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Volkstümliche Redekunst

Adolf Damaschke: Volkstümliche Redekunst - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAdolf Damaschke
titleVolkstümliche Redekunst
publisherVerlag von Gustav Fischer
addressJena
printrun58.-65. Tausend
year1924
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidfe2ceea8
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F. Der Vortrag

Mancher scheitert noch auf der letzten Stufe. Er hat den gewählten Stoff klug gegliedert, hat sich den fein geprüften Ausdruck zum geistigen Eigentum gemacht und wagt nun doch nicht, ihn vor einem größeren oder kleineren Kreis von Menschen vorzutragen. Und doch hat Cicero recht, wenn er unter Berufung auf Demosthenes gerade dem Vortrag die höchste Bedeutung beilegt; denn er allein ist es, der den lebendigen Redner schafft. Die vorhergehenden Stufen muß auch der rhetorische Schriftsteller, d. h. der Verfasser von Kampfschriften und Flugblättern, mitbeschreiten.

Manchmal läßt die Befangenheit sich durch die bekannte Überlegung mildern, die Sokrates mit einem schüchternen Schüler anstellte:

»Würde es Dich wohl in Verlegenheit bringen, wenn Du einem Gerber die Sache auseinandersetzen solltest?«

»Warum sollte mich das in Verlegenheit setzen?«

»Gewiß würdest Du Dich aber scheuen, einem Kaufmann Deine Pläne zu entwickeln?«

»Gewiß nicht.«

»Würdest Du Dich scheuen, Deinem Nachbarn Deine Gedanken mitzuteilen?«

»Nein, das tue ich alle Tage.«

»Nun, dann überlege Dir doch, daß die ganze Volksversammlung aus lauter solchen Menschen besteht, denen Du einzeln Deine Gedanken in voller Unbefangenheit vortragen würdest, warum willst Du es nicht ihnen allen gemeinsam tun?«

Allerdings, bist Du Redner, wirst Du bald lernen, daß Sokrates, der ja selbst nie öffentlich zum Volk gesprochen hat, in dieser Unterweisung nicht erschöpfend war. Du spürst es bald, welche Wirkungen von einer zahlreichen Hörerschaft ausgehen und welche von einer spärlichen. Die Masse ist nicht ein Zusammenzählen Einzelner, wie etwa eine Kiste voller Getreidekörner, sondern in der Masse entstehen, wie durch chemische Verbindungen, neue Eigenschaften, neue Kräfte. Sie ist Taten fähig wie kein Einzelner – nach der furchtbaren und nach der erhabenen Seite. Wenn die Alten die Stimme des Schicksals oder der Vorsehung durch den Chor darstellen ließen, so hatten sie ein Gefühl für das Geheimnis des Unbewußten der Masse. Ein Redner, der nicht ein Knecht der Masse, sondern ihr Führer sein will, darf nie ermüden. Tausend gute Dienste schützen nicht vor dem Verderben, das aus einer müden Stunde aufsteigen kann. Nicht nur Propheten schlägt die Masse gutgläubig ans Kreuz.

 

Die Befangenheit, die manche Redner geradezu in krankhafte Aufregung versetzt, haben auch viele von denen erfahren müssen, die später zu den sichersten gehörten. So erzählt Eugen Richter in seinen »Erinnerungen«, wie er einige Zeit vor seiner ersten Parlamentsrede aus dem Abgeordnetenhause herausgestürzt und mehrere Mal um den Dönhofsplatz herumgelaufen sei, immer bestrebt, das Lampenfieber, das ihn schüttelte, zu überwinden.

