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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 123
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Einundzwanzigstes Kapitel: Invasion

Was wir davon zu sagen haben, besteht fast nur in der Worterklärung. Wir finden den Ausdruck in den neueren Schriftstellern sehr häufig gebraucht und sogar mit der Prätension, etwas Eigentümliches dadurch zu bezeichnen, - guerre d'invasion kommt bei den Franzosen unaufhörlich vor. Sie bezeichnen damit jeden in das feindliche Land weit vorgehenden Angriff und möchten ihn allenfalls als Gegensatz aufstellen und von einem methodischen, d. h. einem, der nur an der Grenze nagt. Aber dies ist ein unphilosophischer Sprachwirrwarr. Ob ein Angriff an der Grenze bleiben, tief in das feindliche Land vordringen, ob er sich mit der Einnahme der festen Plätze vor allem beschäftigen oder den Kern der feindlichen Macht aufsuchen und unablässig verfolgen soll, hängt nicht von einer Manier ab, sondern ist Folge der Umstände, wenigstens kann die Theorie es nicht anders einräumen. In gewissen Fällen kann das weite Vordringen methodischer und sogar vorsichtiger sein als das Verweilen an der Grenze, in den meisten Fällen aber ist es nichts anderes als eben der glückliche Erfolg eines mit Kraft unternommenen Angriffs und folglich von diesem nicht verschieden.

Über den Kulminationspunkt des SiegesVergl. das vierte und fünfte Kapitel.

Nicht in jedem Kriege ist der Sieger imstande, den Gegner völlig niederzuwerfen. Es tritt oft und meistens ein Kulminationspunkt des Sieges ein. Die Masse der Erfahrungen zeigt dies hinlänglich; weil aber der Gegenstand für die Theorie des Krieges besonders wichtig und der Stützpunkt fast aller Feldzugspläne ist, weil dabei auf seiner Oberfläche wie bei schillernden Farben ein Lichtspiel von scheinbaren Widersprüchen schwebt, so wollen wir ihn schärfer ins Auge fassen und uns mit den inneren Gründen beschäftigen.

Der Sieg entspringt in der Regel schon aus einem Übergewicht der Summe aller physischen und moralischen Kräfte, unstreitig vermehrt er dieses Übergewicht, denn sonst würde man ihn nicht suchen und teuer erkaufen. Dies tut der Sieg selbst unbedenklich, auch seine Folgen tun es, aber diese nicht bis ans äußerste Ende, sondern meistens nur bis auf einen gewissen Punkt. Dieser Punkt kann sehr nahe liegen und liegt zuweilen so nahe, daß die ganzen Folgen der siegreichen Schlacht sich auf die Vermehrung der moralischen Überlegenheit beschränken können. Wie das zusammenhängt, haben wir zu untersuchen.

In dem Fortschreiten des kriegerischen Aktes begegnet die Streitkraft unaufhörlich Elementen, die sie vergrößern, und anderen, die sie verringern. Es kommt also auf das Übergewicht an. Da jede Verminderung der Kraft als eine Vermehrung der feindlichen anzusehen ist, so folgt hieraus von selbst, daß dieser doppelte Strom von Zu- und Abfluß beim Vorgehen wie beim Zurückgehen stattfinde.

Es kommt darauf an, die hauptsächlichste Ursache dieser Veränderung in dem einen Fall zu untersuchen, um über den anderen mit entschieden zu haben.

Beim Vorgehen sind die hauptsächlichsten Ursachen der Verstärkung:

1. der Verlust, welchen die feindliche Streitkraft erleidet, weil er gewöhnlich größer ist als der unserige;

2. der Verlust, welchen der Feind an toten Streitkräften als Magazinen, Depots, Brücken usw. erleidet, und den wir gar nicht mit ihm teilen;

3. von dem Augenblick an, wo wir das feindliche Gebiet betreten, der Verlust von Provinzen, folglich von Quellen neuer Streitkraft;

4. für uns der Gewinn eines Teiles dieser Quellen; mit anderen Worten: der Vorteil, auf Kosten des Feindes zu leben;

5. der Verlust des inneren Zusammenhanges und der regelmäßigen Bewegung aller Teile beim Feinde;

6. die Verbündeten des Gegners lassen von ihm los, und andere wenden sich uns zu;

7. endlich Mutlosigkeit des Gegners, wobei ihm die Waffen zum Teil aus den Händen fallen.

