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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 87
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Sechzehntes Kapitel: ???

Wir wenden uns jetzt zu dem strategischen Gebrauch der im vorigen Kapitel entwickelten taktischen Resultate.

Wir unterscheiden hier folgende Beziehungen:

1. Das Gebirge als Schlachtfeld;

2. den Einfluß, welchen sein Besitz auf andere Gegenden hat;

3. seine Wirkung als eine strategische Barriere;

4. die Rücksicht, die es beim Unterhalt verdient.

1. In der ersten und wichtigsten Beziehung müssen wir wieder unterscheiden:

a) eine Hauptschlacht,

b) untergeordnete Gefechte.

Wir haben im vorigen Kapitel gezeigt, wie wenig der Gebirgsboden dem Verteidiger in einer entscheidenden Schlacht günstig ist, und folglich wie sehr dem Angreifenden. Dies läuft der gewöhnlichen Meinung gerade entgegen; aber freilich, was wirft die gewöhnliche Meinung auch alles durcheinander, wie wenig unterscheidet sie die verschiedenartigsten Beziehungen; von dem außerordentlichen Widerstand kleiner untergeordneter Teile bekommt sie den Eindruck einer außerordentlichen Stärke aller Gebirgsverteidigung und ist erstaunt, wenn jemand für den Hauptakt aller Verteidigung, für die Verteidigungsschlacht, diese Stärke leugnet. Auf der anderen Seite ist sie aber augenblicklich bereit, in jeder vom Verteidiger im Gebirge verlorenen Schlacht den unbegreiflichen Fehler eines Kordonkrieges zu erblicken, ohne zu sehen, wie die Natur der Dinge unvermeidlich darin verwickelt. Wir scheuen es nicht, mit solcher Meinung im geraden Widerspruch zu sein, müssen dagegen bemerken, wie wir unsere Behauptung zu unserer großen Genugtuung in einem Autor gefunden haben, der uns in mehr als einer Rücksicht hier viel gelten muß: es ist der Erzherzog Karl in seinem Werk über die Feldzüge von 1796 und 1797, ein guter Geschichtschreiber, ein guter Kritiker und vor allem ein guter Feldherr in einer Person.

Wir können also nicht anders, als es eine bedauernswerte Lage finden, wenn der schwächere Verteidiger, der alle seine Kräfte mühsam und mit der größten Anstrengung aufgetrieben hat, um den Angreifenden in einer entscheidenden Schlacht die Wirkung seiner Vaterlandsliebe, Begeisterung und klugen Besonnenheit fühlen zu lassen, auf den alles mit gespannter Erwartung den Blick geheftet hat, - wenn der sich in die Nacht eines vielfach verschleierten Gebirgsbodens hinstellen, durch den eigensinnigen Boden in jeder Bewegung gefesselt, sich den tausend möglichen Anfällen seines überlegenen Gegners preisgeben soll. Nur nach einer einzigen Seite hin hat seine Intelligenz ein weites Feld, es ist die möglichste Benutzung aller Hindernisse des Bodens, und dies führt dicht an die Grenzen des verderblichen Kordonkrieges hin, er muß sich also mit Gewalt davon losreißen. Weit entfernt also, für den Fall einer entscheidenden Schlacht in dem Gebirgslande ein Asyl des Verteidigers zu sehen, würden wir vielmehr den Feldherrn raten, es aufs äußerste zu vermeiden.

Aber freilich ist dies zuweilen unmöglich; die Schlacht wird dann notwendig einen merklich verschiedenen Charakter von der in der Ebene haben, die Stellung wird viel gedehnter, in den meisten Fällen zwei- oder dreimal so lang, der Widerstand wird viel passiver, der Rückstoß viel schwächer sein. Das sind Einwirkungen des Gebirgsbodens, denen nicht auszuweichen ist; aber freilich soll die Verteidigung in einer solchen Schlacht dennoch nicht in eine Gebirgsverteidigung übergehen, sondern der vorherrschende Charakter soll nur eine gesammelte Aufstellung der Streitkraft im Gebirge sein, wo sich alles in einem Gefecht, unter den Augen eines Feldherrn zuträgt, und wo Reserven genug bleiben, um die Entscheidung etwas mehr sein zu lassen als ein bloßes Abwehren, ein bloßes Vorhalten des Schildes. Diese Bedingung ist unerläßlich, aber sie ist sehr schwer zu erfüllen, und das Hineingleiten in die wahre Gebirgsverteidigung liegt so nahe, daß man sich nicht wundern muß, wenn es so oft vorkommt; es ist aber dabei so gefährlich, daß die Theorie nicht genug davor warnen kann.

