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Vom Dandytum und von G. Brummell

Jules Amedée Barbey d'Aurevilly: Vom Dandytum und von G. Brummell - Kapitel 15
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typebiography
authorJules Amedée Barbey d'Aurevilly
titleVom Dandytum und von G. Brummell
publisherGeorg Müller
year1909
translatorRichard Schaukal
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XI.

Man ist als Berichterstatter in dieser Geschichte, die nicht so sehr von Tatsachen wie von Eindrücken handelt, bald dort angelangt, wo das Meteor verschwindet, wo dieser unwahrscheinliche Roman, der nichtsdestoweniger kein Märchen ist, endigt, der Roman, dessen Heldin und Held die Londoner Gesellschaft und Brummell gewesen sind. Aber in der Wirklichkeit hat dieses Ende lange auf sich warten lassen. Da die Fakta mangeln – an denen man die Zeit messen könnte –, lasse man sich an Daten genügen und urteile über die tiefgehende Wirkung dieses Einflusses nach seiner Dauer. Der Zeitraum von 1794 bis 1816 umfasst 22 Jahre. Wie in der Welt der Körper, weicht auch in der moralischen Welt das, was wenig Gewicht hat, leicht vom Platze. Ein anhaltender Erfolg von solcher Dauer beweist also, dass es ein Bedürfnis der menschlichen Natur gewesen ist, dem die Erscheinung eines Brummell Genüge leistete.

Auch war das Interesse, das er auf seine Person zu vereinigen gewusst hatte, keineswegs erschöpft, als er späterhin sich gezwungen sah, England zu verlassen. Er verlor darum nicht an leidenschaftlichen Anhängern. 1812, 1813 war er mächtiger als je, trotz den Verlusten, die sein Vermögen (die Grundlage seiner Eleganz) im Spiel gelitten hatte. Und er ist ein grosser Spieler gewesen. Man braucht keine Untersuchung darüber anzustellen, ob die waghalsige Lust am Unbekannten und der Durst nach Abenteuern, die den Spieler wie den Seeräuber machen, bei ihm Anlage gewesen sind, oder ob er darin bloss den Neigungen seiner Umgebung folgte; sicher ist, dass die bekannte Geldgier der Engländer von ihrer Sucht nach Aufregung noch übertroffen wird, und dass man eine Gesellschaft nicht besser in die Hand bekommt, als indem man sich ihre Leidenschaften zu eigen macht. Ausser den Verlusten im Spiel scheint zum Niedergange Brummells noch ein andrer Grund beigetragen zu haben, sein Zerwürfnis mit dem Prinzen von Wales, der ihn sehr gern gehabt, ja in diesem Verhältnis die Rolle des Werbenden gespielt hatte. Der Regent begann zu altern. Das Fett, dieser Polyp, der sich der Schönheit bemächtigt und sie langsam in seiner weichen Umarmung tötet, war Herr über ihn geworden, und Brummeil mit seiner unerbittlichen Spottlust und dem grausamhöhnenden Stolz, den der Erfolg zeugt, hatte sich manchmal darüber lustig gemacht, wie der Prinz gleich einer alternden Kokette in ihrer Vergeblichkeit nur um so beschämendere Versuche anstellte, den verheerenden Wirkungen der Jahre zu begegnen. Da es in Carlton-House einen Türhüter von ungeheuerlicher Dicke gab, der den Beinamen Big Ben (der dicke Ben) führte, hatte Brummell den Namen des Dieners auf den Herrn übertragen. Er nannte auch Frau von Fitz-Herbert Benina. Diese frechen Spötteleien mussten so eitle Seelen auf das tiefste verletzen, und Frau von Fitz-Herbert war nicht die einzige unter den Damen aus der Umgebung des Thronerben, die sich über den anzüglichen Witz Brummells zu beklagen hatte. Das war, beiläufig gesagt, die wahre Ursache der Ungnade, in die der grosse Dandy plötzlich fiel. Die Geschichte von der Tischglocke, die man anfangs zur Erklärung herangezogen hat, scheint erfunden zu sein. So lautet die Geschichte: Brummell hätte eines Abends beim Speisen, angeblich um eine äusserst unehrerbietige Wette zu gewinnen, dem Prinzen von Wales, auf die Klingel weisend, den Auftrag gegeben: »Georges, klingeln Sie!« Der Prinz sei dem Auftrag nachgekommen und habe dem eintretenden Diener, indem er auf Brummell zeigte, gesagt: »Bringen Sie diesen Betrunkenen zu Bett.« Mr. Jesse, der sie entschieden in Abrede stellt, stützt sich hiebei nicht nur auf das Zeugnis von Brummell selbst, sondern betont vor allem den gemeinen Zug (vulgär impudence), den ein derart unverschämtes Benehmen verriete, und er hat recht; denn wenn dem Dandy auch häufig Unverschämtheit unterlief, Gemeinheit war ihm fremd. Übrigens könnte, die Ungnade zu begründen, ein vereinzeltes Faktum, wenn auch noch so bezeichnend, niemals die hunderttausend lästerlichen Dolchstösse aufwiegen, die Brummell auf seine Weise, das ist mit unerhörter Leichtfertigkeit, gegen die Frauen führte, denen der Prinz sein Herz zuwandte. Was der Gatte Carolinens von Brunswick sich hatte gefallen lassen, wollte der Liebhaber von Frau Fitz-Herbert, von Lady Connyngham nicht dulden. Auf die zunehmende Entfremdung des Prinzen von Caroline von Brunswick war Brummell, waren sogar gelegentliche Scherzworte von seiner Seite nicht ohne massgeblichen Einfluss gewesen. Man weiss, dass der bekannten ersten Nacht, die der Prinz auf einem Teppich am Kamin verbrachte, während seine junge Frau ihn unter den Straussfedern des Ehebettes erwartete, ein Souper im Kreise der Dandies vorangegangen war. Ihnen als auf das Irdische gestellten Menschen war die verschwommene Gefühlsduselei der Deutschen an Caroline zuwider (dieser Nebel der Gefühle hat sich in der Folgezeit freilich einigermassen verdichtet). Und dann: sie war die rechtmässige Gattin in einem Lande, wo das Eheglück eine offizielle Sache ist, ebenso wie der zu allen Tagesstunden verabreichte Tee. Und der Dandysmus, der das Unvorhergesehene liebt und die Pedanterie der häuslichen Tugenden verabscheut, muss naturgemäss jegliches von Maitressen stammende Unheil einem stadtbekannten unerschütterlichen Glück vorziehn, wie es zum Beispiel Lord und Lady Grey genossen, die Frau von Staël so preist. Die Dandies, denen solches gesetzlich geheiligte Glück auf Schritt und Tritt begegnete, mussten darüber eine ganz andre Meinung haben als eine Frau von Staël, die derlei aus den Salons von Paris kaum gewohnt war. Poetisch verklärt sieht man die Dinge nur aus einiger Entfernung, und die Einbildungskraft braucht ein Idol für ihr Zärtlichkeitsbedürfnis. Aber wenn das Weib, das sich in Corinna geschildert und das D... und C... und T... geliebt hat, gerade dieses Trugbild liebkost, sind bei ihr Herz und Einbildungskraft minder aufrichtig als bei den Dandies, und es bleibt von Madame de Staël kaum viel mehr übrig als die Tochter der Frau Necker. Und wenn er es geduldet hätte, wenn der Günstling ungestraft die Favoritin hätte verletzen dürfen, in seiner eigenen Person, seinem leiblichen Ich getroffen, hätte der Prinz nicht gefühllos bleiben können. Wenn Brummell im Hydepark, auf seine königliche Hoheit weisend, vor allen Leuten fragte: Wer ist dieser dicke Mensch?, so erklären dieses und eine Menge andrer ähnlicher Worte alles, viel besser noch als ein Verstoss von der erwähnten Art, noch dazu, wenn es sich wirklich dabei um eine Wette sollte gehandelt haben.

