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Carl von Clausewitz: Vom Kriege - Kapitel 100
Quellenangabe
typetractate
authorCarl von Clausewitz
titleVom Kriege
sendernoname@abc.de
firstpub1832
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Neunundzwanzigstes Kapitel: Fortsetzung. Sukzessiver Widerstand

Wir haben im zwölften und dreizehnten Kapitel des dritten Buches gezeigt, daß in der Strategie ein sukzessiver Widerstand nicht in der Natur der Sache ist, und daß alle Kräfte, welche vorhanden sind, gleichzeitig gebraucht werden sollen.

Für alle beweglichen Streitkräfte bedarf dies keiner näheren Bestimmung; wenn wir aber das Kriegsgebiet selbst mit seinen Festungen, Bodenabschnitten und selbst mit seiner bloßen Flächenausdehnung auch als eine Streitkraft betrachten, so ist diese unbeweglich, und wir können sie also nur nach und nach in Tätigkeit bringen, oder wir müssen gleich so weit zurückgehen, daß alle die Teile, welche in Wirksamkeit treten sollen, vor uns liegen. Alle Beziehungen, welche ein Heergebiet zu der Schwächung des feindlichen Heeres hat, treten dann in Wirksamkeit. Der Feind muß unsere Festungen einschließen, er muß sich der Landesoberfläche durch Besatzungen und andere Posten sichern, er muß lange Wege zurücklegen, alles auf langen Wegen herbeiziehen usw. Alle diese Wirkungen treten für den Angreifenden ein, er mag vorschreiten vor der Entscheidung oder nach der Entscheidung, nur daß sie im ersten Fall noch etwas stärker sein werden als im letzten. Hieraus folgt also, daß, wenn der Verteidiger seine Entscheidung sogleich zurückverlegen will, er allerdings darin ein Mittel hat, jene unbeweglichen Streitkräfte alle zugleich ins Spiel zu bringen.

Von der anderen Seite ist es klar, daß dieses Zurückverlegen der Entscheidung, strenge genommen, auch keinen Einfluß haben kann auf die Wirkungssphäre, welche dem Angreifenden seinen Sieg gibt. Wir werden diese Wirkungssphäre beim Angriff näher betrachten, hier aber schon bemerken, daß sie so weit reicht, bis die Überlegenheit (nämlich das Produkt des moralischen und physischen Verhältnisses) erschöpft ist. Diese Überlegenheit erschöpft sich aber einmal durch den Verbrauch der Streitkräfte, den das Kriegstheater kostet, und dann durch den Verlust in den Gefechten; beide Teile können nicht wesentlich verändert werden, ob die Gefechte am Anfang oder am Ende, vorn oder hinten liegen. Wir glauben z. B., daß ein Sieg Bonapartes über die Russen 1812 bei Wilna ihn ebensoweit geführt haben würde wie der von Borodino, vorausgesetzt, daß er von eben der Stärke war, und daß einer bei Moskau ihn auch nicht weiter geführt hätte; Moskau war in jedem Fall die Grenze dieser Siegessphäre. Ja, es ist wohl keinen Augenblick zweifelhaft, daß eine entscheidende Schlacht an der Grenze (aus anderen Gründen) viel größere Siegesresultate gegeben haben würde und dann vielleicht auch eine weitere Siegessphäre. Es wird also auch das Zurückverlegen der Entscheidung für den Verteidiger von dieser Seite nicht bedingt.

Wir haben in dem Kapitel von den Widerstandsarten dasjenige Zurückverlegen der Entscheidung, welches als das äußerste betrachtet werden kann, unter dem Namen Rückzug ins Innere des Landes und als eine eigene Widerstandsart kennengelernt, bei der es mehr darauf abgesehen ist, daß der Angreifende sich selbst aufreiben soll, als daß er durch das Schwert der Schlacht zugrunde gerichtet werde. Aber nur wenn eine solche Absicht vorherrschend wird, kann das Zurückverlegen der Entscheidung als eine eigene Widerstandsart angesehen werden, denn sonst ist es klar, daß dabei unendlich viel Abstufungen gedacht werden können, und daß sich diese mit allen Mitteln der Verteidigung verbinden lassen. Wir sehen also die mehr oder weniger starke Mitwirkung des Kriegstheaters nicht als eine eigene Art des Widerstandes an, sondern nur als eine beliebige Beimischung der unbeweglichen Widerstandsmittel nach dem Bedürfnis der Verhältnisse und Umstände.

Glaubt nun aber ein Verteidiger von diesen unbeweglichen Streitkräften nichts zu seiner Entscheidung nötig zu haben, oder sind ihm die damit verknüpften anderweitigen Opfer zu groß, dann bleiben sie ihm für die Folge und bilden dann gewissermaßen neuankommende Verstärkungen, die er nicht hat abwarten können; und so können sie die Mittel werden, mit derselben beweglichen Streitkraft auf die erste Entscheidung noch eine zweite und auf diese vielleicht noch eine dritte folgen zu lassen, d. h. es wird auf diese Weise eine sukzessive Kraftanwendung möglich.

Wenn der Verteidiger an der Grenze eine Schlacht verloren hat, die nicht gerade eine Niederlage geworden ist, so kann man sich sehr wohl denken, daß er hinter seiner nächsten Festung schon imstande ist, eine zweite anzunehmen; ja, wenn er es mit einem nicht sehr entschiedenen Gegner zu tun hat, so reicht vielleicht ein beträchtlicher Bodeneinschnitt schon dazu hin, diesen zum Stehen zu bringen.

Es ist also die Strategie beim Verbrauch des Kriegstheaters wie in allem übrigen eine Ökonomie der Kräfte; mit je wenigerem man auslangt, um so besser; aber auslangen muß man, und es kommt natürlich hier, wie im Handel, auf etwas anderes an als auf bloßes Knausern.

Um aber einem großen Mißverständnis vorzubeugen, müssen wir darauf aufmerksam machen, daß dasjenige, was man nach einer verlorenen Schlacht noch an Widerstand leisten und versuchen kann, hier gar nicht der Gegenstand unserer Betrachtung ist, sondern nur wieviel Erfolg wir uns von diesem zweiten Widerstand im voraus versprechen, wie hoch wir ihn also in unserem Plan anschlagen dürfen. Hier gibt es fast nur einen Punkt, auf den der Verteidiger zu sehen hat, es ist sein Gegner, und zwar seinem Charakter und seinen Verhältnissen nach. Ein Gegner von schwachem Charakter, von keiner Sicherheit, von keinem großartigen Ehrgeiz oder in sehr gebundenen Verhältnissen wird sich, im Fall er glücklich ist, mit einem mäßigen Vorteil begnügen und bei jeder neuen Entscheidung, die ihm der Verteidiger anzubieten wagt, zaghaft innehalten. In diesem Fall darf der Verteidiger darauf rechnen, die Widerstandsmittel seines Kriegstheaters nach und nach in immer neuen, obgleich an sich schwachen Entscheidungsakten geltend zu machen, in welchen sich für ihn stets die Aussicht erneuert, diese Entscheidung für sich zu wenden.

Aber wer fühlt nicht, daß wir uns hier schon auf dem Wege zu den Feldzügen ohne Entscheidung befinden, und daß diese weit mehr das Feld sukzessiver Kraftverwendungen sind, wovon wir im folgenden Kapitel mehr sagen wollen.

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