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Vom Chiemgau

Felix Dahn: Vom Chiemgau - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/dahn/chiemgau/chiemgau.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleVom Chiemgau
booktitleVom Chiemgau ? Ebroin ? Kämpfende Herzen
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke - Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 2
illustratorHugo L. Braune / H. Grobet / Hans W. Schmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20110410
modified20160412
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Zweites Buch.

I.

Wo heut' am Nordostufer des See's die schmucken weißgetünchten Häuser des Dorfes Chieming glänzen, stand damals nur der Hof des Gemeinfreien Kiemo: er hat dem See und dem ganzen Seegebiet, das ursprünglich ohne besondere Benennung zu dem Ostgau der Bajuvaren gehörte, in der Folge den Namen gegeben: man nannte jenes Ufer »ze den Kiemingen«, das heißt bei den Nachkommen des Kiemo, und der Name ging später auf den Untersee, zuletzt auf den ganzen Gau und den See über.

Der Eigner, ein kraftvoller Mann in den dreißiger Jahren, führte gegen Sonnenuntergang des nächsten Tages aus seiner Hofwehre den schmalen Pfad durch die sumpfige »saure« Wiese an den See hin einen kleinen ältlichen Mann, den die dunkle Farbe der Augen und des spärlichen Haars deutlich von den Bajuvaren der Mark unterschied.

»Ich danke dir, Secundus,« sprach Kiemo, ihm die breite Hand fest auf die Schulter drückend; »du hast meinem Weib – ist ja noch so jung, die Fritigilt! – den Weg nach Hel erspart mit deinem Säftlein und Tränklein.« »Nicht, nicht!« rief der Alte eifrig. »Nicht ich! Das hat gethan mein Herr und Gott, allmächtiger Schöpfer Himmels und der Erden! Nicht meine Tränklein, – mein Gebet, der Herr möge die Kräuter segnen, haben geholfen.« »Nun,« meinte Kiemo treuherzig, »das ist mir gleich. Weil nur geholfen ist. Weil sie nur lebt! Sie soll mir aber fortab nicht mehr in die feuchte Feldwiese fahren um Futtergras: – von dort hat sie wohl das Sumpffieber heimgebracht,« »Nicht, nicht!« Unzufrieden schüttelte Secundus abermals den Kopf. »Das ist doch nicht! Nicht der Sumpf schickt das Fieber, sondern Gott.«

»So?« grollte der Ehemann. »Dein Gott? Höre, der könnte was Gescheiteres thun und was Besseres schicken! Unsere Götter schicken nur Heil und Friede, Sieg und Sonnenschein und reiche Ernte: Seuche und Beißwürmer und Mißwachs senden ihre Feinde, – und die unsern! – die Riesen. Wehe, wehe, über deinen bösen Gott!« »Nicht, nicht, nicht doch!« eiferte das Männlein. »Ach, wie schlimm ist's, daß ich deine und der andern Heiden Gegenworte nicht widerlegen kann. Aber allzu lang ist's her, daß ich von einem Priester des Herrn dessen Lehre vernommen habe. Fast noch ein Knabe war ich damals, wie der letzte aus dem brennenden Salzburg über die Berge nach Italien floh. Und als mich mein guter, goldherziger Herr in die ferne Lechstadt wandern ließ, einen Priester zu suchen, – gar ein Bischof solle dort walten! – da war dort kein Bischof mehr zu finden und die paar Geistlichen konnten nicht lesen, kaum ein paar Gebete sagen. Und nun bin ich schon so alt! Und mein Kopf ist, mein' ich oft, noch älter als ich! Will sagen! meine Gedanken sind schwächer als meine Arme und Beine. So kann ich Euch nicht genug Widerspruch thun. – Vielleicht aber schickte deinem Weibe das böse Fieber nicht Gott, sondern . . .« Er bekreuzigte sich und sah sich scheu um – »Vielmehr . . . ganz im Gegenteil der . . . nun: der andere. Man nennt ihn nicht gern.« – »Ah so! also eine Art von Riese, ein Unhold, ein übler Wicht.« – »Ja ja. Aber sei still von dem, bitte.« – »Hm, wundert mich. Sagtest doch eben wieder, dein Gott sei allmächtig. Warum leidet er dann solchen Unfug, daß Unschuldige siechen? Warum hat er dann den Unhold nicht schon lang erschlagen? Wuotan hätte längst die Riesenbrut vertilgt, könnte er's. Ei, so wird eben auch dein Gott nicht können.« – »Still! Um Gotteswillen still. Er hört's ja! Ich weiß freilich auch nicht, warum er den . . . den andern geschaffen hat. Und den viel übeln Apfelbaum! Hat doch alles vorhergewußt. Und wenn er ihn geschaffen, warum er ihn nicht maustot gemacht hat . . . lange schon! Wär' mir auch lieber! – Ach, gewiß weiß die heilige Kirche auch dafür Gründe. Liegen da in meiner alten Truhe vom Urgroßvater her neben andern Erbstücken ein Paar beschriebene Blätter, – heilige Blätter, aus dem heiligen Buch! – da steht gewiß die Antwort drin auf all' Eure ungläubigen Zweifelfragen. Aber ach: ich kann's ja nicht lesen. Den Knaben hatte der Vater lesen gelehrt: – aber nachdem der gestorben, hab' ich bald alles vergessen. Nur von einem Gebet kann ich noch ein paar Worte: vom Vater im Himmel und erlösen vom Übel.«

»Wohl, wohl. Glaub', was du willst, von mir aus! Es müssen doch wohl gute Götter sein, denen du dienst: denn was du thust in ihrem Dienst, ist gut: hilfreich sind dir Herz und Hand. – Was darf ich dir schenken zum Lohnvergelt? Oft und oft bei Nacht und Tag bist du gekommen in diesen Monden, durch Eis und Schnee oder auch über den See bei argem Sturm – wie er jetzt wieder anhebt: – ganz schwarz kommt's schon daher dort aus dem Wetterloch bei der Kampenwand. Soll dir Fritigilt von ihrem besten Manteltuch ein paar Armellen . . .?«

»Nicht! Nicht! Gottes Lohn lohnt reicher als Menschen Lohn! Hilf mir nur meinen Einbaum ins Wasser schieben: der Westwind geht gerade dawider.« – »Bleib' lieber über Nacht unter unserm Dach. Der See wird schlimm. Der Wind wächst noch. Horch, wie die Möwen schrillen. Bleib!« – »Ich bin überall in Gottes Hand, der ist doch stärker als Fasold, Euer Sturmriese. Und Arno erwartet mich des Nachts. Schieb! Noch einen Ruck! So! nun in des Heilands Namen, der da wandelte auf brausenden Wogen!«

Bald war das Schifflein in dem dunkeln Wettergewölk verschwunden, das, finster wie die Nacht, den wildbewegten Weitsee bedeckte: scharf stachen von der schwarzen Flut die weißen Schaumkämme der überschlagenden Sturzwellen ab.

Schwer hatte der alte Mann zu arbeiten, der den morschen Kahn an dessen vielgeflicktem Hintergransen – dunkelgrünes Moos überzog ihn – aufrechtstehend mit dem einen breitschaufeligen Ruder vorwärts zu bringen und zugleich zu steuern hatte: er trachtete nach Norden: aber der heftige Sturm trieb ihn immer wieder nach Osten gegen Geklipp, das, dem Hofe des Kiemo im See vorgelagert, bis nah an die Oberfläche reichte: schon gar manch Schifflein, das in diese Scheren geraten, ward von der Brandung so lang hin und her geschleudert bis es barst und sank.

Über dem Bestreben, die Richtung zu halten, kam der Greis nur wenig vorwärts. Allmählich nahmen seine Kräfte ab, während die Wellen immer höher sich türmten, immer häufiger über die linke Schiffswand schlugen und den schmalen Nachen immer höher mit Wasser füllten, so daß es dem einsamen Fergen schon handhoch über die Knöchel stieg.

Ihn fröstelte; doch konnte er nicht daran denken, auszuschöpfen: unterbrach er das Steuern nur auf Augenblicke, so trieb ihn der Sturm sofort in die Steinbänke. am Ostufer. Wie er einen besorgten Blick in jene Richtung warf, sich zu versichern, daß er hinreichend weiten Abstand gewonnen, glaubte er gerade an dem gefährlichsten Fleck, mitten in den kurzen kreisenden Brandungswellen, ein kleines Fahrzeug wahrzunehmen, das, steuerlos, hilflos von den wütenden Wogen hin- und hergeworfen, offenbar bald an die dem Ufer nähere Steinreihe geschleudert, bald von dieser wieder an die äußere zurückgestoßen ward. Eine Gestalt war darin sichtbar, fortwährend von hoch aufspritzendem Gischt überschäumt. »Gott gnade dem Armen, wer er auch sei!« seufzte der Alte. »Er ist verloren! Wollt' ich auch wagen, ihm Hilfe zu bringen, – ich käme zu spät und auch meinen Kahn würde es dort zerschlagen. Ich kann nichts thun, als für ihn beten! Höre mich, Herr Christus und du, Sankt Peter, du, selbst ein Fischer . . . Ah, was ist das?« er unterbrach sein Gebet, »Ist's ein Wunder? Ein Traumgesicht? Nein! Ich wache ja. Es ist ein Kreuz, ein hohes Kreuz, das der Verlorene da aufrichtet in seinem Schifflein! Ein Christ! Ein Bekenner des Herrn! Der erste seit soviel Jahren! Er ruft des Kreuzes Hilfe an: so helf ich ihm denn, Herr, um deines Namens willen oder ich sterbe mit ihm. Höre mich, Herr, und stärke meinen Arm.« Und er wandte den Schnabel des Einbaums scharf nach Osten. Pfeilschnell schoß sofort das Schiff dahin gerade auf die umbrandeten Klippen los, von den wütenden Wellen an dem breiten Hinterteil in rufender Eile vorwärts getrieben: wie hungrige Wölfe sprangen sie in den ächzenden Kahn.

*

 

II.

Am nächsten Morgen lag in der schmalen Knechthütte, die, aus unentrindeten Eichenstämmen roh zusammengefügt, im Schatten des Arnohofs wie Schutz suchend sich zu ducken schien, auf der dichten, weichen Streu von getrocknetem Schilf, dem hochröhrigen, der tiefen Alz, ein fremder Mann. Sein einzig Gewand war eine Kutte von Kamelfell, die Haarseite nach innen gekehrt; ein derber, siebenfach geknoteter Strick hielt sie über den mageren Hüften zusammen; ein langer, schwarzer, von einem mächtigen Kreuze gekrönter Stab lag neben ihm. Zu seinen Häupten kniete Secundus, beflissen, ihm dampfende Milch einzuflößen aus einer flachen Thonschale, die, wann leer geschlürft, wieder gefüllt ward von Arntrudens emsigen Händen aus einem Melkeimer von weißem Lindenholz. Zu den Füßen des Fremden saß auf dem Herdrand Arno, Arnhild auf den Knieen wiegend, die mit großen, neugierigen Augen auf den Gast schaute.