Soviel von einer entscheidenden Schlacht mit der Hauptmacht.

Für Gefechte von untergeordneter Bedeutung und Wichtigkeit kann dagegen ein Gebirge unendlich nützlich sein, weil es dabei auf keinen absoluten Widerstand ankommt, und weil keine entscheidenden Folgen damit verbunden sind. Wir können uns dies klarer machen, wenn wir die Zwecke dieser Reaktion aufzählen:

a) Ein bloßer Zeitgewinn. Dieser Zweck kommt hundertmal vor, schon jedesmal bei einer Verteidigungslinie, die zu unserer Benachrichtigung aufgestellt ist; außerdem bei allen Fällen, wo eine Unterstützung erwartet wird.

b) Die Abwehrung einer bloßen Demonstration oder einer kleinen Nebenunternehmung des Feindes. Wenn eine Provinz durch ein Gebirge geschützt, und dies Gebirge durch Truppen verteidigt ist, wie schwach auch diese Verteidigung sein mag, sie wird immer hinreichen, feindliche Streifereien und andere kleine Unternehmungen zur Plünderung der Provinz zu verhindern. Ohne das Gebirge wäre eine solche schwache Kette ein Unding.

c) Um selbst zu demonstrieren. Es wird noch lange dauern, ehe die Meinung, die man von einem Gebirge haben soll, auf ihren rechten Punkt gekommen ist. Bis dahin wird es immer Gegner geben, die sich davor fürchten und in ihren Unternehmungen davor erstarren. In diesem Fall kann also auch die Hauptmacht zur Verteidigung eines Gebirges verwandt werden. In Kriegen ohne große Kraft und Bewegung wird dieser Zustand vielfältig vorkommen; aber die Bedingung ist dann immer, daß man weder die Absicht habe, eine Hauptschlacht in dieser Gebirgsstellung anzunehmen, noch dazu gezwungen werden könne.

d) Überhaupt ist eine Gebirgsgegend zu allen Aufstellungen geschickt, in denen man kein Hauptgefecht annehmen will, denn alle einzelnen Teile sind darin stärker, und nur das Ganze als solches ist schwächer; außerdem kann man nicht so leicht darin überrascht und zu einem entscheidenden Gefecht gezwungen werden.

e) Endlich sind Gebirge das eigentliche Element der Volksbewaffnungen. Volksbewaffnungen aber müssen immer durch kleine Abteilungen des Heeres unterstützt werden; dagegen scheint die Nähe des großen Heeres für sie nachteilig zu wirken: daher dieser Punkt in der Regel keine Ursach werden wird, das Gebirge mit dem Heere aufzusuchen.

Soviel vom Gebirge in Beziehung auf die in demselben vorkommenden Gefechtsstellungen. -

2. Der Einfluß des Gebirges auf andere Gegenden. Weil es, wie wir gesehen haben, so leicht ist, beim Gebirgsboden sich durch schwache Posten einer bedeutenden Länderfläche zu versichern, durch Posten, die in einer zugänglichen Gegend sich nicht halten könnten und beständigen Gefahren ausgesetzt wären, weil jedes Vorschreiten im Gebirge, wenn der Gegner es besetzt hat, viel langsamer geht als in der Ebene, also mit diesem nicht Schritt halten kann, so ist beim Gebirge viel mehr als bei einem anderen gleich großen Landstrich die Frage wichtig, wer im Besitz desselben sei. In einer offenen Gegend kann dieser Besitz sich von einem Tage zum anderen ändern; das bloße Vorgehen starker Haufen nötigt die feindlichen, uns die Gegend, welche wir brauchen, zu überlassen. So ist es aber nicht im Gebirge; hier ist auch bei viel geringeren Kräften ein merklicher Widerstand möglich, und deshalb sind, wenn wir einen Abschnitt der Gegend brauchen, welche das Gebirge einnimmt, immer eigene, dazu besonders angelegte und oft eines merklichen Kraft- und Zeitaufwandes benötigte Unternehmungen erforderlich, um uns in den Besitz des Landstriches zu setzen. Wenn also ein Gebirge auch nicht der Schauplatz der Hauptunternehmungen ist, so kann es doch nicht, wie das bei einer zugänglicheren Gegend der Fall sein würde, als von diesen abhängig und seine Einnahme und sein Besitz wie eine sich von selbst ergebende Folge unseres Vorschreitens betrachtet werden.

