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Vom Chiemgau

Felix Dahn: Vom Chiemgau - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/dahn/chiemgau/chiemgau.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleVom Chiemgau
booktitleVom Chiemgau ? Ebroin ? Kämpfende Herzen
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke - Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 2
illustratorHugo L. Braune / H. Grobet / Hans W. Schmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20110410
modified20160412
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Fünftes Buch.

I.

Als Adalfrid den Fehdebeschluß der Märker seinem Vater meldete und die Vorgänge, die ihn hervorgerufen, erzählte, verzichtete der sogleich auf die Hoffnung, auch diesen Streit im Einvernehmen mit dem Richter gütlich beilegen zu können.

Erregt ging der sonst so vornehm Verhaltene in der Waffenhalle seines Hofes auf und nieder: »Es ist das ärgste, was uns, was jene treffen konnte! Das Blut des Getöteten rieselt zwischen uns, ein roter Bach, unüberbrückbar! Zwei Dinge müssen nun geschehen. Wir müssen – das heischt der Fagana Ehre! – den Mädchenräuber, den Mörder, austhun von unserer Gemeinschaft: der Herzog muß ihn bannen aus dem Lande. Zugleich aber müssen wir diese paar Nächte nutzen, den Widerstand zu rüsten gegen die starke Übermacht der Feinde. Denn ich zweifle nicht, auch die Gemeinfreien der Nachbarmarken werden denen an der Alz helfen: – wider uns. Ich könnte eilende Reiter schicken an die Huosi und die Drozzo, an euern Vater, ihr Hachilinga – aber nein! Dann vollends wird's ein Kampf zwischen den Gemeinen und den Edeln im ganzen, dann geht der Riß der Stände durch all' Bajuvarenland. Das soll nicht sein. Erst das Volk, dann der Stand und das eigne Haus!« »Das sprach der Adalfagano,« rief der Sohn mit leuchtenden Augen und ergriff des Vaters Hand. – »Deshalb hab' ich auch gleich den Gedanken fortgescheucht, der mir zuerst angeflogen kam wie ein garstiger Vogel, wie der Fledervogel der Dämmerung.«

»Was dachtest du, Vater?« – »Was ich nie hätte denken sollen! Deine künftigen Schwäger: die Langobarden! Ein Raschbote von mir an den Grafen von Trient und lange bevor der Festfriede hier abgelaufen, sind von der Etsch her tausend Langobarden über den Inn hierher gerückt: – wir erdrücken jeden Widerstand. Aber nein, niemals! Schmach dem Adaling, der fremde Speere ruft ins Bajuvarenland! Fort damit!« Und er schlug mit der Linken in die Luft, wie um ein dort flatternd Tier zu verscheuchen. Hastig schritt er wieder durch die Halle. »Aber,« fuhr er kopfnickend fort, »es wird hart werden, arg hart! Es sind ihrer zu viele gegen uns. Zwar sind sie viel schlechter gewaffnet: Streitrosse haben sie gar nicht! – Jedoch auf die kommt es nicht an in dem hier drohenden Kampf um unsere festen Höfe, die sie ohne Zweifel stürmen und brechen wollen. Ja, Reiter gegen Reiter! Da würde wohl keine Schar, die ich kenne – von den Avaren im Aufgang bis zu den Bretonen im Niedergang – dem Ansprengen unserer Gefolgen widerstehen. Aber sie kommen in solcher Übermacht zu Fuß, daß wir das offene Feld nicht halten können. Auch unsere Thalhöfe werden wir nicht schützen können: sie brennen uns aus, wie den Fuchs aus dem Bau. Selbst dies Gehöft, ziemlich fest und mir wert, wir müssen's räumen!« »Aber wohin?« fragte der junge Hachilrat.

Der Gewaltige wies auf die Berge: »Auf die Kampenwand! Auf mein Wikhaus, das dort auf halber Höhe steht. Schmal ist der Zugang am Gemsensteg. Ein Schild sperrt ihn. Vorräte in Menge liegen dort gehäuft, der Quell entspringt innerhalb der hochgetürmten Umwallung von Felsgestein. Während der langen Einschließung werden sie nachlässig, – ich kenne sie! – stellen nachts keine Vorwachen aus: ein kühner Ausfall wirft sie über den Berg hinab, sprengt sie auseinander. Fallen dabei unsere heißesten Hasser, geben sich die andern, mürbe geworden, zum Vergleich. Auch wird bis dahin wohl der Herzog Zeit finden, den Landfrieden in seinem Ostgau herzustellen. Und, mein Sohn, – auch ihr jungen Hachilingen hört's und merkt's, – wenn Stammgenossen kämpfen, – kämpfen müssen! – sollen sie doch über den Kampf hinaus an den künftigen Frieden denken. Wir müssen uns ja doch wieder vertragen, miteinander leben können – künftig. Deshalb: so wenig Blut und Unheil wie möglich! – Hei ja,« meinte er, lebhafter fortfahrend, »wär' ich noch ein junger Heißthor, – ich wüßte wohl andern Kampfplan! Am frühsten Morgen, gleich nach der letzten Mitternacht des Festfriedens, mit all' unsern Rossen – weit über dreihundert sind's, auch ohne die Rappen Raginos – hinunterbrausen bis an die Alz, niederreiten jeden Mann im Wege, die Fackel werfen in jedes Schilfdach und, nach ungeheurem Schaden an Leben und Gut, bevor sie sich gesammelt und uns den Rückweg verlegt haben, rasch zurück in die bergenden Berge. So haben wir's wohl den schlimmen räuberischen Nachbarn, den Slovenen, gemacht: – aber soll ich auf Arnos Dach, das mich so oft als Gast beschattet hat, die Flamme schleudern? Verhüten's die gemeinsamen Götter! – Ei, es ist mir leid um den Mann. Der sorgt jetzt so schwer wie ich! Auch er – ich weiß es! – sinnt vergeblich, wie er das Unheil glimpflich wende. Nun kennt ihr drei meine Gedanken. Thut danach! Schafft alles Nötige auf das Kampfhaus: ich aber . . .« Er brach ab: sein Auge sprühte zornige Blitze.

»Du, Vater?« fragte der Jüngling ahnend, »was willst du einstweilen thun?«

»Ich reite. – Ich werde meines Bruders Sohn suchen und ihn fragen, ob man zugleich ein Adaling sein kann und ein Schurke?«

*

 

II.

Aber diese Frage blieb ungefragt.

Nach ein paar Tagen kehrte der Fagano mit seiner Reiterschar zurück – unverrichteter Dinge: weder in seinem festen Hofe an der Mangfall war der so scharf Gesuchte zu finden, noch in irgend einer der zahlreichen von seinen Freigelassenen, Schutzgehörigen, Unfreien bewohnten Siedelungen, noch war irgend eine Kunde von seinem Verbleiben einzuholen.

Es war, als habe sich die Erde aufgethan, ihn zu verschlingen samt seiner verwegenen, ihm bis zum Tod ergebenen Schar, die der Dämonische durch maßlose Freigebigkeit der Spenden, durch Gewährenlassen in allen zügellosen Lüsten und freilich auch durch glänzende, von niemand übertroffene wilde Tapferkeit seit Jahren unlösbar an sich gefesselt hatte. Nicht geliebt, – gefürchtet und gehaßt war er allerdings von jenen Hintersassen, deren Truhen, Frauen und Töchter weder vor ihm noch vor seinen kecken Günstlingen sicher waren: und diese würden dem Haupte des Geschlechts, dem Adalfagano, dessen Schutz sie gar oft mit Erfolg gegen die Willkür ihres Herrn anriefen, dessen Versteck gewiß mitgeteilt haben, hätten sie es gekannt. Aber sie wußten nur auszusagen, daß er noch am Tage der Blutthat mit all' seinen Gefolgen – etwa hundert Helmen – auf ihren schwarzen Rossen wie dunkles Gewölk davongebraust sei gen Norden. Fagano ließ in dieser Richtung auf allen Wegen verfolgen, auch in die dichten Wälder bei dem heutigen Baumburg und dem Schloß Stein: – doch ward keine Spur der Flüchtlinge gefunden.

Zurückgekehrt nahm er den Jünglingen die Ausführung der noch erforderlichen Maßregeln ab, die Thalhöfe zu räumen und alle Vorräte, Waffen und das wertvollste Gerät auf das Berghaus zu schaffen.

Lange bevor der Festfriede abgelaufen, war alles vollendet: zufrieden übersah der Erfahrene das Ganze: »Nun ist gethan,« sprach er, »was zu thun war: mehr vermag kein Mensch. Jetzt schauen wir gefaßt dem Kommenden entgegen. Auch du, mein Sohn, hänge nicht zu tief dem Grame nach. Ich weiß wohl, wie nah dir's geht: aber ich habe schon Härteres überdauert. Das Alter macht zäh. Merken die Grimmen, daß man die Kampenwand nicht stürmen kann, wird es mir und dem Richter zuletzt doch wohl gelingen, die Sühne zu vereinbaren.«

Aber es sollte anders kommen, als es dies kluge Haupt erwartete, ganz anders!

*

 

III.

Auch auf Seite der Gemeinfreien ward in diesen Tagen alles für den bevorstehenden Kampf gerüstet.

Zwar der Richter lehnte die Führerschaft ab: nur beim Aufgebot des Herzogs wider landfremden Feind habe er Pflicht und Recht des Heerbanns: aber nicht in dieser Blutrache Isos, der sich die Markgenossen freiwillig angeschlossen und der der Richter nur folgen mußte wegen eines Beschlusses, den er, – in freilich ganz anderer Meinung! – selbst herbeigeführt hatte!

Und Iso ließ es an nichts fehlen, wahrlich! Es war als habe der Verlust des heißgeliebten Sohnes den früher maßvollen Mann plötzlich umgewandelt. Jene wohlthätige Zucht durch die Rechtsgedanken, die unwillkürlich zur Sachlichkeit, zur Selbstbeherrschung, zur Unterordnung des begehrlichen Ich unter das Gesetz des allgemeinen Wohles gewöhnt und die sich bisher an dem maßvollen Rechtweiser voll bewahrt hatte, – sie schien nun plötzlich abgeschüttelt wie ein lästig Joch. Rauhe, wilde, maßlose Rache an dem ganzen Geschlecht des Mörders füllte allein die Gedanken des grauhaarigen Mannes: ein zweiter Harlacho schien er geworden.

