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Vom Chiemgau

Felix Dahn: Vom Chiemgau - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/dahn/chiemgau/chiemgau.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleVom Chiemgau
booktitleVom Chiemgau ? Ebroin ? Kämpfende Herzen
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke - Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 2
illustratorHugo L. Braune / H. Grobet / Hans W. Schmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20110410
modified20160412
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Viertes Buch.

I.

Ein paar Tage darauf schnitten am Vormittag Harlacho und seine Söhne Grummet auf einer ihrer Wiesen nördlich von Harlachos Hof am See, nahe der hier vorbeiziehenden Römerstraße.

Auch die Isinge hatten hier »Grasfelder«, »Eigenweiden«: sie erstreckten sich gen Norden bis an den dichten Urwald hin; auf diesen Weiden ließ zu der gleichen Stunde Iso, der Angrenzer, seine Knechte das Gras sicheln; er selbst, der Behäbige, fast Reiche, legte nur Hand an, wann er unterweisen, bessern wollte.

Wie die Sonne höher stieg, heißer brannte, machten die Fleißigen alle kurze Rast auf dem schmalen Rain, der beider Nachbarn Eigen trennte: ein mächtiger alter Birnbaum ragte hier: eine römische Hand hatte dereinst den Wildling veredelt und so die kleinen, herben Früchte genießbar gemacht. Auf der Ostseite des Stammes war die Hausmarke der Harlachinge, ein Lachs, eingeschnitten; auf der Westseite das Hauszeichen der Isinge, eine kurze Eisenstange selbst in die Rinde gefügt. Unter dem Schatten des breitastigen Grenzbaums lagerten die Müden: er reichte für alle.

Die Harlachinge hatten, ihren Durst zu löschen, nur das Wasser zur Hand, aus dem nahen Waldquell, aus dessen Fassung in einen gehöhlten Baumstamm aufgefangen in einem Thonkrug. Als der jüngste Sohn, Hariger, der vor kurzem erst wehrhaft gesprochene, gierig den Krug zu Munde führen wollte, wehrte ihm der Vater stillschweigend, nahm ihm das Gefäß aus der Hand, sprengte ein paar Tropfen auf die Wiese und sprach dazu feierlich:

»Immer im Anfang, ehe
Du deinen dörrenden Durst,
Den lechzenden, löschest mit linder Labe, –
Immer erst andachtvoll
Spende und spritze, sprenge und sprühe
Den gnädigen Göttern, den Gebern des Guten.
Denn wo Gutes es giebt, – da ist es göttergegeben!
Dröhnender Donar,
Des untadligen Ackerers, des emsigen, Ahn
Und schützender Schirmer,
Und du, freudiger Frô, unser Freund, du Fördrer der Frucht,
Sichert die Saat, hebet die Halme, wahret den Wieswuchs;
Wie wir euch weihen
Vor allen den Erstling
Der lieben Labe.«

Und nun erst trank der Vater und reichte den Krug Haribaud, seinem ältesten Sohn. Einstweilen war zu seinen Knechten, die im Osten des Markbaums lagen, Iso herangetreten und hatte mit den Nachbarn Gruß und Handschlag getauscht.

»Wo ist Isanbert?« fragte Harigilt, der zweite der Harlachinge. – »Er ging vor Tagesgrauen zu Holze dort in den Nordwald.« »Was ist mit dem Buben?« forschte Harlacho ernstlich. »Er ist nicht recht, mein' ich. Schon lang! Nicht recht gesund.« Der Vater versuchte zu lachen, aber die harten Züge überzog's wie Gram. »Der? Der Isanbert? Hei, bärengesund ist er. – Aber ihr habt nur Quellwasser, der Moosweiblein Gabe. Kommt her! Andres sollt ihr trinken. Wir wollen's nicht besser haben: denn wir sahen's, ihr habt schwerer geschafft als wir.« »Ja,« meinte Harlacho, »wo der Knecht fehlt, keucht der Herr selbst.«

Iso winkte einem seiner Unfreien: der hob aus dem schattigen Geäst eine hier an den Henkeln angeseilte schöne Amphora herab, wertvolle griechische Arbeit von feinstem Thon; vor etwa hundert Jahren hatte der Isinge Ahnherr das Beutestück aus der halbverbrannten Villa des Priesters des Jupiter Bedaius davongetragen. Die Vorderseite zeigte in schwarzen Strichen auf dem tiefen Braunrot Paris, der eben Aphrodite den Apfel überreicht hatte.

»Wer mögen die Zwei sein?« staunte Harvich, der vierte Sohn; er lag bäuchlings im Grase, den Kopf auf beide Ellbogen stützend, nun erhob er ihn etwas.

»Sind ganz nackig. Wie zwei Frösch. Das Dirndl könnte mir gefallen,« meinte Hariwalt: sie waren Zwillinge und hielten in allen Stücken gar fest zusammen. »Das siehst du doch!« erklärte überlegen sein ältester Bruder Haribaud, »hat ja den Apfel; ist Idun.« – »Aber der andere, – wer ist das?« – »Frag' ihn. Wird schon einer sein.«

Der junge Hariger sprach, zu Iso gewendet: »In eurem Haus, das heißt dem alten, steinernen, das euer Ahn den Walen abgenommen hat, ist im großen Saal, im Fußboden eingelassen, ein ähnliches Bild aus lauter kleinen bunten Steinen: da stehen drei Frauen vor einem Mann auch mit einem Apfel; Äpfel müssen die Walenfrauen gar gern gegessen haben, scheint's.«

Iso begann nun ebenfalls aus der Amphora ein paar Tropfen zu sprengen auf sein Feld: stark würzig roch es aus dem schmalen Kurzhals: er sprach dabei:

»Biedre Biene,
Frau Berahtas braunes, brummendes,
Flinkes, fleißiges Vöglein,
Vor allen emsig und eifrig,
Ohn' Ermüden, des Ackerers echtestes Urbild,
Dank dir, dank, daß du
Das Honighöslein dir häufest,
Auf daß der Imker, emsig
Gleich dir, die goldige Gabe gewinne,
Die sämige, süße
Des mundenden Mets!
Berahta, beut und bereite
Blumen und Blüten
In freudiger Fülle
Deiner braunen Bienen
Beflügeltem Völklein,
Bewahre sie vor dem brummigen Braunen,
Dem breitbrüstigen Bären!
Auch wir schützen sie schirmend
Im wilden Winter
Und teilen dann treulich
Mit ihnen die Ernte
An weichem Wachs
Und häufigem Honig.«

Jetzt erst trank er selbst und reichte den Krug Harlacho hinüber. »Nun, Nachbar,« meinte er mit prüfendem Blick aus seinen klugen Augen auf den eifrig Schlürfenden, »manche Nacht ist hingegangen seit deinen hitzigen Worten im Märkerding! Soll wirklich um ein paar Roßmäuler voll Saat . . .« – »Du weißt: es ist nicht um das, 's ist um den alten Haß: der muß einmal herausfahren. Dein Sohn ist ganz auf meiner Seite – aber schau, dort kommt er daher – aus dem Holz. Was trägt er über der Schulter? Ganz schwer trägt er!« »Das ist,« rief Hariger aufspringend – »ja, bei Donar! Das ist ein Bär. Und was für einer – wie sonst zwei.«

