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Vom Einfluß der Theorie

Leopold von Ranke: Vom Einfluß der Theorie - Kapitel 1
Quellenangabe
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typeessay
authorLeopold von Ranke
booktitleAusgewählte Aufsätze und Meisterschriften
titleVom Einfluß der Theorie
publisherAlfred Kröner Verlag
editorHans Hofmann
year1942
firstpub1833
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Leopold von Ranke

Vom Einfluß der Theorie

1833

Selbst wenn es glücklicher Spekulation gelänge, die allgemeinen Forderungen der Theorie über jeden Zweifel zu erheben, so wäre erst von neuem zu erörtern, welches vernünftigerweise ihr Einfluß auf das Leben und die praktischen Elemente sein konnte.

Vielleicht wirft es ein gewisses Licht auf diese Frage, wenn wir verwandte Disziplinen mit der Politik vergleichen.

Betrachten wir aber, daß in den Kreis der großen menschlichen Hervorbringungen mit dem Staate zunächst die Sprache und die Kunst gehören, so erscheinen philosophische Grammatik und Ästhetik in der nächsten Verwandtschaft mit der Politik.

Sprache und Kunst beruhen wie der Staat auf den ursprünglichen Gesetzen des menschlichen Geistes, welche dann die Wissenschaft zu erkennen und mit dem Produkt zu vergleichen hat.

Schon oft ist indessen ein naheliegender Abweg bemerkt worden. Diese Disziplinen haben ein spekulatives Element; doch gehören sie zugleich einer geistigen Naturforschung an. Wenn die philosophische Sprachlehre untersucht, inwiefern sich die Regel des menschlichen Denkens in den feinen und leisen, aber wesentlichen Abwandlungen des Wortes offenbart, so ist sie unmittelbar auf ein Gegebenes angewiesen. Indem die Ästhetik die Gesetze poetischer und künstlerischer Hervorbringung aus der Natur des Geistes entwickelt und die Bedingungen der verschiedenen Gattungen unterscheidet, würde sie doch in ihrem Urteil fehlgreifen, wofern sie nichts als ihre Regeln in die Augen faßte. Sind doch diese, man wird es nicht leugnen, häufig nur Abstrakta von dem bereits Geleisteten. Aber ewig neu und unerschöpflich ist der Genius, und die Aufgabe wird allemal sein, sich in den Gegenstand zu vertiefen, sei es eine Sprache oder ein Kunstwerk, und seine innere Notwendigkeit aufzufassen; denn in sich selber trägt er sein Gesetz.

So bemüht sich Aristoteles, wie er sagt, das Göttliche seines Gegenstandes zu begreifen; es ist das demselben inwohnende Wort, das er zu entdecken und auszusprechen sucht. Auch die Staaten aber sind Produkte eines schöpferischen Genius, nicht einzelner Menschen, noch einer einzigen Generation, so wenig wie die Sprache, sondern einer Gesamtheit und vieler Geschlechter; wie groß auch der Einfluß sein möge, den ausgezeichnete und hochgestellte Männer darauf ausüben können: sie sind der Ausdruck des nationalen Charakters; und wie sie aus einer ursprünglichen Energie des menschlichen Geistes kommen, so haben sie ihre eigenen Gesetze innerer Bildung.

Für Politik gibt man uns oft das trockene Schema weniger Begriffe, die aus einem angeblichen Naturstand und den Forderungen des Augenblicks abgezogen sind. Wie weit wäre davon eine Politik entfernt, die sich auf die großen Anschauungen des realen Lebens der Gegenwart und der Vergangenheit in aller seiner Fülle gründete!

In diesem Sinne hat Montesquieu den Geist der Gesetze unternommen, den man völlig verkennt, wenn man ihm einen theoretischen Ursprung in dem unechten Sinne zuschreibt. Dieses Werk hat einen historischen Grund und ging aus den ausgebreiteten Wahrnehmungen hervor, welche tiefe und für jene Zeit höchst außerordentliche Studien an die Hand gaben.

Allein in der Politik ist man nicht zufrieden, die Realitäten nach ein paar willkürlichen Begriffen zu beurteilen; man tut einen Schritt weiter, vor dem man sich in den verwandten Wissenschaften hütet.

Es fällt niemand mehr ein, nach spekulativen Ergebnissen eine allgemeine und beste Sprache formieren, oder eine vorhandene nach angeblichen Forderungen der Vernunft umgestalten zu wollen. Jedoch in der Politik scheint etwas Ähnliches sehr ausführbar. Sonderbar, daß ein Neuerer, wie Wolke, Christian Heinrich Wolke (1741-1825) philanthropischer Pädagog und Mitarbeiter Basedows. Er stellte in stark rationalistischer, mechanischer Weise Gesetze über die Sprache und zur Erlernung der Sprache auf und bildete auch neue Wörter. So in dem Werk: »Anleit zur deutschen Gesamtsprache oder zur Erkennung und Berichtigung einiger (zuwenigst 20000) Sprachfehler.« Dresden 1812. der in Lexikographie und Grammatik wenig Nachfolger erwerben können, deren unzählige in der Politik gefunden hat; tausend Anleits werden geschrieben, alle Welt arbeitet daran mit.