So sorgte er nicht nur eifrig dafür, daß die nächsten Nachbarn im Dorf, in der Mark sich mit den besten Waffen rüsteten, – er sandte seine Boten weit hinaus in die andern Gemeinden des Gaues und rief die Freien zur Rächung wie seines Blutes so mancher eigenen, nur mit verhaltenem Groll getragenen Verunrechtung durch die Adalinge auf, die der Richter Jahre hindurch zu verwischen, zu vergleichen getrachtet hatte. Aber auch in gar vielen Höfen, in denen Grund zum Haß gegen die Fagana nicht gegeben war, empfanden es die Freien als eine Ehrenpflicht, mit denen an der Seebruck gemeinsame Sache zu machen, nicht zu dulden, daß ihre Haufen von den Rossen des Adels niedergeritten, ihre Ernten zerstampft, ihre Firste in Brand gesteckt würden. Und Isanbert! Weit über die Mark hinaus, im ganzen Gau, war der schlichte, starke und tapfere Jüngling gekannt und hochgehalten: ebenso wie der freche Übermut seines Mörders verhaßt war weit und breit. Ihn rächen war recht gethan und zugleich eine Befriedigung der Liebe wie des Hasses.

So hatte denn Iso außer den Genossen seiner Mark eine starke Zahl aus den Dörfern und aus den Einzelhöfen der Nachbarschaft gewonnen, seinen Fehdegang zu teilen: manchmal nur kühne, kampffreudige Jünglinge, Freunde des Ermordeten, zuweilen aber auch den gereiften Vater, das Sippehaupt mit all' seinen Söhnen und Neffen, der nicht Ragino grollte, sondern dem Rechtsbruch und dem ganzen rechtbrecherischen Geschlecht.

Daher hatten sich ihm denn gar viele im Norden und Osten des Sees durch Handschlag oder durch Annahme und Einkerbung und Weiterbeförderung seines Rachepfeils verpflichtet, bei Anbruch des ersten Tages nach dem Festfrieden auf dem linken Alzufer an der Dingstätte, unter der alten Eiche sich einzufinden. Dagegen die Höfe im Westen und auch im Süden des Sees standen teils auf dem Grund und Boden der Fagana, teils waren sie von deren Macht und Reichtum so abhängig, auch meist durch Wohlthaten des freigebigen Adelshauptes so stark verpflichtet, daß sie mit den Leuten an der Alz gemeine Sache nicht machen konnten oder wollten; ihre Speere verstärkten vielmehr die Schar der Adalinge.

Der letzte Tag des Festfriedens war so herangekommen unter nichts weniger als friedlichen Thaten und Sorgen.

Auch der Richter hatte, bekümmert genug, seine Schutz- und Trutzwaffen in stand gesetzt: die Sturmhaube von Eisen, die vielgestickte, vom Urahn ererbte Brünne, die neben den jüngeren, eisernen auch noch die alten Bronzeringe zeigte, den hohen schmalen Langschild von Lindenholz, mit Büffelleder überzogen, nur am Rand mit Eisen gefestigt, das Kurzschwert ohne Parierstange, den kurzen Wurfspeer und die lange Stoßlanze; seufzend hatte er sie in der Halle neben dem Herd an die Wand gelehnt; nun saß er draußen vor der Thür auf seinem Lieblingsplatz, der Vorbank, von der aus man das Dörflein, den Fluß, den See, die Straße jenseit des Flusses weithin übersah: sorgenvoll blickte er in die Ferne.

So hörte er nicht, wie in der Halle hinter ihm ein leichter Schritt über den gestampften Lehm des Estrichs huschte und eine feine Stimme flüsterte: es war Arntrud, die vor seinen Waffen stand und leise sprach:

»Hüte mir, Helmhaube,
Hüte und halte mir heil sein teures Haupt!
Birg die Brust ihm,
Braune, breite Brünne!
Schirm ihn, schützender Schild! . . .«

Traurig hielt sie inne: »So weit taugt er,« dachte sie, »der uralte Waffenspruch, den ich Harlacho gestern sprechen hörte. Aber der Schluß! Ach, er will ja, daß Schwert und Speer Blut trinken sollen! Höre, liebes Schwert, und du, spitziger Speer, höret mein Bitten, ist's auch nicht in die alten Stäbe gefaßt. Ihr mögt wohl treffen und stechen: – sie sagen ja, ihr dürstet nach Blut, ist einmal Hilde geweckt! – also trinkt denn Blut, in Erus Namen. Trefft ihr den Bösen, den Schwarzen, dann trefft tief! Aber – höret mich – stoßt ihr auf Ihn, – und auch auf seines Vaters stolzes Haupt – dann seid stumpf, seid weich wie die Krume des Brotes. Hört ihr? Ich bitt' euch! Kehrt ihr dann sieghaft wieder, will ich euch kränzen mit Eppich und Eichlaub.«

Inzwischen hatte ein Einbaum, vom Ostufer herkommend, an dem Ufer der Alz angelegt und alsbald stand vor dem Richter der Ferge: es war Kiemo.

»Nun, Nachbar,« meinte Arno, »du stehst gar ernst, gar besorgt darein. Dir gefällt sie auch nicht, die Fehde gegen unsere Besten!«

»Du hast recht, gar nicht. Aber es ist nicht das, was mich herführt. Es ist ein ander leidig Ding! Hast du,« begann er zögernd, zagend aufs neue, »hast du schon einmal vom Wolkenbrand gehört?«

»Gewiß!« erwiderte Arno ernst. »Der kündet groß Kriegsunheil. Wann Brandglut weit über den Himmel loht, daß die Wolken zu flammen scheinen, – die Feuerriesen reiten darauf und bringen Verderben. Drum heißt's auch der feurige Heerwurm.«

»Ja, ja, so sagte auch mein Großvater. Und nun ist's schon die dritte Nacht, daß wir's sehen, die Frau und ich. Immer im Osten: – weit weg, ganz weit weg war's zuerst. Aber die zweite Nacht kam's schon viel näher und in dieser Nacht, da . . . aber sieh! Was ist das? Was jagt da auf der großen Straße von Osten heran?« – »Das . . . das ist ein einzelner Reiter.« – »Aber welch' kleines Pferd! Wie ein Reh!«

»Nein, es ist ein Pferd. Doch nie, nie sah ich solches Rennen und solches Jagen! Der ist rasend, der darauf sitzt.« – »Da! Da stürzt der Gaul.« – »Er steht nicht mehr auf.« – »Kein Wunder. Er ist wohl totgehetzt.« – »Der Reiter springt auf.« – »Er eilt auf den Steg zu.« – »Er ist herüber.« – »Er stürmt herauf.« – »Ah, das ist . . . ja, das ist Secundus. Endlich! Wie lang erwart' ich ihn!« – »Ja, er ist es. Aber wie sieht er aus! Wie verändert!« – »Auf, ihm entgegen!«

Und der Richter eilte mit Kiemo dem Ankömmling entgegen: dieser reckte im Laufe beide Arme hoch gen Himmel: nun hatte er die Anhöhe erreicht: da brach er, auf das Antlitz stürzend, zusammen, mit dem Schrei: »Flieht, flieht! Feinde! Feinde! Feinde . . .«

Die beiden trugen den Ohnmächtigen in das Haus, wo ihn die Mädchen mit Wasser besprengten und allmählich wieder zum Bewußtsein brachten. Mit Entsetzen betrachteten alle den Alten: die Kleider hingen ihm in Fetzen vom Leibe, manche Wunde, manche Striemen auf der nackten Haut zeigend: er war bis auf die Knochen abgemagert, die Wangen eingefallen, tief in dunkeln Höhlen lagen die Augen, die er nun aufschlug – mit einem unsäglich müden Blick.

»Wo bin ich?« stöhnte er, nun scheu um sich schauend. »Daheim! Bei den Deinen! In Sicherheit.« »Sicherheit?« rief er schaudernd und fuhr empor – aber gleich sank er wieder auf die Herdbank zurück. »O nein! Bald – morgen schon – sind sie da, die Schrecklichen! Flieht, es sind Teufel, sag' ich euch. Rettet euch!« und er schloß wieder die Augen. »Sollte er Ragino und dessen Schar in die Hände geraten sein?« forschte Kiemo.

»Sprich,« mahnte der Richter, ihn rüttelnd, »welche Feinde meinst du? Die Fagana?« – »O nein, nein: die Söhne der Hölle– die Avaren!« »Avaren?« riefen beide Männer. »Avaren hier? In der Nähe?« »Da! trink, Secundus,« mahnte Arntrud, herzueilend und reichte ihm eine Schale Milch. »Und hier – Brot! – iß! – du Lieber!« fügte Arnhild bei. »Weil du nur wieder da bist! Aber! Halt doch! Nicht so gierig. Du verschlingst ja alles auf einmal!« – »O Kind! Der Hunger – Hunger thut weh – Hunger tage-, tagelang. Und wache Nächte.«

»Erzähle,« mahnte sein Herr, »wenn du nun kannst. Avaren, sagst du? Wo sind sie?« – »Ganz nah. Morgen sind die da! Ich bin ihnen gestern Nacht entflohen und habe eines ihrer windschnellen Pferde zutot geritten. Rettet euch! Vor allem die Mädchen! Flieht.«

»Nicht doch. Wir werden unsere Mark und unsern Herd verteidigen,« erwiderte Arno. Da fiel ihm die Fehde mit den Adalingen ein: er holte tief Atem. – »Berichte der Ordnung nach: du verließest mit jenem Mönche – das erfuhren wir noch – die Escheninsel: du geleitetest ihn gen Südosten aus dem Gau. Wohin wollte er? Zu den Slovenen?« Secundus nickte: »Die zu bekehren. Ich konnte mich auch an der Mark unsers Gaues nicht von ihm losreißen. Meine Seele labte sich endlich wieder an den Worten des Heils: – vergieb, daß ich so lange . . .« – »Gewiß! Nur weiter, weiter!« – »Wir gelangten so zu den Slovenen, im Thal, das sie Pustritza, das öde, nennen. Sie thaten uns nichts zuleide, aber das Werk der Bekehrung wollte nicht gelingen!« – »Weiter, weiter. Die Avaren?«

»Gleich! gleich! Als wir nach mehreren Tagen die Slovenen verließen, wanderten wir noch eine Weile zusammen; ich trachtete hierher zurück. Da, eines Nachts, – wir hatten in einem Hof an der alten Römerstraße, bei Salzburg, Aufnahme gefunden: – der Hofherr, die Frau, die drei Töchter pflegten uns gut – da wurden wir aus dem Schlafe geschreckt, von einem Geheule wie von tausend Wölfen, nein wie von tausend Teufeln! Wir fuhren auf: – schon brannte der Hof! – Schon drang ein Schwarm von Unholden – so gräuliche, wie ich nie in der Hölle geahnt! – herein: – sie griffen den Wirt und banden ihn und warfen ihn in das Feuer seiner eignen Halle, ihn bei lebendigem Leibe bratend: – unter ihrer viehischen Gewalt starben vor unsern Augen die vier Frauen – o, um Gotteswillen, flüchte das Mädchen hier: – zu den Faganos etwa – auf deren Wehrhaus auf der Kampenwand!

