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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 121
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Neunzehntes Kapitel: Angriff einer feindlichen Armee in Quartieren

Wir haben in der Verteidigung diesen Gegenstand nicht gehabt, weil eine Quartierlinie nicht als ein Verteidigungsmittel betrachtet werden kann, sondern als ein bloßer Zustand des Heeres, und zwar als einer, der eine sehr geringe Schlachtfertigkeit mit sich führt. Wir haben uns also in Beziehung auf diese Schlachtfertigkeit mit dem begnügt, was wir im dreizehnten Kapitel des fünften Buches über diesen Zustand eines Heeres zu sagen hatten.

Hier beim Angriff aber haben wir eines feindlichen Heeres in Quartieren allerdings als eines besonderen Gegenstandes zu gedenken; denn teils ist ein solcher Angriff sehr eigentümlicher Art, teils kann er als ein strategisches Mittel von besonderer Wirksamkeit betrachtet werden. Es ist also hier nicht die Rede von dem Anfall eines einzelnen feindlichen Quartieres oder eines kleinen, in wenig Dörfer verteilten Korps, denn die Anordnungen dazu sind ganz taktischer Natur, sondern von dem Angriff einer bedeutenden, in mehr oder weniger ausgedehnte Quartiere verteilten Streitkraft, so daß nicht mehr der Überfall des einzelnen Quartieres selbst, sondern das Verhindern der Versammlung das Ziel ist.

Der Angriff einer feindlichen Armee in Quartieren ist also der Überfall einer nicht versammelten Armee. Soll der Überfall als gelungen betrachtet werden, so muß die feindliche Armee den vorher bestimmten Versammlungspunkt nicht mehr erreichen, also genötigt sein, einen anderen, weiter rückwärts gelegenen zu wählen; da dies Zurückverlegen im Augenblick der Not selten unter einem Tagemarsch, gewöhnlich aber mehrere betragen wird, so ist der Terrainverlust, welcher dadurch entsteht, nicht unbedeutend, und dies ist der erste Vorteil, welcher dem Angreifenden zuteil wird.

Nun kann aber dieser auf die allgemeinen Verhältnisse sich beziehende Überfall allerdings im Anfang zugleich Überfall einiger einzelner Quartiere sein; nur freilich nicht aller und nicht sehr vieler, weil schon das letztere ein solches Ausbreiten und Zerstreuen der Angriffsarmee voraussetzen würde, wie in keinem Fall ratsam wäre. Es können also nur die vordersten feindlichen Quartiere, welche in der Richtung der vorrückenden Kolonnen liegen, überfallen werden, und auch dies wird wohl selten bei vielen und im vollkommenen Maße gelingen, weil das Annähern einer bedeutenden Macht nicht so unbemerkt geschehen kann. Doch ist dieses Element des Angriffs keineswegs zu übersehen, und wir rechnen die Erfolge, welche daraus hervorgehen, als den zweiten Vorteil eines solchen Überfalles.

Ein dritter Vorteil sind die partiellen Gefechte, wozu der Feind veranlaßt wird, und in denen er große Verluste erleiden kann. Eine beträchtliche Truppenmasse versammelt sich nämlich nicht in einzelnen Bataillonen auf dem Hauptversammlungspunkt, sondern sie vereinigt sich gewöhnlich erst in Brigaden oder Divisionen oder doch in Korps, und diese Massen können dann nicht in eiligster Flucht nach dem Rendezvous eilen, sondern sie sind genötigt, wenn eine feindliche Kolonne an sie gerät, das Gefecht anzunehmen; nun können sie zwar darin als Sieger gedacht werden, wenn nämlich die angreifende Kolonne nicht stark genug war, aber selbst im Siegen verlieren sie Zeit, und überhaupt ist leicht begreiflich, daß ein Korps unter solchen Verhältnissen und bei der allgemeinen Tendenz, einen rückwärts gelegenen Punkt zu gewinnen, von seinem Siege keinen sonderlichen Gebrauch machen kann. Sie können aber auch geschlagen werden, und das ist an sich wahrscheinlicher, weil sie nicht die Zeit haben, sich zu einem guten Widerstand einzurichten. Es läßt sich also wohl denken, daß bei einem gut angelegten und ausgeführten Überfall der Angreifende durch diese partiellen Gefechte zu bedeutenden Trophäen kommen werde, die dann eine Hauptsache in dem allgemeinen Erfolg sein werden.