Isanbert, nicht sehr schlank, aber breit und stiernackig, kam von dem Waldsaum langsam näher, oft stehen bleibend, keuchend unter seiner Last. Nun war er heran: er ließ das mächtige Tier von seinem Rücken zur Erde gleiten: schwer plumpte es auf, mit dumpfem Fall; er reckte, hoch aufatmend, beide Arme mit geballten Fäusten in die Luft. »Da, Vater! Da ist die Bärin, gegen die du gestern den Schutzspruch sprachst, weil sie uns sechs Schafe zerrissen. Ich dachte, ich helfe dem Sprüchlein ein wenig nach. Kann nie schaden. Und ich wollte den Wildhonig aus der Hohleiche am Moosbühl nehmen: da hatte vor kurzem – ich wußte es – Immenbrut eingebäumt. Ich wollt' ihn den Mädeln des Richters sichern: sie schlecken ihn gern. Da mußt ich früh aufstehn. Denn die Bärin hatte den Honig gewittert. Sie pirschte sich gestern schon gerad drauf hin. Ich fand ihre breite Spur im Moose.«

Die Männer traten nun alle hinzu und betrachteten das erlegte Ungetüm. »Hei, sie hat nur eine Wunde!« – »Einen Schwertstich.« – »Mitten ins Herz!« »Sicher war die Hand,« sprach Harlacho nachdrucksam, »die diesen Stoß gestoßen.« »Wo ist dein Speer?« fragte Ifo. »Hat sie ihn dir zerspellt?« – »Ich ließ ihn zu Hause. Nahm nur das Kurzschwert mit; wollt' sehen, ob's so nicht auch geht.«

Traurig, aber schweigend schüttelte der Vater den grauen Kopf.

»Aber wie ging's? Verzähl'!« mahnte abenteuergierig der Knabe Hariger. – »Ging leicht. Fand sie schlafend. Im dunkelsten Dickicht. Nicht weit vor der Hohleiche. War wohl auf der Spur nach dem Honig gewesen. Weckte sie mit ein paar Steinwürfen. Sollte nicht hinterher sagen, ich habe sie im Schlafe beschlichen und ermordet. Grimmig scheltend fuhr sie auf, sah mich und nahm mich an. Sie stellte sich hoch. Sie kam gegen mich mit greifenden Pranken. Sie brummte arg dazu. Ich sprang vor, stieß ihr die Klinge ins Herz und sprang zurück. Tot fiel sie auf den Rücken. Gebt mir zu trinken.«

»Höre, Bub',« meinte Harlacho, das Untier musternd, »ich bin nicht bang: – aber das thu' ich dir nicht nach.« »Einen Finger breit daneben,« sprach der Vater vorwurfsvoll, – »fiel sie nicht gleich tot, warst du zerdrückt.« »Warum thust du so was?« forschte Harlacho.

»Weiß nicht. Ich muß. Es treibt mich was um. Die Zeit ist so lang bis die Fehde beginnt. Aber dann!« Er bog den rechten Arm. »Hoffentlich beginnt sie gar nicht,« meinte sein Vater. »Aber wenn, – was dann?« »Dann,« schrie der Sohn plötzlich auf, »erwürg' ich ihn . . . ohne Waffe! Ich reiß' ihn vom Rappen und erdroßle ihn – so.« Er warf sich ins Gras.

Die Männer fragten nicht, wen er meine.

»Die Götter, der Fagano und der Richter werden's verhüten. Und auch ich.« »Auch du, Vater? Gut, ich brauche keine Fehde dazu. Treff' ich ihn noch einmal, wie vor ein paar Tagen, um den Bleichanger der Mädchen spürend wie der Fuchs spinnt auf das Haselhuhn, – dann . . .« die Wut erstickte ihm die Stimme. »Ja, ja,« meinte Harlacho. »Ich sah ihn auch vorgestern, wie er an Arnos Hof vorüberreitend, – ganz im Schritt! – sich hoch hob in den Bügeln und über den Zaun hinweg die Jungfrau mit seinen heißen, frechen Blicken verschlang. Hätt' ich nicht Berahtas Frieden gescheut . . .!« »Eia,« lachte Haribaud, »den mag sie nicht; den Schwarzkopf. Aber der andere, der Blonde! Willst den auch drosseln, Bertlein?«

»Nein. Den mag ich – beinah – selber! Kein Wunder, daß er ihr besser gefällt als . . . nun, eben als wir andern. Sie ist sein. Und er ist's auch. Und wir . . . wir sind . . . wie der Bär da!« meinte er mit bitterem Lachen. »Bei dem Opferschmaus der Ostara war's. Wie zierlich und flink führte der Schlanke die Schlanke! Ich wollt' es ihm nachmachen, da fiel ich hin. Er – er lachte nicht: er reichte mir die Hand, mich aufzuheben. Ich sprang allein auf. Da sah ich, wie sie lächelte: nur ein wenig. Es ließ ihr hold wie, alles. – Es gefiel mir, obwohl das Auslachen mir galt. Und dabei hätt' ich schreien mögen! Ah, komm Fehde! Mich verzehrt's. Es brennt da drinnen wie fressend Feuer.«

*

 

II.

Allein es schien, der Wunsch des starken Isanbert sollte unerfüllt bleiben. Das wohlmeinende und verständige Zureden der Vermittler blieb nicht ohne Einfluß: nur wenige der Freien beharrten unversöhnlich: der Richter hoffte, vor Ablauf des Festfriedens eine Mehrheit zu gewinnen, die den Fehdebeschluß aufhöbe und beiden Streitenden einen billigen Vergleich aufzwänge. Auch ward Adalfrid in Bälde zurückerwartet: – er hatte, – das wußte man, – das Palatium zu Regensburg verlassen und auf dem Rückweg die Höfe der benachbarten Huosi und Drozza besucht: man wußte, wie eifrig und wie wirkungsvoll der Allbeliebte zum Frieden reden werde.

Ein paar Tage nach Erlegung jenes Bären saß Arno nach Sonnenuntergang nachdenksam auf der Bank, welche die Vorderseite seines Hauses umzog; es dunkelte schon stark: so erkannte er nicht gleich einen in langsamen schweren Schritten von der Alz her die Höhe Heransteigenden.

»Du bist es, Isanbert? Was willst du?«

»Fragen. Und dann – bitten. Ist's wahr; daß morgen deine Kinder auf deinen Meierhof im neuen Gereut, zu Chradoald, deinem Freigelassenen, fahren wollen, dort bei Frau Biltrud die Kräuterweihe zu feiern?« – »Ja. Wie alle Jahre. – Warum?« – »Wer begleitet sie?« – »Niemand. Secundus – seltsamerweise! – ist immer noch nicht zurück; die andern arbeitrüstigen Knechte müssen Gras schneiden auf der Hochleite drüben. Arntrud versteht ganz gut, die Wagengäule zu lenken.« – »Der Wald ist dicht. Der Weg ist weit. Sie können kaum vor Nacht zurück sein. Laß mich mitreiten.«

Arno zog die Brauen zusammen. »Nicht doch, Nachbar. Dein Vater hat schwere Arbeit im Eichenbusch an der Alz: alte Eichenstrünke auskesseln, – da braucht er jeden Arm, zumal deinen starken.«

»Bitte, laß mich sie begleiten!« – »Ist ganz unnötig. Sicher ist's in der Mark: der heilige Festfriede schützt die Mädchen wie ein goldner Schild, den die Göttin selbst über sie hält.«

»Gut Nacht, Richter!« Er war im Dunkel verschwunden.


