gewinnt es viel mehr durch die Sicherheit seines strategischen Rückens, d. h. hauptsächlich seiner Verbindungslinien. Wohlverstanden, daß wir hierbei die Verteidigung im eigenen Lande denken, denn im feindlichen würden wir, wenn auch die feindliche Armee vor uns steht, doch immer mehr oder weniger den Feind auch hinter uns jenseits des Flusses zu befürchten haben, und dann würde der Fluß durch den Straßenzwang, welchen er verursacht, mehr nachteilig als vorteilhaft auf unsere Lage wirken. Je weiter der Fluß sich hinter dem Heere befindet, um so geringer wird er ihm nützlich werden, und bei gewissen Entfernungen wird sein Einfluß ganz Null sein.

Muß das angreifende Heer in seinem Vorrücken einen Fluß hinter sich nehmen, so wird er nur nachteilig auf seine Bewegungen wirken können, denn er schränkt seine Verbindungslinien auf einzelne Übergangspunkte ein. Prinz Heinrich im Jahr 1760 hatte, als er bei Breslau auf dem rechten Oderufer den Russen entgegentrat, durch die auf einen Marsch hinter ihm fließende Oder offenbar einen Stützpunkt; dagegen waren die später über die Oder gegangenen Russen unter Tschernitschew in einer sehr unbequemen Lage, eben durch die Gefahr, bei der einzigen Brücke ihren Rückzug zu verlieren.

Geht aber ein Fluß mehr oder weniger senkrecht durch das Kriegstheater, so ist der Vorteil davon wieder auf der Seite des Verteidigers, denn erstlich gibt es gewöhnlich eine Anzahl guter Aufstellungen durch Anlehnung an den Fluß und Benutzung der einfallenden Transversaltäler als Fronteverstärkungen (wie die Elbe im Siebenjährigen Kriege für die Preußen); zweitens wird der Angreifende entweder die eine der beiden Seiten intakt lassen müssen oder sich teilen; und bei dieser Teilung kann es nicht fehlen, daß der Verteidiger wieder im Vorteil ist, weil er mehr gesicherte Übergänge besitzen wird als der Angreifende. Man darf nur einen Gesamtblick auf den Siebenjährigen Krieg werfen, um sich zu überzeugen, daß die Oder und Elbe Friedrich dem Großen bei der Verteidigung seines Kriegstheaters, nämlich Schlesiens, Sachsens und der Mark, sehr nützlich und folglich den Österreichern und Russen bei der Eroberung dieser Provinzen sehr hinderlich gewesen sind, obgleich eine eigentliche Verteidigung dieser Flüsse im ganzen Siebenjährigen Kriege nicht einmal vorkommt und ihr Lauf in den meisten Beziehungen zum Feinde mehr schief oder senkrecht gegen die Fronte als parallel mit derselben ist.

Nur die Beziehung, welche der Fluß als Transportstraße im Fall seines mehr oder weniger senkrechten Laufes haben kann, ist im allgemeinen zum Besten des Angriffs, aus dem Grunde, weil dieser die längere Verbindungslinie und also die größere Schwierigkeit beim Transport aller Bedürfnisse hat, eine wesentliche Erleichterung also wie die Wasserfracht hauptsächlich ihm zum Nutzen gereichen muß. Zwar wird auch hier der Verteidiger den Vorteil haben, den Fluß von dem Punkt der Grenze ab durch feste Plätze sperren zu können; allein dadurch werden die Vorteile nicht aufgehoben, welche der Fluß dem Angreifenden durch seinen früheren Lauf gewährt. Indessen, wenn man bedenkt, daß viele Flüsse auch da, wo sie schon eine für die übrigen kriegerischen Beziehungen nicht unbedeutende Breite haben, noch nicht schiffbar sind, daß andere es nicht zu jeder Jahreszeit sind, daß die Schiffahrt stromaufwärts sehr langsam, oft schwierig ist, daß die vielen Serpentinen mancher Ströme den Weg mehr als verdoppeln, daß jetzt die Hauptverbindungsstraßen zweier Länder meistens Chausseen sind, endlich, daß man jetzt die Hauptmasse der Bedürfnisse mehr als sonst in den nächsten Provinzen aufzubringen und nicht so merkantilisch von weit herbeizuführen pflegt, so sieht man wohl, daß die Wasserfahrt überhaupt keine so große Rolle beim Unterhalt der Heere spielt, als in Büchern vorgestellt zu werden pflegt, und daß diese Einwirkung auf den Gang der Begebenheiten darum eine sehr entfernte und ungewisse ist.

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