Von uns beiden – fränkische Frauen, die sie schon lange gefangen mitschleppten, verdolmetschten uns ihre Fragen – erkundeten sie, daß Paulus ein Priester, ich ein Gläubiger Christi sei.

Da lachte ihr schrecklicher Führer, der Chagan, vor teuflischer Lust laut schallend: – er wolle jetzt unseres Gottes Allmacht an uns erproben. Er hatte seine besondere Wut auf die Christenpriester und alles Christliche geworfen, weil ein streitbarer Bischof von Mainz, Sigimund, an der Spitze des Heerbanns der Hessen ihn und die Seinen, da sie von Thüringen gegen den Rhein vorbrachen, in blutiger Schlacht zurückgeschlagen hatte. Nun waren sie von Thüringen aus gen Südosten geschweift, hatten die schwachen Aufgebote einzelner Gaue über den Haufen geritten – nie sah ich solch Reiten wie dieser gelbhäutigen Dämonen! – und wälzten sich weiter und weiter, wie fressendes Feuer, unter Mord und Brand: – sie lassen kein Dach unverbrannt, an dem sie vorüberreiten.«

»Das waren die Wolkenbrände, Kiemo!« seufzte der Richter.

»Kein Kornfeld unzerstampft, keinen Obstbaum ungefällt, das Vieh, das sie nicht fortschleppen, erstechen sie, die Männer ermorden sie unter furchtbaren Qualen, den Kindern zerschmettern sie die Köpfe am nächsten Baum, die Mädchen aber und die Frauen – o Grauen, o Grauen!« Er schüttelte sich und riß Arntrudis an die Brust: »Töte sie, Herr, bevor der Chagan kommt. Ich hab' sie so lieb,« schluchzte er. Dann fuhr er fort: »Uns aber töteten sie noch nicht: sie fesselten uns, so hart – da schaut her! –, daß meine Knöchel tiefe blutige Wunden davon tragen, banden uns an die Bügel ihrer kleinen zottigen Gäule und schleppten und schleiften uns so mit sich fort: – wie auch die gefangenen Weiber, die sie, wollten sie fliehen, an ihren Haaren an die Bügel banden. So ging es fort in rasender Eile: – immer näher hierher, wie ich mit Entsetzen wahrnahm. Zu essen gaben sie uns all' diese Tage, all' diese Nächte nicht: – wir rissen das Gras aus am Wege oder die Rinden von den Bäumen und verschlangen sie.

Gestern nun ließ uns der Chagan vor seinen Hochsitz führen, der aus lauter zusammengelegten Sätteln halb Mannes hoch gehäuft ist und auf einem ihrer Götzenwagen ruht, und er sprach zu uns durch die Dolmetschinnen: »Ihr Christenhunde, da schaut her: hier ist die Mahlzeit für mich aufgetragen: leckeres Bratfleisch – riecht ihr den Duft? – von Hirsch und Rind. Da steht Wein und Bier und Met. Ihr habt wohl ein wenig Hunger – eh?« Paulus verhielt sich ruhig: aber ich, – gierig stürzte ich mich vorwärts auf das Feuer, wo das Fleisch am Spieße briet: – ein Schlag mit der neunsträngigen Geißel – ihrer schrecklichen Waffe! – ins Gesicht schleuderte mich zur Erde; blutüberströmt erhob ich mich. »Nicht so rasch, Christ,« grinste er. »Nicht umsonst speist man bei dem Chagan. Heute ist der Festtag unsers höchsten Gottes: der Tag, da ihm eine gelbe Stute seinen Lieblingssohn, den ersten Avaren, gebar – da schaut hin« – er winkte: da ward das Lederfell von einem hohen Gerüst hinter ihm auf dem Wagen zurückgeschlagen: wir schraken zusammen, auch Paulus: denn auf zahllosen ineinander geschachtelten Menschenschädeln und Menschenknochen erhob sich an hohem Speerschaft ein scheusälig Drachengebild in sieben Windungen von grellen giftig grünen Schuppen: in den weitgeöffneten Rachen mit den eisernen spitzen Zähnen hatten sie ihm ein eben abgeschlachtetes Kind gezwängt, einen schönen Knaben von drei Jahren, aus dessen goldnem Haar das Blut in Strömen niederrann.«

»Nun, wartet!« rief der Richter, die geballte Rechte hebend, aber die Mädchen erbleichten.

»›Hört, ihr Hunde Christi, wählt! Fallet nieder hier vor unsrem Gott, dem Urdrachen, und betet ihn an und flucht eurem Herrn, dem Judenknaben, der am Galgen starb: – und ihr sollt essen und trinken nach Herzenslust und frei von hinnen ziehen. Ihr wollt nicht, scheint's? Nun, so schwöre ich bei dem Haupt des Drachengottes dort, ich will euch töten unter solchen Qualen, daß euer Wehgeschrei bis hinab in die Welt der Toten dringt: ich laß euch lebend die Haut abziehen, dann pfähl' ich euch und laß euch von vier Hengsten zerreißen. Nun wählet.‹

Ich stürzte vor Entsetzen nieder zur Erde: die Sprache versagte mir. Paulus aber rief mit lauter Stimme: ›Wie könnt' ich solche Sünde thun vor Gott, dem Herrn? Christus allein ist Gott, ist allmächtig, dein Götze da aber ist ein Teufel.‹ ›Wohl,‹ erwiderte der Chagan höhnend, ›so soll dein Christus nun seine Allmacht erweisen: laß sehen, ob er dich errettet aus meinen Händen und vor dem qualvollsten Tode.‹

›Das steht bei ihm und seinem unerforschlichen Ratschluß. Will er, so schickt er mir Legionen seiner Engel. Du aber wisse: ich bete brünstig zu ihm, daß er mich nicht errette, sondern würdige, sein Blutzeuge zu werden. – Auf, Secundus, zittere doch nicht so!‹ sprach er zu mir. ›O wäre er doch jetzt zugegen, der stolze Heide von jener Insel, der da meinte, unser Glaube ersticke das Heldentum im Manne. Ich möchte ihm zeigen, wie der Christ für seinen Glauben stirbt. Und er sollte dann sagen, ob der Geschorene nicht auch ein Held war? Du aber, mein Secundus, den ich mit in dies Schicksal gerissen, – bleibe standhaft, fürchte nicht die Menschen, die den Leib töten, fürchte die Hölle, die des Abtrünnigen Seele verschlingt. Danke mir: – denn ich habe dich der Krone des ewigen Lebens zugeführt. Auf Wiedersehen vor Gottes Thron! Hallelujah! ich preise den Herrn, daß er mir die Palme gereicht.‹

Es war sein letztes Wort. Auf einen Wink des Chagans rissen sie ihm die Kleider vom Leib und – o mich schaudert! – ich kann's nicht sagen! Ich schloß die Augen. Kein Klagelaut kam über seine Lippen. Als ich die Augen wieder aufschlug, lag in dem glimmenden Feuer eine blutige Masse, ohne Gestalt, aber noch zuckend.

Mir vergingen die Sinne, ich sank wieder zur Erde.

Als ich zu mir kam, eröffneten mir die Dolmetschinnen, ich solle morgen – am zweiten Festtag des Drachengottes – geopfert werden, wenn ich nicht vorher das Tierbild anbete. Ich war entschlossen, es nicht zu thun. Aber ich weiß nicht, ob der alte mürbe Leib es ertragen hätte. Jedoch der Allerbarmer hat mich gerettet. In der Nacht nach dem in allen Lüsten durchschwelgten Festtag lagen die Barbaren sinnlos berauscht umher oder doch in tiefstem Schlaf, auch meine Wächter. Unvermerkt konnte ich mit dem Dolche des einen die Weiden-Fesseln meiner Hand und meiner Fußknöchel durchschneiden, unvermerkt eines ihrer pfeilraschen Rosse besteigen und nun jagte ich, was das Tier rennen konnte, unablässig die ganze Nacht und den ganzen heutigen Tag; sobald ich die gute Römerstraße erreicht hatte, flog ich vollends wie ein Vogel dahin. Denn es galt, euch rechtzeitig zu warnen. Flieht! Rettet euch in die Wälder, auf die höchsten Berge! Denkt nicht an Widerstand: sie sind unzählig wie der Sand am Seeufer, wie die Mücken am heißen Sommerabend. Ihre Rosse reiten alles nieder, es sind nicht Männer, durch Männer zu bekämpfen, – aus dem Abgrund aufgestiegene Dämonen und der Teufel oberster ist ihr Führer und Gott: flieht!«

»Feiger als jener Geschorne?« erwiderte der Richter. »Der starb für seinen Glauben: sollen wir nicht sterben für Herd und Heimat? Laß mich nachrechnen. Du jagtest auf raschestem Roß Nacht und Tag: – sie führen Wagen und Troß und Gefangene und Herden mit sich, nicht? Auch Fußvolk? Sie kennen die nächsten Wege durch die Wälder, die Furten durch die Sümpfe nicht – wie du: so können sie morgen noch nicht hier sein! Wir haben noch anderthalb Tage. Die wollen wir nützen! Sie sollen empfangen sein! Auf, Kiemo, hole den Fronboten, ich schlag' auf den Schild: sofort rufen wir die nächsten Nachbarn zusammen: morgen früh treffen ja auch alle andern aus der Mark, aus dem Gau ein, – die Genossen unsrer unseligen Fehde.« –

Beide Männer eilten hinaus.

