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Vom Dandytum und von G. Brummell

Jules Amedée Barbey d'Aurevilly: Vom Dandytum und von G. Brummell - Kapitel 12
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typebiography
authorJules Amedée Barbey d'Aurevilly
titleVom Dandytum und von G. Brummell
publisherGeorg Müller
year1909
translatorRichard Schaukal
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VIII.

Da der Dandysmus nicht die Erfindung eines einzelnen, sondern das Ergebnis eines bestimmten Zustandes der Gesellschaft vorstellt, der schon vor Brummell da war, ist es vielleicht am Platz, sein Vorhandensein in der Geschichte der englischen Sitten festzustellen und seinen Ursprung nachzuweisen. Alles führt zu der Annahme, dass dieser Ursprung französisch sei. Die Grazie ist zur Zeit der Restauration Karls II. nach England gekommen, Arm in Arm mit der Verderbtheit, die sich damals als ihre Schwester ausgab und damit manchmal auch Glauben gefunden hat. Sie begann mit den Waffen des Spottes den fürchterlichen und unerschütterlichen Ernst der Puritaner Cromwells anzugreifen. Die Sitten – in Grossbritannien stets gründlich genommen, wie immer ihre Richtung sei, gut oder schlecht – hatten die Strenge übertrieben. Man musste denn auch, wollte man ein wenig aufatmen, sich ihrer Herrschaft entziehen, dieses schwere Gehenke abschnallen, und die Höflinge Karls II., die in französischen Champagnergläsern Vergessenheit der finstern frommen Gewohnheiten der Heimat getrunken hatten, wussten sich geschickt aus der Sache zu ziehen. Im Original heisst es: tracèrent la tangente par laquelle on put échapper – sie zogen die Tangente (nämlich an den Kreis der Sitten), auf der man entwischen konnte. Die Redensart: »s'échapper par la tangente«, heisst »sich geschickt aus der Affaire ziehen«. Tracer la tangente bedeutet also in der aufgelösten Metapher: den Weg zur Flucht angeben. Die Bildlichkeit Barbeys ist manchmal arg feuilletonistisch: die Höflinge hatten in diesem hypertrophischen Satze nichts weniger als »in den Champagnergläsern Frankreichs einen Lotus getrunken, der sie die finstern religiösen Gewohnheiten der Heimat vergessen machte« ... (D. Ü.) Viele hatten es überaus eilig. »Die Schüler hatten bald ihre frühern Lehrer übertroffen«, sagt fein und treffend Amédé Renée, In der Einleitung zu den Briefen des Lord Chesterfield, Paris 1842. »und sie zeigten sich so beflissen, sich verderben zu lassen, dass die Rochester und Shaftesbury mit einem grossen Schritt über ein ganzes Jahrhundert hinweg von den Sitten des zeitgenössischen Frankreich bis zur Regentschaft gelangten.« Es ist hier nicht die Rede von Buckingham, noch von Hamilton, noch von Karl II. selbst, noch von allen denen, bei denen die Erinnerungen an die Verbannung mächtiger waren als die Eindrücke der Heimkehr; vielmehr sind die gemeint, die, Engländer geblieben, aus der Ferne von dem fremden Hauch berührt wurden und die die Herrschaft der Beaux begründeten, wie Sir Georges Hevett, Wilson, den, wie es heisst, Law im Duell erstochen hat, und Fielding, dessen Schönheit den Zweiflerblick des sorglosen Karl II. anzog und der, nachdem er die berühmte Herzogin von Cleveland geheiratet hatte, die Abenteuer Lauzuns mit der Schwester des Königs erneuerte. Man sieht, schon der Name, den sie trugen, weist auf französischen Einfluss hin, und ihre Anmut war wie ihr Name. Sie war nicht heimatlich genug, nicht genug der Eigentümlichkeit des Volks vermählt, aus dessen Mitte Shakespeare entstand, jener innigen Kraft, die sie später durchdringen sollte. Man hüte sich vor einem Missverständnis: die Beaux sind nicht die Dandys, sondern ihre Vorläufer. Schon regt sich unter dieser Oberfläche das Dandytum, aber es tritt noch nicht heraus. Aus dem innersten Grund der englischen Gesellschaft sollte es hervorgehen. Fielding starb 1712. Nach ihm setzte der Oberst Edgeworth, den Steele (auch er ein Beau in seiner Jugend) preist, die feingefeilte goldne Kette der Beaux fort. Sie schliesst mit Nash und öffnet sich erst wieder mit Brummell, aber nun ist das Dandytum dazu gekommen.