Die Ursachen der Schwächung sind:

1. daß wir genötigt sind, feindliche Festungen zu belagern, zu berennen oder zu beobachten; oder daß der Feind vor dem Siege dasselbe tat und beim Rückzug diese Korps an sich zieht;

2. von dem Augenblick an, wo wir das feindliche Gebiet betreten, ändert sich die Natur des Kriegstheaters, es wird feindlich; wir müssen dasselbe besetzen, denn es gehört uns nur so weit, wie wir es besetzt haben, und doch bietet es der ganzen Maschine überall Schwierigkeiten dar, die notwendig zur Schwächung ihrer Wirkungen führen müssen;

3. wir entfernen uns von unseren Quellen, während der Gegner sich den seinigen nähert; dies verursacht Aufenthalt in dem Ersatz der ausgegebenen Kräfte;

4. die Gefahr des bedrohten Staates ruft andere Mächte zu seinem Schutz auf;

5. endlich größere Anstrengung des Gegners wegen der Größe der Gefahr, dagegen ein Nachlassen in den Anstrengungen von seiten des siegenden Staates.

Alle diese Vorteile und Nachteile können miteinander bestehen, sich gewissermaßen einander begegnen und ihren Weg in entgegengesetzter Richtung fortsetzen. Nur die letzten begegnen sich wie wahre Gegensätze, können nicht aneinander vorbei, schließen also einander aus. Dies allein schon zeigt, wie unendlich verschieden die Wirkungen des Sieges sein können, je nachdem sie den Gegner betäuben oder zu größerer Kraftanstrengung drängen.

Wir wollen jeden der einzelnen Punkte mit ein paar Bemerkungen zu charakterisieren versuchen.

1. Der Verlust der feindlichen Streitkraft nach einer Niederlage kann im ersten Augenblick am stärksten sein und dann täglich geringer werden, bis er auf einen Punkt kommt, wo er mit dem unserigen ins Gleichgewicht tritt, er kann aber auch mit jedem Tage in steigender Progression wachsen. Die Verschiedenheit der Lagen und Verhältnisse entscheidet. Allgemein kann man bloß sagen, daß bei einem guten Heere das erstere, bei einem schlechten das andere gewöhnlicher sein wird; nächst dem Geist des Heeres ist der Geist der Regierung das Wichtigste dabei. Es ist im Kriege sehr wichtig, beide Fälle zu unterscheiden, um nicht aufzuhören, wo man erst recht anfangen sollte und umgekehrt.

2. Ebenso kann der Verlust des Feindes in toten Streitkräften ab- und zunehmen, und dies hängt von der zufälligen Lage und Beschaffenheit seiner Vorratsörter ab. Dieser Gegenstand kann sich übrigens seiner Wichtigkeit nach heutiges Tages nicht mehr mit den anderen messen.

3. Der dritte Vorteil muß notwendig mit dem Vorschreiten im Steigen bleiben, ja man kann sagen, daß er überhaupt erst in Betrachtung kommt, wenn man schon tief in den feindlichen Staat vorgedrungen ist, d. h. ein Viertel bis ein Drittel seiner Länder hinter sich hat. Übrigens kommt dabei noch der innere Wert in Betrachtung, den die Provinzen in Beziehung auf den Krieg haben.

Ebenso muß der 4. Vorteil mit dem Vorschreiten wachsen.

Aber es ist von diesen beiden letzten zu bemerken, daß ihr Einfluß auf die im Kampf begriffenen Streitkräfte selten schnell fühlbar ist, sondern daß sie erst langsamer auf einem Umwege wirken, und daß man also um ihrer willen den Bogen nicht zu scharf spannen, d. h. sich in keine zu gefährliche Lage begeben soll.