Nun nickte der mit dem Haupte Dank und richtete sich, gelabt und gestärkt, zu sitzender Stellung auf: er begann – in der uferfränkischen Sprache, die den Bajuvaren doch leidlich verständlich war: – »Wo bin ich?« Er blickte in dem ärmlichen aber sauber gehaltenen Raum umher: da fiel sein Auge auf den Namenszug Christi, das Zeichen ᚼ, das mit Kohle auf den weißen Steinrand des Herdes gemalt war. »O bei Christen! Bei Knechten des Herrn Christus.«

Hoch auf horchte Arno und zog die starken Brauen empor: »Ja, du bist in der Hütte eines Knechts. Aber nicht Christus, – Arno heißt sein Herr. Und der bin ich.«

»Auf Erden!« erwiderte der Fremde und hob das Haupt fest empor: nun sah man erst, wie gewaltig dieses Antlitz, wie bedeutend diese Züge waren, als aus den dunkeln, tief in die Höhlen gesunkenen Augen ein heiß lodernder Blick sieggewohnter Überzeugung hervorschoß. Das geschorene Haar war dunkel wie die Augen, deren brennende Glut meist durch die gesenkten langen Wimpern gedeckt war. Die mächtige tief gefurchte Stirn, die kühn gebogene Nase, der scharf geschnittene, streng geschlossene Mund, das starke Kinn wiesen auf starke Kraft, harte Zucht des Willens, auf einen Feuergeist, aber auch auf maß- und schrankenlosen Glaubenseifer hin. »Auf Erden,« wiederholte er nachdrucksam mit einem geringschätzigen Blick, »aber im Himmel ist der Herr dieses Mannes – wie der deine – der Vater Jesu Christi.«

Unwillig wollte die kleine Arnhild auffahren: der Vater drückte ihre Schulter nieder und erwiderte ruhig: »Die mögen ja Götter sein, alle beide. Weit wölbt sich über der Erde der Himmel, hat für vieler Völker Götter Raum. Deshalb red' ich meinem Knecht nicht in seinen Glauben.« »O glaub' es,« mahnte Secundus, sich vom Boden erhebend, eindringlich den Fremden, »er – mein Herr und dieses Hauses und des großen Hofes dort und all' der Äcker, die du ringsum schauest, Eigentümer – er ist soviel gut, gutherzig, großherzig. Wär' er getauft, er könnte auch nicht edler sein! Er – nicht ich – er hat dich gerettet.« »Schweig!« gebot Arno streng. »Und du – berichte: wie kömmst du hierher?« »Ich weiß nur noch . . .«, begann der Gast, sich besinnend und mit der Hand über die Brauen streichend, ». . . mein Nachen war im Versinken, so mächtig drang das Wasser durch das Loch, das die scharfen Steine in den Boden gestoßen hatten.« – »Wie kamst du zu dem Plattkahn? Er gehörte – die Hausmarke auf dem ans Land gespülten Ruder zeigt es – Rimisto, dem Meier der Fagana, der, ganz weit von hier, auf der Westseite des See's seinen Hof hat.« – »Jenes Boot? Mein Gott hat es mir gegeben.« – »So? – Er vergaß aber dabei, Rimistos Hausmarke durch die seine zu ersetzen. Der Plattschelch lag wohl unangekettet, ungehütet am Seesteg?« Der Fremde nickte: »Ich hatte gebetet, der Herr möge mir, da der Wald, der Sumpf, die den See umgaben, den ich zu Fuß, vom Lech her wandernd, erreicht hatte, an jener Stelle undurchdringbar waren, Schiff und Ruder weisen, auf daß ich meinen gottgewiesenen Weg gen Osten fortsetzen könne. Knieend hatte ich gebetet: sowie ich mich erhob, sah ich das Schifflein ganz nah vor mir an dem schmalen Steg im Schilf, auf den Ufersand gezogen: das Ruder stak bereits in der Weidenschlinge, diese war durch das Schiffsöhr gezogen: alles zur Abfahrt fertig gestellt durch Gottes Hand. Ich dankte dem Herrn, sprang ein und stieß ab.«

Arno furchte die Stirn. – »Was weist unser Gaurecht?

›Hirtenlose Herde,
Schifferloses Schiff,
Egge sonder Ackerer,
Muß statt der Menschen – mächtiger! –
Schützen und schirmen
Und rächen das Recht:
Höher, heiliger
Umfriedet sie gegen Frevel
Der Friede der Freien.‹

Weißt du, was auf feigen Diebstahl steht des Schiffes, das der Eigner vertrauend am Ufer ließ?«

Der Fremde schwieg: er hatte wohl nicht verstanden. Aber Secundus erschrak heftig: »O lieber Gast,« bat er, »mein Herr, der dich da fragt, ist der Richter in der Mark. Er darf, er muß dich fragen und – strafen.« »Die Ehre wird ihm abgehauen, wie die häßliche Diebshand, und dreimal neunfach hat er den Wert zu ersetzen,« sprach der Richter. Jedoch unerschrocken erwiderte der Gast: »Meine Ehre ist die Schmach, die der Herr Christus auf sich nahm am Kreuzgalgen. Meine Hand aber ist sein Werkzeug: er wird sie schützen solang er ihrer bedarf. Und Geld darf ich nicht zu eigen haben.« – »Fahre fort, zu berichten.« – »Kaum hatte ich die Mitte des See's erreicht, da hob sich großer Sturm und verschlug mich weit nach Osten in jene Steine: ich erkannte, mein Schifflein müsse zerschellen: da richtete ich in dem Mastloch der Ruderbank dies mein hohes Kreuz empor: – der große Columba selber hat es geweiht: – zu diesem Kreuze betend empfahl ich dem Herrn meine Seele, warf mich auf die Kniee und erwartete den Tod.« »Und durch dies Kreuz hat dich der Herr gerettet!« frohlockte Secundus. »Denn nur, weil ich das Kreuz erschaute, wagte ich mein Leben, den Scheiternden zu retten.«

Da erhob sich der Mönch, auf die Linke gestützt, und gab dem Erstaunten einen heftigen Backenstreich: »Nimm das, mein Sohn, und dazu drei Tage Fleischfasten. Wie sagt die Schrift? Alle Menschen sollen wir lieben wie uns selbst. Der Herr hat auch der Heiden sich erbarmt.« Verlegen, beschämt, stammelte der Gezüchtigte: »Dank, heiliger Mann Gottes, für die Strafe und bitte, vergieb mir.«

Merksam hatten Arno und seine Kinder diesen Reden gelauscht, jetzt rief die Kleine zornig: »Ja aber, Vater, darf denn der Graurock den guten Secundus schlagen?« – »Nein, das durfte er nicht, Kind. Wer eines andern Knecht schlägt, büßt einen drittel Solidus nach Bajuvarenrecht. Er wird überhaupt noch unser Recht lernen. – Sprich, was führt dich vom Lech, – wie du sagst, – hierher? Was hast du zu suchen hier im Land?« – »Ich suche nicht, was da mein, was meines Herrn ist. Oder doch wieder sein werden soll. Das Kreuz war schon hoch aufgerichtet in diesen Gauen: getauft war alles Volk der Räter, Noriker, Römer, da kamt ihr, ihr wilden Markomannen, ihr grimmbösen Quaden, die Donau heraufgezogen nach Noricum, von da bald auch nach Rätien: Bajuvaren nanntet ihr euch jetzt von eurer früheren Heimat Bajuheim. Da flohen vor euch aus diesen Landen über die Alpen die vornehmen Römer, die reich waren an Schätzen dieser Welt; und mit ihnen schwand das Kreuz.« »Ja,« fiel Secundus ein, »denn auch die Unfreien, die wohnen blieben und nur den Herrn wechselten – wie meine Großeltern – verloren, verlernten bald den Glauben: war doch niemand mehr da, ihn zu lehren. Nur karge Trümmer davon hab' ich mir gerettet.« »Wir lassen jeden glauben, was er will, wenn er thut, was er soll,« sprach Arno ruhig. »Da drüben in Artobriga, auf der Breitstraße nach Salzburg, beten die dunkelhaarigen Salzarbeiter, die wir vorfanden, nach wie vor ungestört zu ihren Halaunen und zu Teutates oder Merkur. Und die Herzöge zu Regensburg haben den Glauben ihrer Herrn, der Frankenkönige mitgebracht: das ist ihre Sache.« »Aber,« klagte der Mönch, »sie haben nie versucht, den Samen des Heils hier wieder auszustreuen. Das machen unsre Könige zu Metz und Paris und Orleans anders. Ihre Grafen zwingen in Auster, Neuster und Burgund die Heiden zur Taufe mit Bann und Gewalt.« »Wie?« rief Arno und die Stirnadern schwollen ihm an, »und das dulden die freien Franken? Bei Donars Hammer! Wie geschwind flögen bei uns solche Grafen in den tiefsten See!« – »Weil nun unsre Bischöfe in Auster mit Schmerz erfuhren, wie hier zu Lande die Wahrheit wieder völlig überwuchert ist von Götzenwahn, – wie verlassenes Ackerfeld wieder zu Walde wächst – haben sie die hohe Frau Brunichildis, die bei uns in Auster unter Krone geht, beschworen, Glaubensboten hierher auszusenden mit dem Kreuz, aber zugleich ihre Grafen mit dem Schwert.« »So?« entgegnete Arno ruhig. »Sollen nur kommen. Dann werfen wir Kreuz und Schwert und die sie tragen, zusammengebunden in die Alz.« »Auch mir mißhagt der Zwang. Freiwillig – lehrte der weise Tertullian – soll der Glaube angenommen, nicht aufgedrungen soll er werden. So denkt auch unsere Frau Königin. Aber ein anderes ist es,« fuhr er fort und Begeisterung sprühte aus den fieberhaft glänzenden Augen, »setzt der Waffenlose, Schwache sein Leben ein, den Götzendienst zu bekämpfen durch das Wort und todesmutige That.«

»Und zu solchem Thun,« sprach Arno mit forschendem Blick, »bist du in unsere Gaue gewandert?« – »Du sagst es. Als in dem stillen Kloster im Wasgenwald, in dem ich dem Herrn diente . . .« – »Wie lange schon? Ich meine, diese starke Rechte hat einst das Schwert geführt.«

Dem Mönch schoß das Blut in das sonst so bleiche Antlitz: »Leider! . . .« – »Hältst du's für Unrecht, den Feind deines Volkes von der Markung zu scheuchen?« »O nein!« rief der Fremde mit kraftvollerem Ton als er bisher angeschlagen hatte. »Auch ich . . .« Aber plötzlich hemmte er die Wallung und fuhr mit wieder gedämpfter Stimme fort: »jedoch mich . . . mich führten dunkle Wege, dunkle Thaten – Gottes Zorn! – ins Kloster. Ich meinte, für immer: in Reue und Buße und Gebet gedachte ich dort meine Tage verrinnen zu sehen. Da, als die Nachricht in unsere waldverborgenen Mauern drang, die Königin habe das Verlangen der Bischöfe, die Taufe mit dem Schwert bei den Alamannen und euch durchzuzwingen, abgelehnt, und als unser Abt, der feuereifrige Columba, sie in flammenden Worten schalt und die Brüder grollten und ich selbst mit mir in Zweifeln rang, – da kam mir in der Nacht ein Traumgesicht.«

»Träume täuschen oft,« meinte Secundus schüchtern. »Man soll sie nicht deuten.« – »Nur die von den Heiligen kommen, wie der meine. Mir erschien, nachdem ich in schmerzlichem Grübeln über der edeln Frau Königin und des heiligen Abtes Streit entschlummert war, nach langem brünstigem Gebet zu Sankt Paulus, meinem Patron, dessen Namen ich beim Scheiden aus der Welt angenommen habe, dieser selbst, von himmlischem Glanz das ehrwürdige Haupt umleuchtet, und mit gen Aufgang ausgestrecktem Arme sprach er: ›Zeuch aus, mein Sohn, gen Osten zu den Heiden an Donau und Inn. Und bekehre sie zum Heile. Aber nicht mit einem Frankenheer, – ganz allein: nicht durch den Zwang des Schwertes, – einen Stab in der Hand, und durch den Mut deines Glaubens. Zieh hin von West nach Ost: sorge nicht um Weg und Steg: ich werde dein Wegweiser sein, versagt dir andere Kunde.‹

Und ich berichtete gleich nach dem Erwachen die Offenbarung meinem Abte: der entließ mich mit seinem Segen. Und ich wanderte über den Rhein und über die Donau, über den Lech und über den Inn auf zitterndem Steg, auf schmaler Furt, durch breiten Sumpf: ich zehrte von dem geweihten Brot, das mir der Heilige in den Strickgürtel gesteckt. Traf ich auf ein Gehöft, so trat ich ein und verkündete das Wort vom Heil für die Mühseligen und Beladenen: aber nur ein Weib etwa oder ein Knecht schenkte mir Gehör und Glauben, die Männer schüttelten trotzig die Köpfe – ach! wie weiland ich selbst, obwohl als Kind schon getauft, bei mancher Lehre der heiligen Kirche! – Dann blies ich den Staub von meinen nackten Füßen und wanderte weiter. Wohin? Ich wußt' es nicht: nur, – nach der Sonne blickend und den Sternen – stets gen Ost.

