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Volkssagen und Legenden

Gustav Schwab: Volkssagen und Legenden - Kapitel 8
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typelegend
authorGustav Schwab
titleVolkssagen und Legenden
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year2012
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created20120717
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Das Schloß in der Höhle Xa Xa

Einst lebte in Europa ein Zauberer namens Mattetai, der es in seiner Kunst so weit brachte, daß er alle verborgenen Schätze finden und sie nach Belieben gebrauchen konnte. Doch hatte er daran noch nicht genug. In einem alten Buche las er, daß in der afrikanischen Höhle Xa Xa ein Schlüsselschloß versteckt liege, das die Eigenschaft habe, seinen Besitzer zum glücklichsten Menschen zu machen, der mit ihm alles durch die Erdgeister erlangen könne. Sie müssen demjenigen gehorchen, der das Schloß besitzt. Schon lange wässerte ihm der Mund auch nach diesem seltenen Schatz. Um das Schloß zu erlangen, mußten allerlei Förmlichkeiten beachtet werden, die Mattetai noch nicht kannte. So wollte er sich darüber erst erkundigen. Weil er unter anderen Dingen auch einen Ring besaß, an den die Luftgeister gefesselt waren, berief er sie, indem er den Ring um seinen Finger drehte. Alsbald kamen drei Luftgeister herangeflogen und fragten Mattetai, was er begehre. Er antwortete: »Ich möchte gern das unschätzbare Schloß in der Höhle Xa Xa haben und rufe euch, daß ihr mir dabei zu Hilfe kommen sollt.« Die Luftgeister antworteten: »Mit Gewalt, Herr, können wir Euch in dieser Sache nicht dienen, denn das Schloß wird von Erdgeistern bewacht, die stärker sind als wir und gegen die wir wenig ausrichten können. Bedient Euch aber einer List so werdet Ihr vielleicht allein siegen und das Schloß in Eure Gewalt bekommen.« Mattetai erwiderte: »Wohlan, wie muß ich es aber angreifen?« Sie sagten: »Ganz so, wie es in Eurem großen Buch geschrieben steht. Vor allen Dingen müßt Ihr einen türkischen Knaben dazu haben, der noch ein unschuldiges Kind ist und Euch in allem folgt, was Ihr ihm nach den Worten des Buches befehlen werdet.« Mattetai griff nach dem Buch, sah sich genau darin um, sprang endlich auf und sagte zu den Luftgeistern: »Gut, bringt mich nach Konstantinopel, dort hoffe ich anzutreffen, was ich suche.«

Flugs ergriffen ihn die willigen Luftgeister und führten ihn durch die Luft in ein paar Augenblicken nach Asien hinüber, wo sie ihn nahe bei der Stadt Konstantinopel auf den Erdboden niedersetzten. Hier entließ er die Geister, ging in die Stadt hinein und durchwanderte viele Strassen, bis er endlich einen Knaben traf, der diejenigen Eigenschaften zu haben schien, die dazu nötig waren, das Werk, das er vollbringen wollte, glücklich auszuführen. Es war ein armer mutterloser Taglöhnersohn namens Lameth. Ihm nahte sich Mattetai, während er gerade mit anderen Jungen seinesgleichen auf der Strasse spielte. Er grüßte ihn freundlich und fragte: »Wo wohnt dein Vater?« Lameth antwortete: »Nicht weit von hier.« Mattetai bat, ihn zu seinem Vater zu führen. Lameth brachte ihn zu seinem Vater, der Achim hieß. Diesen redete Mattetai ganz höflich an und fragte ihn, ob er ihm nicht seinen Sohn gegen Geld des Tages zur Bedienung überlassen wolle, solange er hier bleiben würde. Der Knabe solle ihm die Strassen zeigen, die er in seinen Geschäften zu gehen hätte; denn als Fremder wisse er da keinen Bescheid in dieser ungeheuren Stadt. Auf die Frage Achims, wo denn der Fremde wohne, gab er zur Antwort: »Ich komme eben zum Tor herein und will gerade von Euch hören, wo ich wohl unterkommen könnte.« Achim zeigte ihm ein Haus in der Nachbarschaft und sagte: »Hier werdet Ihr in allem gut bedient werden, und weil es in unserer Nähe ist, kann auch mein Sohn besser zu Euren Diensten sein.«

