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Vom Dandytum und von G. Brummell

Jules Amedée Barbey d'Aurevilly: Vom Dandytum und von G. Brummell - Kapitel 9
Quellenangabe
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typebiography
authorJules Amedée Barbey d'Aurevilly
titleVom Dandytum und von G. Brummell
publisherGeorg Müller
year1909
translatorRichard Schaukal
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V.

Es ist dies fast ebenso schwer zu beschreiben wie zu erklären. Die Geister, die an den Dingen immer nur die geringfügigste Seite ins Auge fassen, bilden sich ein, Dandytum sei vor allem die Kunst der Kleidung, eine glückliche und kühne Herrschaft auf dem Gebiete des Anzugs, der äusserlichen Eleganz. Sicherlich gehört das dazu, aber der Dandy ist weit mehr.

 

[Fußnote aus technischen Gründen im Text in kleinerer Schrift wiedergegeben. Re] Alle Welt, sogar die Engländer, irren darin. Erst jüngst hat einer, Thomas Carlyle, der Autor des Sartor resartus, sich verpflichtet gefühlt, über Dandytum und Dandies in einem Buche zu sprechen, das er Philosophie der Kleidung (Philosophy of clothes) nennt. Aber Carlyle hat mit dem trunknen Griffel eines Hogarth einen Modekupfer entworfen und darunter geschrieben: Das ist der Dandysme! Es war nicht einmal seine Karikatur. Denn die Karikatur übertreibt alles und unterdrückt nichts. Die Karikatur ist das Zerrbild der Wirklichkeit, und der Dandysme ist wirklich, im menschlichen, sozialen und geistigen Verstände. Es ist nicht ein Anzug, der allein spazieren geht, im Gegenteil: es ist eine bestimmte Art, ihn zu tragen, die das Dandytum bedingt. Man kann ein Dandy sein mit einem nichts weniger als sorgfältigen Anzug. Lord Spencer war sicherlich ein Dandy, und sein Rock hatte nur einen Schoss. Freilich hatte er ihn abgeschnitten und so das Ding daraus gemacht, das seither seinen Namen trägt Eines Tages – würde man es für möglich halten? – hatten die Dandies sogar den Einfall der Schäbigkeit. Und zwar eben unter Brummell. Sie waren auf dem Gipfel der Unverschämtheit angelangt, sie konnten nicht weiter. Da beliebte es ihrer Laune – einer wirklich »dandesken« Laune (ich weiss kein andres Wort dafür) –, ihre Röcke, ehe sie sie anlegten, in der ganzen Länge des Stoffs abschaben zu lassen, bis dass dieser nur eine Art von Spitze war, ein duftiger Hauch. Sie wollten in ihrem eignen Duft schreiten, diese Wolkenthronenden. Das Verfahren war besonders heikel und langwierig, und man bediente sich dabei einer Glasscherbe. Das ist ein Fall von wahrhaftigem Dandysmus. Der Anzug spielt da gar keine Rolle. Er kommt gar nicht mehr vor.

Ein andres Beispiel: Brummell trug Handschuhe, die die Form seiner Hände wie nasses Nesseltuch hervortreten liessen. Aber nicht in der Vollendung dieser Handschuhe, die die Umrisse der Nägel wie am nackten Finger wiesen, bestand das Dandytum, sondern darin, dass sie von vier besondern Künstlern hergestellt wurden, dreien für die Hand, einem für den Daumen. Ich habe die löbliche Absicht, hier deutlich und verständlich zu sein. Ich will sogar die Gefahr der Lächerlichkeit nicht scheuen und eine Anmerkung zu einer Anmerkung machen. Fürst Kaunitz, der, ohne Engländer zu sein (freilich war er ein Österreicher), sich den Dandys am meisten nähert durch die Ruhe, die Gleichgültigkeit, die majestätische Bosheit und den grausamen Egoismus (er pflegte zu sagen: Ich habe keinen Freund, und er war stolz darauf; weder der Todeskampf noch das Ableben Maria Theresias konnten ihn dazu bringen, die Aufstehstunde früher anzusetzen oder die Zeit, die er seinem unbeschreiblichen Anzug widmete, auch nur um eine Minute zu kürzen), Fürst Kaunitz war keineswegs ein Dandy, wenn er ein seidenes Mieder anlegte wie die Andalusierin Alfred de Mussets, aber er war es, wenn er, um seinem Haar genau den »richtigen Ton« zu verschaffen, durch eine Reihe von Gemächern schritt, deren Zahl und Grösse er berechnet hatte und Lakaien ihm, indem er hindurch schritt, nur während dieses Hindurchschreitens mit Puderquasten die Perücke puderten.

Thomas Carlyle, der noch ein andres Buch geschrieben hat, das »Die Helden« heisst und worin er den Helden als Dichter, als König, als Schriftsteller, als Priester, als Propheten und sogar als Gott schildert, hätte uns auch den Helden der müssigen Eleganz geben können – den Helden als Dandy. Aber das hat er vergessen. Das, was er übrigens im Sartor resartus im allgemeinen von den Dandies sagt, die er mit dem plumpen Worte Sekte (dandiacal sect) bezeichnet, zeigt zur Genüge, dass der englische Jean Paul mit seinem verworrenen deutschen Blick nichts von den scharfen kalten Zügen bemerkt hat, die Brummell »sind«. Er hätte davon geschrieben mit der Tiefe jener kleinen französischen Geschichtsschreiber, die in Zeitschriften von alberner Wichtigtuerei Brummell ungefähr so beurteilt haben, wie es Schuster und Schneider zustande gebracht haben würden, deren Dienste er verschmäht hätte, Zwei-Groschen-Künstler, die ihre eigne Büste mit dem Federmesser aus dem Teig einer Windsor-Seife schneiden, die einem zum Bad zu schlecht wäre.