Besonders groß ist die Gefahr des Mißerfolges bei denen, die ihre Rede wörtlich einstudiert haben. Ein so begabter Volksredner wie Bebel erzählt davon eine lehrreiche Erfahrung, die er im Januar 1864 bei einer Schulze-Delitzsch-Versammlung in Leipzig machte:

»Es war vereinbart worden, daß ich die Versammlung mit einer Begrüßung Schutzes eröffnen und alsdann zum Vorsitzenden gewählt werden sollte. Ich blieb aber mitten in der Eröffnungsrede – die ich einstudiert hatte – elend stecken. Mein Temperament war mit meinen Gedanken durchgegangen. Ich hätte vor Scham in den Boden sinken mögen. Das Ende war, daß nicht ich, sondern Dolge zum Vorsitzenden gewählt wurde. Ich gelobte mir jetzt, nie mehr eine Rede einzustudieren und bin gut damit gefahren.«

Trimborn schreibt im September 1911 an seine Frau über eine große Rede in Düsseldorf: »Da die Rede sehr wichtig war, hatte ich sie bis aufs Wort zu Papier gebracht, solche Reden mißlingen mir immer. Einmal werden sie zu akademisch in ihrem Inhalt, sodann komme ich unwillkürlich zum Ablesen, da ich ein sehr schlechtes Gedächtnis für genaueren Wortlaut habe. Ich sah die Enttäuschung auf allen Gesichtern. – Heut morgen erhielt ich eine Postkarte, worauf mir eine Reihe liberaler Juden schrieb: »Streng vertraulich. Von Ihnen hätten wir etwas anderes erwartet; aber wie haben sie enttäuscht! Sie sind ja gar kein Redner, und was sie vorbrachten, war Quatsch.« Abgesehen vom Quatsch haben die Leute den Eindruck richtig wiedergegeben.«

Dagegen kann es wohl die Befangenheit mildern, wenn man des Anfangs seiner Rede ganz sicher ist. Hat man die ersten Sätze ruhig gesprochen und sich dabei in die Lage hineingefunden, so ist die größte Gefahr vorüber.

Allerdings entspringt die Befangenheit auch oft einer Art von Eitelkeit. Der Redner beschäftigt sich zuviel mit seiner eigenen Person: werde ich gefallen? was wird der und der über meine Rede denken? Der einzige Ausgangspunkt, der Kraft und Haltung verleiht, ist die Überzeugung: Es ist notwendig, diese Sache zu vertreten! Das tiefe Bibelwort, daß, wer sich selbst gewinnen will, sich verlieren wird, und nur, wer sich selbst zu verlieren bereit ist, sich gewinnen kann, hat auch auf dem Gebiet der Redekunst seine Bedeutung.

Von der lähmenden Befangenheit verschieden ist natürlich das Gefühl, das wohl jeder Redner kennt, auch wenn er Hunderte von Vorträgen gehalten hat: sein Herz klopft stärker, und er muß sich zusammenraffen, wenn er das Rednerpult betritt. Aber dieses Gefühl ist natürlich, gilt es doch ein gutes Stück Arbeit in freiwillig übernommenem Dienst einer Wahrheit zu verrichten! Es wäre wahrlich ein schlechter Redner, der in einem Augenblick, in dem der Höhepunkt dieses Schaffens einsetzt, nicht eine Erregung durch sich fluten fühlte.

Völlig töricht und gefährlich zugleich ist in dieser Befangenheit der Versuch, sich durch starke geistige Getränke »Mut einzuflößen«. Ein Schluck reinen, kalten Wassers ist viel besser; denn wenn man irgendwann nüchternen Sinn und klaren Blick braucht, ist es während einer Rede.