Mattetai bedankte sich für den guten Rat, schenkte dem Taglöhner einen Dukaten, bestimmte den Lohn des Knaben und erklärte sich noch außerdem bereit, für seine Zukunft zu sorgen, wenn er ihm treu dienen würde. Als Achim von so vielem Geld hörte, das er durch seine harte Arbeit im ganzen Monat nicht verdiente und das der Knabe alle Tage für so geringe Mühe bekommen sollte, dankte er dem Gott Mohammeds in seinem Herzen und wünschte nur, daß Mattetai recht lange in Konstantinopel verweilen möge. Er übergab ihm seinen Sohn und prägte diesem ernstlich ein, seinem neuen Herrn in allem gehorsam zu sein und ihm treulich zu dienen. Mattetai dankte noch einmal und begab sich mit Lameth in das angewiesene Haus, ließ sich dort ein gutes Mahl herrichten, das der Knabe mit ihm teilen und noch dazu den Rest in seines Vaters Haus tragen durfte. Gleich für den ersten Tag gab ihm der Zauberer einen Dukaten Lohn, obgleich er ihm noch wenig gedient hatte und nur etliche Stunden bei ihm geblieben war. Er schickte ihn damit beizeiten fort, weil er vorgab, reisemüde zu sein und nicht mehr ausgehen, sondern ruhen wolle.

Lameth überbrachte seinem Vater alles mit Freuden, und dieser kam ganz außer sich, als er auf einmal so viel Geld vor sich sah. Er befahl seinem Sohn, dem Herrn alles zu tun, was er ihm an den Augen absehen könnte, und schickte ihn am frühen Morgen zu dem Fremden. Mattetai ließ sogleich einen Kleiderhändler rufen, der ein sauberes Gewand für den Knaben bringen mußte. Darauf befahl er Lameth, zwei gute Pferde zu mieten. Auf diese setzten sie sich und ritten so in Konstantinopel umher, um alle Seltenheiten anzuschauen. Des Abends kehrten sie wieder heim und speisten zu Nacht, und Lameth erhielt wieder den versprochenen Taglohn und wurde, mit den übriggebliebenen Speisen beladen, zum Vater heimgesandt. So hatte auch Achim rechte Herrentage, dachte fast an kein Arbeiten mehr und wünschte nur, daß Mattetai sein Leben lang dableiben möge. Vierzehn Tage währte es so, und Vater und Sohn hätten dem Fremden gern die Hände unter die Füße gebreitet. Allein Mattetai mußte sich ganz wider seinen Willen so lang in Konstantinopel aufhalten, um den rechten Tag abzuwarten, an dem das große Geschäft unternommen werden konnte.

Am Abend vor diesem entscheidenden Tag befahl der Zauberer dem Lameth, die besten Pferde, die er bekommen könnte, zu mieten. Gleich bei Anbruch des Tages sollte er mit ihnen zu ihm kommen, denn er wollte, nachdem er alles Schöne in der Stadt angesehen hatte, morgen auf das Land gehen, die Gegend außerhalb der Stadt besichtigen und ihre Annehmlichkeiten genießen. Lameth tat mit Freuden, was ihm Mattetai befahl und kam am anderen Tag in aller Frühe mit zwei der besten Pferde, die er hatte bekommen können. Auf das eine setzte sich Mattetai, und Lameth folgte ihm auf dem anderen willig nach. Als sie einige Meilen von der Stadt entfernt waren, verließ der Zauberer auf einmal die Strasse und ritt in das Gebüsch hinein. Lameth rief: »Herr, wir wollen der Landstrasse folgen, sonst könnten wir uns verirren.« Aber Mattetai sprach: »Folge mir nur nach! Weil die Sonne so heiß scheint, will ich lieber im Waldesschatten reiten. Nachher werde ich den Weg auf die Landstrasse schon wiederfinden.« Nach diesen Worten gab er seinem Pferd die Sporen und ritt durch Hecken und Stauden so scharf zu, daß Lameth ihm fast nicht nachfolgen konnte. Endlich vermochte es der Knabe nicht länger auszuhalten. Er rief deswegen dem Zauberer nach und bat ihn stehenzubleiben. Dies tat jener endlich. An einer öden Stelle angekommen, stieg er vom Pferd, band es an einen Baum und befahl Lameth, ein gleiches zu tun und ein wenig auszuruhen. Lameth war recht froh darüber. Sobald er sein Pferd angebunden hatte, lagerte er sich und verschnaufte ein wenig.

