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Volkssagen und Legenden

Gustav Schwab: Volkssagen und Legenden - Kapitel 9
Quellenangabe
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typelegend
authorGustav Schwab
titleVolkssagen und Legenden
publisherprojekt.gutenberg.de
year2012
correctorreuters@abc.de
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Kaiser Oktavianus

Als der König Dagobert in Frankreich regierte, war zu Rom ein gewaltiger Kaiser, Oktavianus genannt. Dieser hatte eine Gemahlin, die als die schönste und klügste Frau gepriesen wurde. In aller Menschen Augen erschien sie lieblich und tugendsam, und das römische Volk war ihres Lobes voll.

Der Kaiser und seine Gemahlin wohnten glücklich beieinander; lange Zeit jedoch war ihre Ehe mit keinen Kindern gesegnet. Endlich aber gebar die Kaiserin zwei Söhne auf einmal; schönere und lieblichere Knaben konnte man nicht sehen.

Das ärgerte des Kaisers Mutter, denn sie war ihrer Schwiegertochter sehr feind. Darum dachte sie darauf, in die schöne Saat Gift zu säen. Nachdem sie vergebens versucht hatte, dem Kaiser Zweifel gegen die Treue seines Weibes einzuflössen, bestach sie einen unehrlichen Diener, daß er sich in das Gemach der schlummernden Kaiserin schlich und dort von dem Kaiser, den das tückische Weib gerufen hatte, betreffen ließ. Der Kaiser, in großem Zorn, zog sein Schwert; doch bedachte er sich und wollte sie nicht im Schlaf ermorden. »Warum tötet Ihr sie nicht?«, sprach die alte Mutter zu ihrem Sohne. »Ist sie Euch nicht überwiesen genug? Folget meinem Rat und bringet beide um.« Dem Knechte aber hatte das falsche Weib verheißen, es sollte ihm kein Leid widerfahren. Oktavianus antwortete seiner Mutter: »Es will sich nicht geziemen, daß ein Kaiser jemand unerhört im Schlafe hinrichte.« Er sah dabei seine fromme Gemahlin, welche so sanft schlief wie eine, die nichts Arges im Herzen hat, unverwandt an.

Indem nun der Kaiser vor ihr stand, kam ihr ein schwerer Traum vor die Seele. Ihr deuchte, ein starker Löwe nahe sich, werfe sie auf die Erde nieder, reiße ihren schneeweißen Schleier ab und zerre ihn in Stücke. Alsdann fasse er ihre beiden Kinder an, sie wegzutragen. Da fing sie laut an zu schreien: »Ach Gott, meine lieben Kinder! Wer will mich an dem starken Löwen rächen?« Indem sie so schrie, erwachte sie und sah den Kaiser mit bloßem Schwerte vor sich stehen. Doch nicht dieses machte ihr Not, sondern sie suchte nur nach ihren Kindern, ob sie noch da wären. Da erblickte sie den Diener neben sich und schrie mit lauter Stimme: »Ewiger Gott! Wer hat mich so verraten? Wer ist dieser Mensch? Ich habe ihn nie gesehen!« – »Ach, liebe Frau«, sprach da des Kaisers falsche Mutter, »es ist ja der, den Ihr so lange lieb gehabt habt, und den Ihr jetzt in des Kaisers Abwesenheit habt rufen lassen. Aber der Kaiser«, fuhr sie fort, »mein Herr und Sohn, ist es längst gewahr geworden, und du magst immerhin leugnen. Du Dirne, deine Sache ist endlich an den Tag gekommen!« Die arme Kaiserin rechtfertigte sich unter Seufzen und Weinen, und der Kaiser selbst war so betrübt, daß er lieber hätte tot sein wollen. Doch sprach er: »Wer ist, der seine Frau mit einem Buben findet und nicht glauben wollte, daß sie an ihm treubrüchig geworden?« Die Kaiserin konnte nicht mehr sprechen, sie weinte nur. Der Kaiser aber ergrimmte und sprach: »Frau, Euer Weinen hilft Euch nichts; denn ich habe die Sache mit meinen eigenen Augen gesehen!« Darauf rief er Ritterschaft und Diener herbei und sprach zu ihnen: »Ihr sehet, liebe Herren, die ehrlose Tat, deren sich meine Frau wider mich schuldig gemacht hat. Darum nehmet sie mitsamt ihren Kindern gefangen und werfet sie in das tiefste Gefängnis!«

Als die Kaiserin nun von den Dienern weggeführt worden war und der Kaiser sich mit dem falschen Knecht allein sah, kam ihn ein solcher Grimm an, daß er ohne Verhör und Verantwortung ihm sein Haupt mit dem Schwerte spaltete. Am andern Morgen ward der Leichnam hinausgeschleift und an den Galgen gehenkt. Hierauf ging der Kaiser weiter zu Rate, was mit der Kaiserin und ihren zwei Kindern, die er nicht mehr für die seinigen hielt, zu tun wäre; er gedachte, sie alle drei verbrennen zu lassen.

Als nun die Herren zu Rate saßen, stellte ihnen der Kaiser die Schmach vor, welche seine Gemahlin an ihm begangen hätte, und verkündigte ihnen seinen Entschluß. Wie er seine lange Rede geendet, sahen die Räte einander an, und keiner wollte zuerst sprechen. Endlich wagte es der Älteste, welcher sich immer mehr um das Tun und Lassen der Kaiserin bekümmert hatte als die andern, und sprach: »Gnädiger Herr! Ihr verlangt, wir sollen die Kaiserin verurteilen und doch ist die Tat noch nicht bezeugt. Auch hat sich die Beklagte noch nicht verantworten können, und es kann zudem Verrat im Spiel sein.« Jetzt wagte es auch ein anderer und sprach: »Gedenkt, Herr, an den Eid, den Ihr der Kaiserin geschworen, als Ihr sie zur Ehe begehrtet: daß Ihr ihren Leib schirmen wollet wie Euern eignen. Nun ist diese Tat nicht bezeugt, und wissen wir nicht, ob nicht Neid und Verrat im Spiele sind. Darum seht zu, daß Ihr nicht treulos an Eurer Frau werdet und Euren Eid an ihr nicht brecht!« Alle Räte traten dieser Meinung bei, so daß niemand mehr auf der Seite des Kaisers war als seine alte Mutter, die ihm stets anlag, er sollte die fromme Kaiserin, die mit ihren wimmernden Kindern hart gefangen lag, verbrennen.

Die arme Frau im Kerker gab den Kindern manchen Kuß und sprach: »Liebe Kinder, was haben wir unserem Gott getan, daß wir so unschuldig sterben müssen?«

Als drei Tage um waren, versammelte der Kaiser seine Räte wieder und begehrte, daß sie das Urteil über die Kaiserin sprechen sollten. Da die Räte des Kaisers Ernst sahen, sprachen sie einmütig: »Allergnädigster Herr! Seht zu, was Ihr tut. Wir können die fromme Kaiserin auf keine Weise verurteilen und haben nichts über sie gefunden; werdet nicht meineidig an ihr. Unser Rat wäre, Ihr solltet die Unschuldige zufrieden lassen und die beiden Knaben aufziehen, bis sie den Harnisch tragen könnten und man sähe, was aus ihnen wird.« Der Kaiser besann diese Worte; denn er hatte sie sehr lieb gehabt. Doch fiel ihm der Diener wieder ein, von dem er meinte, daß sie so lange mit ihm gebuhlt hätte, so daß er seine eigenen Kinder nicht für solche anerkennen mochte. Da ging er zu seiner Mutter und fragte sie. Diese schalt die Räte meineidige Bösewichter und drang in ihn, Mutter und Kinder verbrennen zu lassen. Nun fügten sich die Obersten und Räte, als sie sahen, daß der Kaiser unerbittlich war.

Jetzt wurde ein großes Feuer vor der Stadt Rom aufgemacht, und dreißig Stadtknechte erhielten den Befehl, die Kaiserin samt ihren zwei Kindern aus dem Gefängnis zu holen und vor die Stadt hinauszuführen. Reich und arm, jung und alt, wer es mitansah, hatte ein großes Mitleiden mit der hohen Frau und den zwei unschuldigen Kindern. »Liebe Männer«, sprach die Kaiserin zu den Dienern, als sie das Feuer von ferne auflodern sah, »saget mir um Gottes willen, was wird man mit mir und meinen Kindern anfangen?« Da erhub sich einer unter den Stadtknechten und sprach: »Weh mir, daß ich es Euch sagen soll! Aber wißt, daß der Kaiser uns befohlen, Euch und Eure beiden Kinder zu verbrennen.« Da das die Kaiserin hörte, erschrak sie, doch wandte sie sich zum Gebet und sprach: »Allmächtiger Gott! Wer weiß, womit ich es verdient habe; wenn es dein Wille ist, so mag ich ihm nicht widerstreben!« So kam sie unter Weinen und Beten vor den Kaiser und die andern Herrn, die ein großes Erbarmen mit ihr hatten. Der Kaiser aber, sobald er ihrer ansichtig wurde, hieß sie samt ihren Kindern ins Feuer werfen. Und doch war es ihm, als wollte ihm sein Herz vor Leid zerspringen; denn er hatte sie sehr lieb gehabt.

Die arme, gefangene Frau fiel vor dem Kaiser aufs Knie und mahnte ihn an seinen Eid. Alle Menschen, die zugegen waren, fingen an zu weinen, besonders die Armen, denen sie täglich viele Almosen ausgeteilt hatte. Der Kaiser sah seine Frau ganz traurig an, als er sie so kläglich weinen und doch so willig zum Tode sah. Auch die unschuldigen Kinder dauerten ihn, so daß er sehr bestürzt wurde und lange nicht wußte, was er tun sollte; denn es stieg ihm der Gedanke auf, daß er ihr vielleicht doch Unrecht tue. Seine Mutter aber schrie: »Sohn und Kaiser, was zögert Ihr? Lasset sie ins Feuer werfen; denn sie hat es längst verdient!« Da antwortete ihr der Kaiser und sprach: »Mutter, Ihr habt unrecht; denn als ich sie zur Ehe nahm, schwur ich einen Eid, ihr Leib und Leben zu beschirmen. Den Schwur muß ich halten, darum wird sie nicht verbrannt.« So rettete die Frau des Kaisers Eid. »Steht auf«, sprach er, »ich habe mich über Euch erbarmt; verlaßt mein Reich mit Euren beiden Kindern. Wo Ihr weiter in meinem Lande gefunden werdet, werde ich Euch verbrennen lassen!« Die fromme Kaiserin erholte sich bei diesen Worten von ihrer großen Angst und sprach: »Herr, wenn es so sein muß, so bitte ich Euch: gebt mir einen frommen Mann zum Begleiter, damit ich auf der Strasse nicht verunehrt werde. Aber wie dies sei, so weiß ich doch, daß durch mich weder Eure noch meine Ehre befleckt worden ist!«

Aber da half keine Verantwortung mehr. Der Kaiser kehrte sich um, er konnte vor Weinen kein Wort mehr reden. Seine Gemahlin fiel ohnmächtig zur Erde, wurde jedoch von den edeln Frauen bald wieder aufgehoben. Als sie wieder zu sich kam, nahm sie ihre zwei Kinder auf die Arme und rüstete sich zum Wandern. Von Seiten des Kaisers wurde ihr ein starkes, wohlgesatteltes Pferd vorgeführt und hundert Kronen zur Zehrung mitgegeben. Fünf frommen und mitleidigen Rittern ward der Auftrag erteilt, sie aus dem Lande zu führen und sie, wie sie eidlich versprechen mußten, in einem öden Wald an der Reichsgrenze, der voll wilder Tiere und Mörder war, sich selbst zu überlassen.

Als sie hier angekommen waren, schieden die Ritter von ihr und befahlen sie Gott. Die Kaiserin dankte ihnen herzlich für ihr Geleit und sprach: »Grüßt mir meinen lieben Herrn, den Kaiser, noch einmal zuletzt; sagt ihm, er werde mich nun nimmer wiedersehen, und meldet ihm, daß ich seine zwei Söhne, welche wahrlich sein Fleisch und Blut sind, mit mir trage. Wenn mich Gott behütet, so will ich sie ritterlich erziehen.«

Die Ritter hatten sie verlassen, und die Kaiserin überlegte, welchen Weg sie einschlagen sollte. So zog sie in Gedanken fort und verlor bald die rechte Strasse. Als sie weit geritten war, kam sie auf einen Fußpfad, der sie zu einem hohen Felsen führte, an dem sie einen schönen Brunnen fand; über dem Brunnen stand ein Baum, der duftete lieblich wie Balsam. Sowie die Kaiserin den Born erblickt hatte, stieg sie von ihrem Pferd und nahm ihm das Gebiß aus dem Maul, daß es von den Kräutern im Walde weiden konnte; denn Heu und Haber war nicht vorhanden. Die Verirrte sah um sich, und da sie keinen Menschen sah, verfiel sie in tiefe Kümmernis; doch erfreute sie wieder ein Blick auf ihre zwei Kinder, die küßte sie und legte sie nieder in die schönen Blumen und in das Gras. Dann labte sie sich mit einem Trunk des köstlichen Wassers aus dem Brunnen und aß von den Speisen, die ihr aus des Kaisers Küche mitgegeben waren. Und jetzt setzte sie sich nieder und überdachte ihr großes Leid; aber sie war so müde, daß sie bald einzuschlafen begann. Nun hielten sich in jenem Walde viel wilde Tiere auf. Als daher die Kaiserin mit ihren beiden Kindern eingeschlafen war, kam von ungefähr ein großer und starker Affe, der sah die Kinder so lieblich schlummern. Da bekam er große Lust, das eine Kind zu stehlen, schlich deswegen zu den Kleinen heran und erwischte behend das eine; mit dem eilte er durch den Wald, so lange, bis er zu einem grünen Platz kam; dort setzte der Affe es nieder und wollte das Kind nackt sehen, deswegen wickelte er es aus den Windeln, bis es ganz bloß vor ihm lag. So saß er vor dem Kinde, fing an, freundlich zu grinsen, und bleckte die Zähne, kurz, er gebärdete sich, wie eine Mutter gegen ihr Kind tut, und meinte, das Kind sollte auch gegen ihn lachen. Aber das Kind fing an zu weinen und zu schreien.

Nun fügte es Gott, daß ein Ritter mit seinen Dienern sich auch in dem Walde verirrt hatte. Der Ritter kam getrabt, seine Knechte voran, die ihm Bahn machen und ihn vor dem Angriff der Mörder und der Bestien schirmen sollten. Als nun der Ritter den Affen gewahr wurde, der ein nacktes Kind mit seinen Tatzen handhabte, sprengte er mit seinem Pferde hinzu, zog sein Schwert und schrie: »Ei, Meister Affe, laß das Kind los!« Sobald der Affe den Ritter sah, machte er einen Satz auf den Ritter zu und wollte ihn vom Pferde zerren, ja er riß ihm ein großes Stück aus dem Rock. Der Ritter aber, der ein starker und beherzter Mann war, führte einen so sichern Streich, daß er dem Affen den rechten Arm vom Leibe hieb. Als der Affe diese Verstümmelung empfand, sprang er vor Schmerz und Zorn wohl zehn Schuh hoch. Zugleich schlug das Pferd des Ritters hintenaus und traf den Affen so hart an die Seite, daß er zur Erde fiel. Jetzt sprang der Ritter behend auf seine Füße, hieb dem Affen den Kopf ab und nahm das Kind auf sein Pferd.

Bald hatte er seine Diener eingeholt; er erzählte ihnen zu ihrer Verwunderung die Geschichte, und so ritten sie miteinander durch den Wald, obwohl sie Strasse und Fußpfad verloren hatten. Endlich gerieten sie unter eine Rotte Mörder, die daselbst schon manchen braven Mann beraubt und getötet hatten. Der Ritter, als er sich von den Räubern dicht umringt sah, rief Gott um Beistand an und sparte sein Schwert nicht; einem schlug er sein Haupt ab, drei andere verwundete er so, daß sie ihre Waffen fallen lassen mußten. Als die übrigen Mörder, deren noch sechse waren, dies sahen, schrien sie dem Ritter zu, er sollte stillehalten und das Kind liegen lassen; denn er habe es gewiß einem mächtigen Fürsten gestohlen. Der Ritter aber sprach: »Nein, ihr Bösewichter; wollt ihr die Wahrheit hören, so wisset, daß ich das Kind einem Affen abgenommen habe; ich kann euch die Stelle zeigen, wo ich das Tier erlegt habe!« Jetzt meinten die Mörder erst recht, es müsse eines großen Herren Kind sein, weil der Ritter so albern lüge; sprengten von neuem auf ihn ein und wollten eher sterben als das Kind dahinten lassen, so daß am Ende der Ritter und seine Diener, obwohl sie einige verwundet und umgebracht, sich genötigt sahen, das Kind zu verlassen und davonzureiten. Nachdem die Mörder sie vergebens verfolgt hatten, kehrten sie zu dem Kinde zurück und warfen das Los, welcher unter ihnen es tragen sollte. Das Los fiel auf den Vornehmsten der Räuber. Dieser trug das Kind, bis es ihm zu schwer wurde. Dann sprach er zu seinen Gesellen: »Liebe Freunde, gebt mir einen Rat, was wollen mir mit dem Kinde anfangen? Seine Schönheit zeigt, daß es nicht von niedriger Geburt ist. Ich meine, wir sollten es an das Gestade des Meeres bringen und dort verkaufen; denn da finden sich Kaufleute aus Frankreich und andern Ländern, die vielleicht das Kind in Betracht seiner Schönheit uns wohl bezahlen werden.«

Indem nun die Mörder dem Meeresufer zugehen, finden sie unterwegs den Affen tot liegen, wie ihnen der Ritter gesagt hatte. »Fürwahr«, sprach einer zu dem andern, »der Ritter hat die Wahrheit gesagt; er hat das Kind ritterlich erlöst und erobert.« Dessen ungeachtet behielten sie das Kind; denn was sollten sie jetzt anderes tun, und eilten ans Gestade zu den Kaufleuten, die sie bald fragten, ob ihnen das Kind feil sei. Ein Kaufmann fragte: »Wie hoch schlagt ihr das Kind an?« Die Mörder sprachen: »Es kann kein schöneres Kind auf der Erde gefunden werden. Wir wollen es Euch um vierzig Pfund geben.«

Die Kaufleute fanden das Kind zu teuer. »Behaltet es nur«, sagten sie, »ihr habt es doch aus eines Biedermanns Hause gestohlen.« – »Nein«, erwiderten die Räuber, »wir haben es einem Ritter abgejagt, der hat es von einem Affen erlöst, den er totgeschlagen.« – »Liebe Herren«, sprachen da die Kaufleute, »wollt ihr zehn Pfund, damit ist es unser Ernst. Bedenkt's, der erste Kauf ist der beste!« Dafür wollten die Mörder das Kind nicht geben. Nun war in diesem Kaufmannsschiffe ein frommer Pilger, Klemens genannt, der sah sich das Kleine an und fand es schön; dachte, es werde wohl adliger Abkunft sein. Er faßte auch eine solche Liebe zu dem Kinde, daß er nach kurzen Worten mit den Räubern eins wurde und ihnen dreißig Kronen dafür gab. Als die andern Kaufleute dies sahen, spotteten sie des Klemens und sagten: »Fürwahr, Ihr scheint Geld genug zu haben, daß Ihr so teuer einkauft!« Klemens achtete aber nicht darauf. Erst als das Schiff sein Ziel erreicht hatte, wo Klemens und die andern Pilger dann zu Fuße gehen mußten, wollte den Pilger, als er den Knaben auf dem Rücken hatte, sein Geld auch reuen. »Was bin ich für ein närrischer Mann«, sagte er zu sich selbst, »daß ich mir solche Mühe aufgeladen und ein Kind gekauft habe, das ich tragen muß.«

Doch dachte er wieder: »Gott hat mir das Kind beschert, so will ich's annehmen; hab' ich doch daheim nur einen einzigen Sohn bei meinem Weibe gelassen und weiß nicht einmal, ob er noch am Leben ist oder nicht. Das Kind ist so hübsch; daheim habe ich Geld genug, es zu erziehen. Drum sei es!« Und so nahm er den Knaben, gab ihm einen Kuß, hängte ihn wieder auf seinen Rücken und zog durch Frankreich.

Als das Kind ihm zu beschwerlich wurde, kaufte er ihm einen Esel und mietete eine Wärterin, die er, mit dem Knaben im Arm, auf das Tier setzte, und so wanderte er auf Paris zu wie ein Zigeuner. Dort wurde er namentlich von seinen besten Freunden aufs herrlichste empfangen. Als er aber gefragt wurde, woher er denn das schöne Kind bringe, antwortete er: »Ich habe es jenseits des Meeres erobert: seine Mutter ist auf dem Wege gestorben; deswegen mußte ich diese Frau bestellen, obgleich sie aus einem andern Lande ist als das Kind; wäre seine Mutter gesund geblieben, die hätte ich lieber mit mir gebracht als diese alte Frau!« So sprach der ehrliche Klemens lachend und zog weiter nach der Vorstadt St. Germain, wo seine Wohnung war. Hier wurde ihm von seiner Hausfrau große Ehre bewiesen. Die gute Frau meinte, das Kind gehöre einem großen Herrn in Frankreich, welcher es ihrem Manne zur Erziehung anbefohlen habe. Sie fragte auch nicht weiter danach, wie weise Frauen zu tun pflegen, sondern sie lebten freundlich miteinander, ließen das Kind taufen und Florens nennen und zogen es gut auf. Florens aber war schön, wuchs lustig heran und wurde in kurzer Zeit stark und männlich.

