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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 119
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Siebzehntes Kapitel: Angriff von Festungen

Der Angriff von Festungen kann uns natürlich nicht von der Seite der fortifikatorischen Arbeiten hier beschäftigen, sondern erstens in Beziehung auf den damit verbundenen strategischen Zweck, zweitens auf die Wahl unter mehreren Festungen, drittens auf die Art, die Belagerung zu decken.

Daß der Verlust einer Festung die feindliche Verteidigung schwächt, besonders dann, wenn sie ein wesentliches Stück derselben ausgemacht hat, daß dem Angreifenden aus ihrem Besitz große Bequemlichkeiten entspringen, indem er sie zu Magazinen und Depots gebrauchen, Landstriche und Quartiere dadurch decken kann usw., daß sie, wenn sein Angriff zuletzt in die Verteidigung übergehen sollte, die stärksten Stützen dieser Verteidigung werden: alle diese Beziehungen, welche die Festungen zu den Kriegstheatern in dem Fortgang des Krieges haben, lassen sich hinreichend aus dem erkennen, was wir im Buch von der Verteidigung über die Festungen gesagt haben, der Reflex davon wird das nötige Licht über den Angriff verbreiten.

Auch in Beziehung auf die Eroberung fester Plätze findet ein großer Unterschied zwischen den Feldzügen mit einer großen Entscheidung und den anderen statt. Dort ist diese Eroberung immer als ein notwendiges Übel anzusehen. Man belagert nur, was man schlechterdings nicht unbelagert lassen kann, solange man nämlich noch etwas zu entscheiden hat. Nur wenn die Entscheidung ganz gegeben, die Krise, die Spannung der Kräfte auf geraume Zeit vorüber und also ein Zustand der Ruhe eingetreten ist, dann dient die Eroberung der festen Plätze als eine Konsolidierung der gemachten Eroberung, und dann kann sie meistens, zwar nicht ohne Anstrengung und Kraftaufwand, aber doch ohne Gefahr ausgeführt werden. In der Krise selbst ist die Belagerung einer Festung eine hohe Steigerung derselben zum Nachteil des Angreifenden; es ist augenscheinlich, daß nichts so sehr seine Kräfte schwächt und also nichts so gemacht ist, ihm auf eine Zeitlang sein Übergewicht zu rauben. Aber es gibt Fälle, wo die Eroberung einer oder der anderen Festung ganz unerläßlich ist, wenn der Angriff überhaupt fortschreiten soll, und in diesen ist das Belagern als ein intensives Fortschreiten des Angriffs zu betrachten; die Krise wird dann um so größer, je weniger vorher schon entschieden ist. Was über diesen Gegenstand noch in Betrachtung zu ziehen ist, gehört in das Buch vom Kriegsplan.

In den Feldzügen mit einem beschränkten Ziel ist die Festung gewöhnlich nicht das Mittel, sondern der Zweck selbst; sie wird als eine selbständige kleine Eroberung angesehen, und als solche hat sie folgende Vorzüge vor jeder anderen:

1. daß die Festung eine kleine, sehr bestimmt begrenzte Eroberung ist, die nicht zu einer größeren Kraftanstrengung nötigt und also keinen Rückschlag befürchten läßt;

2. daß sie beim Frieden als Äquivalent so gut geltend zu machen ist;

3. daß die Belagerung ein intensives Fortschreiten des Angriffs ist oder wenigstens so aussieht, ohne daß die Schwächung der Kräfte dabei immer zunehme, wie das jedes andere Vorschreiten im Angriff mit sich bringt;

4. daß die Belagerung ein Unternehmen ohne Katastrophe ist.

Alle diese Dinge machen, daß die Eroberung eines oder mehrerer feindlicher Plätze sehr gewöhnlich ein Gegenstand derjenigen strategischen Angriffe ist, die sich kein größeres Ziel vorsetzen können.