Aber weder der Umstand, dass sich der Prinz grollend von ihm zurückgezogen hatte, noch seine grossen Verluste im Spiel hatten bis dahin (1813) die Stellung Brummells zu erschüttern vermocht. Die Hand, die ihm hilfreich gewesen war beim Emporkommen, hatte ihn, indem sie sich ihm nun versagte, nicht zu Fall bringen können, und die günstige Meinung der Salons war ihm treu geblieben. Und nicht genug daran: mit Ingrimm musste der Regent beobachten, wie ein Dandy, der zur Hälfte ruiniert war, es an Einfluss stolz mit dem ersten Mann in Grossbritannien aufnahm. Anakreon Archilochus Moore, der nicht immer bloss auf himmelblauen Briefbogen geschrieben hat und dessen irländischer Nationalhass manchmal das Wort zu finden wusste, das am tiefsten verwundet, legt dem Prinzen von Wales folgende an den Herzog von York gerichtete Verse in den Mund: – sie wurden überall zitiert –: »Ich habe niemals Lust und Neigung verspürt, irgend jemand zu schaden, ausgenommen, wie mir jetzt einfällt, dem Beau Brummell, der mir im vorigen Jahre zornig gedroht hat, dass er mich ins Nichts zurückstossen und an meiner Stelle den alten König Georg in Mode bringen werde.« Erscheint durch diese beleidigenden Verse nicht eine Äusserung des Königs der Dandies über den königlichen Dandy bestätigt, die er dem Oberst Mac-Mahon gegenüber tat: »Ich habe ihn zu dem gemacht, was er ist, ich kann ihn auch wieder absetzen«, sind sie nicht ein schlagender Beweis für die ganz eigentümliche Macht über die öffentliche Meinung, die dieser Warwick der Eleganz ausübte, bis zu welchem Grad er unabhängig und mit Willkür gebot? Ein andres noch auffallenderes Zeugnis für diese Macht hat – im selben Jahre 1813 – der Vorstand des Watier-Klub geliefert: anlässlich der Vorbereitungen zu einer grossen Festlichkeit war es ein Gegenstand ernstlicher Erwägung, ob der Prinz von Wales eingeladen werden sollte oder nicht, einzig und allein deshalb, weil er mit G. Brummell sich zerworfen hatte. Brummell, der es verstand, unverschämt zu sein, sogar wenn er Grossmut betätigte, musste sich selbst mit allem Nachdruck dafür einsetzen. Zweifellos war es für Brummell nicht ohne Reiz, als Gast bei sich – er war ja Mitglied des Klubs – den Mann zu sehn, den er nicht mehr in Carlton-House besuchte, in Gegenwart der Blüte der jungen Herrenwelt Englands sich den Genuss dieses Zusammentreffens zu bereiten; der Prinz aber, bei dieser Begegnung nichts weniger als auf seiner Höhe, vergass völlig, dass er als ein vollendeter Edelmann zu gelten beanspruchte, ja er nahm nicht einmal die Pflichten in acht, wie sie die Gesetze der Gastlichkeit denen auferlegen, die Gastlichkeit empfangen, und Brummell, der Dandytum gegen Dandytum auszuspielen gewärtigt hatte, antwortete auf dieses absichtlich kränkende Benehmen mit der eisigen Eleganz, die er wie eine Rüstung auf dem Leibe trug und die ihn unverwundbar machte. Die ihn als unverwundbar gelten Hess, wäre vielleicht besser ausgedrückt. Aber der schöne müde Seufzer der Shakespeareschen Kleopatra: »Ach, wenn du wüsstest, welche Müh es ist, diese Gleichgültigkeit so nah dem Herzen zu tragen, wie ich«, ist in der Brust der Dandies erstickt. Die Stoiker des Boudoirs Hessen ihre Maske das fliessende Blut aufnehmen und blieben verhüllt. Für sie wie für die Frauen ist Gelten Sein.

