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Hanns Freiherr von Gumppenberg: Vom Fenster aus - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorHanns von Gumppenberg
booktitleNeuland
titleVom Fenster aus
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090416
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Hanns von Gumppenberg

Vom Fenster aus

Er hatte den weichgepolsterten Lehnstuhl, in dem er saß, an das offene Fenster vorgerückt, links und rechts mühsam nachhelfend. Marie, die Wärterin, war auf ein Stündchen fortgegangen, Einkäufe für ihn zu machen. Bis sie wiederkam, mußte er sich Alles allein besorgen. Aber die Maisonne schien gar zu lockend dort vorne herein, und ein leiser Lufthauch brachte den eigentümlich kräftigen Geruch frischer Blüten – er wollte wissen, woher der stamme. Da saß er, und sah auf die Straße hinaus. Richtig! Von den Kastanienbäumen! In voller Purpurpracht schmückten sie schon die Promenade. Er hatte sie nicht mehr gesehen, seit sie die ersten braunharzigen Blattknospen trieben: es war ja wieder so schlecht mit ihm gegangen. Und nun war es beinahe wieder Sommer geworden. Und dann würde es wieder Winter werden, und wieder Frühling – wie lange noch? Vielleicht noch lange – hatte er doch von seinem Vater außer dem Krankheitskeim auch die Lebensfähigkeit geerbt und die Geldmittel obendrein, seine Misere so lange hinauszudehnen, als es möglich war. Sogar eine Reise nach dem Süden hätte er sich noch erlauben können! Aber der Arzt hatte ja die Achseln gezuckt – er könne nicht gutstehen, ob sein Patient die Anstrengung und Aufregung der Übersiedelung aushielte: und da war er geblieben. Warum? Er mußte lachen, und sein Lachen ging in den bösen, atemraubenden Husten über. Woher all' diese Ungereimtheit? Leben zu wollen, möglichst lange, ohne leben zu können? War er denn nicht der Krüppel, der Ausgeschlossene?

Ausgeschlossen, ja, und nicht bloß durch sein körperliches Leiden. Das war vielleicht gar nicht das Schlimmste. Aber er hatte zu allem Unglück noch einen scharfen, zersetzenden Verstand mitbekommen, der Alles in Nichtigkeit auflöste und ihn von Kindheit an, auch als sein Leiden noch schlummerte, zu keiner unbefangenen Freude kommen ließ. Wäre er auch gesund gewesen, glücklich wäre er doch nie geworden, das wußte er, das hatte er immer deutlicher erkannt, je mehr Nahrung sein Geist aus einer reichen wissenschaftlichen Bildung sog. Wozu also sollte und wollte er leben?

Sonderbar! Gerade jetzt, durch diese bitteren Gedanken hindurch, fühlte er sie ganz deutlich, jene gänzlich unberechtigte, unlogische Sehnsucht: ja es war mehr als Sehnsucht, es war wie eine Zuversicht, als hätte er noch etwas zu hoffen und zu finden, gerade heute, eine Befriedigung, ein Glücksgefühl. Sein Verstand ärgerte sich darüber. Ah bah! Eine läppische Nervenerscheinung, nichts weiter – weil er so lange nicht ins Freie gesehen hatte.

Lustiges Lachen und Schreien zwang ihn, auf das Trottoir da vor sich hinabzuschauen. Die Kinder des Hausherrn waren's, die spielten »Greif« mit den Nachbarskindern. Sinnend glitten die Blicke des Kranken über die gesundheitsstrotzenden jungen Gestalten hin, über die lichtblonden Haarsträhne der Mädchen, wie sie im scherzenden hin- und herjagen hochauf flogen. War das nicht eine Art Behagen, was ihn erfüllte – jetzt eben noch deutlicher, als die Älteste, die wilde Klara des Nachbars, den Zuschauer entdeckend mit glühenden Wangen heransprang und übermütig knixend ihm guten Tag zurief? Behagen? Worüber? Was hatte er davon? Und was hatten sie davon, die dummen –

Aber er vollendete nicht: er kam sich selbst mit einem Mal gar nicht so gescheit vor wie sonst. Worin lag denn das Glück? In dem besonderen Bewußtsein des Einzelnen doch, in gar nichts anderem! Wußten diese Kinder jetzt eben von einem anderen wirklichen oder möglichen Glück als dem Spaß, sich gegenseitig zu haschen oder zu entwischen? Waren sie nicht so glücklich, als man in der Welt nur sein konnte? Und er selber? Woher kam denn sein Behagen? Kam es eben nicht daher, daß es ihm selbst während des Zusehens so genau bewußt wurde, wie glücklich die Rangen sich fühlen mußten?

