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Vom Chiemgau

Felix Dahn: Vom Chiemgau - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/dahn/chiemgau/chiemgau.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleVom Chiemgau
booktitleVom Chiemgau ? Ebroin ? Kämpfende Herzen
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke - Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 2
illustratorHugo L. Braune / H. Grobet / Hans W. Schmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20110410
modified20160412
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Erstes Buch.

I.

Es war an einem Frühlingsabend des Jahres fünfhundertsechsundneunzig nach Christus.

Da saßen zwei Männer auf der Bank vor dem stattlichsten Gehöft des kleinen Weilers an dem linken Ufer der Alz, den die Römer Bedaium genannt hatten, aber die von der Donau her einwandernden Bajuwaren, die seit etwa hundert Jahren hier siedelten, »zur Seebrücke«, weil hier weiland die Römerstraße den Fluß hart am Auslauf aus dem See überbrückt hatte; die Brückenbalken hatten die abziehenden Kohorten hinter sich verbrannt: nun führte über die stehengebliebenen gemauerten Pfeiler nur ein schmaler schwankender Laufsteg, den die neuen Anwohner darauf gelegt.

Jener Hof, der Arninge ragende Heimstatt, stand auf der Anhöhe, über die heute nördlich von Seebruck die Straße nach Seeon führt: so gewährte er weithin die Schau über Fluß und See und die fernher grüßenden Berge.

Die beiden Männer, von etwa gleichem Alter – rüstige Fünfziger – sahen sich, obwohl nicht verwandt, ähnlich: der kernfeste schlichte Ausdruck der hart und ein wenig grob geschnittenen Gesichter, der steten grauen Augen war der gleiche, gleich die bemessene Ruhe der seltenen Bewegungen, gleich auch die wortkarge Rede, die den Gedanken mehr andeutete, erraten ließ als aussprudelte.

»Hm,« meinte der Ältere der beiden, mit dem Ende des Speerschaftes Kreise zeichnend in den weißen Sand vor seinen Füßen, »manch' gedeihlich Geschäft haben wir gedingt diese vielen Winter her, Arno. Und das Angebot, das ich dir heute zutrug, wäre das gedeihlichste geworden. Aber du schlägst diesmal nicht ein in die hingereckte Hand.«

»Noch nicht, Nachbar Iso. Ich sage nicht Nein. Aber ich sage auch nicht schon Ja!« »Nun, ich dächte,« fuhr der andere fort, beharrlich weitere Kreise ziehend, und so die innere Erregung meisternd, »der Muntschatz, den ich bot, ist – auch für Arntrud! – nicht zu niedrig bemessen. Hundert untadlige Rinder – alamannischen Schlags, – eisengraue! – das sind – du weißt es – die besten.« Arno schwieg, »Und langt das nicht, – du wolltest mir schon lange gern meine zwölf fetten Hufen abkaufen – da drüben, rechts der Alz, abwärts gegen den Hof des Truchtlacho hin – sei's drum: ich lege sie zu! – Es ist mir – es ist mir um den Buben. Meinen einzigen! Der Baumstarke, der Bärentapfere« – des Vaters Augen leuchteten vor Stolz . . . aber rasch wich dieser Glanz trüber Trauer – »es frißt an ihm – es verzehrt ihn. Ich biete auch noch . . .« »Schon zuviel, Iso, hast du geboten,« erwiderte nun der andere, leicht die Rechte hebend. »Ich würde von dir gar geringen Muntschatz heischen für das Kind. Aber eben: sie ist noch ein Kind. Ich kann sie noch nicht in den Schuh des Ehemanns treten lassen. Laß doch die beiden – wie bisher! – noch weiter als Kinder – als Nachbarkinder – nebeneinander hinleben.« »Mein Isanbert ist aber kein Knabe mehr. Und dann . . .« Er stockte. – »Und dann?« – »Ich meine . . . und er fürchtet . . . auch die Blondgezöpfte ist nicht das Kind, für das du sie hältst. – Oder . . . ausgiebst.« – »Ausgiebst? Ich pflege nicht zu lügen, Nachbar.« – »Nicht andern. Aber hier vielleicht – dir. Du täuschest dir vor, die Sechzehnjährige sei ein Kind, weil du . . .« »Nun, weil?« fragte Arno, möglichst ruhig, gleichgültig im Klang der Stimme. Aber er konnte nicht verhindern, daß eine rote Blutwelle in seine tiefgebräunten Wangen stieg. »Weil du Zeit gewinnen, abwarten willst. Weil du dir selbst noch nicht eingestehen magst, wo du hinaus willst mit dem schönen Mädel. Hoch hinauf! So hoch wie – da drüben die Kampenwand.« – »Vielleicht,« erwiderte Arno langsam, ihm voll in die Augen sehend. »Vielleicht hast du recht,« »Siehst du!« rief der andere bitter. »Damit nämlich hast du recht: mir war's nicht klar geworden, bis du es aussprachst – unvorsichtig! Geister kommen, nennst du sie bei Namen.« – »Hüte dich vor diesem Geist: – Hochflug heißt er. Gleich mit gleich gedeiht am besten. Der Falk schlägt das Feldhuhn, er freit es nicht. Willst du, unter uns Gemeinfreien der Erste, der Richter der Markgenossenschaft des ganzen Untersees, dein Kind emporheben unter die Edelfreien, daß es auf jener Höhe gering geachtet werde?« »Bei Donar, nein!« rief Arno. »Weh jedem, der uns gering achten wollte. Aber – winkt mir jener Wunsch, – es ist mir nicht um mich oder um das Kind. Es ist mir nur – um die Mark, um das Ganze. Das darf ich sagen.« – »Du darfst es sagen. Andere würden's lügen.«

»Sieh, Freund,« begann der Richter, tief Atem schöpfend und, voll Bedachtes, langsam sprechend, »auf der Eintracht zwischen uns und den Edelfreien ruht das Gedeihen, ja die Erhaltung all' unserer Höfe, der ganzen Mark. Was die Eintracht stärkt, stärkt uns alle. Und wahrlich: wir können solche Stärkung brauchen: – wir wie die Adalinge.« – »Gut, daß nicht Harlacho – da drüben unter seinen Weiden am See – dich hört, der grimme Adelshasser! Laut würde er schreien, daß wir sie nicht brauchen, die Hochmütigen.« – »Hochgemut dürfen sie sein, die götterentstammten, uralten Geschlechter,« – »Sie sind aber gar oft – darüber hinaus! –übermütig, selbstisch, voll Überhebung . . .« »Ich meine, ich höre Harlacho,« lächelte der Richter. »Laß ihm doch noch ein paar Schmähworte übrig. Und – unter uns alten Freunden geraunt! – sind nicht unter uns Gemeinfreien gar manche gehässig, neidisch gegen die Adalinge? Wir gehören so notwendig zusammen wie Schild und Schildbuckel. Und doch! schon oft hat in diesen Jahrzehnten der Freiheitstrotz der Unsern, und – ich muß es einräumen! – der Übermut manches unter unsern Adalingen, den Faganos an der Prien da drüben, das Schwert der Fehde halb aus der Scheide gezogen.« – »Um zu verhüten, daß es vollends herausfahre, hast du ja vor zwei Wintern den Beschluß des Herbstdings durchgesetzt, daß keine Sippe für sich allein den Fehdegang beschließen dürfe, nur das Handmehr aller Markgenossen.« – »Ja, so hoffe ich die Gefahr zu bannen. Denn es werden sich neben den Stimmen der Ergrimmten stets vernehmen lassen die mäßigenden der nicht selbst Verletzten. Aber freilich, zugestehen mußte ich den zweiten Beschluß, daß, verlangt das Handmehr den Blutgang, jeder Markgenoß die Fehde als eigne aufnehmen, mitkämpfen muß, Nun, das wird wohl nie werden. Denn gegen solche Übermacht der gesamten Märker wird wohl keine Sippe die Fehde auf sich nehmen, jede wird sich der Sühne, dem Rechtsgang fügen.«