Bald nach Sonnenaufgang fuhr von dem Arninghof der leichte Leiterwagen, der sonst beim Einbringen des Grases diente. Die Mädchen hatten ihn mit Laubgewinden und Blumen geschmückt, auch der beiden muntern und frommen Braunen Zaumzeug, Mähne und Schweif mit roten Bändern und Schnüren umflochten, denn: »festlich fährt man zu Feste«.

Fröhlich lachend kletterte die Kleine, den helfenden Arm des Vaters verschmähend, in das Innere des offenen Gefährts, während Arntrudis sich ins Vorderteil niederließ und, alsbald die Rößlein mit lautem Zuruf und leisem Schlag der langen, schwanken Gerte, der vorn ein paar grüne Blätter belassen waren, zu schnellem Traben antrieb.

»Fahrt flink,« rief ihnen der Vater nach, »und Wuotan walte eures Weges.«

Der war nun nicht zu verfehlen und war gut: denn es war die alte Römerstraße, die von Salzburg nach Augsburg führte. Der feste starke Bau hatte einesteils von selbst diesen hundert Jahren erfolgreich widerstanden, andererseits hatten die nächsten Höfe ihn leidlich fahrbar erhalten durch Entfernung der darauf stürzenden Baumriesen des Urwalds und Ausjätung des Buschwerkes, das auf ihm wild zu wachsen anfing: war es doch weit und breit der einzige bequeme Fahrweg.

So war es denn eine rasche und freudige Fahrt durch den frischen Sommermorgen.

Reicher Tau glitzerte auf dem Gras an den Gräben neben der Straße, die Sonne drang machtvoll von dem wolkenfreien, tiefblauen Himmel durch die Äste der hohen Eichen und Eschen, Buchen und Tannen, die Vöglein, Goldamsel zumal und Walddrossel, sangen laut im Innern des Gehölzes: alles war friedlich und fröhlich. Die Kleine plauderte viel, während die Schwester schweigsam vor sich hinblickte. Ungeduldig fragte das Kind, da die Gegenrede oft ausblieb: »Aber Trudis, woran denkst du denn immer?« – »An den Weg. Und an die Gäule. Wie sagte der Vater, als er den Wagen schirrte? ›Der Schiffer schweige, der Fuhrmann fasle nicht viel: wohl wahr' er des Weges.‹« – »Deswegen brauchst du aber doch nicht zu seufzen. Oder doch sehr, sehr tief zu atmen. Ich will dir sagen, an was du mehr denkst, denn an den Weg, von dem du doch nicht leicht herunterpurzeln kannst bei helllichtem Tage: die Straße läßt dich nicht los! – Du denkst jetzt im Wachen an den, von dem du so oft im Traume sprichst.« »Ja, an Adalfrid,« nickte sie ohne Zögern. »Es ist schon gar so lange her, daß er uns verlassen hat. – Viele, viele Wochen!« – »Aber sie sagen, er sei zurück vom Herzog. Kiemo, der neulich im Adalhof war, das fällige Gras von der Heualm zu bringen, soll ihn dort gesehen haben, wie er zu den Huosi abritt. Ist nicht hübsch, daß er noch gar nicht bei uns war.« – »Vielleicht hat er die Braut schon mitgebracht. Möchte sie sehen! Wunderbar muß sie sein . . . Da! Was scheust du, Leichtfuß? Was fuhr da vor uns über den Weg?« – »Ein Has! Ein Has! Dort rennt er waldein!« – »Übeln Angang acht' ich, den Hasen, den hurtigen Hüpfer,« sprach Arntrud, die Zügel anziehend und die Pferde zum Stehen bringend.

»Wächter der Wege, waltender Wuotan,
Wende weit hinweg
Uns alles Unheil.«

Und sie fuhren weiter.

»Horch!« mahnte Arnhild, »da! hinter uns! Hörst du nichts? Schon manchmal meint' ich . . ., aber das Rollen der Räder auf der harten Straße übertönte es.« »Ich höre nichts,« meinte Arntrud; sie sah um und lauschte. »Ja, jetzt ist's wieder still. Auch seh ich nichts hinter uns, bis an die Wegebeuge dort im Osten.« – »Was, meintest du, sollte es sein?« – »Der Hufschlag – eines Pferdes, – das uns – ganz von fern – folgte.« – »Es ist doch nichts. Vorwärts, lauf Leichtfüßlein, und du, Lichtmähne.« Und wieder ging's munter voran.

»Weißt du, auf was ich mich am meisten freue dort bei den Reuthofleuten? Auf die Hohlküchel! Frau Biltrud füllt sie lecker mit Honig.« – »Und ich auf ihr herzig Kindlein. Ich gab der Kleinen meinen Namen.« – »Und die Bernsteinkette der Mutter dazu!« – »Sollt' ich Namen geben, ohne Gutgabe? – Sie zählt jetzt drei Jahre. Lieb ist sie! Dürft' ich doch so ein Kindlein hegen und pflegen: – aber ein eigenes!« – »Ja aber! Da müßtest du doch erst im Frauengurte gehen. Und ein Ehegatte . . .« – »Nein doch! Braucht's nicht. Secundus hat erzählt, seine Göttin – oder doch Halbgöttin, halt so ein saliges Fräulein, – die gewann – Jungfrau – ohne Gemahl, einen herrlichen Knaben.« – »Ja, ja, ich gedenke. In Taubengestalt flog über sie ein Gott. Nun, Tauben hättest du ja. – Aber unsere Mutter starb darüber, wie mich der Adebar – nicht eine Taube! – brachte, so klagt der Vater. – Schau, Trudel, die Blume, die da links aus dem feuchten Graben wächst – viele beisammen – die soll heilkräftig sein wider allerhand Weh.« – »Jawohl, das ist Jungfrau Minte. Oder sie war es doch.« – »Ja aber! Ein Kraut war ein Mädchen?« – »Gewiß. Eine fleißige Schnitterin war sie, und verschmachtete einsam auf dem Stoppelfeld: sie kam zu sterben vor Durst, ihr letztes Gebet an die Erntegöttin, Frau Harche, war, sie möchte doch nach ihrem Tode immer Wasser, Wasser trinken dürfen. Da verwandelte sie die Göttin in diese graublaue Blume, die nun immer wachsen darf, wo sie Wasser trinken mag.« – »O du weißt so viele schöne Kunde von den Kräutern und Blumen und Vögeln. Woher?« – »Die hat mir Frau Biltrud im Reuthof erzählt bei gar vielen Festen der Kräuterweihe, wie wir sie heute feiern.« – »O, erzähle bitte, alles, alles.« – »Allmählich, ja. Höre einmal von der armen Wegewarte, die auf ihren Verlobten wartete, der mit dem Heerbann des Herzogs ausgezogen war und nicht wiederkam mit den andern; sie harrte und harrte Tag und Nacht: hoffend gegen Hoffnung saß sie am Wegerand, wo sie ihn zuletzt gesehen. Alle verlachten sie, aber sie wich nicht, wankte nicht. Sonnenbrand, Wind und Regen bleichten ihr Haar, Gesicht und Gewand, daß sie ganz grau ward und ihre Füße schienen festzuwurzeln im Boden. Da erbarmte sich ihrer Freia und verwandelte sie in die graue Wegewarte, die immer noch am Wege sitzt und harrt.«