Indessen zog Mattetai ein großes Buch aus seiner Manteltasche, schlug es im Grase auf und las eine Weile darin. Nachher drehte er den Ring am Finger um und murmelte etwas in seinen Bart. Und siehe da, im Augenblick standen drei Luftgeister vor ihm, die fragten, was er zu befehlen habe. Lameth hatte solche Zaubereien noch niemals gesehen und erschrak darüber so sehr, daß er umfiel. Aber Mattetai richtete ihn wieder auf und sagte: »Fürchte dich nicht, mein Sohn, es soll dir kein Haar gekrümmt werden, folge mir nur! Ich versichere dir, es soll dich nicht gereuen. Ich will dich so reich machen, daß du es mir dein Lebtag lang danken wirst.« Mit diesen und anderen Worten beruhigte er den Knaben. Dann wandte er sich an seine Luftgeister und sagte zu einem von ihnen: »Da, nimm diese beiden Pferde und gib sie ihrem Herrn zurück!« Zu den beiden anderen Luftgeistern sprach er: »Ihr bringt mich und meinen getreuen Diener unversehrt nach Afrika, zu der berühmten Höhle Xa Xa.«

Augenblicklich wurden beide von den Geistern ergriffen, durch die Luft davongetragen und im Nu nach Afrika hinübergebracht, wo die Geister sie vor einem großen Hügel niedersetzten. Mattetai verabschiedete hier seine Luftgeister, zog sein Buch wieder heraus und las darin. Dann holte er ein Feuerzeug aus der Tasche hervor, zündete ein Feuer an und beschrieb einen Kreis darum. Hernach streute er Weihrauch in die Flamme und murmelte einige unverständliche Worte. Während er dies tat, entstand im Hügel ein großes Getöse, als ob es donnerte. Alsdann ertönte ein entsetzlicher Knall, mit dem der Hügel sich öffnete, und viele feurige Flammen fuhren aus der Höhle heraus. Als dies geschehen war, trat Mattetai aus dem Kreis heraus und auf Lameth zu, der vor Furcht und Schrecken nicht wußte, ob er noch lebe oder gestorben sei. Mattetai aber ergriff ihn beim Arm, richtete den Zusammengesunkenen auf und sagte zu ihm: »Lieber Lameth, jetzt ist die Stunde gekommen, in der du mich und dich für unser ganzes Leben glücklich machen kannst. Merke deswegen genau auf alles, was ich dir sagen will: Du siehst hier die Öffnung dieses Hügels, in ihn hinein mußt du gehen. Fürchte dich nicht, es wird dir, wenn du mir in allem folgst, nichts Böses geschehen. Zuerst nimm hier diesen Ring« – mit diesen Worten steckte er ihm einen Ring an den Finger – »und gib acht, so lieb dir dein Leben ist, daß du ihn weder verlierst noch ihn dir von jemand nehmen läßt. Denn solange du ihn am Finger trägst, wird dir niemand etwas anhaben können. Darauf geh nur furchtlos in die Höhle, wandere den langen finsteren Gang gerade durch. Schau dich weder nach rechts noch nach links um, und wenn man dich ruft, so hör nicht darauf und blicke nicht hinter dich. Wenn du aus dem finsteren Gang herausgetreten bist, wirst du durch drei Zimmer kommen, die voll von Gold, Silber, Edelsteinen und anderen köstlichen Sachen sind. Rühre beileibe nichts davon an, sondern gehe geradenwegs fort, dann kommst du in einen schönen Garten, der voller Bäume mit süßen Früchten ist. Von ihnen kannst du, wenn es dich nach etwas gelüstet, pflücken, soviel du willst. Doch halte dich nicht zu lange auf, denn sonst würde die Zeit vergehen, während der die Kluft offenbleibt. Eile deshalb nur weiter vorwärts, dann wirst du endlich an einer marmornen Säule ein großes Schloß sehen, das mit einem Schlüssel an einer Perlenschnur hängt. Schneide die Schnur entzwei, schiebe sie mit Schloß und Schlüssel geschwind in die Tasche und laufe geradenwegs wieder zu mir heraus. Laß dich durch nichts, was in der Welt es auch sein mag, an deiner Rückkehr hindern, sondern eile den Weg zurück, den du gekommen bist, ohne dabei ein Wort zu reden.«

