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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 115
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Dreizehntes Kapitel: Manövrieren

1. Schon im dreißigsten Kapitel des sechsten Buches ist dasselbe berührt. Es ist aber allerdings, obgleich dem Verteidiger und Angreifenden gemeinschaftlich, doch immer etwas mehr angreifender als verteidigender Natur, daher wir es hier näher charakterisieren wollen.

2. Das Manövrieren steht nicht der gewaltsamen Ausführung des Angriffs durch große Gefechte, sondern jeder solchen Ausführung des Angriffs entgegen, die unmittelbar aus den Mitteln desselben hervorgeht, wäre es auch eine Wirkung auf die feindlichen Verbindungslinien, auf den Rückzug, eine Diversion usw.

3. Halten wir uns an den Sprachgebrauch, so liegt in dem Begriff des Manövrierens eine Wirksamkeit, welche gewissermaßen aus nichts, d. h. aus dem Gleichgewicht, erst hervorgerufen wird durch die Fehler, welche man dem Feinde ablockt. Es sind die ersten Züge im Schachspiel. Es ist also ein Spiel gleichgewichtiger Kräfte, um eine glückliche Gelegenheit zu Erfolgen herbeizuführen und diese dann als eine Überlegenheit über den Gegner zu benutzen.

4. Diejenigen Interessen aber, welche teils als das Ziel, teils als die Stützpunkte des Handelns hierbei betrachtet werden müssen, sind hauptsächlich:

a) die Verpflegung, welche man dem Gegner abzuschneiden oder zu beschränken sucht;

b) die Vereinigung mit anderen Korps;

c) die Bedrohung anderer Verbindungen mit dem Innern des Landes oder mit anderen Armeen und Korps;

d) die Bedrohung des Rückzuges;

e) der Angriff einzelner Punkte mit überlegenen Kräften.

Diese fünf Interessen können sich in den allerkleinsten Einzelheiten der individuellen Lage festsetzen und diese dadurch zu dem Gegenstand werden, um den sich eine Zeitlang alles dreht. Eine Brücke, eine Straße, eine Schanze spielen dann oft die Hauptrolle. Es ist leicht in jedem Fall darzutun, daß nur die Beziehung, die sie zu einem der eben genannten Gegenstände haben, ihnen die Wichtigkeit gibt.

f) Das Resultat eines glücklichen Manövers ist dann für den Angreifenden oder vielmehr für den aktiven Teil, welches allerdings auch der Verteidigende sein kann, ein Stückchen Land, ein Magazin usw.

g) Bei dem strategischen Manöver kommen zwei Gegensätze vor, die das Ansehen verschiedener Manöver haben und auch wohl zu Ableitung falscher Maximen und Regeln gebraucht worden sind, wovon vier Glieder, aber im Grunde alle notwendige Bestandteile der Sache sind und als solche betrachtet werden müssen. Der erste Gegensatz ist das Umfassen und das Wirken auf inneren Linien, der zweite das Zusammenhalten der Kräfte und das Ausdehnen in vielen Posten.

h) Was den ersten Gegensatz betrifft, so kann man durchaus nicht sagen, daß eines der beiden Glieder vor dem anderen einen allgemeinen Vorzug verdiene; denn teils ist es natürlich, daß das Bestreben der einen Art die andere als sein natürliches Gegengewicht, als seine wahre Arznei hervorruft; teils ist das Umfassen dem Angriff, das Bleiben auf den inneren Linien aber der Verteidigung homogen, und es wird also meistens jenes dem Angreifenden, dieses dem Verteidiger mehr zusagen. Diejenige Form wird die Oberhand behalten, die am besten gehandhabt wird.

i) Die Glieder des anderen Gegensatzes lassen sich ebensowenig eines dem anderen unterordnen. Dem Stärkeren ist es verstattet, sich in mehreren Posten auszudehnen; dadurch wird er sich in vielen Rücksichten ein bequemes strategisches Dasein und Handeln verschaffen und die Kräfte seiner Truppen schonen. Der Schwächere muß sich mehr zusammenhalten und durch Bewegung den Schaden einzubringen suchen, der ihm sonst daraus erwachsen würde. Diese größere Beweglichkeit setzt einen höheren Grad von Fertigkeit in den Märschen voraus. Der Schwächere muß also seine physischen und moralischen Kräfte mehr anstrengen - ein letztes Resultat, was uns natürlich überall entgegentreten muß, wenn wir immer konsequent geblieben sind, und welches man daher gewissermaßen als die logische Probe des Räsonnements betrachten kann. Friedrich der Große gegen Daun im Jahr 1759 und 1760 und gegen Laudon 1761 und Montecuccoli gegen Turenne 1673 und 1675 haben immer für die kunstvollsten Ereignisse dieser Art gegolten, und aus ihnen haben wir hauptsächlich unsere Ansichten entnommen.

k) So wie die vier Glieder der gedachten beiden Gegensätze nicht zu falschen Maximen und Regeln gemißbraucht werden sollen, so müssen wir auch warnen, anderen allgemeinen Verhältnissen, z. B. der Basis, dem Terrain usw. eine Wichtigkeit und einen durchgreifenden Einfluß beizulegen, die sich in der Wirklichkeit nicht finden. Je kleiner die Interessen sind, um die es sich handelt, um so wichtiger werden die Einzelheiten des Ortes und des Augenblicks, um so mehr tritt das Allgemeine und Große zurück, welches in dem kleinen Kalkül gewissermaßen nicht Platz hat. Gibt es, allgemein betrachtet, eine widersinnigere Lage als die Turennes im Jahre 1675, als er mit dem Rücken dicht am Rhein in einer Ausdehnung von 3 Meilen stand und seine Rückzugsbrücke auf seinem äußersten rechten Flügel hatte? Gleichwohl erfüllten seine Maßregeln ihren Zweck, und es geschieht nicht mit Unrecht, daß ihnen ein hoher Grad von Kunst und Verständigkeit zugeschrieben wird. Man begreift aber diesen Erfolg und diese Kunst erst, wenn man mehr auf das einzelne achtet und es nach dem Wert würdigt, den es in dem individuellen Fall haben mußte.

l) Wir sind also überzeugt, daß es für das Manövrieren keine Art von Regeln gibt, daß keine Manier, kein allgemeiner Grundsatz den Wert des Handelns bestimmen kann, sondern daß überlegene Tätigkeit, Präzision, Ordnung, Gehorsam, Unerschrockenheit in den individuellsten und kleinsten Umständen die Mittel finden können, sich fühlbare Vorteile zu verschaffen, und daß also von jenen Eigenschaften hauptsächlich der Sieg in diesem Wettkampf abhängen wird.

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