»O das ist gar traurig!« – »Ja, warten ist traurig, sehr! – Vorwärts, Lichtmähne!« – »Aber du weißt auch Lustiges! Wie ist das mit Frauenschuh und Frauenhaar?« – »O das ist hübsch. Da waren zwei stolze Schwestern, Prahllaute und Rühmgerne, Töchter des Königs zu Lamparten, die waren schön: aber noch viel mehr eitel als schön. Und die rühmten sich: die eine, sie habe den kleinsten Fuß, schmaler und höher geristet als Freia, die zweite, sie habe das zarteste Haar, zarter als Berahta. Kaum hatten sie sich so frevelnd erkühnt, standen die beiden Göttinnen vor ihnen.«

»Nun und?« – »Standen, sag' ich, vor den Prahlerinnen und Freia wies ihr Füßlein: das war so schmal, es paßte in die Blume Frauenschuh, und Berahta löste ihr Haar und siehe da: es war noch viel feiner als das Gras, das Frauenhaar heißt.« – »Das ist gut. Geschah ihnen recht. Horch, da ruft der Kuckuck! Von dem giebt es auch eine Geschichte.« – »Ja, ja! Spring, Leichtfuß!« – »Und von der Goldamsel, die da drüben flötet? Die soll ein Königssohn sein. Ein verwunschener. Man kann ihn aber küssend erlösen.« – »Und vom Nußhäher, der da drüben scheltend abfliegt? Von Herrn Markwart? Der war ein Wilderer und muß nun immer des Waldes warten.«

»Und von der Agalaster, die da schätternd vom Baume streicht?« – »Schön Agalaster war nur ein Fischerkind. Aber sie hatte von allen die wunderweißeste Haut. Sie wettete, sie sei weißer als Frau Ostara selbst: Wuotan sollte entscheiden und Frau Ostara schlug den Schleier zurück: da war ihre Stirne weiß wie Mehl. Aber schön Agalaster deckte den Nacken auf: da war der so weiß wie das Glöcklein, das da zufrühest am sonnigen Waldsaum sprießt, noch bevor der erste gelbe Falter stiegt. Und entschied dann Wuotan, Kind Agalaster sei weißer. Da ergrimmte Frau Ostara, besprengte sie mit Wasser und rief: ›So bleibe denn weißer als ich: aber nicht am ganzen Leibe! Und immerdar sollst du picken nach allem was glänzt.‹ Und ward da Kind Agalaster zur Elster, wenig weiß, viel schwarz und nach Glänzendem pickend.«

»Das mußt du mir alles noch genauer erzählen.« – »Gern, aber das Schönste ist doch das Traurige: – von der Wegewarte. – Seltsam! Bin doch nicht seine Braut.« – »Wessen?« – »Nun, seine: Adalfrids. Aber am liebsten möcht' ich auch am Wege sitzen und auf ihn warten, warten bis er wiederkommt! Oder bis ich nichts mehr wüßte von mir und ihm! – Allein ich meine, die Rößlein gehren nun auch nach Wasser, wie Jungfrau Minte. Da rinnt in dem Graben vom Waldrand her ein silbern Wässerlein! Komm! Spring ab! Wir setzen uns zu kurzer Rast ins hohe Gras, – schau, wie schön die Farnwedel! – dieweil die Braunen trinken. Der Schatte der breiten Buche deckt uns zu. Dort, weiter vorn – siehst du? biegt die Straße scharf nach Westen ab. Hier ist Halbwegscheide.«

Alsbald saßen die Schwestern nebeneinander jenseit des Straßengrabens auf dem Wiesgrund unter den ersten Bäumen und labten sich an der Milch und dem tiefschwarzen Roggenbrot, die Arntrud in einer Zinnkanne und einem Binsenkorb mitgeführt. – Auf einmal wieherte auf der Straße einer der Wagengäule, hoch den Kopf von dem Rinnsal hebend und scharf auswitternd. Sofort antwortete ein andres Wiehern. »Hörst du?« meinte Arnhild. »Es ist doch ein Pferd in der Nähe.« – »Vorher glaubtest du, hinter uns folge eins. Dies Wiehern aber kam von vorn, von Westen. Es war wohl nur der Widerhall.«

*

 

III.

Aber es war nicht der Wiederhall.

Eine kurze Strecke vorwärts dem Rastort hielten im dichten Gebüsch, links von der hier steil ansteigenden Straßenbiegung gen Westen, zwei Reiter auf schwarzen Rossen.

Der eine bog vorsichtig das behelmte Haupt aus dem Hollunderbusch, die flache Hand vor die Augen haltend, die blendende Ostsonne abzuwehren: »Beim lodernden Loge, Nantine!« flüsterte er, »du hattest richtig gespürt. Sie sind's! Und ganz allein. Dafür schenk' ich dir diesen Helm randvoll von Goldsolidi: – sobald ich sie habe!« lachte er. »Nach diesem Streich müssen wir wohl dies kühle und rechtstrenge Land räumen – auf lange Tage! Bah, ich konnte nicht länger warten. Mich verzehrt die Glut! Und es giebt manchenorts Krieg und Fehde, wo man unsere raschen Rosse und raschen Klingen werthält! Vorher aber will ich mich sattsam des schönen Kindes freuen. Schau nur, ihre weißen Arme leuchten bis hierher! Sie winken mir!« – »Und die Kleine, Patrone?« – »Bindest du fest auf den Wagen. Hier, nimm dies Bootseil. Ich hebe meine süße Beute vor mich auf den Sattel und fort saus' ich mit ihr an waldverschwiegene Stätte. Nun drauf und dran!«

Schon setzten die beiden Rosse aus dem Buschicht über den Graben auf die Straße, schon jagten sie blitzschnell auf der Straße, abbiegend nach Südosten, schon hatten sie den Rastplatz der Schwestern erreicht, schon flogen sie über den Graben vor diesen und im Nu hatte Nantinus die Kleine bei beiden zusammengepreßten Handgelenken mit sich neben dem Pferde hin über den Graben auf die Straße gerissen, wo er sie auf den Wagen schwang und, trotz ihres Schreiens und Sträubens, mit dem Rücken an das Leitergitter band.

Arntrudis aber hatte vor Schrecken keinen Laut gefunden, als der andere Reiter mit starkem Arm in raschem Griff sie oberhalb der Hüfte packte und in Einem Ruck vor sich auf den Sattel hob: sie war vor Entsetzen so betäubt, wie damals ihre Taube, die der Habicht schlug. Erst als der Schrei der Schwester an ihr Ohr drang, weckte sie der aus der Betäubung: »Hilfe!« schrie sie. »Hilfe, Berahta! Helft all' ihr Götter! Hilf, Adalfrid!« »Hei,« lachte der Räuber, »der hört dich sowenig wie die da droben. Tobe nicht so, du Süße! Es nützt dir nichts. Mein bist du. Sollst bald lernen, wie süß es ist, mein zu sein!« Und er beugte das Leidenschaft sprühende Gesicht herab auf das Antlitz des Mädchens, das quer vor ihm über dem Sattel lag, ihr seinen glühenden Kuß auf die Lippen zu drücken. Aber mit beiden Händen stieß sie ihn zurück, daß ihm der Helm mit den Geierflügeln klirrend vom Haupte auf die Straße flog.