»Es ist das, mein' ich, in all diesen Jahren das Weiseste was du geraten: ich gönne, ich wünsche dir, daß du die Frucht dieser Saat einst selbst ernten mögest. Wir müssen zusammenstehn, du hast recht. Denn wir sind viel bedroht.« – »Ja, wie die Weltesche, an der überall Feinde nagen: – an den Wipfeln wie an den Zweigen und an den Wurzeln. Und die Helfer – sind weit.« »Und anderwärts vollauf in Arbeit,« nickte Iso. »Seit etwa fünfzig Wintern, als die Frankenkönige, übermächtig, nachdem sie unsere Nachbarn in Niedergang und Mitternacht: Alamannen und Thüringe, bezwungen, eines ihrer Adelsgeschlechter, die Agilolfingen, über unsere fünf alten gauköniglichen erhöht haben, ist uns doch von jenen Merowingen – fern drüben über dem Rhein! – noch niemals Hilfe gekommen wider unsere schlimmen Nachbarn im Aufgang, – die Slovênen. Und nun soll ein neues Reiter- und Raubvolk, von Unholden, in der Steppe von Nachtelben mit Alraunen gezeugt, aufgekommen sein, greulich, von viehischen Sitten. Und bis an die Enns schon sollen ihre kleinen zottigen Gäule traben.« – »Ich hörte davon. Aber wie heißen sie doch?« – »Awaren! Schweifende, soll das heißen in ihrer Sprache. So hat ein aus ihrem Volk Gefangener – in einer Schlacht bei Linz – dem Fagano bedeutet. Woher soll uns Hilfe kommen wider alte und neue Feinde? Nicht von den Merowingen, nicht von den Austrasiern zu Metz! Zur Zeit waltet dort – so berichtete des Fagano Sohn . . .« »Jener Adalfrid,« unterbrach Iso grollend. »Du siehst sie nicht selten, die Adalinge, den Sohn wie den Vater.« »Und leider auch – öfter als mir lieb! – den frechen Neffen,« meinte der Richter, die Brauen furchend. – »Nun, Adalfrid, der Sohn, ward von unserem Herzog Tassilo zu Regensburg zu den Merowingen übern Rhein gesandt, Hilfe zu erbitten wider die Slovenen, die von Südosten her die Gail und Drau heraufdringen: – schon lange haben sie ein Thal verödet und dann Pustriza – ödes Thal – genannt. Wenig Trost brachte der junge Adaling aus Metz zurück! Dort waltet zwar eine hehre Königin, Frau Brunichildis, wacker für ihren wehrunmündigen Sohn. Aber sie konnte keine Heereshilfe versprechen. Denn eine böse Walandine, rotlockig, aber zauberschön, – Loges Tochter soll sie sein – bedroht ihr Land unablässig mit Krieg: Fredigundis nennen sie die Leute und zittern bei dem Namen! Unser Herzog aber hat Arbeit genug mit den Slovenen. So müssen wir uns selber helfen und Eintracht halten mit den Adalingen. Und deshalb . . .«

»Und deshalb soll mein Bub das Nachbarmädel nicht haben, mit dem er von Kind auf gespielt, das er einmal aus der tiefen Alz da drunten gerettet, dem tückischen Neck entrissen hat.«

»Alle Götter mögen's ihm lohnen!«

»Aber nicht Frau Berahta: – scheint es, geht es nach deinem Wunsch. Denn danach soll dein Kind des Adalings Weib werden, der da sein Trutzhaus auf der halben Höhe der Kampenwand gebaut hat und der ihr freilich vieler anderer Höfe Schlüsselgewalt verleihen kann an der Prien und der Mangfall, an der Glon und dem Inn. Wohl weiß ich: es ist dir dabei nicht um den reichen Besitz und den Adelglanz: – dir ist's um die Mark. Deshalb haben wir dich zum Markrichter gekoren, als du kaum vierzig Jahre zähltest. Und gerecht und weise hast du des Amtes gewaltet diese zehn Winter. Und es ist auch wahr: der schöne Adaling ist gegen meinen starken Isanbert wie der Edelhirsch gegen den Ackergaul. Aber doch, Freund Arno! Möge es dich niemals reuen, dein Kind an die stolzen Faganos gehängt zu haben. Gedeiht die Linnenblüte auf der Kampenwand?«

Er stand auf, reichte dem Freunde die Hand, ging den Wiesenhang hinunter an die Alz und überschritt sie auf dem schmalen Laufsteg, von dem ab auf dem rechten Ufer der Weg zu der Höhe führte, wo sein Gehöft, das der »Isinge«, lag.

*

 

II.

Das wellige Gelände, das sich von den heutigen Dörfern Gstad und Breitbrunn gen Norden nach Seebruck hinzieht und meist von Kornfeldern und Wiesen, selten und undicht von Gehölz bedeckt ist, trug damals auf seinen Höhen fast undurchdringbaren, nur von schmalen Jägerpfaden durchschnittenen, Urwald, während die Niederungen von dem nach allen Ufern viel weiter ausgedehnten See mit Seichtwasser oder Sumpf überspült oder überzogen waren.

In dem über Manneshöhe ragenden Schilf mit seinen dunkelbraunen, bei jedem Lufthauch zierlich wiegenden Federblüten, stapfte hochaufspritzend der ungeschlachte Elch mit seinem mächtig breiten Schaufel-Geweih, wühlte der grunzende Wildeber, röhrte der stolze Hirsch.

Nur dicht südwestlich vor Seebruck hatten die Markgenossen oben auf den Höhen den Wald ein wenig gelichtet und seine nördlichen Ausläufer »mit hallender Hacke und brennendem Brand, mit beißendem Beil und flammender Fackel« ganz gerodet und geschwendet, sonnenbeschienene trockene Wiesen – die Almännde-Weide – für ihre Herden zu gewinnen.

In solche Nähe der Menschen mit ihrer lärmenden Hantierung wagten sie sich nicht, die gewaltigen Raubtiere jener Wälder: die Bären, die in den Felsenhöhlen der Kampenwand und des Hochgern nicht selten hausten, und die Wölfe, die nur in harten Wintern, vom Hunger getrieben, dann aber in starken Rudeln, gegen die Gehöfte trabten und die Ställe umheulten. Der Luchs freilich lag wohl auch in dem nahen Almänndegehölz, wagrecht hingestreckt auf dem seinem rotbraunen Fell ganz ähnlichen Eichenast; und manch verirrt Zicklein fiel seinem nie fehlenden Ansprung auf den Nacken zum Opfer; aber an Menschen traute er sich nicht; noch auch, außer im Wundzorn, die bösartige Wildkatze.

Daher gingen auch die Frauen und Kinder des Dörfleins furchtlos ihrer Arbeit nach in den Weidewiesen und dem gelichteten Hag der Almännde.

So wandelten denn am Morgen nach jenem Zwiegespräch vor der Arninge Hof aus dessen Pfahlwehre eine Jungfrau und ihr klein Schwesterlein Hand in Hand, dann aus dem Dorfe hinaus auf die nahe Waldwiese im Südwesten; die ältere trug auf der linken Schulter eine mächtige »Butte«, das heißt ein hohes schmales Gefäß aus weißem Lindenholz, während das Kind eine zierliche kleine Nachbildung dieses Bottichs in der Hand führte.

Es war noch früh am Tag. Die steigende Morgensonne warf einen breiten Strahlenguß, einer goldenen Brücke vergleichbar, von den Ostbergen her auf den regungslos liegenden, von keinem Lüftchen, keiner Welle gekräuselten spiegelglatten See.

Der Tau glitzerte und glänzte auf allen Grashalmen, allen Blüten: er näßte die Flügel der Wildbienen und machte es ihnen schwer, von Glockenblume zu Glockenblume zu fliegen: sie setzten sich klüglich auf die breiten Polster der Skabiosen, sich hier zu sonnen und die Flügel zu putzen und zu trocknen; über dem schönen dunkelroten Agelei schwebte, wählerisch den Rüssel in den Kelch tauchend, der hellgelbe Segelfalter.

