Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 51
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel: Das nächtliche Gefecht

Wie es geführt wird, und welches die Eigentümlichkeiten seines Verlaufes sind, ist ein Gegenstand der Taktik; wir betrachten es hier nur, insoweit das Ganze als ein eigentümliches Mittel erscheint.

Im Grunde ist jeder nächtliche Angriff nur ein gesteigerter Überfall. Auf den ersten Anblick erscheint nun ein solcher als ganz vorzüglich wirksam, denn man denkt sich den Verteidiger überfallen und den Angreifenden natürlich vorbereitet zu dem, was geschehen soll. Welche Ungleichheit! Die Phantasie malt sich auf der einen Seite das Bild der vollkommensten Verwirrung und auf der anderen Seite den Angreifenden nur beschäftigt, die Früchte davon zu ernten. Daher die häufigen Ideen zu nächtlichen Überfällen bei denen, die nichts zu führen und zu verantworten haben, während sie in der Wirklichkeit so selten vorkommen.

Jene Vorstellungen finden alle unter der Voraussetzung statt, daß der Angreifende die Maßregeln des Verteidigers kennt, weil sie vorher genommen und ausgesprochen sind und seinen Rekognoszierungen und Nachforschungen nicht haben entgehen können, daß dagegen die Maßregeln des Angreifenden, welche dieser erst im Augenblick der Ausführung trifft, dem Gegner unbekannt bleiben müßten. Aber schon das letztere ist nicht immer ganz der Fall, und noch weniger ist es das erstere. Wenn wir dem Gegner nicht so nahe stehen, daß wir ihn gerade unter den Augen haben, wie die Österreicher Friedrich den Großen vor der Schlacht von Hochkirch, so wird, was wir von seiner Aufstellung wissen, immer sehr unvollkommen sein, von Rekognoszierungen, Patrouillen, Aussagen von Gefangenen und Spionen herrühren und schon deswegen niemals recht feststehen, weil diese Nachrichten immer mehr oder weniger veraltet sind, und die Stellung des Gegners sich seitdem geändert haben kann. Übrigens war es bei der ehemaligen Taktik und Lagerungsart noch viel leichter, die Stellung des Gegners zu erforschen als jetzt. Eine Zeltlinie läßt sich viel leichter unterscheiden als ein Hüttenlager oder gar ein Biwak, und eine Lagerung in entwickelten, regelmäßigen Frontlinien auch leichter als in kolonnenartig aufgestellten Divisionen, wie sie jetzt oft vorkommt. Man kann die Gegend, in welcher eine Division auf solche Weise lagert, vollkommen unter Augen haben und doch zu keiner ordentlichen Vorstellung davon kommen.

Aber die Stellung ist wieder nicht alles, was wir wissen müssen; die Maßregeln, welche der Verteidiger im Verlaufe des Gefechts nimmt, sind ebenso wichtig und bestehen ja nicht in einem bloßen Losschießen. Auch diese Maßregeln machen die nächtlichen Überfälle in den neueren Kriegen schwieriger als in den früheren, weil sie in diesen ein Übergewicht über die schon genommenen haben. In unseren Gefechten ist die Aufstellung des Verteidigers mehr eine vorläufige als definitive, und darum kann in unseren Kriegen der Verteidiger seinen Gegner mehr mit unerwarteten Streichen überraschen, als er es ehemals konnte.

Es ist also das, was der Angreifende von dem Verteidiger beim nächtlichen Überfalle weiß, selten oder nie hinreichend, den Mangel der unmittelbaren Anschauung zu ersetzen.

Aber der Verteidiger hat auch seinerseits sogar noch einen kleinen Vorteil darin, daß er sich in der Gegend, die seine Stellung ausmacht, mehr zu Hause befindet als der Angreifende, wie der Bewohner eines Zimmers in demselben sich auch im Dunkeln leichter zurechtfindet als ein Fremder. Er weiß jeden Teil seiner Streitkräfte leichter zu finden und dann leichter zu ihm gelangen, als dies beim Angreifenden der Fall ist.

