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Vom Dandytum und von G. Brummell

Jules Amedée Barbey d'Aurevilly: Vom Dandytum und von G. Brummell - Kapitel 16
Quellenangabe
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typebiography
authorJules Amedée Barbey d'Aurevilly
titleVom Dandytum und von G. Brummell
publisherGeorg Müller
year1909
translatorRichard Schaukal
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII.

Man weiss nun, worin diese Gnade, dieser Beruf bestanden haben und wie er ihn erfüllt hat. Er war geboren, kraft einiger Fähigkeiten zu herrschen, Fähigkeiten, die durchaus tatsächlich sind, trotz Montesquieu, der sie einmal in verärgerter Stimmung das »ich weiss nicht was« genannt hat, anstatt zu zeigen, was sie sind. Kraft ihrer hat er seiner Zeit den Stempel aufgedrückt. Der Fürst von Ligne hätte gesagt: »Er war ein König von der Gnaden Gnade«; aber er war es nur unter der Bedingung, der wir uns, wenn wir Einfluss gewinnen wollen, alle unterwerfen müssen, der Bedingung nämlich, die Vorurteile seiner Zeit und bis zu einem gewissen Ausmass selbst ihre Laster anzunehmen. Den lautern Freunden der unbedingten Wahrhaftigkeit ist ein leidiges Geständnis abzulegen: wäre seine Grazie ganz echt gewesen, hätte sie an Wirkung eingebüsst, sie hätte eine so unnatürliche Gesellschaft nicht bezaubert und bezwungen. Und in der Tat, bis zu welchem Grade raffinierter Verbildung, heimlicher Verderbtheit muss es die englische Gesellschaft bereits gebracht haben, dass ein Wort gleich diesem – es gilt einem Dandy, wie Brummell einer war – ein tiefes und gerechtes Wort genannt werden darf: »Das Missfallen, das er erregte, war zu allgemein, als dass man sich nicht um ihn gerissen hätte«? Bulwer in »Pelham«. Erinnert man sich da nicht unwillkürlich der Messalinen, deren Sinnlichkeit manchmal nach Schlägen verlangt? Kann denn einfache, natürliche, unbefangene Anmut als Reizmittel genügen für eine Gesellschaft, die gegen alle Eindrücke abgestumpft und an Händen und Füssen mit den Banden aller möglichen Vorurteile gefesselt ist? Wer in einer solchen Umgebung sich selbst treu bleiben wollte, was wäre der? Kaum dass ihn einige auserlesene Seelen bemerkten, die sich gesund und gross zu erhalten gewusst hätten Zum Beispiel jene Miss Cornell, die Schauspielerin, die Stendhal so gerühmt hat. Aber um die einfache Grösse dieser Seele zu erfassen, die in London eine Seltenheit war wie ein schwarzer Diamant, bedurfte es eines Stendhal, das heisst eines Menschen, der im Geistigen positiv bis zum Machiavellismus gewesen ist, der aber das Natürliche geliebt hat, wie manche römische Kaiser das Unmögliche geliebt haben. und man muss leider zugeben, dass das ein äusserst ungewisses Publikum bedeuten würde. Man ist eitel, hat das Bedürfnis nach Beifall: eine liebenswürdige Regung des menschlichen Herzens, die man zu Unrecht verleumdet hat. Das ist vielleicht die ganze Erklärung für die Affektationen des Dandytums. Es wäre sonach am letzten Ende nichts als die Anmut, die sich fälscht, um in einer gefälschten Gesellschaft Der es am Sinn für die schönen Künste gebricht; dieser Sinn fehlt ihr tatsächlich. Die Namen Lawrence, Romney, Reynolds beleuchten nur um so heller diesen Mangel. Das römische Volk war um seiner Flötenspieler willen noch nicht künstlerisch veranlagt. Kunst gibt es in England nur im Bereich der Literatur. Der englische Michelangelo heisst Shakespeare. In diesem eigenartigen Lande der Seltsamkeiten ist der beste Bildhauer eine Frau gewesen: Lady Hamilton. Sie wäre würdig, eine Italienerin zu heissen. Aus dem Marmor des schönsten Körpers, der jemals geatmet hat, schuf sie ihre Statuen. Ein sonderbarer Bildner, der selbst sein Gebilde gewesen und dessen Meisterwerke mit ihm untergegangen sind: ein vergänglicher Ruhm, der nicht länger währte als die Schauer des Lebens und die glühende Bewegung einiger Tage. Darüber wäre auch noch zu schreiben, aber wo ist der Diderot, sich daran zu wagen? besser begriffen zu werden, und in diesem Sinn also eigentlich das Natürliche, Natur, die sich unter sattsam peinlichen Bedingungen dartut, nichtsdestoweniger aber Natur, unzerstörbare Natur.

