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Vom Dandytum und von G. Brummell

Jules Amedée Barbey d'Aurevilly: Vom Dandytum und von G. Brummell - Kapitel 4
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typebiography
authorJules Amedée Barbey d'Aurevilly
titleVom Dandytum und von G. Brummell
publisherGeorg Müller
year1909
translatorRichard Schaukal
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Vom Dandytum und von G. Brummell

 

Es ist viel schwieriger, kaltblütigen Menschen zu gefallen, als einigen Feuerseelen Liebe einzuflössen.

Abhandlung über die Fürstin (unveröffentlicht)

Vorrede

Zur Ausgabe von 1862. D. Ü.)

Man kann das vorliegende Buch wohl kaum eine zweite Auflage nennen. In wenigen Exemplaren abgezogen, ward es vor mehreren Jahren von Hand zu Hand an einige Freunde gegeben, und diese seine sozusagen heimliche und geheimnisvolle Öffentlichkeit hat ihm Glück gebracht. Wird ihm die grosse, die man diesmal wagt, ebenso günstig sein? Der Ruf, dieses gewichtlose Ding, ist wie die Frauen: er kommt, wenn man ihn zu fliehen den Anschein hat. In unserer vertrackten Welt bestände vielleicht das beste Mittel, sich Erfolg zu verschaffen, darin, dass man Indiskretionen ins Werk richtete.

Aber der Autor war, als er diese Kleinigkeit herausgab, von solcher Weisheit noch sehr fern. Damals hat er sich blutwenig um literarische Dinge überhaupt und den literarischen Ruf im besonderen gekümmert. Damals hatte er, weiss Gott, andre Toilettesorgen als derlei geistige und andre Interessen als das an etwaigen Lesern seiner Schreiberei! Heute hinwiederum lächelt er über die Sorgen jener Tage. So ist das Leben. Das, dieser Wechsel und Wandel von Sorgen und Lächeln, ist das ganze Leben ... Der Autor von Brummell war niemals ein Dandy – man wird beim Lesen dieses Buches genugsam bemerken, warum er es nicht gewesen ist –, aber er befand sich gerade in einem Lebensabschnitt, von dem Lord Byron mit melancholischer Ironie gesagt hat: »Als ich das Haar in eiteln Locken trug«, und da wiegt der Ruhm noch so leicht wie eine Locke. Er hat denn ohne die Spur von Autoranmassung – womit nicht gesagt sein soll, dass er ansonsten nicht anmassend genug gewesen wäre; der Teufel ging dabei nicht leer aus – dieses winzige Büchlein geschrieben, einzig und allein darum, sich selbst und einigen dreissig Menschen ein Vergnügen zu bereiten, jenen unbekannten Freunden, deren man durchaus nicht allzusicher ist und deren man sich, ohne ein Geck zu sein, hier in Paris keineswegs mit einiger Sicherheit berühmen darf. Aber er war eben ein gut Teil davon, Geck nämlich, er war davon überzeugt, diese dreissig Freunde zu besitzen, und es erwies sich, dass er sie auch tatsächlich besass. Verstatte man ihm denn zu sagen – heut ist er wirklich bescheiden geworden –, dass er für seine dreissig Exemplare seine dreissig Leser gehabt hatte.

Hätte das fragliche Buch eine grosse Sache, eine grosse Persönlichkeit behandelt, kein Zweifel, es wäre, in so wenigen Exemplaren es sich auch hervorgetan hat, rettungslos im Schweigen der Unbeachtetheit untergegangen, das, wie sichs gehört, dem Grossen vom Kleinen immer gezollt wird, aber es handelte von einem frivolen Menschen, und zwar von einem Manne, der innerhalb einer nichts weniger als nachsichtigen Gesellschaft als der vollendetste Ausdruck der eleganten Frivolität gegolten hatte. Nun hält sich bekanntlich mehr oder weniger jedermann dort, wo »man« etwas zu sagen hat, für elegant. Selbst die, die es aufgegeben haben, meinen wenigstens als Kenner in Betracht zu kommen, und so fand denn das Buch Leser. Ein paar Dummköpfe, die ich natürlich nicht nennen werde, berühmten sich, es begriffen zu haben. Mein Verleger darf davon überzeugt sein: sie werden es wieder kaufen. Also Geckerei gegen Geckerei. Und so wird die Geckerei, der es den ersten Erfolg verdankt, ihm auch zum zweiten verhelfen, diesem Sächelchen, dessen erste Seite das unverschämte Motto trägt: »Von einem Gecken über einen Gecken für Gecken.« Denn Gecken sehen sich in jedem Glas, und dies da ist ein Spiegel für sie. Es werden viele kommen und sich darin betrachten, werden an ihrem Schnurrbart zupfen, und indem die einen sich darin werden zu erkennen meinen, werden andre ihm etwas abzuschauen überzeugt sein, natürlich gleich den ganzen Brummell.