Endlich ist der vierte Vorteil und der Schlußstein des Ganzen eine gewisse momentane Desorganisation des feindlichen Heeres und eine Entmutigung desselben, die es selten erlauben, von den endlich versammelten Kräften Gebrauch zu machen, sondern gewöhnlich den Überfallenen nötigen, noch mehr Land zu räumen und überhaupt einen ganz anderen Abschnitt in seinen Operationen zu machen.

Dies sind die eigentümlichen Erfolge eines gelungenen Überfalles der feindlichen Quartiere, d. h. eines solchen, wo der Gegner nicht imstande gewesen ist, sein Heer ohne Verlust da zu versammeln, wo es in seinem Plane lag. Aber das Gelingen wird der Natur der Sache nach sehr viel Abstufungen haben, und so werden die Erfolge in einem Fall sehr bedeutend, in dem anderen kaum nennenswert sein. Aber selbst da, wo sie bedeutend sind, weil das Unternehmen sehr gut gelungen ist, werden sie doch selten den Erfolg einer gewonnenen Hauptschlacht geben, teils weil die Trophäen selten so groß sein werden, teils weil der moralische Eindruck nicht so hoch angeschlagen werden kann.

Dieses Gesamtresultat muß man im Auge haben, um sich nicht von einem solchen Unternehmen mehr zu versprechen, als es leisten kann. Manche halten es für das non plus ultra offensiver Wirksamkeit; das ist es aber, wie uns diese nähere Betrachtung und auch die Kriegsgeschichte lehrt, keineswegs.

Einer der glänzendsten Überfälle ist der, welchen der Herzog von Lothringen 1643 bei Tuttlingen gegen die französischen Quartiere unter dem General Rantzau unternahm. Das Korps war 16000 Mann stark, verlor den kommandierenden General und 7000 Mann. Es war eine vollkommene Niederlage. Der Mangel an allen Vorposten ließ diesen Erfolg zu.

Der Überfall, welchen Turenne im Jahr 1645 bei Mergentheim (Marienthal, wie die Franzosen es nennen) erlitt, war in seinen Wirkungen allerdings gleichfalls einer Niederlage gleich zu achten, denn er verlor von 8000 Mann 3000, welches hauptsächlich davon herrührte, daß er sich verleiten ließ, mit den versammelten Truppen einen unzeitigen Widerstand zu tun. Auf ähnliche Wirkungen kann man daher nicht oft rechnen; es war mehr der Erfolg eines schlecht überlegten Treffens als des eigentlichen Überfalles, denn Turenne hätte füglich dem Gefecht ausweichen und sich mit seinen in entlegenere Quartiere geschickten Truppen anderswo vereinigen können.

Ein dritter berühmt gewordener Überfall ist der, welchen Turenne gegen die unter dem Großen Kurfürsten, dem kaiserlichen General Bournonville und dem Herzoge von Lothringen im Elsaß stehenden Verbündeten im Jahr 1674 unternahm. Die Trophäen waren sehr gering, der Verlust der Verbündeten nicht über 2000 bis 3000 Mann, welches bei einer Macht von 50000 Mann nicht entscheidend sein konnte; aber sie glaubten doch im Elsaß keinen weiteren Widerstand wagen zu können und zogen sich über den Rhein zurück. Dieser strategische Erfolg war alles, was Turenne brauchte, aber man muß die Ursachen nicht in dem eigentlichen Überfall suchen. Turenne überraschte mehr die Pläne des Gegners als die Truppen desselben, die Uneinigkeit der verbündeten Heerführer und der nahe Rhein taten das übrige. Diese Begebenheit verdient überhaupt genauer angesehen zu werden, weil sie gewöhnlich falsch aufgefaßt wird.