Die Gebirgsgegend hat also eine viel größere Selbständigkeit, ihr Besitz ist entschiedener und weniger veränderlich. Fügt man hinzu, daß ein Gebirgsstrich seiner Natur nach von den Rändern desselben gegen das offene Land eine gute Übersicht gewährt, während er selbst stets wie in die dunkelste Nacht gehüllt bleibt, so wird man begreifen, wie jedes Gebirge für den, welcher es nicht innehat und doch damit in Berührung kommt, immer wie ein unversiegbarer Quell nachteiliger Einflüsse, wie eine verhüllte Werkstätte feindlicher Kräfte zu betrachten ist, und daß dies am meisten der Fall sein wird, wenn das Gebirge vom Gegner nicht allein besetzt, sondern auch ihm zugehörig ist. Die kleinsten Haufen verwegener Partisanen finden in ihm Zuflucht, wenn sie verfolgt werden, und können dann ungestraft an einem anderen Punkt wieder hervorbrechen, die stärksten Kolonnen können sich in ihm unbemerkt vorschieben, und immer müssen sich unsere Streitkräfte in einer merklichen Entfernung von ihm halten, wenn sie nicht in den Bereich seines dominierenden Einflusses geraten und in einen ungleichen Kampf eingehen wollen von Anfällen und Stößen, die sie nicht erwidern können.

Auf diese Weise übt jedes Gebirge bis auf eine gewisse Entfernung einen regelmäßigen Einfluß auf die niedriger liegende Gegend aus. Ob dieser Einfluß augenblicklich, zum Beispiel in einer Schlacht, wirksam sein kann (die Schlacht von Malsch am Rhein 1796) oder erst nach geraumer Zeit gegen die Verbindungslinien, hängt von den räumlichen Verhältnissen ab; ob er durch das, was im Tale oder der Ebene Entscheidendes geschieht, mitüberwältigt und fortgerissen werden kann oder nicht, hängt von den Verhältnissen der Streitkräfte ab.

Bonaparte ist 1805 und 1809 nach Wien gezogen, ohne sich viel um Tirol zu bekümmern; Moreau aber hat 1796 Schwaben verlassen müssen, hauptsächlich, weil er der höheren Gegenden nicht Herr war und zu viel Kräfte auf ihre Beobachtung verwenden mußte. In Feldzügen, wo ein gleichgewichtiges Hin- und Herspielen der Kräfte stattfindet, wird man sich dem fortdauernden Nachteil eines Gebirges, in dessen Besitz der Feind geblieben ist, nicht aussetzen; man wird also den Teil desselben, welchen man nach der Richtung der Hauptlinien unseres Angriffs braucht, einzunehmen und festzuhalten suchen; und darum findet sich gewöhnlich, daß in solchen Fällen das Gebirge der Haupttummelplatz der einzelnen kleinen Kämpfe ist, die beide Heere miteinander bestehen. Aber man hüte sich, diesen Gegenstand zu überschätzen und ein solches Gebirge in allen Fällen wie den Schlüssel zum Ganzen und seinen Besitz wie die Hauptsache zu betrachten. Wo es auf einen Sieg ankommt, ist dieser die Hauptsache, und wenn er errungen ist, kann die Einrichtung der übrigen Verhältnisse nach den herrschenden Bedürfnissen stattfinden.

3. Das Gebirge als strategische Barriere betrachtet. Hier müssen wir zwei Beziehungen unterscheiden.

Die erste ist wieder eine entscheidende Schlacht. Man kann nämlich das Gebirge wie einen Fluß, also als eine Barriere mit gewissen Zugängen betrachten, die uns dadurch zu einem siegreichen Gefecht Gelegenheit gibt, daß sie die feindliche Macht im Vorschreiten trennt, sie auf gewisse Wege einschränkt und uns also in den Stand setzt, mit unserer hinter dem Gebirge vereinigt aufgestellten Macht über einen einzelnen Teil der feindlichen herzufallen. Da der Angreifende beim Vorgehen durch ein Gebirge, wenn er auch alle andere Rücksichten beiseite setzen wollte, schon deswegen nicht in einer Kolonne bleiben kann, weil er sich der entscheidenden Gefahr aussetzen würde, sich mit einer einzigen Rückzugsstraße in eine entscheidende Schlacht einzulassen, so ist allerdings diese Methode auf sehr wesentliche Umstände gegründet. Da aber die Begriffe von Gebirgen und Gebirgsausgängen sehr unbestimmt sind, so kommt bei dieser Maßregel alles auf die Gegend selbst an, und sie kann daher nur als eine mögliche angedeutet werden, bei der auch noch zweier Nachteile gedacht werden muß: das erste, daß der Feind, wenn er einen Stoß erhalten hat, im Gebirge sehr bald Schutz findet; das zweite, daß er die überhöhende Gegend innehat, welches zwar kein entscheidender, aber doch immer ein Nachteil für den Verteidiger ist.