Von allen Klubs Englands war es gerade der Watier-Klub, wo die Spielwut wahre Orgien feierte. Es ging dort schrecklich zu. Trunken von gewürztem Portwein, versammelten sich Nacht für Nacht die blasierten Sklaven des Spleens, um die tödliche Langeweile ihres Lebens anzustacheln und ihr Normannenblut – das nur der Raub aus seiner trägen Ruhe peitscht – am Würfeln um Vermögen zu entzünden. Und Brummell war ja, wie wir wissen, das strahlende Gestirn am Himmel dieses berühmten Klubs. Er wäre es nicht gewesen, hätte er nicht bis zum äussersten bei Spiel und Wetten mitgetan. Eigentlich war er ebensosehr oder ebensowenig Spieler wie die andern alle, die sich in diesem reizenden Pandämonium bewegten, wo man die ungeheuerlichsten Summen verlor mit der vollkommenen Gleichgültigkeit, die bei solchen Gelegenheiten den Dandies das war, was die Grazie für den Gladiator gewesen ist, der in der Arena fiel. Viele haben – nicht minder als er – in jeglichem Betracht das wechselvolle Glück versucht; aber sie vermochten ihm länger die Stirne zu bieten. Obgleich er es bei seiner kaltblütigen Natur und aus langjähriger Gewohnheit an Geschick nicht ermangeln liess, konnte er doch nichts gegen den Zufall ausrichten, der seine so lange vom Glück begünstigten Jahre durch das Elend seiner letzten Tage um allen Glanz bringen sollte. Die Flammen der englischen Spielwut loderten noch höher empor, als 1814 in London so viele Fremde, die russischen und preussischen Offiziere der Armeen Alexanders und Blüchers zumal, zusammenströmten. Das war der schreckliche Augenblick, da das Unheil über Brummell hereinbrach. Etwas Ungewisses war an seinem Ruhm wie an seiner Stellung; wenn dieses Etwas ins Wanken geriet, mussten beide stürzen. Wie alle Spieler versteifte er sich gegen das Schicksal und unterlag. Er nahm seine Zuflucht zu den Wucherern und versank in einem Abgrund von Schulden; es heisst sogar, dass er dabei seiner Würde vergeben hat, aber über diesen Punkt verlautet nichts Bestimmtes. Das, was manchen Gerüchten Nachdruck hätte verleihen können, war, dass er mit gefährlichen Eigenschaften begabt war, die einen Poseur auch vor der Niedrigkeit nicht Halt machen lassen, Es sind dies Eigenschaften, die ihre Besitzer immer mitgerissen haben. Man denke an Heinrich IV., an den Herzog von Orléans (den Regenten), Mirabeau und andere. Heinrich IV. besass sie wohl nur zu geringem Grade, der Regent aber reichlich und Mirabeau in ungeheuerlichem Masse. Mirabeau war ebenso stolz darauf, den Kot hoch aufspritzen zu lassen, wie der Herzog von Orléans eine fast anmutige Lust darein setzte, Schmutz auszuhalten. Sah man ihn nicht Fusstritte in den Hintern »vergeistigen«, Fusstritte eines solchen Kerls, wie Dubois einer gewesen ist? Und hierin sind diese Vergeuder von anbetungswürdigen Fähigkeiten mehr zu verdammen als Brummell, denn sie hatten nicht wie er eine puritanische Gesellschaft vor sich, was alle Exzesse verzeihlich erscheinen lässt und manches Unrecht rechtfertigt. und dass er manchmal Missbrauch damit trieb.

So zum Beispiel hatte man ihn in den Geldnöten, die zum Ende führten, eine nicht unerhebliche Summe von jemand borgen sehn, der zu den Dandies gezählt werden wollte und an dem Mann, in dem sie ihren Meister sahen, sich eine Stütze zu schaffen dachte. Da er später inmitten eines grossen Kreises sein Geld zurückverlangte, hatte Brummell dem unbequemen Gläubiger in aller Ruhe zur Antwort gegeben, er wäre schon bezahlt »Bezahlt? Wann?« hatte der andre verdutzt gefragt, und Brummell hatte in seiner unsäglichen Art erwidert: »Damals, als ich vom Fenster des White-Klub Dir beim Vorübergehen zurief: Jemmy, wie gehts?« Eine solche Antwort lässt die Grazie schon in Zynismus umschlagen, und man braucht ihrer nicht eben viele zu hören, um sich der Mühe enthoben zu fühlen, gerecht zu sein.

Doch auch für Brummell war die Stunde gekommen, da man niemand mehr etwas ist, die Stunde des Unglücks. Sein Zusammenbruch war unaufhaltsam. Er wusste es. Mit der Unbewegtheit des Dandy hatte er, die Uhr in der Hand, die Frist berechnet, die er noch auf dem Felde bleiben durfte, auf der Bühne der wunderwürdigsten Erfolge, die ein Weltmann jemals aufzuweisen gehabt hat, und er war zu dem Entschlusse gelangt, nach all dem Glanz dort in seiner Erniedrigung sich nicht mehr zu zeigen. Er machte es wie die stolzen Schönen, die es vorziehen, zu verlassen, was sie noch lieben, als von denen verlassen zu werden, die zu lieben aufgehört haben. Am 1. Mai 1816 liess er sich von Watier einen Kapaun holen, trank eine Flasche Bordeau Das physiologische System der Engländer. Der moralische Mut ist so bedingt wie der körperliche. Die Engländer sind schlechte Soldaten, wenn sie nicht genügend genährt sind. Der Ruhm Wellingtons gründet sich nicht zuletzt darauf, dass er seine Armee ausgezeichnet zu verpflegen verstanden hat. – Byron hatte zwei getrunken, als er auf den Artikel der »Edinburgh Review« mit der Satire »English Bards and Scotch Reviewers« antwortete – und schrieb, ohne sich in Hoffnungen zu wiegen, gleichmütig, wie ein Mensch, der sich bereits aufgegeben hat, noch einmal das Schicksal versucht, den bekannten Brief:

»Mein lieber Scrope, schick mir 200 Pfund. Die Bank ist geschlossen, und alle meine Mittel sind Papiere. Ich werde Dir die Summe morgen zurückgeben. Dein ergebener

Georges Brummell.«

Ohne Verzug erhielt er von Scrope Davies dieses an Kürze wie an Freundschaft gleich lakonische Antwortschreiben:

»Mein lieber Georges, ich bedauere unendlich, aber alle meine Mittel sind Papiere.