Die Gründe, welche bei der Wahl der Festung, welche belagert werden soll, bestimmen, im Fall diese überhaupt zweifelhaft sein kann, sind:

a) daß sie bequem zu behalten sei, also als Äquivalent beim Frieden recht hoch stehe.

b) Die Mittel der Eroberung. Geringe Mittel lassen nur kleine Festungen zu, und es ist besser, daß man eine kleine wirklich einnimmt, als vor einer großen scheitert.

c) Die fortifikatorische Stärke. Sie steht ja offenbar nicht immer mit der Wichtigkeit in Verhältnis; nichts wäre törichter, als vor einem sehr festen Platz von geringer Wichtigkeit seine Kräfte zu verschwenden, wenn man einen weniger starken zum Gegenstand seines Angriffs machen kann.

d) Die Stärke der Ausrüstung, also auch der Besatzung. Ist die Festung schwach besetzt und ausgerüstet, so ist ihre Eroberung natürlich leichter; aber es ist hierbei zu bemerken, daß die Stärke der Besatzung und Ausrüstung zugleich zu denjenigen Dingen gezählt werden muß, die die Wichtigkeit des Platzes mitbestimmen, weil Besatzung und Ausrüstung unmittelbar zu den Streitkräften des Feindes gehören, welches nicht in dem Maße mit den Fortifikationswerken der Fall ist. Die Eroberung einer Festung mit starker Besatzung kann also die Opfer, welche sie kostet, viel eher lohnen als die einer mit besonders starken Werken.

e) Die Leichtigkeit der Belagerungstransporte. Die meisten Belagerungen scheitern aus Mangel an Mitteln, und diese fehlen meistens wegen der Schwierigkeit des Transportes. Eugens Belagerung von Landrecies 1712 und Friedrichs des Großen Belagerung von Olmütz 1758 sind die hervorstechendsten Beispiele.

f) Endlich ist die Leichtigkeit der Deckung noch als ein Punkt zu betrachten.

Es gibt zwei wesentlich verschiedene Arten, die Belagerung zu decken: durch Verschanzung der Belagerungsarmee, also durch eine Zirkumvallationslinie, und durch eine sogenannte Observationslinie. Die ersteren sind ganz aus der Mode gekommen, obgleich offenbar eine Hauptsache für sie spricht: daß nämlich auf diese Art die Macht des Angreifenden diejenige Schwächung durch Teilung eigentlich gar nicht erfährt, die ein großer Nachteil des Belagerers überhaupt ist. Aber freilich findet die Schwächung auf eine andere Weise doch in einem sehr merklichen Grade statt.

1. Die Stellung um die Festung herum erfordert in der Regel eine zu große Ausdehnung für die Stärke des Heeres.

2. Die Besatzung, welche, ihre Stärke noch zur feindlichen Entsatzarmee hinzugefügt, nichts geben würde als die Macht, welche ursprünglich der unserigen entgegenstand, ist unter diesen Umständen als ein feindliches Korps mitten in unserem Lager zu betrachten, welches aber, durch seine Wälle geschützt, unverwundbar oder wenigstens nicht zu überwältigen ist, wodurch seine Wirksamkeit sehr erhöht wird.