Vom Dorfe her – im Rücken – scholl durch die morgenstille Luft ein lauter, langgezogener Schrei. Das Kind wandte das Köpflein. »Welcher Vogel hat da gesungen, Trudis?« – »Das war der neue, der große, mit dem roten Kamm, weißt du, den uns Secundus neulich mitgebracht hat von der Stadt – das ist ein großes Dorf – am Lech.« »Der Vogel mit seinen drei Frauen, den Eierhühnern? Er singt den steigenden Tag an: ›Tagsänger‹ nennen ihn drum die Nachbarn. Ich höre aber lieber,« plauderte die Kleine weiter, »das Girren und Gurren der weißen Taubenvögel, die dir der Gute schon früher gebracht: ich weiß nicht, woher. Aus Salzburg mein' ich? – Warum geht der Alte so oft es der Vater erlaubt in die Fremde?« – »Er sucht seinen Gott.« – »Ja aber, ist der nicht auch hier zu Land wie die Unsern?« – »Mag sein, aber nicht seines Gottes Priester.« – »Sind gar zahm geworden, die girrenden, binnen Jahr und Tag.« – »Sieh, da hinter uns glänzen ihre weißen Schwingen hoch in der Luft im Sonnenschein. Wie das blendet! Jetzt haben sie mich erschaut, erkannt! Sieh, wie pfeilschnell sie herangeflogen kommen! Kommt! Gurri-Gurri!« Und sie reckte den rechten Arm, heranwinkend, über den Kopf.

Alsbald flatterten, aus großer Höhe schräg sich herablassend, zwei weiße Tauben hernieder und setzten sich auf die beiden Schultern des schönen Mädchens, mit den gesträubten Flügeln zierlich schlagend, das Gleichgewicht zu suchen.

»So, so, nur ruhig! – Nun aber, Arnhild, komm und hilf bei der Arbeit.«

Sie hatten jetzt den Wiesengrund, der zu ihrem Gehöfte gehörte, erreicht; er erstreckte sich bis an die Bäume des Almännde-Waldes hin: zahllose Angerblumen des Lenzmonds neigten im nun leise beginnenden Morgenwind die Köpflein. Hier vorn, auf der lichtbestrahlten Wiese, lag es bunt wie ein farbenreicher Teppich – das weiß-rote Schaumkraut neben dem gelben Hahnenfuß und dem lichtblauen Frühlingsenzian leuchteten um die Wette im Sonnenglanz, während tief drinnen, im schattigen Grunde des Waldes, der Tüpfelfarn und die gelbe Goldnessel die purpurne Heidelbeerblüte überragten, an der mit dichtbestäubten Höslein die Hummel naschte.

Über den Grasanger hin waren lange Streifen von fein gesponnenem Linnen, säuberlich nebeneinander, zum Bleichen hingespreitet: die obere Seite schimmerte schon ganz weiß: nun wandte das Mädchen emsig Stück für Stück, die andere Seite dem Lichte zuzukehren. Dabei besprengte sie, auslesend, manche Streifen aus dem Holzbottich, den sie, wann geleert, nachfüllte aus dem Gerinnsel eines schmalen Wässerleins; das rieselte, an steileren Strecken in Holzröhren – durchbohrte Baumstämme – gefaßt, die geneigte Halde zu Thal, dem See zu.

Die Kleine half ihr eifrig dabei, mit ihrem Wasserkrüglein ebenfalls hin und wieder laufend. Nun aber hielt sie inne, setzte sich außer Atem auf den gehöhlten Baumstamm und fragte, die hellbraunen Augen weit aufreißend: »Trudis, woher kommt das Linnen?« – »Du weißt es ja – fort, fort, Gurro und Gurra, von den Streifen! – das Linnen kommt von dem Flachs.« – »Ja, den du spinnst an den langen, langen Abenden, wann die Frauen und Töchter der Knechte aus den Schalkhöfen bei uns zusammenkommen. Wer hat dich gelehrt, die Spindel so hurtig tanzen lassen auf dem Estrich?« – »Die liebe Mutter.« – »Ach, ich hab sie nicht gekannt. Du warst mir die Mutter! Aber wer hat es die Mutter gelehrt?« – »Die Großmutter.« – »Ja aber, wer hat's die erste, die aller-aller-erste Großmutter gelehrt?« – »Das hat gethan Frau Berahta, die hohe Herrin, aller Hausfrauen oberste und Vorbild. Hold sei uns die Hehre immerdar!« – »Und wo kommt der Flachs her, der dort drüben jenseit des Moosrieds aus den Schollen wächst?« – »Der? Der kommt aus dem Samen von älterem Flachs.« – »Ja aber – von Anfang – ich meine: wer war die Großmutter des Flachses?« Die Schwester lachte: »Den ersten Samen hat in die braunen Schollen gesteckt Gott Frô, von dem aller Körner Gedeihen stammt; weißt du, der, zu dessen heil'ger Buche die Gauleute fahren und reiten, wann der erste Reif über die Felder fiel, ihm Roß und Rind fürs nächste Jahr durch Opfer von Weizenbroten zu empfehlen.« – »Ja aber . . .« – »Was denn wieder, kleines Abermäulchen? Du kannst leichter fragen als ich antworten.« – »Ja aber, es ist doch nicht Frô, der den Roggen reckt und die Hirse hebt,« – »Das hast du gut gemerkt aus des Vaters Opferspruch um Ernte! – Nein, das ist Donar, unser, der Pflugleute, nächster Herr. Er befreunde uns Acker und Eigen! Und feste den Frieden!« – »Aber Donar ist doch nicht der Mächtigste.« – »Wird wohl mächtig genug sein für dich, du Kecke!« – »Ja aber, da meinte jüngst der Adaling . . .« »Welcher?« fragte das Mädchen rasch und hielt inne im Sprengen des Wassers. »Wen von ihnen hast du zuletzt gesehn?« – »Nicht den Guten: – den Argen, den Ragino.« Arntrudis nahm die Arbeit wieder auf. »Er hielt,« fuhr die Kleine eifrig fort, »von der Wisentjagd zurückreitend, vor unserer Hofwehre: scharf spähte er, hoch hob er sich in den Bügeln darüber hinein, als wolle er mit seinen kohlschwarzen Augen durch Holzwand und Hausthür schaun: dann verlangte er Wasser für seinen Rappen, der war ganz verlechzt: Schaum sprühte von den Nüstern. Der Adaling befahl . . .« »Er befahl?« fragte Arntrudis, die Stirne furchend. – »Ja, recht barsch. Ich erschrak: ich wollte aufspringen von der Thürbank und an den Hofbrunnen laufen, aber Nachbar Isanbert, der gekommen war, den Vater zu holen zum Hechtstechen, hielt mich zurück: er haschte mich am Zopf – es that weh! – und rief: Halt, Hilde. Wie spricht deines Vaters Spruch?

Gutem Gast gieb Gewährung,
Dem Bittenden beut,
Wes er bedarf und begehrt:
Doch herrischem Heischer
– Und wollt er nur Wasser –
Weigre den Wunsch.

Da rief der Reiter zornig – er stieß dem armen Roß den Sporn in die Flanke, daß es hoch bäumend stieg –: ›Verschmachten soll mir der Hengst, eh der Adaling euch bittet, ihr Keucher hinter dem Pfluge. Hoch wie der waltende Wuotan über eurem Garben-Gott ragt der Adel über euch Gemeinfreien!‹« »Der Übermütige!« grollte das Mädchen. »Vor des Vaters Hof!« – »Und sprengte wild an uns vorbei durch eine Wasserpfütze, daß der Schmutz mich bespritzte – er that's wohl mit Fleiß! – und den Nachbarsohn. Der sprang ihm nach, drohend, mit geballter Faust. Aber wie ein schwarz Gewölk vor dem Sturm war er entflogen. – Wie ist das, nun, was der Wilde geprahlt hat von Wuotan und Donar und von den Adalingen hoch über uns?«

Die Jungfrau sann eine Weile nach, dann sprach sie ernst und bedachtsam: »Wuotan ist Donars Vater: so ist er erhabener denn der Sohn: er ist der Adalinge Schirmgott, wie Donar der unsre. Aber auch Allvater ist Wuotan und so auch der unsre. Und die Adalinge . . .« – sie errötete ein wenig – »wohl mögen sie stolz sein und hoch die Häupter tragen! Sind sie doch von dem Götterkönig, von Wuotan selbst entstammt, der ihnen viel von seiner Art vererbt hat. Und die ältesten, die ersten Sippen sind sie unsres Volkes. Drum werden sie auch, wird einer erschlagen, mit zwiefachem Wergeld gebüßt. Jedoch frei, freigeboren und nie in der Vollfreiheit gemindert oder geniedert sind von alters her auch wir. Und Übermut der Edeln, – sagt der Vater – ist zwiefach übel.«

»Wenig mag sie, die Adalinge, Harlacho, der Nachbar drüben unter den Weiden am See.« »Wenig Ursach soll er haben,« meinte die Schwester, eifrig sprengend. – »Aber auch der starke Isanbert! Groll trägt er ihnen allen! Auch ihm, der mir aus allen der liebste, Adalfrid dem Freundlichen.« – »Ah ja! Und der ist doch . . .« – »Ei, der ist so lieb und leuchtend wie der Vater Paltar lobt, den lichten Lenzgott: er ist ihm gleich in allem!« – Arntrudis erschrak: »O schweig! Unheil birgt dies Wort! Früh fällt der Lichte.« »Ja aber . . .« wollte die Kleine wieder anheben, als sie sich mit einem schrillen Schrei unterbrach und erschrocken gen Himmel wies: hier verfinsterte plötzlich ein breiter Schatten das von Osten einfallende Sonnenlicht: auch Arntrudis, nun emporschauend, stieß einen Schrei aus: eine ihrer Tauben, die hoch im Blau über der Herrin Haupt zierliche Kreise gezogen hatte, war von einem mächtigen Raubvogel, der schon vorher unvermerkt auf der nächsten Tanne des Vorholzes aufgebäumt hatte, im Fluge geschlagen worden. Pfeilschnell schoß der Räuber, die Beute in den Fängen, mit hastigen Flügelschlägen dem Walde zu.