Dein ergebener Scrope.«

Brummell war viel zu sehr Dandy, als dass er sich durch einen solchen Brief hätte verletzt fühlen sollen. Er war nicht der Mann, über das Geschehnis lange Betrachtungen anzustellen, sagt Mr. Jesse sehr treffend. Er, der als Spieler dem Zufall die Entscheidung zu überlassen gewohnt war, hatte ein Blatt auf das Wasser geworfen, und das Wasser hatte es davongetragen. Die Antwort Scropes war grausam in ihrer Dürre, aber sie war nicht gewöhnlich. Nach Dandy-Begriffen war die Ehre unversehrt geblieben. Brummell kleidete sich mit Gelassenheit an und erschien noch am selben Abend in der Oper. Er war der Vogel Phönix, der seinen Scheiterhaufen besteigt, und er war noch schöner als der Vogel Phönix, denn er hatte das Gefühl, dass er sich nicht mehr aus seiner Asche erheben würde. Wer hätte in ihm einen vernichteten Mann vermutet? Der Wagen, den er nach der Vorstellung bestieg, war ein gewöhnlicher Postwagen. Am 17. war er in Dover, und am 18. hatte er England verlassen.

Einige Tage nach seiner Abreise ward auf Anordnung des Sheriffs von Middlesex das elegante Mobiliar des Dandy (man of fashion) by auction verkauft. Verreist nach dem Kontinent, hiess es im Versteigerungsprotokoll. Unter den Käufern befand sich alles, was in London tonangebend war, die Träger der ersten Namen der 104 englischen Aristokratie. Man sah den Herzog von York, die Lords von Yarmouth und Besborough, Lady Warburton, Sir H. Smith, Sir H. Peyton, Sir W. Burgoyne, die Oberste Sheddon und Cotton, den General Phipps u.a.m. Alle wollten etwas von den kostbaren Überbleibseln eines entschwundenen Luxus besitzen, diesen durch täglichen Gebrauch teilweise abgenützten Gegenständen, denen der Geschmack eines Brummell die Weihe gegeben hatte, und man bezahlte jedes Stück, wie nur Engländer zahlen, wenn sie sich auf etwas versteifen. Und am teuersten wurde von dieser Gesellschaft, bei der das Überflüssige die Rolle des Notwendigen angenommen hatte, gerade das bezahlt, was den geringsten Wert besass, die Nichtigkeiten (knick-knacks), die, im Grunde genommen, bloss der Laune, die sie geschaffen, der Hand, die sie gewählt hat, ihr Dasein verdanken.

Die Sammlung von Tabakdosen, die Brummell besessen hat, soll eine der reichsten in England gewesen sein. In einer fand sich von seiner Hand geschrieben: »Ich würde diese Büchse dem Prinzregenten bestimmt haben, wenn er sich mir gegenüber besser benommen hätte.« Dadurch, dass solche Bemerkungen ganz aufrichtig gemeint sind, wirken sie nur um so unverschämter. Bloss die kleinen Geckereien sind es, die es an Einfachheit ermangeln lassen.

In Calais, dem Asyl aller verschuldeten Engländer, suchte sich Brummell über die Verbannung hinwegzutäuschen. Der Flüchtling hatte einige Trümmer seiner glänzenden Vergangenheit gerettet, und diese Trümmer eines englischen Vermögens konnten in Frankreich fast als ein Vermögen gelten. Er mietete bei einem Buchhändler eine Wohnung, die er mit einem phantastischen Aufwand ausstattete: sie sollte die Erinnerung an Chesterfield-Street oder die Salons von Chapel-Street in Park-Lane beschwören. Seine Freunde – wenn dieses Wort, das den Begriff Aufrichtigkeit in sich schliesst, hier Anwendung finden darf; die Freunde eines Dandy haben immer etwas vom Cicisbeo der Freundschaft an sich – seine Freunde trugen jeder sein Teil bei, die Kosten seines Daseins zu bestreiten, und sein Leben entbehrte noch lange nicht eines gewissen Glanzes. Der Herzog und die Herzogin von York, deren Beziehungen zu ihm nach dem Bruch mit dem Prinzen von Wales an Innigkeit gewonnen hatten, Chamberlayne und viele andre kamen damals und späterhin dem verunglückten Beau in der freigebigsten Weise zu Hilfe und bestätigten so beredter als je, wie gross der Eindruck gewesen war, den er auf alle gemacht hatte, die ihn gekannt haben. Er ward von den Menschen, die er einst bezaubert hatte, ausgehalten, wie manchmal Schriftsteller und politische Redner von den Parteien, deren Meinungen sie vertreten, ausgehalten werden. Solche Freigebigkeit entwürdigt den Beschenkten nach englischer Auffassung keineswegs, und sie war auch durchaus nichts Ungewöhnliches. Hatte nicht Chatham von der alten Herzogin von Malborough für eine oppositionelle Rede eine ansehnliche Geldsumme erhalten, und Burke selbst, der nicht das weite Gewissen Chathams besass und wie als Redner so in der Betätigung der »Tugend« den Bombast liebte, hat er nicht von dem Marquis von Rockingham ein Anwesen angenommen, dem er seine Wählbarkeit ins Parlament verdankte? Neu an dieser Freigebigkeit war nur ihr Anlass. Man war dankbar für das Vergnügen, das man genossen hatte, wie man sonst für geleistete Dienste dankbar ist, und mit Recht, denn besteht nicht der grösste Dienst, den man einer gelangweilten Gesellschaft erweisen kann, darin, dass man ihr einiges Vergnügen bereitet?