»Warte, du sollst das Küssen lernen!« drohte er zornig und griff mit der Rechten ihre beiden Hände zusammen.

Da schrie Nantinus hinter ihm: »Patrone, sieh dich vor! Ein Feind!« »Hilf, Adalfrid!« wiederholte die Gequälte. »Nein,« rief die Schwester in dem Wagen aus ihren Stricken: »Das ist . . .«

»Isanbert!« schrie der Freigelassene und sprengte einem Reiter entgegen, der in rasender Eile von rückwärts, von Südosten her, nahte. »Ja, Isanbert, ihr Schurken, ihr Mädchendiebe! Ich ahnte recht.« Sein Speer flog, schreiend stürzte Nantinus aus dem Sattel: der Wurf hatte solche Wucht und Wut, daß die Lanzenspitze im Rücken herausdrang. Schon sauste der Rächer mit geschwungenem Schwert an dem Sterbenden vorbei auf den anderen Reiter los.

Zornig hatte der mit der Linken den Rappen herumgeworfen, nun zog er das Schwert: dabei mußte er den Griff aufgeben, mit dem er die Gefangene niedergehalten hatte: sofort war sie ihm entwunden und vom Pferd geglitten: schon lief sie ihrem Retter entgegen, schon war sie an seinem Pferd vorbei und eilte auf die Schwester zu: sowie sie an Isanbert vorüber war, rief sie: »Dank, treuer Isanbert!«

Da zwang es ihn.

Er mußte, mußte sie schauen in diesem Augenblick ihrer Errettung, ihres Dankes: er wandte sich: er sah ihr nach: – da stürzte er, schwertdurchstoßen, nach vorn aus dem Sattel. »Ah! Arntrud! Flieh!« stöhnte er im Fallen.

»Nun, Täublein, hat dich der Habicht doch!« frohlockte Ragino und haschte die Fliehende an dem lang nachflatternden Zopfband: das riß und blieb in seiner Faust: ihr Haar flatterte nun gelöst in ihren Nacken, noch ein paar Schritte vorwärts lief sie, da versagten ihr die Kniee: sie hörte das Schnauben seines Pferdes dicht hinter sich, sie fühlte es heiß in ihrem Nacken: »Hilf, Adalfrid!« schrie sie nochmal und fiel auf das Antlitz nieder.

»Adalfrid?« höhnte der Sieger und bückte sich tief vom Gaul, sie aufzugreifen. »Ja, wo ist wohl der?« »Hier ist er!« scholl es da von oben von der Höhe, von Nordwesten herab, und in vollem Jagen sprengten drei Reiter von jener Biegung der Straße her auf den blutbesprengten Ort. »Fürchte nichts, Arntrudis!«

Ragino wandte abermals das Pferd: er sah den verhaßten Vetter und zwei Gefolgen heranjagen mit gefällten Lanzen: er sah, der Raub war vereitelt, er selbst bei Widerstand verloren.

Aber er verschmähte die Flucht. »Vor dem Milchbart ausreißen? Vor den Augen seines Liebchens? Nein! Drauf und dran! Helft Teufel, Gott und Loge!« Und in rasendem Anlauf rannte er den Dreien entgegen.

Kurz vor dem Zusammenprall riß er den Gaul, Adalfrid meidend, plötzlich nach rechts, warf durch sein ungleich stärkeres Tier des Gefolgen Pferd über den Haufen, daß sich Roß und Reiter überschlugen, und war bald im hochaufwirbelnden Staub der Straße verschwunden.

»Murdrida! Auf handhafter That heb' ich Gerüste,« rief der zweite Gefolge. Und er schickte sich an, ihm nachzusetzen. »Halt, bleib',« gebot Adalfrid, »er entgeht uns nicht. Helft mir beide, die Mädchen pflegen. Es ist dir nichts geschehen, Arntrud? Auch dir nicht, Kleine?« Er schnitt ihre Schnüre durch. »Aber dort, Isanbert . . . ah – er ist tot! Nun fließt das Blut in Strömen!«

*

 

IV.

»Raubio!« – »Mordio!« – »Murdrida!« – »Waffena!« – »Hâra, Hâra!« – Mordio!« – »Murdrida!« So scholl es laut und wild durcheinander, nachdem der traurige Zug die Gehöfte von Bedaium erreicht hatte.

Adalfrid hatte die Leiche Isanberts auf den Wagen gebettet, die beiden Mädchen auf dessen und des Nantinus Pferde gehoben und mit seinen beiden Gefolgen an das Dorf geleitet.

Hier gebot er den Seinen, mit dem Wagen zu warten, während er mit den beiden Schwestern den Markrichter aufsuchte, diesem vor allen das Geschehene zu berichten.

Arnos Freude, die Töchter gerettet wiederzusehen, ward nahezu erstickt durch die schwere Sorge um den Frieden, um die Leidenschaften, welche die frevlen Thaten – die geplante und die vollendete – des Adalings nun rettungslos entflammen mußten. Sobald er die Töchter unversehrt erkannt, trat er vor die Thür seines Hofes und schlug mit dem Schwert drei dröhnende Schläge an den ehernen Schild, der in der Mitte des Querbalkens aufgehängt war. Alsbald erschien aus der nächsten niedern mit Schilf bedeckten Hütte neben der nun leeren des Secundus sein Altknecht mit Speer und Büffelhorn; er war nach der Freilassung zum Fronboten des Richters bestellt worden: nun gebot ihm der, mit hallendem Horn, mit dem Raub- und Mord-Ruf, von Gehöft zu Gehöft zu eilen, die Märker sofort zum Notding unter der Eiche zu entbieten; dazu übergab er ihm den auf dem steinernen Herdrand verwahrten Heerpfeil, an der Spitze in Blut getaucht und sprach: »Den giebst du ab im letzten Hause des Dorfes, der Empfänger – Harlacho! – trägt ihn sofort, ist er barfuß, ohne sich erst zu beschuhen, in den nächsten Hof außerhalb des Dorfes, der Hofherr wieder zu seinem nächsten Nachbar und so fort von Siedelung zu Siedelung, schleunig, laufend und nicht schreitend, keuchend und nicht atmend.«

Einstweilen befahl er Adalfrid und den Gefolgen, die Leiche, wie sie auf dem Wagen lag, auf die Gerichtstätte zu fahren, die Pferde abzuschirren und dort in der Nähe mit den Mädchen und den beiden Gefolgen die Eröffnung des Dings abzuwarten.

»Ich kann dich nicht entlassen, Adaling, bevor du Zeugnis gegeben, obwohl heiße Flammen des Hasses dir entgegenschlagen werden. Aber sorge nicht: ich werde dich schützen mit meinem Stab, mit meinem Leibe dich decken.« »Mich schützen die guten Götter, mein gutes Recht und mein gutes Schwert,« sprach der Jüngling ruhig: hoch hob er das Haupt, daß die langen Adelslocken auf seine Schultern wogten. »Nun geh' ich den schwersten Gang,« seufzte Arno, während Arntrudis ihm den Richtermantel umwarf und den Stab in die Hand gab, der neben dem Speer in einer Wandöse stak, – »den Gang zu . . . Iso.«

*

 

V.