Und oft, wann ich Weg und Wegspur verlor, kniete ich nieder, wo ich gerade stand, betete zu meinem Patron und siehe: jedesmal sandte er mir einen Wegweiser: bald hoch im Blau einen Zug von Wandervögeln, bald im grünen Waldgras ein hüpfend Häslein . . .«

»Ja aber,« fiel ein Stimmchen ein, »Has ist häßlicher Anhupf!«

Ohne darauf zu achten, fuhr der Mönch fort: »Einmal, im tiefen Waldgestrüpp, war ich eingeschlafen auf weichem Moos. Plötzlich weckte mich ein Geheul: – wohl kannt' ich's von den Wäldern des Wasgengaues her! – Wölfe waren's. Sie drangen näher, näher: mir war, ich sah ihre glühenden Augen im Dunkeln leuchten wie Irrwische; da erhob ich mich, reckte meinen Kreuzstab wider sie und rief: ›Dämonen in Wolfsgestalt, die ihr den Boten des Herrn in seiner Sendung hemmen wollt – weicht aus dem Wege, ich beschwöre euch, im Namen Pauli, meines Patrons.‹ Und horch: das Geheul lenkte ab, weit ab von mir: – der Apostel hatte das Rudel auf andere Fährte gelenkt. Bald darauf kam ich an diesen großen See und wie ich ratlos am Ufer stand, half mir der Himmel abermals: er zeigte mir jenen Nachen. Und zuletzt, als ich bewußtlos vor dem aufgerichteten Kreuz in dem Schifflein zusammengebrochen war, half er mir durch die Hand dieses Glaubensgenossen.«

»Ich wäre aber mit dir zu Grunde gegangen,« berichtigte Secundus, »nachdem ich deinen Nachen an meinen Einbaum angeseilt hatte, ihn zu schleppen, wäre nicht mein guter Herr hier zu Hilfe gekommen und mit ein paar Knechten rasch uns entgegengefahren, denn meine Kraft war erschöpft: der Sturm trug uns schon wieder gegen jene Steine.«

»Ich werde,« schloß nun der Richter, »Rimisto sein Eigentum ausgeflickt zurückstellen und ihn bitten, die Diebesklage nicht zu rufen: der es genommen, habe in Irrwahn gehandelt. Bleibe hier, bis du dich erholt und erkräftigt hast, weiter zu wandern auf deinen sonderbaren Wegen.«

»Nicht, bevor ich dir das Wort des Heils verkündet habe: dir und diesen armen Kindern hier. Ich danke dir,« sprach er zu Arntrudis gewendet, die ihm oft während seiner Erzählung Milch geschenkt hatte. »Du hast ein freundlich Wesen, Jungfrau, und Gott gab dir ein schönes Antlitz: das ist eine große, große Gefahr! Lerne früh aller Lust der Welt entsagen! Sprich, was ist dir von all deiner Habe das Liebste?« Ohne Besinnen antwortete das Mädchen, ihn voll anblickend: »Das Liebste ist mir ein klein Vögelein: es singt auch zur Nacht: gar liebe, liebe Hand hat mir's geschenkt.« »Das opfere Gott,« schrie er mit unheimlich flammenden Augen. »Entsage der Lust an dem heißen Lied der brünstigen Kreatur der Nachtigall. Dreh ihr den Hals um! Denn auch die Tiere sind verteufelt durch die Erbsünde!« »Abscheulich!« rief sie entsetzt und trat von ihm hinweg an ihres Vaters Seite. »Laß solche Rede, Lieber,« mahnte Secundus, »Nein doch! Ich muß versuchen, diese Seelen zu retten vor der ewigen Qual. Denn wer die Welt liebt und den Götzen dient, brennt ewig in der Hölle.«

»Ja aber,« meinte Arnhild, »wenn dich der Vater nun nicht gerettet hätte, lägst du im See und könntest uns gar nichts verkünden.«

Der Mönch wollte erwidern: doch unwillig stand der Hofherr auf: »Schweig, Fremdling, mit solchen Worten. Wohl mag dein Gott, mögen deine Götter mancherlei Gewalt haben: wir wehren dir nicht, ihnen zu dienen, sie zu preisen: aber unsere Götter schmähen, uns von ihnen hinwegreden zu wollen, – das sollst du nicht unter der Arninge Dach, das Donar behütet, und in dieser Mark. Sobald du wandern kannst, begleitet dich Secundus über unsern Gau hinaus. – Kommt Kinder! Nachbar Iso bringt Frô ein Opfer um Ernte: seht ihr: schon lodert auf seinem Bühl die heilige Flamme auf; sie winkt uns zu frommem Thun!«

*

 

III.

Als sie allein waren, wandte sich der Knecht eindringlich warnend zu dem Mönch: »Nicht, nicht! Laß ab, o laß ab von ihm und seinem Hause! Du, ergrimmst ihn nur und erreichst nichts. Ich kenne ihn: eher möchtest du die Kampenwand da drüben und den Hochgern umblasen mit dem Hauch deines Mundes als diesen Mann abwenden von seinen Göttern.«

Tief nachsinnend senkte Paulus das Haupt in die Rechte, dann sprach er: »Der Glaube, das Gebet kann Berge versetzen, kann Wasserquellen schlagen aus dem Fels: sie können auch felsharte Herzen erschüttern und erweichen. Schon oft haben die Heiligen, die Wahrheit unseres Glaubens zu erweisen, auf das brünstige Gebet ihrer Boten Zeichen und Wunder gethan. Ein Wunder, ein unleugbar, sichtbar, greifbar Wunder müßte auch diesen trotzigen Heiden bekehren. – Aber es ist vielleicht Anmaßung, Überhebung, daß ich unwürdiger Sünder vom Himmel ein solch Zeichen begehre. Vielleicht genügt statt dessen ein Geringeres, eine That von mir allein. Wie, wenn ich dem Richter und seinen Markgenossen zeigte, daß ihre Götter machtlos sind, sich selbst nicht schützen mögen gegen einen eifrigen Diener des Herrn? Ja, das ist leichter zu erreichen, als ein Wunder dem Himmel abzuringen. Es bedarf nur des mutigen Vertrauens auf den Herrn und stolze Verachtung der Heidengötter.« »Du, du!« warnte der Alte ängstlich! »Nimm dich in acht! Die Heidengötter sind nicht ohne Macht!« – »Ich weiß! Sind es doch Dämonen – wie Columba sagt – üble Wichte, wie wir sprechen. Gott hat ihnen allerlei Gewalt gelassen, zu zaubern und zu schaden.«

»Ja, warum aber hat er das gethan?« forschte Secundus verdrießlich. »Wenn ich nur das wüßte! Das treibt mich schon lang um in Grübeln und Zweifeln! Ist er doch wie allgütig so allmächtig! Warum tilgt er sie dann nicht aus oder bindet sie doch irgendwo an – aber recht fest! – wie die Heidengötter so manch riesisch Ungetüm?« – »Weil er uns durch die Schäden und Leiden, die sie uns anthun, in Trübsal läutern will, weil wir mit ihnen ringen sollen mit geistlichen Waffen in Gebet und Buße. Und schließlich sind Gottes Wege unerforschlich,« – »So, so? Das werd´ ich morgen dem Kiemo sagen. Weiß aber nicht, ob ich ihn damit überzeugen werde.« »Sprich,« fragte nach einigem Nachsinnen der Mönch und ein heldenhafter Strahl kühnen, todesfreudigen Mutes erhellte die sonst so schmerzumwölkten Züge, »sage, wo ist hier in der Nähe das höchste Weihtum der Heiden, wo sie ihren Götzen opfern? Bildsäulen mein' ich, die ein starker Arm wie einen Schild zerschmettern mag?« Dabei ballte er die hagere Faust um den neben ihm liegenden Pilgerstab und führte damit einen sausenden Streich in die Luft.

Erschrocken duckte sich der Knecht: »Behüte! O heiliger Bruder, wie bist du streitgewaltig!«

»Ich war's!« seufzte der, den schweren Stock traurig fallen lassend. »Aber . . . gieb Bescheid! Wo find' ich das nächste Heiligtum der Heiden?« »O,« meinte Secundus, »was das angeht, wenn du weiter nichts willst, – da ist dir leicht zu helfen. Auf dem kleineren Eiland im See, – du sahst es wohl liegen in der Ferne von Rimisto's Halde aus! – auf dem Linden-Wörth, stehen sieben schöne uralte Linden im Kreis um einen tiefen, tiefen Ziehbrunnen, den Donar über dem Urspring klarsten Wassers gezimmert haben soll: Frau Berahta, der Ehegöttin der Bajuvaren, sind Linden und Brunnen geweiht. Und auf dem größern Eiland, dem Eschen-Wörth, – weißt du: weiter gen Mittag hin und gen Abend – da ragt am Eingang in die dunkeln Schauer dichten Urwalds aus dem Stamm einer mächtigen Esche halb heraus geschnitzt das Bild ihres obersten Gottes, zwei Raben auf den Schultern . . .«

»Wuotans, des ärgsten der Dämonen!« schrie der Mönch und Feuer sprühte aus den tief eingesunkenen Augen. »Ihn haß' ich zumeist! – Wohlan! Ich fühl's: schon kann ich den Arm wieder schwingen! Morgen führst du mich zu der Götzin und dem Götzen!«

*

 

IV.

Am Abend des folgenden Tages fuhren der Fremdling und Secundus, dem sein Herr Urlaub erteilt hatte, über den Weitsee nach dem »Linden-Wörth«, der heutigen Fraueninsel.

Secundus, aufrecht stehend, steuerte, aber er ruderte auch allein: denn Paulus lag auf den Knieen vor dem Kreuzstab, den er auf dem Schnabel des Einbaums befestigt hatte, in heißem Gebet: er flehte den Herrn und Sankt Paulus an, ihn nicht zu Schanden werden zu lassen vor den Heiden und ihren Abgöttern.

Die Sonne ging allmählich zu Gold über den dunkeln Tannenwäldern auf den sanft welligen Hügeln des Westufers: prachtvoll hob sich von diesem schwarzgrünen Höhensaum ein leuchtend warmer, gelber Streif: in wundersamem Frieden ruhten Land und See: die von Nord nach Süd kaum absehbare Wassermasse lag spiegelglatt, ganz unhörbar spülten die leisen Wellen an den weißen Sand der Nordspitze des Eilands, auf der nun der Einbaum knirschend auffuhr.

Die liebliche Insel, heute von Fischer- und Kleingütler-Häuslein dicht bedeckt, in Karolingerzeit der Sitz eines Frauenklosters, war damals nur von gar wenigen Menschen bewohnt. Denn ein Weihtum, Frau Berahta geheiligt, war das ganze Eiland: eine silberhaarige Priesterin waltete dort, ihrer Verehrung dienend, umgeben und unterstützt von zwölf Jungfrauen aus den edelsten und angesehensten Geschlechtern der Bajuvaren: die von der Greisin Erwählten, in je drei Jahren wechselnd, rechneten sich solchen Dienst zu hoher Ehre.