Aber dieses Beispiel einer immerhin nicht allzu häufigen Dankbarkeit war noch nicht das Verwunderlichste. Die Macht, die Brummell ausgeübt hatte, war mit seinem Scheiden keineswegs dahin; sie hielt auch nachher an. Die Salons Englands beschäftigten sich mit dem Verbannten genau so, wie es früher der Fall gewesen war, als er noch dagestanden hatte als der Gesetzgeber dieser Welt, deren Herr man ist, solang man sie liebt, die aber den, der sie flieht, erbarmungslos vertilgt. Durch den Nebel, übers Meer lugten sie alle hinüber mit aufmerksamen Augen nach dem andern Ufer, und sie hatten ihn bald entdeckt in der fremden Stadt, die er sich als Zufluchtstätte erkoren hatte. Manche Pilgerfahrt hat die vornehme Welt nach Calais unternommen. Es kamen die Herzoge von Wellington, Rutland, Richmond, Beaufort, Bedford, die Lords Sefton, Jersey, Willoughby d'Eresby, Craven, Ward und Stuart de Rothsay. Brummell hatte in den äussern Formen seiner Lebensweise keine Änderung eintreten lassen, seine überheblichen Londoner Gewohnheiten beibehalten. Eines Tages liess ihm Lord Westmoreland, der sich auf der Durchreise in Calais aufhielt, sagen, dass er sich sehr freuen würde, ihn zum Speisen bei sich zu sehen; das Diner wäre für drei Uhr angesetzt. Der Beau antwortete, er esse niemals um diese Stunde, und gab Seiner Herrlichkeit einen Korb. Er lebte im übrigen so einförmig und regelmässig, wie die Engländer auf dem Kontinent alle zu leben pflegen. Seine Einsamkeit war nur durch die Besuche seiner Landsleute unterbrochen. Obwohl er sich durchaus nicht auf den hoheitsvollen Aristokraten oder Menschenfeind hinausspielte, war doch die Art seiner Höflichkeit von so grossartigem Schnitt, dass sie die Leute, mit denen ihn der Zufall zusammenführte, nicht eben anzog; schon um der Sprache willen Bekannt ist Scrope Davies' Scherzwort, dem Lord Byron in einem seiner Gedichte zu ehrenvollem Widerhall verholfen hat: Wie Napoleon in Russland ward Brummell, als er französisch zu lernen unternahm, von den Elementen besiegt. Ein guter Witz, aber darum hoch nicht treffend. Die Wahrheit ist, dass er das Französische nur fehlerhaft und als Engländer sprach, wie alle diese kieselkauenden Kinnladen, deren Sprache gleichsam mit dem Meer, das an ihre Küste schlägt, um Gehör ringt; aber seine Sprechweise, der, wenn nicht trefflich, doch vornehm gewählte Worte zu Hilfe kamen, und seine Manieren, die immer den tadellosen Gentleman verrieten, gaben dem, was er sagte, ein erlaucht besonderes Gepräge der Fremde, eine bei aller Strenge nicht des prickelnden Reizes entbehrende Eigenart, die sich immer mit Gewinn aus der Sache zu ziehen verstand. und noch mehr infolge der Gewohnheiten seines früheren Lebens blieb er ein Fremder. Ein Dandy ist noch mehr Insulaner als ein Engländer, denn die Londoner Gesellschaft gleicht einer Insel in einer Insel; übrigens ist Geschmeidigkeit nicht das Mittel, dort Ansehen zu erlangen. Dennoch und trotz seiner ein wenig hochmütigen Zurückhaltung Die Dandies können das angeborene Puritanertum niemals ganz überwinden. Ihre Grazie erreicht bei aller Vollkommenheit doch nie den Grad von Ungebundenheit, der an einem Richelieu bezaubert; sie vergisst niemals die Grenzen der Zurückhaltung. »In London«, sagt der Fürst von Ligne, »heisst man sogleich ein Ausländer, wenn man zuvorkommend ist«. zeigte er sich gegenüber Versuchen, ihm näher zu kommen, minder widerstandsfähig, sobald ein gutes Diner winkte. Sein Sinn für die Freuden der Tafel, als Geschmack ebenso verfeinert wie als Leidenschaft zwingend, war immer eine der am meisten durchgebildeten Seiten seines Sybaritismus gewesen. Hier, von dieser sinnlichen Neigung aus, die an geistreichen Männern nichts Ungewöhnliches ist, war seiner sonst so wenig zugänglichen Eitelkeit beizukommen; aber seine unvergleichliche Art, durch ein massloses Selbstbewusstsein zu verblüffen, behielt doch immer wieder die Oberhand. »Wer war das, der dich gegrüsst hat, Sefton?« fragte er Lord Sefton während eines Spazierganges in den öffentlichen Anlagen. Und der gegrüsst hatte, war der ehrsame Bürger, bei dem er, Brummell, für eben den Tag zu Tisch gebeten war.

Er hat sich mehrere Jahre in Calais aufgehalten. Der immer tadellos in spiegelndem Glanz erhaltene Lack seiner Eitelkeit mag manchen Kummer zugedeckt haben. Auch seine geistigen Bedürfnisse hatten schmerzliche Entbehrungen zu ertragen. Er, der in so hervorragendem Masse die Kunst des Gesprächs beherrschte, sah sich gerade hierin gänzlich brach gelegt.

 

[Fußnote aus technischen Gründen im Text in kleinerer Schrift wiedergegeben. Re] Man »spricht« wohl mehrere Sprachen, aber man »redet« nur in einer. Selbst Paris hätte Brummell London nicht ersetzen können. Und Paris ist heut auch nicht mehr die Metropole des Gesprächs. Jede andre Stadt kann es darin mit Paris aufnehmen. Pariser Gesprächskunst? Wo ist die geblieben? Frau von Staël würde heute vergeblich nach ihr auslugen. In Paris denkt man viel zu viel an das Geld, das man nicht hat, und jedermann dünkt sich da so völlig allen andern gleich, dass sich kaum jemand zu einem ordentlichen Gespräch bereit findet. Man hat haushalten gelernt, ist knauserig geworden, auch mit geistigen Mitteln. Gewiss, auch in London beherrscht die Sucht nach materiellem Besitz das Gemüt einer grossen Anzahl von Menschen, aber in einer gewissen Höhenlage gibt es doch noch eine Schichte, die besseres zu tun hat. Und dort herrschen Standesunterschiede, gibt es eine Gesellschaftsordnung (ob gut oder schlecht, bleibe hier unerörtert: das aber ist der Druck, der den Geist zum Schäumen bringt. In einer solchen Gesellschaft muss man sehr gerieben sein, wenn man seiner Unverschämtheit Bewegungsfreiheit verschaffen will, und man muss sehr viel Anmut besitzen, wenn Höflichkeit zum Vergnügen werden soll. – Nur in schwierigen Lagen entstehen Helden. In Paris dagegen – nichts leichter als die Geselligkeit im Salon. Man kommt und geht, das ist alles. Die Schriftsteller, die Künstler, die Bewegung ins alltägliche Erleben der andern bringen, sie, die zumindest ihren Geist im Licht ihrer Schöpfungen sollten strahlen lassen, sind in der Gesellschaft ebenso matt wie die Durchschnittsmenschen. Müde vom Denken oder von der Anstrengung, sich als Denker zu geben, haben sie nach vollbrachtem Tagwerk kein andres Verlangen, als auszuspannen, etwas Musik zu hören und dabei wie die Fakire zu duseln oder Tee zu trinken wie die Chinesen.

