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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 133
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Achtes Kapitel: Beschränktes Ziel. Verteidigung

Das endliche Ziel der Verteidigungskriege kann niemals eine absolute Negation sein, wie wir es schon früher gesagt haben. Es muß auch für den Schwächsten irgend etwas geben, womit er seinem Gegner empfindlich werden, ihn bedrohen kann.

Zwar könnte man sagen, dieses Ziel könne im Ermüden des Gegners bestehen, denn da dieser das Positive will, so ist im Grunde jede fehlgeschlagene Unternehmung, wenn sie auch keine andere Folgen hat als den Verlust der darauf verwendeten Kräfte, schon ein Zurückschreiten, während der Verlust, welchen der Angegriffene erleidet, nicht vergeblich war, weil die Erhaltung sein Ziel war und dieses Ziel erreicht ist. So, würde man sagen, liegt für den Verteidiger in der bloßen Erhaltung sein positives Ziel. Diese Vorstellungsart könnte gelten, wenn man imstande wäre, zu sagen: der Angreifende muß nach einer bestimmten Anzahl vergeblicher Versuche ermüden und nachlassen. Allein diese Notwendigkeit fehlt eben. Sehen wir auf das reelle Erschöpfen der Kräfte, so ist der Verteidiger bei der Totalvergleichung im Nachteil. Der Angriff schwächt, aber nur in dem Sinn, daß es einen Umschwungspunkt geben kann; wo dieser gar nicht mehr gedacht wird, ist die Schwächung allerdings größer beim Verteidiger als beim Angreifenden: denn teils ist er der Schwächere, und bei gleicher Einbuße verliert er also mehr als der andere, teils nimmt ihm jener gewöhnlich einen Teil seiner Länder und Hilfsquellen.

Es kann also hieraus kein Grund des Nachlassens für den Gegner entnommen werden, und es bleibt immer nur die Vorstellung übrig, daß, wenn der Angreifende seine Streiche wiederholt, während der Verteidiger nichts tut, als sie abzuwehren, dieser die Gefahr, daß einer früher oder später gelingen könnte, durch kein Gegengewicht ausgleichen kann.

Wenn also auch wirklich die Erschöpfung oder vielmehr die Ermüdung des Stärkeren schon oft einen Frieden herbeigeführt hat, so liegt das in jener Halbheit, welche der Krieg meistens hat, und kann philosophisch nicht als das allgemeine und letzte Ziel irgendeiner Verteidigung gedacht werden, und es bleibt nichts übrig, als daß diese ihr Ziel in dem Begriff des Abwartens findet, der überhaupt ihr eigentliches Charakteristikon ist. Dieser Begriff schließt eine Veränderung der Umstände, eine Verbesserung der Lage in sich, die also da, wo sie durch innere Mittel, d. h. durch den Widerstand selbst, gar nicht erreicht werden kann, nur von außen zu erwarten ist. Diese Verbesserung von außen kann nun keine andere sein als andere politische Verhältnisse; es entstehen entweder für den Verteidiger neue Bündnisse, oder alte, die gegen ihn gerichtet waren, zerfallen.

Dies ist also das Ziel des Verteidigers, im Fall seine Schwäche ihm nicht erlaubt, an irgendeinen bedeutenden Rückstoß zu denken. So ist aber nicht jede Verteidigung nach dem Begriff, welchen wir davon gegeben haben. Nach diesem ist sie die stärkere Form des Krieges und kann also um dieser Stärke willen auch dann angewendet werden, wenn es auf einen mehr oder weniger starken Rückschlag abgesehen ist.

Diese beiden Fälle muß man von vornherein trennen, weil sie Einfluß auf die Verteidigung haben.

Im ersten Fall sucht der Verteidiger sein Land so lange wie möglich zu besitzen und intakt zu erhalten, weil er dabei die meiste Zeit gewinnt, und Zeit gewinnen der einzige Weg zum Ziel ist. Das positive Ziel, was er meist erreichen kann, was ihm Gelegenheit geben soll, seine Absicht beim Frieden durchzusetzen, kann er noch nicht in seines Kriegsplan aufnehmen. In dieser strategischen Passivität sind die Vorteile, welche er auf einzelnen Punkten erhalten kann, bloße abgewehrte Streiche; das Übergewicht, welches er auf diesen Punkten gewinnt, führt er auf andere Punkte über, denn gewöhnlich ist da Not an allen Ecken und Orten; hat er dazu keine Gelegenheit, so bleibt ihm oft nur der kleine Gewinn übrig, daß der Feind ihm eine Zeitlang Ruhe lassen wird.