Denn ist dieses gleich schon früher geboren worden, so hat es sich doch in dem Zeitraum zwischen Fielding und Nash entfaltet und Gestalt angenommen. Der Name (auch er vielleicht französischen Ursprungs) ist erst später entstanden. Man findet ihn nicht bei Johnson; aber das Ding, das er bezeichnet, war schon da, und, wie es sich von selbst versteht, sind die höchst gestellten Persönlichkeiten seine Vertreter. Da ja der Mensch stets so viel gilt, als er Fähigkeiten besitzt, und das Dandytum gerade die Fähigkeiten bezeichnete, die unter den damaligen Sitten noch keinen Rang angewiesen erhalten hatten, musste jeder höhere Mensch den Anstrich eines Dandy annehmen und hat es auch mehr oder minder getan. So Malborough, Chesterfield, Bolingbroke – zumal dieser; denn Chesterfield, der in seinen Briefen die Abhandlung vom Gentleman geschrieben hat, wie Machiavell die Abhandlung vom Fürsten – nicht als ob er die Regel erfunden hätte, sondern indem er das Herkommen erzählte –, Chesterfield ist noch zum guten Teil Anhänger der herrschenden Meinung, und Malborough, der mit seiner hoffärtigen Schönheit an ein Weib gemahnt, ist eher begehrlich als eitel. Bolingbroke allein ist weiter, ist ans Ziel gelangt. Er gleicht auf ein Haar dem uns aus der jüngsten Vergangenheit vertrauten Typus des Dandy. Wie der Dandy geht er in der Kühnheit seines Benehmens bis an die Grenzen der Unverschämtheit und darüber hinaus, ist nur auf den äussern Eindruck bedacht und lässt sich überall und immer von der Eitelkeit führen. Es ist bekannt, dass er auf Harley eifersüchtig gewesen ist, weil er von Guiscard ermordet worden ward, und sich damit tröstete, dass der Mörder zweifellos einen Minister mit dem andern verwechselt habe. Hat er sich doch über die Prüderie der Londoner Salons hinwegzusetzen unterstanden; sah man ihn nicht – nur der Gedanke daran ist fürchterlich – einer Orangenverkäuferin offene Neigung entgegenbringen, die unter den Bogengängen des Parlaments ihre Ware feil hielt und die vielleicht nicht einmal hübsch war? Er hat sogar die Devise der Dandies erfunden, das nil admirari dieser Menschen, die, Götter in Duodezformat, immer Überraschung hervorrufen und dabei selbst Unbewegtheit bewahren wollen. Der Dandysme bringt die Ruhe der Antike mitten in die moderne Beweglichkeit; aber die Ruhe der Alten kam aus der Harmonie ihrer Fähigkeiten und der Fülle eines mit Leichtigkeit entfalteten Lebens, während die Ruhe des Dandy die Pose eines Geistes ist, der durch viele Ideen hindurchgegangen sein muss und zu sehr angewidert ist, sich für irgend etwas zu erwärmen. Wenn ein Dandy ein Redner wäre, würde er wie Perikles die Arme unter dem Mantel verschränkt halten. Man denke an die entzückend unverschämte und ganz moderne Haltung des Pyrrhus von Girodet, in der er die Verwünschungen der Hermione über sich ergehen lässt. Zum Verständnis dessen, was ich sagen will, ist dieser Pyrrhus mehr geeignet als alles, was ich hier schreibe. Besser als irgend jemand sonst kleidet Bolingbroke der Dandysmus. War es nicht Freigeisterei in den Sitten und Gepflogenheiten der Welt, wie ihrerseits die Philosophie Freigeisterei war auf dem Gebiete der Moral und Religion? Wie die Philosophen vor dem Gesetz eine höhere Verpflichtung aufrichteten, also stellen die Dandys kraft höchstpersönlicher Autorität eine Regel über der auf, die die aristokratischen, die Zirkel regiert, die am engsten mit der Tradition verknüpft Und es gibt nicht nur in England Tradition. Als sich in Russland die Prinzessin d' Aschekoff ohne Schminke sehen liess, war dies die Handlungsweise eines Dandy, und vielleicht schoss sie damit übers Ziel, denn sich so ausserhalb der Gepflogenheiten zu stellen, war geradezu ein Skandal. In Russland heisst »rot« schön, und im XVIII. Jahrhundert hätten die Bettler an den Strassenecken, ohne etwas Rot aufgelegt zu haben, nicht gewagt, jemand um ein Almosen anzusprechen. sind, und es war der Scherz, der als Scheidewasser, war die Grazie, die als lösendes Mittel wirkt, mit deren Hilfe es ihnen gelang, diese bewegliche Regel zur Geltung zu bringen, eine Regel, die zuletzt nichts ist als die Kühnheit, sich durchzusetzen. Ein solches Ergebnis ist merkwürdig und liegt doch in der Natur der Sache. Die Gesellschaft mag sich noch so abschliessen, die Aristokratie sich gegen alles sperren, was nicht überkommene Meinung ist, – eines Tages erhebt sich die Laune und treibt ein Reis mitten durch die peinliche Ordnung, die undurchdringlich schien, die aber von der Langeweile längst unterwühlt war. So haben bei einem Volk von strenger Lebensführung und grobem Nützlichkeitssinn auf der einen Seite die Frivolität, Ein gehässiger Name, den man einer ganzen Klasse von Beschäftigungen gibt, die im Grunde sehr berechtigt sind, da sie wirklichen Bedürfnissen entsprechen. auf der andern die Einbildungskraft, die ihr Recht verlangte gegenüber einem Moralgesetz, das zu eng war, um wahr sein zu können, gemeinsam etwas wie eine Wissenschaft der Manieren und der Haltung zuwege gebracht, wie sie anderwärts unmöglich gewesen wäre, und Brummell war ihr vollendetster, niemals wieder zu erreichender Vertreter. Man wird sehen, warum er es gewesen ist.

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