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Volkstümliche Redekunst

Adolf Damaschke: Volkstümliche Redekunst - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAdolf Damaschke
titleVolkstümliche Redekunst
publisherVerlag von Gustav Fischer
addressJena
printrun58.-65. Tausend
year1924
firstpub1911
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidfe2ceea8
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E. Das Aneignen

Wie mache ich nun den sorgsam ausgewählten Stoff, den ich scharf gegliedert und dessen Ausdruck ich mir genau überlegt habe, zu meinem geistigen Eigentum?

In vielen Fällen wird man wichtige Reden wörtlich ausarbeiten. Beim bloßen Durchdenken überfliegt der Geist doch gar zu leicht Lücken und Widersprüche. Beim wörtlichen Ausarbeiten dagegen ist er gezwungen, Schritt für Schritt zu gehen und jede Schwierigkeit ins Auge zu fassen. Mir ist das schriftliche Ausarbeiten eine Qual, weil mir das eigene Schreiben, auch Stenographieren, nicht schnell genug geht und ich bei der Arbeit des Schreibens die aufsteigenden Gedanken nicht festzuhalten vermag. Ich diktiere den Vortrag, und zwar ohne mich im ersten Entwurf auf einzelne Verbesserungen einzulassen. Es kommt dabei in der Hauptsache darauf an, den durchdachten Plan einmal entschlossen durchzuführen. Einen Tag oder einige Tage später fange ich mit der Feder in der Hand an, den Vortrag durchzuarbeiten. Dann können die einzelnen Verbesserungen nicht mehr den Aufbau stören, sondern müssen sich in den Rahmen des Ganzen einfügen.

 

Viele begnügen sich nun damit, gut durchgearbeitete Reden vorzulesen. Ich habe manchen klugen Mann gehört, der dieses Vorlesen zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte. Und Vorträge, die nur bestimmtes Wissen übermitteln wollen, mögen wohl auch so ihre Aufgabe erfüllen. Unsere Sprache scheidet sie aber fein von der freien Rede und nennt sie »Vorlesungen«. In ihnen kann es sogar geboten sein, das Manuskript wenigstens vor sich auf dem Tisch liegen zu haben, gleichsam als Beweisstück, daß der dargebotene Wissensstoff wirklich sorgsam durchdacht und geprüft ist. Aber auch diese Vorlesungen werden in der Regel um so wirkungsvoller sein, je weniger sie Vorlesungen im Wortsinn bleiben. Diese Art von Vorträgen aber gehört nicht in das Gebiet der Redekunst im engeren Sinne, d. h. der Beredsamkeit, die den Willen der Menschen beeinflussen will.

Wer das will, muß sich von der Niederschrift befreien.

Vorlesen kann der Mensch auch etwas, was nicht sein Eigentum ist, etwas nur äußerlich Angenommenes. Ja, Geschriebenes kann sehr leicht auch Vorgeschriebenes, d. h. Aufgezwungenes sein. Das fühlt der Hörer natürlich, wozu dann noch unwillkürlich der Gedanke tritt, daß man das Lesen zu Hause bequemer selber besorgen könnte. Das Vorlesen endlich macht die persönliche Berührung mit dem Hörer unmöglich; es verhindert, daß Auge sich mit Auge kreuzt, daß sich gleichsam eine elektrische Leitung zwischen dem Redner und dem Hörer bildet.

 

Wer sich entschließt, auf das Vorlesen zu verzichten, der ist oft geneigt, die Rede auswendig zu lernen, um sie dann »herzusagen«. Jeder tut das zuerst. Die ersten drei oder vier Vorträge habe auch ich auswendig gelernt. Aber ich kam bald davon los. Es war ein Vortrag über die französische Revolution, den ich in einer Berliner Ortsgruppe des Deutschen Gewerkvereins der Tischler hielt. Die Tatsache, daß ich denselben Vortrag in mehreren Gewerkvereinen halten mußte, half mir, mich bald von meinem Irrtum zu befreien. Während ich am ersten Abend Wort für Wort hersagte, glücklich, als der letzte Satz zu Ende war, war ich das zweite Mal durch diesen Erfolg schon viel sicherer und ließ aus und setzte zu, und beim dritten und vierten Male ging ich schon ziemlich frei mit dem Stoffe um, eben weil ich das Gefühl hatte, im Notfall kannst du es immer irgendwie zu Ende bringen.