Es ergibt sich hieraus, daß der Angreifende bei nächtlichen Gefechten seiner Augen ebensogut bedarf als der Verteidiger, und daß also nur besondere Ursachen zu einem nächtlichen Angriff bestimmen können.

Diese Ursachen beziehen sich nun meistens auf untergeordnete Teile des Heeres und selten auf das Heer selbst, woraus denn folgt, daß der nächtliche Überfall auch in der Regel nur bei untergeordneten Gefechten und selten bei großen Schlachten vorkommen kann.

Einen untergeordneten Teil des feindlichen Heeres können wir mit großer Überlegenheit angreifen, folglich umfassend, um ihn entweder ganz aufzuheben oder ihm in einem nachteiligen Gefechte große Verlust beizubringen, vorausgesetzt, daß die übrigen Umstände dazu günstig sind. Eine solche Absicht kann aber niemals ohne große Überraschung gelingen, weil in ein so nachteiliges Gefecht sich kein untergeordneter Teil des feindlichen Heeres einlassen, sondern ausweichen würde. Ein hoher Grad der Überraschung ist aber, mit wenigen Ausnahmen sehr verdeckter Gegenden, nur bei Nacht zu erreichen. Wollen wir also von einer fehlerhaften Aufstellung einer untergeordneten feindlichen Streitkraft einen solchen Vorteil ziehen, so müssen wir uns der Nacht bedienen, wenigstens die vorläufigen Anordnungen zu vollbringen, wenn auch das Gefecht selbst erst gegen Morgen eröffnet werden sollte. So entstehen also alle die kleinen nächtlichen Unternehmungen gegen Vorposten und andere kleine Haufen, deren Pointe immer darin besteht, durch Überlegenheit und Umgehung den Feind unvermutet in ein so nachteiliges Gefecht zu verwickeln, daß er nicht ohne großen Verlust wegkommen kann.

Je größer das angegriffene Korps ist, um so schwieriger ist das Unternehmen, weil ein stärkeres Korps mehr innere Hilfsmittel hat, sich auch eine Zeitlang nach hinten zu wehren, bis Hilfe kommt.

Das feindliche Heer selbst kann aus diesem Grunde in gewöhnlichen Fällen gar nicht der Gegenstand eines solchen Angriffs sein; denn obgleich es von außen keine Hilfe zu erwarten hat, so hat es doch in sich selbst Hilfsmittel genug gegen einen Angriff von mehreren Seiten, zumal in unserer Zeit, wo jedermann auf diese so gewöhnliche Form des Angriffs von Hause aus eingerichtet ist. Ob uns der Feind von mehreren Seiten mit Erfolg anfallen könne, hängt gewöhnlich von ganz anderen Bedingungen ab als davon, daß es unvermutet geschehe; ohne uns hier schon auf diese Bedingungen einzulassen, bleiben wir dabei stehen, daß mit dem Umgehen große Erfolge, aber auch große Gefahren verbunden sind, daß also, abgesehen von individuellen Umständen, nur eine große Überlegenheit, wie eben die ist, welche wir gegen einen untergeordneten Teil des feindlichen Heeres anwenden können, dazu berechtigt.

Aber das Umfassen und Umgehen eines kleinen feindlichen Korps, und namentlich in der Dunkelheit der Nacht, ist auch schon um deswillen tunlicher, weil, was wir daransetzen, wie überlegen es auch sein mag, doch wahrscheinlich nur einen untergeordneten Teil unseres Heeres ausmacht, und man diesen schon eher auf das Spiel einer großen Wagnis setzen kann als das Ganze. Außerdem dient gewöhnlich ein größerer Teil oder gar das Ganze diesem vorgewagten Teile zur Stütze und Aufnahme, welches die Gefahr des Unternehmens wieder vermindert.

