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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 113
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Elftes Kapitel: Angriff eines Gebirges

Was ein Gebirge in den allgemeinen strategischen Beziehungen ist, sowohl bei der Verteidigung als selbst beim Angriff, geht hinreichend aus dem fünften und den folgenden Kapiteln des sechsten Buches hervor. Auch die Rolle, welche ein Gebirge als eigentliche Verteidigungslinie spielt, haben wir dort zu entwickeln gesucht, und daraus geht schon hervor, wie dasselbe in dieser Bedeutung von seiten des Angriffs zu betrachten ist. Es bleibt uns daher über diesen wichtigen Gegenstand hier wenig zu sagen übrig. Unser Hauptresultat war dort: daß die Verteidigung den ganz verschiedenen Gesichtspunkt eines untergeordneten Gefechts oder einer Hauptschlacht annehmen muß, daß im ersten Fall der Angriff eines Gebirges nur als ein notwendiges Übel betrachtet werden kann, weil er alle Verhältnisse gegen sich hat, daß aber im zweiten Fall sich die Vorteile auf Seite des Angriffs befinden.

Ein Angriff also, der mit den Kräften und dem Entschluß zu einer Schlacht ausgerüstet ist, wird seinem Gegner im Gebirge begegnen und gewiß seine Rechnung dabei finden.

Aber wir müssen auch hier noch einmal darauf zurückkommen, daß es schwer sein wird, diesem Resultat Gehör zu verschaffen, weil es gegen den Augenschein und auf den ersten Blick auf gegen alle Kriegserfahrung läuft. Noch in den meisten Fällen hat man nämlich gesehen, daß eine zum Angriff vordringende Armee, sie mag nun eine Hauptschlacht suchen oder nicht, es für ein unerhörtes Glück gehalten hat, wenn der Feind das Zwischengebirge nicht besetzt hatte, und sie beeilte sich dann, ihm zuvorzukommen, und niemand wird in diesem Zuvorkommen einen Widerspruch mit dem Interesse des Angreifenden finden. Dies ist auch in unserer Ansicht sehr zulässig, nur muß man hier genauer unterscheiden.

Eine Armee, die dem Feinde entgegengeht, um ihm eine Hauptschlacht zu liefern, wird, wenn sie ein unbesetztes Gebirge zu überschreiten hat, die natürliche Besorgnis haben, daß der Feind nur eben diejenigen Pässe, welcher sie sich dazu bedienen will, im letzten Augenblick verrennt; in diesem Falle würden für den Angreifenden nicht mehr dieselben Vorteile vorhanden sein, die ihm eine gewöhnliche Gebirgsstellung des Feindes dargeboten hätte. Dieser ist nämlich dann nicht mehr übernatürlich ausgedehnt, ist nicht mehr ungewiß über den Weg, welchen der Angreifende einschlägt, der Angreifende hat die Wahl seiner Straßen nicht mit Rücksicht auf die feindliche Aufstellung wählen können, und es ist also diese Schlacht im Gebirge nicht mehr mit allen den Vorzügen für den Angreifenden ausgerüstet, von denen wir im sechsten Buche gesprochen haben; unter solchen Umständen könnte der Verteidiger in einer unangreifbaren Stellung gefunden werden. Sonach würde ja dem Verteidiger auf diese Weise doch das Mittel zu Gebot stehen, einen vorteilhaften Gebrauch für seine Hauptschlacht aus dem Gebirge zu ziehen. - Möglich wäre dies allerdings, aber wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, die es für den Verteidiger haben würde, sich im letzten Augenblick in einer guten Stellung im Gebirge festzusetzen, zumal wenn er es vorher ganz unbesetzt gelassen hätte, so wird man wohl dieses Verteidigungsmittel für ein ganz unzuverlässiges und also auch den Fall, welchen der Angreifende zu fürchten hat, für einen sehr unwahrscheinlichen halten. Aber darum, weil dieser Fall sehr unwahrscheinlich ist, bleibt es doch natürlich, ihn zu fürchten. Denn im Kriege ist es oft der Fall, daß eine Besorgnis sehr natürlich und doch ziemlich überflüssig ist.

Aber ein anderer Gegenstand, welchen der Angreifende hier zu fürchten hat, ist die vorläufige Gebirgsverteidigung durch eine Avantgarde oder Vorpostenkette. Auch dieses Mittel wird nur in den wenigsten Fällen seinem Interesse zusagen, aber der Angreifende ist nicht wohl imstande zu unterscheiden, inwiefern dies der Fall sein wird oder nicht, und so fürchtet er das Schlimmste.