Die kleine Aue bot weder für Ackerbau noch für Viehweide genügend Raum: auch sollte der heilige Boden, nur von Gras und Bäumen bestanden, nicht unheiligen Wirtschaftszwecken dienen: so waren es nur wenige freie Grundholden, auch wohl Unfreie, dem Weihtum von den reichen Grundherren der Nachbargaue zu eigen geschenkt, die, von Fischfang und kärglichem Viehstand lebend, für den das Gras von den »Feldwiesen« am Südostufer des See's geholt ward, für den Unterhalt und den Schutz der Priesterin und ihrer Jungfrauen sorgten.

An der Nordspitze, gegen Bedaium zu, lag eine solche Fischerhütte, verborgen hinter hohen Weidenbüschen, die ihre langen Zweige bis in das Wasser hängen ließen. Aus diesem grünen Versteck trat jetzt, da die Ankömmlinge aus dem Boot stiegen, ein in Wolfsfelle gekleideter Mann hervor: er ließ den Holzschild vom linken Arm in die Hand herab gleiten, stieß den scharfen Lachsspeer neben sich in den Ufersand und reckte Secundus die Rechte entgegen. »Willkommen,« sprach er, in einer vom Bajuvarischen verschiedenen Mundart, – auch das Haar trug er anders: gegen den Wirbel zurückgekämmt und hier in einem Büschel zusammengeflochten, – »in Frau Berahtas Frieden. Ich glaubte ja doch den Einbaum der Arninge zu erkennen. Und dich am Steuer. Nur die Stange mit dem Querholz irrte mich. Da griff ich, zu Tius betend, zum Speer. Hab' ich doch allein die Wörthwache hier auf dem Nordzipfel. Und der Fagano ließ uns von dem Eschen-Eiland herüber sagen, wir sollten scharfe Ausspäh halten: räuberisch Volk sei gemeldet von Aufgang her.«

»Gegrüßt, Suapo,« erwiderte Secundus. »Treu hältst du Wache. Aber wir kommen als Freunde. Gieb uns Obdach heut Nacht. Der Herr Christus wird dir's lohnen.« Der Uferwart schüttelte den Kopf: »Kenn' ihn nicht. Wuotan, der Wegfährtigen Schutzherrn, geht das an. – Weit und breit ist kein Kahn zu sehen: – alles sicher. So kommt mit.« Und er wandte sich und schritt auf seine Hütte zu; beide folgten. Jedoch bevor der Mönch über die Schwelle trat, blieb er stehen und sprach: »Und du fragst nicht, woher noch weshalb ich komme?«

»Unrecht wär's, ungastlich. Wuotan würde zürnen.«

»Und doch,« erwiderte der Gast, »mußt du's wissen: nicht im Frieden Euerer Götzin komm' ich: Trutz und Kampf bring' ich ihr.« Ruhig entgegnete der Fischer: »Schlimm für dich! Dann wirst du bald aus ihrem Eiland scheiden: lebend oder – tot. – Morgen feiern wir,« fuhr er, zu Secundus gewendet, fort, »ihr Fest: die Weihe des Brunnens, den die Göttin dereinst den Ahnen gewiesen und Donar dann überwölbt: danach erst konnten Menschen hier siedeln: denn Seewasser trinken, treibt den Leib auf.« »Ein Fest?« forschte der Mönch eifrig. »Ein Opferfest für die Inselgöttin? Morgen? Dank, Sancte Paule, zu rechter Zeit führtest du mich her!«

*

 

V.

Vor Hahnenkraht wurden die Gäste wach durch das Geräusch, das der Wirt verursachte: – er hauste allein mit seinem zwölfjährigen Knaben – indem er sich mit seinem Fischzeug zu schaffen machte.

»Was hast du vor, – so früh am Tag?« fragte Secundus, sich die Augen reibend. – »Hei, Fische fangen. Der Krätzer beißt am besten gleich wann der Sonnengott über die Berge stieg,« lachte er. »Siebenmal zehn Rückenstacheln – das heißt mit den Fischen daran! – Hab' ich an das Weihtum zu liefern zu diesem Tag. Was wäre ein Fest Frau Berahtas – Frigg heißt sie aber bei uns Alamannen – ohne einen Schmaus von Fischen? Reichlich, wie der Fisch Roggen trägt, soll sie ja aller guten Menschen, nützer Tiere und nährsamer Kräuter Samen wachsen und gedeihen lassen!«

»Hei ja, Vater,« rief der krausköpfige Bub, er befestigte Bleistücklein an den Schnüren der Senkangel, »heute wird's wieder mal gut. Der Südwind hat die Nacht schwül gemacht: ein Gewitter ist im Anzug: da beißen sie wie die Wölfe. Und der Nachbar hat mir ein Stück Leber geschenkt von dem Roß, das er zum Opferschmaus geschlachtet: das ist ihnen lieber als der fetteste Regenwurm. Komm, Vater: schon spiegelt der See den Sonnenwagen wider.«

»Der Fang . . . das soll wohl ein Opfer werden für eure Abgöttin?« fragte Paulus rasch. – »Gewiß: für unsre hohe Huldfrau!« – »Secundus, wir fahren mit. Ich will ihnen den Fang . . .! Höre mich, Sankt Peter, du bist wie der Fischer so der Fische Herr. Gebeut ihnen zu thun nach meinem Willen!«

Bald flog der Flachkahn um jenen Nordzipfel der Insel, der heute noch nach jenem Suapo der Schwabenzipfel heißt, auf dem Westufer dahin scharf gen Süd. Als man sich der Mitte zwischen der Fraueninsel und dem damals noch namenlosen, heute »Krautinsel« benannten ganz kleinen Eiland näherte, hemmte der Fischer das Steuer und gebot seinem Knaben, das Ruder aufzuziehen: der hielt es nun wagrecht über dem Schiffsrand: die Wassertropfen träuften von der breiten Schaufel langsam auf die Fläche des wellenfreien See's: jeder Tropfen bewirkte einen kleinen Ring, der sich allmählich erweiterte und so verging. –

»Halt! gleich sind wir zur Stelle! Man muß den Wipfel der höchsten von den sieben Linden und die Spitze der höchsten Weide auf dem kleinen Werder in einer Richtung sehen: noch ein klein wenig rechts, Suapilo – nun gerad aus! So! Halt. Jetzt sind wir auf dem kleinen Haken, auf dem Hakilo, sprechen die Bajuvaren. Nun laß den Stein an dem langen Seil herab – langsam. So! das hält so fest wie ein Zahnanker daheim am blauen großen See. Bald hebt sich nun der Morgenwind: – aber so mag er uns nicht von der Stelle treiben.«

»Ich wette,« rief Suapilo, »ich hasple den ersten herauf!« Und er schlang die lange mit angedrücktem Blei und mit kleinen festgebundenen Kieseln beschwerte Schnur, die noch den uralten Bronzehamen trug, beködert mit einem Stück der rohen Leber, um den Zeigefinger der rechten Hand und wollte sie über den Schiffsbord gleiten lassen: aber der Vater hemmte seinen Arm. – »Halt an! Immer zu rasch noch! Erst den Fangspruch, den der Ahn vom fernen Bodensee mit in dies Ostland gebracht.« »Vom Bodensee?« forschte der Mönch. »Das ist das große Wasser bei Bregenz, nicht? Dorthin trachtet mein Abt Columba das Kreuz zu tragen,« erklärte er Secundus. – »Wie kam dein Ahn hierher? Warum verließ er die Heimat?« Unwirsch erwiderte der Fischer: »Wort verdirbt Werk. Viel Fragen frommt nicht. Ich habe dich auch nicht gefragt. Schweig jetzt, wann ich zu den hohen Göttern rede.« Und er begann, nachdem er zuvor das Haupt geneigt, nun den Blick ehrfurchtsvoll gen Himmel gerichtet:

»Höre mich, hoher
Dröhnender Donar,
Der du, der Fischer findigster,
Hobst an dem Hamen
Aus greulichem Abgrund
Den fröhlichsten Fisch:
Den wütigen Wurm,
Der riesig umringelt
Allen Erdkreis!
Fülle der Fischlein
Hänge mir heut' an den Hamen!

Und du, glänzende Göttin,
Des Guten Geberin,
Frigga, freundliche, freudige Frau,
Gebieterin, beut du selber das Beste
Zu dem frohen Fest, das wir dir feiern:
Schick' mir die schuppigen,
Schwänzelnden Schwimmer
In Fülle zum Fang!«

»So! Nun wirf aus, Bub! Du zur Linken, – ich zur Rechten. Da, Secundus, nimm auch eine Schnur.« Der griff willig zu und wollte auswerfen. Aber der Mönch fiel ihm in den Arm. »Nein! Du wirst nicht! Willst du beitragen zum schnöden Opferschmaus der Heiden?« Und er entriß ihm die Schnur und schleuderte sie weit in den See. »O weh! mein bester Hamen!« klagte Suapilo. »Fremdling, das thatest du wider Recht!« grollte der Vater. – »Immer euer elendes Recht, immer euere Menschensatzungen, wo es sich um den Himmel handelt! – Nun hört mich, ihr Heiligen, vor allen du, Sankt Peter, großer Seelenfischer, den der Herr jenes reichen Fischfangwunders gewürdigt hat am See Genezareth: zeigt all ihr Heiligen diesem Heiden, daß ihr Gewalt habt wie über Land, so über Wasser und alles Getier, das darin schwimmet und fleußt! Nicht Eine Flosse sollen sie fangen für ihr Götzenfest. Ich beschwöre euch; Kreaturen der Tiefe, meidet . . .«

»Heia,« jauchzte der Knabe, »der hat stark gerissen! Das ist ein großer.« Und eifrig wand und haspelte er mit der Linken, säuberlich dabei jede Verwickelung und Wirrung der Schnur meidend, die viele, viele Klafter lange, herauf in den Kahn, ohne sie jemals an dem untern Ende schlaff werden zu lassen. »Der ist schwer, Vater!« frohlockte er und schnellte seinen Fang; einen mächtigen Barsch, über den Schiffsrand herein. »Und der ist auch nicht übel,« meinte der Fischer und zog einen zweiten herein. »Ei, wie sie heute beißen!« lachte Suapilo. »Ich sagt' es ja! Der Südwind!« – »Ja, und der Fischspruch! Der hilft!«

Verdrießlich wandte sich Secundus, wie der Fang fort und fort so rasch und reichlich fruchtete, an den Mönch: »Aber,« meinte er kopfschüttelnd, »was ist denn mit den Heiligen?« – »Schweig! Es ist eine Prüfung des Glaubens. Oder mein Gebet war zu schwach. Oder ich bin zu unwürdig. Oder die Dämonen sind allzustark an diesen Stätten uralten Götzendienstes!« – »Aber Gott ist doch allmächtig! Und allgegenwärtig! Warum also . . .?« – »Schweig und glaube!« Es war aber doch hart für den Alten, die Fische trotz des Gebets und Verbots des Mönches sich wie um die Wette an die Hamen drängen zu sehen.