Die Ästhetik ruft zuletzt aus: der Poet wird geboren, und sie bezieht sich wie billig auf eine Kraft, die außer ihrem Wirkungskreise liegt; aber wie viele bilden sich ein, man dürfe ihnen nur einen Staat anvertrauen, leicht würden sie der Werkmeister sein und ihn trefflich einrichten!

Gerade an dem, was das allerwichtigste, was die Grundlage des gesamten Daseins bildet, versucht man sich mit unberufenen Händen.

Insofern aber diese Bemühungen nicht etwa zerstörend wirken, sind sie ganz vergeblich. Mit dem besten Diskurs ist es nicht ausgerichtet. Die Grammatik kann nie eine Sprache, die Ästhetik nicht einmal ein Gedicht, die Politik aber nimmermehr einen Staat hervorbringen. Euer Vaterland werdet ihr euch nicht erklügeln.

Einen andern Ursprung hat die lebendige Hervorbringung: sie kommt von der Kraft und dem Genius. Genius heißt der Erzeuger, und die Etrusker nannten ihn den Sohn ihres höchsten Gottes. Auf ihre Götter führten die Alten die Stiftung ihrer Staaten zurück.

Und keineswegs ist hiemit einer wohlverstandenen Theorie ihr Nutzen abgesprochen.

Man hat oft die historische und die philosophische Schule unterschieden; doch werden wahre Historie und wahre Philosophie miteinander nie in Widerstreit sein.

Deutlicher tritt ein anderer Gegensatz hervor, zwischen den mechanischen Lehrmeinungen, die das Heil allein in gewissen Formen erblicken, welche sie ohne alle Rücksicht allgemein angenommen zu sehen wünschen, und der lebendigen Ansicht, welche die geistigen Realitäten der Dinge zu durchdringen und die Forderung derselben zu begreifen sucht.

Denn soviel ist gewiß: nicht außerhalb des Staates liegt seine Idee; in ihm selber wird sie gefunden. Sie gibt seiner Bewegung den Antrieb, ohne den er erstarren, stillstehen oder absterben würde; sie ist sein geistiges Leben; aus verborgenem Grunde entsprungen, hält sie das gegenwärtige Geschlecht zusammen und verbindet die Reihen der Generationen miteinander.

Die echte Theorie nun – Anschauung, wie das Wort sagt – die lebendige Ansicht sucht dies innere Wesen des Daseins und seine Gesetze zu begreifen. Mit weiter Umsicht, denn ein Staat bildet doch nur einen Teil der Gesamtheit, in dem Lichte, der tieferen Gründe der Spekulation wird sie die Idee auffassen. Ihrer Natur nach ist sie nicht auf das Praktische angewiesen. Wäre sie dies, so würde der Philosoph als solcher zugleich der Poet sein; er würde die Sprache machen, und in dem Genius gäbe es nichts Unbewußtes.

Praktisch lebt die Idee in den wahren Staatsmännern: sie ist die Regel ihres Verhaltens. In ihrem Denken, in ihrem Geiste konzentriert sich das geistige Dasein des Staates. Die materiellen Bedingungen, welche sie zu beschränken scheinen, geben ihnen vielmehr, da sie die Vergangenheit in sich fassen, Maßstab und Anhalt. Etwas Neues zu machen, werden sie an sich nicht beabsichtigen. Sie sind nicht der Staat, obwohl der Staat in ihnen ist. Deutlich liegt ihre Aufgabe vor ihnen: es ist die Fortleitung des schon begonnenen Lebens, seine Erhöhung von Moment zu Moment, die Befestigung seiner Gesundheit, die in dem frischen Umlauf, ich möchte sagen, des geistigen Blutes durch alle Adern besteht.

Die echte Theorie, weit entfernt, den Staatsmann zu stören, wird ihn vielmehr fördern. Den Inhalt des Lebens vergegenwärtigt sie dem Gedanken. Der Zug der Dinge und die große Anschauung unterstützen sich dann wechselseitig. Die vollere Klarheit kann die Entwicklung nicht anders als begünstigen und das Dasein in sich kräftiger machen.

Darauf aber kommt alles an. Es liegt alles daran, daß man etwas leiste, etwas Haltbares darstelle, selber etwas sei.

Den Bau der Staaten hält ein moralisches Zement zusammen. Unser Leiden ist, daß es an so vielen Stellen lose und locker geworden.

Nicht dadurch wird man es herstellen, daß man nach allen Seiten hinhört, bald einem, bald einem andern Prinzipium folgt, bald diese, bald jene Neuerung macht und den Parteien nachgibt, sondern dadurch, daß man stark ist, Vertrauen einflößt, sich selber treu bleibt und, indem man das Neue mit dem Alten, den Widerstand mit dem Fortgang verbindet, auf der Bahn der Entwicklung sicher und groß einhergeht. Vor einem in sich selber gegründeten Dasein verbleichen die Nachahmungen und falschen Forderungen; die Parteien werden ihm nichts anhaben.

Den Sand der Wüste treibt der Sturmwind dahin und dorthin; das Gebirge läßt er wohl stehen.








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