Wir haben gehört, wie die Kaiserin bei dem Brunnen eingeschlafen war und das eine Kind ihr von dem Affen gestohlen wurde. Sie schlief noch, als bald darauf eine Löwin durch den Wald gelaufen kam und das andere Kindlein bei seiner Mutter schlummern sah; sie schlich hinzu, nahm das Kind in den Rachen und wollte es ihren jungen Löwen zu essen bringen. Indem sie nun das Kind mit den Zähnen faßte, erwachte die Kaiserin und sah, wie das reißende Tier das eine ihrer Kinder von dann trug und ihr anderes nicht mehr da war. Sie meinte nicht anders, als dieses hätte die Löwin schon gefressen, und das andere werde sie auch zerreißen. Deswegen fing sie an zu weinen und nach Gott zu schreien, nahm das weidende Pferd, setzte sich darauf und tat einen Schwur, daß sie nicht aufhören wollte zu reiten, bis sie die Löwin eingeholt und sich an ihr gerächt hätte. Die Löwin aber rannte vor ihr her und hörte nicht auf zu laufen, bis der Wald zu Ende war, so schnell, daß die Kaiserin nicht nachfolgen konnte und das Tier aus den Augen verlor. Doch bekam diesem seine Beute auch nicht gut; denn sowie die Löwin den Wald verließ, ward sie von einem gewaltigen Greifen erblickt, der wütend auf sie zuflog und sie mitsamt dem Kinde so heftig mit seinen Klauen packte, daß die Löwin sich nicht zu regen vermochte. Der Greif schwang sein Gefieder mächtig, flog über Berg und Tal, Wald und Wasser, und endlich eilte er einer Insel zu. Die Löwin aber wollte nicht von dem Kinde Lassen; denn Gott hütete es, und so behielt sie es in ihrem Rachen, bis sich der Greif auf einem meerumflossenen Eilande zur Erde niederließ.

Da legte die Löwin das Kind in den Sand und ergriff den Vogel Greif im grimmigen Zorn so scharf beim Hinterfuße, daß er entzweibrach. Der Greif fiel zur Erde nieder vor Schmerz; doch wehrte er sich, so gut er konnte: er schlug auf die Löwin mit Flügeln und Klauen ein wie ein erbittertes Tier, aber es half nichts; die Löwin stürzte mit Hast auf den Vogel und zerriß ihn; so wurde er der Stärkeren Speise. Nachdem die Löwin satt war von des Greifen Fleisch, legte sie sich neben dem Kinde nieder, als ob sie bei ihren jungen Löwen wäre. Das Kindlein aber erreichte das Euter der Löwin, und als es spürte, daß es voller Milch war, hub es an zu saugen. So ward das Kind gespeist; denn Gott der Herr wollte es nicht verderben lassen.

Hierauf grub die Löwin eine tiefe Grube in der Insel mit ihren spitzen Klauen, nahm das Kind, trug es in die Grube und blieb bei ihm acht Tage und Nächte. Sie leckte es mit der Zunge, damit es gesäubert würde, und von ihrer langen Mähne machte sie ihm ein Bett, darin es gut lag. Trinken konnte es, wann es wollte, und war die Löwin hungrig, so aß sie von des Greifen Fleisch.

Nun begab es sich, daß Schiffsleute, denen der Wind ungünstig war, genötigt wurden, mit ihrem Fahrzeug an der Meeresküste zu landen, wo eben die Kaiserin ihr Kind und die Löwin suchte. Sie hörte das Geschrei, eilte herbei und sah, wie die Pilger mit ihrer Galeere ans Land gefahren waren. Die Seefahrer kamen ihr vor wie Christenleute, daher sprach sie zu ihnen: »Liebe Herren, wo wollet ihr hinreisen? Ich komme aus fernen Landen und bin eine arme verirrte Frau, ich weiß nicht, wo in der Welt ich bin und wo ich hinsoll!« – »Frau«, antworteten ihr die Schiffsleute, »wir wollen in das Heilige Land fahren; wenn der Wind uns nicht zuwider ist, so hören wir nicht auf zu schiffen, bis wir nach Jerusalem kommen.« Da bat die Frau aufs inständigste, sie doch mitzunehmen, bis der Patron und die Schiffsleute ihr gestatteten, sich zu ihnen in die Galeere zu setzen; und als das Meer still wurde, fuhren sie weiter. Die Pilger wurden der schönen Frau bald geneigt, und als sie in sie drangen, ihnen zu sagen, wie sie an diese wilde Stätte gekommen wäre, fing sie an, ihnen ohne Hehl zu berichten, wer sie sei und wie es ihr ergangen.

Sie waren wieder eine gute Weile geschifft und eben der Insel gegenüber, auf welche die Löwin samt dem Kinde von dem Greifen getragen worden war, als der ungünstige Wind sie wieder ergriff und zu ankern nötigte. Es waren unter den Pilgern einige kühne Leute, die an Land gingen. Als sie nun so hin und der wandelten, kamen sie vor die Höhle, worin jene Löwin lag und schlief. Die Pilger sahen das schöne Kind in der Grotte liegen und hatten sich von ihrem Staunen noch nicht erholt, als die Löwin erwachte und mit einem gräßlichen Satze aufsprang, so daß die Pilger kaum fliehen konnten und außer Atem auf dem Schiffe ankamen. Die andern Pilger, die sie so atemlos daherkommen sahen, fragten sie nach der Ursache und nun meldeten jene, was sie erblickt hatten, und bejammerten es, daß sie das Kind nicht erretten konnten. »Denn wenn auch die alte Löwin es schont«, sprachen sie, »so werden doch die jungen Löwen es später auffressen!«

Als die Kaiserin das hörte, sagte sie: »Ach, liebe Männer, Gott sei gelobt, daß ich das höre; denn es ist fürwahr mein Kind, das die Löwin hinweggetragen hat! Laßt mich zu ihm!« Die Pilger stellten der Frau das Verderben vor, das ihrer bei der Löwin warte. »Was wollt Ihr von uns ziehen«, sprachen sie, »erbarmt Euch über Euch selbst und laßt das Kind fahren. Es ist besser, ein Mensch sterbe als zwei!« Da sie sich aber nicht wehren ließ, sagten die Pilger: »Nun, wenn Ihr es durchaus wollt, dort sitzt ein Priester, beichtet ihm; denn Ihr geht dem Tod in den Rachen, und bittet Gott, daß er Euch helfen möge!« Die Kaiserin kniete vor dem Priester nieder, beichtete und empfing den Segen; dann bat sie die frommen Pilger, zu warten, und trat ans Land.

Es währte nicht lange, so kam sie zu der Grube. Da erblickte sie ihr Kind, welches mit der Löwin spielte und fröhlich war. Als die Frau das sah, erschrak sie, fiel nieder auf die Knie und beschwor die Löwin: »Ich sage dir bei Gott, dem Allmächtigen, bei seinem Sohn und seinem Tod am Kreuz, daß du keine Macht und Gewalt über mich habest.« Kaum hatte die Kaiserin diese Worte gesprochen, als die Löwin wie ein gehorsames Haustier das Kind vor sich auf den Boden legte. Nun ging die Kaiserin ohne Furcht in die Höhle, umarmte das Kind, küßte es wieder und wieder und trug es auf den Armen nach dem Schiffe. Die Löwin, die sich ihres Kindes beraubt sah, folgte traurig nach und wollte mit in die Galeere; die Pilger aber fürchteten sich und wollten sich zur Wehre setzen und auch die Kaiserin nicht einlassen. Diese gab jedoch so guten Bericht über das Tier, daß wenigstens sie selbst auf das Schiff zugelassen wurde. So stießen sie schnell von Land; die Löwin wollte auch in das Schiff hineinspringen, aber der Sprung fehlte; denn die Schiffsleute waren zu behend. Da schwamm das Tier neben dem Schiffe her. Die Pilger spannten eilig die Segel auf, um zu entfliehen; aber es half nichts; die Löwin klammerte sich mit ihren spitzigen Klauen und scharfen Zähnen an das Schiff und versuchte von Zeit zu Zeit den Sprung, bis es ihr endlich gelang. Die Pilger schrien vor Entsetzen. »Beschirmt uns vor der Löwin«, riefen sie die Frau an, »sonst werfen wir Euch samt dem Kind über Bord.« – »Fürchtet nichts!«, sprach die Kaiserin.

Und wirklich ging die Löwin mitten durch die Pilger hindurch wie ein zahmer Hund, bis sie zu der Kaiserin kam. Als sie das Kind auf der Fürstin Arm erblickte, hob sie den Kopf über sich zum Zeichen, daß sie dem Kinde wohlwolle. Hierauf legte sie sich der Kaiserin zu Füssen und verließ sie nicht mehr. Die Kaiserin sorgte von nun an für die Löwin. Die Löwin aber beschirmte sie, daß ihr auf dem ganzen Wege von dem Schiffsvolk kein Leid geschah; und als nur einmal einer es wagte, der Herrin auf unziemliche Weise zu nahen, so sprang die Löwin auf, ergriff den frechen Schiffsmann und zerriß ihn in vier Stücke. Als die Schiffsmannschaft das sah, sprachen sie alle, ihm wäre recht geschehen, und warfen seinen zerrissenen Leichnam in die See.

Der Kaiserin geschah kein Leid mehr; von allen wurde ihr die größte Ehre erwiesen. Endlich kam das Fahrzeug beim gelobten Lande an. Die Kaiserin trat mit ihrem Kind aus dem Schiffe, die Löwin sprang ihr nach. Dann segnete sie Pilger und Schiffsleute und gab ihnen reichlichen Lohn. Das Kind im Arm ritt sie noch dieselbe Nacht weiter und in die nächste Stadt; die andern Pilger folgten von ferne. Am nächsten Morgen reisten alle zusammen und kamen in die Stadt Jerusalem.

Hier ging die Kaiserin alsbald zu Gottes Tempel und betete am Heiligen Grabe. Auch legte sie ihr Kind auf den Altar, nahm etwas Geld aus ihrem Säckel und warf es auf den Altar, als wollte sie sprechen: »Gott sei gelobt, ich habe mein Kind wieder erkauft und erlöset.« Dann betete sie fleißig, daß Gott ihren lieben Herrn, den Kaiser Oktavianus, friedsam, glücklich und gesund wolle leben lassen; denn sie hoffte nicht mehr, ihn jemals wiederzusehen. Hierauf verließ sie den Tempel, setzte sich mit ihrem Kind auf das Pferd und ritt durch die Stadt Jerusalem. Die Löwin aber wollte keinen Tritt von ihr weichen; mochte sie durch Paläste, Kirchen oder Höfe gehen, überall ging sie mit, so daß die Leute große Furcht ankam. Während nun die Kaiserin so durch die Stadt ritt, begegnete ihr ein fremder Edelmann, den redete sie freundlich um Herberge an; denn sie sah, daß er gläubig, gut und aus edlem Stamm entsprossen war. Der Edelmann empfing sie würdig in seinem Hause und befahl, man sollte sie pflegen und ihr dienen wie ihm selbst und seiner Hausfrau. Dies nahm die Kaiserin mit großem Danke an und blieb eine Zeitlang bei dem Edelmann mit ihrem Kinde und der Löwin, die so zahm war, daß sie niemand etwas tat.

Florens erging es bei dem Pilger Klemens so: Das Kind war gut erzogen, so daß es jedermann gefiel. Klemens kleidete und hielt ihn wie seinen eigenen Sohn, welcher Klaudius hieß. Wenn diese beiden Knaben über die Strasse gingen, so sagten die Bürger: »Selig ist der Vater, der so wohlerzogene Kinder hat!« Auch meinte Florens nicht anders, denn daß Klaudius sein leiblicher Bruder sei und Klemens sein rechter Vater; denn als der Affe ihn seiner Mutter stahl, war er erst sechs bis sieben Wochen alt.

Allmählich wurde er stattlicher und größer als sein Bruder Klaudius, und auch unter den Nachbarkindern war keines, das sich mit Florens vergleichen konnte. Jedermann wunderte sich über seine Schönheit und Stärke; denn er glich seinem Vater, dem Kaiser. Oft sagten auch die Nachbarn: »Fürwahr, der Knabe ist des Klemens natürlicher Sohn nicht; sondern er hat ihn irgend von einem großen Herrn heimlich entführt.« Klemens' Frau mußte das nicht selten hören, aber sie schwieg stille dazu; denn sie hatte den Florens so lieb wie ihren eigenen Sohn.

Nun wuchsen die beiden Knaben miteinander auf, so daß sie beide tüchtig wurden, Handwerke zu erlernen, wiewohl Florens stärker war als Klaudius. Klemens beriet sich deswegen mit seiner Hausfrau, was er aus den beiden Knaben machen sollte, daß sie sich später auch ehrlich nähren könnten. Da sprach seine Frau: »Lieber Hauswirt! Unser Sohn Klaudius ist von wenig Stärke und deswegen zu keinem groben Geschäfte zu gebrauchen; darum ist mein Rat, wir sollten ihn zu einem Wechsler tun, und Ihr sollt ihm Euer Gut geben, daß er damit Handel treibt; dadurch könnte er reich, berühmt, ja, zu einem Herren werden. Der andere Sohn, Florens, nun, der wird recht zum Fleischerhandwerk sein; denn er ist stark; Rinder und anderes Vieh zu schlachten, wird ihm nicht schwer werden. So wären unsere beiden Söhne versorgt.« – »Wahrlich, Frau, du hast recht geraten«, sprach Klemens, »ich will deinem Rate folgen.« Sofort rief er seine beiden Söhne und sagte zu ihnen: »Liebe Söhne, ihr sollt meinem Rat folgen und tun, wie gehorsamen Kindern geziemt.« Dann nahm er zuerst seinen Sohn Klaudius vor und sprach zu ihm: »Lieber Sohn, höre mein Wort; geh morgen früh zu dem Wechsler, da mußt du Gold und Münze wechseln lernen, damit du ein rechter Handelsmann werdest.« – »Von Herzen gern, Herr Vater«, sprach Klaudius, »ich will nach Euren Willen leben; auch wäre es mir lieb, wenn Ihr mir meinen Bruder Florens mitgäbet, und er würde ein Wechsler wie ich.« – »Ach, lieber Sohn Klaudius, laß den Florens zufrieden«, sagte der Vater, »der soll eine andere Hantierung treiben, bei welcher es ihm gut gehen wird; du siehst ja, wie stark er ist; ich denke, er wird die gemästeten Schweine wohl auf dem Rücken tragen können.« So stellte er den Klaudius zufrieden und rief den guten Florens auch vor sich. »Florens, mein lieber Sohn«, sprach er zu ihm, »sei unerschrocken; du weißt, daß ich dich sehr lieb habe. Morgen, wenn du aufgestanden bist, gebe ich dir Geld, damit gehst du zu einem Fleischer und gibst es ihm, daß er dich sein Handwerk lehre. Das wird etwas für dich sein; denn du bist stark; ich glaube, wenn du einen Ochsen, wie stark er auch ist, bei den Hörnern erwischen könntest, du würdest ihn nicht gehen lassen! Auch haben wir dahinten im Stalle zwei gute, feiste Rinder, die mußt du mit dir in das Schlachthaus treiben, da wird dein Lehrmeister dir zeigen, wie du sie schlachten sollst. Dann nimm sie auf deinen Hals und trage sie an den rechten Ort, wo du sie zuhauen und verkaufen mußt. Sei fleißig und geschickt mit der Waage und tue niemand unrecht, so wirst du aus einem Pfennige drei machen und Geld genug bekommen.«

Als Florens die Lehren seines Vaters Klemens vernommen hatte, stimmte er allem zu. Mit Tagesanbruch nun stand der alte Klemens auf, weckte seinen Sohn Klaudius und schickte ihn auf die Wechselbank mit viel Geld, daß er damit wechseln und gewinnen solle. Dann weckte er auch seinen andern Sohn Florens und schickte ihn mit zwei fetten Ochsen auf die Fleischerbank.

Hier fand der neue Fleischerjunge einen Knecht, den er nach dem Fleischer Gumbrecht fragte. Als der Knecht den Florens mit den zwei feisten Ochsen vor sich stehen sah, fragte er ihn: »Was willst du vom Meister? Ich meine, du möchtest auch gern ein Fleischer werden?« Florens antwortete und sprach: »Ja, warum nicht? Mein Vater ist wohl reich, so daß er mich gut versorgen wird, und ich soll immer Rinder, Schweine, Hämmel und Schafe genug zu schlachten haben. Darum will ich das Handwerk lernen; denn mein Vater sagt mir, daß ich drei Pfennige mit einem gewinnen könne und gute Bissen essen, wie die Fleischer gewöhnlich essen, auch guten weißen und roten Wein trinken. So hat mich mein Vater unterwiesen.« Als der Fleischerknecht dies hörte, lachte er und rief höhnisch: »Der Teufel hat dich hergetragen, willst du auch ein Fleischer werden? Pack dich hinweg in aller bösen Geister Namen; willst du mit dem Handwerk dein Spiel treiben? Nimm deine Rinder mit dir, ehe ich dir den Kopf zerschlage!« Da dachte Florens: »Auf diese Weise komme ich nicht in das Schlachthaus; ich will gehen und meinen Vater mit mir bringen, der wird mir wohl einen Meister besorgen.« So trieb er die Rinder wieder nach seines Vaters Hause.

Unterwegs sah er einen Edelmann reiten, der auf seiner Hand einen schönen Sperber trug, welcher an den Füssen glänzende, hellklingende Schellen hatte. Der Vogel gefiel dem Florens so überaus wohl, daß er den Edelmann fragte, ob ihm der Sperber nicht feil sei; er wolle ihm darum geben, was er begehre. Der Edelmann wurde zornig auf Florens; denn er wußte nicht, ob er seiner spottete. Der Junge sah ihm gar nicht danach aus, als ob er ihm den Vogel bezahlen könnte. Darum sprach er: »Ja, du Bettlerbub, es tut mir not, ihn an dich zu verkaufen! Führe du deine Rinder ins Schlachthaus, dann verkaufe das Fleisch; das wird dir nützer sein als Sperber kaufen!« – »Ach, mein guter Herr«, erwiderte Florens, »Rinder schlachten ist nun einmal meine Hantierung nicht; damit kann ich mich nicht ernähren. Drum verkauft mir den Sperber, lieber Herr! Was er wert ist, kann ich Euch geben!«

Der Edelmann sah Florens an und dachte: »Laß sehen, was der Junge machen will. – Ich will dir den Sperber zu kaufen geben«, sprach er, »aber um die zwei Rinder, und auch so nicht gerne; denn ich möchte ihn lieber selbst behalten!« Florens war sehr erfreut und dachte: »Wenn er nicht mehr als die zwei Rinder kostet, was ist das viel? Der Sperber muß mein werden!« So machten sie den Kauf, und Florens nahm den Vogel; der Edelmann aber trieb die Rinder vor sich her in sein Haus, lachte und sagte: »Nun ist aus dem Weidmann ein Viehtreiber geworden!«

Florens hingegen trug den Sperber auf seiner Hand und dachte: »Heute bin ich zu einer glücklichen Stunde aufgestanden, daß mir ein so trefflicher Tausch geraten ist; denn der Vogel ist sicher seine hundert Mark Silbers wert! Wie wird mein Vater fröhlich werden, wenn er mich mit dem Vogel kommen sieht!« Klemens saß auf einer Bank vor der Tür, auf einen Stock gestützt, und dachte über das Schicksal seiner beiden Söhne nach. »Mein Sohn Florens«, dachte er, »hat nun wohl die beiden Rinder geschlachtet, diesen Nachmittag wird er sie verkaufen und Geld lösen; hoffentlich schickt er sich in sein Handwerk und lernt brav.« Wie er so in Gedanken sitzt, blickt er auf und sieht Florens mit dem Vogel daherziehen. »Was ist das für ein Vogel«, rief er ihm entgegen, »wo kommt er her? Wo sind deine beiden Rinder?« – »Mein lieber Vater«, antwortete Florens, »ich habe die zwei Rinder um den Vogel gegeben; so einen schönen habt Ihr Euer Lebtage nicht gesehen! Freut Euch, daß ich Eure Ochsen so wohl angelegt habe!« – »Wie?«, sagte Klemens, »ich glaube, du bist unsinnig.« »Bei Gott«, sprach Florens, »ich habe sie um den Vogel gegeben und spotte nicht! Darum ratet mir, lieber Vater, wo soll ich den Sperber aufheben? Ich denke, in Eurer Kammer wäre er am besten versorgt.« Als nun Klemens hörte, daß es wirklich so geschehen war, hätte er mögen von Sinnen kommen und sagte zu Florens: »Bei Gott, wenn ich meiner nicht schonte, so wollte ich dir jetzt mit diesem Stock hier Rippen und Kopf entzweischlagen! Du Narr! Mir einen solchen Kaufmannsschatz ins Haus zu bringen; da du doch weißt, daß ich kein Weidmann bin!« – »Ach, lieber Vater«, sagte Florens betrübt, »seht Ihr denn nicht an seinen Federn, daß es ein hübscher Vogel ist? Wahrlich, Ihr habt unrecht! Gewiß, der Vogel ist einen großen Schatz wert!« Klemens hätte vor Wut lachen mögen, doch faßte er sich und sprach: »So geh und versorge den Vogel; wenn du ihn recht wartest, wird er dich schnell reich machen. Iß nur nicht mehr, als er dir einträgt, so wirst du seinen Nutzen bald erkennen!«

Dann mußte ihm Florens noch weiter berichten, wie es ihm auf der Fleischerbank ergangen sei. Als nun Klemens seine einfache Erzählung hörte, konnte er ihm nicht länger zürnen. Er dachte: »Ich will den Burschen nicht mehr auf die Schlachtbank, sondern auf die Wechselbank schicken; dort gehen vielleicht seine Sachen besser!«

Indem kam sein andrer Sohn Klaudius von dem Wechsler; er hatte sein Geschäft an diesem Tage gut gemacht, und von dem Vogel wußte er nichts. Klemens aber, als er seinen Schaden ein wenig verschmerzt hatte, sprach zu seinem Sohn Klaudius: »Sei so gut, lieber Sohn, und nimm deinen Bruder Florens mit zum Wechsler; denn ich fürchte, auf dem Schlachthause wird er nicht gut tun!« – »Gerne«, sprach Klaudius, »lieber Vater! Folgt er mir, so will ich mein Bestes tun!« – »Ich hoffe, er soll dir folgen«, antwortete Klemens, »er ist stark und mag dir den Geldsack leicht nachtragen.«

Nun hielt sich anfangs Florens auf der Wechselbank recht gut, und sein Bruder Klaudius lehrte ihn zuerst mit Zahlpfennigen rechnen und die Münze kennen. So trieb er es einen Monat lang, und Klemens meinte, die Sache könne gut werden. Jetzt teilten sie sich so in das Geschäft: des Morgens ging Klaudius auf die Börse, bestellte die Bank und bereitete den Sitz zu. Wenn der Tag ganz heraufgekommen, brachte Florens den Sack mit dem Gelde; und das währte einige Zeit. Nach kurzer Zeit, als Florens wieder den Sack mit dem Gelde trug, in welchem wohl sechshundert Pfund Münze waren, begegnete ihm bei der Brücke ein überaus schöner Hengst, welcher aufgezäumt war und zum Verkaufe geritten werden sollte. Florens ging auf den Kaufmann zu, den Geldsack auf dem Rücken; und da er den schönen Hengst sah, dachte er: »Wie selig ist, wer ein solches Pferd hat und es zu brauchen versteht! Du hast Münze genug in dem Sack. Wem ist sie nütze? Mein Vater Klemens hat sie ohnedies lange genug in der Truhe liegen gehabt, und niemand ist ihrer froh geworden; ich wollte, daß mir der Kaufmann das Ross darum gäbe!«

Gedacht, getan; er grüßte den Kaufmann und sagte: »Herr, ist Euch das Tier feil? Ich habe Geld genug; darum sagt mir mit einem Worte, wie Ihr es geben wollt!« Der Kaufmann sprach: »Willst du das Ross haben, so wirst du es nicht unter dreißig Pfund Münze von mir bekommen; es ist noch jung und stark und läuft vortrefflich.« Florens war froh, daß ihm der Mann das Pferd so wohlfeil gönne, und sagte treuherzig: »Ich meine, Ihr seid nicht bei Sinnen, daß Ihr mir ein so schönes Tier um dreißig Pfund überlassen wollt; ich gebe Euch vierzig drum; ich will nicht, daß Ihr Verlust an mir haben sollt!« – »Grossen Dank, Junker«, sagte der Kaufmann und mußte heimlich lachen. Florens tat seinen Sack auf, der Kaufmann zählte die Münze heraus; dann gab er dem Jüngling das Pferd, segnete ihn und kehrte sich seiner Wohnung zu. Florens eilte mit dem Ross nach Hause; er fürchtete immer, der Kaufmann möchte ihm nacheilen und das Pferd zurückfordern, weil er es so guten Kaufs gegeben. So ritt er geradenwegs nach St. Germain.