 

Während des Vortrages selbst soll man so wenig wie möglich trinken. Empfehlenswert aber ist es für alle Fälle, ein Glas Wasser vor sich stehen zu haben. Man kann dann auch gut einmal, wenn einem der Faden entfallen ist, durch einen langsamen Trunk Zeit gewinnen, um wieder in das rechte Geleise zu kommen. Biertrinken während des Vortrags reizt nur. Ich erlebte es, wie einer der berühmtesten Redner unserer Tage einmal in einem holsteinischen Ort während einer Wahlrede für mich sieben Glas Bier herunterstürzte. Er hat bald die Gefahren solcher Handlungsweise eingesehen und trinkt seit Jahren während des Vortrags nur noch Wasser. –

Im ersten Band seiner »Theatralischen Bibliothek« versprach einst Lessing »ein kleines Werk über die körperliche Beredsamkeit vorzulegen, von welchem ich jetzt weiter nichts sagen will, als daß ich mir alle Mühe gegeben habe, die Erlernung derselben ebenso sicher als leicht zu machen.«

Lessing hat dieses Buch nicht geschrieben. Wir meinen, je mehr er sich mit dieser Frage beschäftigt hat, desto mehr hat er eingesehen, daß sie, wenigstens für deutsche Beredsamkeit, nicht zu lösen ist. Ein italienischer Psychologe behauptet, daß man die Aufrichtigkeit eines Redners nach seinen Gebärden beurteilen könne. Durch klug gewählte Worte könne er täuschen und Unwahrheiten verdecken. Gebärden aber kämen meist unbewußt und unfreiwillig zustande. Er gibt vor, folgende Erfahrungen gemacht zu haben:

1. »Spielen mit der Uhrkette«: der Redner ist nicht ganz aufrichtig und ist auf seiner Hut.

2. »Hin- und Herwanken des Oberkörpers«: ein vielseitiger Redner voller Geistesgegenwart.

3. »Stets die nämlichen Gebärden«: Der Redner ist mit dem Herzen bei der Sache und aufrichtig.

Ob das bei Volksrednern in Italien zutrifft, bleibe dahingestellt; jedenfalls soll der Redner das Gebärdenspiel nicht gering einschätzen.

Theoretisch ist man über die Haltung leicht im klaren: sie soll nicht zu steif, auch nicht zu unruhig sein, sondern die rechte Mitte halten. Schwerer ist es natürlich, in der Praxis diesen guten Rat zu befolgen. Am leichtesten ist es, wenn man hinter einem Rednerpult sprechen kann. Dann sind Beine und Körper verdeckt, und Arme und Oberkörper sind vor übermäßiger Bewegung bewahrt. Hat man kein Rednerpult, so läßt sich wohl ein kleiner Tisch besorgen, hinter dem man während des Sprechens steht, war auch dieser nicht vorhanden, so habe ich einen Stuhl vor mich gestellt. Da meine Anlage zu großer Lebhaftigkeit neigt, war es für mich immer ein Zwang zu Ruhe, die Lehne dieses Stuhls mit den Händen festzuhalten.

Häßliche Gebärden heben den Eindruck der besten Worte zum guten Teil auf. Als im Jahre 1903 alte sozialdemokratische Führer Erinnerungen an die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vor 40 Jahren erzählten, da hat Bebel noch ausdrücklich hervorgehoben, welchen unangenehmen Eindruck es auf ihn gemacht habe, daß Lassalle bei seiner großen Leipziger Rede 1863 die Finger in die Armlöcher der Weste gesteckt habe, vierzig ereignisreiche Jahre hatten die Erinnerung an diese unangenehme Stellung nicht auslöschen können.

Die Züge des Gesichts, die Augen müssen zeigen, daß die Worte des vortragenden auch ihm etwas bedeuten. Ein Redner, der mit unbeweglicher Miene und gelangweilter Stimme seine Worte hersagt, kann auch bei seinen Zuhörern nichts anderes als Langeweile erzeugen, selbst wenn die Worte noch so kunstvoll gewählt sind.