Lameth entsetzte sich über die Worte des Fremden. Er war ängstlich und konnte sich nicht entschließen, ein so gefährliches Werk zu unternehmen. Mattetai redete ihm indessen eindringlich zu und ließ ihn einen Blick in das glänzende Leben tun, das er ihm bereiten wolle. Als aber Lameth immerfort noch zitterte und sich zu nichts willig zeigte, fürchtete der Zauberer, daß die rechte Stunde verrinne und er mit aller Welt Hilfe das, was er suchte, nicht mehr erlangen könnte. Er wurde daher zornig, ergriff Lameth beim Kragen, warf ihn zu Boden und schrie: »Ich bringe dich um, wenn du nicht vollführst, was ich dir befehle!« Da bat Lameth ihn um Gnade und versprach zu tun, was er verlange. Jetzt wurde der Zauberer wieder ganz freundlich. Er wischte ihm den Staub ab, stärkte ihn mit kräftigen Arzneien, die er bei sich hatte, und begleitete ihn bis an den Hügel. Hier hieß er ihn in den Spalt der Höhle hineingehen. Als der Knabe den Eingang überschritten hatte, setzte er sich an ihm nieder und wartete vor der Höhle mit Schmerzen auf die Rückkehr Lameths.

Als der Knabe sich am Eingang der Höhle befand, folgte er der Angabe seines Meisters. Er ging schnell, doch mit Furcht und Behutsamkeit vorwärts, denn im Gang war es so finster, daß er gar nichts um sich sehen konnte. Eingedenk der Warnungen seines Meisters, ließ er sich dadurch nicht hindern, sondern ging seinen geraden Weg fort. Da wurde es plötzlich hell, und er kam in ein Zimmer, in dem lauter silberne blumengezierte Gefäße standen. Lameth verstand ihre Kostbarkeit nicht. Er hielt sie für gewöhnliches Metall, sah sie mit Staunen an, berührte jedoch nicht das geringste davon, sondern ging vorwärts. Da kam er in ein anderes Zimmer, in dem goldene Körbe und Schalen standen, in denen Edelsteine, Perlen und andere Kleinodien waren. Diese Dinge kannte Lameth noch weniger. Er hielt sie für schöne Spielsachen und beachtete sie nicht, sondern ging seines Weges fort. So kam er in ein drittes Zimmer, das mit silbernen und goldenen Münzen ganz gefüllt war. Sie waren in Haufen aufgeschüttet, als wäre es Korn. Was Münzen sind, wußte Lameth wohl. Er hatte Lust, seine Taschen damit anzufüllen, doch noch zur rechten Zeit fielen ihm Mattetais Drohungen ein. Er fürchtete, sein Gelüst mit dem Tode bezahlen zu müssen, so eilte er weiter fort. Jetzt kam er in den schönen lachenden Garten, von dem ihm Mattetai erzählt hatte. Da standen viele Bäume, alle geziert mit weißen, gelben, grünen, roten Früchten, die wie durchsichtig schimmerten. Er sah sie mit Staunen und Verlangen an, wußte er doch, daß er von ihnen nehmen dürfe, soviel er wollte. Doch hielt er sie für keine echten Früchte, sondern glaubte, es seien bunte, schön geschliffene Gläser. Er begann, seine Taschen damit zu füllen. Da fiel ihm plötzlich ein; daß der Fremde ihn gewarnt hatte, nicht viel Zeit damit zu versäumen, da sonst die Höhle geschlossen werden könnte. So eilte er weiter. und erblickte bald eine marmorne Säule. An ihr hing an einer Perlenschnur das wunderbare Schloß. Als er es sah, lief er darauf zu, schnitt es geschwind ab und wollte es in die Tasche stecken. Aber seine breiten Taschen waren voll von den Wunderfrüchten, die er gepflückt hatte. Da besann er sich nicht lange, nahm seinen Turban ab, rollte ihn auf und verbarg das Schloß mit der Perlenschnur sorgfältig darin. Dann band er ihn wieder fest um seinen Kopf und rannte schneller, als er hineingegangen war, den geraden Weg wieder zurück. Da umtönte ihn in dem Garten und in den Zimmern, die er zu durchlaufen hatte, ein solches Geheul, Gepolter und Geprassel, daß ihm alle Haare zu Berge standen und er meinte, die Höhle und das Firmament darüber würden zusammenstürzen. Er war deswegen froh, als er den engen Gang wieder erreichte. Aber dieser, der vorhin stockfinster gewesen war, flammte jetzt in feurigem Widerschein, und Lameth getraute sich deswegen lange nicht, sich dem Feuer zu nahen. Als er aber befürchtete, zu lange zu zögern, lief er mitten in die Flammen hinein. Da empfand er, daß sie nicht brannten, sondern ganz kühl waren. Und so freute er sich sehr, denn schon leuchtete ihm durch die Öffnung das Tageslicht entgegen. Er hoffte, in wenigen Minuten aus seinem Jammer befreit und wieder bei seinem Meister zu sein. Da hörte er plötzlich einen großen Knall. Es war wie ein mächtiger Donnerschlag, und mit ihm schloß sich die Höhle, und es wurde so finster, daß er gar nichts mehr sehen konnte. Lameth tappte umher und seinem Pfade nach. Endlich kam er an die Stelle, wo zuvor die Öffnung war. Allein jetzt fand er keine Spur mehr von ihr, und bald mußte er sich sagen, daß er lebendig in der Erde begraben sei.