Klemens saß über Tisch mit seiner Hausfrau, die in allen Dingen gerecht und fromm war und den Florens so lieb hatte wie ihren eigenen Sohn Klaudius. Auch war sie von allen Nachbarn als klug und vorsichtig wohl gelitten. Nun kam Florens vor das Haus gesprengt. Klemens hörte ihn reiten und sprach verwundert: »Ei, Sohn, wer hat dir das große Ross gegeben?« – »Vater«, antwortete er, »das Ross hab ich gekauft; ich habe vierzig Pfund von dem Gelde drum gegeben, das ich auf die Wechselbank tragen sollte; ich hoffe, ich habe recht damit getan und das Geld wohl angelegt. Besehet es nur: es hat gute Augen und kann recht laufen; es wäre um hundert Pfund Münze nicht zu teuer!«

Als Klemens das hörte, sank er vor Zorn vom Tische zurück und verwünschte sich, daß er den bösen Buben, der ihn noch an den Bettelstab bringen werde, mit sich übers Meer genommen. Dann erhob er sich vom Tische, nahm den Florens beim Haar, warf ihn zur Erde und trat ihn mit Füssen. Ja, er hätte ihn totgeschlagen, wenn nicht seine gute Hausfrau dringend gebeten hätte, daß er ihr den Sohn ließ. Dann machte sie dem Vater sanfte Vorwürfe und sprach: »Euer Sohn hat doch noch nichts getan, das nicht adelig wäre; wer weiß«, setzte sie leise hinzu, »von welcher Geburt er ist.« Da reute es den Vater, ihn so hart geschlagen zu haben. Florens aber sprach: »Lieber Vater, ich bin Euer Kind; darum schlaget mich, sooft ihr wollt, aber besehet mir nur den Hengst; ist es nicht ein starkes Pferd? Ich hoffe, er soll mir noch gute Dienste tun!«

Da Klemens sah, daß sein Pflegesohn von dem Pferde zu reden nicht aufhören wollte, dachte er an die Worte seiner Hausfrau, verschmerzte den Verlust und hieß Florens am Tische sitzen und essen. Inzwischen kam sein Bruder Klaudius, der den ganzen Morgen auf der Börse das Geld erwartet hatte. Wie er den Bruder tafeln sieht, wird er zornig und spricht zu seinem Vater: »Warum tut ihr das und laßt mich so lange auf der Wechselbank sitzen? Wie kommt es, daß Ihr mir das Geld nicht schickt und bei dem Burschen da sitzt, der Euch mit den zwei feisten Rindern so großen Schaden getan hat?« Wie er nun auch das Pferd in dem Hofe stehen sah, fragte er verdrießlich: »Wo kommt denn das grausame Tier her?«

Der Vater erzählte ihm die ganze Geschichte mit Seufzen und fügte hinzu: »Ich will nichts von dem Ross, will es auch nicht pflegen und sollte es verhungern!« – »Es geschieht Euch recht«, sprach der Sohn Klaudius, »er wird Euch verderben; es wäre besser, wenn er gar nicht geboren wäre! Ich will sein Pferd auch nicht warten; wenn es seinen Kopf aufhebt, meine ich, es wolle mich fressen!« – »Tut, was ihr wollt«, sagte Florens, »ich will schon für das Tier sorgen!« Damit brachte er das Pferd in den Stall und versorgte es.

Am andern Morgen eilte er in den Stall, sattelte und zäumte sein Pferd, sah es mit Freuden an und dachte: »Es ist doch viel mehr wert, als es kostet!« Dann sprang er auf und gab ihm die Sporen, daß es einen Sprung nach dem andern machte und seine ganze Stärke zeigte. Das Reiten stand Florens so gut, daß ihn jeder darum lobte. Als das Pferd müde war, ritt er es wieder nach Hause, ließ es sich erkühlen und an Haber, Heu und Stroh keinen Mangel leiden. Dabei sah er es an und dachte: »Könnte mir nicht vielleicht das Ross einmal zustatten kommen? Ich habe große Lust, Waffen zu tragen.«

Zu der Zeit, als König Dagobert in Frankreich regierte, waren die Heiden noch nicht lang aus dem Lande abgezogen, das sie eine Weile innegehabt und im Kriege wieder verloren hatten. Die Stadt Paris lag an vielen Stellen öde; aber jetzt fing das Volk an, sich wieder zu vermehren, und die Hauptstadt wurde unter Dagoberts Regierung groß und herrlich, dazu sicher und fest gebaut, und wo zuvor ein wüster Platz gewesen, da ließ der König das herrliche Münster zu St. Denis bauen, nicht weit von Paris.

Nun entspann sich wieder ein Krieg zwischen dem König von Frankreich und den Ungläubigen, welche gewohnt waren, sich noch als Herren dieses Landes zu betrachten. Die Obersten der Heiden und der Türken saßen miteinander zu Rat und beklagten sich bei dem Sultan zu Babylonien über die französische Nation, daß sie sich zu Paris unterstünden, einen Tempel zu bauen wider den wahren Gott Mahomets, wie sie denn überhaupt meineidigerweise vom heidnischen Glauben abgefallen seien. Als der Sultan das hörte, sprach er zu ihnen: »Wohlan, meine lieben Herrn, ich will Frankreich von Grund aus zerstören, seinen König aber an den Galgen hängen und verbrennen lassen!« Auf diese Zusage ließ er in alle heidnischen Königreiche eine Aufforderung ergehen, sie sollten mit ihm Frankreich verderben.

Da kamen zusammen die Könige aus Arabien und Persien mit großer Macht, dann der König der Riesen mit dreißigtausend Mann, dann der König aus Äthiopien, aus Merach und Krypte. Diese miteinander brachten an zwanzigtausend Mann. Es kam auch der Admiral oder Emir aus Persien, des Sultans Bruder, und brachte einen großen Haufen mit sich, so daß auf das Aufgebot des Sultans in dreißig Tagen an hunderttausend Mann zu Ross und zu Fuß beisammen waren. Diesen allen zog der Sultan entgegen und hieß sie willkommen.

Der Riesenkönig, welcher der mächtigste unter ihnen war, sprach zu dem Sultan: »Herr und König von Babylon, unser Begehren ist, daß Ihr Euer Vorhaben so schnell als möglich ausführt. Laßt Schiffe und Galeeren stark besetzen und nach Venedig schicken. Denn, beim Gott Mahomets und meiner Treue, komme ich glücklich übers Meer und finde den König Dagobert, so will ich ihn mit meinen eigenen Händen erwürgen und mich nicht eher schlafen legen, bis ich mit meinem Heerhaufen in die Stadt Paris eingezogen bin, daselbst Haus und Hof gehalten und das ganze Frankreich bezwungen habe. Und dann soll Euch das Land geschenkt sein, König von Babylon!« Dies zu hören, war dem Sultan sehr tröstlich, und er dankte dem Riesenkönige. Jetzt hatte er keine Ruhe mehr, bis die Schiffe zugerüstet und mit Erz beschlagen waren, zweitausend an der Zahl. Dann besetzte er sein Land mit Wachen und bereitete sich zur Abfahrt.

Der Sultan hatte von seinen vielen Weibern dreißig starke Söhne und einige Töchter. Unter ihnen befand sich eine schöne Jungfrau, die ihm vor den andern Kindern lieb war; denn sie war schön, daß man meinte, in der ganzen Heidenschaft wäre kein schöneres Mädchen geboren. Ihr Leib war zierlich und edel gestaltet, ihr Mündlein rot wie Rubin, ihr Hals weiß wie Milch, ihr Angesicht prangte wie eine Rose; ihre Augen waren durchsichtig wie Falkenaugen; sie war der schönen Helena zu vergleichen.

Diese Tochter trat vor ihren Vater, den König von Babylonien, und bat ihn freundlich, sie mit über das Meer fahren zu lassen; denn sie hätte ein großes Verlangen, Frankreich zu sehen. Sie sprach: »Da Ihr willens seid, mich zu vermählen, so kann ich nun sehen, welcher König streitbar ist; denn fürwahr dem, der am ritterlichsten ficht, den will ich zur Ehe nehmen. Dann rächet den Schaden, den Euch Frankreich angetan hat, als ihr aus dem Lande vertrieben worden seid, und wenn es Euch gefällig ist, so schenkt mir das Haupt des Königs Dagobert.« – »Ja, bei Mahomet, das sollst du haben«, sprach der Sultan, und darauf gingen die Fürsten und Herren alle zu Schiff. Der Sultan mit den dreißig gekrönten Fürsten nahm seinen Sitz auf keiner gewöhnlichen Galeere, sondern er bestieg mit ihnen und seiner Tochter einen herrlichen Dreimaster, auf welchem vier Adler aus lautrem arabischen Golde ihre Schnäbel gegen Frankreich kehrten. Auf diesem Schiffe saß der König von Babylon und seine Tochter ihm zur Seite.

Der Wind wehte günstig, unablässig arbeiteten die Ruderer, und in wenigen Tagen gingen sie bei Venedig vor Anker. Auch hatten die Türken den Plan des ganzen Kriegs schon entworfen. Demzufolge schlugen sie ihr Lager in Venedig auf und verwüsteten einen ganzen Monat das Land mit Sengen und Brennen. Sie jagten durch die Stadt und ihre Dörfer wie Drachen, schonten nicht Weib und Kind, nicht alt und jung, und auf ihrem ganzen Wege ließen sie keinen Stein auf dem andern stehen.

Die Fürsten und Herren der Christenheit ringsum kamen in große Not und begaben sich in den Schirm des Königs von Frankreich. Durch diese Flucht erfuhr der König Dagobert von dem Einfalle der Heiden; denn sie trafen ihn gerade über dem Bau des schönen Münsters zu St. Denis. Da sprachen die Fürsten zu ihm: »Seid von uns gewarnt, Herr König, verseht Euch mit Kriegsvorräten; denn der heidnischen und türkischen Hunde sind sehr viele. Wenn Eure Macht nicht gut bestellt ist, so sind wir alle verraten und verloren!« Und nun erzählten sie ihm von all den Streitkräften, die gegen Frankreich aufgeboten worden. Der König Dagobert wandte sich aber mit Zuversicht an seinen Schutzpatron und sprach: »Heiliger Dionys! Beschirme Frankreich vor allem Unglück! Wenn die Türken und Heiden überhand nehmen, so wird dein Münster nimmermehr ausgebaut; die Ungläubigen werden es zerstören oder einen heidnischen Tempel daraus machen. Darum, heiliger Dionys, beschirme deine Stadt Paris!« Darauf fertigte er Boten ab an die Heere der Christenheit, und vor allen an den Kaiser Oktavianus zu Rom, die überbrachten an alle Fürsten die Bitte, mit ihrer Heeresmacht zu kommen, damit ihm und ihnen geholfen werde. Von allen diesen erhielt er gute Botschaft, und während er sich selbst rüstete, trafen seine Bundesgenossen schon allmählich ein. Der König von Holland mit vierzehntausend Mann; der König aus Irland mit fünfzehntausend Mann und der König von England mit unbeschreiblicher Macht.

Jeder König lagerte sich vor einem andern Tor, und da die Heiden schon herangekommen waren und nicht ferne von der Stadt ihr Lager hatten, so gab es, noch ehe der König seine Erlaubnis dazu erteilt hatte, hier und dort Gefechte.

Endlich kam auch der mächtige Kaiser Oktavianus mit seinen Römern bis an die Stadt Paris. Aber beinahe kam er zu spät; denn der Sultan war schon zu weit ins Land hereingekommen. Jedoch den Heiden erschien er immer noch frühe genug. Der Kaiser hatte seine Gemahlin und seine Kinder noch nicht vergessen, und sooft er an sie dachte, konnte er sich des Weinens nicht enthalten. Um darüber hinwegzukommen, war er nach der Stadt Paris aufgebrochen. Da er aber sah, daß alle Fürsten und Heere ihr Lager außerhalb der Stadt aufgeschlagen hatten und vor den Toren selbst kein Platz mehr war, so lagerte er sich mit den Seinigen in der Vorstadt St. Germain.

Als nun der König von Frankreich vernommen, daß Kaiser Oktavianus wohlgerüstet mit dreizehntausend Mann herangekommen und mit seinem Volke vor St. Germain sein Lager genommen hatte, ritt er zu ihm mit großer Pracht in sein Zelt und bat ihn freundlich, bei ihm selbst in seinem Palaste zu wohnen. Der Kaiser bedankte sich und erklärte, die erste Nacht mit seinem Volke hier bleiben zu wollen. »Doch eines muß ich Euch sagen, Herr König«, sprach er, »wem gehört das schöne und große Haus, das da vor uns stehet? Ohne Zweifel ist auch der Hausherr sehr angesehen!« – »Nein, das ist er nicht«, sprach der König, »er ist einer meiner Bürger, Klemens mit Namen; aber er ist verständig, und durch seine Klugheit, durch viel Sorgen und Mühen ist er endlich zu solcher Wohlhabenheit gediehen! Vor Jahren ist er über das Meer gekommen und hat ein fremdes Kind mit sich gebracht, so schön und adelig, als man in Paris kaum eines sehen kann!«

Als der Kaiser Oktavianus das hörte, entfuhr ihm ein Seufzer, und er konnte sich des Weinens kaum enthalten. König Dagobert fragte ihn freundlich, was sein Anliegen wäre. Da erzählte Kaiser Oktavianus, wie es ihm mit Frau und Kindern ergangen. Der König Dagobert schüttelte sein Haupt und strafte den Kaiser mit weisen Worten, daß er so rasch verfahren sei. Auch verschwieg er nicht den Verdacht, den er hegte, daß die Mutter des Kaisers die Urheberin dieses Übels sei. »Wenn jedoch Eure Frau und Kinder noch leben«, fügte er hinzu, »so vertraut auf Gott, der sie behüten und Unlust wohl noch in Freude kehren mag!« Damit beurlaubte sich der König Dagobert von dem Kaiser und ritt nach seiner Stadt Paris zurück. Der Kaiser Oktavianus aber blieb mit großem Kummer in St. Germain.

Inzwischen verstärkten sich die Türken und Heiden und verderbten das ganze Land. Vor der großen Heerschar her zog ein verlorener Hauf von zehntausend Mann, die kein Erbarmen mit den Christen hatten, sondern Mann und Weib, auch die unschuldigen Kinder zu Tobe schlugen. So erhub sich Heulen und Jammern im ganzen Lande, und endlich kam diese Vorschar in den ersten Tagen des Aprils vor Paris an und schlug ihr Lager auf. Bald nach ihnen kam der Sultan von Babylon, mit lauter Gold bekleidet. Vorn an der Brust seines Pferdes hing ein güldenes Kleinod, mit Diamanten und Rubinen besetzt. Sein Bart war so lang, daß er bis an den Sattelknopf reichte, dazu weiß wie Schnee. Sein Helm war mit goldnen Knöpfen geziert; er hatte große Augen und war von stattlichem Wuchse, so daß man nicht leicht seinesgleichen finden mochte. Sein Pferd hatte auf der Stirn ein Horn aus lautrem Golde geschmiedet.

Neben dem Sultan ritt Marcebylla, seine Tochter, aufs köstlichste gekleidet und geschmückt. An der Stirn ihres Pferdes hing eine goldene Sonne, mit einem Rubin, einem Smaragd, einem Diamant und vielen Perlen des Morgenlands schön verziert. Vor und nach ihr ritten dreihundert Jungfrauen, Königs- und Herrentöchter, die wären manches guten Gesellen Freude gewesen. Den Gott Mahomets ließ der Sultan auf einem vergoldeten Wagen führen, und täglich betete er ihn auf den Knien an. So ritt er Tag und Nacht mit seiner Ritterschaft, den König von Frankreich bald zu grüßen.

Auf diese Weise kam er endlich vor Paris und ließ sein Zelt kostbarer als manches Fürstentum aufschlagen. Er stellte Wachen aus und schickte Kundschafter ab, das französische Heerlager zu besehen. Diese kamen zurück und berichteten dem Sultan, wie sie die Franzosen in guter Ordnung gefunden, die Tore und Mauern wohlbesetzt, der Christen Kriegsheer so groß, daß es ihnen unmöglich gewesen, die Menge zu erkunden. Diese Kundschaft brachten sie dem Sultan in Gegenwart des Riesenkönigs, der zornig zu dem Sultan sprach: »Ich will keine Ruhe haben, bis diese Stadt samt dem Lande zerstört ist, daß kein Stein auf dem anderen bleibt!« Aber viele Fürsten, welche die Botschaft auch vernommen hatten, entsetzten sich vor den Christen und dachten bei sich, wenn sie nur zu Hause geblieben wären. Als die Boten abgehört waren, kam die Jungfrau Marcebylla vor ihren Vater und bat ihn, er möge ihr erlauben, vor die Stadt Paris zu reiten, weil sie große Lust hätte, sie zu sehen. Dies gestattete auch ihr Vater, doch befahl er sie in den Schutz des Riesenkönigs, was diesem keine kleine Freude machte; denn er fand dadurch Gelegenheit, sich bei dem Sultan in Gunst zu setzen, und überdies war er der Jungfrau von Herzen hold. Die Franzosen und ihre Verbündeten ihrerseits, als sie die Ungläubigen so nahe an die Stadt Paris gerückt sahen, schwuren, sich so bald als möglich zu schlagen.

Als sich Dagobert mit den Königen und allem Volke zur Schlacht gegen die Heiden vorbereitete, kam ein ungestalter Bote mit einem großen Höcker auf dem Rücken; seine Augen standen handbreit voneinander, er hatte krumme Schenkel, eine breitgedrückte Nase, einen dicken Kopf; kurz, er war greulich anzusehen. In seiner Hand trug er anstatt der Peitsche ein Seil mit scharfen Knöpfen, damit schlug er seinem Pferde zwischen die Rippen. Als ihn einige Franzosen gewahr wurden, machten sie sich in seine Nähe; denn sie meinten, es wäre ein Meerwunder. Dieser ungestalte Bote ritt durch die französischen Heerhaufen und rief: »Wo ist Dagobert, König von Frankreich, welcher Ehre und Ruhm in der Stadt Paris behauptet? Ich bringe ihm Botschaft von meiner gnädigen Frau, der Tochter des Königs von Babylon, und habe mit ihm zu reden.«

Als die Franzosen das hörten, verwunderten sich alle über den haarigen, häßlichen Kerl, der zum Boten gewählt worden; doch führten sie ihn vor den König, zu hören, was sein Anbringen wäre. Wie nun der mißgestaltete Mann vor den König kam, kniete er nieder und sprach zum König und allen anwesenden Herren: »Merket auf, Herr König in Frankreich! Meine gnädigste Herrin Marcebylla, Prinzessin von Babylon, läßt Euch sagen, daß sie gekommen sei, Euch und die Eurigen zu verderben. Zu dem Ende hat sie das Land zum größten Teil verwüstet und jetzt ihr Lager vor dem Tore von Paris auf dem Montmartre aufgeschlagen. Deswegen läßt sie Euch fragen, ob Ihr Euch getrauet, die Stadt Paris zu beschützen, oder ob Ihr nicht vorziehet, Euch gutwillig zu ergeben. Weiter entbeut sie, daß morgen zur rechten Tageszeit ihr Geliebter vor der Stadt Paris erscheinen wird im Panier und mit Schild und Speer, wie es einem Streiter gebührt, und mit dem besten Ritter, den Ihr unter den Eurigen finden möget, zu fechten bereit ist. Findet Ihr unter eurer Ritterschaft keinen, so wird der Kämpfer meiner gnädigen Frau doch nicht kampflos von Paris abziehen. Vielmehr wird von ihm morgenden Tages die Stadt Paris bestürmt werden. Darum, Herr König, bedenkt Euch kurz, was zu tun ist.« Der König erwiderte: »Lieber Freund, hat deiner Gebieterin Liebhaber Lust zu streiten, so soll es ihm gewährt sein, und er mag sich zur rechten Stunde auf dem Kampfplatze einfinden.« Da sagte der Bote dem König großen Dank. »Aber wahrlich«, fügte er hinzu, »es wird Euch gereuen; denn ehe ein Monat vergeht, trägt meiner Herrin Liebster Eure königliche Krone auf dem Haupt, und euer Volk hat er ausgerottet.«

Mit diesen Worten schied er von dem Könige und meldete des Königs von Babylonien Tochter den günstigen Erfolg seiner Botschaft. Der Riesenkönig wurde halb unsinnig vor Freuden. Er verhieß der Jungfrau, daß er am andern Morgen vor der Stadt Paris erscheinen und allen Franzosen Fehde verkünden wollte. Ja, alle, die er in seine Gewalt bekäme, wollte er mit seinen Händen in Stücke reißen. Dies gefiel der Jungfrau wohl, und sie bedankte sich für seinen guten Willen.