Uns ist keine Schlacht bekannt, die unter solchen Umständen geliefert worden wäre, wenn man nicht die Schlacht gegen Alvinczy 1796 dahin rechnen will. Aber daß der Fall eintreten kann, macht Bonapartes Übergang über die Alpen im Jahr 1800 deutlich, wo ihn Melas vor der Vereinigung seiner Kolonnen mit der ganzen Macht hätte anfallen können und sollen.

Die zweite Beziehung, welche das Gebirge als eine Barriere haben kann, ist die auf die feindlichen Verbindungslinien, wenn es diese nämlich durchschneidet. Abgesehen von der Befestigung der Durchgänge durch Forts und von Wirkungen einer Volksbewaffnung können schlechte Gebirgswege in schlechter Jahreszeit die Verzweiflung einer Armee ausmachen, und sie haben nicht selten den Rückzug veranlaßt, nachdem sie dem Heere zuvor Mark und Blut ausgesogen hatten. Kommt ein häufiges Streichen der Parteigänger oder gar ein Volkskrieg hinzu, so wird die feindliche Armee zu großen Entsendungen und zuletzt zur Aufstellung fester Posten im Gebirge genötigt und so in die nachteiligste Lage verwickelt, die es im Angriffskrieg geben kann.

4. Das Gebirge in Beziehung auf den Unterhalt der Heere. Dieser Gegenstand ist sehr einfach und an sich verständlich. Der größte Nutzen, welchen der Verteidiger in dieser Beziehung davon haben kann, wird eintreten, wenn der Angreifende entweder im Gebirge stehenbleiben oder wenigstens es hinter sich nehmen muß.

Man wird diese Betrachtungen über die Gebirgsverteidigung, welche im Grunde den ganzen Gebirgskrieg umfassen, insofern ihre Reflexe auch auf den Angriffskrieg in dieser Beziehung das nötige Licht werfen, nicht deswegen für unrichtig oder unpraktisch halten, weil man im Gebirge nicht Ebenen und aus der Ebene kein Gebirge machen kann, und die Wahl des Kriegstheaters durch so viele andere Dinge bestimmt wird, daß es scheint, es könne nur wenig Spielraum für Gründe dieser Art bleiben. Bei großen Verhältnissen wird man finden, daß dieser Spielraum so gering nicht ist. Ist von der Aufstellung und Wirksamkeit der Hauptmacht, und zwar im Augenblick der entscheidenden Schlacht die Rede, so können einige Märsche mehr vorwärts oder rückwärts das Heer aus dem Gebirgsboden in die Ebene bringen und eine entschlossene Vereinigung der Hauptmassen in der Ebene das danebenliegende Gebirge neutralisieren.

Wir wollen jetzt das über diesen Gegenstand verteilte Licht noch einmal in einem Brennpunkte zu einem deutlichen Bilde sammeln.

Wir behaupten und glauben erwiesen zu haben, daß das Gebirge sowohl in der Taktik wie in der Strategie der Verteidigung im allgemeinen ungünstig sei, und verstehen dann unter Verteidigung die entscheidende, von deren Erfolg die Frage über den Besitz oder Verlust des Landes abhängt. Es raubt die Übersicht und hindert die Bewegungen nach allen Richtungen; es zwingt zur Passivität und nötigt jedes Loch zuzustopfen, woraus denn immer mehr oder weniger ein Kordonkrieg wird. Man soll also mit der Hauptmacht das Gebirge womöglich vermeiden und es seitwärts liegen lassen oder vor oder hinter sich nehmen.

