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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 118
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Sechzehntes Kapitel: Angriff eines Kriegstheaters ohne Entscheidung

1. Wenn auch der Wille und die Kraft nicht zu einer großen Entscheidung hinreichen, so kann doch noch die bestimmte Absicht eines strategischen Angriffs vorhanden sein, auf irgendein geringes Objekt gerichtet. Gelingt der Angriff, so kommt mit der Erreichung dieses Objektes das Ganze in Ruhe und Gleichgewicht. Finden sich einigermaßen Schwierigkeiten, so tritt der Stillstand des allgemeinen Fortschreitens schon vorher ein. Nun tritt eine bloße Gelegenheitsoffensive oder auch ein strategisches Manövrieren an die Stelle. Dies ist der Charakter der meisten Feldzüge.

2. Die Gegenstände, welche das Ziel einer solchen Offensive ausmachen, sind:

a) Ein Landstrich. Vorteile der Verpflegung, allenfalls auch Kontributionen, Schonung des Landes, Äquivalent beim Frieden sind die Vorteile, welche daraus fließen. Zuweilen knüpft sich auch der Begriff der Waffenehre daran, wie in den Feldzügen der französischen Feldherren unter Ludwig XIV, unaufhörlich vorkommt. Einen sehr wesentlichen Unterschied macht es, ob der Landstrich behauptet werden kann oder nicht. Das erstere ist gewöhnlich nur der Fall, wenn er sich an das eigene Kriegstheater anschließt und ein natürliches Komplement desselben ausmacht. Nur solche können beim Frieden als Äquivalent in Betrachtung kommen, die anderen sind gewöhnlich nur für die Dauer eines Feldzuges eingenommen und sollen im Winter verlassen werden.

b) Ein bedeutendes feindliches Magazin. Wenn es nicht bedeutend ist, so kann es auch nicht wohl als der Gegenstand einer den ganzen Feldzug bestimmenden Offensive angesehen werden. Es bringt zwar an und für sich dem Verteidiger Verlust und dem Angreifenden Gewinn, indessen ist der Hauptvorteil des letzteren dabei doch, daß der Verteidiger dadurch genötigt wird, ein Stück zurückzugehen und einen Landstrich aufzugeben, den er sonst gehalten hätte. Die Eroberung des Magazins ist also eigentlich mehr das Mittel und wird hier nur als Zweck angeführt, weil sie das nächste bestimmte Ziel des Handelns wird.

c) Die Eroberung einer Festung. Wir haben von der Eroberung der Festungen ein eigenes Kapitel handeln lassen und verweisen darauf zurück. Aus den daselbst entwickelten Gründen ist es begreiflich, wie die Festungen immer den vorzüglichsten und erwünschtesten Gegenstand derjenigen Angriffskriege und Feldzüge ausmachen, die auf ein völliges Niederwerfen des Gegners oder auf die Eroberung eines bedeutenden Teiles seines Landes ihre Absicht nicht richten können; und so ist es denn leicht erklärlich, wie in den festungsreichen Niederlanden sich alles immer um die Besetzung der einen oder der anderen Festung drehte, und zwar so, daß meistens dabei die Sukzessiveroberung der ganzen Provinz nicht einmal als Hauptlineament durchschien, sondern daß jede Festung wie eine diskrete Größe betrachtet wurde, die an sich etwas wert wäre, und bei der wohl mehr auf die Bequemlichkeit und Leichtigkeit des Unternehmens als auf den Wert des Platzes gesehen wurde.

Indessen ist eine Belagerung eines nicht ganz unbedeutenden Platzes immer ein bedeutendes Unternehmen, weil es große Geldausgaben verursacht, und bei Kriegen, wo sichs nicht immer um das Ganze handelt, diese sehr berücksichtigt werden müssen. Daher gehört eine solche Belagerung hier schon zu den bedeutenden Gegenständen eines strategischen Angriffs. Je unbedeutender der Platz ist, oder je weniger es mit der Belagerung ernst ist, je weniger Vorbereitungen dazu getroffen sind, je mehr alles en passant gemacht werden soll, um so kleiner wird dies strategische Ziel, um so angemessener ganz schwachen Kräften und Absichten, und oft sinkt dann das Ganze zu einer bloßen Spiegelfechterei hinab, um den Feldzug mit Ehren hinzubringen, weil man als Angreifender doch irgend etwas tun will.

d) Ein vorteilhaftes Gefecht, Treffen oder gar eine Schlacht um der Trophäen oder gar um der bloßen Waffenehre willen und zuweilen auch aus bloßem Ehrgeiz des Feldherrn; daß dies vorkommt, könnte nur der bezweifeln, der gar keine Kriegsgeschichte wüßte. In den Feldzügen der Franzosen zur Zeit Ludwig XIV. sind die meisten Offensivschlachten von der Art. Aber notwendiger ist es, zu bemerken, daß diese Dinge nicht ohne objektives Gewicht, nicht bloßes Spiel der Eitelkeit sind; sie sind von einem sehr bestimmten Einfluß auf den Frieden, führen also ziemlich direkt ans Ziel. Die Waffenehre, das moralische Übergewicht des Heeres und des Feldherrn sind Dinge, die unsichtbar wirken, aber den ganzen kriegerischen Akt unaufhörlich durchdringen.