Am andern Tage vor Sonnenaufgang wappnete sich der Riesenkönig von Kopf bis zu den Füssen; er begehrte jedoch weder Spieß noch Speer, sondern einzig sein Heidenschwert. Ebenso wollte er auch auf kein Ross sitzen, sondern frei zu Fuße gehen; denn er war bei zwölf Fuß lang. Als er nun gerüstet war, begab er sich zu der Jungfrau, beurlaubte sich von ihr und schlug den geraden Weg nach Paris ein. Vor die Stadt gekommen, zog er sein Schwert und schrie: »Ich streite für meine Herzallerliebste. Wer da Lust hat, komme, ich erwarte ihn!«

Die Einwohner der Stadt Paris hatten dieses Geschrei gehört, liefen eilig auf ihre Mauern, und als sie den entsetzlichen Riesenkönig sahen, erschraken sie vor ihm über alle Massen, so daß sich keiner vor die Mauern hinauswagte. Auch König Dagobert empfand keine sonderliche Freude, als ihm der Riesenkönig gezeigt ward. »Heiliger Dionysius«, rief er, »beschirme dein Münster und bitte Gott für uns, daß wir nicht von den Widerspenstigen vertrieben werden!« Aber kein Fürst noch Herr wollte es wagen, mit dem Riesen zu streiten, bis sich endlich ein junger, edler Ritter aus Frankreich fand, der sprach: »Wahrhaftig, wir sind nicht eines faulen Apfels wert, wenn keiner unter uns ist, der das Herz hätte, diesen Feind zu bestehen! Darum bringt mir meinen Harnisch, Schild und Speer, Stiefel und Sporen, vor allem aber mein Pferd und mein Schwert; denn ich habe große Lust, mit dem Riesen zu streiten!« So wurde der Ritter in Eile bewaffnet. Er hatte ein gutes Ross, auf das er sich verlassen konnte; bestieg es, nahm den Speer in seine Hand, und ritt aus dem Stadttor ins Freie.

Als der junge Ritter im freien Felde war, ritt er auf den Riesen zu. Beim Anblick des christlichen Ritters wurde der Riese zornig; er achtete es für einen Spott, mit einem solchen Männlein zu streiten. Der Ritter aber rannte mutig auf den Riesen los, so daß ihm sein Panier durchstoßen ward, doch drang der Speer nicht in den Leib, und der Riese stand unerschütterlich wie ein Turm. Dabei war er nicht säumig, sondern lauerte auf seinen Vorteil, und eh' sich's der Ritter versah, geriet dem Riesen ein Griff, daß er seinen Feind erwischte, aus dem Sattel hob und ihn wie eine Feder auf seiner Achsel mit ins Lager trug. Der Ritter saß auf der Schulter des Riesen und rief Gott und alle Heiligen zu Hilfe; denn ihm war's, als wär' es der lebendige Teufel und wollte er ihn geradezu in die Hölle tragen. Der Riese eilte zu seiner Jungfrau, setzte seinen Gefangenen auf die Erde und schenkte ihn seiner Geliebten. Der junge Ritter aber meinte, daß er auf der Stelle sterben müsse.

Aber die Königstochter erbarmte sich seiner; denn sie war den Christen nicht feind. Doch wollte sie wissen, wie es gekommen, daß gerade dieser kleine Ritter ausgezogen, mit dem Riesenkönige zu kämpfen, und drang in ihn, die Wahrheit zu gestehen. Den Ritter kam aufs neue Furcht an; er erzählte alles und kniete dann in seinem Panier vor der Prinzessin nieder. Diese wunderte sich über seine Kühnheit, hieß ihn den Panier ablegen und sich gütlich tun. Der Ritter meinte, jetzt gehe es ihm an den Hals, aber es ward ein gutes Mahl aufgetragen, und die Fürstin hieß ihn zu Tische sitzen und fröhlich sein. Nun sah er wohl, daß ihm sein Leben geschenkt war, und dankte der Jungfrau. Das Nachtmahl wurde prächtig gefeiert des Sieges halber, den der Riesenkönig im Felde errungen hatte.

Am andern Morgen begrüßte die Jungfrau ihren Buhlen, und der Riesenkönig bat sie um einen Kuß. Aber die Königstochter wehrte ihm und sagte: »Ja, wenn Ihr mir den König von Frankreich bringt, wie diesen Ritter, dann will ich Euch einen freundlichen Kuß geben.« Darüber ward der Riese hoch erfreut, neigte sich vor seiner Geliebten und waffnete sich abermals zum Streite. Bald darauf hörte man ihn am Tore von Paris gräßlich schreien: »Hier steh ich allestund zum Streite bereit; von meiner Geliebten Marcebylla gesandt! König Dagobert, dir soll es übel ergehen, wenn du die Stadt Paris nicht übergeben willst; denn du wirst keinen Ritter mehr finden, der mit mir streiten mag!« Und wirklich waren alle Fürsten und Herren erschrocken, und keiner von ihnen wollte mit dem Riesen kämpfen. Der fromme König Dagobert sprach: »Wohl denn, wappnet mich; denn ich will Leib und Leben gegen diesen Teufelsriesen wagen und ihn mit Gottes Hilfe umbringen, wo nicht, mag er mich totschlagen! Heiliger Dionys, du wirst nicht dulden, daß ich dein Münster unausgebaut lasse, komm mir zu Hilfe!«

Als dies Oktavianus, der römische Kaiser, hörte, sprach er zu Dagobert: »Das wolle Gott nicht, mein Herr Bruder, daß Ihr selbst mit dem Riesen streitet, vielmehr laßt mich hingehen und den Kampf wagen!« Aber der König von Frankreich wollte es nicht gestatten, und so stritten sie miteinander um die Ehre des Kampfes.

Während nun die Fürsten und die Herren so miteinander sprachen, spazierte der Bürger Klemens durch die Strassen von Paris, und sein Sohn Florens ging ihm an Dieners Statt nach. Wie sie nun sahen, daß die Herren auf dem Balkon des Schlosses so traurig beieinander standen, fragte Florens seinen Vater nach der Ursache. »Ach, lieber Sohn«, sagte Klemens, »du weißt ja, daß die Ungläubigen vor Paris sind. Nun ist da ein mächtiger Riesenkönig, ein Liebhaber der Tochter des Königs von Babylon, an den will sich kein Herr, kein Ritter oder Knecht wagen; denn er hat ganz plötzlich einen jungen tapferen Ritter überwunden. Darum sind die Fürsten so erschrocken; denn wäre der Riese besiegt, so würden die übrigen Heiden bald aus dem Lande geschlagen sein.« – »Wie?«, sprach Florens, »hat der Riese den Ritter denn gefressen?« – »O nein«, erwiderte Klemens, »er hob ihn mitsamt seinem Panier auf die Achsel und trug ihn in das Zelt der Jungfrau.« – »Oh, wenn mir das geschähe«, rief Florens, »ich wollte unerschrocken sein! Mit Jungfrauen ist gut handeln!« – »Lieber Sohn«, erwiderte ihm Klemens, »du bist wohl ein frischer Junge; aber bedenke, wie groß und stark der Riese ist; es ist kein Wunder, wenn sich die Fürsten bekümmern!«

Da fing Florens an, seinen Vater inständig zu bitten, daß er ihn mit dem Riesen streiten und seine Stärke versuchen lasse. »Ich habe ja«, sprach er, »ohnedies ein Pferd, das mich teuer genug zu stehen kommt!« Als Klemens lange vergebens seinen Sohn abgemahnt und dieser endlich gedroht hatte, so wie er da stünde, ohne alle Waffen, zu dem Riesen zu gehen, da wurde der Vater zornig und sprach: »Tu, was du willst! Meinem Rat nach bliebest du daheim und ließest den Riesen zufrieden. Ich habe auch keinen doppelten Harnisch für dich, mein Krebs ist nichts mehr nütze, sondern rostig, die Armschienen sind ganz schmutzig; seit dreißig Jahren hab' ich kein Stück mehr am Leibe gehabt; auch mein Spieß ist ganz krumm und schwarz vom Rauche. Du weißt ja, ich bin lieber hinter dem Ofen gesessen als zu Felde gezogen. Harnisch tragen bringt selten Nutzen, wohl aber viel Schläge auf den Rücken!« – »Vater«, sagte Florens, »das schadet all nichts, gebt mir nur die Stücke, von denen Ihr gesprochen; so rostig sie sind, so will ich doch Ehre damit einlegen. Ja, ich möchte sie nicht mit andern vertauschen, die noch so schön glänzen!« – »Nun, so will ich dir meine rostige Rüstung holen«, sprach Klemens verdrießlich, »weiß ich doch wohl, daß du damit wirst ausgelacht werden. Aber es sei dem!«

Jetzt war Florens vergnügt, und bald hatte er sich mit dem rostigen Harnisch gewaffnet. Sein Vater Klemens setzte ihm den alten Helm auf, der inwendig voll Spinnweben und außen ganz schwarz war; Mäuse und Ratten hatten darin lange genistet; dann gab er ihm sein Schwert, das wohl dreißig Jahre nicht aus der Scheide gekommen war und vor lauter Rost sich nicht ausziehen lassen wollte. Klemens nahm es beim Kreuz, der andere Sohn Klaudius bei der Scheide; sie zogen so hart, daß beide rückwärts fielen, Klemens mit dem Schwert in der Hand, Klaudius mit der Scheide. Da hätten beide lieber geweint als gelacht. Klemens sagte: »Weißt du was, mein Sohn, hänge das Schwert lieber ohne Scheide um, dann brauchst du beim Ausziehen nicht mehr auf den Rücken zu fallen!« Endlich brachte ihm Klemens auch das Ross, das er mit des Vaters Münze und Schätzen erworben hatte; es war stattlich anzuschauen und nach französischer Sitte wohlaufgezäumt, der Sattel hübsch durchbrochen, der Zaum an drei oder vier Orten mit Nesteln geziert. Das gefiel Florens gar wohl; er schwang sich hinauf und rief: »Wo ist der Riesenkönig? Nun gebt mir nur noch den Speer!« Der Vater reichte ihm auch den, der sah dünn aus; denn er hatte lang als Hühnerstange gedient.

»Nun fahr hin, lieber Sohn«, sprach Klemens, »Gott gebe dir Gnade, daß du an diesem Tage Ehre einlegest. Ich will dir das Geleite geben bis zur Pforte der Stadt und auf der Zinne achthaben, wie es dir geht. Je größere Streiche du dem Riesen versetzest, je lieber wirst du mir sein!« –»Vater«, sagte Florens, »vermag ich's, so will ich Euern Willen tun. Ja, ich hoffe, dem König Dagobert noch heute das Haupt des Riesen in die Hände zu liefern!« Mit diesen Worten nahm Florens Urlaub von seiner Pflegemutter, die sehr um ihn weinte, und von seinem Bruder Klaudius. Er ritt in seiner rostigen Rüstung durch die Gassen von Paris, von Klemens begleitet, von allen andern Bürgern aber verspottet. »Seht doch«, sprach einer, »was da für ein glänzender Ritter kommt!« Ein anderer sprach: »Laßt ihn nur reiten, der wird uns großen Nutzen schaffen. Wenn den die Heiden erblicken, werden sie so erschrecken, daß sie die Flucht ergreifen!« – »Gewiß, der will mit dem Riesen streiten«, sagte ein Dritter, »und will des Königs von Babylon Tochter freien!« Auch unter den Fürsten und Herren wurde er so zum Gespötte. Er tat, als ob er es nicht hörte, und ritt fort bis ans Tor.

Zur selben Stunde erschien auch der Riesenkönig vor den Toren und hub abermals zu schreien an: »Ihr Pariser, ihr Bastarde, wollet ihr nicht das Tor auftun? Ihr müßt alle von meinen Händen sterben, dawider vermag Euer Gott nichts. Euren König Dagobert hänge ich an den Galgen; was nicht umkommt, soll schmählich verjagt werden und nimmermehr zurückkommen.«

Die Wächter auf den Mauern hörten das Geschrei, und die Fürsten und Herren erschraken. Florens aber hatte keine Ruhe mehr. Man mußte ihm das Tor auftun und ihn hinauslassen. Da lief in Paris alles auf die Mauern; denn jetzt merkten sie, daß der rostige Ritter mit dem Riesen streiten wolle. Der gute alte Klemens, um besser zusehen zu können, saß rittlings auf der Mauerzinne und rief seinem Sohn den Segen hinab. Indem sprengte Florens auf den Riesen zu. Als dieser ihn kommen sah, rief er ihm entgegen: »Wahrlich, du glänzender Ritter, du magst dem wohl billig Dank sagen, der dich gewappnet hat. Beim Gott Mahomets, dein Harnisch und deine Rüstung sind lustig; ich meine, du hast ihn in einer Pfütze aufbewahrt. Was willst du? Du wirst doch nicht etwa mit mir streiten wollen? Kehr um und sage deinem König Dagobert, er soll selber kommen, mit mir zu kämpfen. Mit einem so rostigen Ritter zu fechten, wäre mir Schande!« Bei diesen schimpflichen Worten zitterte Florens vor Zorn und sprach zum Riesen: »Ich merke wohl, daß du mein spottest, aber ich will dich bald besser reden lehren! Denn dein Haupt will ich meinem gnädigen König Dagobert schenken. Ein anderes Geschenk verlange ich nicht von dir!«

Mit diesen Worten rannte Florens gegen den Riesen und sprach ein leises Gebet. Da stand ihm Gott in seinem ersten Ritte bei, daß er den Riesen zu Boden rannte. Er hatte ihm den Rücken so durchstochen, daß der Spieß ein Klafter lang herausragte. Das Blut floß auf die Erde wie das Wasser aus einem Röhrbrunnen. Als der alte Klemens auf der Mauer das sah, dankte er Gott und sprach: »Gesegnet sei die Stunde, in der ich dich übers Meer getragen habe!« Der Riesenkönig war durch den Stoss schwer erzürnt und holte, auf der Erde liegend, mit seinem gewaltigen Schwert aus. Aber Florens, der sorgte, er möchte ihn hinwegtragen, wie er es mit dem jungen Ritter gemacht, sprang mit dem Pferd beiseite und fing den Streich mit dem rostigen Schwert auf, das er nicht zu ziehen brauchte; denn er hatte es nach des Vaters lustigem Rat ohne Scheide an sich hangen. Dann holte er selbst zum Streiche aus, so sicher und stark, daß er dem Riesen den linken Arm abschlug, so daß dieser vor ihm nieder auf die Erde fiel. Den Streich sah Klemens abermals und schrie: »Gott stärke dich! Ich bin fröhlich, wenn ich dich ansehe! Glückselige Stunde, wo ich dich kaufte! Fürwahr, du hast mein Geld um das Pferd wohl angelegt! Auch werden die Franzosen deines rostigen Harnisches nimmer spotten! Schlag ihm den andern Arm auch entzwei, mein Sohn, daß er sich ergeben muß!« Dies Geschrei hörte Florens und sah, wie sich alle auf den Mauern mit seinem Vater Klemens für ihn freuten.

Der Riese aber rief wütend: »Du Bösewicht, mit deinem rostigen Schwert hast du mich schwer verwundet. Meinst du aber, du habest mich überwunden? Nein, beim Gotte Mahomets, und wenn du fünfzehn der stärksten Ritter bei dir hättest, so müßten sie alle mit dir sterben!« – Florens antwortete: »Du lügst, mit mir ist der lebendige Gott!« Damit faßte er sein rostiges Schwert mit beiden Händen und tat einen so harten Streich auf den Riesen, daß er ihm den Helm vom Kopfe schlug. Der Riese aber erwischte den Florens bei seinem Schild und gedachte, ihn dadurch unter sich zu zerren. Aber Florens ließ den Schild in der Hand des Riesen. Dieser schleuderte ihn hoch in die Luft, dann schlug er ernstlich auf ihn ein und traf ihn mit seiner Faust auf den rechten Schenkel, so daß Florens beinahe rücklings vom Pferde gefallen wäre, doch kam er bald wieder in den Steigbügel.

Klemens hatte alles von der Mauer herab gesehen. »Lieber Florens«, rief er, »ich glaube, du schläfst; erwache, denn wenn du von dem Riesen überwunden wirst, ist ganz Frankreich verdorben!« Florens hörte das Geschrei seines Vaters und machte sich mit seinem rostigen Schwert wieder an den Riesen; er gab ihm einen solchen Streich auf die Schulter, daß ein großes Stück des harten Leders samt seinem Fleisch zur Erde fiel. Das Blut floß auf den Boden, als hätte man einen Ochsen geschlachtet.

Als der Riesenkönig sein Blut so rinnen sah, hätte er lieber gewollt, er wäre bei dem Sultan oder bei der Jungfrau Marcebylla, denn er empfand über sich einen, der sein Meister war, und der war ihm noch nie unter die Augen gekommen. Doch erholte er sich von seinem Entsetzen und eilte rasend auf Florens zu. Dieser wich einige Schritte zurück, doch der Riese verfolgte ihn und traf sein Ross auf den Kopf, daß es zur Erde fiel. Florens, der dem Tier auf dem Rücken lag, säumte nicht, sondern schwang sich herab, doch mit großen Sorgen; denn er fürchtete, den Fußkampf mit dem Riesen nicht auszuhalten. Die Ritter, die von der Mauer zusahen, schrien alle: »Oh, du starker Gott, hilf unsrem jungen Ritter, daß er den Feind deiner Christenheit überwinde!« Den Riesen machte dieser Zuruf wieder mutig, er trat auf Florens zu und sagte: »Nun hast du deinen letzten Tag erlebt; nun will ich Frankreich in dir überwinden! Du hast mir einen Arm abgehauen, aber ich habe einen Arzt, der mir meine Wunden bald heilen kann.« Florens antwortete: »Ich aber habe noch viel bessere Hilfe, ich habe den lebendigen Gott mit seiner Gnade. Und obwohl du mir den Schild genommen hast, hast du mich doch nicht überwunden!« – »Laß sehen«, sprach der Riese, »wir wollen es bald inne werden, wie stark dein Gott ist!« Und nun schlug er mit seinem Schwert so gräßlich auf Florens los, als wollte er ihn mit einem Streich voneinander hauen. Florens aber war viel zu geschwind, sprang aus dem Streich und wehrte sich so ritterlich, daß ihm der Riese keinen Schaden tat.

Da wurde sein Feind immer wilder, aber in der Hitze übersah er die Schanze, an der sie fochten und fiel über einen Stock, daß der ganze Platz erzitterte. Jetzt sprang Florens mit seinem alten Schwert hinzu und gab dem Riesen einen Streich, daß er sterbend seinen Sieger um Gnade anflehen mußte. Aber Florens sprach: »Gott allein sei die Ehre, ihm, der mir geholfen hat; darum, du falscher Heide, mußt du sterben!« Und mit diesen Worten hieb er dem Riesen sein Haupt ab und sagte: »Dies Haupt soll ein Geschenk für meinen König Dagobert sein.« Das Haupt war aber so groß, daß es Florens mit all seiner Stärke kaum an seinen Sattel zu binden vermochte; denn sein Ross hatte sich während des Kampfes von dem Stoße erholt und sich neben dem Herrn aufgestellt.

Nun dankten Klemens und alle, die auf der Mauer waren, Gott, daß er dem Florens so viel Gnade verliehen; sie sprangen hinab und rannten zum Tor hinaus, ihm entgegenzugehen; denn sie glaubten nicht anders, als der Ritter würde von Stund an mit ihnen in die Stadt reiten. Aber Florens hatte ein anderes Anliegen. Er gab ihnen das ungeheure Haupt des Riesen und befahl ihnen, dasselbe dem König Dagobert zum Geschenk zu bringen. Dann begab sich sein Vater Klemens mit den andern Franzosen in die Stadt zurück und brachte dem König Dagobert das Haupt des Riesen; der fand vor Staunen und Freude kein Ende.

Kaum war Florens auf freiem Felde, als er einen Schwur tat, nimmermehr nach Paris zurückzukommen, er hätte denn zuvor des Königs Tochter aus Babylonien gesehen. Denn er hatte so viel von ihrer Schönheit gehört, daß er keine Ruhe hatte, ehe er sie gesehen hätte. So hörte er denn nicht auf zu reiten, bis er nach dem Berge Montmartre kam, wo der Jungfrauen Lager in Zelten aufgeschlagen stand. Wie nun Florens so den Heiden entgegenritt, da sprachen sie zueinander: »Was will dieser trefflich gerüstete, rostige Ritter? Um Gott Mahomets, sein Harnisch glänzt, obwohl meistenteils von Rost; seht, wie sein Speer bemalt ist; freilich hat es nur der Rauch getan! So ist auch sein Schild. Sein Schwert bedarf keiner Scheide; denn der Rost ist sein genügender Überzug! Ja, seine ganze Rüstung zeigt etwas Seltsames an; laßt uns ihn gefangennehmen und ihn samt seiner Bekleidung dem Riesenkönig übergeben, der macht ihn gewiß zu unserem Hauptmann; denn seine Rüstung zeigt uns an, daß er etwas Vortreffliches ist!« So redeten die Heiden die Wahrheit, ohne es zu wissen.

Florens ritt inzwischen auf das Zelt der Jungfrau Marcebylla zu, die sich gerade mit ihren Jungfrauen vor dem Zelt im Grünen erging. Auf der einen Seite des Lagers war ein kleines dichtbelaubtes Wäldchen, in welchem die Nachtigallen sangen; auch waren grünende Matten voll bunter Blumen da. Die Prinzessin Marcebylla hatte dort einen Kranz gewunden und gedachte, ihn dem Riesenkönige zu übergeben, wenn er siegreich nach Hause käme. Auf der andern Seite des Lagers floß die Seine, so daß man keinen anmutigeren Ort hätte wählen können.