»Fehde?« staunte Secundus. »Mit wem?« »Mit ihm – mit Adalfrid!« schluchzte Arntrudis und warf sich an des Treuen Brust. »Ja, aber,« meinte die Kleine, »jetzt gehn wohl die andern vor!«

*

 

IV.

Mit unerschrockenem Mut und mit kluger Umsicht traf der Richter seine Maßregeln zur Abwehr der Unholde. »Denn dieser Kampf ist mein,« erwiderte er Iso, der grollend erkennen mußte, wie seine Rache nun hinausgeschoben war – vielleicht für immer! »mein Recht wie meine Pflicht ist hier die Führung.« Er erwog, daß es vorwärts, das heißt nordostwärts der Alz, keine Verteidigungsstellung gegen die Übermacht der Feinde gab, die vielmehr in jenem offenen, ebenen Gelände für ihre Hauptwaffe: – fast die einzige – ihre leichte Reiterei, den günstigsten Boden zum Angriff, zur Überflügelung gefunden hätte.

Dagegen sprach alles dafür, den Anprall der Reiterhorde hier bei dem Dorfe stehenden Fußes zu erwarten: die rechte, südöstliche Flanke war durch den See – die Feinde hatten ja keine Schiffe – völlig unangreifbar gemacht, die Stirnseite deckte die tiefe, reißende, gefährliche Alz: – damals, vor dreizehn Jahrhunderten, wie der See selbst, der stets zurückgegangen ist und zurückgeht, ungleich wasserreicher und breiter als heute: – ein gar erhebliches Hindernis, eine gut zu verteidigende Linie: so blieb nur der linke, der westliche Flügel der Markleute gefährdet, wenn es etwa den Feinden gelang, den Fluß in seinem untern Lauf – weiter nordwestlich – zu überschreiten und die Verteidiger von dieser ihrer linken Flanke her zu fassen; jedoch auch dort konnte ja der Übergang verteidigt werden. Entscheidend aber fiel ins Gewicht, daß die Hunderte von Speeren, die von Norden und Osten her morgen erwartet wurden zu dem Zuge gegen die Faganos, sämtlich hierher entboten waren, also hier sicher eingereiht werden konnten, während jeder Abzug aus dem Dorf diese gewaltige Verstärkung ungenützt ließ.

In den nächsten Stunden schon, nachdem das Heerhorn die Nachbarn zusammenberufen hatte, waren alle, die auf dem Nordost-Ufer des Flusses siedelten, auf die Südwestseite herübergeholt, der Steg, der auf die Pfeiler der alten Römerbrücke gezimmert war, abgebrochen.

Die wenigen und bei dem tückischen Wasser häufig wechselnden Furten waren den Fremdlingen unbekannt: alle Schiffe jeder Art, die sich auf der Nordostseite des Flusses und des Sees fanden, wurden auf die Südwestseite der Alz geschafft und aus den übereinander getürmten eine mannshohe Brustwehr, dicht am Fluß, aufgeschichtet, hinter der Pfeil- und Speerschützen sichere Deckung und die Gäule der Avaren, falls sie wirklich unversehrt durch das Wasser schwammen, eine durch keinen Sprung aus der Tiefe zu nehmende Schranke fanden.

Auf diese Schutzwehr baute Arno starke Hoffnung: »Das hat mir Wuotan selber eingegeben,« sprach er zu Iso, der sich seinem Befehl willig fügte: »der See, die Alz, die Schiffburg: wir sind gut gedeckt. Wenn wir nur,« fuhr er aufseufzend fort, »Reiter hätten, nicht gar zu viele, aber starke Rosse, die auf unsrer linken Flanke – sie ist offen! – sich den leichten Gäulen der Unholde entgegen und sie in den Fluß zurückwerfen könnten, falls sie ihn dort unten überschreiten. Aber wir haben ja nur unsere Ackergäule. O, um die Adalinge und ihre Gefolgschaften!« »Willst du vielleicht Ragino suchen gehen? Ihre Rosse . . .« grollte Iso grimmig. »Oder den alten Fagano um Verzeihung bitten und um Hilfe flehen?« schalt Harlacho. »Lieber siebenmal von dem Feind geschlagen werden!« »Einmal wird langen!« seufzte der Richter. »Und die Mark? Der Gau? Das Bajuvarenvolk? Ihr seid blind und taub und dumm vor lauter Haß.« »Nein, du bist thöricht,« entgegnete Iso, »in deiner Meinung von diesen Überhochmütigen. Du wähnst, gleich dir haben sie ein Herz fürs Ganze? für das Volk? Ich dächte doch, wir hätten's erfahren. Ihnen gilt's nur um ihren Stolz, ihre Ehre, ihr Vorrecht.« »Gewiß,« schloß Harlacho. »Ich meine, ich höre sie höhnen, schadenfroh, sobald sie die Flammen unserer Firste auflodern sehen, hier unten aus dem Thal von den stolzen Schroffen der Kampenwand herab. Sie sind dort sicher vor den Avaren, kein Gaul erklettert jene Steige. Auf Gemsen müßte man hinaufreiten. Und mit Frohlocken werden sie zuschauen, wie wir hier blutig ringen und untergehen.«

*

 

V.

Arno hatte richtig gerechnet: auch der ganze folgende Tag blieb noch den Markgenossen zur Einrichtung der Verteidigung.

Schon am Abend und in der folgenden Nacht trafen zahlreiche Scharen, allerdings auch Flüchtlinge mit Weib und Kind ein, die vor den überall von Südosten her aufsteigenden Brandgluten der Häuser, vor dem rasch den Würgern vorauseilenden Gerücht geflohen waren, Schutz in der Vereinung am andern Seeufer und hinter der Alz zu finden. Von andern Richtungen her führte das Aufgebot zur Fehde die Männer heran: aber auch jene Flüchtlinge hatten als ihr Bestes ihre Waffen mitgebracht und ihre Verzweiflung trieb sie nicht zur Feigheit, – zu todeskühner Entschlossenheit.

Die Nacht war freilich im ganzen Osten erhellt von dem Feuerschein ungezählter verlassener, unverteidigter Höfe, die von den Avaren in Brand gesteckt waren.

Aber unerschrocken ordnete am folgenden Morgen der Richter seine Scharen: er stellte die weniger gut gewaffneten Haufen auf seine rechte Flanke, wo sie durch den See gedeckt waren vor jedem Angriff, Pfeilschützen und Speerwerfer, die im Ferngefecht die Mitte der Aufstellung verteidigen helfen sollten; diese Mitte schien durch die Schiffwehr gut gesichert, so drängte er denn seine besten Kräfte auf der linken, der westlichen Flanke zusammen, die zumeist gefährdet schien, da wo die Schiffburg nicht mehr ausreichte, den Übergang über den Fluß zu erschweren. Hier wollte er selbst fechten, hierher hatte er Iso, Harlacho und seine fünf Söhne, Kiemo, Truchtlacho und dessen Sippe, auch die Leute vom Reuthof, entboten.

Als er die Aufstellung angeordnet und den Haufen, nach Sippen gegliedert, ihre Plätze angewiesen hatte, ging er in seinen Hof zurück, sich selbst vollends zu waffnen und – Abschied zu nehmen von dem Herd der Ahnen. Als er zu Ende war, ergriff er ein altes Römerschwert, – ein Händler hatte es ihm einst zu Salzburg verkauft – befühlte sorgfältig die Schärfe der vorher frisch geschliffenen Spitze und ging in das Gemach, wo seine Töchter zu den Göttern beteten. »Arntrud,« sprach er, »ein Wort: – vielleicht das letzte. Bald sind die Feinde da. Ich weiß nicht, ob wir sie verscheuchen können. Werden sie Meister, – so darfst du nicht in ihre Hände fallen: – du nicht. Das Kind werden sie nur abschlachten. Dir – würden sie Schlimmeres thun als die Augen ausreißen: – ihre Leibeigne würdest du und –« »Gieb, gieb, Vater!« rief die Jungfrau, ihr Aussehen war seltsam verändert, entschlossen, klar, ja heldenhaft. »Es soll mich keiner greifen: denn ich bin Adalfrids.« – »Kind! Welch' Wahnwort!«

»Wahrwort ist's. Heute Nacht – lange schlaflos – flehte ich zu Berahta. Sie erschien mir im Halbtraum und sprach: ›Bange nicht, sorge nicht: – denn du bist Adalfrids: – du lebst und stirbst für ihn, wie er für dich.‹ So sprach die Göttin und legte mir die Hand aufs Herz und verschwand. Ich aber fuhr auf und rief: ›Mein Adalfrid!‹ Und ich weiß nun, daß ich ihn lieb habe: – tief im Herzen, so lieb! Ja, lieber als dich selbst und die Schwester.« – »Mein Kind! Mein armes Kind! Schweig; – verrate nicht . . .« »Ich werde wohl bald nichts mehr zu verraten haben,« lächelte sie – »komm, Kleine, halte dich nur stets an meine Seite.« – »Schaut vom Hof aus zu: – doch nein, ihr seid sichrer mitten unter uns allen – hinter der Schiffwehr!«

*

 

VI.

Schon vor Sonnenaufgang des folgenden Tages scholl von ferne her dumpfes verworrenes Lärmen aus dem Wald, der sich auf dem rechten Ufer der Alz um den See hin gen Osten zog und den die Römerstraße nach Salzburg durchschnitt.