Der 5. Vorteil kommt wieder erst in Betrachtung, wenn man schon bedeutend vorgeschritten ist und die Gestalt des feindlichen Landes Gelegenheit gibt, einige Provinzen von der Hauptmasse zu trennen, die dann wie abgebundene Glieder bald abzusterben pflegen.

Von dem 6. und 7. ist es wenigstens wahrscheinlich, daß sie mit dem Vorschreiten wachsen, wir werden übrigens von beiden weiter unten sprechen.

Gehen wir jetzt zu den Schwächungsursachen über.

1. Das Belagern, Berennen und Einschließen der Festungen wird in den meisten Fällen mit dem Vorschreiten wachsen. Diese Schwächung allein wirkt auf den augenblicklichen Stand der Streitkräfte so mächtig, daß sie in dieser Beziehung leicht alle Vorteile aufwiegen kann. Freilich hat man in neueren Zeiten angefangen, Festungen mit sehr wenigem Volk zu berennen oder gar mit noch wenigerem zu beobachten; auch muß der Feind diese Festungen mit Besatzungen versehen. Nichtsdestoweniger bleibt es ein wichtiges Sicherungsprinzip. Die Besatzungen bestehen gewöhnlich zur Hälfte aus Leuten, die vorher nicht mitspielten; vor denjenigen, welche an der Verbindungsstraße liegen, muß man doch das Doppelte der Besatzung zurücklassen, und will man nur eine einzige bedeutende förmlich belagern oder aushungern, so kostet sie eine kleine Armee.

2. Die zweite Ursache, die Einrichtung eines Kriegstheaters im feindlichen Lande, wächst notwendig mit dem Vorschreiten und ist, wenn auch nicht für den augenblicklichen Stand der Streitkräfte, doch für die dauernde Lage derselben noch wirksamer als die zweite.

Nur denjenigen Teil des feindlichen Landes können wir als unser Kriegstheater betrachten, den wir besetzt, d. h. wo wir entweder kleine Korps im freien Felde oder hin und wieder Besatzungen in den beträchtlichsten Städten, auf den Etappenörtern usw. gelassen haben; wie klein nun auch die Garnisonen sind, die wir zurücklassen, so schwächt es doch die Streitkraft beträchtlich. Aber dies ist das geringste.

Jede Armee hat strategische Flanken, nämlich die Gegend, welche sich auf beiden Seiten ihrer Verbindungslinien hinzieht; weil die feindliche Armee sie aber gleichfalls hat, so ist die Schwäche dieser Teile nicht fühlbar. Dies ist aber nur der Fall im eigenen Lande; sowie man sich im feindlichen befindet, wird die Schwäche dieser Teile fühlbar, weil bei einer sehr langen, wenig oder gar nicht gedeckten Linie die unbedeutendste Unternehmung einigen Erfolg verspricht und diese überall aus einer feindlichen Gegend hervorgehen kann.

Je weiter man vordringt, um so länger werden diese Flanken, und die daraus entstehende Gefahr wächst in steigender Progression; denn nicht bloß sind sie schwer zu decken, sondern der Unternehmungsgeist der Feindes wird auch hauptsächlich erst durch die langen ungesicherten Verbindungslinien hervorgerufen, und die Folgen, welche ihr Verlust im Fall eines Rückzuges haben kann, sind höchst bedenklich.

Alles dieses trägt dazu bei, der vorschreitenden Armee mit jedem Schritt, den sie weiter tut, ein neues Gewicht anzuhängen, so daß, wenn sie nicht mit einer ungewöhnlichen Überlegenheit angefangen hat, sie sich nach und nach immer mehr beengt in ihren Plänen, immer mehr geschwächt in ihrer Stoßkraft und zuletzt ungewiß und besorglich in ihrer Lage fühlt.

3. Die dritte Ursache, die Entfernung von der Quelle, aus welcher die unaufhörlich sich schwächende Streitkraft auch unaufhörlich ergänzt werden muß, steigt mit der Entfernung. Eine erobernde Armee gleicht hierin dem Licht einer Lampe; je weiter sich das nährende Öl hinuntersenkt und vom Fokus entfernt, um so kleiner wird dieser, bis er nachher ganz erlischt.