Die Jungfrau Marcebylla selbst war köstlich geziert, sie hatte ein grünes Seidenkleid an, das zu Alexandrien gefertigt und mit lautrem Golde verbrämt war. Ihr Haar war nach heidnischer Sitte mit edlen Steinen geschmückt, die einen solchen Glanz von sich gaben, daß Florens dachte, es seien gewaffnete Heiden, die zur Hut der Jungfrau abgeordnet wären. Deswegen erschrak er beinah. Aber das brennende Verlangen, das er nach der unbekannten Jungfrau trug, trieb ihn vorwärts und auf der Fürstin Lager zu. Als die Jungfrau aufblickte und einen Ritter auf ihr Zelt zureiten sah, verwunderte sie sich über diesen unerwarteten Anblick, und mit ihr zugleich alle ihre Jungfrauen. Sie spotteten über die Rüstung des Fremden, am meisten aber Marcebylla selbst. »Ich glaube gar, er hat unser Oberhaupt, den Riesenkönig, getötet; denn sein Schwert ist voll Blut, wenn es nicht Rost ist.« –

Sie spotteten um die Wette. Florens wußte von alledem nichts, er trabte auf das Zelt der Jungfrau zu und dachte: »Ich will auf dieser Reise Leib und Leben wagen; bekomme ich einen Kuß von des Sultans Tochter, so gehe ich nimmermehr nach Paris zurück.« Marcebylla stand vor ihrem Zelte still und war begierig, was der rostige Ritter begehren würde. Florens tat, als ob er ihrer nicht achtete. Dann wandte er sein wohlabgerichtetes Pferd, faßte sie beim Arm und schwang sie mit aller Geschicklichkeit zu sich auf den Sattel. Als er sie einmal auf dem Ross hatte, drückte er sie an seine Brust und küßte sie; denn der Pfeil der Liebe hatte sein Herz getroffen.

So ritt er mit ihr davon. Die Fürstin Marcebylla aber rief jammernd: »O Gott Mahomets, ist denn kein frommer Held da, der mir zu Hilfe komme? Ach, mein Vater, ich werde dich nimmer sehen!« Auf diesen Hilfeschrei eilten Heiden und Türken herbei, schwangen sich auf ihre schnellen Pferde und rannten dem Florens mit Spießen und krummen Säbeln nach, um ihm die Jungfrau wieder abzunehmen.

Florens indessen gab die Hoffnung nicht auf, ihnen mit seinem schnellen Ross zu entgehen; er setzte die Jungfrau vor sich auf den Sattel und rief: »Der soll fröhlich sein, der einen solchen Schatz erbeutet hat. Aber bekümmert Euch nicht, schöne Jungfrau! Seid fröhlich mit mir; denn Ihr seid der Trost und das Leben meines Lebens! Und in kurzer Zeit werdet Ihr mein Ehegemahl sein!« Die Jungfrau schwieg und seufzte nur. Jetzt waren ihm die Heiden auf die Fersen gekommen; er mußte sich zur Wehre setzen; denn die Ungläubigen schrien ihm zu: »Du Bösewicht, halte still und laß des Sultans Tochter zurück, wenn du nicht von unsern Händen sterben willst!« Florens merkte wohl, daß er die Jungfrau nicht behalten konnte. Drum wurde er traurig, küßte sie noch zweimal inbrünstig, und da sie sich sträubte, blieb ein Ärmel ihres schönen Gewandes in seinen Händen; dann ließ er sie vom Sattel auf die Erde gleiten. »Lieber wollte ich«, sprach er, »alles andere verlieren, was ich habe, denn Euch; das aber sage ich Euch: in kurzer Zeit will ich wieder bei Euch sein, und mein ganzes Leben lang sollt Ihr dann meine Herzgeliebte bleiben. Denn wisset, daß ich Euch ritterlich dem Riesenkönig abgefochten habe! Von mir liegt er erlegt, und sein Haupt habe ich dem Könige Dagobert geschenkt. Vor seiner Werbung dürft Ihr hinfort sicher sein!« Die Jungfrau aber schrie unaufhörlich um Hilfe, und mehr denn hundert Heiden hielten den tapfern Florens umringt und schlugen alle mit großem Geschrei grimmig auf ihn zu.

Da fuhr er unter sie mit seinem rostigen Schwerte, daß mancher zu Boden fiel und viele riefen: »Das ist kein Mensch, sondern ein lebendiger Teufel aus der Hölle!« Diese Worte hörten zwei Könige aus der Heidenschaft und fragten: »Wo ist der grausame Teufel, daß wir ihm seinen Sold bezahlen!« – »Hier bin ich«, sprach Florens, und nun schlug er sich mit ihnen, bis sie beide zu Boden fielen und ein Jammern unter den Heiden entstand. Zwölf Heiden hatte Florens so erschlagen; als aber ihrer immer mehr und sie immer grimmer wurden, mußte er endlich fliehen. Auf seinem Wege sah er seinen Vater Klemens mit zweihundert wohlgerüsteten Franzosen sich entgegenreiten. Und gewiß hätten die Heiden den Fliehenden umgebracht, wenn sein Vater nicht erschienen wäre. Nun kehrte Florens um, und sie alle schlugen die Feinde. Die Jungfrau Marcebylla aber rettete sich nach ihren Zelten, sonst wäre sie gen Paris geführt worden; die andern Türken und Heiden mußten ihre Hälse hergeben bis auf zwei, welche sie übrigließen, um dem Sultan die Niederlage zu verkündigen. Klemens aber, so alt er war, hatte dennoch das Beste getan, und wenn man ihm gefolgt wäre, so würden sie bis Montmartre gerückt sein, wo die Jungfrau Marcebylla ihr Lager hatte. Aber Florens wollte dies seinem Vater nicht zugeben, weil die Heiden dort ihrer dreitausend wären: »Und doch«, sprach er, »wenn ich meinem Pferde trauen dürfte, so wollten wir die Sache versuchen!« Denn sie waren alle freudig und beherzt. Während sie sich so besprachen, hörten sie, daß die Feinde durch den unerwarteten Angriff in großer Bestürzung seien und schon auf die Flucht dächten.

Florens und sein Vater berieten sich nicht lange mehr, sondern rannten auf die Türken los und nötigten sie, Panier und Gewehr im Stiche zu lassen und nach Dampmartin in das Hauptlager des Sultans zu flüchten. Auf dieser Flucht erschlugen die Franzosen an zweitausend Mann, plünderten das Vorlager der Heiden und führten sechstausend Mark Gold als Beute nach Paris. Die Ungläubigen aber sprachen: »Jetzt hat uns der Gott Mahomets ganz und gar verlassen; wenn er uns nicht besseres Glück gibt, so müssen wir mitten im Christenlande sterben!« So kamen sie nach Dampmartin vor den Sultan und klagten ihm ihre Not. Der Sultan sprach: »Seid unerschrocken; ich habe in meinem Lager noch fünfundzwanzig Könige und Geld und Mundvorrat auf vier Jahre.«

Als sie ihm aber von dem Tode des Riesenkönigs und von seiner Tochter Marcebylla erzählten, wie sie von dem rostigen Ritter Florens, der den Riesen umgebracht, beinahe geraubt worden wäre: da fiel der Sultan von Babylon vor Zorn und Kummer auf den Boden. Als er wieder zu sich kam, schwur er, er wolle das ganze Land Frankreich verwüsten, alle Franzosen niedermachen und den König Dagobert elendiglich umbringen.

Noch sprach er, als seine Tochter Marcebylla mit ihren Jungfrauen auf der Flucht dahergeritten kam. Sie ward vom Pferde gehoben, kniete weinend vor ihrem Vater nieder und grüßte ihn mit klagenden Worten. Der Sultan hob sie empor und fing an, sie zu trösten: »Liebe Tochter«, sagte er, »laß ab von deiner Bekümmernis; der Ritter, der deinen Liebhaber getötet hat, soll eines bösen Todes sterben. Ich will ihn zu Asche verbrennen lassen! Jetzt aber gehe in dein Zelt, erhole dich und schlafe!« – »Euer Wille geschehe, mein Vater!« sprach die Jungfrau, »aber ohne Rache darf der Mutwill der Christen nicht bleiben, und wäre es nur, weil der rostige Ritter unter ihnen ist, der mich fast eine Meile Weges entführt hat und mich ohne Erbarmen nach Paris gebracht hätte, wenn nicht große Macht unterwegs gewesen wäre.«

So nahm sie Urlaub von ihrem Vater und ging mit ihren Gespielen in ihr Zelt. Hier war die Jungfrau sanft gebettet, doch lag sie hart auf ihren weichen Kissen und hatte die ganze Nacht keine Ruhe. Den Kuß, den ihr Florens gegeben hatte, den konnte sie nicht vergessen. Ihr ganzes Herz war von Liebe gegen ihn entzündet. Und wenn sie vor dem Einschlafen mit ihren Jungfrauen von anderen Dingen reden wollte, nannte sie unversehens den rostigen Ritter. »O Gott Mahomets«, dachte sie, »wie ist mir zu helfen, ich bin krank, und Leid habe ich in Fülle. Unglücklich war die Stunde, wo ich den rostigen Ritter das erste Mal angesehen habe, noch viel unglücklicher der Augenblick, wo er mir den ersten Kuß gab! Es war ein Kuß, der brannte, als wollte er mich töten. Seine Gebärde, als er mich zu Rosse hub, war fürstlich, männlich und mächtig. Gott Mahomets, warum hast du ihn nicht in deinem Glauben geboren werden lassen! Kein anderer Christenmann soll je in meine Nähe kommen; aber dieser Ritter, wenn er dich anbeten lernt, Gott Mahomets, muß mir zuteil werden!«

Am andern Morgen, als sie aufgestanden war, fühlte sie sich so schwach, daß sie sich wieder niederlegte und sich wie eine Rasende gebärdete. Die Jungfrauen konnten nicht mehr dazu schweigen. »Herrin, was liegt Euch so schwer auf der Seele«, sprachen sie, »mit welcher Krankheit seid Ihr beladen?« – »Ach, ich weiß es selbst nicht«, erwiderte Marcebylla, »und wenn ich es wüßte, so darf ich es euch doch nicht sagen.« Da drangen die Gespielinnen nur um so mehr in sie, und endlich, nach langem Bitten, erzählte sie ihnen alles.

»Liebe Freundinnen«, sagte sie, »der rostige Ritter, der so häßlich gewaffnet nach Montmartre kam, hat mich in solche Pein gebracht, denn er hat den Pfeil der Liebe mir mitten durchs Herz geschossen. Ich werde nimmermehr erfreut, bis ich ihn umarmt habe. Dann aber darf er nicht von mir weichen, bis er meinen Willen vollbracht und den Gott Mahomets angebetet hat. Tut er es nicht, so mag man ihn verbrennen oder schimpflich an den Galgen hängen!«

Auf diese Rede antwortete ihr eine von den Jungfrauen, Atymedes', des Königs von Asia, Tochter: »Edle Jungfrau, was bekümmert sich Euer Herz um einen solchen armen, vielleicht unedeln Ritter; seht doch seine rostige Rüstung an, überdies ist er ein Christ! Darum ist mein Rat: schlagt es Euch aus dem Sinn. Euer Vater hat noch manchen Königssohn am Hofe, so daß er Euch wohl Eurer Würde gemäß vermählen kann.« – »Ach«, erwiderte Marcebylla, »wie kann man das sich aus dem Sinn schlagen, was das Herz am liebsten hat! Auch kann er nicht von niedriger Geburt sein; seine adelige Gebärde, sein freundliches Gespräch zeigen an, daß er von hohem Stamm entsprossen ist, so rostig er einhergeritten kam. Und wißt nur, wenn er mir nicht zuteil wird, so steht mein Leben in Gefahr!« Ihre Jungfrauen vermochten nicht, sie zu trösten.

Nach dem Siege über die Heiden zog Klemens mit den Franzosen freudig und reich an Beute in der Stadt Paris ein. Dem Florens ward sein rostiges Schwert vorangetragen. Die Fürsten und Herren ritten ihm mit großen Ehren entgegen, alle Welt begehrte, ihn zu sehen, und gab ihm das Geleite bis in König Dagoberts Palast. Kaiser Oktavianus eilte ihnen entgegen und half dem Helden Florens aus den Steigbügeln. Und er wußte nicht, daß es sein leiblicher Sohn war, dem er dieses tat. Als Florens abgestiegen war, nahm er sein rostiges Schwert und wurde von sämtlichen Fürsten in den Palast des Königs geleitet.

Hier trat er vor den König Dagobert, kniete nieder und sprach: »Allergnädigster Herr, mein Vater Klemens hat Euch des Riesen Haupt überreicht; hier bringe ich das rostige Schwert, womit ich die Gabe erobert habe. Es gehört Euch, wie Euch des Gefallenen Haupt gehört! Wenn Ihr mögt, so sei es mir vergolten!« Der König Dagobert dankte ihm mit lauter Stimme und hieß ihn aufstehen und an seine Seite sitzen. Dies schlug Florens dem König in aller Ehrerbietung ab und sprach: »Nein, das ziemt mir nicht, neben einem Könige zu sitzen!« Aber Dagobert nötigte ihn dazu. »Du hast es verdient«, sprach er, »und morgen zur rechten Zeit will ich dich zum Ritter schlagen. Dann sollst du bei mir wohnen und großes Gut von mir bekommen; wenn ich in der Stadt bin, mußt du bei mir stehen und meinen Königsstab vor mir hertragen!«

Als Klemens den König so reden hörte, rief er dazwischen: »Herr König, laßt meinen Sohn Florens zufrieden, es ist nicht mein Wille, daß er zum Ritter geschlagen werde; denn dann wird er in alle Scharmützel reiten, vielleicht wird er auch erschlagen werden; dann trauert mein Herz um ihn. Mein Wunsch ist, daß er ein Wechsler werde, das ist eine Hantierung, die Gewinn bringt!« Darauf sprach Florens: »Lieber Vater, wenn es des Königs Wille ist, daß ich ein Ritter werden soll, so sperrt Euch nicht dagegen und sagt dem König Dank dafür!« Da warf sich Klemens auf die Knie und sprach: »Herr König, meinem Sohn geschehe nach Eurer Majestät Gefallen. Doch daß nicht zuviel Unkosten darauf gehen; denn Ihr wißt nicht, was dieser Sohn mich bis jetzt gekostet hat!« Der König Dagobert mußte lachen und sagte: »Florens, es ist mein königlicher Wille, daß du morgen zum Ritter geschlagen werdest!«

Hierauf ließ der König das Haupt des Riesen mitten in der Stadt auf eine Stange stecken, daß alle Menschen das Wunder sehen könnten, das geschehen war. Als es tagte, wurden die Herren und Fürsten zusammenberufen, um dem Ritterschlage anzuwohnen. Da kam zuerst Kaiser Oktavianus, den eine besondere Zuneigung zu Florens trieb. Er mußte an Weib und Kinder denken; er konnte sich nicht enthalten, sondern er gab Florens einen Kuß. Nächst ihm waren auch der König von Spanien und der Herzog aus Irland beflissen, dem Florens zu dienen; auch der Fürst von Östreich und sonst viele Herren erwiesen ihm große Ehre. Nun wurden ihm Rücken- und Brustharnisch mit goldenen Spangen geziert. Der Kaiser Oktavianus legte ihm Armzeug und Beinschienen an, der Fürst aus Östreich setzte ihm den Helm auf, der mit goldenen Knöpfen geschmückt war. Zuletzt steckte ihm der König von Frankreich einen Goldenen Ring an den Finger und sprach: »Der Gott, der alle Dinge erschaffen hat, der wolle Euch erleuchten und beschirmen, daß Ihr im ritterlichen Stande mit Ehren und Gesundheit verharren möget!«

Hierauf ließ der König Dagobert in einem schönen Garten einen Pfahl aufrichten, auf dem zwei starke Panzer und zwei mächtige Schilde angeknüpft wurden, und dorthin wurde Florens in großem Triumphe geführt. Mancher Fürst und Herr, Ritter und Knecht ritt ihm nach. Der König aber sprach zu ihm: »Guter Freund Florens, Ihr sollt den alten Brauch Frankreichs halten und als ein Ritter mit Eurem Speer wider den Pfahl rennen!« Aber der alte Klemens, der nahe dabeistand, sprach: »Gnädiger König, mit Verlaub, das ist ein närrischer Brauch in Frankreich; es wäre viel besser, der Stich wäre auf einen Heiden gerichtet als auf einen Panzer!« Fürsten und Herren lachten über diese einfältige Rede, und sein Sohn Florens sprach: »Lieber Vater, seid zufrieden, zu einer andern Zeit wollen wir nach den Heiden stechen; diesmal will ich des Königs Willen vollbringen; denn ich soll sein Ritter sein.« – »So gebe dir Gott Glück«, erwiderte Klemens, »daß du den Panzer erlegst!« Florens rannte so ritterlich gegen den Pfahl, daß er die zwei alten Panzer und die zwei neuen Schilde durchrannte, so daß Panzer und Schilde zu Boden fielen. »Gott gebe dem Ritter Glück und Heil!« rief das Volk, »gewiß ist er aus königlichem Stamme geboren! König Dagobert soll ihn am Hofe haben; lebt er noch kurze Zeit, jagt er uns alle Heiden aus dem Lande!«

Das glückliche Rennen des neuen Ritters machte dem König Dagobert große Freude. Er ging auf Florens zu und reichte ihm herzlich die Hand. Das tat auch Kaiser Oktavianus; denn dem war niemand lieber als Florens. Und nun führte ihn der König wieder in seinen Palast zurück, und Klemens, der sich seines Sohnes überall erfreuen wollte, folgte nach.

Im Schlosse war ein köstliches Mahl bereitet, und Fürsten und Herren waren gebeten. Saitenspieler, Geiger und Paukenschläger, Trommler und Trompeter waren aufgestellt und spielten um guten Lohn köstliche Stücke. Da ward es dem alten Klemens bange, denn er dachte an die Rinder und das Ross und meinte, am Ende für seinen Sohn die Zeche zahlen zu müssen. Und weil er höfischen Brauch nicht kannte, holte er sich einen Stecken und schlug auf die Spielleute ein, indem er rief: »Ihr Lotterbuben, seht ihr nicht, daß mein Sohn genug aufgehen läßt und daß er mich zum Bettler macht?« Als die Musikanten das hörten, fürchteten sie, es möchten noch mehrere mit Prügeln nachfolgen. Sie flohen deswegen mit leerem Magen zum königlichen Schlosse hinaus und waren übel zufrieden. Als Florens davon Kunde erhielt, schämte er sich für seinen Vater, rief ihn zu sich und sprach: »Vater, was denkt Ihr, daß Ihr so unvernünftig seid und die Spielleute, die mir zu Ehren erschienen sind, so schmählich vom Hofe gejagt und ihnen ihre Instrumente zerschlagen habt? Das muß ihnen doppelt wieder bezahlt werden!« Klemens erschrak und sagte: »Ach, mein lieber Sohn, ich hab' es nicht recht verstanden, sondern ich meinte, sie hätten Euer gespottet. Wenn es aber Euer Wille ist, so werde ich sie eilends wieder holen.« Und so lief der Alte zum Palaste hinaus und den Spielleuten nach. Doch diese, als sie den alten Klemens mit einem Stecken in der Hand daherrennen sahen, liefen noch viel mehr, und je gewaltiger ihnen Klemens nachschrie, je eifriger flohen sie, so daß er sie nicht mehr einholen konnte. Im Saale war darüber ein großes Gelächter, und die schönen Jungfrauen mußten ungetanzt nach Hause gehen.

Jetzt nahm Kaiser Oktavianus den Ritter an der Hand, hieß ihn neben sich sitzen und sprach zu ihm: »Lieber Florens, sagt mir die Wahrheit. Ist der alte Klemens Euer rechter Vater?« – »Erhabener Kaiser«, erwiderte Florens, »das kann ich Euch nicht sagen, sondern nur, daß er mir so lieb ist, als ob er mein leiblicher Vater wäre. Aber das ist wahr, seine Hausfrau hat andern Leuten gesagt, er habe mich am Gestade des Meeres gefunden, einen guten Teil des Weges auf seinem Rücken getragen und dann auf einem Esel nach Paris gebracht und in St. Germain als sein Kind auferzogen. Ob sie recht hat oder mich damit verleugnen will, weiß ich nicht. Mir aber wird es bei Euch, Herr Kaiser, so wohl zumut, als ob Ihr mein rechter Vater wäret; denn ich weiß keinen Menschen auf Erden, den ich lieber sehe als Eure Kaiserliche Majestät.« – »Habt Ihr Eure rechte Mutter gekannt?«, sprach der Kaiser. »Ich habe sie mit Wissen nie gesehen«, erwiderte Florens.

Da erkannte der Kaiser Oktavianus, daß Florens sein leiblicher Sohn sei. Das Herz wollte ihm zerspringen, und doch wollte er seine eigene Sünde nicht offenbaren, aber beinahe wäre ihm das Wort entfahren: »Ja, du bist mein rechter Sohn, die Natur spricht aus dir!« Aber er schwieg, und so blieb die Sache stehen. Inzwischen wurde das Mahl aufgetragen und jedermann setzte sich zu Tische.

Der alte Klemens war bestellt, die Pforte zu hüten. Ihm war noch immer bange, daß er alles bezahlen müsse. Er dachte daher, wie er sich sichern wollte. Und als das Mahl vorüber war und die Fürsten vom Tische aufstanden und jeder sein Oberkleid suchte, fand keiner das seinige. Die Diener wurden gefragt, aber keiner konnte Bescheid geben; denn Klemens hatte die Kleider heimlich verborgen. Die Fürsten lachten und sagten: »Das ist noch nie geschehen!« Klemens hörte das Gemurmel. Er lachte und dachte: »So fängt man die Mäuse; hätte ich die Kleider nicht aufgehoben, sie wären wahrhaftig unbezahlt weggegangen!« Endlich aber rief er: »Liebe Herren, seid unbesorgt, ich habe die Kleider aufgehoben, sie sind unverloren. Aber das sage ich Euch, ihr werdet sie nur bekommen, wenn ihr die Zeche bezahlt!« Als Florens das hörte, wurde er zornig und wußte nicht, was er tun sollte. Er schämte sich vor den Fürsten und wollte doch seinen Pflegevater nicht beleidigen; denn er hatte ihn lieb. Zornig sprach er darum lachend: »Lieber Vater, gebt uns die Kleider wieder!« – »Nein«, sprach Klemens, »sie müssen vorher alle bezahlen, was an Unkosten aufgegangen ist!« – Da mußten alle lachen, und Florens stellte den Alten zufrieden; denn er verbürgte sich bei ihm mit seinem Pferde. Nun erhielten die Herren jeder das Seinige und schieden unter fröhlichem Gelächter.