Die Aussprache muß klar und deutlich sein. Der Zuhörer darf keine Nachlässigkeit im Ton herausfühlen. Was Schopenhauer vom Schreiben sagt, gilt auch vom Sprechen: »wer nachlässig schreibt, legt dadurch zunächst das Bekenntnis ab, daß er selbst seinen Gedanken keinen großen Wert beilegt.«

Auch hier ist der Fleiß mächtiger als die Begabung. Als Demosthenes das erstemal vor einer Volksversammlung sprach, mußte er unter dem Unwillen der Versammlung die Rede abbrechen. Ein zweiter Versuch hatte keinen bessern Erfolg. Mit verhülltem Gesicht eilte er nach Hause, um seine Schande zu verbergen. Bitter beklagte er sich gegen den Schauspieler Satyros über die Ungerechtigkeit der Hörer, die leichtfertige Redner auszeichneten und seinem Fleiß jede Anerkennung versagten. Doch dieser erwiderte: »Vielleicht finden wir die Ursache, wenn du mir eine Stelle aus einem Drama des Sophokles hersagst.« Demosthenes tat es. Dann wiederholte der geübte Schauspieler dieselbe Stelle mit einem Ausdruck, daß Demosthenes glaubte, ganz andere Verse zu hören. Da erkannte er, wieviel auf die Art des Ausdrucks ankomme. Nun begann er seine bekannten Übungen: Um seine Kurzatmigkeit zu überwinden, sagte er oft lange Sätze laut her, während er steile Höhen erstieg; um der Stimme Kraft zu geben, bestrebte er sich das stürmische Meer zu übertönen; um deutliche Aussprache zu gewinnen, versuchte er, mit Kieselsteinen im Munde vernehmlich zu sprechen; um sich eine häßliche Bewegung der rechten Schulter abzugewöhnen, hängte er ein Schwert an die Decke des Zimmers, unter das er sich während seiner Redeübungen stellte. Die Alten haben hier scheinbar alle Schwierigkeiten gehäuft, um an ihrem gefeiertsten Vorbilde zu zeigen, wie gerade beim Redner der Wille stärker sein kann als alle äußeren Hemmnisse.

 

Es ist nicht die Aufgabe dieses Büchleins, von der Technik der Atmung, der Stimmbildung, der Lauterzeugung zu sprechen. Darüber gibt es manche gute Hilfsbücher, unter denen auf die treffliche Geißlersche »Rhetorik« hingewiesen sei.

Ein gewöhnlicher Fehler des Anfängers besteht dann, daß er zu laut spricht. Wenn sich alle Augen erwartungsvoll auf ihn richten, erwächst in ihm, auch im kleineren Kreise, ein gewisses Gefühl der Feierlichkeit, das ihn veranlaßt, seine Stimme laut zu erheben. Das ist unnütze Kraftausgabe, die gefährlich werden kann, weil man nicht weiß, ob bei zu großer Anstrengung nicht die Stimme vorzeitig versagt. Einer überlauten Stimme zuzuhören, strengt an, tut auf die Dauer weh.

Sind die Hörer sicher, den Redner zu verstehen, auch ohne genau aufzupassen, so gestatten sie sich leichter Unruhe und Ablenkung, als wenn des Redners Stimme nur gerade bei gespannter Aufmerksamkeit verstanden werden kann.

Um der Stimme die richtige Stärke zu geben, soll man sich vorher über die Akustik des Vortragssaales unterrichten. Man kann da merkwürdige Erfahrungen machen: Als ich in dem größten Saale Hannovers zum ersten Male sprach, hielt ich nach dem ersten Satze überrascht inne, weil ganz deutlich die letzten drei Worte zum zweiten Male ertönten. Erst nach einiger Zeit lernte ich, was man mir vorher hätte sagen sollen, daß man nach jedem Satze dem unglücklichen Widerhall sein Recht lassen müsse, wenn nicht die ganze Rede unverständlich werden sollte. – In einer alten Erfurter Kirche zeigte man mir die Säule gegen die ich sprechen müsse. Jedes Ablenken erzeuge ein undeutliches Stimmgewirr – ein Zwang, der leicht lähmen kann.