Während Lameth in der Höhle war, wartete Mattetai draußen mit Ungeduld, bis er wiederkommen und ihm das Schloß aus der Höhle Xa Xa bringen würde. Schon war die meiste Zeit verflossen, nach der die Höhle sich wieder schließen mußte. Als er den Knaben nicht wiederkommen sah, geriet er fast in Verzweiflung, weil er wohl wußte, daß in wenigen Augenblicken seine Hoffnung verloren sein würde. Darum jammerte er kläglich und schrie immerzu: »Lameth, o Lameth, komm, eile, erfreue den unglücklichen Mattetai mit deiner Gegenwart!« Der Zauberer gab sich seiner Trostlosigkeit hin. Kam der Knabe nicht rechtzeitig, so hatte er nicht nur das Schloß von Xa Xa, sondern auch seinen herrlichen Ring dazu verloren und damit seine ganze zeitliche Glückseligkeit verschenkt. Noch einmal rief er: »Lameth, Lameth!«, als plötzlich ein entsetzlicher Knall sich hören ließ und eine feurige Flamme aus der Höhle herausfuhr, nach der sie sich schloß. Die Flamme ergriff den Zauberer, schleifte ihn eine Meile Weges von dannen und warf ihn in einen großen Sumpf, in dem er wie ein Frosch ausgestreckt lag, ohne Besinnung und Empfinden, bis die Sonne unterging und er durch die Kühle wie aus einem Traum erwachte. Aber noch wußte er nicht, wo er war, noch wie er dahin gekommen sei. Nach und nach fiel ihm sein unglückliches Schicksal wieder ein, und er bejammerte aufs neue den Verlust seines Ringes, denn mit dessen Hilfe hätte er sich leicht durch die Luftgeister aus diesem Elend retten und von ihnen nach Europa zurückbringen lassen können. Jetzt aber waren ihm Hoffnung und Besitz entschwunden. Aus dem Sumpf hatte er sich zwar emporgearbeitet, aber er lag in der tiefsten Finsternis, und um ihn brüllten wilde Tiere, daß ihm die Haut schauerte. Doch schlug er mit seinem Feuerzeug ein Licht, und da er als seinen einzigen Trost das Buch bei sich hatte, in dem noch große Geheimnisse standen, so durchblätterte er es. Da stieß er zu seiner Freude auf eine Anweisung, wie man die Wassergeister rufen könne. Er zögerte nicht einen Augenblick, dies zu tun. Und siehe, auf der Stelle erschienen zwei dienstbare, pudelnasse Wassergeister vor ihm. Sie schüttelten sich heftig und fragten, was er verlange. Mattetai rief sie an: »Sagt mir, in welchem Teil der Welt ich mich jetzt befinde!« Sie erwiderten: »In Afrika.« Er sprach: »Nun, so befehle ich euch, daß ihr mich auf der Stelle unbeschädigt nach Europa hinüberbringt.« Die Geister setzten Mattetai auf ihre Achseln, fuhren mit ihm wie der Blitz durch das Meer und setzten ihn in Europa auf das Trockene.

Mattetai war froh, daß er wieder in den Teil der Welt gebracht worden war, in dem er geboren war und wo er seinen bleibenden Aufenthalt hatte. Er setzte also mit vieler Unbequemlichkeit seine Reise fort, bis er wieder in sein Vaterland gelangte. Dabei beklagte er seinen schweren Verlust. Er wandte alle Kräfte an, um ihn mit Geduld zu verschmerzen. Auch konnte er sich wirklich darüber trösten, denn seine große Kunst machte ihn zum Herrn über viele Schätze. Er konnte sich ihrer nach Belieben bedienen und es sich dabei wohl sein lassen.