Der Pfad von Isos Haus dort auf der Höhe am rechten Alzufer auf die Dingstätte führte an dem Hof der Arninge vorbei.

Als der Richter und Iso an dem Thore der Hofwehre vorüberschritten, blieb dieser stehen und hob die speerbewehrte Faust: die Nachricht hatte ihn jäh wie ein Blitz getroffen, mit grauenhafter Wirkung: die zärtliche, ob streng verhaltene stolze Liebe zu dem einzigen Sohn hatte sich urplötzlich in Haß verkehrt gegen alles was – unmittelbar oder mittelbar, schuldhaft oder unschuldigerweise – den Tod des Starken herbeigeführt hatte: wie versteint war seine Seele, gebannt in das einzige Gefühl der kalten Wut der Rache.

So hob er jetzt die Waffe wider des Freundes Haus und sprach: »Über diese Schwelle hatte ich gehofft, ihn schreiten zu sehen, Hand in Hand mit der bekränzten Braut: nun haben sie ihn daran vorbeigefahren, bleich und stumm. Und er hätte sie gewonnen, lebte nicht jenes verhaßte Geschlecht. Durch den einen verlor er ihr Herz, durch den andern sein Leben! Auch das thörichte Kind sollte ich hassen, das ihn verschmäht hat um eiteln Glanzes willen: – ich kann's nicht! Kann ihr nicht fluchen! Aber verflucht jenes Geschlecht vom Greis bis zum Säugling! Nicht rasten will ich, bis dieser Speer trieft von der Adalinge Blut. Höret mich, ihr rächenden . . .«

Rasch zog ihm Arno den erhobenen Arm herab: »Nein, hört es nicht, ihr Gerechten! Das redet nicht Iso der Rechtweiser, das redet aus ihm die Raserei der Wut. Wie kannst du alle Faganos dem einen vergleichen? Vielleicht erlebst du selber noch, daß sie nicht – wie du jetzt! – nur an sich selber denken, sondern an das Ganze, an die Mark.«

Bitter lachte Iso: »Ah, wenn ich das erlebte, – ich wollte mich versöhnen! Aber dafür ist gesorgt! Selbstisch sind sie alle, nur an sich denken sie. Daher: Rache!« – »Rache ist die blinde Schwester, Recht der hellsehende Bruder: ihn sollte der Rechtweiser anrufen. Hier, an der Rechtstätte suche dein Recht: es soll dir werden.«

Sie waren nun an der Eiche angelangt und fanden viele der Dingmänner bereits versammelt: der Notschrei und der Heerpfeil hatte sie gar rasch zur Stelle gebracht, während der Richter den Weg auf die Höhe der Isinge zurückgelegt und dort den Freund allmählich vorbereitet hatte, die grause Nachricht entgegenzunehmen. So war denn der Halbkreis schon dicht geschlossen, in dessen Mitte, gerade vor dem Altarstein, der Wagen hielt, dessen Bodenbrett zur blutüberströmten Bahre des starken Isanbert geworden war; der Ernst des Todes hatte das jugendliche Antlitz mit seiner stillen Weihe veredelt. Laut auf schrie bei dem Anblick der Vater, beide Arme hoch über dem Haupte erhebend: er ließ den Speer fallen aus der geöffneten Hand: er wollte sich in wildem Weh auf die Leiche werfen, sie umschlingen: – aber plötzlich, hart vor dem Wagen, blieb er stehen und warf den Kopf in den Nacken zurück: »Nein, keine Thräne, Isanbert: – Blut!« sprach er tonlos. »Richter, walte deines Amtes!«

Arno hatte einstweilen Adalfrid zugewinkt, noch hinter den Bäumen des Waldsaums zu bleiben, wo seine Gefolgen, die Mädchen und andere Frauen des Dorfes standen: er fürchtete für den Dingfrieden, ersah der Grimmige plötzlich ein Glied des verhaßten Geschlechts. Nun setzte er sich auf den Stuhl, über dem der Dingschild im hellen Sonnenlichte leuchtete, und gebot, den Stab im Kreis über die Häupter schwingend, Friede. Alle verstummten, von Grauen in Schweigen gebannt.

»Dinggenossen,« begann er, »diesmal hab' ich nicht erst um Ort, Tag und Stunde zu fragen: der Notschrei hat euch gerufen zu dem Notgericht. Wollt ihr, daß ich berichte, aus meiner Tochter und – anderer Zeugen Mund, was vor der That geschehen, die wir jetzt richten?«

»Berichte! Erzähle.«

»Heute früh fuhren meine Mädchen auf der großen Straße zu meinen Leuten im Reuthof: sie rasteten am Wege, kurz vor der Straßenbeuge, da sprengte ihnen von dorther entgegen Ragino der Faganing . . .«

Bei diesem Namen ging ein drohendes Grollen durch die Menge.

»Nieder der Neiding,« schrie Harlacho; aber Iso schwieg. »Mit Nantinus, seinem welschen Frilazz; sie ergriffen meine Kinder. Nantinus band die Kleine auf dem Wagen fest: der Adaling warf Arntrudis vor sich in den Sattel: er verkündete ihr gierige Gewalt . . .! – – –«

Ein Schrei der Wut stieg auf von den Männern.

»Da jagte von rückwärts – von uns her – ein Reiter heran, Isanbert, des Iso starker Sohn.« »Da liegt er vor uns,« sprach Harlacho, »in Mordblut!« – »Er hatte mich gestern gebeten, die Kinder begleiten zu dürfen. Ich wies ihn ab, dem Frieden der Göttin vertrauend . . .« »Der bindet keinen Adaling, wir sehen's!« rief Haribaud. »Er tötete den Frilazz, der wider ihn rannte,« »Wo liegt der?« fragte Harlacho. »Wo er fiel: ungerächt, ungesühnt, den Raben zum Fraß; so will es das Recht. Arntrudis hatte sich frei gemacht, sie glitt aus dem Sattel und lief an dem Erretter vorüber. Nun trafen der und der Räuber zusammen: – wie das geschah, hat kein ander Auge geschaut. Denn meine ältere Tochter floh, ihnen den Rücken wendend, heimwärts, und meine jüngere blickte der Schwester nach. In diesem Kampf erlag Isanbert,« »Unmöglich!« schrie Harlacho. »Er war zehnmal stärker.« – »Wir werden hören, – schauen! – wie es geschah. An dem Gefallenen vorbei sprengte der Räuber, meine Tochter wieder zu greifen, sie fiel im Lauf nieder auf das Antlitz, schon riß er ihr die Haarbinde ab: – da eilten von der Westbeuge her, von dem Geschrei der Mädchen gerufen, Adalfrid und seine Gefolgen heran, – sie kamen von den Höfen der Huosi: – der Räuber entfloh, mit dem Gerüfte verfolgt. Sie brachten die Kinder und die Leiche des starken Isanbert zu mir. Hier, im offnen Ding liegt der Tote. Dort – außerhalb des Kreises – stehen die Mädchen. Und – die andern Zeugen.« »Wie? Was?« schrien viele zornige Stimmen. »Sie sind hier?« Iso öffnete zum erstenmal die Lippen. »Ein Faganing – hier? Wo – wo?« Er hob den Speer.