»Gurra, arme Gurra!« klagte die Kleine.

Da – auf einmal – stockte der Habicht in seinem windraschen Schwung: einen Augenblick rittelte er, mit den gewaltigen Schwingen schlagend: dann ließ er den Raub aus den Waffen fallen und stürzte selbst mit dumpfem, schwerem Schlag zu Boden.

Nun sprang aus dem dichten Hasel- und Brombeergebüsch des Gehölzes der glückliche Schütze, haschte die Taube, die, halb betäubt vom Schreck, im hohen Grase zappelte, und schritt auf die beiden Schwestern zu.

*

 

III.

Er war strahlend schön, der hochgewachsene Jüngling, im Schmuck der lichtblonden Locken, die ihm in langen Wellen aus dem schmalrandigen Jägerhut von grauem Filz quollen, an dem auf der linken aufgeschlagenen Seite eine silberne Spange die hellblauen Spiegel des Eichelhähers mit dem zarten weißen Flaum vom Hals des Lämmergeiers und die lange Kopffeder des Silberreihers fest zusammenschloß.

Gar ungleich feiner als die Wolle an den schlichten dunkelfarbigen Röcken der beiden Mädchen waren die Stoffe an des jungen Jägers Gewandung: in zierlichen Wellenlinien war ein kirschroter Strich von feinstem friesischem Tuch um die Achselränder, den Halsrand und den Schosrand des moosgrünen Wamses gewirkt; die breiten Lederbinden, die von den wohlgeschnittenen hohen Jagdschuhen über die Knöchel hin die Waden rautenförmig bis an die nackten Kniee umhüllten, waren fein gesteppt: die Arme, auffallend weiß, – auffallend, weil sie nie Ärmel, und nur im Winter der Mantel bedeckten – umschlossen in Schlangenform gewundene fingerdicke silberne Ringe; auch der Wehrgurt von Elchleder zeigte silberne Schmuckscheiben; in den Griff des Kurzschwertes war ein Jaspis gefaßt, der aus weißem Lindenholz geschnitzte Köcher, der, an fest gedrehter Schnur über der Schulter hangend, die langen von Adlerfedern beschwingten Pfeile trug, glänzte an der Öffnung von Onyx und Karneol und auf der nackten oberen Brust war an weißem Lederriemen ein Schutz- und Zauberzeichen sichtbar: ein langer Bernsteinstift in Gestalt eines Speeres; in der Linken trug der Schütz den Langbogen von zähem Eibenholz, der ihm bis an die Schulter reichte, die Rechte barg die noch immer zitternde Taube an dem Brustwams.

So schritt er auf die Mädchen zu: ein sonniges Lächeln spielte um die fein geschnittenen Lippen, die, wie die Wangen, ein blonder Flaumbart mit dem Reiz der Jugend schmückte.

Die Kleine lief ihm hurtig entgegen: in hohen Sprüngen, daß das kurze braune Röcklein flog, setzte sie über die nickenden Halme: als sie dicht vor ihm stand, patschte sie in die rundlichen Hände: »Dank dir, Adalo, Lieber! Dank dir und Heil! Gurra, Gurra, lebst du noch?« – »Jawohl! Und unverletzt, vom Pfeil wie von der krummen Waffe Herrn Hapuchos: der ist der Lufträuber frechster wie Herr Hechit von denen im Wasser. Da, Arntrudis, nimm sie hin.«

Viel schöner doch noch als zuvor war das schöne Mädchen jetzt, da der Strahl des freudigen Dankes, der unverborgenen Bewunderung ihr blühendes Antlitz verklärte. Wie leuchteten die dunkelblauen Augen, als sie das nun beruhigtere Tier nahm und an den kaum entknospten Busen drückte: so war das von einem der jungen Herzen an das andere gewandert.

»Dank, Adalfrid! Das war ein Schuß!« Sie gab die Hand. »Wer ist deinesgleichen?« – »Ei, gar mancher im Gau. Der älteste von den Huosi, dort an der Amper, trifft noch schärfer.« »Und stets erscheinst du mir zur rechten Zeit,« fuhr sie, mit dankfreudigem Blick zu ihm emporschauend, fort. »Wie diesen Hornung, da dein Speerwurf den Bären traf, der unsern Schlittengaul schon gerissen hatte – Secundus war in den Schnee geschleudert – ich sprang heraus und schrie in Todesnot: da flog plötzlich den Tannenbühl herab ein Speer von hinten hart an meiner Schulter vorbei! – ich sah um: du warst es – auf deinem Weißhengst sprengtest du hinter uns zu Thal.«

»Ja aber,« meinte die Kleine, »wie kommt es denn, daß du immer um die Wege bist – ganz nah zur Hand – wie bestellt! – wann der Trudis da was droht? Wie kommst du nun heut in aller Frühe wieder in die Waldboschen? Gewiß hast Brombeeren gesucht. Ja, ja! dort wachsen gar süße: aber sie sind ja noch nicht reif!« Hellauf lachte der Jäger und strich ihr über das rotbraune Haar, das sich in kleinen eigensinnigen Locken rings um den Kopf krauste. »Bin nicht so genäschig wie du, elbisch Gewächslein.«

Arntrudis aber sah ihm ruhig und fest in die grauen Augen: »Wie das kommt? Weil ihn mir zum Schützer die Götter gekoren!« »O wär' es wahr!« rief der Edeling mit leuchtenden Augen auf sie blickend.

Aber sie blieb ganz ruhig und unbefangen. »Es ist,« sprach sie. »Am Abend von Frôs großem Opfer, nach der Drischellege, als die Knechte auf der Tenne den letzten Drischelschlag auf die letzte Garbe gethan und der Goldeber – vom besten Weizen buk ich ihn! – verzehrt war, da sprach der Vater, bevor wir schlafen gingen in unsere Frauenstube: ›Das ist eine Los-Nacht! Nahe sind heut' alle Götter. Wer heute Nacht, das Haupt mit den getrockneten Sengkräutern umwunden, einschläft und dabei die Himmlischen anruft, den besten Freund und Beschirmer, den sie uns gesetzt, im Traume zu zeigen, der erblickt ihn unfehlbar alsbald.‹ Der Vater ging dann, zu den Göttern flehend, mit der heißen Räucherpfanne opfernd und weihend, durch die Halle, die Ställe, die Scheunen und die Schlafstuben: würzig, fast betäubend stieg aus der Glutschale der schwere Duft der heilgen Kräuter auf, die wir zu Anfang des Erntemonds, schweigend, vor Hahnenkraht, mit den alten Steinmessern der Ahnen geschnitten: – ich folgte mit leisem süßem Grauen dem strengen Schmack: immer dichter stieg weißkräuselnder Rauch aus dem Glutbecken: nun schwenkte das, als ich zu Lager gestiegen, der Vater noch siebenmal über mein Haupt: ich sah's wie weiße Gestalten über mich schweben . . . Und kaum war ich entschlafen, noch das Gebet an Frau Berahta, meine Schutzherrin, auf den Lippen, da kamen mir schwere Träume. Üble Wichte, Waldschrate und braune Alraunen hatten mich dicht umringt auf dem Tannenbühl, wo ich auf dem Waldmoos lag: immer näher drangen sie an: schon saß mir's lastend auf der keuchenden Brust – mich ritt die Drude. ›Zu Hilfe,‹ rief ich, ›du, mein gottergesandter Beschirmer!‹ Und sofort sah ich ihn – ich meine: dich! – heransprengen auf seinem Weißhengst, mit gezücktem Speer – sein Goldhaar flatterte im Wind – die Schrate zerstoben in Nacht – die Drude schwand in eitel Luft – ich konnte tief atmen: ich erwachte und lächelte: ›Dank, Adalfrid!‹ Dank! Wie so oft schon! Wie . . . immer.«