Ein auswendig hergesagter Vortrag, und sei er noch so sicher einstudiert und noch so schön betont, muß immer eine gewisse Kälte ausströmen. Das auswendig Gelernte bleibt stets etwas Fremdartiges. Es ist ja nicht das, was der Mensch in diesem Augenblick denkt und fühlt, sondern das, was er vielleicht vor drei oder acht Tagen gedacht und gefühlt hat. Und dieses Fremde empfinden die Zuhörer, vielleicht unbewußt, so daß die Worte nicht die Wirkung des Unmittelbaren auslösen können. Dazu kommt der große Unterschied zwischen der Schriftsprache und der Sprechsprache. Die Ausarbeitung wird naturgemäß immer etwas von dem Charakter der Schriftsprache an sich haben. Und »sprechen wie ein Buch« sagt D'Alembert, »ist ein schlimmes Lob; denn das heißt immer affektierter Stil.« Und wie der Franzose, so urteilt der Engländer. Der große Parlamentsredner Fox pflegte zu sagen: »Liest sich die Rede gut? Ja? – Nun, dann war es eine schlechte Rede.« Und der Deutsche Vischer mahnt scharf und bestimmt: »Eine Rede ist keine Schreibe!«

Glatte Vorträge sind nicht immer die wirkungsvollsten. Als ich nach einem gefeierten Kanzelredner fragte, antwortete mir der frühere Präsident der lutherischen Kirche des Elsaß: »Seine Reden gehören zu denen, die den Fehler haben, keinen Fehler zu haben.«

Jede gute Rede ist ein Gespräch, wenn auch laut nur einer spricht. Wer am feinsten fühlt, was als Gegenrede in den Seelen der Hörer aufsteigt an Einwendungen, Zweifeln, Fragen, Zustimmung, wird seine Rede am wirkungsvollsten gestalten können. Deshalb kann auch ihr Wortlaut erst während der Rede selbst geformt werden. Das kann natürlich nur der Redner, der durchaus Herr des Stoffes ist. Dabei mag man, wie im Gespräch, wohl auch die gewohnte Wortfolge ändern, indem man z. B. wichtige Wörter an den Anfang oder an den Schluß des Satzes stellt. So läßt Schiller sprechen: »Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an!« oder »Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre!« Und Fichte schloß seine berühmten Reden: »Die Reden, die ich hierdurch beschließe, haben freilich ihre laute Stimme zunächst an Sie gerichtet; aber ich habe im Auge gehabt die ganze deutsche Nation

Sogar ein Abbrechen der Konstruktion, das Ersetzen eines Satzteils durch eine Handbewegung: alles das ist in der lebendigen Sprache nicht nur erlaubt, sondern am rechten Platze sogar von besonderer Wirkung.

Wie aber soll ich mir nun ohne Auswendiglernen den Stoff sicher aneignen?

 

Ich habe folgenden Weg als zweckmäßig erprobt:

Mein Rede-Entwurf hat einen breiten Rand. Auf diesen schreibe ich Stichworte, gleichsam Überschriften über den danebenstehenden Abschnitt. Diese Stichworte werden auf einem Zettel nach Haupt- und Unterabteilungen, d. h. mit lateinischen und arabischen Ziffern, mit lateinischen und deutschen Buchstaben übersichtlich geordnet. Mit dem Merkzettel in der Tasche denke ich nun den Vortrag irgendwo, am liebsten auf einem Spaziergang, durch. Habe ich einen Hauptteil durchdacht, prüfe ich die Stichworte. Ist eines mit dem dazu gehörigen Abschnitt vergessen, so frage ich mich: Wer ist schuld, ich oder der Abschnitt? – d. h. ist vielleicht der Abschnitt überhaupt unnötig, ja störend? Dann wird er natürlich sofort gestrichen, von besonderer Wichtigkeit ist die Prüfung der Übergänge: Wo ergeben sie sich leicht und natürlich? Wo kann ich sie nur künstlich erzwingen? Habe ich so einmal oder mehrere Male die Probe gemacht, bin ich also meiner Sache sicher, dann schreibe ich den Zettel noch einmal selber ab (schreiben ist stets auch lesen!) und füge dazu an ihre Stelle alle Eigennamen, alle Zitate, die ich wörtlich bringen, und alle statistischen Angaben, die ich machen will. Das tue ich auch, wenn ich Namen und Zahlen genau im Gedächtnis zu haben glaube. Man weiß nie, welche Zwischenfälle eine Versammlung bringen kann, ob nicht die Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge gerichtet werden muß, als auf die Wiedergabe von Namen und Zahlen.