Wagengerassel ertönte, und eine längere Reihe blanker Equipagen rollte vorüber – eine Hochzeitsgesellschaft, von der Kirche drüben: stattliche junge Männer mit weißen Kravatten und unternehmend aufgedrehten Schnurbärten, mit den geputzten, verheißungsvoll errötenden Brautjungfern schäkernd, diese die ganze Lust des zögernd widerstrebenden Gewährens, jene des allmähligen Siegs in den sorglosen Zügen – ältere Herren kräftig gutmütigen Aussehens, ergrauende Lebenskünstler, Alles bezwingenden Humor um die Mundwinkel und den elektrisierenden Zauber des Schaumweins schon jetzt auf der Zunge – seidenumbauschte Würdetanten, noch innig gerührt von der Ceremonie, in feierlichem Geflüster, wie es der große Tag erforderte, keine himmlische Redeblume vergessend, die sie bei dieser Gelegenheit »ins irdische Leben flechten« könnten – die Väter, die Mütter, das gefeierte Brautpaar selbst, Hand in Hand aneinandergeschmiegt! Und wie der Kranke so hinsah, kroch seine Seele in all' diese Gestalten hinein, in ihr Innerstes, und fühlte und erlebte Alles mit: sie selbst war es, die in den Blondbärten so zurückhaltend vorzudringen und in den niedlichen Lärvchen so sehnsüchtig abzuwehren suchte, sie selbst freute sich in den Onkels auf den Hochzeitswein und die Toaste, in den Tanten auf die Rührungen bis in die Nacht hinein, in den Brautleuten auf das Leben zu zwein – oder war sie's nicht selbst? Es mußte wohl so sein, denn sie fühlte das Alles bis ins Kleinste ...

Und mehr, immer mehr. In einem Husch saß er an der festlichen, blumenbelasteten Tafel, als Braut, als Bräutigam, als Brauteltern, als sieben Onkels und dreizehn Tanten und fünfundzwanzig Vettern und ebensoviel löckchen- und schleifenschüttelnde Brautjungferbäschen, und lachte, bald hohoho, bald hahaha, bald hihi, und weinte dazwischen mit Genuß, und freute sich, wie er gefeiert würde, und freute sich über das gute Essen, und freute sich auch ein bischen, daß er noch ein klein wenig hübscher aussah als die Braut, und dachte an seine eigene längst vergangene Mädchenzeit, und dachte, daß das Junggesellenleben doch wohl besser aufzugeben sei, und sprühte gute und schlechte Witze, und kugelte sich selbst darüber, und zitterte vor leidenschaftlicher, glückseligster Erwartung. Und dann die Heimfahrt! Wie er sie über die Schwelle trug, jauchzend, und wie er sich tragen ließ, lachend und scherzend und bangend – und wie er zum erstenmal einsam an der Brust der Liebe lag ...

Und dann der Morgen! Wie goldig tanzte die Sonne, wie würzig und frisch blies der Sommerwind! Hinaus, hinaus in die weite Welt! Nach Süden, übers Meer, nach Venedig, nach Rom, nach Neapel! Farbenpracht und Traubenglut, alle Begeisterung der Natur und Kunst, unendlicher, schwelgender Reichtum! Und Alles, Alles an ihrem guten Herzen, und Alles an seiner starken, treuen Brust, verschont durch das sinnige Einverständnis zweier gleichgestimmter Seelen ...

Der Wagenzug war vorüber – die Bilder verflogen. Aber der wettergebräunte Fuhrmann dort auf seinem Steinwagen: mit was für köstlichem Ausdruck der höchsten Zufriedenheit schmauchte er seine Pfeife! und der Mann im Krankenstuhl schmauchte mit, und mußte gar nicht husten davon ... es war merkwürdig. Und der stämmige Knecht vor dem Restaurant in seinem kleidsamen Sonntagsstaat mit den glänzend gewichsten kolossalen Juchtenstiefeln – mit welcher Wollust zeigte er beim Abladen der Bierfässer seine Muskelkraft! Der Mann am Fenster spannte unwillkürlich die Sehnen der eigenen Arme an. Und die drallen Mägde, wie sie dort nebenan am Thorweg die neuesten Liebes- und Skandalgeschichten bekicherten, die schmucken, wohlgekämmten Köpfe zusammensteckend. Und der fesche Artillerieleutnant dort auf der anderen Seite – wie er fensterparadierend sich in der tadellosen Taille schwenkte! mit welch' erhebendem Gefühl unendlicher Überlegenheit er dem »Gemeinen« dankte, welcher ihn, seine bewundernde Liebe am Arm, beinahe übersehen hätte – und das Rudel Radfahrer dort, flott wie auf Windesflügeln über den Platz hersausend, und das dreijährige Kind da unter den Bäumen, das mit freudigem Mundaufsperren vom Arm seiner in behaglich wiegendem Schritt mit ihm promenierenden Großmutter nach einer niederhängenden Kastanienpurpurblüte langte – und mehr, immer noch mehr: ein Strom vollen, zufriedenen, glücklichen Lebens die Straße herauf.

Leben! leben! jauchzte es in dem Kranken. All' seine Bitterkeit tauchte unter in dieser erfrischenden Flut. Oder war sie nicht sein als eigenster Besitz, die ganze, tausendfältige Freude des Maitags? trank er sie nicht mit jedem durstigen Blick berauschend in sich selbst hinein, reicher und reiner und vollkommener, als die Einzelnen dort draußen sie empfanden? Was lag an dem armen, kranken, genußunfähigen, kleinmütigen Krüppel da im Stuhl? Das Leben war doch überall, tausendfach ringsum, unbeirrt in siegender Glorie, groß und herrlich und glücklich im Überschwang ... und glücklich im Überschwang war er selbst: er selbst war das Leben ...

Mariens Schlüssel knarrte in der Hausthür – er hörte es nicht. Erst als sie eintrat, fuhr er auf.

»So soo, Herr Kronstadt? am Fenster? Das ist recht!« meinte gutmütig die robuste, ihren Schutzbefohlenen gern etwas bemutternde Person. »Wie geht's denn jetzt?«

Mit zufriedenem Lächeln wandte er ihr die müden Augen zu, welche einen eigentümlichen Glanz angenommen hatten.

»Gut, Marie! Man lebt ja doch

Und dann sah er wieder hinaus auf die Straße.








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