Brummell hat Paris besucht, ist aber nicht dort geblieben. Was hätte er dort anfangen sollen? Er hatte ja keinen Luxus mehr zu bieten. Freilich das hätte vollauf genügt, ihn als reizenden Menschen erscheinen zu lassen, und wäre er noch so abgeschmackt, noch so abstossend gewesen. Er besass nichts als vollendete Umgangsformen, und dafür hat man nicht allzuviel übrig. Man wird in diesem Punkt von Tag zu Tag bescheidener. Man hätte einfach nicht begriffen, was für eine Rolle er einst gespielt hatte. Das wäre für ihn eine traurige Erfahrung und für andre ein trauriger Anblick gewesen. Madame Guiccioli ist da ein gutes Beispiel. Sie war aber immerhin eine Frau, und wenn es sich um eine Frau handelt, haben das Geschlecht und die Nerven einigen Einfluss auf unsre Ansichten.

 

Sein Geist, der, um sich zu entzünden, des Funkens eines andern bedurfte, fand keine Anregung. Auch Frau von Staël hat diese herbe Pein empfunden. Der Gedanke, dass sein Name noch einen Schein nach London hinüber warf, dass die glänzendsten Vertreter einer Welt, in der er nicht mehr verkehrte, von Zeit zu Zeit mit mancher Erinnerung eine unauslöschliche Neugierde herüberbrachten, war nicht genügend, ihn für das Verlorene zu entschädigen. Aber die Eitelkeit eines Dandy wird im Leiden fast zum Stolz, sie verstummt wie die Scham. Ist ihm, dem Lästerlichen, das auch nach Gebühr angerechnet worden? ... Weil er nicht wusste, was er mit Fähigkeiten anfangen sollte, die unnütz geworden waren, begann er einen regen Briefwechsel mit der Herzogin von York; er hat ihr einen nichts weniger als einfachen Kaminschirm gemalt und die Figuren dazu selbst entworfen. In Belvoir wie in Oatlands, überall hatten ihn der Herzog und die Herzogin von York mit Artigkeiten überhäuft. Aber seit er vom Glück im Stich gelassen worden war, hatte ihm die Herzogin eine Zuneigung gezeigt, die auf dieses glänzende und öde Leben einen Schein von wirklicher Zärtlichkeit wirft. Dieses Gefühl ist einzig in seiner Art. Freundschaft zwischen Frauen ist ausgeschlossen (warum wohl Wahrheiten immer Gemeinplätze sein müssen?) und ein Dandy zählt in gewisser Hinsicht zu den Frauen. Hört er es auf zu sein, dann ist er ärger als es Frauen untereinander sind: eines jener Ungeheuer, bei denen der Kopf das Herz beherrscht. Und das ist selbst bei Freundschaften schauerlich. Im Dandy ist etwas Kaltes, Nüchternes, Spöttisches, bei aller Haltung plötzlich Bewegliches, das den Frauen, diesen tragischen Tränenmaschinen, für die die Anlässe zu weichlicher Rührung mehr sind als die rührendste Weichheit, über die Massen zuwider ist. Wenn sie noch sehr jung sind, ist ihnen der gehässige Puritanismus minder widerwärtig. Junge Leute von feierlicher Würde machen auf sehr junge Wesen entschieden Eindruck. Sie sitzen einer Pose auf, hinter der oft nichts als durch guten Ton verhüllte Verlegenheit steckt, träumen von Tiefe, wo bloss seichte Glätte spiegelt. Vor der geistigen Leichtfertigkeit eines Dandy träumen sie von jener andern, vor der die Mütter mit halben Worten ihre Töchter warnen. Trotzdem und vielleicht darum – denn wen sie nicht beherrschen, der beherrscht sie – sind sie sehr wohl imstande, einen unausstehlichen Dandy ganz aufrichtig zu lieben; und wen vermöchte man nicht im Leben einmal so zu lieben? Hier aber handelt es sich nur um Freundschaft, und das heisst Wahl, nicht Neigung. Brummell hat es nie vergessen. Es scheint sogar, dass er ohne die freundschaftlichen Beziehungen zur Herzogin von York, der er versprochen hatte, nichts von dem zu enthüllen, was er über das Privatleben des Prinzregenten wusste, Erinnerungen geschrieben und sich so wieder ein Vermögen gemacht hätte, denn die Londoner Verleger boten ihm für solche Enthüllungen ungeheuerliche Summen. Dieses äusserst taktvolle Schweigen (sei es nun, dass er es um der Herzogin willen oder aus freien Stücken gehalten hat) rührte übrigens den zähen Egoismus Georges IV. nicht im geringsten. Als er (1812) auf dem Wege, sein Königreich Hannover zu besuchen, durch Calais kam, hat er es wohl mit der Widerstandsunfähigkeit eines gleichgültigen Gemüts geduldet, dass man eine Versöhnung in die Wege zu leiten alle Anstalten traf, – aber Brummell ging nur zögernd auf diese offenbaren Machenschaften ein.