In der Regel brauche ich den Merkzettel gar nicht. Es ist aber ein Gefühl der Sicherheit, ihn in der Hand oder auf dem Pult oder wenigstens in der Tasche zu wissen. Kurze Zitate vorlesen (lange haben in einer Volksversammlung überhaupt kein Recht), schadet nicht, es erhöht vielmehr den Eindruck der Zuverlässigkeit.

 

Wie aber, wenn nun trotz guter Vorbereitung ein Bild versagt oder ein Ausdruck fehlt, und man hat den Text der Rede nicht vor sich, sondern nur den Merkzettel mit den Stichworten? Nun dann sucht man eben nach dem Bilde oder nach den Worten! Ein solches Suchen kommt auch im Gespräch vor. Es schadet auch im freien Vortrag nichts.

Unter Umständen kann es sogar förderlich sein. Der Hörer denkt und sucht mit, freut sich, daß nicht er selbst, sondern ein anderer in dieser Verlegenheit ist, empfindet ein gewisses Mitleid, was immer günstig stimmt, und atmet mit dem Redner erleichtert auf, wenn er die Schwierigkeit überwunden hat. Ein englisches Parlamentsmitglied empfahl sogar, aus solchen Erwägungen heraus öfter freiwillig »zu zaudern und zu stocken«. Doch das ist ein schlechter Rat. Auch der beste Redner weiß nicht, ob ihn nicht wirkliche Not häufig genug in diese Lage bringen kann, und natürlich dürfen solche Verlegenheiten immer nur seltene Ausnahmen bleiben.

Was aber soll man tun, wenn mitten in der Rede ein gelegentlicher Blick auf den Merkzettel zeigt, daß man im Eifer einen ganzen Teil der Rede ausgelassen hat? Zunächst nichts, sondern ruhig dort fortfahren, wo man sich gerade befindet. Läßt sich unauffällig am Schluß des zu kurz gekommenen Teils der vergessene Abschnitt einschieben, so mag man es tun. Wendungen, wie: »fast hätte ich vergessen«, oder »Sie werden noch fragen« und ähnliches sind ja zu solchen Übergängen geeignet.

Macht die Einordnung an dieser oder an einer anderen Stelle Schwierigkeiten, so lasse man das Ausgelassene ruhig aus! während der Rede müssen die Gedanken vorwärts gehen und nicht zurück. Möchte man den vergessenen Teil aber doch mitteilen, so bietet das Schlußwort dazu wohl stets Gelegenheit. Das kann man sich ja gewöhnlich auch geben lassen, wenn gar keine Aussprache stattgefunden hat: »Ich möchte doch noch dem Vorhergegangenen ergänzend hinzufügen.« Findet aber eine Aussprache statt, so ist es in vielen Fällen wohl möglich, in der Pause, die in der Regel zwischen Vortrag und Aussprache stattfindet, einen Freund zu bitten, eine Frage schriftlich oder mündlich zu stellen, deren Beantwortung zwanglos Gelegenheit gibt, das Versäumte nachzuholen.

 

Häufig wird Anfängern in der Redekunst empfohlen, aus guten Büchern laut vorzulesen. Solche Übungen haben gewiß ihren Wert. Man gewöhnt sich an den Ton seiner Stimme und kann sich eine deutliche Aussprache und sinngemäße Betonung aneignen. Aber dieser Weg ist doch auch nicht bedenkenfrei. Bücher bieten naturgemäß immer Schreibstil, d. h. eben den Stil, den ein guter Redner überwinden muß.

Dazu kommt, daß das Lesen einen anderen Tonfall gleichsam erzwingt, als das freie Sprechen. Ohne den Inhalt zu verstehen, kann man doch ohne weiteres beurteilen, ob in einem Nebenraum jemand vorliest oder frei erzählt, so sehr sind beide Ausdrucksarten verschieden. Und ebenso wirken sie auch. Wenn ich ermüdet auf einer Reise bin, kann es wohl geschehen, daß ich beim Vorlesen auch eines bedeutenden Buches einschlafe, was selbst bei einem mittelmäßigen Gespräch kaum möglich ist. Ein Vortragender hat diesen Vorleseton beim Hersagen von Auswendiggelerntem. Will er wirken, muß er sich unter allen Umständen von ihm befreien.