Aber nicht bloß die Wagnis, sondern auch die Schwierigkeiten der Ausführung beschränken die nächtlichen Unternehmungen auf kleinere Teile. Da das Überraschen der eigentliche Sinn davon ist, so ist auch das Durchschleichen die Hauptbedingung der Ausführung; dies ist aber leichter mit kleinen als mit großen Haufen und für die Kolonnen eines ganzen Heeres selten ausführbar. Aus diesem Grunde treffen solche Unternehmungen auch meistens nur einzelne Vorposten und können gegen größere Korps nur angewendet werden, wenn diese ohne genügende Vorposten sind, wie Friedrich der Große bei Hochkirch. Beim Heere selbst wird dieser Fall wieder seltener vorkommen als bei untergeordneten Teilen.

In der neueren Zeit, wo der Krieg so viel rascher und kräftiger geführt worden ist, hat es allerdings infolgedessen auch öfter vorkommen müssen, daß die Heere einander sehr nahe gelagert und ohne ein starkes Vorpostensystem waren, weil beides sich immer in den Krisen zuträgt, die einer Entscheidung kurz vorherzugehen pflegen. Allein in solchen Zeiten ist denn auch die Schlachtfertigkeit beider Teile größer; dagegen war in früheren Kriegen es häufiger Sitte, daß die Armeen ihr Lager, die eine im Angesicht der anderen, auch dann nahmen, wenn sie eben nichts vorhatten, als einander im Zaum zu halten, und folglich auf längere Zeit. Wie oft hat Friedrich der Große wochenlang den Österreichern so nahe gestanden, daß beide hätten Kanonenschüsse miteinander wechseln können!

Diese dem nächtlichen Überfall allerdings mehr zusagende Methode ist aber in den neueren Kriegen verlassen worden, und die Heere, welche jetzt in ihrer Verpflegung sowie in ihren Lagerungsbedürfnissen nicht mehr so in sich vollendete selbständige Körper sind, finden es nötig, gewöhnlich einen Tagemarsch zwischen sich und dem Feinde zu lassen. Fassen wir nun den nächtlichen Überfall eines Heeres noch besonders ins Auge, so ergibt sich, daß dazu nur selten genügende Motive vorhanden sein können, die sich auf folgende Fälle zurückführen lassen werden.

1. Eine ganz besondere Unvorsichtigkeit oder Keckheit des Feindes, die selten vorkommt und da, wo sie vorkommt, gewöhnlich durch ein großes moralisches Übergewicht gutgemacht wird.

2. Ein panischer Schrecken im feindlichen Heer oder überhaupt eine solche Überlegenheit der moralischen Kräfte in dem unserigen, daß diese allein hinreichend ist, die Stelle der Leitung zu vertreten.

3. Beim Durchschlagen durch ein überlegenes feindliches Heer, welches uns umschlossen hält, weil hierbei alles auf Überraschung ankommt, und die Absicht des bloßen Davonkommens eine viel größere Vereinigung der Kräfte gestattet.

4. Endlich in verzweiflungsvollen Fällen, wo unsere Kräfte ein solches Mißverhältnis zu den feindlichen haben, daß wir nur in einem außerordentlichen Wagen die Möglichkeit eines Erfolges sehen.

In allen diesen Fällen aber bleibt doch stets die Bedingung, daß das feindliche Heer sich unter unseren Augen befindet und durch keine Avantgarde gedeckt ist.

Übrigens werden die meisten nächtlichen Gefechte so eingeleitet, daß sie mit Tagesanbruch endigen, so daß nur die Annäherung und der erste Anfall unter dem Schutze der Dunkelheit geschieht, weil der Angreifende auf diese Weise die Folgen der Verwirrung, in welche er den Gegner stürzt, besser benutzen kann; dagegen sind Gefechte, welche erst mit Tagesanbruch anfangen, und wo die Nacht also bloß zur Annäherung benutzt wird, nicht mehr zu den nächtlichen zu zählen.

 << Kapitel 50  Kapitel 52 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.