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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 132
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Siebentes Kapitel: Beschränktes Ziel. Angriffskrieg

Selbst dann, wenn auch nicht die Niederwerfung des Gegners das Ziel sein kann, kann es doch noch ein unmittelbar positives sein, und dieses positive Ziel kann also nur in der Eroberung eines Teiles der feindlichen Länder bestehen.

Der Nutzen einer solchen Eroberung besteht darin, daß wir die feindlichen Staatskräfte, folglich auch seine Streitkräfte, schwächen und die unserigen vermehren; daß wir also den Krieg zum Teil auf seine Kosten führen. Ferner, daß beim Friedensschluß der Besitz feindlicher Provinzen als ein barer Gewinn anzusehen ist, weil wir sie entweder behalten oder andere Vorteile dafür eintauschen können.

Diese Ansicht von einer Eroberung des feindlichen Staates ist sehr natürlich und würde nichts gegen sich haben, wenn nicht der Verteidigungszustand, welcher dem Angriff folgen muß, häufig Bedenken erregen könnte.

In dem Kapitel vom Kulminationspunkt des Sieges haben wir hinreichend auseinandergesetzt, auf welche Weise eine solche Offensive die Streitkräfte schwächt, und daß ihr ein Zustand folgen kann, der gefährliche Folgen besorgen läßt.

Diese Schwächung unserer Streitkraft durch die Eroberung eines feindlichen Landstriches hat ihre Grade, und diese hängen am meisten von der geographischen Lage eines solchen Landstriches ab. Je mehr er ein Supplement unserer eigenen Länder ist, innerhalb derselben liegt oder sich an ihnen hinzieht, je mehr er in der Richtung der Hauptkräfte liegt, um so weniger wird er unsere Streitkraft schwächen. Sachsen, im Siebenjährigen Kriege, war ein natürliches Supplement des preußischen Kriegstheaters, und die Streitkraft Friedrichs des Großen wurde durch die Besetzung desselben nicht bloß nicht vermindert, sondern verstärkt, weil es Schlesien näher liegt als der Mark und diese doch zugleich deckt.

Selbst Schlesien, nachdem Friedrich der Große im Jahr 1740 und 1741 es einmal erobert hatte, schwächte seine Streitkräfte nicht, denn seiner Gestalt und Lage sowie der Beschaffenheit seiner Grenze nach bot es den Österreichern nur eine schmale Spitze dar, solange sie nicht Meister von Sachsen waren, und dieser schmale Punkt des Kontaktes lag ohnehin noch in der Richtung, welche die gegenseitigen Hauptstöße nehmen mußten.

Wenn dagegen der eroberte Landstrich sich mitten zwischen die anderen feindlichen Provinzen hineinstreckt, eine exzentrische Lage hat und eine ungünstige Gestalt des Bodens, so wächst die Schwächung so sichtbar, daß nicht bloß eine siegreiche Schlacht dem Feinde erleichtert, sondern daß diese für ihn unnötig wird.

Die Österreicher haben jedesmal die Provence ohne Schlacht räumen müssen, wenn sie von Italien aus einen Versuch darauf gemacht haben. Die Franzosen im Jahr 1744 dankten Gott, aus Böhmen zu entkommen, auch ohne eine Schlacht verloren zu haben. Friedrich der Große konnte sich 1758 in Böhmen und Mähren nicht halten mit derselben Streitkraft, die ihm im Jahr 1757 in Schlesien und Sachsen so glänzende Erfolge gegeben hatte. Überhaupt gehören die Beispiele von Armeen, die sich in dem eroberten Landstrich nicht halten konnten, bloß weil ihre Streitkraft dadurch geschwächt wurde, zu dem gewöhnlichen Vorkommen, und es ist also nicht der Mühe wert, noch andere davon herauszuheben.

Es kommt also bei der Frage, ob wir uns ein solches Ziel stecken sollen, darauf an, ob wir uns versprechen können, im Besitz der Eroberung zu bleiben, oder ob ein vorübergehender Besitz (Invasion, Diversion) die darauf verwendeten Kräfte hinreichend vergilt, besonders, ob nicht ein starker Rückschlag zu befürchten ist, der uns ganz aus dem Gleichgewicht wirft. Wie vieles bei dieser Frage in jedem einzelnen Fall zu überlegen ist, davon haben wir im Kapitel von dem Kulminationspunkt gesprochen.

Nur eines müssen wir noch hinzufügen.

Eine solche Offensive ist nicht immer geeignet, dasjenige wieder einzubringen, was wir auf anderen Punkten verlieren. Während wir uns mit einer Teileroberung beschäftigen, kann der Feind auf anderen Punkten dasselbe tun, und wenn unser Unternehmen nicht von einer überwiegenden Wichtigkeit ist, so wird der Feind dadurch nicht gezwungen werden, das seinige aufzugeben. Es kommt also auf eine reifliche Überlegung an, ob wir auf der einen Seite nicht mehr verlieren, als wir auf der anderen gewinnen.

An und für sich verliert man immer mehr durch die feindliche Eroberung, als man durch die eigene gewinnt, wenn auch der Wert beider Provinzen genau derselbe sein sollte, weil eine Menge von Kräften gewissermaßen als feux froids außer Wirksamkeit kommen. Allein da dies auch der Fall beim Gegner ist, so sollte dies eigentlich kein Grund sein, mehr auf die Erhaltung als auf die Eroberung bedacht zu sein. Und doch ist es so. Die Erhaltung des Eigenen liegt immer näher, und der eigene Schmerz, den unser Staat erleidet, wird nur dann durch die Vergeltung aufgewogen und gewissermaßen neutralisiert, wenn diese merkliche Prozente verspricht, d. h. viel größer ist.

Die Folge von allem ist: daß ein solcher strategischer Angriff, der nur ein mäßiges Ziel hat, sich viel weniger von der Verteidigung der anderen, durch ihn nicht unmittelbar gedeckten Punkte losmachen kann als einer, der gegen den Schwerpunkt des feindlichen Staates gerichtet ist; es kann also in ihm auch die Vereinigung der Kräfte in Zeit und Ort niemals so weit getrieben werden. Damit sie nun wenigstens in der Zeit stattfinden könne, so entsteht das Bedürfnis, von allen einigermaßen dazu geeigneten Punkten angriffsweise, und zwar gleichzeitig, vorzugehen, und es entgeht also diesem Angriff der andere Vorteil, daß er sich durch die Verteidigung auf einzelnen Punkten mit weit geringeren Kräften behelfen könnte. Auf diese Weise stellt sich bei einem so mittelmäßigen Ziele alles mehr im Niveau; der ganze kriegerische Akt kann nicht mehr in eine Haupthandlung zusammengedrängt und diese nach Hauptgesichtspunkten geleitet werden; er breitet sich mehr aus, überall wird die Friktion größer und überall dem Zufall mehr Feld eingeräumt.

Dies ist die natürliche Tendenz der Sache. Der Feldherr wird durch sie heruntergezogen, immer mehr neutralisiert. Je mehr er sich fühlt, je mehr innere Hilfsmittel und äußere Gewalt er hat, um so mehr wird er suchen, sich von dieser Tendenz loszumachen, um einem einzelnen Punkt eine vorherrschende Wichtigkeit zu geben, sollte es auch nur durch ein größeres Wagen möglich werden.

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