Will sich jemand allein schulen, so scheint folgender Weg am meisten Erfolg zu versprechen: Man lese aufmerksam einen Abschnitt von 2-4 Seiten, mache sich dann unabhängig von dem Buch einen Merkzettel mit der Gliederung, wie ich sie oben angedeutet habe. Dann prüfe man, ob alle wesentlichen Gedanken des gelesenen Abschnitts in der Gliederung wiedergegeben sind. Hierauf halte man mit dem Merkzettel in der Hand in seinem Zimmer eine Rede über das Gelesene und zwar stehend mit lebendigem Ausdruck. Am zweckmäßigsten beginne man mit rein erzählenden Abschnitten; werbende und kämpfende lasse man erst später folgen. In der neuesten Auflage meiner »Bodenreform«, »Grundsätzliches und Geschichtliches zur Erkenntnis und Überwindung der sozialen Not« (136. Tausend, G. Fischer, Jena), habe ich, um auch nach dieser Richtung unseren Freunden zu dienen, die Gliederung scharf durchgeführt. Ich empfehle, zunächst Abschnitte zu nehmen, wie »Die letzten Bodenreformer Spartas«, »Tiberius und Gajus Gracchus« oder Teile aus dem Leben Henry Georges oder aus den Kapiteln: »Die Bodenreform und Israel« und »Die deutsche Bodenreform«. Nach den erzählenden Darstellungen kämen in Betracht mehr theoretische Abhandlungen, die aber auch zunächst nur Tatsachen wiedergeben, wie »Stand und Bedeutung der Wohnungsfrage«, »Mietsteigerung und Lohnerhöhung«, »Die sittliche Bedeutung der Zuwachssteuer« und erst zuletzt werden Abschnitte durchzuarbeiten sein, wie die Auseinandersetzung mit der Malthus'schen Bevölkerungslehre oder mit dem Kommunismus, z. B. »Das Gesetz der kapitalistischen Akkumulation« oder »Am Tage nach der Revolution«.

Bald kann man einen Schritt weiter gehen und einen Freund dazu bewegen, an der Hand des Buches den Vortrag prüfend anzuhören. Es muß aber ein verständiger Helfer sein, der den Unterschied zwischen einer Schreibe und einer Rede wohl versteht, und der weiß, daß es darauf ankommt, nicht die Worte des Buches herzusagen, sondern in freiem Ausdruck das Erlesene wiederzugeben.

Weitere Schritte vorwärts bedeutet es, wenn man die gegebenen Beispiele durch solche aus eigener Erfahrung ergänzt, einzelne Teile des Gelesenen durch ähnliche Ausführungen ersetzt. So wird nach und nach die Rede immer mehr eigene Gedanken, Bilder, Vergleiche wiedergeben.

Tun mehrere Freunde sich zusammen, so kann ohne viel äußerliches Drum und Dran eine zwanglose Gemeinschaft zur Förderung der Redekunst entstehen, deren Mitglieder sich manchen wertvollen Dienst zu leisten vermögen, natürlich nur, wenn ehrliche Aussprache eine Selbstverständlichkeit ist, die schonend, aber fördernd geübt und ohne verletzte Eigenliebe aufgenommen wird.

 

Das wichtigste Ziel auf der Stufe der Aneignung ist, sich den zum Vortrag bestimmten Stoff so zu seinem geistigen Eigentum zu machen, daß unser Wort nicht als etwas Äußerliches erscheint, sondern als etwas, das aus unserer Persönlichkeit geboren wird. Dazu ist aber durchaus nötig, sich von dem Wahn zu befreien, als könne man sein geistiges Eigentum nur in vorher bestimmt festgelegten, gleichsam erstarrten Worten wiedergeben. Erst dann ist man wirklich Herr der Form, wenn man sie nach den Bedürfnissen der Stunde zu wandeln vermag.

Der bekannte sozial-konservative Führer Hermann Wagener, der Gründer der »Kreuzzeitung«, erzählt in seinen Erinnerungen »Erlebtes« von der ersten Gelegenheit, bei der er eine parlamentarische Stellung gewann:

»Meine Rede wurde nicht allein von meinen Freunden als eine Leistung anerkannt, sondern übte auch einen gewissen Einfluß auf die Regierung, sowie auf die Gegner aus. Es war mir dies dadurch möglich geworden, daß ich über die einschlagenden Tatsachen ziemlich gründlich informiert war und ich daher den Gegenstand vollständig beherrschte, und daß ich dabei die Vorsicht beobachtet hatte, meine Rede gehörig auszuarbeiten, dieselbe aber alsdann, entsprechend dem Stadium der Debatte, wo ich zum Worte kam, in modifizierter Weise zu halten.« –

»Hast Du den Gedanken einmal fest und klar ergriffen«, sagt Fichte, »dann drücke ihn selbst aus, wie Du willst, und so mannigfaltig als Du willst: Du bist sicher, daß Du ihn immer gut ausdrücken wirst.«

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