1741 überfällt Neipperg den König in seinen Quartieren, der ganze Erfolg besteht aber nur darin, daß der König ihm mit nicht ganz vereinten Kräften und in verkehrter Fronte die Schlacht von Mollwitz liefern muß.

1745 überfällt Friedrich der Große den Herzog von Lothringen in der Lausitz in seinen Quartieren; der Haupterfolg entsteht durch den wirklichen Überfall eines der bedeutendsten Quartiere, nämlich von Hennersdorf, wodurch die Österreicher einen Verlust von 2000 Mann erleiden; der allgemeine Erfolg ist, daß der Herzog von Lothringen durch die Oberlausitz nach Böhmen zurückkehrt, aber freilich nicht verhindert wird, auf dem linken Ufer der Elbe wieder nach Sachsen zurückzukehren, so daß ohne die Schlacht von Kesselsdorf kein bedeutender Erfolg eingetreten wäre.

1758 überfällt der Herzog Ferdinand die französischen Quartiere; der nächste Erfolg ist der Verlust von einigen tausend Mann, und daß die Franzosen ihre Aufstellung hinter der Aller nehmen müssen. Der moralische Eindruck mag wohl etwas weiter gereicht und auf die spätere Räumung ganz Westfalens Einfluß gehabt haben.

Wenn wir aus diesen verschiedenen Beispielen ein Resultat über die Wirksamkeit eines solchen Angriffs ziehen wollen, so sind nur die beiden ersten gewonnenen Schlachten gleich zu achten. Hier waren aber die Korps nur klein und der Mangel an Vorposten in der damaligen Kriegführung ein sehr begünstigender Umstand. Die vier anderen Fälle, obgleich sie zu den vollkommen gelungenen Unternehmungen gezählt werden müssen, sind in ihrem Erfolg einer gewonnenen Schlacht offenbar nicht gleichzustellen. Der allgemeine Erfolg konnte hier nur bei einem Gegner von schwachem Willen und Charakter eintreten, und daher blieb er in dem Fall von 1741 ganz aus.

Im Jahr 1806 hatte die preußische Armee den Plan, die Franzosen in Franken auf diese Weise zu überfallen. Der Fall war wohl zu einem genügenden Resultat geeignet. Bonaparte war nicht gegenwärtig, die französischen Korps in sehr ausgedehnten Quartieren; unter diesen Umständen durfte die preußische Armee bei großer Entschlossenheit und Schnelle wohl darauf rechnen, sie mit mehr oder weniger Verlust über den Rhein zu treiben. Dies war aber auch alles; hätte sie auf mehr gerechnet, z. B. ein Verfolgen ihrer Vorteile über den Rhein oder ein solches moralisches Übergewicht, daß die Franzosen es in demselben Feldzug nicht gewagt hätten, wieder auf dem rechten Rheinufer zu erscheinen, so wäre diese Rechnung ganz ohne genügenden Grund gewesen.

1812, anfangs August, wollten die Russen von Smolensk her die französischen Quartiere überfallen, als Napoleon in der Gegend von Witebsk seine Armee einen Halt hatte machen lassen. Es verging ihnen aber in der Ausführung der Mut dazu, und das war ein Glück für sie, da der französische Feldherr mit seinem Zentro dem ihrigen nicht allein um mehr als das Doppelte überlegen war, sondern auch der entschlossenste Feldherr, der je dagewesen ist, da der Verlust von einigen Meilen Raum gar nichts entscheiden konnte, gar kein Terrainabschnitt nahe genug lag, um ihre Erfolge bis an denselben zu treiben und dadurch einigermaßen sichern zu können; da es auch nicht etwa ein Feldzug war, der sich matt zu seinem Ende hinschleppt, sondern der erste Plan eines Angreifenden, der seinen Gegner vollkommen niederwerfen will. - So können die kleinen Vorteile, welche ein Überfall der Quartiere gewähren kann, nicht anders als im äußersten Mißverhältnis mit der Aufgabe erscheinen - sie konnten unmöglich soviel Ungleichheit der Kräfte und Verhältnisse gutmachen. - Dieser Versuch zeigt aber, wie eine dunkle Vorstellung von diesem Mittel zu einer ganz falschen Anwendung desselben verleiten kann.