Ferner widerspricht unsere Ansicht in diesem Punkt keineswegs der Möglichkeit, daß eine Stellung durch den Gebirgscharakter des Terrains ganz unangreifbar werde; es gibt dergleichen Stellungen, die darum noch nicht im Gebirge liegen: Pirna, Schmottseifen, Meißen, Feldkirch; und gerade weil sie nicht im Gebirge liegen, sind sie tauglicher. Aber man kann sich auch sehr wohl denken, daß solche Stellungen im Gebirge selbst gefunden werden können, wo sich die Verteidiger von den gewöhnlichen Nachteilen der Gebirgsstellungen losmachen können, z. B. auf hohen Plateaus, doch sind sie äußerst selten, und wir konnten nur die Mehrzahl im Auge haben.

Wie wenig sich Gebirge zu entscheidenden Verteidigungsschlachten eignen, sehen wir gerade aus der Kriegsgeschichte, denn die großen Feldherren, wenn sie es auf eine solche Schlacht ankommen lassen wollten, haben sich lieber in der Ebene aufgestellt, und es finden sich in der ganzen Kriegsgeschichte keine anderen Beispiele entscheidender Gefechte im Gebirge als die im Revolutionskrieg, wo offenbar eine falsche Anwendung und Analogie den Gebrauch der Gebirgsstellungen auch da herbeigeführt hat, wo man auf entscheidende Schläge rechnen mußte, 1793 und 1794 in den Vogesen und 1795, 96 und 97 in Italien. Jedermann hat Melas angeklagt, daß er 1800 die Alpendurchgänge nicht besetzt hatte; aber das sind Kritiken des ersten Einfalles, des bloßen, man möchte sagen kindischen Urteils nach dem Augenschein. Bonaparte an Melas' Stelle hätte sie ebensowenig besetzt.

Die Anordnung eines Gebirgsangriffs ist größtenteils taktischer Natur, nur glauben wir hier für die ersten Umrisse, also für diejenigen Teile, welche der Strategie zunächst liegen und mit ihr zusammenfallen, folgendes angeben zu müssen:

1. Da man im Gebirge nicht wie in anderen Gegenden von der Straße ausweichen und aus einem zwei oder drei machen kann, wenn das Bedürfnis des Augenblicks es erfordert, die Masse der Truppen zu teilen, sondern meistens in langen Defileen stockt, so muß das Vorgehen überhaupt auf mehreren Straßen oder vielmehr auf einer etwas breiteren Fronte geschehen.

2. Gegen eine weit ausgedehnte Gebirgsverteidigung wird natürlich der Angriff mit gesammelten Kräften geschehen; an ein Umfassen des Ganzen ist da nicht zu denken, und wenn ein bedeutender Siegeserfolg eintreten soll, so muß er mehr durch das Sprengen der feindlichen Linie und das Abdrängen der Flügelpartien erreicht werden als durch umfassendes Abschneiden. Schnelles, unaufhaltsames Vordringen auf der Hauptrückzugsstraße des Feindes ist da das natürliche Bestreben des Angreifenden.

3. Ist aber der Feind in einer weniger gesammelten Aufstellung im Gebirge anzugreifen, so sind die Umgehungen ein sehr wesentlicher Teil des Angriffs, denn die Stöße auf die Fronte werden auf die größte Stärke des Verteidigers treffen; die Umgehungen aber müssen wieder mehr auf ein wahres Abschneiden als auf einen taktischen Seiten- oder Rückenanfall abzielen, denn selbst im Rücken sind Gebirgsstellungen, wenn es nicht an Kräften fehlt, noch eines großen Widerstandes fähig; und es ist der schnellste Erfolg immer nur von der Besorgnis zu erwarten, die man dem Feinde gibt, daß er seinen Rückzug verliere; und diese Besorgnis entsteht im Gebirge früher und wirkt stärker, weil man sich im schlimmsten Fall nicht so leicht mit dem Degen in der Faust Platz machen kann. Aber eine bloße Demonstration ist hier nicht das genügende Mittel; sie würde den Feind allenfalls aus seiner Stellung herausmanövrieren, aber keinen sonderlichen Erfolg geben, es muß also auf ein wirkliches Abschneiden abgesehen sein.

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