Freilich ist das von vornherein unmöglich. Niemand kann aus sich einen Brummell machen. Man ist ein Brummell oder man ist es eben nicht. Ein König von Augenblicks Gnaden in einer ebenso flüchtigen Welt, hat Brummell sein Gottesgnadentum und seinen Beruf so gut wie ein anderer Herrscher. Aber da man denn einmal in unsern glorreichen Tagen diesem Tropf von Volk einzureden gewusst hat, dass es souverän sei, warum sollte der Salonpöbel nicht ebensogut wie der Strassenpöbel seine Einbildungen nähren?

Um so mehr als dieses kleine Buch die Leute von solchen Einbildungen heilen wird. Sie werden daraus ersehn, dass Brummell eine von den ganz seltenen Individualitäten gewesen ist, die sich weiter keine Mühe zu geben brauchen, als auf die Welt zu kommen. Um ganz er selbst zu werden, hatte er freilich ausserdem einer auf das Aristokratischeste verkasteten Gesellschaft bedurft. Man wird daraus ersehen, was dazu gehört, ein Brummell zu sein, und dass es ihnen eben an dem Notwendigen gebricht. Alle diese unbedingt erforderlichen Sachen hat der Autor von »Brummell« versucht aufzuzählen. Es sind Dinge allernichtigster Natur, aber von mächtigster Wirkung, mit denen man nicht bloss über Frauen herrscht; aber er war sich während der Niederschrift wohl bewusst, dass sein Buch nicht etwa ein Vademekum vorstellen sollte, und dass ein Macchiavell der Eleganz womöglich noch läppischer aussehen müsste als die Macchiavelli der Politik – die schon läppisch genug sind. Er war sich ferner bewusst, dass es sich hier bloss um einen Splitter Geschichte, ein Bruchstück handeln konnte, das dem Ankleidetische künftiger Gecken wohl anständig sein mochte, wenn sie noch so etwas wie einen Ankleidetisch besitzen werden; denn der »Fortschritt«, der eben daran ist, mit Hilfe seiner politischen Ökonomie und seiner Landteilung aus der Menschheit einen Misthaufen zu gestalten, wird zwar niemals die Gecken auszurotten imstande sein, aber was er vermöchte, das wäre die Beschlagnahme der Ankleidetische im Stil »d'Orsay«, die, als der allgemeinen »Gleichheit« zuwiderlaufend, nun einen Gegenstand der gerechten Entrüstung vorstellen müssten.

Ob nun so oder so, hier ist das Buch, wie es damals geschrieben wurde. Es ist daran nichts geändert, es ist nichts davon entfernt worden. Nur sind hin und wieder ein paar Noten dazugekommen. Die Wichtigtuerei seiner Zeit, die ihn immer wieder belustigt, hat den Autor des Dandytums nicht genugsam angegriffen, als dass er dieses kleine Buch, das vielleicht etwas leichtfertig ist – und es mag nur so bleiben, er hat den Geschmack daran nicht verloren –, nun als eine Jugendsünde betrachten und dafür um Entschuldigung bitten sollte. Nein, gewiss nicht. Er wäre sogar, reizt man ihn dazu, imstande, den am härtesten Gehörnten unter den Gewichtigen gegenüber zu behaupten und zu vertreten, dass sein Buch genau so ernst sei wie irgend ein anderes historisches Werk. Und wahrhaftig, was erblickt man im klaren Spiegel dieses hingeworfenen Dinges? Den Menschen und seine Eitelkeit, die soziale Arabeske und Einflüsse, die sehr wirklich sind, wenn sie auch der Vernunft, diesem grossen Vieh, ganz unverständlich bleiben müssen, um so anziehender nur, weil sie eben schwierig zu begreifen und zu durchdringen sind. Ja, was kann es gewichtigeres geben als eben alle diese Dinge, wichtiger selbst für die, deren überlegenem Blick die Dinge der »Welt«, ihr Getue und Gemächte, fast verschwinden, die sie in ihrer Nichtigkeit am gründlichsten verachten. Fragt sie nur! Sind vor ihrem weiten Blick nicht alle Eitelkeiten einander würdig, welche Namen immer sie tragen, welchen Aufwand sie treiben mögen? Hätte zu seiner Zeit das Dandytum existiert, würde Pascal, der ein Dandy gewesen ist, wie man es nur überhaupt in Frankreich sein kann, seine Geschichte haben schreiben müssen, eh er in Port-Royal landete: Pascal, der Mann mit dem Sechserzug!

Aber damit soll nicht etwa gesagt sein, dass der Autor des Dandysmus sich irgendwie mit einem Pascal zu vergleichen wagte! Er ist niemals ein Jansenist gewesen und wird es niemals werden – aller Wahrscheinlichkeit nach.

J. A. Barbey d'Aurevilly

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