»Noch auf dem Rade« verlässt den Menschen nicht die Eitelkeit! Brummell hätte um keinen Preis um eine Audienz beim Prinzen angesucht. Stand der doch als Dandy tief unter dem, was er, Brummell, in seinen Augen vorstellte. Er war gerade dazu gekommen, als der König seinen Einzug hielt, und er verharrte mit einem peinlichen Gefühl in seiner Stellung. Der Zechgenosse aus den Zeiten von Carlton-House sah ihn ohne die Spur der eigentümlichen Erregung, die einen beim Anblick eines Jugendgefährten unwillkürlich ergreift, – des lächelnden Bedauerns eines unwiederbringlich Vergangenen, dessen Poesie auch dem Gemeinsten vertraut ist. Da man dem König gelegentlich eine Tabaksdose darbot, die er als ein Stück aus jener kostbaren Sammlung Brummells erkannte, hatte Georg Auftrag gegeben, ihn vorzuführen, und zum Empfang den kommenden Vormittag bestimmt. Was wäre aus dieser Begegnung erfolgt? Wäre der »König von Calais«, wie man Brummell hiess, zurückgekehrt, um in London aufs neue zu herrschen? Am nächsten Tag aber waren Depeschen eingelaufen, die den König genötigt hatten, seine Abreise zu beschleunigen, und niemand dachte mehr an Brummell. Mindestens war die wirklich äusserst geringe Bemühung, die er seinerseits an den Tag gelegt hatte, der Gleichgültigkeit des Prinzen ebenbürtig gewesen. Sie war gewiss ein Fehler, diese Teilnahmslosigkeit, der Abscheu vor jedem dem König von England irgend entgegenkommenden Schritt, vom Standpunkt vernünftiger Lebensführung; aus sicherlich ein Fehler, aber wenn er sich diesen Fehler nicht hätte zuschulden kommen lassen, wäre Brummell eben nicht Brummell gewesen. Unwillkürlich fallen einem die unsterblichen Verse aus Byrons Sardanapal ein:

If...............
......thou feel'st an inward shrinking from
This leap through flame into the future, say it:
I shall not love thee less; nay, perhaps more,
For, yielding to thy nature.......

(Wenn du nicht ohne kalten Schauder daran denken kannst, dich durch dieses Flammenmeer in die Zukunft zu wagen, sag's, und ich werde dich nicht minder lieben, nein, vielleicht lieb ich dich eben darum nur noch mehr, denn du hast deiner Natur gemäss gehandelt.

Seit dieser Begegnung in Calais hat Georg IV. des Dandys mit keiner Silbe je Erwähnung getan; er verfiel in seine dumpfe, an den Erinnerungen zehrende Betäubung. Brummell hat sich darüber nie beklagt. Das taktvoll strenge Schweigen, das er wahrte, zeugt von seinem guten Geschmack: er schwieg aus Stolz. Die spätem Ereignisse wären wohl geeignet gewesen, einen Schwächeren zu mancherlei Vorwürfen hinzureissen. In allerkürzester Zeit waren seine Mittel erschöpft, er musste Schulden machen, und mit den Schulden kam die Not. Er sollte, nach Dantes Worten, die Leiter vom Exil ins Elend hinabsteigen, und an ihrem Fusse Gefängnis, Almosen und ein Narrenhaus finden, darin zu sterben. Die Hand, die ihn auf den ersten Staffeln dieser schrecklichen Leiter noch zurückhielt, war eines Königs Hand, die Wilhelms des IV. Unter seiner Regierung ward in Caen die Stelle eines Konsuls geschaffen und Brummell verliehen. Unzulänglich besoldet, ging dieser Posten schliesslich ein; Brummell war unfähig, ihn auszufüllen; er brachte ihn buchstäblich um. Sein Talent bestand in seiner persönlichen Macht über die Menschen, und man gab ihm Geschäfte und Akten. Hätten die Laune, das tolle Glück, die sein halbes Leben beherrschten, ihn nicht zu allem, was Amt und Pflichten heisst, untauglich gemacht, vielleicht wären in ihm Fähigkeiten zum Diplomaten gewesen, die man hätte nützen können. Vielleicht – vielleicht auch nicht. Lord Palmerston hat zur Genüge gezeigt, was das blosse Dandytum in der Politik ausrichtet. Ein Henry de Marsay {Der Held in Balzacs grossartiger »Fille aux yeux d'or«. D. Ü.} ist sicherlich eine verführerische Vorstellung. Aber solche Schicksale schafft eben nur ein Dichter. Damit soll durchaus nicht gesagt sein, dass sie unmöglich wären; aber unter den Romanhelden ist Marsay gewiss der am wenigsten wahrscheinliche. Zuletzt ward er ihm gar entzogen. Glaubt die Regierung, die doch die Menschen an den ihnen gemässen Platz zu stellen verpflichtet wäre, viel für jemand getan zu haben, wenn sie ihn entgegen seiner ausgesprochenen Veranlagung verwendet?

Die Zeit, die Brummell in Caen zubrachte, ist einer der längsten Abschnitte seines Lebens. Der Adel der Stadt hat durch die Aufnahme, die er ihm bereitete, und die Hochachtung, die er ihm erwies, gezeigt, dass die Vorfahren der Engländer Normannen gewesen sind. Das mochte ihn rühren, konnte ihm aber nicht die Qualen ersparen, die seine letzten Tage verstörten. Jesse hat alle diese Erniedrigungen, alle diese Schmerzen aufgezählt: ich werde davon schweigen. Weshalb auch sie berichten? Vom Dandy ist die Rede, von seinem Einfluss, seinem öffentlichen Auftreten, seiner Rolle in der Gesellschaft. Was hat alles andre zu besagen? Wenn man Hungers stirbt, hat man mit den Geziertheiten einer beliebigen Gesellschaftsklasse nichts mehr zu schaffen, man kehrt zurück zum nackten Menschentum, hört auf, Dandy zu sein.