Auch ein zu hastiges Sprechen ist vom Übel. Gerade von den tüchtigsten unter den Zuhörern teilt wohl mancher die Meinung des alten Matthias Claudius, der seinen Sohn Johannes ermahnte: »Wo Worte gar so leicht und behende dahinfahren, da sei auf deiner Hut; denn die Pferde, die den Wagen mit Gütern hinter sich haben, gehen langsameren Schrittes.« Und ähnlich urteilt Bismarck: »Wenn mir jemand in auffällig gewandter Weise etwas sagt, so erweckt das zunächst in mir das Vorurteil, daß er mir nichts zu sagen hat.« –

Aber auch ein unnatürlich langsames Sprechen muß vermieden werden, wer einfache Dinge feierlich-abgemessen vorträgt, übt bald eine lähmende Wirkung aus. Hier hat auch die Eigenart des Vortragenden ihr Recht. Bei einem jungen Redner verzeiht man auch feurigen Überschwang, ja, man rechnet ihm wohl als Verdienst an, was befremden würde bei einem älteren Redner in verantwortungsvoller Stellung. Im allgemeinen gilt auch für die Redekunst Hebbels Wort: »Das Notwendige bringen, aber in der Form des Zufälligen: das ist das Geheimnis.« – Die Rede zeigt die höchste Kunst, die nichts von Redekunst merken läßt, sondern die so einfach und natürlich die Dinge darstellt, als ergäbe sich alles von selbst.

Eins der feinsten Hilfsmittel eindrucksvollen Sprechens ist die richtige Verteilung von Pausen. Mehr als durch eine stärkere Betonung wird z. B. ein Gedanke hervorgehoben durch eine kleine Pause vor ihm. Es ist das allerdings eine Kunst, die vor allem eine vollständige Beherrschung des Stoffs voraussetzt.

Auch der geübte Redner wird hier und da in der freien Rede entdecken, daß er einen direkten Fehler gemacht hat. Beim Beginn des Satzes dachte er z. B. an das Zeitwort loben und wählte deshalb den vierten Fall. Im Eifer des Sprechens aber setzte er an den Schluß das Zeitwort danken, so daß der gewählte Fall nun falsch wird. Oder er stellte aus demselben Grunde das Prädikat in die Einzahl, während die Mehrzahl richtig wäre.

Was soll der Redner in solchem Falle tun? Nichts!

Es wirkt einfach peinlich, wenn sich der Vortragende unterbricht, um einen Gedanken, der klar ausgedrückt war, zu wiederholen, nur um irgendeinen Formfehler zu verbessern; bei welchen Verbesserungsversuchen dann oft neue Unregelmäßigkeiten den Redner in neue Verlegenheiten setzen. Der verständige Zuhörer möchte dem Redner zurufen: wir glauben Dir ja, daß Du weißt, daß danken den dritten Fall regiert, und daß zwei Subjekte die Mehrzahl bedingen; und wenn Du es nicht weißt, dann ist es uns auch gleichgültig; wir wollen von Dir nicht grammatische Übungen, sondern Gedanken! Weiter!

Der wichtigste Augenblick während des Vortrags ist der, in dem der Redner gleichsam körperlich empfindet, daß die geistige Verbindung mit seinen Zuhörern hergestellt ist. Es ist, als ob ein elektrischer Strom geschlossen würde. Man fühlt, daß die Mehrheit mitgeht, daß man zusammen denkt, zweifelt, verteidigt, angreift. Dann muß man dem Augenblick sein Recht geben. Fühlt der Redner, daß seine Worte Zweifel wecken, so muß er bei dem Gegenstand verharren und ihn noch von anderer Seite beleuchten. Packt ein Gedanke besonders, kann er den Eindruck wohl noch durch ein neues Bild vergrößern.