Zu Konstantinopel war der Taglöhner Achim in großer Not. Er forschte allerorten nach seinem Sohn Lameth, aber niemand konnte ihm etwas von ihm sagen. Er ging zu dem Mann, von dem Lameth die Pferde gemietet hatte. Hier erfuhr er nur so viel, daß die Pferde wiedergekommen seien, ohne daß jemand darauf gesessen hätte. Man habe sie an dem Hause angebunden gefunden. Darüber machte sich Achim ängstliche Gedanken. Er ging nach Mattetais Wohnung, traf aber weder Herrn noch Diener. Noch hoffte er, sie würden sich am Abend einstellen. Als aber der zweite und dritte Tag verflossen waren, ohne daß er von seinem Sohn etwas erfahren konnte, wurde er ganz verzagt, schalt den Mattetai einen Betrüger und Verführer und wünschte ihm die Pest auf den Hals.

Lameth war noch immer in der Höhle Xa Xa eingeschlossen und wehklagte laut als ein lebendig Begrabener, der nicht wußte, wie er aus seiner Gruft herauskommen sollte. Er lief endlich in die Höhle zurück, denn er hoffte, wieder in die schönen Zimmer und in den Garten zu gelangen, um dort vielleicht einen anderen Ausweg zu finden. Allein er täuschte sich sehr, die Türen waren fest zugeriegelt, und er mußte unverrichteter Dinge wieder zurückkehren. Weil er von dem Hin- und Herrennen ganz müde geworden war, setzte er sich auf einen Stein in der Höhle. Es begann ihn zu hungern und zu dürsten. Darüber wurde er sehr kleinmütig, bis ihm einfiel, daß er noch etwas von den Speisen bei sich hatte, die ihm Mattetai mitgegeben hatte. Er langte sie aus seiner Rocktasche hervor und erquickte sich damit, und da ihn sehr schläferte, suchte er sich einen besseren Ort zum Schlummern aus, fand auch bald einen höheren Stein, der ihm als Kopfkissen diente. Er legte sich auf den Boden und sein Haupt auf den Stein. So schlief er sanft ein und hatte einen schönen Traum, als wäre er seinem Grab entronnen und wieder daheim bei seinem Vater. Als er erwachte, hatte er keine Ahnung davon, daß er dreimal vierundzwanzig Stunden geschlafen hatte. Er weinte nur um so lauter, als er sich noch in seinem finsteren Kerker eingeschlossen fand. Er rief nach seinem Vater und rang die Hände. Ohne es zu wollen und zu ahnen, drehte er dabei den Ring um, den ihm Mattetai an den Finger gesteckt hatte. Im Augenblick wurde die Höhle ganz hell, und zwei Luftgeister, die vorher in des Zauberers Diensten gewesen waren, standen vor Lameths Augen. Er erschrak zwar ein wenig, doch weil er früher die Unschädlichkeit jener Geister erfahren hatte, ermannte er sich bald wieder, zumal als er die Geister zu sich sprechen hörte: »Was verlangst du von uns? Womit können wir dir dienen?« Lameth seufzte: »Ach, aus meinem Gefängnis wäre ich gerne heraus und wieder bei meinem Vater!« Da antwortete einer der Geister: »Lameth, o Lameth, wenn du das Glück kennen würdest, das in deinen Händen ist, du schätztest dich höher als der türkische Kaiser. Aber sei zufrieden; da du jetzt die Erdgeister gefunden hast, können wir dir zu Diensten sein und dein Wille soll erfüllt werden.« Darauf öffnete sich in einem Nu und mit großem Krach die Höhle. Die Luftgeister erfaßten den Knaben und führten ihn wie der Wind nach Konstantinopel hinüber, wo sie ihn vor seines Vaters Haus niedersetzten. Er dankte den dienstbaren Geistern herzlich und ging getrost in das Haus hinein.