Und nun, da die Sonne von der Arninge Höhe aus das ganze Gelände bis an den Waldsaum zu überblicken verstattete, – nun kamen sie! In wimmelnder Menge kamen sie, wie Heuschreckenschwärme, die, alles überdeckend, einfallen in ein Land. Ohne Ordnung, ohne Gliederung, ohne Weg und Straße, alles in der Breite ausfüllend, soweit man sah von Aufgang bis Niedergang, von rechts nach links! Ihre linken Haufen, östlich der Römerstraße, in deren Graben, jenseit des Grabens bis in das Seichtwasser des Sees hinein; die mittleren Schwärme, sowie die Wagen, Karren, der Troß, die Gefangnen, die Herden auf der breiten Straße selbst in unabsehbar langem Zug: – westlich der Straße – ebenso ungezählte Geschwader von Reitern auf ihren kleinen, zottelmähnigen, zähen, unglaublich genügsamen und ausdauernden Kleppern. Die Männer, in der Masse klein, fast alle unter Mittelgröße, geschmeidig, beweglich, schienen mit den sattellosen Gäulen in eins zusammengewachsen.

Sie trugen spitze Mützen aus schwarzem Lammfell, – die Vornehmeren schmückten diese mit glänzenden Steinen – statt der Panzer gesteppte Lederdecken, die, mit Lederhosen bis ans Knie aus einem Stücke geschnitten, all' ihre Bekleidung ausmachten: nur den Häuptlingen und den Zauberpriestern flatterten Wolfsfelle um die Schultern.

Die gelbe Haut, die schmalen geschlitzten Augen, die abgestumpfte Nase, die stark vorspringenden Backenknochen, der schwache Bartwuchs, die überlangen Arme kennzeichneten die mongolische Rasse aller: aber über den zahllosen Kleinwüchsigen ragte eine Art Adel hervor, eine Kaste, die allein die Zauberpriester, die Heerführer und die Häuptlinge, zumal den Chan der Chane, den Chagan stellten: magere, aber meist sechs bis sieben Fuß lange Gestalten mit gewaltigen Knochen: zwar auch von mongolischer Rasse, aber aus einem erobernden Stamm, der offenbar die andern bewältigt hatte und nun in Götterdienst und Heerdienst leitend beherrschte.

Grell schrillten und gellten ihre gewundenen Widderhörner, dumpf rasselten die Doppeltrommeln, die links und rechts vom Hals des Pferdes baumelten, behangen mit allerlei Fetzen bunten Zeuges, das Trommelfell häufiger als Eselshaut die gegerbte Haut skalpierter Menschenköpfe oder geschundener Menschenleiber: jeder gelungene wilde Raubritt eines Schwarmes ward vom Chagan durch eine solche Menschentrommel belohnt.

In der Mitte, auf der breiten Straße, wurden auch die zwölf Götterwagen herangefahren, jeder mit sechs hohen Rädern, von je acht roten Rossen gezogen, über und über mit grellem Flitter bedeckt; auf dem heiligsten, der auf hohem Maste die Fahnenstange des greulichen Bildes des gelbgrünen Drachens führte, dessen Rachen stets ein blutend Opfer – am liebsten eine Kindesleiche – in den spitzen Fischzähnen von Eisen trug, hatte, dicht vor diesem Abgott, der Chagan seinen Ehrenplatz, den Thron von Schädeln. Den »Schädelthron« verließ er nur, um aufs Roß zu steigen im letzten, entscheidenden Augenblick der Schlacht.

Kreischend, wie sich ein Möwenschwarm auf die Gestade wirft, kamen diese zahllosen Geschwader angebraust: als sie der kleinen Schar der Verteidiger hinter dem Flüßchen ansichtig wurden, die ihrer furchtbaren Übermacht Widerstand leisten wollte, gellte Lachen und Hohngeschrei durch die Haufen.

Sofort begann der wütende Angriff, ohne Befehl, ohne Ordnung. Ihre Priester sprangen von den Götterwagen, stiegen zu Pferd, hoben stark vergoldete oder versilberte Götterbilder, etwa von Armslänge, hoch in die Höhe und jagten den Angreifern mit wildem Geschrei voran, ohne Schutz- und Trutzwaffen, nur die Götzen den Feinden entgegenhaltend. Die Krieger führten mehrere Ellen lange leichte Lanzen aus einem fremdartigen Rohr, lange krumme Säbel, aber vor allem Bogen und Pfeile; jeder Gaul war mit vielen Köchern behängen und ein Schwirrgewölk von Geschossen ging jedem Anprall der Rosse voraus, wie sie auch auf der – wirklichen oder verstellten – Flucht in raschestem Jagen die Verfolger, rasch sich wendend, mit Pfeilen zu überschütten verstanden. Aber noch ein anderes, ein den Germanen völlig unbekanntes und deshalb besonders unheimliches Geschoß schleuderten sie: ein Wurfholz, seltsam gebogen, das Erz oder Knochen, worauf es traf, zerschmetterte und dann im Wirbel flugs zurückschwirrte in die Hand des Werfers.

Die Avaren erkannten alsbald, daß die rechts an den See und den Ausfluß der Alz gelehnte Flanke der Verteidiger unangreifbar war: die ersten Dutzend ihrer Gäule, die versucht hatten, in den Seegrund oder den Fluß watend, hinüberzuschwimmen, wurden sofort von der hier sehr starken Strömung gepackt und fortgerissen. Roß und Reiter waren ertrunken, bevor sie nur an die Stellung und unter die Pfeile der Markgenossen gelangten. Sie gaben also den Angriff hier auf und wandten alle Kräfte darauf, die Mitte der Bajuvaren zu durchbrechen: das heißt die hochgetürmte Schiffwehr zu nehmen. Auch hier mußten die Reiter und die wenigen Fußkämpfer hinüberzuschwimmen versuchen.

Und wahrlich, sie ließen es an tollkühnstem Wagemut nicht fehlen, die Mongolen! Im Vertrauen auf ihre erdrückende Übermacht, auf ihre zu allem, auch zum Schwimmen, geschickten und geübten Gäule, auf das Siegesglück, das ihnen in all' diesen Wochen, gemäß den Verheißungen ihrer Zauberpriester, treu geblieben war, warfen sie sich, mit gellendem Jauchzen, ohne Besinnen, einzeln und klumpenweise, zu Dutzenden, in das reißende Wasser.

Nicht Einer kam lebend auf den linken Uferrand.

Die allermeisten wurden von der Strömung sogleich fortgestrudelt und, wie sie an den auf dem linken Ufer dicht nebeneinander aufgestellten Markgenossen vorbeitrieben, jedes Widerstandes unfähig, wurden Reiter und Roß von Pfeilen und Speeren und den Steinen, welche die Weiber hoch von der Schiffwehr herabschleuderten, getroffen und versanken in der wirbelnden Flut. Stunden vergingen so: Hunderte der gelben Leichen trieben den Fluß abwärts.

Da erschollen gräßliche Töne von dem Götzenwagen herab: mißklängige Gesänge halbnackter Priester, die sich mit krummen Messern tiefe Wunden rissen, so Opferblut dem Drachen zollten, auf daß er erwache und den erbetenen Sieg gewähre. Der Chagan aber saß unbeweglich, wie aus gelbem Holz geschnitzt, auf seinem hohen Thron auf dem Götzenwagen, den langen Herrscherstab in der Faust.

Nun zischte von anderen Wagen etwas wie eine Sternschnuppe in die Höhe, um dann im Bogenschuß auf die Schiffwehre niederzufallen: bald folgten zwei, drei, endlich ein wahrer Regen solcher Feuermeteore: und sieh, schon stiegen prasselnd Flammen aus mehr als einem der übereinander getürmten Kähne: Feuerpfeile waren's, wie sie die Avaren in ihren Kriegen mit den Byzantinern in den letzten zwanzig Jahren kennen gelernt, erbeutet und alsbald nachgebildet hatten. Traurig war es für die Verteidiger, nun mehrere Teile ihrer Schiffsburg räumen zu müssen, hinter denen hervor sie bis dahin in sicherer Deckung ihre Geschosse auf die Angreifer entsendet hatten. Der Brand, der in der oberen Schicht begonnen, drohte schon die unteren, stützenden Nachen zu ergreifen: wohl floß die Alz ganz nah davor: aber die Männer konnten nicht ans Löschen denken: sie mußten unablässig Pfeile und Speere brauchen.

Da rief plötzlich eine helle Stimme: »Ja aber wozu sind denn wir da? Komm, Trudis, fürcht' dich nicht. Lauf! Wir sprengen: – wie auf der Bleiche! Und haben wir nicht gar manchen Sommer das Wiesheu, das in Brand geraten, gelöscht? Das ist nicht anders! Spring!« Und furchtlos, vielmehr die Gefahr nicht kennend, lief Arnhild in das nahe Haus, schleppte zwei mächtige Wassereimer heran, eilte damit unter dem Hagel der Avarenpfeile an das Ufer, kniete nieder, schöpfte, rannte zu den brennenden Schiffen zurück und löschte sofort das unterste Boot. –

Und ihre Schwester und Fritigilt, das Weib des Kiemo und Frau Biltrud und all' die vielen anderen Frauen, folgten dem Beispiel des Kindes: und die Götter hatten die Mutigen beschirmt: nicht eine ward getötet, nur einige verwundet, darunter die kühne kleine Anführerin: in Bälde war der Brand gelöscht: nur die obersten Nachen waren verkohlt und schwelend stieg noch lange der graugelbe Dampf des feuchten Holzes in die Lüfte.

Freudigen Auges sah der Richter auf sein Kind; sie zuckte nicht mit der Wimper, als ihr die Schwester mit zarter Hand den spitzen Rohrbolzen aus der Schulter zog, sie lehnte lachend jedes Lob ab: »Nun ja! Ihr scheltet mich in der ganzen Mark die kecke Hilde: – so wollt' ich doch einmal das Wort verdienen.«

Getrosten Mutes sahen nach der herzerfreuenden Abwehrthat der Frauen die Verteidiger dem Fortgang des Kampfes entgegen, der den Barbaren bisher nicht den kleinsten Vorteil, wohl aber schwerste Verluste gebracht hatte.