 

Der Dandysme ist eine ganze Art zu sein, und man ist nicht Dandy bloss im äusserlich, körperlich Sichtbaren. Es ist eine Art zu sein, die völlig aus Übergängen besteht, wie das in einer sehr alten und sehr verfeinerten Gesellschaft immer statt hat, einer Gesellschaft, wo die Komödie so selten wird und der Anstand sich gegen die Langeweile kaum behauptet. Nirgends hat sich die Gegnerschaft zwischen den Anstandsregeln und ihrem Geschöpf, der Langeweile, im innersten Kern der Sitte, so heftig fühlbar gemacht wie in England, nirgends wie in dieser von der Bibel und dem Buchstaben des Rechts beherrschten Gesellschaft, und vielleicht stammt aus diesem erbitterten Streit, der ewig ist wie der Kampf zwischen Tod und Sünde bei Milton, die tiefgründige Eigenart dieser puritanischen Gesellschaft, die in der Einbildung Clarisse Harlowe hervorbringt und in der Wirklichkeit Lady Byron. Ein Beispiel aus der Welt der Schriftstellerinnen: die Memoiren der Miss Aikin über Elisabeth: Meinungen einer auch im Stil pedantischen Prüden über eine prüde Pedantin. Wenn einmal der Sieg entschieden sein wird, dürfte wohl auch die Art, zu sein, die man Dandysme nennt, wesentliche Änderungen erfahren haben, denn sie ist eben durch diesen endlosen Streit zwischen Anstand und Langeweile bedingt. Es bedarf keiner weitem Erörterung der eigentümlichen Langweile, die das Mark der englischen Gesellschaft verzehrt und der sie vor Gesellschaften, die dieses Übel aufreibt, ihre traurige Überlegenheit an Sittenverderbnis und der Zahl der Selbstmorde verdankt. Die moderne Langeweile ist die Tochter der Analyse, aber dieser, unser aller Meisterin, gesellt sich, was die englische Gesellschaft, die reichste der Welt, betrifft, noch die römische Langweile, die Tochter der Übersättigung; sie würde, sieht man vom Kaisertum ab, das Kapitel Tiberius auf Capri bereichern, wenn der Durchschnitt der Gesellschaften aus stärkeren Seelen bestände. So ist es eine der Konsequenzen des Dandysmus, einer seiner wesentlichen Charakterzüge – besser: sein hervorragendster Charakterzug –, immer das Unerwartete hervorzubringen, das, was der an das Joch der Regeln gewöhnte Geist vernünftigerweise nicht erwarten kann. Die Exzentrizität, auch ein Erzeugnis des englischen Bodens, bringt es gleichfalls hervor, aber auf eine andre Weise, frech, wild, blind. Es ist eine ganz persönliche Auflehnung gegen die bestehende Ordnung, manchmal gegen die Natur; sie grenzt hart an die Verrücktheit. Der Dandysmus tändelt mit der Regel und respektiert sie dennoch. Er leidet unter ihr und rächt sich an ihr, während er sich ihr fügt; er beruft sich auf sie, während er ihr entschlüpft; er beherrscht sie und lässt sich von ihr beherrschen. Ein Doppelspiel in stetigem Wechsel. Um es spielen zu können, muss man all die Geschmeidigkeit besitzen, die die Grazie ausmacht, wie die Regenbogenfarben, des Prismas zusammen den Opal ausmachen.

Und das war es gerade, was Brummell besass. Er besass die Grazie, wie sie der Himmel verleiht, der Gesellschaftszwang freilich oft fälscht. Genug, er besass sie, und in ihrem Besitz kam er dem Reizbedürfnis einer Gesellschaft entgegen, die sich langweilt und sich nur allzu verdrossen unter das harte Joch des Herkommens duckt. Er war ein lebendes Beispiel für die Wahrheit, die man den Menschen der Regel immer aufs neue wiederholen muss: wenn man der Phantasie die Flügel beschneidet, wachsen sie ihr nur noch um die Hälfte länger. Man lese in den amerikanischen Zeitungen, welchen Enthusiasmus bei den Nachkommen der altenglischen Puritaner die Elssler erweckt: das Bein einer Tänzerin verdreht »Rundköpfe«! Er besass die ebenso reizende wie seltene Vertraulichkeit, die an alles rührt und nichts entweiht. Er hat wie mit seinesgleichen mit allen mächtigen, allen hervorragenden Menschen seiner Zeit gelebt und sich gewandt bis zu ihnen erhoben. Wo die Geschicktesten gestrauchelt hätten, erhielt er sich im Gleichgewicht. Seine Kühnheit war Sicherheit. Ungestraft durfte er ans Beil rühren. Man hat gesagt, dass dieses Beil, dessen Schneide er so oft herausgefordert hatte, ihn endlich doch geschnitten, dass an seinem Untergang die Eitelkeit eines zweiten, eines königlichen Dandy, seiner Majestät König Georgs IV., ein Interesse gewonnen habe, aber seine Macht war so gross gewesen, dass er sie, wenn er gewollt hätte, wieder würde an sich gerissen haben.

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