Freilich kann der Reichtum eroberter Provinzen dieses Übel sehr vermindern, doch niemals ganz aufheben, weil es immer eine Menge Gegenstände gibt, die man von Hause kommen lassen muß, namentlich Menschen, weil die Leistungen des feindlichen Landes in der Allgemeinheit der Fälle nicht so schnell und sicher sind als die im eigenen Lande, weil für ein unvermutet entstehendes Bedürfnis nicht so schnell Hilfe geschafft werden kann, weil Mißverständnisse und Fehler aller Art nicht so früh entdeckt und verbessert werden können.

Führt der Fürst sein Heer nicht selbst an, wie das in den letzten Kriegen Sitte geworden, ist er demselben nicht mehr nahe, so entsteht noch ein neuer, sehr großer Nachteil aus dem Zeitverlust, den das Hin- und Herfragen mit sich bringt, denn die größte Vollmacht eines Heerführers kann den weiten Raum seines Wirkungskreises nicht ausfüllen.

4. Die Veränderung der politischen Verbindungen. Sind diese Veränderungen, welche der Sieg hervorruft, von der Art, daß sie dem Sieger nachteilig sein werden, so werden sie wahrscheinlich mit seinen Fortschritten im geraden Verhältnis stehen, ebenso wie das der Fall ist, wenn sie ihm günstig sind. Hier kommt alles auf die bestehenden politischen Verbindungen, Interessen, Gewohnheiten Richtungen, auf Fürsten, Minister, Günstlinge und Maitressen usw. an. Allgemein kann man nur sagen, daß, wenn ein großer Staat besiegt wird, der kleinere Bundesgenossen hat, diese bald das Reißaus zu nehmen pflegen, und daß dann der Sieger in dieser Beziehung mit jedem Schlage stärker wird; ist aber der besiegte Staat kleiner, so werden sich viel eher Beschützer aufwerfen, wenn er in seinem Dasein bedroht wird, und andere, die geholfen haben, ihn zu erschüttern, werden umkehren, wenn sie glauben, daß es zu viel wird.

5. Der größere Widerstand, welcher beim Feinde hervorgerufen wird. Einmal fallen dem Feinde die Waffen aus den Händen vor Schreck und Betäubung, ein andermal ergreift ihn ein enthusiastischer Paroxismus, alles eilt zu den Waffen, und der Widerstand ist nach der ersten Niederlage viel größer als vor derselben. Der Charakter des Volkes und der Regierung, die Natur des Landes, die politischen Verbindungen desselben sind die Daten, aus denen das Wahrscheinliche erraten werden muß.

Wie unendlich verschieden machen diese beiden letzten Punkte allein die Pläne, welche man im Kriege in dem einen und dem anderen Fall machen darf und machen soll! Während der eine durch Ängstlichkeit und sogenanntes methodisches Verfahren sein bestes Glück verscherzt, plumpst der andere bis über die Ohren hinein und sieht dann hinterher aus wie einer, den man eben aus dem Wasser gezogen hat, ganz bestürzt und verwundert.

Noch müssen wir hier der Erschlaffung gedenken, welche bei dem Sieger nicht selten dann zu Hause eintritt, wenn die Gefahr entfernt ist, während doch umgekehrt neue Anstrengungen nötig wären, um den Sieg zu unterstützen. Wirft man einen allgemeinen Blick auf diese verschiedenen einander entgegengesetzten Prinzipien, so ergibt sich ohne Zweifel, daß die Benutzung des Sieges, das Vorschreiten in dem Angriffskriege in der Allgemeinheit der Fälle die Überlegenheit vereinzelt, mit welcher man angefangen oder die man durch den Sieg erworben hat.

Hier muß uns notwendig die Frage einfallen - wenn dem so ist, was treibt nun den Sieger zum Verfolgen seiner Siegesbahn, zum Vorschreiten in der Offensive? Und kann dies wirklich noch eine Benutzung des Sieges genannt werden? Wäre es nicht besser, da innezuhalten, wo noch gar keine Verringerung des erhaltenen Übergewichts stattgefunden hat?