Nachdem Reihe um Reihe, Rosse und Reiter, die das Durchschwimmen versucht hatten, wund oder tot, flußabwärts dahingerissen waren, schien der Mut des Angriffs hier merklich zu erlahmen, trotz des Höllenlärms und der wütigen Verrenkungen und Bewegungen der Glieder der Zauberpriester und der Schwenkungen der Fetische in ihren Händen.

Eben hatte der Richter noch einen beruhigten Blick auf die jetzt auffallend gelichteten Haufen der Avaren gerade vor sich geworfen, als plötzlich ein furchtbares Geschrei seine Merksamkeit nach links rief: ein Geschrei, in dem die Hilfe- und Verzweiflungsrufe der Bajuvaren grell übertönt wurden durch das satanische Sieges- und Hohngeheul der Mongolen. Der Richter sah angestrengt nach links: – da erbleichte er. »Nochmal sei's bitter geklagt: – ach, um die Adalinge,« stöhnte er, »und ihre Rosse!«

Was allein er gefürchtet hatte, – nun war's geschehen. Die Feinde hatten etwa eine Viertelstunde weiter flußabwärts die Alz überschritten und ihre Reiter warfen sich in dichten Schwärmen in die offene linke Flanke der Märker.

Und das war so gekommen.

Etwa zehn Minuten unterhalb des Kampfplatzes erfüllte die Mitte des Flüßchens ein breites und dichtes Feld von Schilf, in dessen Mitte eine kleine Aue, von Weiden bestanden, ragte. Von den ungezählten Leichen von Pferden und Menschen waren zuerst ein paar hier angespült und von dem Schilf und dem Weidicht festgehalten worden; an diesen ersten Widerhalt hatten sich bald mehrere festgelegt, allmählich eine ganze dichte Reihe sich gestopft, so die Gewalt der Strömung hier brechend.

Spähereiter des Chagan, die unablässig weiter am Unterlauf des Flusses nach Furten gesucht hatten – ohne Erfolg – nahmen diese Stockung wahr: spornstreichs jagten sie mit der Meldung zurück, und der Chagan befahl, ganze Haufen von Gefangenen zu schlachten und oberhalb des Schilffelds hinabtreiben zu lassen. Die vermehrten die Stauung erheblich: zugleich gebot er – daher wurde hier der Angriff jetzt soviel schwächer! – mehrere Reitergeschwader aus der Mitte zurückzuziehen und nun aber nicht den Fluß entlang, sondern in weitem Abstand von dem Ufer, in aller Stille, unter den sie verdeckenden, wellenförmigen Höhenzügen an der Stelle gerade unterhalb des kleinen Weidenwerders zu führen; er selbst verhieß, mit seiner erlesenen Leibschar nachzufolgen, selbst mitzukämpfen, sobald der Übergang gelungen.

So geschah es, daß Harlacho und die Seinen, die hier die linke Flanke hielten und eifrig und erfolgreich einzelne Versuche der Feinde, oberhalb des Weidichts durchzudringen, abgewehrt hatten, völlig überrascht wurden, als plötzlich jenseit, unterhalb des Schilffeldes, eine gewaltige Reitermasse mit gellendem Geschrei in den hochaufspritzenden Fluß setzte und, obwohl gar viele dabei ertranken, alsbald das linke Ufer gewann.

Im gleichen Augenblicke prallten auch schon die tosenden Schwärme wie von links so vom Rücken her auf die schwache Schar, deren erste Glieder sofort niedergeritten waren. Wohl warf sich nun Harlacho selbst mit seinen Söhnen in den Vorstreit: mit seiner dreizinkigen Gabel stieß und riß er einen der Reiter nach dem andern vom Gaul, eine tiefe Lücke brachen so die Harlachinge in den Haufen. Aber es waren zu viele! Immer wieder füllten sich die Reihen; bevor der Richter, Kiemo, Iso zu Hilfe eilen konnten, waren sie der Übermacht erlegen.

Zuerst fiel der junge Hariger: der Knabe zeigte in flinken, scharfen Hieben, daß er die Schwertleite nicht unverdient empfangen hatte: laut schrie der Vater auf, wie er des Lieblings blondes helmloses Haupt von einem Krummsäbel gespalten sah bis ans Kinn: er spießte diesen Feind sofort: aber da flog sausend eines Mongolen Wurfkeule heran und schmetterte beim Aufschlagen dumpf krachend an seine Stirn: er schrie und fiel: und über ihn die Rosse.

Und neben ihm fiel Haribaud, von einer langen Rohrlanze durch den Hals gestochen und neben dem Bruder Harigilt, von einem Pfeil durchs Auge ins Gehirn getroffen und hinter ihm sanken Harwich und Hariwalt, die Zwillinge, die Schild an Schild dem Anprall hatten stehen wollen, von den vorspringenden Gäulen niedergerannt, um sich nicht wieder zu erheben.

Da, als sie den Vater und seine fünf Söhne, ihre Führer, fallen sahen, wankten die Männer: sie wandten nicht den Rücken, aber, langsam zuerst, dann immer rascher wichen sie, vor dem unablässigen Anreiten der Feinde zurückgedrängt auf die Mitte gegen die Schiffwehr.

Noch einmal kam das Wanken zum Stehen.

Arno, Iso, Kiemo, Truchtlacho und die Seinen waren nun heran, sprangen in die vorderste Reihe, übernahmen die Führung. Aber nicht lange sollte dieser Widerstand währen. Denn die Feinde brachten nun ihr letztes Kampfmittel zur Anwendung.

Langgezogene Posaunenstöße der Zauberpriester, aus langmächtigen Metallröhren geblasen, verkündeten, daß der Chagan von seinem Wagenthron herabsteige, selbst zu fechten.

Betäubendes Geschrei der Seinen begrüßte ihn, wie er nun wirklich auf seinem Rotroß den Fluß, unterhalb des Schilfichts, durchschwamm und sich mit hundert frischen Reitern auf die schon stark Erschütterten warf.

Gleichzeitig ward von den Zauberpriestern der oberste Teil des Mastbaums auf dem Götterwagen, die Fahnenstange des Drachenbanners, herabgeholt, und unter feierlichen Gesängen und dem lärmenden Zusammenschlagen von ehernen Handpauken und Cymbeln dem jüngeren Bruder des Chagans überreicht, der, gleich diesem von Gold- und Silberschmuck der Rüstung starrend, auf weißem Roß die heilige Fahne unmittelbar vor dem Herrscher in die Schlacht zu tragen hatte, auch er von einer erlesenen Schar als Bedeckung dicht umgeben. Da ging's zu Ende!

Der junge Truchtwalt sprang mit geschwungener Streitaxt dem weißen Roß entgegen. »Du oder ich!« schrie er dem Bannerträger zu: aber lange bevor er den erreicht hatte, sank er, von vielen Speeren durchbohrt: – »o Berthfrida« – seufzte er und starb.

Und hinter ihm fiel der Meier vom Reuthof und Stotto und Heigilo und Wulfhari, der Frilazz des Rietiger, und Pellwich und Halfing, die Nachbarn.

Und nun traf auch den Richter ein Pfeil in den Schenkel, zugleich lähmte eine Wurfkeule den Schwertarm Isos: beide wichen aus der vordersten Reihe.

»Sie sind verloren, die Hunde! Stampft sie unter die Hufe!« schrie der Chagan und spornte den Hengst. Und mit wildem Jauchzen jagten die Seinen ihm nach.

Arntrudis blickte angstvoll von der obersten Schicht der Schiffwehr herunter: sie sah Iso, sah den Vater wanken, sinken, sich wieder aufrichten, aber nicht mehr kämpfen: sie zog das scharfe Römerschwert aus dem Gürtel: sie schwieg. Aber die andern Frauen und Mädchen und Kinder schrieen laut, verzweiflungsvoll: es litt sie nicht mehr in der ruhigen Haltung hinter den Schiffen: einzelne rannten in irrer Flucht davon, den Häusern zu, die meisten aber eilten den Weichenden entgegen, reichten ihnen Speere, mischten sich in die Reihen der Kämpfer, lasen Waffen auf und hieben und stachen um sich. Aber ach! Schon sah der Richter den Augenblick herannahen, da alles, alles verloren war: schon wandten ein paar Verzweifelte den Rücken . . .

Da, horch!

Was hallt da so ehern aus dem dichten Wald im Rücken der Kämpfenden von der Höhe, von der Römerstraße, vom Westen her?

Schmetternde Hörner: – das sind nicht die Gellpfeifen der Avaren!

Diese, in blinder Wut nur die Verfolgung der Weichenden die Alz hinauf betreibend, hatten sich um jene Richtung, um ihre rechte Flanke, gar nicht gekümmert; so wurden auch sie wie die Markgenossen völlig überrascht.

Vom vollen Glanz der Nachmittagsonne hell bestrahlt brach eine stattliche Reiterschar in vollständiger und glänzendster Rüstung, mit Helmen, Brünnen, Schilden von leuchtendem Erz auf hohen starken Streitrossen mit eingelegten Lanzen in drei Gliedern hintereinander aus dem Gehölz hervor auf die ahnunglosen, dichten Haufen der Avaren: das traf sie wie ein Blitz, das spaltete sie und warf sie nach links und rechts auseinander, wie der Bug eines rasch segelnden Schiffes das hochaufspritzende Wasser zerteilt.

»Wer ist das? Wer sind die?« rief Arnhild, an der Schwester Hand sich auf den Zehen emporreckend. »Adalfrid ist's!« frohlockte Arntrudis. »Ich seh' ihn! Und der Fagano! Und all' die Adalinge! Sie kommen, uns zu retten! Hilf, Adalfrid!« rief sie so laut sie konnte. »Ich komme!« antwortete der. Denn schon war er heran.