Das bisher Gesagte stellt den Gegenstand als strategisches Mittel ins Licht. Es liegt aber in der Natur desselben, daß seine Ausführung nicht bloß taktisch ist, sondern zum Teil der Strategie selbst wieder angehört, insofern nämlich ein solcher Angriff gewöhnlich in einer beträchtlichen Breite geschieht und die Armee, welche ihn ausführt, zum Schlagen kommen kann und meistens kommen wird, ehe sie vereinigt ist, so daß das Ganze ein Agglomerat einzelner Gefechte wird. Wir müssen also nun auch ein paar Worte über die natürlichste Einrichtung eines solchen Angriffs sagen.

Die erste Bedingung also ist: die feindliche Quartierfronte in einer gewissen Breite anzugreifen, denn nur so wird man mehrere Quartiere wirklich überfallen, andere abschneiden und überhaupt die Desorganisation, die man sich vorgesetzt hat, in das feindliche Heer bringen können. - Die Anzahl und Entfernung der Kolonnen hängt dann von den individuellen Umständen ab.

Zweitens. Die Richtung der verschiedenen Kolonnen muß konzentrisch gegen einen Punkt gehen, auf dem man sich vereinigen will; denn der Gegner endet mehr oder weniger mit einer Vereinigung, und so müssen wir es auch. Dieser Vereinigungspunkt wird womöglich der feindliche Verbindungspunkt sein oder auf der Rückzugslinie des feindlichen Heeres liegen, natürlich am besten da, wo diese irgendeinen Terrainabschnitt durchschneidet.

Drittens. Die einzelnen Kolonnen müssen, wo sie mit feindlichen Kräften zusammentreffen, diese mit großer Entschlossenheit, mit Wagnis und Kühnheit anfallen, denn sie haben die allgemeinen Verhältnisse für sich, und da ist das Wagen immer am rechten Ort. Die Folge ist, daß die Befehlshaber der einzelnen Kolonnen in dieser Beziehung große Freiheit und Vollmacht haben müssen.

Viertens. Die taktischen Angriffspläne gegen die sich zuerst stellenden feindlichen Korps müssen immer auf das Umgehen gerichtet sein, denn vom Trennen und Abschneiden wird ja der Haupterfolg erwartet.

Fünftens. Die einzelnen Kolonnen müssen aus allen Waffen bestehen und dürfen nicht zu schwach an Reiterei sein, es kann sogar gut sein, wenn die ganze Reservekavallerie unter sie verteilt wird; denn es wäre ein großer Irrtum, wenn man glaubte, diese könnte als solche bei diesem Unternehmen eine Hauptrolle spielen. Das erste beste Dorf, die kleinste Brücke, der unbedeutendste Busch hält sie auf.

Sechstens. Ob es gleich in der Natur eines Überfalles ist, daß der Angreifende seine Avantgarde nicht weit voraus haben darf, so gilt doch das nur von der Annäherung. Ist das Gefecht in der feindlichen Quartierlinie schon wirklich angefangen, also das, was vom eigentlichen Überfall zu erwarten war, bereits gewonnen, so müssen die Kolonnen Avantgarden von allen Waffen so weit als möglich vorschieben, denn diese können durch ihre schnelleren Bewegungen die Verwirrung beim Feinde sehr vermehren. Nur dadurch wird man imstande sein, hier und da den Troß von Bagage, Artillerie, Kommandierten und Traineurs wegzunehmen, welcher einem eiligst aufbrechenden Kantonnement nachzuziehen pflegt, und diese Avantgarden müssen das Hauptmittel des Umgehens und Abschneidens werden.

Siebentens. Endlich muß für eintretende Unglücksfälle der Rückzug und die Versammlung des Heeres angegeben werden.

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