»Es ist, als ob sie's ihm zum Verdruß thäten!« dachte er. »Gut, daß Kiemo noch nicht da ist.«

In kurzer Frist waren so viele Fische gefangen, als die breiten Lägel im Kahn zu fassen vermochten. Suapo lichtete den Steinanker und in rascher Fahrt ging's nach Hause. »Jetzt,« sprach er, die ganze Armeskraft in das Steuerruder legend, »jetzt magst du fragen, Fremdling. Nun stört die Rede nicht mehr; aber: ›stumm ist der Fisch, stumm sei der Fischer.‹ 's ist ein guter, alter Spruch. – Also, wie der Ahn vom Alamannenland hierher verstürmt ward, begehrst du zu wissen? So hör' es. Denn es geht auch dich an und deine Werke. Vor siebzig Wintern etwa war's, da kam auch so einer wie du bist, im härenen Rock, den Kreuzstab in der Hand, aus dem Burgundenland an unsern See nahe der alten Walenstadt Arbon. Und lehrte die neuen drei Götter und die göttliche Jungfrau, die den Einen gebar . . .« »Nicht so! Nicht doch!« schalt Paulus und sprang heftig auf. – »Bleib sitzen! Sonst fliegst du ja ins Wasser. – Die meisten Männer hörten ihn gar nicht zu Ende, nur ein Paar Weiber lauschten ihm gern. – An die – und an die Knechte! – machte er sich immer zuerst. Darunter war auch Itta, die Ahnin; ihr Gatte, der Großvater, ließ sie gewähren, verstattete auch, daß der üble Wale sie tauchte in das üble Zauberwasser . . . sitz still, sag ich, bei Donars Strahl! sonst liegen wir alle im See und nur der Bub und ich würden wieder herauskommen! – Aber nun verbot der Fremde der Getauften die Ehegemeinschaft mit ihrem Eheherrn, bis auch der gechristnet sei. Das ist der Friede, den ihr bringt! Der Ahn warf den frechen Ehestörer aus dem Gehöft und zwang die Frau zu seinem Eherecht. In derselben Nacht, als der Ahn neben ihr eingeschlafen war, entlief sie, dem Mönche folgend, seine Verzeihung zu erflehen. Wie der Mann erwachte und das Bett leer sah, faßte er die Axt, folgte ihrer Spur und traf das Paar am Morgen auf der Straße nach der Bischofstadt am Lech; sie lag vor dem Fremden auf den Knieen, rang die Hände, ihn um Verzeihung flehend, die er weigerte. Da hob Suapogrim die Axt und erschlug sie beide auf dem Fleck. Dann ging er zurück ins Dorf und sagte es dem Richter an. Der berief das Ding. Und das Ding sprach den Ahn frei. Und es lobten ihn alle Männer. Aber ihm war das Gehöft verleidet, wo er so lang in Frieden und Glück gewaltet hatte mit der schönen Itta, bis der Christenpriester kam mit dem Grußwort: »Friede sei mit euch.« Und er rief alle Nachbarn als Zeugen zusammen, sprang, nur mit dem Hemd bekleidet, den Stab in der Hand, über den Zaun des Gehöftes, warf dessen Staub rücklings über die linke Schulter und ließ Hof und Habe, Acker und Erde, Wunn und Weide seinem Brudersohn auf im echten Ding. Und zog mit seinem Knaben über Lech und Isar und Inn gen Osten, bis er hier an jenem Eilandzipfel neue Heimatbalken aufrichtete. Und die gütevolle Priesterin des Weihtums schenkte ihm die Scholle Landes und das Bauholz zu dem Hof und schenkte ihm ein paar Rinder und das Futter dafür drüben in den Feldwiesen. Und er und wir, seine Erben, haben dafür nichts zu leisten als die Uferwart gen Mitternacht und etliche Fische zu den großen Festen der Göttin. Wie gern thun wir das! Denn gütig ist Frau Berahta, gut lebt sich's unter ihrem Frieden und gütig und huldreich – wie die Göttin – sind ihre Priesterinnen. Wie haben sie mein armes krankes Weib gepflegt, wie den verwaisten Buben da herangezogen! Ja, gütevoll sind sie, unsre großen Götter, und gütevoll die ihnen dienen. – So! 'raus das Ruder, Bub! Wir sind zur Stelle. Steig' aus, Fremdling, und teile unser Frühmahl; Wuotan sendet allerlei Gäste: man muß sie aufnehmen, wie er sie schickt. Aber unter Suapos Firstbalken sprich nicht euer »Friede sei mit euch«: – lehre nicht die neue Lehre: – übel ist sie uns schon einmal gediehen.«

*

 

VI.

Alsbald begann nun auf der Insel eifrige Bewegung.

Aus den Höflein der Hütten der Grundholden, Freigelassenen und Unfreien des Weihtums eilten die Bewohner: Männer, Frauen und Kinder, zu der Opferstätte an dem Lindenbrunnen, wo sich das Hauptgebäude des Eilandes erhob: die Wohnstätte der greisen Priesterin und ihrer jugendlichen Gehilfinnen; im Halbkreise, gegen Osten geöffnet, zog sich der nur aus dem Erdgeschoß bestehende Holzbau um das Heiligtum, dahinter, gen Westen, standen die Ställe und Vorrathäuser, in denen die der Göttin geweihten Tiere gehegt und die Opfergeräte, zumal die Gefäße, meist Weihgeschenke, verwahrt wurden: nur behufs des festlichen Gebrauches wurden sie feierlich entnommen.

Aber nicht nur die paar Dutzend Inselleute erschienen zu dem Feste: schon am frühen Morgen bedeckte sich der See von allen vier Himmelsgegenden her mit Einbäumen, Plattkähnen, breiten Segel- und schmalen Ruderbooten, die Anwohner der Uferdörfer in großer Zahl heranzuführen: zumal Frauen und Mädchen, aber auch Väter, Muntwalte, Bräutigame, die für die Wohlfahrt der Töchter, der Mündel, der Bräute, für das Gedeihen des eignen Herdes Opfer darbrachten.

Hoch gehäuft lagen in den Schiffen die Eier, spärlich von den noch im Gaue gar seltenen Hühnern, meist von Möwen, von der Wildgans und der Stockente, in zierlich geflochtenen Binsenkörben, zuweilen waren die Eier mit Mennig rot gefärbt; dann die duftenden Laibe des für dies Fest besonders gebackenen Gebildbrotes, die in ungefügen Umrissen das Bild der Göttin selbst darstellten, kenntlich an dem das Haupt verhüllenden Linnenschleier, an dem ringförmigen Halsgeschmeid aus roten Ebereschebeeren, sowie an dem Gürtel, mit gelbem Ocker, der das Gold bedeuten sollte, mit dem Schlüsselbund, dem Abzeichen der hausfraulichen Schlüsselgewalt, aufgemalt.

Aber zumal Fische, noch lebend, platschend in mächtigen durchlochten Holzkufen, die unter dem Boden des Kahnes angebracht waren, oder schon ausgeweidet und zum Behuf des Backens auf lange spitze Stäbe gesteckt, wurden in bunten Mengen herangefahren in allen Arten, die das reich nährende tiefe Gewässer bot: vom riesigen Waller und schmackhaftem Seelachs und dem räuberischen Hecht bis zum stachligen Barsch.

Andere Höfe hatten Milch in hohen, kühl haltenden Thonkrügen mit gewölbtem Bauch und dünnem Halse geliefert; oder Butter, sauber verpackt in breite Sumpflattichblätter, oder allerlei Käse von Kuh- und Ziegenmilch, deren Bereitung man den vorgefundenen römischen Colonen längst abgelernt hatte und nun auf den Almen durch den Senn, den Altknecht, selbst betrieb; auch Waben von Wachs und Scheiben duftigen Honigs fehlten nicht, noch Holzfäßlein, mit Met gefüllt, auch wohl mit Bier, das aber des Hopfens gebrach.

Für Blutopfer wurden Lämmer, Geiszicklein, Kälber herbeigefahren und die dichten Wälder, die ringsum die Ufer bis zu der Mittelhöhe der Berge hinauf bedeckten, hatten ihr mannigfaltig Wildbret gespendet: Bärenschinken und -tatzen, Lenden vom jungen Auerstier, Frischlinge vom Wildeber, ganze Gemsen, Hirsche und Rehe, allerlei Wildgeflügel, vornehmlich aber den Hasen, der, der Ehegöttin, wie die Fische wegen seines reichen Kindersegens geweiht, auch in Gestalt von Gebildbrot häufig die langen Löffel reckte oder Männchen machte.

Aber die Kinder, die, zumal gerade aufknospende Mädchen, in großer Zahl zum Opferfest mitgebracht wurden, auf daß ihnen von der Priesterin in der Göttin Namen die Hand auf Scheitel und Busen gelegt werde, hatten in hübschen, aus Bast und Rinde mit den geschickten Fingern ineinandergefügten Butten alle schmackhaften Beeren des Waldes, die bereits gereift waren, gesammelt und als ihr duftig Opfer dargebracht: die sauern Holzäpfel und Holzbirnen der Gehölze waren noch hart und so auch die nicht zahlreichen Früchte der veredelten Bäume in den vorgefundenen römischen Obstgärten.

Und die Kinder und Jungfrauen waren es auch gewesen, die den unabsehbar reichen Schmuck von Kränzen aus Waldlaub, Waldblumen – bunt blühen die Auen dort im wonnigen Frühsommer! – und aus dunkelgrünem Moos und Schilf geflochten, und gewunden Hütten, der die Masten, Segelstangen, Rahen, Vorderbuge und Hintergransen der Schiffe dicht umhüllt hatte und nunmehr zur Schmückung der Opferstätte hinangetragen wurde.

Denn allmählich – gegen die Mittagsstunde – sammelten sich jetzt die Eiländer, und von all den Stegen, an denen sie gelandet, aufsteigend, die Opfergäste auf der höchsten Fläche – in der ungefähren Mitte – der Insel, die, nördlich von dem Brunnenweihtum ziemlich eben belegen, damals schon wie heute noch ebenso wie der Brunnen von einer Gruppe mächtiger Linden bestanden war. Leis flutete über die Stätte der süße Duft der Lindenblüte, ein Weihrauch der Natur, kein künstlich bereiteter: und das Summen unzähliger Bienen um die breitbuschigen Wipfel hin hörte sich an wie das Raunen geheimnisvoller Weissagung. Hohe, stille Weihe der Natur lag über diesem Götterdienst, der den wohlthätigen Gewalten des Himmels und der Erde danken wollte.

Da schollen von dem Weihtum her drei dröhnende Schläge, mit dem Steinhammer auf einen weitbauchigen Kessel von Erz geführt. Sofort setzten sich die auf der Lindenhöhe Harrenden in Bewegung und schritten langsam auf die Weihestätte zu: die Kinder – die Kleinsten – voran, bunte Kränzlein, weiß und rot und blau und gelb, aus Ehrenpreis und Augentrost, Vergißmeinnicht und Butterblumen auf den meist blonden, ja weißgelben Köpfen: sie streuten aus den Schürzen und aufgebauschten Röcken Blumen links und rechts vom Pfad: sorglich achteten die nachschreitenden Erwachsenen, ja nicht darauf zu treten: denn aus Kinderhänden kam der Göttin das liebste Opfer.

Gar feierlich bemessen, in rhythmischem Wechsel, war das Einherschreiten der Wallenden im Takt eines kleinen uralten Liedes, das alle, die Kleinen wie die Alten, gleich gut kannten und in frommer Ehrfurcht mit verhaltenen Stimmen sangen:

»Wir wallen auf geweihtem Weg: –
Zu guten Göttern gehen wir:
Winzig Weniges weihen wir
Von unserm Eigen,
Das doch nicht unser,
Das der Seligen selber ist.«

Bald war der schmale Raum von dem Zuge überschritten, der von dem Brunnen trennte: vor diesem angelangt scharten sich die Opfergäste im Kreise ganz von selbst – es bedurfte keiner Weisung oder Ordnung – nach den Sippen: und da die Gesippen bei der Einwanderung nebeneinander siedelten, wie sie unterwegs nebeneinander gegangen, geritten, gefahren waren, gliederten sich auch die hier Versammelten von selbst nach den Dorfschaften und Einödhöfen, in die dieser Teil des »Ostgaues« zerfiel.

*

 

VII.

Die hohen eichenen Doppelthüren des Hauptgebäudes westlich von dem Brunnen waren über und über mit Kränzen behangen: die eingeritzten Ziergebilde zeigten Frau Berahtas heilige Tiere: den Hasen, den Fisch und, roh umrissen, die Göttin selbst auf ihrem von zwei Ziegen gezogenen Wagen, der sieghaft über Drachen und Schlangen dahinrollt: diese Einritzungen waren zum Feste mit Waid frisch geblaut und mit seinen roten Linien von Mennig eingefaßt.