Kleine Offensivunternehmungen, wobei es geringer auf einen bleibenden Besitz als auf einen einstweiligen Vorteil als Spielraum für spätere Einbuße abgesehen ist, Invasionen, Diversionen, Unternehmungen gegen eine einzelne Festung können, wenn der Verteidiger nicht allzuschwach ist, in diesem Verteidigungssystem Platz finden, ohne das Ziel und Wesen desselben zu ändern.

Im zweiten Fall aber, wo der Verteidigung schon eine positive Absicht eingeimpft ist, nimmt sie auch mehr den positives Charakter an, und zwar um so mehr, je größer der Rückstoß ist, welchen die Verhältnisse zulassen. Mit anderen Worten: je mehr die Verteidigung aus freier Wahl entstanden ist, um den ersten Stoß sicher zu führen, um so kühnere Schlingen darf der Verteidiger dem Gegner legen. Das Kühnste und, wenn es gerät, Wirksamste ist der Rückzug ins Innere des Landes; und dieses Mittel ist dann zugleich dasjenige, welches von dem anderen System am weitesten entfernt ist.

Man denke nur an die Verschiedenheit der Lage, in welcher sich Friedrich der Große im Siebenjährigen Kriege und Rußland im Jahr 1812 befunden haben.

Als der Krieg anfing, hatte Friedrich durch seine Schlagfertigkeit eine Art Überlegenheit; dies verschaffte ihm den Vorteil, sich Sachsens zu bemächtigen, welches übrigens so sehr ein natürliches Complement seines Kriegstheaters war, daß der Besitz desselben seine Streitkräfte nicht verminderte, sondern vermehrte.

Bei Eröffnung des Feldzuges von 1757 suchte er seines strategischen Angriff fortzusetzen, welches, solange die Russen und Franzosen noch nicht auf dem Kriegstheater von Schlesien, der Mark und Sachsen angekommen waren, nicht unmöglich war. Der Angriff mißlang, er wurde für den übrigen Teil des Feldzuges auf die Verteidigung zurückgeworfen, mußte Böhmen wieder räumen und das eigene Kriegstheater vom Feinde befreien, welches ihm nur gelang, indem er sich mit einer und derselben Armee erst gegen die Österreicher wandte, und diesen Vorteil verdankte er nur der Verteidigung.

Im Jahr 1758, wo seine Feinde den Kreis schon enger um ihn gezogen hatten, und seine Streitkräfte anfingen, in ein sehr ungleiches Verhältnis zu kommen, wollte er noch eine kleine Offensive in Mähren versuchen; er gedachte Olmütz zu nehmen, ehe seine Gegner recht unter den Waffen wären; nicht in der Hoffnung, es zu behalten oder gar von da aus weiter vorzuschreiten, sondern es als ein Außenwerk, eine contre-approche gegen die Österreicher zu benutzen, die dann den übrigen Feldzug, vielleicht noch einen zweiten, darauf verwenden mußten, um es wieder zu nehmen. Auch dieser Angriff mißlang. Friedrich gab nun den Gedanken an jede wirkliche Offensive auf, weil er fühlte, wie sie nur das Mißverhältnis in den Streitkräften vermehrte. Eine zusammengezogene Aufstellung in der Mitte seiner Länder, in Sachsen und Schlesien, eine Benutzung der kurzen Linien, um die Streitkräfte plötzlich auf dem bedrohten Punkte zu vermehren, eine Schlacht, wo sie unvermeidlich wurde, kleine Invasionen, wo sich die Gelegenheit darbot, und demnächst ein ruhiges Abwarten, ein Aufsparen seiner Mittel für bessere Zeiten, war nun sein Kriegsplan im Großen. Nach und nach wurde die Ausführung immer passiver. Da er sah, daß auch die Siege ihm zu viel kosteten, so versuchte er es, mit wenigerem auszukommen; es kam ihm nur auf Zeitgewinn an, nur auf die Erhaltung dessen, was er noch besaß, er wurde mit dem Boden immer ökonomischer und scheute sich nicht, in ein wahrhaftes Kordonsystem überzugehen. Diesen Namen verdienen sowohl die Stellungen des Prinzen Heinrich in Sachsen als die des Königs im schlesischen Gebirge. In seines Briefen an den Marquis d'Argens sieht man die Ungeduld, mit der er den Winterquartieren entgegensieht, und wie froh er ist, wenn er sie wieder beziehen kann, ohne merklich eingebüßt zu haben.