Der Stoß der starken Rosse auf die Klepper der Mongolen wirkte unwiderstehlich: fast ohne daß es der Waffen bedurfte, rannten die Adalinge ganze Haufen der Zeternden über den Haufen. »Hie Bajuvaren! Hie Fagano! Hie die Markgenossen!« riefen die Ansprengenden. Nun hatte Adalfrid den Richter erreicht: der war abermals aufs Knie gesunken – er konnte nicht stehen – und rings schwer bedroht: der Adaling riß ihn auf und half ihm auf ein ledig Avarenpferd: »Hie die Markgenossen! Hie Bajuvaren!« rief Arno nun und schlug sogleich wieder mit dem Schwerte drein.

Plötzlich stand Arntrud neben seinem Pferd. »Du hier?« »Ich bin am sichersten bei dir – bei ihm!« Und sie reichte dem Vater den verlorenen Schild hinan.

Aber jetzt warf der Chagan, von den Fußkämpfern ablassend, seine ganze Leibschar dem neuen Feind entgegen. Hart ward der Zusammenstoß und blutig: hier die Übermacht der Kraft, der Waffnung, dort die erdrückende der Zahl. Der Fagano – die gesträubten Flügel des Seeadlers machten die Hünengestalt noch höher und weithin kenntlich – spaltete mit seinem mächtigen Langschwert in wuchtigen Streichen einem Avaren nach dem andern, wie er sie erreichte, die Fellmütze und den Schädel. Adalfrid spähte indessen aus nach den Führern der Feinde: der Chagan selbst ward ihm verdeckt durch dessen ganze Leibschar und durch den Bannerträger, einen echten, fast sieben Fuß langen Mongolen. Sofort spornte er das Roß durch die Rohrlanzen der ihn Umgebenden, erreichte den Riesen und stieß ihm die Speerspitze in den Hals. Nun war auch sein Vater heran, der mit scharfem Schwertschlag die Fahnenstange in des Sinkenden Faust durchhieb: das heilige Banner stürzte zu Boden unter die Hufe der Rosse.

Ein ungeheurer Schrei der Wut, des Wehs stieg aus den Reihen der Avaren gen Himmel: – gar viele, die das zauberkräftige Zeichen sinken sahen, rissen die Gäule herum und wandten sich zur Flucht.

So hatten sich Vater und Sohn Bahn gebrochen bis an den Chagan heran: schon zückte der Jüngling den Speer gegen ihn: aber da warf sich die Wut und die durch Jahrhunderte gezüchtete Aufopferung für den gottgleichen Herrscher überwältigend auf die beiden, die sich den Ihren allzuweit vorangewagt: nicht einmal die jungen Hachilingen hatten ihnen folgen können. Beider Pferde sanken, von Speeren und Pfeilen gespickt: stehend verteidigten sich beide, schwer ringend gegen die Übermacht: der Fagano mußte den Schild sinken lassen: er starrte von Wurfspeeren und Pfeilen.

»Hier, Herr, meinen Schild. Nimm!« mit diesen Worten drängte Zwentopluck seinem Freilasser den eigenen Schild auf und riß den Blutenden in die zweite Reihe der Kämpfenden zurück: dabei traf den Slovenen selbst eine Wurflanze in den nun schutzlosen Arm. »Zwentopluck – du bist treu! Ich erlasse dir Fron und Zins,« rief sein Herr und trat wieder vorwärts in den Kampf. »Greift ihn lebend,« kreischte der Chagan, »den Jungen da, der meinen Bruder erschlug – greift ihn und zieht ihm die Haut ab! Vor meinen Augen.«

Fünf Avaren sprangen ab und stürzten sich auf Adalfrid. Zwei von ihnen erstach er bevor sie heran waren. Aber ach, die drei andern waren nicht abzuschütteln. Er blutete aus einer Kopfwunde, den Helm hatte ihm eine Wurfkeule zerschlagen. Sein Speer war beim letzten Stoß zersplittert, sein Schild ging jetzt in Trümmer: er faßte ihn mit beiden Händen und schmetterte einen der Angreifer damit nieder. Aber nun packten vier Fäuste seine Rechte, die das Kurzschwert ziehen wollte: – er war überwältigt: – schon zerrten, schon schleiften sie ihn mit sich fort – mehrere Schritte weit.

»Adalfrid!« schrie da eine verzweifelnde Stimme: – ein scharfes Schwert blitzte; der eine der ihn davon Schleppenden stürzte zusammen; der zweite floh.

»Wer hat das gethan?« fragte Adalfrid, des Toten Speer aufraffend, den Vater, der den Schild über eine zarte Gestalt hielt. »Das hat Arntrudis gethan!« antwortete der. »Dank, tapferes Kind! Du blutest?« »'s ist nur die Schulter,« erwiderte sie lächelnd mit einem strahlenden Blick auf den Geretteten. »Er lebt!« Aber der nächste Reiter ergrimmte über das kühne Mädchen; hoch schwang er über der Ahnunglosen Haupt den Krummsäbel, schon sauste der wütige Hieb herab: doch nicht Arntrudens blonden Scheitel traf er, – ein graues Haupt! Secundus war der Mutigen gefolgt, ohne Trutzwaffe, nur einen alten viel geflickten Schild am Arm: den hatte er schon wiederholt über die achtlos Voreilende gehalten: so auch jetzt: aber die scharfe Klinge schlug durch das morsche Lindenholz und noch ein gut Stück in seinen Kopf: Arntrudis sprang zurück und fing den Wankenden auf: »Secundus!« klagte sie, »du stirbst? Und für mich!«

»Ja, liebes Kind, und gern. Ich meine, das ist dem Herrn Christus genehm. Ihm empfehle ich meine arme Seele! Hatte mir die heiligen Blätter aus dem alten, heiligen Buche auf die Brust gelegt zur Abwehr: – haben nicht abgewehrt. Ist wohl besser so. Nun noch das Gebet – ach ich weiß nur noch: ›Vater unser, der du bist in dem Himmel – erlöse uns von dem Übel:‹ Dank, er erlöst mich!« Und er atmete tief und starb.

Aber noch war die Gefahr nicht vorüber.

Der Chagan hatte mittlerweile die im Verhältnis zu seinen Massen geringe Zahl der zu Hilfe geeilten Reiter – etwa vierhundert – erkannt: er rief den ihn Umgebenden drohende Zornworte des Befehls zu und stellte sich an die Spitze seiner Leibschar zu einem letzten wütenden Anprall: besorgt sahen Fagano und der Richter diesem neuen Sturm entgegen.

Jedoch gerade wie sich dies Geschwader der Avaren zum Anreiten zusammenballte, erscholl aus ihren hintersten Reihen wüstes Angstgeschrei: »Feinde! Neue Feinde! Dort aus dem andern Wald! Flieht! Teufel! Lauter schwarze Teufel! Rettet euch! Neue Feinde!«

Und also war's.

Ein kleiner, aber auserlesener Reiterhaufe, etwa hundert Pferde, fast lauter Rappen, schoß von dem nahen Nordwald her mit hallendem Hornruf gerade in den Rücken der Avaren, alles vor sich niederwerfend.

Der Chagan wandte das Roß dorthin: schon war der Führer der brausenden Schar heran, auf mächtigem Rapphengst: er durchbrach ohne Widerstand die Reihe der Leibschar und rannte die eingelegte Lanze durch Goldschild und goldstarrenden Schuppenharnisch dem Chagan in die Brust: der schrie laut auf und taumelte vom Roß zur Erde. Da war kein Halten mehr: kreischend fuhren die Mongolen auseinander.

»Wer . . .? Wer ist das?« fragte Iso, gegen die blendend einfallenden Strahlen der sinkenden Sonne die Hand vor die Augen haltend. »Das ist Ragino,« antwortete der Richter. »Ja, Ragino! Er kommt von selbst zurück!« rief der Fagano. Da warf sich ein fliehender Avare, der seinen Gaul verloren, auf den Rechtweiser, der ihn nicht bemerkte, riß ihn nieder und hob das Krummschwert, ihm den Hals zu durchhauen. Aber ein Speerstoß hoch von einem Roß herab, kam ihm zuvor: er fiel. »Wer war das?« rief Iso sich aufrichtend. »Wie? Ragino? Ihm soll ich das Leben danken? Nein, eher . . .!«

Aber der war schon weit im Getümmel verschwunden.

Im Getümmel der Verfolgung!

Denn die Barbaren, die wie ihre heilige Fahne so ihren halbamtlichen Herrscher hatten fallen sehen, stoben nun in blindem Schrecken, in voller Verzweiflung davon: und da sie im Süden auf das Fußvolk Arnos, im Westen auf die Reiter Faganos, im Norden auf die Raginos stießen, warfen sie sich insgesamt in der Flucht nach der einzig freien Richtung: dahin, woher sie gekommen: das heißt in die Alz, um deren rechtes, das Ostufer wieder zu gewinnen: in wirren Knäueln, in dichten Klumpen, Pferde und Menschen, stürzten sie in das hoch aufschäumende reißende Wasser, untereinander mit Messer und Faust und Zähnen ringend, sich aneinander klammernd und so in die Tiefe hinabziehend, ohne Möglichkeit eines Widerstandes gegen die Verfolger, die nun grimmige, schonungslose Vergeltung übten, nachschwimmend und nachreitend: ja auch viele Kähne wurden aus der Schiffwehr gerissen, in den Fluß geschoben und nun stießen die rachewütigen Märker von da aus mit ihren Speeren und Rudern die Schwimmenden in die Tiefe.

Alsbald jagten die Reiter der Adalinge, geführt von den beiden jungen Hachilingen – denn den Fagano und seinen Sohn hemmten die Wunden – den Flüchtlingen, nachhauend, auf dem rechten Ufer der Alz, auf der alten Römerstraße, nach und befreiten in dem hier erbeuteten Troß die vielen hundert Gefangenen, die, zumal Frauen und Mädchen, an die Wagen und Karren gebunden gewesen waren.

*

 

VII.

Vom frühen Morgen bis gegen Abend hatte der Kampf gewährt.

Auf dem Felde, wo die Schlacht so laut getobt hatte, viele Stunden lang mit Klirren der Waffen, beim gellenden Kampfschrei der Avaren, dem Schmerzruf der Getroffenen, waltete jetzt tiefe, selten durch das Stöhnen eines Sterbenden, den Schrei eines wunden Pferdes unterbrochene Stille.