Es ist schon am Eingang dieser Schrift gesagt worden: an dem Tage, da sich die Gesellschaft, die den Dandysmus hervorgebracht hat, verwandelt, wird es keinen mehr geben, und da das aristokratische und protestantische England trotz seinem sklavischen Festhalten an den alten Sitten sich seit zwanzig Jahren schon bedeutend geändert hat, ist er schon heute nicht viel mehr als eine Überlieferung. Wer hätte das glauben, vielmehr wer hätte das nicht voraussehen mögen? Es war nichts als der Verlauf einer stetigen Entwicklung. Ein Opfer seines historischen Daseins, hatte England einen Schritt in die Zukunft getan, sich aber dann ein- für allemal in seiner Vergangenheit festgesetzt. Wie stolz es auf dem Meer der Zeit dahinsegeln mag, niemals kann es – wie der Korsar seines grössten Dichters – die Kette brechen, die es ans Ufer fesselt. Da es alles behält, nichts aufgibt (marble to retain), hat es die Gepflogenheit auf eine ganz sonderbare Weise unter ihr Joch gebeugt. Seine siebente Schlangenhaut ähnelt immer wieder der erst abgestreiften. Einen Augenblick lang wähnt man die Spur dessen, was nicht mehr ist, ausgelöscht: man schreibt auf dem Palimpsest, und es bedarf nur eines Anstosses, dass das, was man getilgt vermutet hatte, wieder erscheine, lesbar, stark, leuchtend. Heute hat sich das Puritanertum, gegen das der Dandysmus mit den Pfeilen seiner leichten Spöttelei einen Partherkrieg geführt hatte, – mehr, indem er ihm auswich, als indem er es von vorn angriff – heute hat sich das verwundete Puritanertum wieder aufgerichtet und verbindet seine Wunden. Wer hätte nach Byron, nach Brummell – zwei Spöttern von so verschiedenem Rang und doch vielleicht gleichem Einfluss – die alte anglikanische Moralität nicht auf der Strecke zu finden gemeint? Mit nichten, sie ist noch heil. Der unausrottbare, unsterbliche »cant« hat wieder einmal gesiegt. Mag die liebe Phantasie ihr Blut zum Himmel verspritzen, ihr Blut, das wie eine Essenz aus Rosenblättern duftet: sie unterliegt doch der hartnäckigen Natur eines Volkes von unüberwindlichen Gewohnheitsmenschen, versagt, weil diesem Volk die grossen Schriftsteller fehlen, die die Einbildung aufstacheln und ihr jegliche Art von Kühnheit schenken, Dieser Mangel an Schriftstellern ist nicht völlig, denn Th. Carlyle ist da; aber wie schade, dass er so oft den sanften Äther des deutschen Spiritualismus dem säuerlichen Kaviar vorzieht, den die Engländer lieben und dem sie so klare Gefühle verdanken. sie scheitert am Einfluss, den eine junge Königin auf die höhern Gesellschaftsklassen ausübt, eine Königin, die eheliche Liebe spielt, wie Elisabeth die Jungfräulichkeit zu spielen beliebt hatte. Können Heuchelei und Spleen bessere Nahrung finden? Das Methodistentum, das aus den Sitten in die Politik gelangt war, kehrt in diesen Tagen aus der Politik in die Sitten zurück. Hat nicht ein Dichter und Rassemensch, der schon als Hochgeborner ohne sonderlichen Aufwand den Mut der eigenen Meinung haben sollte, ebenso wie ihm seine natürlichen Fähigkeiten wahrhaftige Eingebung verbürgt hätten, hat nicht Lord John Manners eben erst einen Band Gedichte zu Ehren der englischen Staatskirche veröffentlicht? Shelley, der Atheist, würde sich heute nicht einmal im Exil sicher fühlen. Der Freimut der Ideen, der wie ein Strahl vom Geiste seiner grössten Männer auf dieses Land eines hochmütigen Pharisäertums, eisigen und verlogenen Herkommens herabgeleuchtet hatte, hat nur einen flüchtigen Augenblick geglänzt, und die Mumie des religiösen Gefühls, der nackte Formelkram, beherrscht dort noch immer wie ein Tyrann aus seinem längst gebleichten Grab heraus die Gemüter. Nichts mehr lebt von jener schönen Gesellschaft, deren Idol Brummell gewesen ist, weil er ihr Ausdruck war in allen Dingen gesellschaftlichen Herkommens, den Verhältnissen, die bloss die Annehmlichkeit zum Ziel haben. Nie wieder wird man einen Dandy vom Schlage Brummells sehen, aber sicherlich wird es jederzeit, selbst in England, Menschen seinesgleichen geben, mögen sie, je nach dem Geheiss der Welt, welche Livree immer tragen. Sie bestätigen die grossartige Mannigfaltigkeit des göttlichen Werkes: sie sind ewig wie die Laune. Die Menschheit bedarf ihrer und ihres anziehenden Anblicks ebensosehr, wie sie grosser Helden und erhabener Mächte bedarf. Sie gewähren verständigen Geschöpfen das Vergnügen, worauf sie kraft ihrer intellektuellen Bedürfnisse ein Recht haben. Sie gehören zum Glück der Gesellschaft, wie andre zu ihrer Moralität gehören. Es sind zwiespältige und vielfältige Naturen, von unbestimmbarem geistigen Geschlecht, deren Anmut noch anmutiger wirkt in ihrer Stärke und bei denen noch in der Anmut Stärke ist; Zwitter der Geschichte, nicht der Mythe: Alkibiades ist beim schönsten aller Völker ihr schönster Ausdruck gewesen.

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