»Hei, könnt' ich doch mal mehr für dich thun als Bär und Habicht erlegen!«

»Ja aber,« forschte die Beharrliche, »jetzt weiß ich doch immer noch nicht recht, wie du heut früh in die Brombeeren geraten bist? Schwerlich doch hat dich Frau Berahta an der Hand hergeführt?«

»Nein,« lachte der Jäger. »Aber . . . ich wußte, daß du Kleine – vielmehr daß ihr beide – bald nachdem die Sonne auf den Weitsee schaut, hier euer Linnen wendet und besprengt.« »Und da hast du uns helfen wollen? Bist ein viel guter Bub!« lobte das Kind und reckte sich, ihn zu streicheln. »Das nicht!« Er errötete leicht. »Aber ich habe etwas mitgebracht – für deine Schwester . . . was ich für sie gefangen.« »Ei was?« fragten, gleich neugierig, beide.

»Gleich! Gleich!« Er eilte in ein paar Schritten in den Vorwald zurück und kehrte bald wieder, in der Rechten ein viereckig länglich Kästchen, gar zierlich aus Schilf und Weiden gefügt: darin saß auf einer Querstange ein unscheinbar graubraun Vögelein: ganz zutraulich sah es: ohne Flattern und Hüpfen ließ es geschehen, daß der Käfig von seinem Herrn in die Hände der Fremden überglitt und blickte der ganz vertraut in die hineinspähenden Augen.

»Was ist das?« forschte sie. – »Nur ein klein Vögelein.« – Ich hab' dergleichen nie im Hag gesehen.« – »Ja, sie weilen nicht hier. Ist ihnen wohl zu rauh. Aber oft hab' ich sie singen hören, weit da drüben, über den Bergen, wann ich mit dem Vater und den Gesippen in des Herzogs Heer hinüberzog zu den Langbärten, ihnen zu helfen wider die falschen Byzantiner in der Rabenstadt. Du – dort – dort drüben ist's aber schön! Warm, fruchtbar und reich! Dort in Hecken und Büschen, die – denk' dir nur! – auch im Winter grün bleiben, lernt' ich das Vöglein kennen. Und seinen Sang lieben. Bei den Langbärten gilt es Freia geweiht.« – »Der Liebesgöttin! Warum?« »Weil's gar so heiße Lieder singt, werbend um sein Weibchen! Und – denke nur! – es singt auch zur Nacht. Neulich – in der schwülen, mondhellen Nacht – wieder einmal konnte ich nicht schlafen, wie jetzt so oft! – hört' ich ein Singen in den blühenden Rotdornbüschen vor unserem Hof zu Fagen. Gleich mußt' ich dein gedenken.« – »Mein? Ei warum?« – »Ah . . . ich weiß nicht. Kaum konnt' ich den Morgen erwarten: ich stellte das Fallnetz, darin wir im Herbst die Wacholderdrossel fangen –: ein paar gelbe Würmer zur Köderung und flugs huschte die liebe Neugier – sie hatte mir beim Fallenstellen zugesehen, das Köpflein hin- und herdrehend! – darunter und war gefangen. Und in wenigen Wochen ward sie gar zahm und zutraulich. Ich schenk' es dir. Und singt es in der stillen Nacht . . .« Sie reichte ihm die Hand und sah ihm fest ins Auge: »Dann denk' ich dein, der mir's geschenkt. So denn – schon wieder: – Dank.« – »Ja aber, warum hast du's denn nicht gleich in unsern Hof getragen?« Er errötete wieder. »Ich . . . ich war ja auf dem Wege! Doch: nein: nicht lügen! Ich wollte es euch lieber allein geben. So harrte ich euer hier, im Buschicht geborgen.« – »Ja, ja,« meinte das Kind, gar wichtig, klug. »Nachbar Isanbert ist immer irgendwo in der Nähe. Und der, so oft er dich in unserem Hofe findet, grollt er und sieht so finster wie der Weitsee zur Nacht. Und sein Vater auch.« – »Aber euer Vater . . . grollt er dann auch, Klein-Elbchen?« – »O nein! Du! Der hat dich gern! Jüngst sagte er, fast wie unsern Bruder, den armen Arnger, der vor ein paar Wintern in dem Geklipp des Kiemo beim Weststurm versank mitsamt seinem Einbaum. Er freut sich immer, sieht er dich antraben auf deinem weißen Rößlein.« – »So? Dann komm' ich bald wieder angetrabt! Aber heut' bin ich zu Fuß: und weit ist der Weg bis an unsern Hof nah der Prien. Freia befreunde, Berahta befriede euch beide.« Er drückte ihnen die Hände, wandte sich und eilte, den Wald links lassend, auf der alten Römerstraße, die sich hier nach Westen bog, davon.

Die Mädchen beendeten nun flink und fröhlich die Arbeit und gingen in das Dorf zurück.

Als alle drei verschwunden waren, ward es gar seltsam lebendig hoch in dem Wipfel einer dichtbelaubten Ulme in der dritten Baumreihe des Waldes: und alsbald glitt an dem Stamm, von Querast zu Querast ganz geräuschlos sich niederlassend, ein anderer Weidmann herab: ähnlich dem ersten an reichgeschmückter Gewandung und vornehmer Gestalt, aber etwa zehn Jahre älter und ebenso dunkel an Haar, Haut und Auge wie jener licht. Als er sich, an dem Fuße des Baumes, behutsam vorspähend, überzeugt hatte, daß Wiese und Wald ganz leer waren von Menschen, sprang er behend wie der Sumpfluchs auf den toten Habicht zu, der da im hohen Grase lag, zog ihm den Pfeil aus der Brust und verwahrte ihn sorgfältig im Wehrgurt. »Hei,« lachte er vor sich hin und die schönen, aber sehr scharf geschnittenen und finsteren Züge erhellte ein seltsam Licht, »also Vetter Adalo hält Frühpirsch auf das Dorfdirnlein? So weit ist das schon? Nun, weiter soll's nicht wachsen! Sein Pfeil schützt sie vor dem Räuber! Ah, dem armen Hapucho fehlte meine Brünne: mir soll beim Fang des Täubleins – bald hol' ich mir's! – sein Pfeil nicht schaden. Aber Vater Fagano soll erfahren, wo die Schäfte mit der Adlerfeder bleiben.«

Rasch war er im Gehölz verschwunden; in dessen Tiefe stand, an eine schlanke Tanne gebunden, ein prachtvoller Rappe, der den Herrn mit freudigem Wiehern begrüßte. Der Schwarzlockige schwang sich in den Sattel und jagte alsbald auf dem schmalen Waldpfad dahin. »Lauf,« flüsterte er, dem Hengst den Hals klopfend, »lauf, Nachtelb! Wir wollen dem Milchbart zeigen, daß vier Füße flinker als zwei!«

*

 

IV.

In der Nähe des heutigen Marktes Prien, in südlicher Richtung gegen den See zu, oberhalb des Dörfleins Ernsdorf, erhebt sich ein ansehnlicher Hügel, heute in der Senkung nach Norden von dünner Holzung bedeckt. Damals aber rauschte noch mächtig der Urwald auf jener Höhe: nur auf deren Krone war ein Geviert geschwendet worden mit Feuer: – daher hieß man es dort: »im Gebränd«: der Zugang zu einem Gehöft der Fagana sollte auf allen Seiten auf Pfeilschußweite ohne Deckung liegen.

In dem viereckigen hochumzäunten Hofraum, der das Wohngebäude, das Badhaus, den Backofen, die Scheuer und ein paar »Schupfen« von Unfreien, sowie den geräumigen Pferdestall umschloß, stelzte hochbeinig ein Kranich mit verschnittenen Flügeln: der »Kranich-Adler«, der starke Falke, der den Kranich wie den Reiher lebend beizte, unversehrt dem Falkner zutrug und so auch diese Beute eingebracht hatte, mit silberner Kette auf dem Stender festgebunden, schien mit Befriedigung auf seinen Gefangenen herabzublicken.