Hingegen glauben wir, daß für die untergeordneten Zwecke und Rollen im Gebirgsboden ein verstärkendes Prinzip liegt, und nach dem, was wir darüber gesagt haben, wird man es für keinen Widerspruch halten, wenn wir sagen, daß er ein wahrer Zufluchtsort des Schwachen ist, d. h. desjenigen, der eine absolute Entscheidung nicht mehr suchen darf. - Dieser Anspruch, den die Nebenrollen auf den Gebirgsboden haben, schließt die Hauptmacht von demselben zum zweiten Male aus. Aber alle diese Betrachtungen werden schwerlich dem Eindruck der Sinne das Gleichgewicht halten. Im einzelnen Fall wird die Einbildungskraft nicht allein aller Unerfahrenen, sondern auch aller in einer schlechten Kriegsmethode Erfahrenen so überwiegende Eindrücke von den Schwierigkeiten bekommen, welche der Gebirgsboden wie ein dichteres zäheres Element allen Bewegungen des Angreifenden entgegenstellt, daß sie Mühe haben werden, unsere Meinung nicht für die wunderlichste Paradoxie zu halten. Bei allen allgemeinen Betrachtungen aber wird die Geschichte des letzten Jahrhunderts mit seiner eigentümlichen Kriegskunst an die Stelle des sinnlichen Eindrucks treten, und sie werden z. B. sich nie entschließen zu glauben, daß Österreich seine Staaten gegen Italien mit nicht mehr Leichtigkeit als gegen den Rhein sollte verteidigen können. Dagegen werden die Franzosen, die den Krieg zwanzig Jahre lang unter einer energievollen und rücksichtslosen Führung gemacht haben, und welche die glücklichen Folgen dieses Systems immer vor Augen gehabt haben, sie noch lange in diesem Fall wie in anderen durch den Takt eines geübten Urteils auszeichnen.

So wäre also ein Staat mehr geschützt durch offene Gegenden als durch Gebirge; Spanien stärker ohne seine Pyrenäen, die Lombardei unzugänglicher ohne die Alpen, und ein ebenes Land, z. B. Norddeutschland, schwerer zu erobern als ein Gebirgsland z. B. Ungarn. An diese falschen Folgerungen wollen wir unsere letzten Bemerkungen anknüpfen.

Wir behaupten nicht, daß Spanien ohne seine Pyrenäen stärker wäre als mit denselben sondern daß eine spanische Armee, die sich stark genug fühlt, es auf eine entscheidende Schlacht ankommen zu lassen, besser tut, sich hinter dem Ebro vereinigt aufzustellen, als sich in die fünfzehn Pässe der Pyrenäen zu verteilen. Dadurch wird die Einwirkung der Pyrenäen auf den Krieg noch lange nicht aufgehoben. Dasselbe behaupten wir von einer italienischen Armee. Verteilte sie sich in den hohen Alpen, so würde sie von jedem entschlossenen Gegner überwunden werden, ohne die Alternative eines Sieges oder einer Niederlage zu haben, während sie in der Ebene von Turin die Ansprüche jeder anderen Armee hat. Deswegen aber wird noch niemand glauben, daß es dem Angreifenden angenehm sei, eine Gebirgsmasse wie die der Alpen zu durchziehen und hinter sich zu lassen. - Übrigens wird durch diese in der Ebene angenommene Hauptschlacht nicht einmal eine vorläufige Verteidigung des Gebirges mit untergeordneten Kräften ausgeschlossen, die bei solchen Massen, wie die Alpen und Pyrenäen sind, sehr zu raten ist. Endlich sind wir weit entfernt, die Eroberung eines ebenen Landes für leichter als die eines gebirgigen zu halten, es sei denn, daß ein einziger Sieg den Feind gänzlich entwaffnete. Nach diesem Siege tritt für den Erobernden ein Zustand der Verteidigung ein, bei welchem ihm der Gebirgsboden ebenso nachteilig und nachteiliger werden muß, als er es dem Verteidiger war. Dauert der Krieg also fort, kommen äußere Hilfen herbei, tritt das Volk unter die Waffen, dann werden alle diese Reaktionen durch den Gebirgsboden gesteigert.

Es ist bei diesem Gegenstand wie in der Dioptrik, die Bilder nehmen an Stärke des Lichtes zu, wenn man den Gegenstand in einer gewissen Richtung fortbewegt; aber nicht so weit man will, sondern bis sie den Brennpunkt erreichen, über den hinaus alles umgekehrt wird.

Ist die Verteidigung im Gebirge schwächer, so könnte dies eine Veranlassung für den Angreifenden sein, das Gebirge vorzugsweise zu seiner Richtungslinie zu nehmen. Dies wird aber nur selten geschehen, weil die Schwierigkeiten des Unterhaltes und der Wege, die Ungewißheit, ob der Gegner eine Hauptschlacht gerade im Gebirge annehmen, und auch die, ob er seine Hauptmacht in demselben aufstellen wird, jenem möglichen Vorteil reichlich das Gleichgewicht halten.

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