Die beiden hohen Thürpfeiler zeigten, flach eingeschnitten, den Herd, auf dem die Flamme loderte, dann die flachsumwundene Spindel, das Halsgeschmeid und den Schlüsselgurt der hehren Hausfrau des Himmels; das jugendliche Antlitz ihres Sohnes Paltar war zu oberst an dem Knauf des linken, das ihres Hammergewaltigen Sprossen Donar auf dem des rechten Pfeilers eingezeichnet, während das mächtige bärtige Haupt ihres Eheherrn von der Mitte des obersten Querbalkens herabschaute und über dem Eingang zu wachen schien.

Aus dem Innern des Gebäudes erscholl jetzt ein lauter Hornruf, die breite Doppelthür sprang auf und aus ihr kam langsam und feierlich der Festwagen gefahren, von vier weißen Hirschen gezogen: der Wagen, auf zwei hohe Räder gestellt, von vorn durch brusthohe, im Halbkreis nach außen gewölbte Brustwehr geschlossen, auf der Rückseite offen, also einem homerischen Streitwagen nicht unähnlich, aber erheblich mehr in die Länge, die Tiefe gezogen, war samt seinem Viergespann so über und über von Blumengewinden bedeckt, daß man kaum die runenbedeckte Goldplatte wahrnahm, die, in Gestalt eines länglichen Harstschilds, an der Vorderwölbung des Gefährtes prangte und kaum das mit Silber gespängte Zaumwerk und Gespann der hoch stapfenden Hirsche, deren Geweihe, mit Silber überzogen, im Sonnenschein weithin blendend leuchteten: die klug blickenden Tiere, den Menschen lang vertraut, schienen ihren leichten Dienst gern und wie mit Stolz zu verrichten.

Mit Silber überzogen war auch das schön gewundene Gehörn des stattlichen Opferwidders, der dem Wagen nachgeführt ward; mit roten Bändern war sein weißes Vließ durchflochten. Um die Reihe traf jedes Gehöft am See die Verpflichtung, je in Einem Jahr das Opfertier zu liefern, wie das in manchen jener Thäler – so in der Jachenau – bis vor kurzem mit dem zu liefernden Osterlamm der Fall war; diesmal war Kiemo an der Reihe gewesen: und er und sein Weib hatten selbst den Widder herangefahren, hinter dem sie nun in dem Zuge schritten: die Ausschmückung war aber in dem Weihtum geschehen.

Über den Vorderbug hin des Wagens führte die von bunten Halbedelsteinen glänzenden breiten Zügel von weißem Leder die greise Priesterin, eine hochragende, Ehrfurcht gebietende Gestalt: das lange Haar floß in dichten Wellen auf den langfaltigen weißen Linnenmantel, – so weiß wie dieser selbst; die scharf geschnittenen, aber vornehmen Züge, denen des Fagano ähnlich, bekundeten weihevollen Ernst: aber der Kranz von wilden, roten Rosen, den sie – wie ihre Jungfrauen – auf dem Haupte trug, schien wie das Abendrot auf der Gletscherfirne anzudeuten, daß dieser Reinheit die Wärme, diesem Ernst die Güte nicht gebrach. Lautes, freudiges Heilorufen begrüßte den Wagen und die Priesterin.

»Wer ist das?« fragte der Mönch den Alten – sie standen weitab in der hintersten Reihe. »Sie scheint ein Edelweib.«

Secundus nickte ehrdienig. »Gewiß! Eine Fagana! Die Witwe Berchtatrudis, – sie war einem Drozzo vermählt – des Gewaltigen Vaterschwester. Und schau – hinter ihr – der lange Zug von Jungfrauen – in roten, blauen Festgewanden.« – »Auch Priesterinnen?« – »Nein, nur auf kurze Zeit ihr zur Hilfe gesellt – aus andern Sippen des Adels. Still! die Feier beginnt.« »Sie soll nicht lange währen!« grollte Paulus.

Die Greisin war nun, gehoben von den Gehilfinnen, von den Hinterstufen des Wagens herabgestiegen: feierlichen Schrittes ging sie auf den von den hohen Linden umgebenen Brunnen zu, dessen Umrandung aus Steinen, ohne Mörtel, »kyklopisch« aufeinander gehäuft, ebenfalls völlig von Kränzen verdeckt war. Sie hob den Bronzeeimer, der an langer, langer Kette an dem Rande befestigt war, küßte das Bild der Göttin, das in gehämmerter Arbeit an der Vorderseite angebracht war und sprach, bevor sie ihn hinabsenkte:

»Hört mich, ihr Hehren
Hoch in den Himmeln,
Gütige, gabengebende Götter,
Der mühseligen Menschen
Schirmende Schützer!
Du vor allen befreunde uns, freudige Frau,
Ewig bräutliche Berahta,
Goldengegürtelte Göttin!

Fördre uns fürder den Flachs
Und das linde Linnen,
Hilf der Hausfrau am heiligen Herd
Und über dem Ehebett
Walte und wirke weihevoll.

Wie ich hier weihe und hole
Aus dem ehrwürdigen Urspring
Geheimnisvolle Gabe
Und spritzend sie sprenge
Über alle Häupter hier,
Über Flur und Feld,
Über Anger und Acker,
Über Wunn und Weide, –
So sprenge und spreite
Du gütig Gedeihn,
Fruchtbare Freuden
Über all' den Ostgau.«

Unter diesen Worten hob sie den in den tiefen Brunnen hinabgelassenen Eimerkessel in die Höhe, stellte ihn auf den Steinrand und sprengte mit beiden Händen Wasser über die andächtig sich beugenden Häupter und darüber hinaus über die Flur.

Mit schwer verhaltenem Grimm hatte der Mönch all' das mit angesehen und angehört: wiederholt hatte ihn Secundus am Arme zurückgehalten, wie er vorspringen, sprechen wollte.

Nun hob die Priesterin wieder an: »Das war das Naß des alten Jahres. Das junge Naß des neuen Jahres hat die meiner Jungfrauen zu schöpfen, die wir im Weihtum alle die würdigste, die edelste nennen.« Sie schüttete nun das letzte Wasser aus dem Eimer und reichte ihn dem nächststehenden Mädchen, deren Schleier zurückschlagend: »Das aber ist – in unser aller Augen – Adaltrud, die Tochter der Anniona.« Da scholl ein dumpfes Stöhnen aus der äußersten Reihe der Umstehenden: es drang nicht bis zu der Priesterin und sie fuhr fort: »Komm, Adaltrud, tritt an meine Stelle. Nimm den Eimer, bekränze ihn, senke ihn hinab und schöpfe, du Liebling Berahtas, den Weiheguß für das junge Jahr.« Das schlanke, wunderschöne Mädchen, nicht mehr in erster Jugendblüte, das edle bleiche Gesicht wie geweiht von tief verschlossenem Weh, trat nun vor, den Eimer aus der Hand der Priesterin zu nehmen, sie – allein von ihren Gefährtinnen – trug nicht ein helles, festfreudiges Kleid, ein dunkelgrünes Trauergewand.

»Halt! Halt ein!« gellte da eine grelle Stimme und, die Reihen aller vor ihm Stehenden mit Gewalt durchbrechend, sprang der Mönch dicht vor die beiden Frauen: »Halt! Du sollst nicht deine Seele morden, wie die meine, Adaltrud. Hinweg von diesem Eimer der Hölle!«

Da hob sich unbeschreiblicher Lärm und Aufruhr, die Frauen wehklagten, die Männer schrieen, rissen die Schwerter heraus, zückten die Speere: »Nieder! Nieder der Neiding. Er brach den Frieden Berahtas!«

Jedoch hoheitvoll trat die Priesterin den Tobenden entgegen, hoch die Rechte hebend: »Schweigt! Schweigt alle! Nieder die Waffen! Ihr, ihr brecht den Frieden mit gezückter Waffe.« – Und nun flüsterte sie der bebenden Jungfrau zu: »Ist er's?« »Er ist's!« hauchte diese erbleichend. Da richtete sich die Frau noch höher auf, winkte der Menge mit der Hand zurück und sprach ruhig: »Dieser Fremdling, ein Franke, ein Christenpriester, wird umgetrieben von den rächenden Göttern. Er hat seinen Bruder erschlagen. Er ist von Unholden geritten. Man kann ihn nicht strafen.«

»Nicht?« schrie Paulus. »Laß sehn, ob ihr ihn nicht strafen werdet! Euere Brunnengöttin ist eine üble Teufelin. Ohnmächtig, sich selbst und ihre Heiligtümer zu schützen, – wie sollte sie euch schützen können? Schaut her! So wahr ich mit diesem Beil ihr Bildnis dort zertrümmere, so wahr ist Christus der einzige Gott und eure Götzin Kot.« Damit raffte er ein zu seinen Füßen liegendes scharf geschliffenes Opferbeil auf und führte, hoch ausholend, einen wütenden Streich gegen den Eimer, den Adaltrud erschrocken auf den Brunnen gestellt hatte.

Aber laut aufschreiend stürzte er zusammen.

Das Beil hatte sich bei dem gewaltigen Schwung aus dem Schafte gelöst und war ihm durch die Kutte tief in den linken Schenkel gefahren; stark blutend lag er am Boden. Viele Klingen waren flugs über ihm gezückt; allein die Priesterin spreitete ihren langen, weißen Mantel über ihn. »Haltet ein! Wollt ihr Frau Berahta mit Blut beflecken? Ich decke meinen Mantelfrieden über ihn. Die Göttin hat schon selbst gerichtet: wollt ihr, sie bessernd, ihr Urteil schelten? Zurück, alle zurück! – – Du, Suapo, hast ihn gehoft und gehaust? Du legst ihn sofort in deinen Kahn und schaffst ihn fort aus dem heiligen Lindeneiland, das er entweihen wollte. Dank dir, Göttin, für dein Urteil, das er selbst begehrte. – Nun, Adaltrud, reich mir die Hand. Sei stark! Und vollende dein heilig Werk!«

*

 

VIII.

Bald darauf führte Suapo in seinem Einbaum seine beiden Gäste auf des Mönches Wunsch nach dem nahen Eschen-Wörth, der heutigen Herreninsel, jetzt von ihrem Mönchskloster so benannt.

Secundus hatte die Wunde gewaschen und verbunden und mühte sich nun gutherzig, den Mönch aus dem finsteren, schweigenden Vorsichhinbrüten zu wecken durch allerlei Fragen und freundlichen Zuspruch; während ihr Ferge kein Wort, keinen Blick mehr dem von der Göttin gerichteten Frevler gönnte: – seinen Knaben hatte er nicht mehr in jenes Nähe geduldet –; über seine beiden Fahrgäste hinweg sah er starr und unverrückt nach der Waldspitze des Eilands aus, an der er landen wollte.

»Sprich doch,« mahnte Secundus, »wenn die Wunde nicht zu heftig schmerzt! Brennt sie?« »Nicht diese Wunde brennt,« erwiderte der Fremde, das Haupt schüttelnd. »Warum hast du nicht der Fagana widersprochen, als sie dich der Blutthat zieh? Denn ich mag nicht glauben . . .« »Sie sprach die Wahrheit.«

Da that Suapo einen mächtigen Stoß am Steuer.

Secundus aber rief, die Hand, die er zutraulich auf des Mönches Schulter gelegt hatte, erschrocken zurückreißend: »die Wahrheit?« – »Siehst du? Auch dir graut vor dem Brudermörder.« »Nicht, nicht! Nicht doch!« beschwichtigte der Alte und rückte ihm wieder näher auf der Schiffsbank. »Aber wie konntest du . . .? Und woher wußte die Fagana . . .?« »Sie . . . Adaltrud hat ihr's gesagt! – Aber auch du sollst alles wissen: bist du doch mein Bruder in Christo. Und uns demütigen untereinander ist unser aller Pflicht. Dann magst du mich verachten, hassen, auf jenem Eiland, sowie wir gelandet, verlassen und umkehren. – Vernimm! – Nicht lange schon trage ich dieses Gewand, diesen heiligen Namen. Childiwalt hieß ich und bin von edlem Geschlechte der Uferfranken: am reichsten Hof der Mosel, bei Trier, steht meiner Sippe Hantgemal! Ja, königliches Blut – Merowingenblut: – du, das ist heiß! – fließt in meinen Adern: meine Mutter war eine Tochter des Königs Chlothachar. Und gleich unserem Vater, dem Herzog Childibrant von Ripuaria, thaten auch wir Brüder, Childimer und ich, uns wacker hervor in König Sigiberts Heerbann: sie fürchteten uns Austrasier, sein falscher Bruder Chilperich und Frau Fredigundis, die schöne rotlockige Walandine.

