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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 109
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Siebentes Kapitel: Die Offensivschlacht

Was wir von der Defensivschlacht gesagt haben, wirft schon ein großes Licht auf die Offensivschlacht.

Wir haben dort die Schlacht im Auge gehabt, wo die Verteidigung am stärksten ausgesprochen ist, um das Wesen derselben fühlbar zu machen - die wenigsten Schlachten sind aber so, die meisten sind halbe rencontres, wo der Defensivcharakter sehr verlorengeht. So ist es aber nicht mit der Offensivschlacht; sie behält ihren Charakter unter allen Umständen und darf ihn um so dreister behaupten, als der Verteidiger sich nicht in seinem eigentlichen esse befindet. Darum bleibt auch bei der nicht recht ausgesprochenen Defensivschlacht und bei den wahren rencontres immer etwas von dem Unterschiede in dem Charakter der Schlacht auf seiten des einen und des anderen. Die Haupteigentümlichkeit der Offensivschlacht ist das Umfassen oder Umgehen, also zugleich die Lieferung der Schlacht.

Das Gefecht mit umfassenden Linien hat an sich ganz offenbar große Vorteile; dies ist ein Gegenstand der Taktik. Diese Vorteile kann der Angriff nicht aufgeben, weil die Verteidigung ein Mittel dagegen hat, denn dieses Mittel kann er selbst nicht anwenden, insofern es mit den übrigen Verhältnissen der Verteidigung zu genau zusammenhängt. Um den umfassenden Feind mit Vorteil wieder zu umfassen, muß man sich in einer ausgesuchten und wohleingerichteten Stellung befinden. Aber was viel wichtiger ist, nicht alle Vorteile, welche die Verteidigung darbietet, kommen wirklich in Anwendung; die meisten Verteidigungen sind ein dürftiger Notbehelf, und die Verteidiger befinden sich meistens in einer sehr bedrängten und bedrohten Lage, wo sie, das Schlimmste erwartend, dem Angriff auf halbem Wege entgegenkommen. Die Folge ist, daß Schlachten mit umfassenden Linien oder gar mit verwandter Fronte, welche eigentlich die Folge eines vorteilhaften Verhältnisses der Verbindungslinien sein sollten, gewöhnlich die Folge der moralischen und physischen Überlegenheit sind. Marengo, Austerlitz, Jena. - Bei der ersten Schlacht ist übrigens die Basis des Angreifenden, wenn auch nicht der der Verteidigung überlegen, doch wegen der nahen Grenze meistens sehr groß, also kann er schon etwas wagen. - Der Seitenanfall, d. h. die Schlacht mit verwandter Fronte, ist übrigens wirksamer als die umfassende. - Falsche Vorstellung, daß ein umfassendes strategisches Vorrücken von Hause aus damit verbunden sein müsse wie bei Prag. Dies hat selten etwas damit gemein und ist eine sehr mißliche Sache, worüber in dem Angriff eines Kriegstheaters das Nähere. - So wie in der Verteidigungsschlacht der Feldherr das Bedürfnis hat, die Entscheidung möglichst lange hinzuhalten, Zeit zu gewinnen, weil eine unentschiedene Verteidigungsschlacht mit Sonnenuntergang gewöhnlich eine gewonnene ist, so hat der Feldherr in der Angriffsschlacht das Bedürfnis, die Entscheidung zu beschleunigen; aber von der anderen Seite ist mit der Übereilung eine große Gefahr verbunden, weil sie zur Verschwendung der Kräfte führt. Eine Eigentümlichkeit der Angriffsschlacht ist in den meisten Fällen die Ungewißheit über die Lage des Gegners; sie ist ein wirkliches Hineintappen in unbekannte Verhältnisse. Austerlitz, Wagram, Hohenlinden, Jena, Katzbach. Je mehr sie das ist, um so mehr Vereinigung der Kräfte, um so mehr Umgehen als Umfassen. Daß die Hauptfrüchte des Sieges erst im Verfolgen errungen werden, lehrt schon das zwölfte Kapitel des vierten Buches. Der Natur der Sache nach ist bei der Offensivschlacht das Verfolgen mehr ein integrierender Teil der ganzen Handlung als in der Verteidigungsschlacht.

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