Auch eine zahlreiche Meute trieb sich hier um: da fehlte weder der Biberhund noch der Spürhund, weder der Windhund noch der Sperberhund, der bei der Falkenjagd das geschlagene Gefieder beiholte.

Obzwar ein stattlicher Bau – die Hallen der Adalinge dehnten sich ungleich geräumiger und prangten schmuckreicher als etwa das schlichte Haus Arnos an der Alz – ist das Ganze spurlos verschwunden: denn auch diese Adelshöfe waren ausschließend aus Holz ausgeführt: die Flamme hat sie verzehrt: der Ungar schwang hier im zehnten Jahrhundert seine Fackel. In dem Hauptraum des Hauses, der Halle, ragte, im mittleren Hintergrund auf mehreren Stufen erhöht, der Hochsitz: des Hausherrn und der vornehmsten Gäste Ehrenplatz. Auf dem hochrückigen, breitsitzigen Lehnstuhl von Eichenholz lag gespreitet das Fell eines mächtigen Bären, dessen Klauen versilbert glänzten.

Aber auch das durchsichtig gegitterte Holzgeländer, das sich in zierlichem Schnitzwerk aus gelbweißem stark duftenden Zirbelholz mit eingeritzten mennigroten Drachenlinien von dem Estrich aus gestampftem, mit Binsen bestreutem Lehm über die niedrigen breiten Stufen zu dem Hochsitz hinanzog, war bedeckt mit Fellen von Hirsch und Gemse, von Elch und Ur, von Wolf und Luchs; ebenso die Bänke, die zu beiden Seiten des Hochsitzes wie unten zwischen den Pfeilern des Saales standen, bestimmt für die Gefolgen des Edelherrn, abgestuft nach dessen Würdigung. Hier fanden auch die obersten der Knechte ihren Platz, der Roßknecht, der Mundschenk, der Druchtsaz, der Altknecht.

An den Wänden ringsum waren Beutestücke der Jagd angebracht: die breiten Schaufeln des Elch, das Geweih des Berghirsches von achtzehn Enden, das Gehörn eines mächtigen Steinbocks, des Wisent und des Ur, ein Bärenkopf, ein Wolfsrachen.

Und von der Mitte der Saaldecke schwebte an weißem Lederriemen ein gewaltiger Steinadler, dessen ausgespannte Schwingen weithin klafterten und sich bei jeder Lufterschütterung in majestätisch kreisende Bewegung setzten.

Neben den Tierhäuptern hingen an den Pfeilern und Wänden von Ahornholz Jagdwaffen jeder Art: der dickgeschaftete Stoßspeer mit der starken eisernen Querstange, welche die Umarmung des aufrecht heranschreitenden Bären von der Brust, den Anhieb des Gewehrs des wütenden Keilers von den Beinen des Jägers fernhalten sollte.

Dann die wuchtige Wurflanze für die gewaltigen Wildstiere jener Tage: Wisent und Ur, deren Ansturm auch ein Riese nicht hatte standhalten mögen und die daher nie im Nahekampf bestanden, nur aus sicherer Ferne oder herab von eigens hierfür gelichteten Bäumen an ihrer Wassersuche erlegt wurden.

Weiter Langbogen, Köcher und zumal in reicher Auswahl Pfeile: vom stumpfen, kaum fingerlangen Bolzen, mit dem die kleinen Träger wertvoller Pelze, Edelmarder, Baummarder, Hermelin durch einen Kopfschuß getötet wurden, bis zu dem drei Fuß langen Eschenpfeil, der den Brustschild des Ebers wie den Holzschild des Slovenen durchbohrte.

Ferner die leichten Rohrpfeile mit langer dünner Spitze für die Raubvögel, für Wildgans und Wildente; aber auch die Handpfeile, mit scharfen Widerhaken für Lachs und Hecht, die sich im Seichtwasser, mit der Rückenflosse fast die Luft erreichend, sonnten. Denn auch das Gerät für die »feuchte Jagd«, die Fischerei, mangelte da nicht: mancherlei Netze, Reusen, Körbe, Hamen – aus Eisen meist, aber auch noch uralte aus Bronze und sogar aus Feuerstein – und zwei Männer lange Angelruten; auch winzige Bolzen an langer, lang hinrollender Leine, mit der Asch und Forelle getroffen wurden: der Fischer ließ sie dahinschießen an der Schnur, bis sie ermatteten und mühelos gelandet wurden. An den acht Pfeilern auf jeder Seite der Halle waren aufgekreuzt breite Schaufelruder für die schweren, weiten Lastschiffe, auf denen zumal Getreide, Heu und Binsen von der Südostseite des Sees, der »Feldwiese« her auf die Eilande und an die Uferhöfe verschleppt wurden, schmale Ruder für die »Einbäume« und für die Flachkähne, die »Plätten«; auch Segel und schlanke Maste waren aufgerichtet.

Die Rücklehne des Herrenstuhls auf dem Hochsitz – im Dreieck verjüngt nach oben – krönte ein anderer Adler: – ein gewaltiger Seeadler diesmal, mit gesträubten Schwingen: denn die Herrschaft über den See, oder doch über seine größte Insel, das Escheneiland, und das Südwestufer stand diesem Adelsgeschlecht zu: des sollte der Seeadler ein Wahrzeichen sein.

Auch sonst waren unter den in die Pfeiler, Banklehnen und Wände eingebrannten und eingeritzten Schmucktieren und Schmuckpflanzen Adler und Esche am häufigsten vertreten.

Denn als des Edelgeschlechts Ahnherr und Schutzherr galt Wuotan. Daher auch seine Waffe, der Speer, neben der Hausmarke, der Rune F, – ᚠ – die alle Waffen und Geräte trugen, ebenfalls aus Bernstein, Holz oder alter Bronze sowie jüngerem Eisen so häufig als Zierbild verwendet war.

Außer den Jagd- und Fischfang- und Schiffsgeräten füllten nun aber den weiten Saal Kriegswaffen jeder Art zu Schutz und Trutz in bunter reicher Menge. Und offenbar waren heute viel zahlreichere als die sonst zur Ausstattung und Ausschmückung der Halle dienten von den Knechten hereingeschafft worden. Denn auf dem langen viereckigen Speisetische von Ahorn in der Mitte der Halle wie auf dem eichenen Rundtisch vor dem Hochsitz, dann auf dessen Stufen und Bänken, endlich auch auf dem Estrich lagen noch viel mehr Waffen gehäuft als an den Pfeilern und Wänden hingen.

Noch waren mehrere Knechte – das ganz kurz geschorene Haar unterschied sie wie von den Adalingen so von den Gemeinfreien – beschäftigt, die gehäuft hereingetragenen Stücke auseinander zu breiten und zur Prüfung vorzulegen dem Manne, den nicht nur sein Platz auf dem Hochsitz bei dem ersten Blick als den Herrn dieses Hauses darwies.

Es war eine überwältigende Gestalt!

Das Antlitz des etwa Fünfzigjährigen zeigte starke Ähnlichkeit mit dem seines Sohnes Adalfrid: allein mehr noch als die Zahl hatte der reiche Inhalt seiner Lebensjahre diesen Zügen höheren Ernst, gewaltigere Bedeutung eingeprägt. Der Vater war nicht nur breitbrüstiger, er war auch noch höher gewachsen als der doch auch gar stattliche Jüngling: kaum ergraut war das Haar um die majestätische Stirn und der mächtige Bart, der die ganze breite Brust bedeckte und bis zu dem Wehrgurt herabwallte in weicher Wellung. Das Auge war goldbraun wie des Adlers und es leuchtete unter kühn geschwungenen Brauen hervor in überlegener Ruhe.

Vornehme Ruhe war überhaupt der regelmäßige Ausdruck dieser edeln Züge, wie die Bewegungen des Hofherrn selten, maßvoll, verhalten waren: jedoch man fühlte, lodernde Feuergewalt fehlte hier nicht: sie lag nur geborgen und gebändigt durch altvererbte adelige Haltung und durch jahrzehntelang gegenüber den mannigfaltigsten Erregungen in Krieg und Frieden, auf dem Kampffeld wie in den Palatien der Könige und der Herzöge durchgeführte Willenszucht. Zu seinen Füßen ruhte ein prachtvoller starker dunkelbrauner Hund von dem mutigen Schlag, der den Bären angeht, der langgestreckte Kopf lag auf dem Knie des Herrn: merksam folgten die klugen Augen jedem Blick bei dessen Hantierung.