Es war ein wundersamer Gegensatz, der auch die festen, ja harten Herzen der Bajuvaren ergriff.

Das Schlachtfeld zu ihren Füßen lag besät mit allen Spuren des grimmen Würgens: Leichen von Menschen und Tieren, weggeworfene, zerbrochene Waffen ohne Zahl, jenseit des Flusses die umgestürzten Götterwagen und Troßkarren der Flüchtlinge: – und oben am Himmel die friedevollste Abendstimmung: zartgelbe Dämmerwolken, lang hingestreckt, leise im Winde ziehend, aus ihnen zuweilen auftauchend die feine Sichel des Mondes. – – –

Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne sahen Adalfrid, der, selbst aus mehr als einer Wunde blutend, auf den zerbrochenen Speer gestützt, nur mühsam eine kleine Anhöhe hinanstieg, auf der man unter den breiten Schatten alter Ulmen verwundete Bajuvaren zusammengetragen hatte. Die Frauen und manche Mädchen, auch Arntrud und die Kleine, walteten hier geschäftig, Wunden verbindend, mit geschickten, feinen Fingern Pfeilspitzen ausziehend, auch wohl Heilkräuter, – so die weichen, wolligen Blätter der Wegewarte – das Blut zu stillen, auf die offenen Wunden legend. Der junge Adaling hatte für jeden eine teilnehmende Frage, ein freundlich tröstend Wort.

Eben erhob er sich von einem der tapfern Söhne Harlachos, der ihm sterbend in stummem Dank die Hand drückte, als ein scharfer Ruf an sein Ohr schlug.

»Nein! – Nicht du! Du nicht! Laß mich! Geh! Deine Hand brennt heißer als die Wunde.«

Adalfrid wandte sich und sah Arntrud vor einem ausgestreckt auf dem Rasen Liegenden knieen, dessen Gesicht ihre Gestalt verdeckte. Der Adaling glaubte, die Stimme – obzwar sie verändert klang – zu kennen: er trat heran und sah in Raginos leichenblasses Antlitz: vor ihm kniete das Mädchen, emsig bemüht das aus einer tiefen Brustwunde durch die durchstochene Ringbrünne immer wieder hervorbrechende Blut zu hemmen: eine breite rote Lache hatte sich neben ihn ergossen.

»Arntrud!« rief Adalfrid. »Das ist . . .! Aber doch: laß ab! Geh! Es quält ihn dein Anblick, – deine Güte. Geh!«

Gehorsam packte sie ihre Binden und Kräuter zusammen, stand auf und wandte sich zum Gehen: stumm reichte sie dem Zuckenden die Hand, der sie hastig drückte.

»Ah,« seufzte er, »das – – that wohl. Auch wenn ich nun in den Eisstrom fahren muß, unter Leichen, Schlangen und Schwerter oder in die Schwefelhölle der Mönche wegen des Mordes an dem Lümmel: – denn es war doch wohl Mord! – der Druck ihrer Hand – sie hat vergeben – wird mir wohl thun auch dort noch.« »Du sollst nicht sterben, Ragino.« – »Doch, doch. Ich soll! Sehr soll ich! Sehr! Es ist das Beste, das Richtige, das Einzige.« – »Sage mir, wohin warst du so spurlos verschwunden? Und wie konntest du plötzlich hier ansprengen: von so weit her?« Durch alle Schmerzen hindurch, die sein hageres Antlitz durchzuckten, lachte der Wunde. »Hei, ich war gar nicht weit weg! Zuerst freilich wollte ich mit meinen Räpplein ganz davon aus Bayerland, wieder über, den Rhein. Aber wir fanden die Straßen bewacht von den Grafen des Herzogs: – der Richter hatte sie aufgemahnt: – mit Gewalt wollt' ich durchbrechen, ward zurückgeworfen – verlor Leute. So kehrten wir, nur nachts reitend, in diese Nachbarschaften zurück: – mit Mühe, – bei Tag in dem Waldesdicht verborgen. – unser Leben fristend am Wild oder an gestohlenem oder geraubtem Gut, verfolgt von den Hofleuten, deren Wachhunde uns aufspürten. So hungernd, abgehetzt – es war ein elend Leben! – suchte ich die uralte Stätte, ›am Stein‹ heißen's die Nachbarn, – da sind unter der Erde – wohl von Dunkelelben gegraben – seit grauester Vorzeit geräumige Hallen und Gänge – nur ein paar Reitstunden von hier: – ich fand sie einmal aus auf der Fuchsjagd. Da bargen wir uns, – der Tag ward nun für uns vollends Nacht – nur nachts herumstreifend nach Nahrung. Ein elend Leben, sag' ich dir, selbst für einen Knecht, kein Hund hätt's lang ertragen. Da sahen wir die Mordbrände im Osten aufsteigen, die lohenden, da vernahmen wir bald aus den Reden der Flüchtlinge, die wir zur Nacht an ihren Feuern belauschten, die Greuel, die diese Bestien über unser Land brachten: da erkannte ich, daß heute hier das Geschick richten würde über jenes Hundevolk und uns Bajuvaren. Und da – gleich schoß mir's durch das Hirn! – da beschloß ich, – auch über mich das Schicksal heute und hier richten zu lassen! Nicht feige dahinten bleiben, während die Männer unserer Mark verbluteten – hierher gehörte ich, hierher zwang mich – spät genug! – die Ehre. Ich führte die Meinen unvermerkt – ihr hattet ganz anderes zu beachten! – im Rücken der beiden Kämpfenden heran und brach hervor, als es höchste Zeit schien. Ich kam . . . gerade . . . noch recht. Leb wohl, Vetter. Grüß deinen Vater, – den viel strengen! – und sag' ihm: Ragino hat nicht – stets – wie ein Edeling gelebt – aber . . .« Da bäumte er sich empor, mit beiden Armen um sich schlagend, während eine Blutwelle ihm aus dem Munde brach.

»Aber,« schloß Adalfrid, die zuckende Rechte fassend, »er ist wie ein echter Edler gestorben.«

Da atmete der Wunde noch einmal tief auf mit einem Blick des Dankes: – nun lag er regungslos. Ergriffen sah Adalfrid in das bleiche, nun schöne Antlitz, über dessen sonst unruhig wetterleuchtende Züge jetzt der Tod seinen ernsten Frieden breitete.

Leise rauschten hoch oben die Blätter des Ulmenwipfels im Abendwind.

Adalfrid ließ, andere Verwundete aufsuchend, dem Vater durch einen Gefolgen mitteilen, wie sein Neffe gestorben.

*

 

VIII.

Nun war die Sonne vollends zu Rüste gegangen: aber gleich nach ihrem Versinken ergoß sich weit über den Westhimmel hin eine prachtvolle goldene Glorie, im tiefen, friedlich schlummernden See sich spiegelnd und leuchtend zurückgeworfen von den fernen Bergen im Osten: auf der Bank vor dem Gehöft der Arninge saßen Fagano und der Richter, Iso und Kiemo: – keiner ohne Wunde und doch jeder mehr von Freude bewegt als von Schmerz. Nun kamen, erschöpft von der Pflege der Verwundeten, Adalfrid und Arntrud langsamen Schrittes die Höhe hinan, das Kind Arnhild sprang ihnen voraus.

Da erhob sich der Fagano, auf seine Schwertscheide gestützt und sprach: »Tapfrer Iso, die Götter selber, mein' ich, haben heut' unsern Hader gerichtet und geschlichtet. Tot – wie dein starker Sohn! – liegt, so ward mir gemeldet, sein Mörder: aber im Kampf für die Mark, für euch ist er gefallen.« »Und mir,« grollte der Rechtweiser, »mir hat er das Leben gerettet. Daß die Götter das zugelassen haben!« »Sie wollten dich mahnen – zur Versöhnung!« sprach der Richter.

»Statt uns in Fehde zu zerfleischen untereinander,« fuhr der Fagano fort, »haben wir in Eintracht – ganz ohne Verabredung, von selbst ist's so gekommen – den fremden Feind zurückgeschlagen.«

»Ja,« sprach Iso, tief ergriffen. »Und ihr Adalinge seid gekommen, uns zu retten in der höchsten Not.« »Habt ihr je daran gezweifelt?« fragte der Fagano und sehr edel blickte dabei sein Auge. – »Das ist . . .« – »Adelspflicht nicht nur, Treuepflicht aller Volksgenossen. Ich bin gewiß, ihr hättet uns das Gleiche gethan. Denn wir gehören zusammen – unscheidbar wie Schild und Speer. Und so wollen wir's fortan halten immerdar. Und zum Zeichen innigster Eintracht zwischen Adalingen und Gemeinfreien, werb' ich bei dir, Richter Arno, um deiner Tochter Hand für meinen Sohn: das tapfere Mädchen, – sie hat ihn – ich hab's mit Augen gesehen! – sich mit ihrem Blut erobert und verdient.«

»So sei es,« sprach der Richter hoch erfreut aufatmend. »Aber ich fordere für Arntrudis hohen Muntschatz.« – »Jeden zahl' ich.« – »Wohlan, so sollt' ihr Adalinge zustimmen, daß fortab in unserer Mark Blutrache und Fehde abgethan seien für immerdar: nicht Fehdegang, nur Rechtsgang soll fürder jeden Streit unter den Markgenossen entscheiden.« »So sei es,« sprach der Fagano. »So sei es,« sprach Kiemo.

»Ja, so sei es,« schloß Iso. »Ich verzichte auf Blutrache gegen Euere Sippe und auch auf jedes Wergeld. Und dies soll der Ehrenhügel sein, der über meinem starken Isanbert sich wölbt.«

»Nun kommt,« sprach der Fagano, »gehen wir dem jungen Paar entgegen. Wenig ahnt es sein beschlossen Glück. Laßt uns es ihnen plötzlich auf die Lockenhäupter drücken wie einen Siegeskranz: – wie wohl beglückten Sterblichen die hohen Götter, unsere Ahnen, thun.«

 


 

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