Hierauf muß man natürlich antworten: das Übergewicht der Streitkräfte ist nicht der Zweck, sondern das Mittel. Der Zweck ist entweder, den Feind niederzumachen, oder ihm wenigstens einen Teil seiner Länder zu nehmen, um sich dadurch zwar nicht für den augenblicklichen Stand der Streitkräfte, aber doch für den Stand des Krieges und des Friedens in den Vorteil zu setzen. Selbst wenn wir den Gegner ganz niederwerfen wollen, müssen wir uns gefallen lassen, daß vielleicht jeder Schritt vorwärts unsere Überlegenheit schwächt, woraus aber nicht notwendig folgt, daß sie vor dem Fall des Gegners Null werden müsse; der Fall des Gegners kann vorher eintreten, und ließe sich dieser mit dem letzten Minimum des Übergewichts erreichen, so wäre es ein Fehler, dieses nicht darangewendet zu haben.

Das Übergewicht also, welches man im Kriege hat oder erwirbt, ist nur das Mittel, nicht der Zweck und muß für diesen darangesetzt werden. Aber man muß den Punkt kennen, wohin es reicht, um nicht über diesen hinauszugehen und, anstatt neue Vorteile, Schande zu ernten.

Daß es sich mit dem Erschöpfen des strategischen Übergewichts in dem strategischen Angriff also verhält, darüber brauchen wir besondere Fälle der Erfahrung nicht anzuführen; die Masse der Erscheinungen hat uns vielmehr gedrängt, die inneren Gründe dafür aufzusuchen. Nur seit Bonapartes Erscheinen kennen wir Feldzüge unter gebildeten Völkern, wo das Übergewicht ununterbrochen bis zum Fall des Gegners führte; vor ihm endigte jeder Feldzug damit, daß die siegende Armee einen Punkt zu gewinnen suchte, wo sie sich mit dem bloßen Gleichgewicht erhalten konnte, und daß in diesem die Bewegung des Sieges aufhörte oder auch wohl, daß gar ein Rückzug notwendig wurde. Dieser Kulminationspunkt des Sieges wird nun auch in der Folge in allen Kriegen vorkommen, wo das Niederwerfen des Gegners nicht das kriegerische Ziel sein kann, und so werden doch immer die meisten Kriege sein. Es ist also das natürliche Ziel aller einzelnen Feldzugspläne der Wendepunkt des Angriffs zur Verteidigung.

Nun ist aber das Überschreiten dieses Zieles nicht etwa bloß eine unnütze Kraftanstrengung, die keinen Erfolg mehr gibt, sondern eine verderbliche, welche Rückschläge verursacht, und diese Rückschläge sind nach einer ganz allgemeinen Erfahrung immer von unverhältnismäßiger Wirkung. Diese letztere Erscheinung ist so allgemein, scheint so naturgemäß und dem inneren Menschen verständlich, daß wir uns überheben können, die Ursachen davon umständlich anzugeben. Mangel an Einrichtung in dem eben eroberten Lande und der starke Gegensatz, welchen ein bedeutender Verlust gegen den erwarteten neuen Erfolg in den Gemütern bildet, sind in jedem Fall die hauptsächlichsten. Die moralischen Kräfte, Ermutigung auf der einen Seite, die oft bis zum Übermut steigt, Niedergeschlagenheit auf der anderen bekommen hier gewöhnlich ein ungewöhnlich lebhaftes Spiel. Die Verluste beim Rückzug werden dadurch größer, und man dankt in der Regel dem Himmel, wenn man mit der Rückgabe des Eroberten davonkommt, ohne Einbuße vom eigenen Lande zu leiden.

Hier müssen wir einen anscheinenden Widerspruch beseitigen, welcher sich zu ergeben scheint.