Er hob nun, wägend und prüfend, ein Kurzschwert auf, das ein vor ihm knieender Knecht darreichte: er bog es nur leicht mit beiden Händen: – klirrend zerbrach es, ruhig ließ er die Stücke fallen.

»Du hast den Rost, den Schmutz zu tief einfressen lassen, Slovene. Du stehst fortab nicht mehr unter dem Waffenwart; ich werde dich aus der Halle fortschicken, in die Almhütte oben auf der Kampenflüh: da magst du Kühe melken statt Waffen pflegen.«

Flehentlich hob der Mann beide Hände empor: sein Gesicht war unschön, die dunkelgelbe Hautfarbe, die stumpfe Nase, die vorstehenden Backenknochen ließen es unedel erscheinen: aber jetzt lag in den braunen Augen etwas Rührendes – so blickt wohl ein treuer Hund zu dem geliebten Herrn auf – wie er bat: »O Herr – großes Herr! Nix mich jagen aus deinen Augen. Lieber lassen mich geißeln.«

»Nicht doch! Aber ihr lernt nicht Reinlichkeit, nicht an Leib noch an den Dingen. – Ich wollte dich freilassen im nächsten Ding unter der alten Eiche ob der Alz. Nun sollst du erst den Wert der Waffe abverdienen, auf daß du lernest, Reinlichkeit und Sorgfalt sind notwendig, sind ersparsam und ersprießlich. Ich schätze sie nur auf drei Denáre.«

»O Herr, wie kann abverdienen? Alles was verdiene, erarbeite mit Hand, ist ja doch dein wie Hand und ganzer Zwentopluck selbst.« – »Wohl! Aber hoch über dem Recht schwebt die Gnade. Wem's wohl ergeht, der soll's andern wohl gehen lassen. Nach zwölf Nächten bist du frei. Nein, nicht die Hand küssen, wie der Hofwart da die Hand des Herrn beleckt. Und dann geb' ich auch Dowina frei, die mit dir im selben Grenzdorf gefangen ward.« – »Herr, groß! Ah, damals, wie ich mit schwerer Wunde fiel . . .« – »Ihr waret wieder einmal nachts über die Grenze geschlichen, Schafe zu stehlen. Aber wir kamen dazu, jagten euch über die Landmark und verfolgten euch bis in eure Strohzelte.« – »Ui, flackerten die auf! Ich lag unter dem Brand – konnt mich nix rühren – die andern meinten, Zwentopluck tot – aber du sahst, ich lebe, rissest mich heraus. – Und dein Sohn zog Dowina neben dran – schon brannte ihr Hemd – aus Feuer . . .« – »Nun, ihr seid zusammengewachsen in der Gefangenschaft. So mögt ihr denn Mann und Weib werden. Ich schenk' euch die Fischerhütte dort unten im Schilficht. Und zwei Hufen Ackerland links der Prien. Und drei Hammerwürfe Grasacker in der Feldwies. Und das Recht auf den Hau im Hochgern-Tann. Dafür sollst du mir zwei Tage in der Siebennacht fronen und zwanzig Metzen Roggensaat zinsen. Und was du rodest an Neubruch, soll neun Jahre zinsfrei sein.« – »Herr, wenn ich nix darf Hand küssen, was soll thun?« – »Schweigen. Und künftig, gilt es deine eigene Habe, besser acht haben als auf die meine. Geschickt seid ihr schon, ihr Slovenen: aber 's ist kein Verlaß auf euch.«

»Ich will – ich schwöre bei Perun, daß du noch sollst sagen: ›Zwentopluck treu‹.« – »Schon gut! Verkünd' es ihr, der Braunen, mit den dicken Zöpfen wie von Roßhaar. Und ich schenk' ihr als Brautgabe die drei Kühe, die sie bisher gewartet auf der Kampenalm. Geh!«

*

 

V.

An der Thüre traf der Slave auf den eintretenden Adalfrid. »O junges Herr,« rief er ihm, in Sprüngen enteilend, zu, »dein Vater . . . gut. Wie ein Gott. Wie Triglaf!« Freudig bellend sprang der Hund dem jungen Herrn entgegen, der ihm den Kopf streichelte. »Ja, er ist gut,« sprach der Sohn leise vor sich hin, mit freudiger Ehrfurcht, mit Stolz zu dem Vater emporblickend. Der schien sein kaum zu achten; er prüfte den Handgriff eines Erzschildes, ob er noch halte. Der Jüngling trat nun, ehrerbietig grüßend, die Stufen des Hochsitzes hinan. Mit kurzem Nicken des mächtigen Hauptes erwiderte der Vater; nur einen raschen Blick warf er auf sein Antlitz. »Du fehltest beim Mittagmahl,« warf er kurz hin, ergriff einen Bogen und spannte mit Leichtigkeit die zähe, strenge Sehne. – »Ich jagte, Vater.« – »Weit ab, wie es scheint. Deine Beute?« – »Dein Frilaz Rimisto – auch sein Nachbar Greinhart! – klagte solang schon, das Schwarzwild steh' ihm schwer im Gebräche. Ich trieb sie aus dem Kessel, darein die ganze Rotte sich eingeschoben. Die schlimmste grobe Saue stellte sich; sie liegt im Sumpf bei dem Neubruch: sie wog so schwer – ich konnte sie nicht allein tragen: Zwentopluck und Heinilo sollen sie holen.« – »Gut, daß Rimisto geholfen ist;« er legte den Bogen zur Seite. »Sonst keine Beute?« – Da traf sein Auge voll den Sohn. Der errötete stark: er öffnete langsam die Lippen: »Wie . . . wie man's nimmt. Nichts was der Rede wert.« Er nahm den Köcher ab und stellte ihn an die Wand neben den Vater. Der musterte die Öffnung: »Da fehlt ein Pfeil – im ersten Loch.« – »Ja. Ich . . . ich schoß einen Habicht. Ich war über der Rimstinge Hof hinausgegangen – gen Norden.« – »Ziemlich weit! Bis auf der Arninge Wiesgrund.«

Hoch erstaunt fuhr Adalfrid auf.

»Tot liegt dort der Habicht neben dem Linnen des arglos vertrauenden Kindes.« Jetzt erbleichte Adalfrid in leisem Grauen: erhielt der Vater wirklich, wie viele raunten, geheime Botschaft durch Wuotans Raben? – »Das Raubgetier that wie es mußte. Aber Schmach dem Mann, der sich gelüsten ließe derer, die er – wie er weiß, wissen muß! – nur als freveln Raub davonschleppen könnte. Heilig ist echtem Mann, heiliger noch dem Adaling die Tochter des kleinsten Freien seines Volkes. Schande dem Adalmann, der nicht edler denkt als alle andern. – Schweig! – Botschaft kam – während du Linnen behüten halfst – vom Langobardenkönig Agilulf aus Paula: er wiederholt seinen Vorschlag, der uns ehrt und stärkt: nur sei seine Tochter noch zu jung. Das trifft sich gut. Denn spät erst vermählt in der Fagana Geschlecht der Vater den Sohn: erst, wann er voll gereift. Das Herzogtum Trient verspricht König Agilulf seinem Eidam als Mitgift. – Schweig', sag ich! – Nie mehr gehst du unbegleitet an die Alz. Und auf daß du nicht sobald wieder schauest, was viel zu hoch für frevles Spiel und doch zu niedrig für den Ernst: – du verreitest Morgen! Gleich nach Hahnenkraht. Hörst du?«

»Du gebeutst, mein Vater. – Wohin?«

»Nach Regensburg! An den Hof des Herzogs. Du bringst ihm den Brief, den ich meinem Tabellio vorgesprochen: ich mahne ihn, seine Südostmark kräftiger zu wahren: dunkle Gerüchte gingen mir zu von neuen Feinden, die dorther drohen, außer den Slovenen. Wir brauchen Hilfe. Nimm die Hälfte meiner Gefolgschaft mit! In ihrem besten Waffenschmuck! Reich und stolz soll der Faganing vor den Agilolfingen treten und ihm vor Augen weisen, daß unser Geschlecht von der Götter oberstem stammt und des Königtums gewaltet hat im Südgau unserer markomannischen Ahnen, als jene Agilolfingen noch Schildträger merowingischer Klein-Könige waren, wir wie in den anderen Gauen die Huosi, die Drozza, die Hachilinga und die Anniona, das fünfblätterige Kleeblatt bajuvarischen Adels. Des Herzogs Antwort bringst du dann zurück, nach einem Einsprechen bei den Huosi an der Amper und den Hachilinga an der Isar: diese wollten mir doch die beiden Jüngsten zur Schwertleite schicken. Mahne sie dran. Geh! Rüste den Ritt. Wuotan, der Wege Gott, geleite dich.«

*

 

VI.