Der Tag war verflossen und die Nacht herbeigekommen. Aber Florens konnte nicht schlafen; er dachte nur daran, wie er den Sultan in seinem Feldlager sehen könnte, und nicht den Sultan allein, sondern auch seine schöne Tochter Marcebylla; denn das Feuer der Liebe flammte in seinem Herzen. Nach langem Hin- und Herdenken konnte er nicht länger im Zelte bleiben. Er stand mitten in der Nacht auf, rief seinem Kämmerling und hieß ihn Harnisch, Armzeug, Kragen, Helm und Schwert, und was zur Rüstung sonst gehört, bringen, wappnete sich und befahl dem Diener, ihm sein Ross zu satteln.

Während Florens sich wappnete, fragte der Kämmerling, wohin er denn reiten wolle. Aber Florens sagte nur, er solle sich wegen des Reitens nicht kümmern. So setzte er sich zu Pferd und ritt um Mitternacht davon durch die langen Gassen von Paris bis ans Tor. Als er an die Pforte kam, weckte er den Torhüter und sprach: »Guter Freund, öffne mir die Pforte; denn ich habe ein Geschäft vor, das dir und allen Franzosen zugute kommen soll.« Der Torhüter sprach: »Lieber Junker, es kann nicht sein; es ist mir von unserem Herrn, dem Könige, bei Verlust meines Lebens verboten!« – »Ach«, sprach Florens, »es soll dir kein Ungemach daraus erwachsen; glaube mir, es wird dir vom Könige wohlbelohnt werden.« Und nun redete er dem Wächter so freundlich mit Geld zu, daß dieser ihm endlich heimlich das Tor aufschloß und ihn hinausließ.

Florens ritt fröhlich fort und kam noch vor Tage zum Feldlager des Sultans. Das war köstlich zubereitet, und das Zelt des Sultans übertraf alle andern; denn es war mit Gold und Edelsteinen bedeckt und strahlte hell. Aus den Heidenzelten ertönten Pfeifen, Trompeten und Posaunen und ein greuliches Geschrei, so daß sich Florens einen Augenblick entsetzte. Doch bald wieder, seiner vorigen Tage und des Kampfes mit dem Riesenkönige eingedenk, ermannte er sich und sprach zu sich selbst: »Es gehe, wie es will, noch heute muß ich den Sultan in seinem Lager sehen und ihm sagen, was mein Vorhaben ist.« Als er jedoch die große Menge der Heiden sah, wurde er wieder unschlüssig. »Soll ich mit ihnen streiten«, dachte er, »so sind ihrer so viel, daß ich nicht davonkommen kann.« Inzwischen stieg er von dem Pferde, hieb einen Zweig von einem Ölbaum und hing ihn sich vor die Brust. Dann bestieg er das Ross wieder und dachte, sich für einen Boten auszugeben, der mit dem Sultan zu verhandeln hätte. So befahl er sich dem Allmächtigen und ritt auf das feindliche Lager zu. Dies hatten einige gewaffnete Heiden gesehen, und da sie in ihm einen Christen erkannten, so rannten sie auf ihn zu, um ihn niederzuhauen. Als sie jedoch den Ölzweig an seiner Brust sahen, der auch bei den Heiden ein Zeichen des Friedens ist, wagten sie nicht, ihm ein Leid zuzufügen; denn sie hielten ihn für einen Abgesandten und dachten, er habe vielleicht dem Sultan Gutes vom Könige von Frankreich zu überbringen. Also ritt Florens ungekränkt fort bis an das Zelt des Sultans; da stieg er ab, band sein Pferd an einen Baum und trat ein.

Er fand den Sultan in großer Majestät auf dem Stuhle sitzen, der köstlich und mit golddurchwirkten Tüchern umhängt war, so daß man damit ein ganzes Fürstentum hätte bezahlen können. Um ihn saßen sechzehn Könige gelagert. Florens staunte, doch er faßte sich bald und sprach mit männlichem Stolze zu dem Sultan: »Der Gott, der am Kreuz den Tod für die Menschen gelitten hat, der ist's, der dem frommen König Dagobert täglich mehr Stärke gibt und alle seine Feinde zerstören will, zuerst dich, Sultan und König von Babylon; es sei denn, daß du den Befehl des Königs von Frankreich hören willst, welcher lautet: du sollst vor allen Dingen vor seiner königlichen Krone erscheinen und von ihr Gnade begehren, weil du gewagt hast, übers Meer in unser Land zu kommen. Tust du es nicht, so kommst du mit deinem Volke nimmermehr in die Heimat; dein Haupt muß dir abgehauen werden, danach kannst du dich richten; und was du für eine Antwort zu geben hast, das weißt du jetzt!«

Der Sultan war über diese Rede fast von Sinnen gekommen. Er ergriff ein scharfes Messer und warf es nach Florens; der wich dem Wurf aus, und das Messer fuhr tief in einen Pfosten am Zelt. Florens war über diesen Wurf nicht wenig verdrossen; aber auch den Sultan reute, was er getan hatte, weil Florens ein Bote war. Daher sagte er: »Bei dem Gotte Mahomets, wenn du kein Bote wärest, müßte dein Leib in Stücke gehauen werden. So aber soll dir nichts geschehen, und mit dem Wurf habe ich mich übereilt; nimm dafür diesen Beutel mit vierhundert Dukaten, kehre zurück zu deinem Könige Dagobert und sag ihm: Wenn er unsern Gott Mahomets nicht anbeten und ihm dienen will, so werde ich nimmermehr übers Meer zurückkehren, und mein Herz wird keine Ruhe haben, ehe denn ich ihn getötet und sein Land unterjocht habe.«

Der Sultan hatte eben diese Rede vollendet, als seine Tochter Marcebylla, von schmucken Jungfrauen begleitet, eintrat und ihren Vater mit tiefer Bewegung freundlich grüßte. Der Sultan samt den Königen, die bei ihm saßen, stand auf und empfing seine Tochter mit ihrer Begleitung gnädig. Dann mußte sie sich zu ihrem Vater setzen, und er mit allen Fürsten erfreute sich ihres holden Gesprächs und ihrer unaussprechlichen Schönheit. Sie war in Karmoisin gekleidet, der von goldenen Blumen durchsät und mit Perlen und Edelsteinen herrlich gestickt war, so daß ihre Gestalt das ganze Zelt erhellte.

Als Florens sie sah, verlor er die Besinnung; und als Marcebyllas Blick auf ihn fiel, wich alle Farbe von ihr. Doch blickte sie den Florens mit zärtlichen Augen an und sprach mit verstellten Worten zu ihm: »Sag, du Christenmann, kennst du nicht einen Ritter am Hofe des Königs von Frankreich, der in einem rostigen Harnisch den Riesenkönig vor den Mauern von Paris getötet hat? Mein Verlangen, ihn zu sehen, ist groß; nicht aus Liebe, die ich zu ihm trage; sondern wenn ich ihn in meiner Gewalt hätte, von Stund an müßt' er verbrannt werden, weil er mir meinen Geliebten, den Riesenkönig, erschlagen hat.« Unter diesen Reden warf sie dem Ritter Florens heimlich manchen zärtlichen Blick zu und fuhr seufzend fort: »Oh, daß ich jenen Ritter, der mein Räuber ist, hier hätte; er müßte meinen Schmerz stillen. Ich leide an dem Kuß, den er mir gegeben hat. Daß ich mich nicht an ihm rächen kann, quält mich sehr!«

Der Sultan und die Könige bei ihm verstanden diese Rede nicht recht, aber Florens verstand sie bald. Daher erwiderte er mit Ehrerbietung und sprach: »Ja, gnädigste Fürstin, ich kenne jenen Ritter sehr gut; er hat meine Länge und meinen Gang; im Rennen und Stechen kann man uns nicht unterscheiden, so gleich sind wir. Auch ist er ein getreuer Mehrer der Christenheit und Zerstörer der Abgötterei. Und wenn ihm Leids von Euch geschähe, so tätet Ihr großes Unrecht; denn ich weiß, daß er Euch liebt. Zum Zeichen führt er auf seinem Helm den rechten Ärmel, den er Euch entrissen hat, als Ihr mit ihm zu Pferde saßet, damit Ihr stets an ihn gedenkt, wo Ihr ihn in der Schlacht erblicken werdet!«

Jetzt erkannte die Jungfrau Marcebylla gewiß, daß es der Ritter Florens sei, der mit ihr sprach, und gern hätte sie noch lange mit ihm geredet, wenn sie sich nicht vor ihrem Vater gefürchtet hätte.

Florens aber setzte sich wieder auf sein Ross und rief dem Sultan zu: »Ich fahre diesmal wieder davon; aber du hast unredlich nach mir mit dem Messer geworfen. Darum sei dir gesagt, in kurzer Zeit soll es dich reuen; dein Leben steht auf der Spitze meines Speeres!« – »Was sagst du, schändlicher Bube«, rief der Sultan, »du gibst dich für einen Boten aus und verrätst dich doch durch freche Drohworte?« Und laut schrie er: »Liebe Könige und Herren, schlagt mir den Kerl tot!«

Als das die Türken und Heiden hörten, rannten sie dem Florens mit Bogen und Pfeilen nach, schossen nach ihm und wollten ihn umbringen. Doch Florens wendete sein Pferd und schlug unter sie, daß bald zwei Könige tot am Boden lagen und drei andere Heiden lahmgehauen waren. Aber sein Ross wurde ihm hart verwundet, und nur mit Mühe erwehrte er sich ihrer. Dreihundert waren auf ihn; der Vorderste war der König von Alamphatin, der hoffte, den Ritter gewiß zu treffen, und rief: »Halt stille, du Bastard; denn von meiner Hand mußt du sterben!« Als Florens dies hörte, kehrte er sich um und sah, daß dieser König ihm allein nachgefolgt war. Da legte er seinen Speer ein, und sie rannten ritterlich aufeinander und trafen alle beide so gut, daß beider Speere in Stücke sprangen. Florens war betrübt, daß er keinen Speer mehr habe. Doch zückten jetzt beide ihre Schwerter und fochten ritterlich. Und endlich hieb Florens dem König durch die Hirnschale und zerspaltete ihm sein Haupt. Florens tauschte des Königs gesundes Pferd gegen sein verwundetes und ritt, so schnell er konnte, der Stadt Paris zu. Aber sein verwundetes Ross wollte ihn dennoch nicht verlassen und lief ihm nach bis an die Tore.

Als die Heiden auf den Platz kamen, wo der König von Alamphatin tot in seinem Blute lag, mochte vor Leid keiner mehr dem Florens nachrennen. Sie nahmen den toten König und trugen ihn nach heidnischer Sitte unter lautem Wehklagen in das Lager. Dann meldeten sie dem Sultan alles. Der Sultan wurde ganz rasend, lief mit einem Prügel nach seinem Götzen, schlug ihm auf den Kopf vier harte Streiche und schrie: »Oh, du böser Gott Mahomets, du bist keines toten Hundes wert, daß du den Bastard entrinnen und den König, meinen Freund und Bruder, hast erschlagen lassen!« Und nun versammelte er alles Volk, tat kund, wie viel Schaden Florens angerichtet, und sprach: »Liebe Herren und gute Freunde, rüstet euch alle, denn die Stadt Paris muß zerstört werden. Achtzigtausend Mann will ich davor schicken, und kommt der König Dagobert und sein Bote in meine Gewalt, so müssen sie eines grausamen Todes sterben.«

Die Jungfrau Marcebylla vernahm aus den Reden ihres Vaters, daß der König Alamphatin umgekommen und Florens kein Leid widerfahren sei; darüber freute sie sich und bat den Gott Mahomets, daß er ihn schirmen möge.

Während die Heiden sich rüsteten, war Florens glücklich an das Stadttor von Paris gelangt und ritt wieder durch die langen Gassen zurück bis an Dagoberts Palast und wurde von dem König so freundlich empfangen, wie er es verdiente.

Der Sultan tat, wie er geschworen hatte. Er schickte sein Kriegsvolk nach Paris, es aufs härteste zu belagern. Die Heiden lagen auf drei Seiten vor der Stadt. Sie hatten den Bauern alles Vieh weggenommen, die Dörfer verbrannt, die armen Leute totgeschlagen. Aber auch König Dagobert hatte alle seine Leute zur Schlachtordnung aufgeboten, und Florens war der erste, der, trefflich bewaffnet, auf des Königs Alamphatin Rosse sitzend, sich einstellte. So zogen die Franzosen mutig aus der Stadt und hatten den Eid geschworen, daß keiner von des andern Seite weichen wolle. Sie griffen die Heiden im Sturm an, und kein Christenfürst war, der nicht ritterlich in den Kampf gegangen wäre. Der mutigste Kämpfer war der König von Frankreich.

Auch Kaiser Oktavianus wollte nicht säumen, er rannte seinen Speer durch die Heiden und leerte manchen Sattel. Der Herzog von Östreich, der König von Spanien und andere Fürsten brachten unzählige Feinde ums Leben. Aber keiner war über Florens; vor dem konnte kein feindlicher Held standhalten; sie flohen, sowie er gegen sie rannte. Dennoch wollten die Heiden nicht abziehen, sie schlugen sich so tapfer, daß zuletzt der König Dagobert von ihnen umringt wurde. Manch harter Streich traf ihn. Zuletzt wurde sein Ross unter ihm erstochen. Und noch auf der Erde schlug er wie ein Löwe um sich. Da wurde er müde und rief zuletzt: »Ach, mein Gott, und du, heiliger Dionysius!« Diesen Ruf hörte Florens und drang, so gut er vermochte, zu ihm, indem er eine lange Gasse vor sich der machte.

Der erste, den er erstach, war der König von Persien. Dessen Ross nahm er, setzte den König von Frankreich darauf und sprach zu ihm: »Mut, Herr, wir wollen unsere Feinde bald dämpfen!« Jetzt aber fing die Schlacht von neuem an, und auf beiden Seiten wurde viel Blut vergossen. Endlich hielten die Heiden nicht länger stand, sie fingen an zu fliehen, und Florens samt dem Kaiser Oktavianus und dem König von Spanien setzten ihnen nach auf zwei Meilen Weges, und auf der Flucht erstachen sie über fünftausend Heiden. Mancher lag lahmgehauen, mancher halbtot vor der Stadt Paris; Äcker und Wiesen waren von Toten bedeckt, das Blut floß wie ein Bach. Am Ende waren dreißigtausend Heiden erschlagen. Der König mit seinem Volke zog wieder ein in Paris und lobte Gott. Die Heiden aber flohen in das Lager von Dampmartin zu ihrem Sultan und klagten ihm, was geschehen. Da sprach der Sultan: »Bei unserm Gott, der Tod unsers Volkes darf nicht ohne Rache bleiben! Vierzigtausend tapfere Streiter hab' ich noch. Die müssen zum zweiten Mal die Stadt belagern!« Dann rief er sieben Könige, die ihm übrig waren, und übergab ihnen dieses Heer. Auch schwur er, wenn er den Boten bekäme, so wolle er ihn durch vier starke Pferde in Stücke zerreißen lassen.

Das hörte die Jungfrau Marcebylla und betete zu ihrem Gott, daß er den Ritter aus den Händen ihres Vaters reißen wolle. Aber zum Sultan sprach sie: »Möchte uns doch der Schurke zur Beute werden; denn er hat mir den Riesenkönig umgebracht! Darum, Vater, wenn Ihr meinem Rate folgen wollt, ich glaube, ich wollte das Wagnis unternehmen und ihn in Eure Gewalt bringen.« – »Wie sollte das möglich sein, liebe Tochter?«, fragte der Sultan. – »Ich will es Euch sagen«, erwiderte die Jungfrau. »Mit meinen Gespielinnen samt Zelten und Rüstung will ich mit den sieben Königen zu Felde ziehen. Auf der grünen Matte vor Paris am Seinefluß will ich mein Lager aufschlagen. Sobald der Schändliche meine Ankunft erfahren hat, wird er zu mir kommen, das weiß ich gewiß. Dann sollen ihn meine Ritter in Stücke reißen und sein Haupt Euch zum Geschenke bringen.« – »Wohlgeredet, schöne Tochter«, sprach der Sultan, »Euer Rat soll befolgt werden!«

So zogen die Heiden noch einmal mit vierzigtausend Mann vor Paris. Sie schrien, daß die ganze Gegend zitterte. Aber in der Stadt lief alles auf die Mauern, schoß Pfeile und warf Steine auf die heranstürmenden Heiden. Am Gestade des Seinewassers war Marcebylla gelagert und wartete nur auf Florens. Der wußte nichts von ihr und rüstete sich zum Kampf gegen die Heiden. Da kam ein edler, ihm vertrauter Ritter zu ihm und sprach: »Wisset, edler Ritter Florens, die Jungfrau, die Euch so wohlgefällt und Euch so hold ist, hat ihr Lager samt ihren Jungfrauen am Gestade des Stromes errichtet.« Florens wurde von Liebe erfüllt, als er das hörte, und sprach: »Morgen erhaltet Ihr eine Rüstung zum Lohn, lieber Ritter!« und entließ ihn.

Am andern Tage ließ Florens den Ritter waffnen und rüstete sich selbst. Unverweilt machten sie sich auf den Weg nach der Seine. Da sah Florens von weitem seine geliebte Marcebylla, und auch sie erkannte ihren Ritter von ferne; denn um den Helm trug er den Ärmel geknüpft, den er ihr einst abgenommen hatte. Sie erbleichte bei diesem Anblick, und ihre Jungfrauen fragten ängstlich, was ihr wäre. Da gestand sie ihnen die Ursache abermals. Ihre Gespielinnen riefen einstimmig: »Wir wollen Euch nicht verraten; ruft ihn getrost herbei; wir alle sind so gesinnt, daß wir Leib und Leben für Euch lassen wollen! Darum seid guter Dinge: seid Ihr noch in des Ritters Huld, so wird er von selbst herankommen; ist aber Eure Liebe in ihm verblichen, so hilft all Euer Trauern auch nicht.«

Lange bedachte sich die Jungfrau Marcebylla, endlich aber sandte sie dem edeln Florens eine Freundin entgegen, die ihn von ihrer Nähe benachrichtigen sollte. Als Florens die Botin nur von weitem erblickte, hatte er keine Ruhe mehr. Gepanzert sprang er zu Ross in den Seinefluß, durchschwamm ihn und war bald auf der andern Seite, wo der Jungfrauen Zelte standen. Hier ging Marcebylla am Gestade auf und ab; sobald sie ihren Geliebten sah, begrüßte sie ihn freundlich und sprach: »Gelobt sei mein Gott, daß er Euch zu mir geführt hat! Welche Gefahr habt Ihr ausgestanden! Den Wellen habt Ihr mir zuliebe getrotzt!« – »Schöne Jungfrau«, erwiderte Florens, »die Liebe zu Euch hat mich über das Wasser getragen; wenn Euer Angesicht mich bescheint, kann mir nichts mißlingen!« – »Lieber Ritter«, sprach Marcebylla, »wie große Schmerzen habe ich um unserer Liebe willen erduldet; jetzt aber, wo Euer Licht mir leuchtet, bin ich gesund geworden.«

Darauf nahm die Jungfrau den Ritter an der Hand und führte ihn in ihr Zelt; hier löste er Helm und Harnisch, umfing die Jungfrau und küßte sie. Da schwur sie dem Gott Mahomets ab, und der Ritter bekehrte sie zum wahren Glauben; auch mußte er ihr versprechen, sie fortzubringen. Darauf sagte Florens: »Hierzu weiß ich keinen andern Weg, Geliebte, als daß ich Euren Vater, den König von Babylon, zum Gefangenen mache. Dann könnt Ihr selbst mir auch nicht entgehen.« – »Geliebter Ritter Florens«, sprach Marcebylla, »kein Mensch auf Erden vermag meinen Vater zu fangen; er müßte denn von seinem guten Rosse Pontifex verlassen werden, das er nicht um die halbe Welt gäbe. Es ist schnell wie der Wind und so stark, daß darauf zwei Reiter im Harnisch in den Streit reiten und kämpfen können. Durch das Wasser schwimmt es wie ein Fisch. Es ist unvergleichlich.« Florens fragte eilig: »Was für eine Farbe hat das Ross Pontifex?« – »Es ist ganz weiß«, erwiderte die Jungfrau, »den Kopf trägt es allezeit aufrecht wie ein Löwe, mitten auf seiner Stirne aber hat es ein spitzes Horn, wie ein Schermesser so scharf: was es trifft, muß zugrunde gehen.«

Nun war fast eine Stunde vergangen und Florens sagte: »Ich muß scheiden, Geliebte. Aber ich möchte wissen, wann ich Euch nach Paris bringen darf.« – »Ich will Euch eine List angeben«, sprach Marcebylla, »vielleicht dient sie, mich fortzuschaffen. Wenn es dazu kommt, daß mein Vater dem Könige von Frankreich eine Schlacht liefert, was nicht mehr lange dauern kann, der Kampf entbrannt ist, dann verliert Euch, wenn Ihr meinen Vater kämpfen seht, aus dem Streite und kommt heimlich zu mir. Mein Vater ahnt wohl unsere Liebe, aber er glaubt nicht daran, weil wir zweierlei Götter haben. Würde er sie gewiß inne – glaubt mir, vierundfünfzigtausend Mann würden ihm nicht zuviel sein, mich zu hüten. Ehe Ihr aber in die Schlacht reitet, bestellt ein Schiff, und sobald die Schlacht anfängt, soll der Fährmann das Schiff zu mir heraufführen; dorthin will ich alle meine Kleinodien tragen lassen, dann will ich mit meinen Jungfrauen und mit Euch nach Paris fahren. Dies ist das Mittel, wie Ihr mich hinwegbringen könnet.«

Florens freute sich über den sinnreichen Einfall seiner Geliebten. »Ihr habt den rechten Weg gefunden«, rief er, »ich will ihm nachkommen.« Sie küßten sich, dann legte Florens den Panzer wieder an und befahl seine Jungfrau in Gottes Schutz. »Oh, du Leben meines Lebens«, antwortete ihm Marcebylla, »laß mein Herz in dem deinen beschlossen sein. Keinem Manne will ich untertänig sein als dir!«

So schied Florens, schwamm über das Wasser und fand dort den Ritter, der auf ihn wartete. Kaum waren sie zusammengekommen, als Florens einen Türken dahertraben sah, der unter großem Geschrei mit ihm kämpfen wollte. Florens war nicht säumig; er legte den Speer ein und rannte auf den Türken, daß er stürzte und ein Bein brach. »Setzt Euch auf des Heiden Pferd«, sprach Florens zu seinem Begleiter, »es ist viel stärker als das Eure; so kommen wir schneller davon.«

Aber kaum war dies geschehen, so sahen sich die beiden von einer wilden Heidenschar umgeben. Doch schlugen sie sich ritterlich mit ihren scharfen Schwertern, daß die Heiden wie der Schnee niederfallen mußten. So schlugen sie sich endlich durch und gelangten fröhlich nach Paris. König Dagobert schickte zu Florens und fragte ihn: »Nun, Florens, was macht die Jungfrau Marcebylla? Um ihretwillen werdet Ihr, deucht mir, noch manchen Heiden niederstrecken!« Da sprach Florens lachend: »Ja, es möchte so geschehen, mein Herr und König; denn meine Hoffnung steht allein zu ihr!« Und nun beurlaubte sich Florens von dem König Dagobert und ritt zu seinem Pflegevater Klemens. Diesem erzählte er alles, was sich begeben hatte, und verschwieg ihm seine Liebe zu Marcebylla nicht, und wie er sie mit ihrem Willen nach Paris bringen werde. Auch berichtete er ihm von dem köstlichen Pferde, Pontifex genannt. »Was hat das Pferd für Farbe«, fragte Klemens. – »Es ist ganz weiß wie ein Schwan«, sagte Florens, »und an der Stirn hat es ein langes Horn, scharf wie ein Schermesser.« – »Um Gott«, sprach Klemens, »da ist es wohl kaum zu bändigen? Doch getraue ich mich, es zu meistern.« Florens mußte lachen und hielt des alten Mannes Rede für einen Scherz. Aber Klemens ließ sich von seinem Weibe den Pilgermantel und Hut reichen, womit er am heiligen Grabe gewesen. Er warf den Mantel zur Hälfte über sich und machte sein Angesicht mit einer Salbe schwarz wie eine Kohle; einen kohlschwarzen langen Bart hatte er schon vorher. So entstellt sah er einem Heiden nicht unähnlich, und wer es sah, dem kam das Lachen. Danach nahm Klemens seinen Pilgerstab in die Hand und sprach zu Florens und zu seiner Hausfrau: »Nun lebt alle wohl; ich will nicht wiederkehren, ich habe denn das köstliche Ross Pontifex gewonnen!« Das ganze Hausgesinde hatte seine Freude darüber, daß der alte Mann noch so leichtsinnig war. Doch glaubten sie nicht, daß es ihm geraten würde. Und so hinkte er davon.