Man sollte nämlich glauben, daß, solange das Vorschreiten im Angriff seinen Fortgang hat, auch noch Überlegenheit vorhanden sei, und da die Verteidigung, welche am Ende der Siegeslaufbahn eintritt, eine stärkere Form des Krieges ist als der Angriff, so sei um so weniger Gefahr, daß man unversehens der Schwächere werde. Und doch ist dem also, und wir müssen [gestehen], wenn wir die Geschichte im Auge haben, daß oft die größte Gefahr des Umschwunges erst eintritt in dem Augenblick, wo der Angriff nachläßt und in Verteidigung übergeht. Wir wollen uns nach dem Grunde umsehen.

Die Überlegenheit, welche wir der verteidigenden Kriegsform zugeschrieben haben, liegt:

1. in der Benutzung der Gegend;

2. in dem Besitz eines eingerichteten Kriegstheaters;

3. in dem Beistand des Volkes;

4. in dem Vorteil des Abwartens.

Es ist klar, daß diese Prinzipe nicht immer im gleichen Maße vorhanden und wirksam sein werden, und daß folglich eine Verteidigung der anderen nicht immer gleich ist, daß folglich such die Verteidigung nicht immer dieselbe Überlegenheit über den Angriff haben wird. Namentlich muß dies der Fall sein bei einer Verteidigung, die nach einem erschöpften Angriff eintritt, und deren Kriegstheater gewöhnlich an der Spitze eines weit vorgeschobenen Offensivdreieckes zu liegen kommt. Diese behält von den genannten vier Prinzipien nur das erste, die Benutzung der Gegend, unverändert, das zweite fällt meistens ganz weg, das dritte wird negativ und das vierte wird sehr geschwächt. Nur über das letzte ein paar Worte zur Erläuterung.

Wenn nämlich das eingebildete Gleichgewicht, in welchem oft ganze Feldzüge erfolglos verstreichen, weil der, an welchem das Handeln ist, nicht die notwendige Entschlossenheit besitzt, und worin wir den Vorteil des Abwartens finden, - wenn dieses Gleichgewicht durch einen Offensivakt gestört, das feindliche Interesse verletzt, sein Wille zum Handeln hingedrängt ist, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß er in müßiger Unentschlossenheit bleiben werde, sehr verringert. Eine Verteidigung, die man auf erobertem Boden einrichtet, hat einen viel mehr herausfordernden Charakter als eine bei sich zu Haus; es wird ihr gewissermaßen das offensive Prinzip eingeimpft und ihre Natur dadurch geschwächt. Die Ruhe, welche Daun Friedrich II. in Schlesien und Sachsen gönnte, würde er ihm in Böhmen nicht gestattet haben.

Es ist also klar, daß die Verteidigung, welche in eine Offensivunternehmung verflochten ist, in allen ihren Hauptprinzipien geschwächt sein und also nicht mehr die Überlegenheit über diese haben wird, welche ihr ursprünglich zukommt.

Wie kein Verteidigungsfeldzug aus bloßen Verteidigungselementen zusammengesetzt ist, so besteht auch kein Angriffsfeldzug aus lauter Angriffselementen, weil außer den kurzen Zwischenperioden eines jeden Feldzuges, in welchen beide Heere sich in der Verteidigung befinden, jeder Angriff, der nicht bis zum Frieden reicht, notwendig mit einer Verteidigung endigen muß.

Auf diese Weise ist es die Verteidigung selbst, welche zur Schwächung des Angriffs beiträgt. Dies ist so wenig eine müßige Spitzfindigkeit, daß wir es vielmehr als den hauptsächlichsten Nachteil des Angriffs betrachten, dadurch später in eine ganz unvorteilhafte Verteidigung versetzt zu werden.

Und hiermit ist denn erklärt, wie der Unterschied, welcher in der Stärke der offensiven und defensiven Kriegsform ursprünglich besteht, nach und nach geringer wird. Wir wollen nun noch zeigen, wie er ganz verschwinden und auf eine kurze Zeit in die entgegengesetzte Größe übergehen kann.

Will man uns erlauben, einen Hilfsbegriff aus der Natur herbeizurufen, so werden wir uns kürzer fassen können.