Den Tag über und die ersten Stunden der Nacht hatte Adalfrid vollauf zu thun, die Gefährten seiner Sendung zu wählen und sie wie sich selbst mit Waffen, Rossen und allem Reisebedarf zu versehen.

Aber nach Vollendung dieser Vorbereitungen und nach dem Abschied vom Vater litt es ihn nicht mehr in dem Hause, unter dem bedrückenden Dach. Es drängte ihn hinaus ins Freie, in Feld und Flur, die im Mondlicht der Frühlingsnacht wunderbar da draußen glänzten: der See lag fernab wie ein Silberspiegel.

Dorthin, an den See, lenkte er, leise die Hofwehre hinter sich lassend, die Schritte: er wollte noch einen Abschied nehmen – ach nur mit den sehnenden Augen!

Er kannte dort, im Norden von ihrem Jagd- und Waffenhof, eine Waldblöße, dicht am Ufer, von wo man deutlich in der weiten Ferne die hochragenden drei Eichen der Dingstätte auf der Höhenkrone, dort über der Alz, auch den First des Arnohofes erkennen mochte bei Tag: und wohl auch – so meinte er – mit seinen scharfen Augen in dem fast taghellen Mondlicht.

Bald hatte der Rasche die gesuchte Stelle erreicht. Die Mitternacht war lang vorüber. Zauberisch glänzte vor ihm der See, zahllose Sterne in nicht zitterndem Bilde spiegelnd; wie Seerosen schienen die drei Eilande auf der glatten Flut zu schwimmen: von fernher grüßten in geisterhaft weißem Duft erschimmernd die Berge: im Norden aber glaubte er deutlich den Hof zu erkennen, der die Geliebte umhegte.

Er warf sich, den Blick dorthin gerichtet, das schmerzende Haupt auf die Hand gelehnt, auf den reinlichen weißen Ufersand, bis zu dem heran zuweilen das leise Atmen der Flut fast geräuschlos die landende Welle schob.

Lange, lange saß er so schweigend, sinnend, träumend; schon blichen allgemach die Sterne. Es kam jene geheimnisvolle Stunde, von der man nicht sagen mag, ob sie dem Tage schon, ob noch der Nacht zu eigen? Ein farblos Grau erfüllte nun, seit der Mond hinter hohen Berggipfeln gesunken, weithin Himmel, Land und See. Allmählich zog von Osten her ein ganz schmaler Streif, fahl gelblich, weithin quer über den Himmel: des steigenden Frühlichts erster Lanzenwurf!

Da horch, setzt ein lebhafterer Lufthauch ein, wie er der klimmenden Sonne vorauffliegt: glaubte man doch, die ersten Strahlen des Tages seien wie von wehendem Wind so von klingendem Klang begleitet:

»tönend schon für Geisterohren
wird der junge Tag geboren!«

so hat noch spät die Phantasie gehört.

Nun rühren die Buchenwipfel, von lebhafterem Wind leise geweckt, die jungen, zarten Blätter: lauter, rascher an den Ufersand kommen kürzere Wellen gerauscht. Jetzt der erste laute Ton: tief aus dem Inneren des Waldes dringt der schmerzliche Ton der Hinde, laut, eindringlich, mahnend: der Lauscher kennt den Grund ihres Rufens: vor kurzem hat der Fagano den stolzen Edelhirsch, ihren kronenstolzen Gemahl, in der Grube lebend fangen und nach der Escheninsel hinüber schaffen lassen, wo der Hirschkühe zu viel, der Hirsche zu wenig geworden. Wie laut die Verlassene klagte!

Da fand endlich auch des Jünglings Seele Erleichterung in einem tiefen Seufzer, dann in ringenden Worten. »Ach, schwer ist mir das Herz! Schwer mein Geschick! Fort – fort von ihr! Nicht nur auf lange Zeit: – auf immer! Gebunden an eine Fremde, Ungeliebte, wenn des Vaters Wille geschieht. Und wie könnte der nicht geschehn? Ihm gehorchen, das ist mir so notwendig – ist's von je gewesen! – wie atmen. Wie sollte ich ihm trotzen? Ich müßte weichen aus der Halle, aus dem Gau, aus dem Land! Aber von ihr lassen? Ich kann, es auch nicht, kann's noch weniger. Zumal, seit ich glaube, sie ist mir auch gut: – sie weiß es freilich gar nicht, aber doch, aber doch ein ganz klein wenig gut im jungen Herzen. Ob wohl heut Nacht, ob jetzt der singende Vogel sie meiner gemahnt? Und wenn es ihr nun allmählich aufdämmert in der Seele – und das wird's am ehesten, falls ich nun plötzlich verschwinde – was wird sie leiden! Was soll sie von mir halten, der ich, launisch, ohne Grund, auf einmal zerreiße das freundliche Band der Gewöhnung an trauliche Gespräche. Ach! Ich bring's nicht übers Herz.«

Traurig sah er gen Himmel.

»Was taucht da aus den Dämmerwolken so hell? Es ist der Morgenstern: – Freias Stern! O Freia, hohe, holde Herrin, die du die Liebenden befreundest, hilf mir – rate mir – gieb mir in dieser Stünde, gieb mir gleich ein Zeichen, das ich deuten möge für die Zukunft, für mein Geschick, für mein Thun oder Lassen.«

In gläubigem Gebet sah er über die Fläche des See's hin nach oben. Da glaubte er aus dem dunstvollen hellgrauen Geflimmer der glatten Flut etwas Emporragendes zu erschauen: etwas dunkelbraunes: war es ein Kahn, eines Einbaums Schnabel? Nein! Dem glich es nicht. War es ein schwimmender Mensch? Dazu ragte es zu hoch aus dem Wasser. Und näher und näher kam's von der Escheninsel her. Die Helligkeit stieg jeden Augenblick – jeden Augenblick drang das Rätsel näher: vorsichtig, ohne sich vom Boden zu heben, lugte der Spähende aus: das war ein hochbekröntes Haupt, ohne Zweifel! – ein Hirsch, der gerufene Hirsch. Schon hielt er im Seichtwasser, nur einen Pfeilschuß gen Süden entfernt: der Südostwind verhielt ihm die Witterung des Menschen: so schritt er furchtlos zu Land: prachtvoll sich aufrichtend schüttelte und rüttelte der Vierzehnender, das Haupt ganz in den Nacken zurückbiegend, das viele Wasser von sich ab: nun war's genug: nun stieß er einen weithin dröhnenden frohlockenden Antwortruf aus auf den Ruf der Hinde und in wahrhaft königlichem Gang brach der König des Waldes durch das Unterholz und eilte der Ruferin zu.

Da sprang Adalfrid auf, riß den Jagdhut vom lockigen Haupt und neigte sich dreimal tief vor dem nun rasch verblassenden Morgenstern: »Ich neige dir, Freia, freundliche Frau; ich neige dir, Befreunderin, Beschwichtigerin, ratende Retterin! Ich verstehe dein Zeichen. Wie der mutige Hirsch durch Gewalt, durch den weiten hemmenden See von der Hindin getrennt, Hemmnis und Gefahr nicht scheuend, sich in die Flut warf und todesmutig herüberdrang ans Ziel zur Geliebten, – so soll auch ich nicht verzagen, nicht verzweifeln. Der Mut, der Wagemut treuer, heißer Liebe überwindet alles. Dank dir, Freia! Und Heil dir, Frau Sunna, die du da strahlend durch die Dämmerwolken brichst: Zuversicht des Sieges strahlst du in mein Herz. Ich gehorche dem Vater: ich scheide jetzt: – aber ich kehre wieder, und ich werde siegen. Treue Liebe dringt durch jede Hemmung.

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