Da kam sie, da kam Adaltrud, – aus einem eurer ersten Geschlechter hier im Lande, – in das Palatium König Sigiberts, in den Hofdienst von Frau Brunichildis. An einem Tage, in der gleichen Stunde, erschauten wir beiden Brüder sie, unter den Edelmaiden zu Metz die lieblichste, von elbischem Reiz. Aber Childimer, mein Bruder, war jünger, schöner, freundlicher: ihn zog sie vor! Sie achtete, sie ahnte gar nicht die lodernden Gluten wilden, heißen Verlangens, die mich verzehrten – ach, die sündigen schlugen heut' aufs neue empor bei ihrem Anblick – nach all diesen Jahren der Kasteiung! Da! sieh den Stachelgürtel, den ich unter der Kutte trage!

Eines Abends traten mir beide in dem Vorgemach Brunichildens entgegen: – Hand in Hand! Ihre Augen strahlten vor Seligkeit! ›Soeben,‹ rief mir der Bruder zu, ›hat die Frau Königin uns verlobt!‹

Da ward mir's schwarz vor den Augen und rot zugleich wie Blut, ich riß das Schwert heraus und stieß ihn nieder.«

»Den eigenen Bruder!« sprach der schweigsame Ferge entsetzt. »Das ist der Frevel größter.« Secundus seufzte tief auf.

Der Mönch schüttelte sich in leisem Schauer: »Sein heißes Blut spritzte mir ins Gesicht, nie vergeß ich des Sterbenden brechenden Blick: ich seh' ihn immer, seh' ihn auch jetzt! – Laut aufschreiend warf sie sich über ihn: herbei eilten die Antrustionen, sie fesselten mich. Am Tage darauf ward ich vor das Pfalzgericht gestellt: das sprach mir das Leben ab: Bruch des Pfalzfriedens, Bruderblut . . .! Aber in meine Kerkerzelle, mich zum Tode vorzubereiten, trat . . . Er!« Er hielt inne, kopfnickend, vor sich hinschauend, wie in die weite Ferne.

»Wer?«

»Der wunderbarste, gewaltigste Mann, den ich je geschaut: Columba, der Mönch aus Irland!« – »Ich habe von ihm gehört. Adalfrid der Faganing, wie er vom Hof zu Metz zurückkam, erzählte von ihm: er sagte, der Mönch sei wie ein feurig Schwert.« – »Das ist er: in Gottes Hand ein feurig Schwert, um auszubrennen alle Sünde. Das will aber sagen: alle Weltlichkeit: denn alles Weltliche ist Sünde, ist verteufelt. Er hat die tief in alle Erdenlust versunkene Priesterschaft im Frankenreich emporgerissen mit eiserner Hand, er hat das wuchernde Unkraut mit Gewalt aus ihren Herzen gejätet, ob manches darob verblutete: er hat in der tiefsten Einsamkeit des Wasgenwaldes drei Klöster gegründet – mit furchtbar strenger Zucht . . .« »Viel grausamer,« meinte der Faganing, »als die Kerkerzucht der kettengebundenen Verbrecher.« – »Ja, sie ist hart, aber sie hat mich gerettet. In den ersten Stunden schon seines Besuchs in meiner Haft hat dieser gewaltige Mönch aus Banchuir mit der Kraft seines Geistes den Menschen, den Weltling in mir gebrochen für immerdar. Mein innerstes Mark hat er zermürbt mit der Macht seiner Rede, und wie weiches Wachs zerschmolzen mit seiner Glaubensglut all' meine Mannheit: wie mit Hammerschlägen hat er mir zerschmettert nicht nur Trotz und Stolz, nein, alle Heldenschaft. Ich lernte die Welt, den Staat vor allem hassen und verachten. Hat doch Columba seinen eigenen König Theuderich, den Sohn Sigiberts, einen Hund genannt.«

»Und der Schuft lebt noch?« rief Suapo, inne haltend im Rudern. Dann spie er aus und steuerte weiter. Auch Secundus schüttelte den Kopf. »Das ist doch . . .« »Heiliger Eifer ist es, wohlgefällig dem Herrn. Denn Reich und Staat und Heldenschaft und Königschaft ist – wie die ganze Welt – Teufelswerk.«

»Die Welt Teufelswerk?« warf der Alte schüchtern ein. »Mein Vater lehrte mich doch einen Spruch . . . wie hieß er doch? Ja: im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« »Gott schuf sie: aber der Teufel durchdrang in dem Sündenfall alle Kreatur. Der Heilige – er thut bereits lebend Wunder, nicht wie andre nach ihrem Tod an ihren Gräbern mit ihren Knochen! – hat an mir sein größtes Wunder gethan: er schuf aus einem stolzen Frankenhelden mit allen Freuden, Lüsten, Leidenschaften der Weltlichkeit einen zerknirschten Sünder, der alles Irdische verachtet. Höre nur. Ich ersehnte den Tod. Nach ein paar Nächten führten mich die Fronboten, geleitet vom Pfalzgrafen, in die kalte Ecke gen Mitternacht, hinter dem Palatium an der Mosel. Ich sah die Weidenschlinge an dem entlaubten Ast der Eibe über meinem Haupte im Morgenwinde wiegen: ich stieg die Sprossen der Leiter hinan: meine Kniee zitterten nicht dabei: Columba lobte mich darum, wie er mir zum letztenmal die Hand drückte: nun war ich oben: nun schob mir der Henker, der auf dem Baume saß, den Kopf bis an die Gurgel in die Schlinge: nun stieg er die Leiter hinab, nun sprang er zur Erde, nun faßte er die Leiter, sie unter meinen Füßen wegzuziehn; ich empfahl meine Seele dem Herrn . . ., da rief der Heilige mit seiner erzdröhnenden Stimme – sie scholl mir wie die Posaune des jüngsten Gerichts: – ›Halt! Childiwalt ist in diesem Augenblick gestorben, Paulus lebe, ein Mönch, mein Mönch. Er lebe nur noch dem Herrn und mir, nicht mehr der Welt. Die Königin hat ihn auf meine Bitte begnadigt, ihn mir geschenkt. Aber er sollte die Qual der Todesstunde schmecken, das wollte ich, auf daß er das Leben verachten lerne.‹

Ich glitt die Leiter hinab, stürzte ihm zu Füßen, küßte ihm die hagern Hände und stand auf – nicht mehr ein Mann, ein Franke, ein Krieger, . . . ein willenlos Werkzeug in der Hand des Gewaltigen, wie dieser Stab hier in der meinen.« »Nun versteh' ich erst manches an dir,« sprach Secundus kopfnickend. »Er nahm mich mit in das einsamste seiner Klöster, das er in dem wildesten Gebirgswald des Wasgengaus erbaut hat, in den Trümmern alter römischer Bäder und Göttertempel. Jahrelang hat er selbst dort meine Zucht geleitet: – seine Hand hat mir den Stachelgürtel angelegt: ›nie dürfen sie ganz zuheilen, die eiternden Wunden, die er dir stechen wird‹: – so sprach er dabei – ›wie dich der Gewissensbrand brennen soll fort und fort.‹

Als ich ihm nun vor einigen Wochen von jenem Traumgesicht erzählte, erlaubte, ja befahl er mir, hinauszuziehen, wie mein Herz begehrte, allein, ohne Waffen, und die Heiden im Ostland zu bekehren. Jedoch mit euch soll ich nur den Anfang machen: von hier soll ich, verlass' ich euer Land – (ich hoffe aber, es nicht mehr lebend zu verlassen, –« schaltete er ein mit einem seltsam siegesgewissen Blick auf die nun ganz nahe gerückte Eschen-Insel –) »soll ich die noch viel rauheren Slovenen in ihrem Ödethal Pustriza und zuletzt die wildesten von allen aufsuchen, die sich selbst Söhne des Teufels nennen: – die Avaren.«

»Wir sind zur Stelle,« sprach Suapo und schob den Einbaum mit dem Ruder vollends auf den Ufersand. »Steigt aus. Und nie mehr, Alter, bringe solchen Gast an meinen Herd.«

*

 

IX.

Langsam nur stiegen die beiden von dem Landesteg auf der Nordostseite der Insel den ziemlich steilen Hang hinan, auf dessen Krone ein stattlich Gehöft weiten Ausblick über die Wipfel des Inselwaldes hinweg nach allen Seiten über See und Land gewährte.

Den Schritt des Mönches hemmte gar oft der Schmerz der Wunde: Secundus stützte ihn auf der Linken. Dazu kam, daß die Sonne – es war jetzt Mittag vorüber – stechende Strahlen senkrecht niederschoß, die heiße Schwüle wollte sich in einem Gewitter entladen: schwarzes Gewölk, dicht geballt, drohend ragenden Türmen vergleichbar, war zuerst über der Kampenwand aufgestiegen und verbreitete sich rasch, weithin den Himmel überziehend: schon hörte man aus jener Richtung grollenden Donner näher dringen.

»Ich that nun nach deinem Willen, Bruder Paulus,« sprach der Alte, wie sie erschöpft eine Weile im Grase ruhten, »bald wirst du vor dem Fagano stehen: ich wußte, er weile heute dort oben in seinem Jagdhaus: denn ich sah, von weitem kenntlich, auf dem First seinen Gunfanon wehen: er jagt hier oft auf allerlei Wild, dessen der Inselwald mancherlei birgt. Nun gedenk' aber auch meiner Bitte: sei behutsam! Dies ganze Eiland gehört dem Mächtigen: ihm ist auch zu eigen das Weihtum Wuotans auf der Insel, über das er die Schirmgewalt hat: denn nicht Arno, unser Richter, hat hier den Strafbann über alle Missethat wider das dem Gott Heilige, sondern er, der Schutzherr! Reize nicht des Gewaltigen Zorn! Der Fagano ist edeln Sinnes: aber er ist ja selbst von Wuotan entstammt . . .«

»Also auch ein echter Sohn des Teufels – wie der Avar!« grollte der Mönch. – »So glaubt er und rühmte er. Fürchte daher seinen . . .« »Ich fürchte Gott den Herrn und verachte den Teufel und alle seine Kinder und Werke. Feindschaft hab' ich gelobt und Kampf Wuotan und allen, die seine Genossen sind,« erwiderte er mit flammenden Augen. »Mich dürstet danach, diesen vornehmsten der Heiden zu bekehren!« »O das hoffe nicht!« »Dann werd' ich ihn demütigen vor allem Volk! Hörst du, wie der Donner des Herrn mir Beifall ruft? Da, das war ein Blitz! Ganz nahe schon. Schwere Regentropfen fallen. Komm, hilf mir auf! Wir sind ja wohl schon bald oben. Ist das des Heiden Hof?« »Ja, sein Jagdhaus. – Nun hier rechts, die Stufen hinan!«

Zwei Gewaffnete hielten Wache an dem oberen Ende des Aufstiegs, von wo man diese Seite der Insel übersah; einer von ihnen versprach dem Alten, den er kannte, den Fremdling sofort vor den Edelherrn zu führen.