Es ist die Zeit, welche in der Körperwelt jede Kraft braucht, um sich wirksam zu zeigen. Eine Kraft, die hinreichend wäre, einen bewegten Körper aufzuhalten, wenn sie langsam und nach und nach angewendet wird, wird von ihm überwältigt werden, wenn es an Zeit fehlt. Dieses Gesetz der Körperwelt ist ein treffendes Bild für manche Erscheinung unseres inneren Lebens. Sind wir einmal zu einer gewissen Richtung des Gedankenzuges angeregt, so ist nicht jeder an sich hinreichende Grund imstande, eine Veränderung oder ein Innehalten hervorzubringen. Es ist Zeit, Ruhe, nachhaltiger Eindruck des Bewußtseins erforderlich. So ist es auch im Kriege. Hat die Seele einmal eine bestimmte Richtung fort zum Ziele oder zurückgewendet nach einem Rettungshafen, so geschieht es leicht, daß die Gründe, welche den einen zum Innehalten nötigen, den anderen zum Unternehmen berechtigen, nicht leicht in ihrer ganzen Stärke gefühlt werden, und da die Handlung indes fortschreitet, so kommt man im Strom der Bewegung über die Grenze des Gleichgewichts, über die Kulminationslinie hinaus, ohne es gewahr zu werden; ja es kann geschehen, daß dem Angreifenden, unterstützt von den moralischen Kräften, die vorzugsweise im Angriff liegen, das Weiterschreiten trotz der erschöpften Kraft weniger beschwerlich wird als das Innehalten, so wie Pferden, welche eine Last den Berg hinaufziehen. Hiermit glauben wir nun ohne inneren Widerspruch gezeigt zu haben, wie der Angreifende über denjenigen Punkt hinauskommen kann, der ihm im Augenblick des Innehaltens und der Verteidigung noch Erfolge, d. h. Gleichgewicht verspricht. Es ist also wichtig, beim Entwurf des Feldzuges diesen Punkt richtig festzuhalten, sowohl für den Angreifenden, damit er nicht über sein Vermögen unternehme, gewissermaßen Schulden mache, als für den Verteidiger, damit er diesen Nachteil, in welchen sich der Angreifende begeben hat, erkenne und benütze.

Werfen wir nun einen Blick zurück auf alle die Gegenstände, welche der Feldherr bei dieser Feststellung im Auge haben soll, und erinnern uns, daß er von den wichtigsten die Richtung und den Wert erst durch den Überblick vieler anderen nahen und entfernten Verhältnisse schätzen, gewissermaßen erraten muß - erraten, ob das feindliche Heer nach dem ersten Stoß einen festeren Kern, eine immer zunehmende Dichtigkeit zeigen, oder ob es wie die Bologneser Flaschen in Staub zerfallen wird, sobald man seine Oberfläche verletzt; - erraten, wie groß die Schwächung und Lähmung sein werde, die das Versiegen einzelner Quellen, das Unterbrechen einzelner Verbindungen im feindlichen Kriegsstaat hervorbringt; - erraten, ob der Gegner von dem brennenden Schmerz der Wunde, die er ihm geschlagen, ohnmächtig zusammensinkt oder wie ein verwundeter Stier zur Wut gesteigert wird; - erraten, ob die anderen Mächte erschreckt oder entrüstet sind, ob und welche politische Verbindungen sich lösen oder bilden werden - sagen wir uns, daß er dies alles und vieles andere mit dem Takt seines Urteiles treffen soll wie der Schütze sein Ziel, so müssen wir eingestehen, daß ein solcher Akt des menschlichen Geistes nichts Geringes sei. Tausend Abwege bieten sich dem Urteil, die sich hier- und dorthin verlaufen; und was die Menge, Verwicklung und Vielseitigkeit der Gegenstände nicht tun, das tut die Gefahr und Verantwortlichkeit.

Und so geschieht es denn, daß die große Mehrheit der Feldherren lieber weit hinter dem Ziel zurückbleibt, als sich ihm zu sehr zu nahen, und daß ein schöner Mut und hoher Unternehmungsgeist oft darüber hinausgerät und also seinen Zweck verfehlt. Nur wer mit geringen Mitteln Großes tut, hat es glücklich getroffen.

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