3. Die Verteidigung einer Zirkumvallationslinie läßt nichts als die absoluteste Defension zu, weil die ungünstigste und schwächste aller möglichen Aufstellungsformen in einem Kreise mit der Fronte nach außen allen vorteilhaften Anfällen auf das äußerste widerstrebt. Es bleibt also nichts übrig, als sich in seinen Verschanzungen aufs äußerste zu wehren. Daß diese Umstände eine viel größere Schwächung der Verteidigung herbeiführen können als die Verminderung des Heeres um ein Drittel seiner Streiter, welche vielleicht bei einer Observationsarmee stattfinden würde, ist leicht begreiflich. Bedenkt man nun noch die allgemeine Vorliebe, die man seit Friedrich dem Großen für die sogenannte Offensive (es ist eigentlich nicht immer eine solche), für Bewegungen und Manövrieren hat, und den Widerwillen gegen Schanzen, so wird man sich nicht wundern, wenn die Zirkumvallationslinien ganz außer Mode gekommen sind. Aber jene Schwächung des taktischen Widerstandes ist keineswegs der einzige Nachteil derselben, und wir haben nur die Vorurteile, die sich auch hineindrängen, gleich neben jenem Nachteil aufgezählt, weil sie ihm zunächst verwandt sind. Eine Zirkumvallationslinie deckt vom ganzen Kriegstheater im Grunde nur den Raum, den sie einschließt, alles übrige ist dem Feinde mehr oder weniger preisgegeben, wenn nicht besondere Detachements zur Deckung bestimmt werden, woraus aber eine Teilung der Kräfte entstehen würde, die man doch vermeiden will. Also wird der Belagernde schon wegen der zur Belagerung nötigen Zufuhren immer in Besorgnis und Verlegenheit sein, und es ist überhaupt eine Deckung derselben durch Zirkumvallationslinien, wenn die Armee und die Belagerungsbedürfnisse einigermaßen beträchtlich sind, und wenn der Feind mit einer namhaften Macht im Felde ist, nicht anders denkbar als unter Verhältnissen wie die in den Niederlanden, wo ein ganzes System nahe beieinander liegender Festungen und dazwischen angelegter Linien die übrigen Teile des Kriegstheaters deckt und die Zufuhrlinien in einem hohen Grade abkürzt. In der Zeit vor Ludwig XIV. war mit der Aufstellung einer Streitkraft noch nicht der Begriff eines Kriegstheaters verbunden. Namentlich zogen die Armeen im Dreißigjährigen Kriege sporadisch hin und her, vor dieser oder jener Festung, in deren Nähe sich nicht gerade ein feindliches Korps befand, und belagerten so lange, wie die mitgebrachten Belagerungsmittel zureichten, und bis eine feindliche Armee sich zum Ersatz näherte. Da waren die Zirkumvallationslinien in der Natur der Sache.

In der Folge werden sie wohl nur in wenigen Fällen wieder gebraucht werden können, wenn nämlich die Verhältnisse ähnlicher Art sind; wenn der Feind im Felde ganz schwach ist, wenn der Begriff des Kriegstheaters gegen den der Belagerung selbst gewissermaßen verschwindet, dann wird es natürlich sein, seine Kräfte bei der Belagerung selbst vereinigt zu behalten, weil diese dadurch unstreitig in einem hohen Grade an Energie gewinnt.

Die Zirkumvallationslinien unter Ludwig XIV. bei Cambrai und Valenciennes haben wenig geleistet, als jene von Turenne gegen Condé, und diese von Condé gegen Turenne gestürmt wurden; aber man darf auch nicht übersehen, in wie unendlich vielen anderen Fällen sie respektiert worden sind, selbst dann, wenn die dringendste Aufforderung zum Entsatz vorhanden und der Feldherr des Verteidigers ein sehr unternehmender Mann war wie 1708, als Villars es nicht wagte, die Verbündeten in ihren Linien vor Lille anzugreifen. Auch Friedrich der Große bei Olmütz 1758 und bei Dresden 1760 hatte, obgleich keine eigentliche Zirkumvallationslinie, doch ein System, das im wesentlichen damit zusammenfiel, er belagerte und deckte mit derselben Armee. Die Entfernung der österreichischen Armee bei Olmütz verleitete ihn dazu, aber die Verluste seiner Transporte bei Domstadtl ließen es ihn bereuen; 1760 bei Dresden wurde dies Verfahren durch die Geringschätzung, welche er für die Reichsarmee hatte, und durch die Eile, mit welcher er Dresden einnehmen wollte, motiviert.

Endlich ist es ein Nachteil der Zirkumvallationslinien, daß das Belagerungsgeschütz im unglücklichen Fall schwerer zu retten ist. Wird die Entscheidung einen oder ein paar Tagemärsche von dem belagerten Orte gegeben, so kann die Aufhebung erfolgen, ehe der Feind ankommt, und man gewinnt mit dem großen Transport auch wohl einen Vorsprung von einem Marsch.

Bei Aufstellung der Observationsarmee kommt vorzüglich die Frage in Betrachtung: in welcher Entfernung von der Belagerung? Diese Frage wird sich in den meisten Fällen durch das Terrain beantworten oder durch die Stellung anderer Armeen und Korps, mit welchen die Belagerungsarmee in Verbindung bleiben will. Sonst ist leicht einzusehen, daß die größere Entfernung die Belagerung besser deckt, aber die kleinere, welche nicht über einige Meilen beträgt, auch leichter erlaubt, daß beide Armeen sich unterstützen.

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