Es dauerte nicht lange, so kam der alte Klemens unter die Heiden, und er grüßte jeden, dem er begegnete, treuherzig bei dem Gotte Mahomets. Klemens verstand nämlich die heidnische Sprache ganz gut, weil er lang über Meer gewesen war; und die Heiden dankten ihm wieder bei Mahomets Gott; denn sie dachten, er sei ein heidnischer Pilgersmann.

So kam er ungefährdet bis Dampmartin, wo der Sultan sein Lager hatte. Er aber hatte zuvor wohl bedacht, was er mit dem Sultan reden wollte. Wie er nun in das königliche Zelt trat, zog er seinen Hut, grüßte ihn und sprach: »Der Gott Mahomets, welcher Tag und Nacht geschaffen hat, wolle den großmütigen Sultan von Babylonien segnen! Großmütiger König, um Euer Majestät willen bin ich diesen weiten Weg gereist und mit großer Mühe in Euer Lager aus der fernen Heimat gekommen, etwas zu schaffen, das meinem Herrn angenehm wäre.«

Der Sultan dankte dem alten Klemens und sprach: »Sag an, mein Pilger, wie lebt man in unserm Lande? Spricht man davon, welch großen Schaden ich erlitten habe? Ich habe manchen Heiden verloren, vor allem den Riesenkönig, darüber werde ich noch zornig! Aber es soll gerächt werden, bei Mahomet! Nun, Pilger, was bringst du Neues?« – »Allergnädigster Herr«, sagte Klemens, »als ich aus unserm Lande zog, betete jedermann zum Gotte Mahomets, daß er es Euch nicht mißlingen lassen möge, sondern Euch Macht gebe, Frankreich zu verderben, und Euch glücklich wieder heimbringe.«

Der Sultan sprach: »Wohl, ich will nicht weichen, bis Frankreich verloren ist. Aber sage mir, Pilger, was ist deine Hantierung?« Klemens antwortete ihm: »Herr, ich bin ein erfahrener Meister über alle Pferde; kein Pferd ist so groß und wild, von dem ich nicht sagen könnte, wie alt es ist und wie lang es noch leben wird; es wäre denn, daß ich nicht darauf zu sitzen käme.« – »Du bist ein geschickter Meister«, sagte der Sultan darauf, »und ich freue mich deiner Ankunft; denn ich habe ein Ross, das mir sehr lieb ist; das sollst du mir besehen; denn es gibt seinesgleichen nicht auf Erden.« – »Großmächtiger König«, sagte Klemens, »so gewiß ich Euch täglich gehorsam bin; so gewiß will ich Euch die Wahrheit über des Rosses Leben sagen, sobald ich auf seinem Rücken sitze.«

Jetzt gebot der Sultan, daß man sein Pferd bringen sollte; dieses war mit zwei silbernen Ketten angelegt und mit einem Zaum von rotem Samt aufgezäumt, darin lag ein Gebiß von Silber, und silberne Spangen daran. Auf der Seite war das Gebiß mit Gold eingelegt und mit manchem edlen Stein besetzt. So wurde das Ross Pontifex vor den Sultan geführt und von ihm und allem Volke mit Lust betrachtet.

Als Klemens das Ross ansah, ward er im Herzen betrübt; besonders das spitzige Horn an der Stirne wollte ihm gar nicht gefallen, und überhaupt war das Pferd furchtbar anzusehen. Da kehrte sich Klemens um, neigte sein Haupt und den Pilgerstab und rief den wahren Gott ernstlich an, daß er ihm sein Vorhaben gelingen lassen möge. »Nun, alter Vater«, sprach der Sultan vergnügt, »wie gefällt dir das Pferd? Sage mir etwas von seiner Art und Tugend!« – »Ja, Herr Sultan«, sagte Klemens, »sobald ich darauf sitze, eher kann ich nichts sagen!« – Der Sultan sprach: »Nun, so lege Sporen an, und man sattle dir das Ross!« So wurde das Pferd Pontifex gesattelt, die Steigbügel sorgfältig umgehängt und das Tier in seiner köstlichen Ausrüstung vor den Sultan geführt. Je länger dieser das Pferd ansah, desto größere Freude hatte er daran und sagte zu seinen Fürsten: »Habt ihr euer Lebtage so ein schönes und starkes Tier gesehen? Es ist wohl wert, daß es der Alte beschaue!« Und nun befahl er dem Klemens aufzusitzen.

Dieser warf Pilgermantel und Hut auf die Erde, legte sich die Sporen an und wollte, seinen Pilgerstab in der Hand, das Ross besteigen; dieses aber stellte sich sehr ungebärdig, es schlug ihn mit den Hinterhufen so hart, daß er zwei Ellen zurückflog. Da hätte einer den Sultan und sein Volk sollen lachen sehen! Man mußte dem Alten wieder aufhelfen; als er nun wieder auf seinen Füssen stand, lachte auch er unter Weinen, gab dem Ross ein paar Streiche mit seinem Stab, nahm es am Zaum und führte es so lange im Kreise um, bis es ihm gelang, sich hinaufzuschwingen. Sowie er die Füße im Bügel, den Zaum fest in den Händen hielt, sprach er zum Sultan: »Sultan von Babylon, Euch sei mein Pilgermantel und Hut um das Ross Pontifex geschenkt, und damit Gott befohlen; denn ich will nach Paris reiten!«

Damit gab Klemens dem Ross beide Sporen; da lief es wie ein Vogel davon. Jetzt erst merkte der Sultan, daß er um sein Pferd betrogen sei, und fiel vor Zorn und Schrecken wie tot zu Boden. Als er wieder zur Besinnung kam, versprach er dem, der es ereilen würde, hundert Mark Silbers.

Da jagten ihm viele nach, aber es war vergebens; ehe sie auf die Pferde kamen, war Klemens weit davon und pries seinen Gott, daß er ihm so glücklich davongeholfen. Zuletzt kamen sie ihm aber näher, und er sah von weitem den Staub in den Lüften, da eilte er nur um so mehr und wäre noch zu rechter Zeit in die Stadt gekommen, wenn das Tor nicht verschlossen gewesen wäre. Nun waren die Heiden so nahe, daß er schon ihre Flüche vernehmen konnte. Klemens schrie kläglich nach dem Torwärter: »Ach, tut mir doch das Tor auf, ich habe des Sultans gutes Ross. Wenn Ihr mich nicht gleich einlaßt, muß ich sterben!« Zum Glück hörte Florens, der eben auf der Mauer war, seines Vaters Stimme und ließ ihm das Tor öffnen. Da kam Klemens gerade noch durchs Tor, das hinter ihm geschlossen wurde. Klemens ritt vor seinen Sohn, stieg ab und sprach: »Hier ist das köstliche Ross, das meine Kunst dem Sultan abgewonnen; dir sei es geschenkt, mein Sohn Florens!« Darüber wunderte sich Florens und dankte seinem Vater von Herzen. Er schwang sich auf das herrliche Ross und tummelte es auf einem Platze der Stadt vor vielen Zuschauern, darunter mancher Herr und Edler war.

König Dagobert und Kaiser Oktavianus kamen auch herbei und hatten ihre Lust an dem Rosse Pontifex. Als Florens sah, daß dem Könige das Pferd besonders gefiel, stieg er ab und führte es dem König als Geschenk zu. Dafür schenkte der König Dagobert dem Ritter Florens zwei Herrschaften mit schönen Schlössern in seinem Lande, und Klemens ging auch nicht leer aus für seine Arbeit. In Paris wurde ein herrliches Fest gehalten; aber der Sultan zerschlug seine Götzen im Grimm und beschloß, Paris zum dritten Mal zu belagern.

Bald lagen die Heiden Zelt an Zelt vor der Stadt. Auf des Sultans hohem Gezelte stand ein Adler von Gold, seinen Schnabel der Stadt Paris zugekehrt, als wollte der Sultan damit ihre Zerstörung andeuten. Auch diesmal rüsteten sich die Feinde zum Sturm, und mehr denn zwölftausend Heiden zogen bewaffnet heran. Aber auch Ritterschaft und Volk in Paris waren gerüstet, und das Tor tat sich auf, das Christenheer hinauszulassen. Das erste, was der Sultan erblickte, war sein gutes Ross Pontifex, auf dem der König Dagobert vor allem Volke ritt. Darüber war er vor Wut fast von Sinnen und rannte mit solchem Grimm auf den König ein, daß er ihn fast durchbohrte. Doch Gott führte den guten König; denn das Speereisen haftete nicht auf seinem Harnisch, so daß der Sultan zornig wurde. Nun legte auch Dagobert seinen Speer ein und rannte gegen den Sultan mit solcher Härte, daß dieser wohl empfand, mit wem er es zu tun hatte. Ehe es aber zum vollen Zweikampfe kam, verwundete des Sultans eigenes Ross diesen mit seinem scharfen Horne so schwer, daß er von seinem Pferde zu Boden stürzte. Dagobert zog sein Schwert und wollte dem Gefallenen das Haupt abschlagen, aber fünfhundert Heiden kamen ihrem Sultan zu Hilfe und halfen ihm wieder auf das Pferd. Nun wurde das Schlachtgetümmel erst recht allgemein.

Da dachte Florens an Marcebyllas Rat, schlich sich, nachdem er aufs tapferste gestritten, heimlich aus der Schlachtordnung und begab sich in den Rücken der Stadt Paris, wo ein gut ausgerüstetes Schiff wartete, so daß er bald zu der Geliebten kam. Sie fielen sich um den Hals und küßten sich. Derweil wurde alles Gut der Fürstin auf das Schiff gebracht, und Florens und Marcebylla samt allen ihren Jungfrauen traten auf das Schiff und fuhren auf Paris zu. Froh saßen die zwei beieinander, und eins erzählte dem andern die Schmerzen, die sie erduldet hatten, bis sie zusammengekommen. Auch unterrichtete Florens die Jungfrau im christlichen Glauben. Die Zeit verflog ihnen und bald kamen sie in der Stadt an. Dort führte Florens seine Geliebte mit ihren Jungfrauen in das Haus seines Vaters Klemens und bestellte zwanzig Edelknaben, die ihrer warten sollten; dann führte er sie in ihre Kammer und nahm Urlaub von ihr, um die Schlacht zu vollbringen. Marcebylla aber befahl ihn seufzend dem wahren allmächtigen Gott; denn von Mahomets Gott wollte sie nichts mehr hören.

Florens ritt indessen wieder in die Schlacht und war froh wie einer, der seine Beute geborgen hat. Er stürzte sich ins Getümmel und brachte viele Heiden um, bis er zu tief unter sie kam und zuletzt umringt wurde. Da vergalt ihm König Dagobert und kam ihm zu Hilfe.

Auf einer andern Seite des Schlachtfeldes rannten der Kaiser Oktavianus und der Sultan gegeneinander; der Speer des Kaisers prallte an dem Harnisch des Sultans ab, und dieser schrie seinem Heidenvolk zu: »Wird der schändliche Verräter nicht von euch gefangen, dann spürt meinen Zorn!« Nun schlugen alle Heiden auf den Kaiser ein, und sein Pferde wurde ihm unter dem Leibe erstochen. Er kämpfte weiter und wollte sich nicht gefangengeben, sondern brachte noch manchen Heiden um. Aber jetzt konnte er sich nicht länger mehr wehren; sein Helm war zerschlagen, sein Leib verwundet, und all sein Volk war ferne von ihm. Florens sah des Kaisers Not, eilte zu ihm und verließ ihn nicht, auch fehlte keiner seiner Streiche. Als die Heiden den Schaden empfanden, da wollte jeder den Todesstreich auf Florens führen; sein Ross ward unter ihm erstochen, so daß er auf die Erde fiel. Doch erhob er sich wieder und focht wie ein grimmiger Löwe.

Zuletzt aber wurden sie doch müde und mußten sich beide, der Kaiser und Florens, den Heiden gefangengeben, und so wurden die zwei vor den Sultan geführt und seiner Gewalt überantwortet. Der grimme Heide gebot, sie hart zu binden und abzuführen in sein Zelt. Florens war sehr betrübt; er dachte nur an die schöne Marcebylla, betete heimlich zu Gott um Errettung. Ebenso tat auch der Kaiser Oktavianus. Die Heiden aber schnürten sie so fest, daß die Stricke in das Fleisch gingen. So kamen sie zu des Sultans Zelt.

Vergebens suchte der König Dagobert in der Schlacht nach seinen beiden Freunden; niemand wußte von ihnen zu sagen. Da ward er traurig und ergrimmt und schwur, die Heiden zu verderben. Aber ihrer waren zehn gegen einen Christen, so daß die Franzosen immer härter ins Gedränge kamen und es nahe an der Flucht war. Dagobert stellte sich an die Spitze der Seinigen; die Krone Frankreichs funkelte auf seinem Haupt, und er schrie gen Himmel: »Heiliger Dionys! Schirme die Krone Frankreichs!« In dieser Not sandte Gott den Christen eine wunderbare Hilfe; denn er stellte den Heiden ein Blendwerk vor die Augen, als wenn bei Montmartre ein fremdes Volk den Franzosen zu Hilfe gekommen wäre, alle mit weißen Kleidern angetan, mehr als zwanzigtausend. Der König Dagobert aber hörte eine Stimme vom Himmel: »König von Frankreich, sei unverzagt, die weißen Ritter werden dir zu Hilfe kommen.«

Jetzt faßte sich Dagobert wieder ein Herz und rief den Seinen zu, sie sollten tapfer auf die Heiden schlagen. Zugleich rückten die weißen Ritter, die Gott gesandt hatte, von hinten gegen die Schlachtordnung der Feinde an, und der Anblick dieser neuen Heerscharen verwirrte deren Reihen, daß an zweitausend Heiden erschlagen wurden. Dieser Streit gefiel dem Sultan nicht: »Verwünscht sei die Stunde«, sagte er zu seinem Volke, »wo ich nach Frankreich gekommen bin! Laßt uns fliehen, die weißen Ritter werden uns alle umbringen!« So kehrten die Türken um und ergriffen die Flucht. Da schlugen die Franzosen unter sie, daß Äcker und Matten mit Leichnamen bedeckt wurden. Noch auf der Flucht erhielt der Sultan die Nachricht, daß seine Tochter Marcebylla gen Paris geführt worden sei. Da brach er in ein Jammergeschrei aus. Und als er in sein Zelt gekommen war, trat er mit dem Schwert vor seinen Götzen, der dastand, herrlich mit Gold und Silber geschmückt, hieb ihm das Haupt ab und steckte es in einen Sack. Man wußte nicht, ob es aus Zorn geschah oder um es vor den verfolgenden Christen zu retten. Zugleich sprach er: »Liebe Herren und Freunde, wir müssen uns von hinnen machen; seht zu, daß die zwei gefangenen Bösewichter wohl verwahrt seien, führt sie über das Meer mit in unser Land. Nicht das Gut aller Welt nähme ich für sie. Vier Pferde sollen sie unter den Galgen schleifen, dort will ich sie selbst in Stücke hauen.«

Oktavianus und Florens merkten bald, was man mit ihnen vorhabe. Schimpflich mit Stricken gebunden, wurden sie von dem fliehenden Heere der Heiden weggeführt. Bei Dagobert und seinen Scharen war laute Klage um sie; denn niemand wußte, wo sie hingekommen waren.

Nun kehren wir zu Florens Bruder Lion und der Kaiserin, seiner Mutter. Als diese zu Jerusalem bei dem redlichen Edelmann Herberge machte, nahm der sich des kleinen Kindes an und erzog es ritterlich. Alle Welt hatte den Knaben lieb, er wurde männlich und stark, schön und wohlerzogen. Seiner Mutter erwies er große Ehre und treuen Gehorsam.

Es geschah aber um diese Zeit, daß der türkische Kaiser wider den König von Akron Krieg führte und mächtig zu Felde lag. Von ungefähr kam der junge Fürst Lion an den Hof dieses Königs und bot seine Dienste an. Der schöne und starke Jüngling gefiel dem Könige und ward willig angenommen. Lion war ein Christ; denn die Kaiserin hatte ihn zu Jerusalem taufen und seinen Namen nach der treuen Löwin, die immer ihre Hausgenossin war, nennen lassen. Die Löwin wich nicht von dem Knaben, und so zog sie mit ihm in diesen Krieg. Als die beiden Heerhaufen zusammenkamen, schlugen sie sich ritterlich. Lion focht mitten unter den Heiden, und seine Löwin half ihm streiten; er erschlug, sie erwürgte viele Feinde. Zuletzt flohen die Feinde. Der türkische Kaiser wurde gefangen und ihm das Haupt abgeschlagen. Der König von Akron, der die Heldentaten des jungen Lion mit angesehen hatte, ließ ihn rufen und fragte nach seiner Geburt. Der Jüngling erzählte dem Könige, was er von seiner Mutter gehört hatte.

Sogleich wurde nach der Mutter gesandt, welche bald vor des Königs Angesicht erschien. Da sprach der König zu ihr: »Würdige Frau, sagt mir, von welchem Geschlecht Ihr seid.« Da sprach die Kaiserin: »Herr König, mein Gemahl ist Oktavianus, der Kaiser zu Rom.« Und damit erzählte sie ihre Verfolgung und ihr Geschick. Als der König das vernahm, war er erstaunt und sprach: »Erlauchte Frau, Ihr habt unrecht getan, daß Ihr so manches Jahr still in meinem Lande gewohnt habt. Gewiß, ich hätte Euch nicht im Elende gelassen. Nun aber seid fröhlich; was ich habe und vermag, will ich mit Euch teilen!« Die Kaiserin dankte dem Könige, und während sie miteinander redeten, kam Lion zu dem König und sprach: »Unüberwindlicher Herrscher, meine Bitte an Euch lautet, daß Ihr mich aus Euren Diensten entlassen wollet. Ihr wißt durch mich und meine Mutter, wie unschuldig ich enterbt worden bin. Darum will ich zu dem Könige von Frankreich fahren. Er ist ein Freund des Kaisers, und ich habe das Zutrauen zu ihm, daß er meine Mutter in ihre Würde und Ehre wiedereinsetzen wird.« Der König antwortete Lion: »Eure Bitte soll Euch gewährt werden, schon um der großen Hilfe willen, die Ihr mir gegen die Türken geleistet habt. Deswegen sollt Ihr auch von mir eine gute Summe Goldes als Geschenk erhalten und tausend wohlgerüstete Ritter, die Ihr von dem Gold ernähren möget.«

Die Kaiserin und ihr Sohn dankten dem Könige von Akron, machten sich mit ihren Rittern auf, zogen durch das Land und fuhren über das Meer. In der Lombardei begegnete ihnen ein junger Ritter, der aus Frankreich gebürtig war. Diesen grüßte Lion und sprach: »Lieber Freund, zürnt nicht; ich muß Euch eins fragen. Aus Eurer Kleidung ersehe ich, daß Ihr aus Frankreich gebürtig seid.« Der Ritter antwortete: »Ihr habt recht gesehen. Es sind noch nicht vier Tage vergangen, daß ich in Paris bei dem Könige war.«

Als Lion dies hörte, fragte er ihn, ob der König Dagobert zu Paris Hof halte, wie es ihm gehe, ob er gesund sei. Der Ritter sah Lion an und sprach: »Herr, ich glaube, ihr spottet mit Eurer Frage! Wißt Ihr denn nicht, daß die Heiden in Frankreich eingefallen sind und fast das ganze Land verwüstet haben? Obgleich große Fürsten und Herren dem Könige zu Hilfe kamen, so konnten sie den Heiden doch nicht genug widerstehen; denn die waren mehr als zweimal hunderttausend Mann stark. Ich glaube deswegen, eine gute Belohnung könnte Euch nicht fehlen, wenn Ihr dem bedrängten Könige mit Euren Reisigen zu Hilfe ziehen wolltet!« Die Kaiserin und ihr Sohn dankten dem Ritter und Lion sprach zu seinen Rittern: »Seid wohlgemut, liebe Freunde! Das Glück trifft uns, daß wir in den Sold des Königs von Frankreich kommen!« Und zu seiner Mutter: »Seid fröhlich, liebe Frau Mutter, bald sollt Ihr zu Rom als gewaltige Kaiserin gekrönt werden.«

Sie waren noch nicht lange unterwegs, als die Kaiserin fern eine große Staubwolke sich erheben sah, wie sie von Kriegsleuten kommt. »Liebe Freunde«, sprach sie zu ihrem Sohn und seinen Rittern, »das sind wohl die Heiden, von denen uns gesagt ist, daß sie das ganze Frankreich verderbt haben. Laßt uns schnell eine Schlachtordnung bilden, damit ihr notfalls ritterlich wider sie streiten möget.« Dies taten die Ritter, und noch waren sie nicht weit geritten, als sie auf viele tausend Türken und Heiden stießen. Unter ihnen befand sich auch der Sultan; er war mit seinem ganzen Volke nach jener dritten Schlacht vor Paris auf der Flucht und im Begriffe, nach Babylon zurückzukehren. Auch führten sie zwei Gefangene hart gebunden mit sich, der eine war der Kaiser Oktavianus, der andere der Ritter Florens; sie waren wie Jagdhunde mit Stricken zusammengeknebelt und wurden schimpflich mit Prügeln getrieben. Florens sprach klagend: »O frommer König Dagobert, Gott helfe dir, denn du und ich werden uns nie wieder sehen; aber doch sei Gott gelobt, daß die Heiden von uns Christen überwunden sind!« Auf der andern Seite führte der Sultan große Klage wegen seiner Tochter Marcebylla, die von den Franzosen nach Paris entführt worden war.