Ist das Gefühl der geistigen Verbindung mit seinen Hörern in dem Redner etwa bei der Hälfte des Vortrags nicht lebendig, so ist die Gefahr eines verlorenen Abends vorhanden. Dann gilt es: sich zusammenraffen und Willen in seine Worte legen! Wie man das tun kann, ist schwer zu sagen. Ich finde keinen andern Ausdruck dafür: Der Redner muß versuchen, eine Art elektrischer Ströme auszustrahlen, bis die »drahtlose« Verbindung mit den Nervenzentren der Hörer ihm fühlbar wird. Diese Ausgabe feinster Nervenkraft ist es, die den Redner zum Schluß selbst eines nur einstündigen Vortrags oft so erschöpft sein läßt, wie es die Hörer oder Vortragende, die nur »vorlesen«, überhaupt nicht verstehen. Aber auch hier gilt, daß nur, wer das Höchste einsetzt, auch das Höchste gewinnen kann.

 

Aber selbst bei aller Hingabe ist nicht in jedem Vortrag voller Sieg zu erreichen. Unter den Gründen, die ihn verhindern, steht nach meiner Erfahrung an erster Stelle die Wahl eines ungünstigen Vortragsraums. Eine Äußerlichkeit, eine Kleinigkeit für den Theoretiker, und doch, wieviel hängt im wirklichen Leben gerade von Kleinigkeiten ab!

Ob der Versammlungsraum etwas mehr oder weniger schön ist, darauf kommt wenig an, aber außerordentlich viel darauf, ob er die richtige Größe hat. Wenn hundert Hörer in einem Räume sitzen, der hundert Sitzplätze hat, so ist das natürlich die günstigste Voraussetzung des Erfolges. Wenn dieselben hundert Menschen sich in einem Raum zusammendrängen müssen, der nur für achtzig Menschen bequem ausreichen würde, gestaltet sich die Lage schwieriger; doch ist ein Erfolg auch dann noch möglich. Sitzen die hundert Hörer aber in einem Saal, der für sechshundert Menschen Raum hat, kann man in der Regel den Abend verloren geben. Die Hörer haben das Gefühl, der Vortrag ist nicht so besucht, wie die Veranstalter, die diesen Raum wählten, erwartet haben. Der Vorstand selbst ist unruhig. Fortwährend wendet man sich um, ob nicht noch ein paar Nachzügler kommen. Die Hörer sitzen weit auseinander, irgendeine Stimmung, eine innere Wärme, gleichsam eine Versammlungselektrizität, ist schwer zu erzwingen.

Ein Redner soll stets vor zu großen Sälen warnen, zumal bei der Verkündigung einer neuen Wahrheit der Besuch niemals vorher geschätzt werden kann. Was macht es, wenn selbst wegen Überfüllung einzelne, sogar viele, umkehren müssen? Lieber eine Versammlung wiederholen, als sie untergehen lassen in zu großem Raum.

Auf die Kleidung des Redners legten die Alten so viel wert, daß sie für jede Art Rede die Anlegung besonderer Farben empfahlen. Für uns gibt es nur einen Rat: Nichts an dem Äußeren des Redners darf auffallend sein, weil es die Aufmerksamkeit des Hörers aufsaugt. Ein wehender Schlips, eine Weste von greller Farbe, eine zu dicke Uhrkette usw. sind ebensoviele Gegner Deines Wortes. Auch in einfachen Versammlungen muß die Kleidung zeigen, daß der Redner die Hörer achtet. In Zweifelfällen sei sie deshalb lieber ein wenig zu feierlich als zu nachlässig.

Kann man, so soll man das Trinken und Rauchen auch aus der Volksversammlung ausschließen; nicht nur, weil der Rauch dem Halse und der Lunge des Redners schadet und weil das Geklapper an den Tischen den Eindruck der Worte stört, sondern mehr noch, weil diese Genußmittel gerade die Jugend, auf die wir hoffen, für die wir arbeiten, in ihrem Nervensystem reizen und schädigen. Ich selbst rauche und trinke nicht, gerade auch, um mich fähig zu halten für die hohen Anforderungen, die öffentliches Reden an Körper und Geist dauernd stellt.

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