Der saß vor dem stattlichen Holzgehöft auf dem breiten, von einem Dach überdeckten Vorsprung, zu dem mehrere Steinstufen emporstiegen, auf der an die Vorderseite des Hauses gezimmerten Langbank neben der Thüre; ihm zur Rechten sein Neffe Ragino, zu seiner Linken zwei erheblich jüngere Männer, ebenfalls in der schmuckreichen Gewandung von Adalingen: Hachirat und Hachifrid waren Sprößlinge des Adelgeschlechts der Hachilinga, die auf dem rechten Isarufer, nahe der Stätte, von wo man es später »zu den München« nannte, ihren Stammsitz hatten; ihr Vater hatte sie vor kurzem zu dem Fagano gesendet, der ihnen dann alsbald, nach Erprobung ihrer Waffenrüstigkeit, die Schwertleite erteilte und sie als die vornehmsten Glieder in seine Gefolgschaft aufnahm.

Neben dem Neffen und den beiden Adalingen saßen viele andere Gefolgen, nach Abstufung ihrer Würdigung durch den Gefolgsherrn, näher oder ferner ab von diesem.

Das Jagdmahl war zu Ende: Knechte trugen die letzten Schüsseln ab; ein mächtig Horn, dem Wisent abgenommen, am schmalen Ende wie am Ausfluß in Silber gefaßt, kreiste von Mund zu Mund.

Zur Linken von dem Aufstieg ragte an dem Südosteingang des dichten Inselwaldes, nur einen halben Speerwurf von dem Hause entfernt, das Wuotanweihtum des Eilands: eine riesige uralte Esche, ein Sinnbild der Weltesche, der Irminsul der Sachsen ähnlich: sie trug auf der dem Hause zugewandten Seite des Stammes, aus diesem herausgeschnitzt, in rohen Umrissen das lebensgroße Bild des Gottes: der Schreckenshelm auf seinem Haupte sträubte zwei wirkliche Flügel des Seeadlers nach vorwärts, seinen Rücken umwallte der faltig geschnitzte Mantel, dunkelblau gefärbt, seine zwei Raben hockten auf seinen Schultern, der Speer ruhte an dem rechten Arme, an den linken hatten sie ihm einen reich mit goldnen Buckeln geschmückten runden Erzschild gehängt: der trug den Donnerkeil des Jupiter: denn vor vielen Jahrzehnten hatte ihn ein Fagano, damals noch ein Gaukönig, dem von ihm erschlagenen Tribun der letzten Legion, der secunda Italica, pia, abgenommen, die den von der Donau her vordringenden Markomannen und Quaden den Weg von Salzburg nach Nordwesten hatte verlegen wollen: es war die letzte Römerschlacht der Sieger: den »Siegesschild« hatte ihn der Erbeuter genannt und Siegvater dargebracht.

Jagdgeräte, Jagdwaffen, Bogen, Pfeile, Wurfspeere lehnten überall an der Brüstung, die den um das Haus laufenden Gang nach außen abschloß. Zu diesem Gange schritten jetzt die Ankömmlinge die Stufen hinan. Der Adaling warf einen forschenden Blick auf den Mönch, der hoch aufgerichtet emporstieg, sonder Gruß, während Secundus sich scheu verneigte.

»Du bist ein Christenpriester. Was willst du mir?« – »Deine Seele retten vor den ewigen Flammen, dich losreißen von deinen falschen Göttern.« Der Fagano schlug die goldbraunen Adleraugen groß auf: »Weiter nichts? – Deine Züge mahnen mich an . . . an alt vertraute. Ja, ja, du bist Childiwalt, Herzog Childibrands Sohn: oft stritt ich Schild an Schild neben deinem Vater. Er war ein Held. Du – du bist Mönch geworden – ich hörte viel davon! – – Sprich, was hast du zu sagen?«

Da krachte, die Antwort des Gefragten abschneidend, ein Donnerschlag laut rollend über die Insel hin: alles Blau des Himmels war jetzt von schwarzem Gewölk überzogen: grell hatte der Blitz hart vor der Insel in den See geschlagen. »Habt ihr's gehört?« rief nun Paulus. »An meiner Statt hat Gott der Herr selbst gesprochen. Du, Adaling, bist der Gewaltigsten einer in deinem Volk, der ehrenreichsten. Aber deine Gewalt ist Moder und dein Ehrenruhm stinkt gen Himmel. Es kommt der Tag, da dein starker speervertrauter Arm sich nicht mehr heben kann, da die Kraft deiner Lenden, mit denen du jetzt den Streithengst zusammenzwingst, Würmer zerfressen! Was hast du dein Leben lang gethan? Nicht bloß gejagt und gezecht, – ich weiß! – auch dein Blut vergossen im Kampfe für dein Volk . . .« »Ist das nichts?« rief der junge Hachifrid und wollte aufspringen. Aber der Gefolgsherr drückte ihn auf die Bank nieder. Ragino warf höhnend die Lippe auf, der Mönch fuhr fort: »Schlimmer als nichts! Sünde ist's, weltlicher Hochmut, vom Teufel eingeblasener Stolz und Ruhmdrang.« Die Waffengefolgen murrten laut: der Fagano hob die Hand: – sie schwiegen. »Ah, das mißfällt euch, ihr Weltlinge in eurem Heldenwahn? Aber Sankt Augustinus lehrt: die Tugenden der Heiden sind nichts als glänzende Laster.« »Das ist eine sehr freche Lüge. Ja, niederträchtig ist dies Wort!« sprach der Fagano, ganz langsam und scheinbar ruhig: aber eine rote Blutwelle stieg ihm zu Kopf: mit Mühe offensichtlich verhielt er seine Empörung. »Gut ist nur,« fuhr der Eiferer fort, »was wir thun, weil Gott durch übernatürliches inneres Licht uns wunderhaft erleuchtet hat, durch den Glauben. Das stolze Wort: ›Pflicht, Pflichterfüllung‹, ist eitel Ruhmrede der Heiden, ist Sünde, weil sie nicht geschieht im Glauben.« »So?« meinte der Adaling. »Nun, Mönch, ich trage sieben Narben am Leib, von Wunden, die mir im Vorderkampfe für mein Volk geschlagen wurden. Das sind also sieben Sünden?« – »Siebzig Sünden sind's! Denn Hochmutsünde wird zehnfach gewertet: du hast jede Wunde hingenommen in sündigem Hochmut der Heldenschaft, für die Welt kämpfend, ein Weltling.«

Der Fagano strich nun leise lächelnd über den ergrauenden Bart, der ihm den fein geschnittenen Mund umsäumte: »Hei, hei, Mönch! Hab' ich doch in solchen Kämpfen dort unten an der Donau auch Eure Basiliken vor wilden Slovenen beschützt.« – »Meinst du, unser Gott bedurfte dazu deines Armes?« – »Nun, ich habe keinen seiner Engel – Cherubim heißen sie, nicht? – neben mir im Speerdrang fechten sehen. – Aber lassen wir Eure Basiliken! Ich habe dieses Reich der christlichen Franken, – du selbst bist ja ein Uferfranke! – diese Lande der Bajuvaren verteidigt . . . das ist also nichts?« – »Ich sagte es schon: schlimmer als nichts, Sünde ist's. Denn woher sind Reich und Recht gekommen? Gab's im Paradiese Staat und Reich und Heer? Der Sündenfall, die Schlange, der Teufel des Abgrunds erst hat Recht und Staat notwendig gemacht: und zugleich mit dem Teufel werden sie dereinst untergehn am jüngsten Tage. So lehrt Sankt Augustin. Der Staat wie alles Weltleben zieht vom Beten ab, lenkt den Blick vom Himmel auf die Erde; so warnt Columba, – jetzt schon ein Heiliger – aber nicht die Erde, nicht Euer Bayerland ist Eure Heimat . . .« »Was? nicht meine Heimat?« rief der junge Hachirat und sprang auf. »Jetzt schlag' ich ihn tot.« »Laß ihn doch ausreden,« mahnte der Fagano. – »Sondern das Jenseits dort oben!«

Ein krachender Donner unterbrach ihn: kaum war das Rollen verstummt, als er fortfuhr, die Hand gen Himmel reckend: »Hört ihr die Stimme des Herrn aus den Wolken?« »Aber,« meinte Hachifrid mit verächtlichem Blick, »darf sich der Mann nicht wehren? Sieh, wilde Feinde brechen in die Mark, verwüsten uns Erbe und Eigen . . .« »Der Mensch hat kein Eigen auf Erden! Soll nicht haben, was ihn an irdisch Gut bindet! Des Menschen Sohn hatte nicht, wohin sein Haupt betten. Sondereigen ist Habgier. Allen hat Gott die Erde gegeben, die Schüler des Herrn hatten alles gemein. Vor dem Richter streiten um Geld und Gut ist Sünde. Nie gelangt ein Reicher ins Himmelreich. Eher gelangt – wie soll ich euch das klar machen? – eher dringt ein Auerstier durch ein Schlüsselloch.« Da lachten die Gefolgen.

»Aber,« meinte Hachirat – »verstatte, Herr, daß ich ihn frage, – die Feinde bedrohen ja nicht nur mein Eigen, sie bedräuen mit dem Tode meinen alten Vater, meine Mutter. Soll ich diese Feinde nicht . . .?« »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, lehrte der Herr, wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden.« – »Mensch, ich sagte: Vater und Mutter! Hörst du?« »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, spricht der Herr, wer nicht hasset seinen Vater und seine Mutter und mir nachfolgt, der . . .« »Gut, daß dich mein Adalfrid nicht hört, der haßt mich, fürcht' ich, wenig,« unterbrach der Gefolgsherr. »Ich meine, unsre Zwiesprach ist bald zu Ende. Sage noch, Mönch, der Slovene reißt mir den Mantel ab, der Avare schlägt mir ins Gesicht, soll ich das . . .?« »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, dem Räuber, der dir den Mantel nahm, dem gieb das Wams dazu und wer dir die rechte Wange schlug, dem beut die linke zum Schlage!« »Und Mannesehre?« rief der Fagano. – »Ist eine Wahngeburt der Hölle!« »Uns heißen unsre Götter allzeit um Ehre werben!« rief Hachifrid. »Eure Götter! Was sind sie denn? Holz und Kot. Ah, da seh ich, im grellen Schein des Blitzes, an jenem Baum das Abbild eures obersten Götzen. Ihr sollt sehen: – er ist Holz, ist hilflos, ist tot.«

Damit raffte er den vor ihm an der Brüstung lehnenden Jagdspeer auf, sprang die Steinstufen hinab, lief auf die Esche mit dem Wuotansbild zu und holte aus zu mächtigem Wurfe.

Da geschah ein Blitz und ein Donnerschlag, furchtbarer denn alle zuvor, das Gehöft erbebte dröhnend in seinen Grundfesten: alle sprangen auf: der Mönch war rücklings niedergestürzt. Hart vor ihm war der Blitz in die Erde gefahren.

Der Fagano und die Seinen eilten die Stufen hinab und halfen Secundus, den Betäubten aufrichten.

»Schaut her,« rief der Inselherr, »seht. Der Speer! Der Blitz hat die Eisenspitze des Speers geschmolzen. Donar hat den Frevel abgewehrt von seinem Vater.«

Verächtlich sah der dunkle Ragino auf den Wankenden: »Schmeißt ihn in den See, den Elenden.«

»Nein!« gebot der Oheim. »Er ist straflos: wer solche Worte spricht, spricht irre. Er ist von den Göttern gezeichnet. Darum fort mit ihm. Ihr Hachilinge sorgt, daß, sobald der See sich beruhigt hat, ein Knecht in einem Kahn ihn wegschaffe und über unseres Gaues und aus Bajuvariens Marken führe.« –

»Ja, ins Slovenenland,« bat Secundus, »dorthin trachtet er.«

»Er hat die Götter beschimpft, Herr,« mahnte ein alter weißbärtiger Gefolge, »er sollte nicht leben!«

»Die Götter, Freund Wolfgrim, schweben so hoch, – kein Menschenmund mag sie beschimpfen. Und dieser vollends ist ein Narr.«

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