»Vor dir,« sprach der Jüngling, den Umstand zerteilend und in den Dingkreis tretend, hoch erhobenen Hauptes. Iso holte aus zum Stoß – aber sofort senkte er wieder die Waffe. »Nein. Nicht Einer. Und nicht hier: – Alle! – In offnem Kampf! Seit unvordenklichen Tagen weisen wir Isinge das Recht: – Recht will ich, nicht Gewalt.« – »Das erste Wort wieder von dem Rechtweiser. – Nun, Nachbar Kiemo, nimm du meinen Platz ein auf dem Richterstuhl – hier mein Stab! – Denn ich werde nun Klage rufen.« – »Du? Vor mir? Ich dächte . . . – doch du hast Recht: erst kam der Mädchenraub, dann der Mord.« »Bewiesen ist,« sprach Arno, rechts vor den Richterstuhl tretend, »durch meiner Kinder Mund der versuchte Mädchenraub. Ja, Adalfrid sah's in handhafter That, – er wird schwören gegen den eigenen Vetter – wie der das Haargebind Arntrudens herunterriß.«

»Das ist Walchwurf nach der Bajuvaren Recht,« sprach Iso. »Darauf allein stehen sechs Solidi.« »Wir müssen den Dingflüchtigen,« fuhr Arno fort, »nicht erst in seinem Hof an der Mangfall laden vor die Eiche: handhafte That ist wie vor offnem Ding geschehn; mit dem Gerüfte ward er verfolgt. Menschenraub ist Fehdethat. Ich habe die Wahl zwischen Fehde und Buße.« »Du hast keine Wahl, bist du ein Mann!« rief Harlacho. »Weil ich ein Mann bin, nicht ein blindwütiger Auerstier, wähle ich nicht die Fehde, sondern die Sühne!« Ein brausender Ruf des Unwillens schlug dem so beliebten Richter entgegen. »Furcht, Feigheit kann's nicht sein!« meinte Harigisil, kopfschüttelnd. »Die Sühne! Weil die Mark der Eintracht dringender bedarf als die Saat des Sonnenscheins und des Regens. Ich verlange die Buße, die das Bayernrecht für Walchwurf, den Giergriff und den versuchten Mädchenraub gewährt. Wie viel, Rechtweiser, beträgt die Buße?« – »Sechs und zwölf und vierzig Solidi; und vierzig Solidi Wette dem Herrn Herzog!« »Und deiner Tochter Ehre?« rief Harlacho. »Die steht höher als im Blau der Morgenstern: – wer mag den antasten? Die ganze Buße aber verteile ich unter den Märkern von geringen Hufen, denen gute Waffen: Brünnen und Sturmhauben zumal und bessere Schilde, bitter gebrechen.«

Da trat Adalfrid vor ihn hin, reichte ihm die Hand und sprach: »Da hört man's: der Gemeinfreie denkt so edel wie der Edelfreie. Welcher Adaling konnte edler thun?« »Hört ihr's?« raunte Harlacho seinen Söhnen zu. »Eitel Überhebung, auch wo er loben will! Nieder die Hochmütigen!«

»Ich verzichte auf die Rache, auf daß auch andere verzichten,« schloß Arno nachdrucksam. »Und,« rief Haribaud, »soll dann der Faganing unter uns weiter hausen wie der Hapuch unter Arntruds Tauben? Sollen seine verfluchten Rosse unsere Saaten fressen? Soll er das nächste Mal mit besserem Glück nach unsern Jungfraun greifen?« – »Mitnichten! Der Herzog muß ihn friedlos bannen aus dem Land. Ich habe meine Klage hier geklagt,« – er tauschte mit Kiemo den Platz auf dem Stuhl, – »nun, Iso, klage du!« Als der Graukopf vortrat, ging ein Schauer durch die Männer, die in sein vom Weh versteintes Antlitz sahen; er nahm den Speer in die Linke, hob die Rechte gen Himmel und sprach feierlich: »Ich rufe Klage, Klage, Klage! Ich klag' um Mord an meinem Sohn, gemordet durch Ragino den Faganing! Und – Adalfrid den Faganing.«

Ein Ruf der Überraschung, des Staunens, auch wohl des Zweifels, des Widerspruchs ging durch die Menge; aber der Zorn riß die meisten zu Beifall fort. Adalfrid fuhr zusammen wie von giftigem Stich getroffen.

»Mein Sohn,« fuhr Iso fort und kaum merklich bebte seine Stimme, »konnte nicht dem Halbwelschen in offenem Kampf erliegen. Er erstach den Bären und trug ihn fort. Ich habe mich bisher enthalten – schwer! – allein nach seiner Wunde zu sehen. Wohlan, Dinggenossen, im offenen Ding, befragen wir die Wunde. Trägt er sie vorn, lass' ich jede Klage fallen. Ward sie ihm aber rücklings gestochen, – dann nieder mit der ganzen Mörderbrut.« Und er trat heran zu der Leiche. »Hierher, Richter, hierher Harlacho, Kiemo, – auch du, Faganing, hierher. Seht her, helft mir alle suchen.« Er schlug den braunen Mantel zurück, der die Brust des Toten bedeckte: »Schaut her: Antlitz. Hals, Brust, Leib unversehrt: – kein Loch im Wams, kein Blutfleck: nicht stirnwärts ist ihm der Tod genaht. Nun, – greif an, Arno, hilf mir ihn wenden: – er ist schwer! Ah, da seht! Hier – im Nacken, wo Paltar den Todesstoß empfing – da, die blutige, rote Wunde – ein Schwertstich. Nicht im Kampf erschlagen – nein, hört's, ihr rächenden Götter und ihr gerechten Dinggenossen! – hinterrücks gemordet ward mein Sohn: – denn er floh nie.«

»Mord! Mord! Rache!« scholl es hundertstimmig.

»Aber,« fuhr Iso fort, »auch der andre Adaling, der kecken Muts hier unter uns trat, ist dieses Bluts verdächtig. Mein Sohn focht wohl mit dem einen, der andre stach zu. Kommt mir nicht mit dem Zeugnis seiner Reiter: die Gefolgen verraten den Gefolgsherrn nicht: das wissen wir. Ich klage auch wider ihn.« Wohl hub sich Widerspruch, aber er drang nicht durch die Schreie der Wut. »Laß doch sehn,« fiel Harlacho ein – »ja, ein Schwertstoß ist's. Entreißt dem Adaling die Klinge: – seht zu, ob sie nicht genau in die Wunde paßt!«

Schon drängten sich seine Söhne gegen Adalfrid, der ruhig stehen blieb. »Haltet an,« gebot Arno. »Nicht auf handhafter That gegriffen, nicht mit Gerüfte verfolgt, freiwillig hat Faganos Sohn, so rasch er konnte, wie das Recht es gebeut, die Leiche, die er auf der Straße fand, vor den Richter gebracht: er ist frei, unbescholten, marksässig: er mag sich durch seinen Unschuldseid, durch Eidhelfer verstärkt, von jeder Klage reinigen. Sprich, Adalfried, willst du schwören mit sechs Eidern?«

»Mehr als das,« rief der Beschuldigte stolz, »ich würde leicht vierundzwanzig, ja, zweiundsiebzig Eidhelfer finden unter den fünf Adelssippen und auch unter Gemeinfreien, daß Adalfrid, Faganos Sohn, nicht eines Falscheides fähig ist. Aber ich biete mehr: ich werde hier sofort, obwohl ich schwören dürfte, das Gottesurteil des Bahrrechts auf mich nehmen.« Mit diesem Wort schritt er auf die Leiche, die nun den Rücken nach oben gekehrt lag, festen Schrittes zu, zog das Schwert und hielt die Spitze an die Wunde. »Schaut her, allesamt. Viel zu breit ist meines Schwertes Ort für diese Wunde: mein Schwert ist geschmiedet in unsrer Waffenschmiede an der Prien: mein Vetter führt die schmalen Klingen aus Aquitanenland.«

Das wirkte überzeugend – keiner konnte sich der Kraft dieses Beweises entziehen.