Das Ziel eines solchen Gefechts setzt freilich voraus: a) daß man eine ziemliche Aussicht zum Siege habe, b) daß man bei dem Verlust des Gefechts nicht zu viel auf das Spiel setze. - Mit einer solchen Schlacht, die man in beengten Verhältnissen und mit beschränktem Ziel liefert, muß man natürlich nicht Siege verwechseln, die bloß aus moralischer Schwäche unbenutzt geblieben sind.

3. Mit Ausnahme des letzten dieser Gegenstände (d) lassen sich alle ohne bedeutendes Gefecht erreichen, und gewöhnlich werden sie vom Angreifenden ohne ein solches erstrebt. Die Mittel nun, welche ohne entscheidendes Gefecht dem Angreifenden zu Gebot stehen, liegen in allen den Interessen, welche der Verteidiger in seinem Kriegstheater hat: das Bedrohen seiner Verbindungslinien, sei es mit Gegenständen des Unterhaltes wie Magazinen, fruchtbaren Provinzen, Wasserstraßen usw., oder mit anderen Korps oder mit mächtigen Punkten wie Brücken, Pässen usw.; das Einnehmen starker Stellungen, aus denen er uns nicht wieder vertreiben kann, und die ihm unbequem liegen; die Einnahme bedeutender Städte, fruchtbarer Landstriche, unruhiger Gegenden, die zur Rebellion verführt werden könnten; das Bedrohen schwacher Verbündeten usw.. Indem der Angriff jene Verbindungen wirklich unterbricht, und zwar auf eine solche Weise, daß der Verteidiger sie sich nicht ohne bedeutende Opfer wieder öffnen kann, indem er jene Punkte einzunehmen sich anschickt, nötigt er den Verteidiger, eine andere Stellung mehr rückwärts oder seitwärts zu nehmen, um jene Objekte zu decken und lieber geringere aufzugeben. So wird denn ein Landstrich frei, ein Magazin, eine Festung entblößt; jenes der Eroberung, diese der Belagerung preisgegeben. Dabei können kleinere und größere Gefechte vorkommen, aber sie werden dann nicht gesucht und als Zweck behandelt, sondern als ein notwendiges Übel und können einen gewissen Grad der Größe und Wichtigkeit nicht überschreiten.

4. Die Einwirkung des Verteidigers auf die Verbindungslinie des Angreifenden ist eine Reaktionsart, die in den Kriegen mit großer Entscheidung nur dann vorkommen kann, wenn die Operationslinien sehr groß werden, dagegen ist diese Reaktionsart bei Kriegen ohne große Entscheidung mehr in der Natur der Sache. Die Verbindungslinien des Gegners werden zwar hier selten sehr lang sein, aber es kommt auch hier nicht darauf an, dem Gegner so große Verluste der Art beizubringen, eine bloße Belästigung und Verkürzung seines Unterhaltes tut oft schon Wirkung, und was den Linien an Länge fehlt, ersetzt einigermaßen die Länge der Zeit, welche man auf diese Bekämpfung des Gegners verwenden kann; darum wird also die Deckung seiner strategischen Flanken ein wichtiger Gegenstand des Angreifenden. Wenn also zwischen dem Angreifenden und dem Verteidiger ein Kampf der Art entsteht, ein Überbieten, so muß der Angreifende seine natürlichen Nachteile durch seine Überlegenheit gutmachen. Bleibt dem ersteren noch soviel Vermögen und Entschluß, einmal einen bedeutenden Streich gegen ein feindliches Korps oder die feindliche Hauptarmee selbst zu wagen, so wird er sich durch diese Gefahr, die er über seinem Gegner schweben läßt, noch am besten decken können.

5. Schließlich müssen wir noch eines bedeutenden Vorteils gedenken, den in Kriegen dieser Art der Angreifende allerdings über seinen Gegner hat, nämlich ihn seiner Absicht und seinem Vermögen nach besser beurteilen zu können, als dies umgekehrt der Fall ist. In welchem Grade ein Angreifender unternehmend und dreist sein wird, ist viel schwerer vorherzusehen, als ob der Verteidiger etwas Großes im Sinn führt. Gewöhnlich liegt, praktisch genommen, schon in der Wahl dieser Kriegsform eine Garantie, daß man nichts Positives wolle; außerdem sind die Anstalten zu einer großen Reaktion von den gewöhnlichen Verteidigungsanstalten viel verschiedener als die Anstalten des Angriffs bei größeren oder geringeren Absichten; endlich ist der Verteidiger genötigt, seine Maßregeln früher zu nehmen und der Angreifende in dem Vorteil der Hinterhand.

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