Wer Friedrich hierin tadeln und darin nur seines gesunkenen Mut sehen wollte, würde, wie es uns scheint, ein sehr unüberlegtes Urteil fällen.

Wenn das verschanzte Lager von Bunzelwitz, die Postierungen des Prinzen Heinrich in Sachsen und des Königs im schlesischen Gebirge uns jetzt nicht mehr wie solche Maßnehmungen erscheinen, auf welche man seine letzte Hoffnung setzen kann, weil ein Bonaparte diese taktischen Spinngewebe bald durchstoßen würde, so muß man nicht vergessen, daß die Zeiten sich geändert haben, daß der Krieg ein ganz anderer geworden ist, von anderen Kräften belebt, und daß also damals Stellungen wirksam sein konnten, die es nicht mehr sind, daß aber auch der Charakter des Gegners Rücksicht verdient. Gegen die Reichsarmee, gegen Daun und Buturlin konnte der Gebrauch von Mitteln, die Friedrich selbst für nichts gehalten haben würde, die höchste Weisheit sein.

Der Erfolg hat diese Ansicht gerechtfertigt. Im ruhigen Abwarten hat Friedrich das Ziel erreicht und Schwierigkeiten umgangen, gegen die seine Kraft zerschellt sein würde. -

Das Verhältnis der Streitkräfte, welche die Russen den Franzosen im Jahr 1812 bei Eröffnung des Feldzuges entgegenzustellen hatten, war noch viel ungünstiger, als es für Friedrich dem Großen im Siebenjährigen Kriege gewesen war. Allein die Russen hatten die Aussicht, sich im Laufe des Feldzuges beträchtlich zu verstärken. Bonaparte hatte ganz Europa zu heimlichen Feinden, seine Macht war auf den äußersten Punkt hinaufgeschraubt, ein verzehrender Krieg beschäftigte ihn in Spanien, und das weite Rußland erlaubte, durch einen hundert Meilen langen Rückzug die Schwächung der feindlichen Streitkräfte aufs äußerste zu treiben. Unter diesen großartigen Umständen war nicht allein auf einen starken Rückschlag zu rechnen, wenn das französische Unternehmen nicht gelang (und wie konnte es gelingen, wenn der Kaiser Alexander nicht Friede machte oder seine Untertanen nicht rebellierten?), sondern dieser Rückschlag konnte auch den Untergang des Gegners herbeiführen. Die höchste Weisheit hätte also keinen besseren Kriegsplan angeben können, als derjenige war, welchen die Russen unabsichtlich befolgten.

Daß man damals nicht so dachte und eine solche Ansicht für eine Extravaganz gehalten haben würde, ist für uns jetzt kein Grund, sie nicht als die richtige aufzustellen. Sollen wir aus der Geschichte lernen, so müssen wir die Dinge, weiche sich wirklich zugetragen haben, doch auch für die Folge als möglich ansehen, und daß die Reihe der großen Begebenheiten, die dem Marsch auf Moskau gefolgt sind, nicht eine Reihe von Zufällen ist, wird jeder einräumen, der auf ein Urteil in solchen Dingen Anspruch machen kann. Wäre es den Russen möglich gewesen, ihre Grenzen notdürftig zu verteidigen, so wäre zwar ein Sinken der französischen Macht und ein Umschwung des Glückes immer wahrscheinlich geblieben, aber er wäre gewiß nicht so gewaltsam und entscheidend eingetreten. Mit Opfern und Gefahren (die freilich für jedes andere Land viel größer, für die meisten unmöglich gewesen wären) hat Rußland diesen ungeheuren Vorteil gekauft.

So wird man immer einen großen positiven Erfolg nur durch positive, auf Entscheidung und nicht auf bloßes Abwarten gerichtete Maßregeln herbeiführen, kurz, man erhält auch in der Verteidigung den großen Gewinn nur durch einen hohen Einsatz.

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