Inzwischen näherte sich Lion mit seinen Rittern den Heiden und erkannte, daß sie auf der Flucht und müde und atemlos waren. Auch gewahrte er den Sultan, der zwar das königliche Diadem auf dem Haupte trug, aber so traurig aussah, nicht als ob er von einem Schmause aus Frankreich käme. Darum sprach Lion zu den Seinigen: »Seid unerschrocken! Das sind die Heiden, die gegen das Christenblut toben! Dort führen sie zwei vornehme Gefangene: die werden hart von ihnen geschlagen! Es sind Fürsten. Laßt sehen, was ist!« Seine Genossen erklärten sich bereit, ihm in allem zu folgen. Die Löwin aber, die immer bei dem edlen Jüngling Lion war, begann in der Erde zu scharren, als wollte sie andeuten, daß sie bereit sei, zu kämpfen und unter den Heiden zu wüten. Das ermunterte alle. »Seid getrost«, rief der Jüngling seiner Mutter zu, »wir wollen sie so empfangen, daß keiner am Leben bleibt außer den zwei Gefangenen!«

Mit diesen Worten führte er sie an einen sichern Platz, bis das Treffen vorüber wäre. Dann fiel er mit seinen Rittern unter die Heiden, die nichts dergleichen erwarteten und erwürgte in kurzer Zeit die Hälfte. Auch die ungeheure Löwin zerriß manchen Türken und Heiden. Als sie von einem Feinde wundgeschlagen worden war, wurde sie noch viel grimmiger und stürzte so rasend unter sie, daß sie den Sultan erreichte, ihn mit großem Ungestüm anfiel und zu Boden warf. Ja, sie hätte ihn in Stücke gerissen, wenn nicht Lion dazugekommen wäre. Der erkannte, daß es der Sultan sei und hielt die Löwin zurück. Doch tat er, als wollte er dem zu Boden Liegenden das Haupt abschlagen, bis der Sultan um Gnade flehte, sein Schwert als Gefangener darreichte, großen Tribut zu bezahlen versprach und am Ende seinen heidnischen Glauben abschwur. Darüber war Lion sehr erfreut und sagte ihm sein Leben zu. Doch wurde er hart gebunden und so an einem Strick vor die Kaiserin geführt. Inzwischen hatten die edlen Ritter und die Löwin auch die übrigen Heiden erlegt.

Die Schlacht war vorüber und alle ruhten vom heißen Kampfe aus. Da trat Lion zu den beiden Gefangenen, dem Kaiser und Florens, und sprach: »Liebe Herren, sagt mir die Wahrheit, woher ihr stammt; denn ich will euch erlösen.« – Der erfreute Oktavianus erwiderte: »Edler Ritter, ich bin der römische Kaiser Oktavianus, und mein Genosse hier heißt Florens und ist ein rechter Held. Wir sind von den Heiden während der Schlacht gefangen worden, und jetzt wollen wir gern Eure Gefangenen sein und ganz nach Eurem Willen tun. Aber, wenn es Euch gefällt, so überliefert uns nur dem Könige Dagobert von Frankreich; der wird Euch so beschenken, daß Ihr nimmermehr in Armut kommt.« Als der Jüngling Lion diese Rede hörte, konnte er vor Freude nicht mehr reden; denn er erkannte in dem Redenden seinen leiblichen Vater, obwohl er ihn in seinem Leben noch nicht gesehen hatte. Darum lobte er Gott, daß er ihn seinen Vater hatte fangen lassen, und fragte den Kaiser: »Mein lieber Herr, saget mir, habt Ihr jemals eine Gemahlin gehabt?« – »Ja, lieber Freund«, erwiderte Oktavianus, »ihretwegen bin ich der allertraurigste Mensch auf Erden. Ich glaube gewiß, daß alles Übel und alle Schande, die ich bis auf diesen Tag erlitten habe, meiner Sünden Vergeltung ist, weil ich an meiner unschuldigen Gemahlin so freventlich gehandelt habe.« – »Was habt Ihr denn Unbilliges an ihr getan?«, fragte Lion, als wüßte er von nichts. – »Ach«, erwiderte der Kaiser, »die Frau war fromm gegen mich und jedermann, und ich hatte sie lieb. Aber durch eine große Verräterei, welche gegen sie erdacht wurde, habe ich sie aus meinem Lande verbannt und ins Elend geschickt. Die Kaiserin hatte mir zwei Söhne geboren: da wollte ich Mutter und Söhne verbrennen lassen, und nur mit Mühe begnadigte ich sie. Aber wahrlich, es hat mich bitter gereut, und ich habe keine gute Stunde mehr gehabt von jenem Augenblicke an.«

So erzählte der Kaiser dem Jünglinge Lion alles, was sich mit seiner Gemahlin begeben; da fragte dieser noch weiter: »Lieber Herr und Kaiser, wie heißt denn Euer Genosse?« – »Der«, sprach Oktavianus, »wird Florens genannt, wie ich Euch schon gesagt habe; aber es ist wunderbar, meiner Lebtage habe ich keine zwei Männer getroffen, die einander so ähnlich sehen wie Ihr. Man sollte meinen, daß ihr leibliche Brüder wäret!«

Kaum konnte sich Lion länger halten. »Herr Kaiser«, sprach er; »wenn Euer Majestät Gemahlin Euch vor die Augen gestellt würde, glaubt ihr, sie zu erkennen?« – »Sehr wohl«, erwiderte der Kaiser, »aber, Gott erbarm's, ich bin wohl sicher, daß ich sie nie mehr sehen werde.« Da nahm Lion den Kaiser bei der Hand und sprach zu ihm: »Folgt mir nach, beide Herren!« Und nun führte er sie dem Orte zu, wo er seine Mutter vor der Schlacht geborgen hatte. Sobald die Kaiserin von fern ihren Gemahl sah, erkannte sie ihn und mußte vor Freude weinen. Wie nun alle drei vor sie gekommen waren, sprach Lion zu dem Kaiser: »Lieber Herr, sehet diese Frau an, ob es nicht Eure Gemahlin sei.«

Oktavianus erkannte die edle Frau sogleich, empfing sie weinend und nahm sie in seinen Arm. Sie selbst fiel dem Kaiser, ihrem Herrn und lieben Gemahl schluchzend um den Hals und küßte ihn mit liebevollem Seufzer wohl hundertmal. Der Kaiser bat sie voll Scham um Verzeihung; er erzählte ihr alles, was sich mit seiner Mutter begeben, und sagte ihr feierlich zu, daß er in kurzem zu Rom ihr die Kaiserkrone auf das Haupt setzen wolle. Dann fragte der Kaiser die fromme Frau weiter, ob der Jüngling Lion, der ihn gefangen und erlöst habe, ihr Sohn sei. »So wahr wir hier beisammenstehen, ist er Euer und mein Sohn«, sagte sie, »Gott hat es gefügt, daß er ein so beherzter Mann geworden ist. Aber wegen meines andern Sohnes bin ich sehr bekümmert; denn ihn habe ich elend verloren!«

Der Kaiser fiel seinem Sohne Lion um den Hals und gab ihm vor großer Liebe einen Kuß um den andern. Die Kaiserin aber sah nur immer den Ritter Florens an und fragte ihn: »Lieber, junger Ritter, sagt mir, von wannen seid Ihr? Denn wahrlich, Ihr und mein lieber Sohn Lion seht einander so ähnlich!« Florens sprach: »Gnädige Frau, wo ich geboren bin, weiß ich nicht; das aber weiß ich, daß mich ein Bürger von Paris gütig erzogen hat. Der sprach bald zu mir, er habe mich gezeugt, bald, er habe mich am Meeresgestade gekauft.« Die Kaiserin fing an zu erkennen, daß Florens ihr anderer Sohn sein müsse; ihr Blut kam in heiße Regung, und sie sprach schnell: »Junger Ritter, ich glaube, daß ich Euch unter dem Herzen getragen habe, daß ich Eure Mutter und der Kaiser Euer Vater sei. Gott gebe, daß der Bürger von Paris euch gekauft oder gefunden habe. Doch, um die Wahrheit zu erfahren, laßt uns miteinander zu König Dagobert nach Paris ziehen!«

Alle waren in großer Freude und Erwartung, und so rückten sie alle nach Paris. Bald kamen alle miteinander an, und der König Dagobert mit allen Rittern und Edeln war ihnen vor dem Tor entgegengezogen. Da mußte vor allen Dingen Marcebylla ihren Florens umhalsen und küssen, aber reden konnte sie nicht zu ihm. Alles Blut war ihr zum Herzen gelaufen. Als sie wieder zu sich kam, sprach sie: »Ach, du Trost meines Lebens, sei willkommen; warum hast du mich so lange verlassen?« Florens aber sprach nichts, sondern küßte sie nur. Und nun ritten sie alle, Kaiser Oktavianus und seine Söhne Florens und Lion und die fromme Kaiserin mit dem ganzen Gefolge, ein in Paris.

Hier wurde der Sultan von dem jungen Fürsten Lion sogleich dem König Dagobert ausgeliefert. Aber ihm geschah kein Leid. Am gleichen Tage wurde er und seine Tochter Marcebylla durch den Bischof von Paris getauft und der edle Florens mit seiner Geliebten zur Kirche geführt und vermählt. Es war eine gute Ehe. Dem Sultan wies der König von Frankreich eine eigene Landschaft an, doch mußte er am Hofe des Königs wohnen.

Der Christenglaube machte ihn fromm und sanft, und durch seinen hohen Geist wurde er des Königs oberster Rat in allen wichtigen Dingen.

Jetzt schickte König Dagobert auch zu dem Bürger Klemens, welcher den Florens so lange erzogen hatte. Der war froh, daß sein Pflegesohn wieder erlöst worden war. Und als König Dagobert die drei, den Kaiser Oktavianus, den Ritter Florens und den jungen Lion ernstlich ins Auge faßte, da konnte er nicht mehr zweifeln, daß beide Jünglinge Brüder seien und Oktavianus beider Brüder Vater. Daher rief er den guten Klemens zu sich und sprach: »Klemens, ich habe etwas mit Euch zu reden. Bei dem Eide, den Ihr mir als guter Untertan geschworen habt, sagt mir, ist der Jüngling Eures Geschlechtes?« Klemens erschrak und erzählte, wie er den Knaben gekauft habe, ohne einen einzigen Umstand zu verschweigen. Sobald die Kaiserin das hörte, rief sie: »Ja, es ist mein Sohn; er ist mir in dem wilden Walde gestohlen worden!« – lief auf Florens zu und küßte ihn mit klopfendem Herzen. Dem Kaiser, als er seine liebe Gemahlin und die Kinder wiedergefunden hatte, gingen die Augen über. Der König von Frankreich bezeigte ihm seine große Freude.

Da sprach Kaiser Oktavianus: »Ja, es ist eine große Gottesgabe, die mir armen Sünder zuteil geworben ist. Darum nehmt es nicht übel auf, lieber König und Bruder, wenn ich mit meinem Weib und meinen Söhnen wieder nach Rom ziehe.« Aber Dagobert bat ernstlich, ihm doch seinen lieben Sohn Florens zu lassen, damit er ihn mit einer Landschaft in Frankreich belehne, so daß der Kaiser es nicht abschlagen konnte. Doch unterblieb die Reise wohl noch zehn Tage, während welcher der König mit seinen Grossen allerlei Feste veranstaltete. Am elften Tage verließ der Kaiser Paris, und der König, Florens und sämtliche Ritter gaben ihm das Geleite. Die Römer empfingen ihren Kaiser prächtig, und Oktavianus setzte der Kaiserin eine köstliche Krone auf das Haupt, und die fromme Frau vergaß ihr Leid.

Danach fragte der Kaiser, wo seine Mutter sei. Das Hofgesinde sprach: »Eure Mutter ist vor langer Zeit gestorben, aber fast unchristlich. Vor ihrem Ende ist sie taub und wahnsinnig geworden und wollte alle Leute lebendig auffressen. Zuletzt mußte man sie an eine starke Kette legen; so trug sie die Schuld ihrer Sünden, bis sie ihren Geist aufgab.« Der Kaiser war froh, daß er seine Mutter nicht bestrafen durfte. Er wandte sich nun zu fröhlicheren Dingen, schlug seinen Sohn Lion zum Ritter, und alles Volk hatte große Freude.

Da begab es sich, daß der König von Spanien ein Turnier ausschrieb an alle Könige und Fürstenhöfe, jeder tapfere Ritter möge sich in der spanischen Stadt Valencia einfinden, da würde ein jeder Seinesgleichen finden. Als dies vor die Ohren des edlen Ritters Lion kam, säumte er nicht. Er erbat sich von seinem Vater die Erlaubnis zu reisen und zog mit zweihundert wohlgewaffneten Rittern nach Valencia. Hier blieben sie acht Tage stilleliegen, bis alle Ritterschaft zusammengekommen. Dann ließ der König von Spanien einen schönen Turnierplatz zurichten und ausrufen, wo ein Ritter wäre, der turnieren möchte um einen Kranz, den des Königs Tochter Rosamunde selbst gewunden, der solle sich des andern Tags zu guter Zeit auf den Platz verfügen.

Als der Ritter Lion das hörte, konnte er kaum erwarten, bis die Sonne aufging, und ließ sich schon vor Tag seine Rüstung bringen. Diese war gut und schön gefertigt; vorn auf der Brust war sie mit feinem arabischem Golde zusammengeschmelzt und mit viel Edelsteinen besetzt. Auf seinem Helm führte er einen Löwen aus klarem Golde, der trug ein Wickelkind im Rachen. Sobald er nebst allen seinen Begleitern fertig war, begab er sich den nächsten Weg auf den Kampfplatz. Hier fand er manchen kühnen Ritter; doch war keiner so wohl gerüstet wie er, daher wurde er auch von allen Anwesenden mit Neugierde betrachtet. Wie nun die Zeit kam, daß man zusammentreffen sollte, teilten sich die Ritter in zwei Haufen; aber Lions Begleiter trennten sich nicht von ihrem Herrn; sie legten ihre Lanzen ein und rannten allweg mit ihm, und das so gewaltig, daß mancher von den Gegnern den Sattel räumen mußte. Auch Lion warf alle zu Boden, die ihm vorkamen.

Die Königstochter Rosamunde lag auf den Zinnen mit ihren Jungfrauen und schaute dem Kampfe zu. Wie sie nun den Jüngling so ritterlich streiten sah, hätte sie gerne gewußt, wer der Ritter sei, der einen goldenen Löwen auf dem Helm hatte. Als das Turnier vorüber war und Lion sich entwaffnet hatte, begab er sich mit seiner Gesellschaft sofort zu dem Könige von Spanien und wurde von diesem höflich empfangen. Und als es Zeit war, zu Tische zu sitzen, und alle Ritterschaft zugegen war, trat Rosamunde mit ihren Jungfrauen in den Saal. Auf dem Haupte trug sie eine goldene Krone und auf der Krone das Kränzlein.

Und als sie in dem Königssaale vor ihrem Vater stand, sprach der: »Liebe Herren und Ritter, der Kranz, der dem Tapfersten unter euch gehört, ist hier vor euch. Fragt ihr aber, wer der sei, so ist mein Bedenken, daß der Ritter mit dem goldenen Löwen auf dem Helm der würdigste sei, ihn zu tragen. Er melde sich, daß ihm gebührende Ehre geschehe.« Lion stand hinten unter den andern Rittern und scheute sich, seinen Namen zu nennen. Da trat einer von Lions Genossen hervor, deutete auf den Fürsten und sprach: »Hier steht der, nach dem Ihr fragt.« So mußte Lion sich dem Könige zeigen. Die schöne Rosamunde nahm den Kranz von ihrem Haupt und setzte ihn dem Jüngling Lion mit den Worten auf: »Edler Ritter, diesen Kranz tragt in Ehren; denn Ihr habt ritterlich gefochten!« Lion dankte ihr mit einer tiefen Verbeugung und trat wieder zurück zu seinen Kampfgenossen.

Alsdann begann das Mahl, und der Jüngling wurde neben Rosamunde gesetzt. Die beiden vergaßen aber das Essen und sprachen nur miteinander. Und unter ihren Worten entzündete sich das unauslöschliche Feuer der Liebe, so daß sie am Ende verstummten und nur Seufzer ausstießen. Der alte König von Spanien merkte dieses; er fragte deswegen heimlich, wer denn der Ritter Lion wäre. Als ihm darauf geantwortet wurde, daß er des römischen Kaisers Oktavianus Sohn sei, war der König sehr darüber erfreut.

Sowie man von der Tafel aufgestanden war, führte er seine Tochter Rosamunde und den Ritter Lion in seine Kammer und sprach zu diesem: »Lieber Herr und guter Freund, wir haben wohl vermerkt, daß Ihr und meine Tochter große Liebe zusammen tragt. Wenn es Euch nun beliebt, so will ich Euch meine Tochter zum ehelichen Gemahl geben.« Jener antwortete: »Gnädiger Herr, ich bin allezeit bereit, Euren königlichen Willen zu tun!« Darauf zog der König seinen Ring von der Hand und verlobte Lion mit Rosamunde, und bald darauf wurde eine köstliche Hochzeit gehalten; worauf der Ritter Urlaub nahm und mit seiner jungen Gemahlin und den zweihundert Rittern wieder nach Rom fuhr, wo er von seinem Vater, dem Kaiser, wohl empfangen wurde.

Florens hatte dem Könige von Frankreich drei Jahre lang gedient und war nun schon ein Jahr darüber bei ihm, seitdem sein Vater wieder zu Rom hauste. Da kamen im vierten Jahre die Grossen von England zu dem Könige Dagobert und beklagten sich, daß ihr König gestorben sei und keinen Erben hinterlassen hätte, der die Krone antreten könnte. Sie baten ihn mit Ernst, er möchte ihnen einen König wählen, der sie regiere und wider ihre Feinde beschirme. Darauf sprach Dagobert: »Bei der Treue, die ich Gott schuldig bin, ich wüßte keinen auf Erden, der dies besser sein könnte als Florens, ein Sohn des römischen Kaisers Oktavianus. Denn wenn nicht erstlich Gott und dann er gewesen wäre, so wäre mein Land von den Ungläubigen erobert worden. Einen bessern Rat kann ich Euch nicht geben.« Die englischen Fürsten waren sehr zufrieden; denn sie hatten von Florens, seinen Tugenden und männlichen Taten schon vieles reden hören. Dagobert meldete seinem Freunde Florens die Sache, und dieser nahm das Königreich mit gutem Willen an. So ward er im Triumph in das Münster St. Denis geführt und vom Könige Dagobert zu einem König in England gekrönt.

Als er nun nach England zog, wollte er seinen lieben Pflegevater Klemens, dessen Hausfrau und seinen vermeinten Bruder Klaudius nicht zurücklassen, sondern sie mußten alle drei mit ihm nach England ziehen. So saßen sie auf, zogen durch Brabant, setzten sich auf das Meer und schifften gen England, und bald waren sie in der Hauptstadt London. Hier wurden Florens und Marcebylla samt dem König Dagobert, der sie begleitet hatte, feierlich empfangen. Dem Florens wurde das Gesetz von England vorgelesen, dasselbe zu halten, wie es einem frommen Könige gebührt. Und Florens tat einen willigen Schwur.

Darauf segnete König Dagobert sie alle und schied von dannen. Der König Florens, dem Gott allezeit beistand, regierte sein Volk weislich, und es gehorchte ihm in Ehrfurcht und Liebe. Auch wurde ihm und seiner Gemahlin Marcebylla ein schöner Sohn beschert, welchen sie Wilhelm nannten. Dieser wuchs in allen Tugenden auf und wurde von allen Menschen in Ehren gehalten. Nach langen Jahren starben Florens und seine geliebte Marcebylla kurz nacheinander, und Wilhelm ward zum König von England gekrönt. Auch dieser hielt gut Recht, achtete den Armen wie den Reichen und war seinem Volke sehr lieb.

Dies ist die Geschichte vom Kaiser Oktavianus und seinen zwei Söhnen.

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