»Und nun, Isanbert, starker Isanbert, ruf' ich dich, dich selbst, zum Zeugen an für mich. Du hörst: sie schelten mich deinen Mörder. Wenig Liebe trugst du mir im Leben, aber Falschwort hast du immerdar gehaßt: Isanbert, zeuge für mich in dieser Stunde! Hab' ich dir diese Mordwunde gestochen mit dieser Hand, so dulde nicht, daß sie dich berührt: laß sie nochmal fließen, die Wellen deines Blutes, und färbe rot die Hand deines Mörders.«

Damit stieß er das Schwert in die Scheide und drückte die Innenfläche der rechten Hand fest auf die Wunde. lang hielt er sie darauf; ein tiefes, erwartungsvolles Schweigen hielt alle gebannt. Endlich hob er sie auf, reckte sie, ohne sie anzuschauen, aber allen andern sichtbar, vor des Richters Augen in die Höhe und harrte des Ausspruches.

Arno aber sprach laut:

»Das Recht hat gerichtet
Der blutigen Bahre:
Rein, nicht rot,
Hebt er die Hand:
Unschuldig ist er
Der Meinthat des Mordes.«

Adalfrid trat an die Leiche zurück: fühlbar war ein voller Umschwung der Stimmung zu seinen Gunsten eingetreten. »Ich biete,« sprach er, »in unsrer Sippe Namen jede Sühnbuße, die verlangt wird, die Fehde zu meiden: – ihr alle wißt, nicht aus Furcht wird das geboten.«

»Hörst du das Geprahle, Iso?« schrie Harlacho. »Um wieviel ist dir dein Sohn feil? Wie viele Solidi der Adalinge willst du in deine Halle tragen und auf den Platz legen, wo Isanbert neben dir saß, daß der Anblick der Münzen dir den Gemordeten ersetze? Hundertsechzig billigt dir ja das Bajuvarenrecht zu, nicht? Sprich doch!«

Iso antwortete ihm nicht, aber nach einem langen Blick auf Adalfrid sprach er zu Arno: »Die Klage gegen diesen hier ist gefallen. Und nun heische ich vom Richter Urlaub, meinen Sohn, nachdem er im offenen Ding stummes Mordzeugnis gegeben, zu bestatten. Und ich bitte ihn, daß er mir aus seinem Wagen das blutige Brett als Leichenbrett belasse, den Toten darauf zu bergen und die erste Erdscholle mit dieser Hand darauf zu werfen. Aber vorher vernehmt alle, was ich als Sühnebuße fordre, soll ich auf die Fehde gegen das ganze Geschlecht verzichten. Ich fordre, daß sie mir den Mörder ausliefern, gebunden, an ihm zu thun wie gut mir scheinen wird und ob ich ihn lebend Zoll um Zoll zerhacken will.«

Wilder Jubel brach los unter den Ergrimmten. Vergebens gebot der Richter, mit dem Stabe winkend, Friede: lange tobte das wilde Geschrei fort, welches das Verlangen des Klägers geweckt hatte, als Ausdruck der heißen Zustimmung

»Nie! Nimmermehr!« rief Adalfrid, als er sich endlich vernehmlich machen konnte. »Ich erbiete mich, im Namen der Sippe, den Erschlagenen in Gold aufzuwiegen oder, wie die Götter an dem erschlagenen Riesen Ottar thaten, ihn mit Goldgerät zu verdecken von der Zehe bis zum Wirbelhaar: aber daß die Sippe den Gesippen ausliefere, den Adaling . . .«

»Da hört ihr's!« schrie Harlacho.

»Ausliefere zu kaltwütiger Rache, das hieße schänden der Adalinge Höchstes: – ihre Ehre.«

»Habt ihr's gehört?« wiederholte Harlacho. »Auch der da, den unser Richter selbst den gerechten zu rühmen liebt, – auch er – wie die ganze Brut – nennt sein Höchstes nicht das Recht! – das ist ja nur für alle! – nicht die Mark, den Gau, das Volk: nein, die Ehre, das heißt den Dünkel, den Wahn, besser zu sein als wir andern. Sie weigern das Recht, die verlangte Sühne – denn ich frage euch alle! – ihr Männer, hat Iso nicht recht?« »Recht hat er, recht!« schrieen die Hunderte. »Du hörst's, weiser Richter,« fuhr Harlacho fort. »Du brauchst diesmal weder den Rechtweiser noch den Umstand zu fragen nach ihrem Urteil: du hast's gehört: es ist gefunden, es ist gefällt vor deiner Frage. Sprich, Iso, dein Recht weigern sie dir und die Sühne. Was bleibt, versagt der Rechtsgang?« – »Fehde, Blutrache an jedem Glied des Geschlechts!« – »Fehde! Fehde! Fehde!« Der Wiederhall des Waldes warf den wilden Schrei zurück. »Und merket wohl,« mahnte Harlacho, »nach Arnos eignem Gesetz muß jeder Markgenosse die beschlossene Fehde mit führen. Hörst du's, Arno, da oben, auf deinem Richterstuhl?« – »Ich kenne das Recht, das ich selber geraten. Die Fehde ist beschlossen: aber sie beginnt erst, wann der Göttin Festfriede zu Ende. Wehe der Hand, die vorher zur Waffe griffe! In dieses Friedens Schutz, Adaling, reite heim mit deinen Gefolgen. Den Fehdepfeil werd' ich zu rechter Zeit über eure Hofwehre schießen.«

Adalfrid neigte ihm schweigend das Haupt und schritt auf den Waldrand zu, wo seine Gefolgen die Pferde bereit hielten: da weilten auch die Schwestern. Sie hatten den Fehdeschrei vernommen und verstanden.

Er trat auf beide zu mit tieftraurigem Blick.

Über Arntrudens Wangen rollten langsam zwei große Thränen: zögernd sprach sie: »Du, mein Beschützer, bist mein Feind geworden! Wer soll mich nun beschützen? Dich haben die Götter mir zum Retter erkoren: wer soll mich nun erretten?« »Ja aber doch die guten Götter selbst,« rief die Kleine lebhaft, »die ihn dazu bestellt hatten. Sie haben das alles zugelassen: – also müssen sie dir nun helfen. Sonst wären sie ja nicht die guten Götter!«

Adalfrid strich mit der Hand über den Scheitel des Kindes: »Du hast wohl recht! – Sagt dem Richter, er möge mich nicht suchen im Kampf: ich habe wider ihn nicht Schild, nicht Speer. Er ist dein Vater, – oh Arntrudis, und du . . . – nun, du bist du! Aufs Roß! Rasch fort!«

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