 

[Fußnote aus technischen Gründen im Text in kleinerer Schrift wiedergegeben. Re] Hat er wirklich jemals aufgehört, Dandy zu sein? ... Ein Venetianer, der sich damals mit der Rolle eines Casanova der Musik begnügte und später ihr Gustave Planche geworden ist – P. Scudo von der Revue des Deux Mondes – gab eines Tages in Caen eines jener Konzerte, darin er, gleich meisterhaft als Schauspieler wie als Musiker, seine Gaben verschwendete: auch Einfaltspinsel hätten Schauer des Entzückens erleben müssen, wenn Einfaltspinsel so etwas wie Nerven besässen. Er legte Wert auf die Anwesenheit des berühmten Dandy, der in der Rue Guillebert immer noch eine Macht vorstellte. Da er mit ihm an drittem Orte zusammentraf, brachte er seine Einladung an, und indem er aus seiner Tasche ein Päckchen Eintrittsscheine (etwa dreihundert) hervorlangte, bot er es ihm, es wie ein Spiel Karten auseinanderbreitend, dar, auf dass er sich einige wähle; grossartig und mit der Selbstverständlichkeit eines Dandy, dem die Welt gehört, nahm Brummell mit einem Griff alle. »Er hat sie niemals bezahlt«, fügt Scudo hinzu, »aber wie er das gemacht hat, war einfach bewunderungswürdig, und ich hatte für mein Geld einen Begriff mehr von englischem Wesen.« Bald darauf verfiel Brummell in Wahnsinn, und da das Dandytum, dem seine Vernunft nicht gewachsen war, den ganzen Menschen durchdrang, hatte bei ihm auch der Wahnsinn einen Anstrich von Dandytum: er war von einer wahren Tollwut der Eleganz besessen. Wenn man ihn auf der Strasse grüsste, nahm er den Hut nicht ab, aus Furcht, seine Perücke in Unordnung zu bringen; wie Karl X. erwiderte er den Gruss mit der Hand. Er wohnte im »Englischen Hof«. An gewissen Tagen liess er zum grössten Staunen der Hotelbediensteten sein Zimmer wie zu einem Feste herrichten. Kronleuchter, Kandelaber, Kerzen, Blumen in verschwenderischer Fülle: es durfte an nichts fehlen, und inmitten des Gemaches, im vollen Glanz all der Lichter stand er selbst, grossartig wie der Brummell von einst, im blauen Frack »Whig« mit goldnen Knöpfen, der weissen Pikeeweste und dem eng anliegenden schwarzen Beinkleid. Er wartete ... Er erwartete das längst begrabene England. Und mit einem Male, so wie wenn in ihm zwei verschiedene Menschen sich verkörpert hätten, meldete er, die Stimme erhebend, den Prinzen von Wales, Lady Fitz-Herbert, Lady Connyngham, Lord Yarmouth, alle die ersten Persönlichkeiten Englands, deren tonangebendes Vorbild er vor Zeit gewesen war, und indem er sie, so wie er die Namen genannt hatte, eintreten zu sehen meinte, eilte er, sie mit veränderter Stimme an der weit geöffneten Türe zu empfangen und einzuführen in diesen leeren Salon, den leider weder diesen Abend noch sonst irgend jemand betreten sollte, und begrüsste die Geschöpfe seiner Einbildungskraft, bot den Damen den Arm, sie durch die Reihen aller dieser Gespenster zu führen, die er beschworen hatte ... Ach, sie hätten wohl, am Empfangsabend des abgewirtschafteten Dandy zu erscheinen, auch nicht für einen Augenblick ihre Gräber verlassen mögen! So trieb ers lange Zeit ... Endlich, wenn alles von den Gespenstern bevölkert, wenn diese ganze »Welt« der andern Welt erschienen war, da kam ihm die Vernunft zurück, wurden dem Unglückseligen seine Täuschung, sein Wahn bewusst; dann sank er erschüttert in einen der leeren Armstühle, und dort fand man ihn aufgelöst in Tränen. Im Irrenhaus freilich waren seine Einfälle minder rührend. Sein Übel verschlimmerte sich und nahm, als wäre das die Rache an der Eleganz seines früheren Daseins gewesen, einen immer tiefer sinkenden Verlauf. Es ist unmöglich, näheres zu erzählen ... Schauderhafter Hohn des schrecklichen Spötters, der auf dem Grunde der Dinge lauert und der zum Schluss das leichte Leben derer schwer macht, die die ärgsten Spötter gewesen sind! Der Pavillon des Irrenhauses zum Erlöser hat Brummell den Pavillon von Brighton entgelten lassen. Zwischen den beiden Pavillons spielt sich sein Leben ab.

 

Lassen wir das. Aber seien wir gerecht gegen Brummell und geben wir zu, dass er, soweit dies ein Mensch imstande ist, auch in Elend und Hunger ein Dandy geblieben ist. Die Fähigkeit, die bei ihm alle übrigen überragte, hielt sich lange Zeit auf den Trümmern seines Daseins aufrecht. Die andern, die nur dazu da waren, jene, indem sie sich in Einklang mit ihr setzten, zu stützen, haben kein Verdienst an seinem Ruhm und kein allzu grosses an seinem Glück. Er ist zum Beispiel auch Dichter gewesen. Er besass genau den Grad von Einbildungskraft, wie er einem Menschen, dessen Beruf darin besteht, zu gefallen, unentbehrlich ist: aber was er tatsächlich an Gedichten hinterlassen hat, würde, so bemerkenswert sie für einen Dandy sind, niemand zum berühmten Schriftsteller machen. Mr. Jesse, den man von nun an immer wird nennen müssen, wo es sich um Brummell handelt, zitiert in seinem Buche Verse des berühmten Dandy. Brummell hat sie in ein sehr schönes Album geschrieben, in das auch Sheridan, Byron, sogar Erskine welche geschrieben haben. Es sind dies keineswegs Albumverse, rasch hingeworfene Zeilen, sondern Stücke von einiger Ausdehnung, die von einem gewissen Stimmungshauch getragen erscheinen. Wir haben uns also damit nicht zu befassen. In dieser Studie über einen in seiner Art so eigentümlichen Menschen muss alles, was nicht die Gnade selbst, den Finger Gottes bestätigt, beiseite bleiben.

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