Hier saß der alte Achim und trauerte über den Verlust seines Sohnes. Als dieser plötzlich vor ihm stand, war seine Freude unbeschreiblich. Er fiel ihm um den Hals und rief einmal ums andere: »Lameth, ach lieber Lameth, wo bist du so lange geblieben, und wo ist dein guter Herr hingekommen?« Der Sohn sprach: »Lieber Vater, sagt mir von dem Schelmen und Zauberer Mattetai nichts mehr, sondern schafft mir etwas zu essen, denn mich hungert sehr. Seit ich von Euch gegangen bin, habe ich nichts als ein paar Zuckerstengel über meine Zunge bekommen.« Achim hatte noch Geld von Mattetuis Lohn, lief in die Wirtsküche und brachte zu essen und zu trinken. Nachdem sich Lameth gütlich getan hatte, erzählte er seinem Vater umständlich die ganze Geschichte. Aber Achim wollte ihm keinen Glauben schenken. Er meinte vielmehr, sein Sohn erzählte Märchen oder es habe ihm geträumt. Als aber Lameth seinen Turban auflöste und aus ihm das Schloß nebst der schönen Perlenschnur herauszog, außerdem seine Taschen ausleerte und die schönen durchsichtigen Früchte zeigte, die er in dem unterirdischen Zaubergang von den Bäumen gepflückt hatte, mußte Achim glauben, daß es seinem Sohn nicht geträumt, sondern daß er alles erlebt habe, wie er es erzählt hatte.

Indessen achteten sie die schönen Früchte nicht höher als bunte Gläser, schätzten auch das Schloß nicht höher als ein anderes gemeines Vorlegeschloß, so daß Lameth alles zusammen in seine Kammer legte und sich nicht mehr darum kümmerte. Weil aber Vater und Sohn von dem vielen Geld her, das ihnen Mattetai gegeben hatte, an gute Tage gewöhnt waren, dachten sie auch ferner an kein Arbeiten und zehrten so lange von dem, was vorhanden war. Als jedoch alles verbraucht war, kam sie das Arbeiten blutsauer an. Eines Tages holte Lameth sein Schloß hervor, zeigte es seinem Vater und sagte: »Mattetai muß doch ein rechter Tor gewesen sein, daß er wegen eines solchen Quarks sich so viele Mühe gegeben und mich wegen ihm in so große Gefahr gebracht hat.« Auch der Vater lachte und sagte: »Ja, um des rostigen Schlosses willen ist es auch der Mühe wert gewesen, so viel Lärm zu machen.« Er nahm das Schloß dem Sohn aus der Hand, wischte den Staub davon ab und drehte den Schlüssel herum. Es war aber so stark verschlossen, daß er seine ganze Kraft gebrauchen mußte, um es zu öffnen. Als es nun endlich mit einem lauten Schnapper aufging, siehe, da stand augenblicklich ein riesengroßer Geist vor ihm, der fragte: »Was verlangt ihr von mir?«

Achim erschrak über diesen Anblick so sehr, daß er rücklings in Ohnmacht zu Boden fiel. Lameth aber hatte zu seinem Glück das unschätzbare Schloß zur Hand genommen, und weil er Geister zu sehen schon gewohnt war, erschrak er nicht so sehr, sondern sagte zu dem Riesengeist: »Mich hungert, bringt mir etwas zu essen!« Der Geist verschwand im Augenblick, und gleich darauf brachte er zwei große silberne Schalen mit frischen und eingemachten Früchten, setzte sie vor Lameth nieder und sagte: »Steht nichts mehr zu Diensten?« Der Knabe antwortete: »Ja so, zu trinken möchte ich auch etwas haben.« Im Nu brachte der Geist ein Dutzend Flaschen vom besten Wein in einem großen silbernen Kessel und fragte, was er noch verlange. Lameth sagte: »Für jetzt nichts mehr.« Er klappte sein Schloß wieder zu und legte es an seinen Ort. Doch machte er sich über dieses allerlei Gedanken, konnte jedoch in der Einfalt seines Geistes nicht auf den rechten Grund der Sache kommen.

Der erschrockene Achim lag indessen immer noch in tiefer Ohnmacht darnieder. Da ergriff Lameth eine der Weinflaschen und bespritzte ihm das Gesicht. Dadurch brachte er ihn zur Besinnung. Als Achim die Augen öffnete, fiel sein erster Blick auf die silbernen Becken mit Essen und Trinken. Er konnte nicht begreifen, wie die hergekommen waren, bis sein Sohn ihn belehrte, daß der erschienene Geist alles gebracht habe. Achim, dem das Ding nicht natürlich vorkam, wollte nichts davon anrühren. Lameth aber fragte nichts darnach, denn es hungerte ihn, und er ließ es sich wohlschmecken. Dadurch machte er seinem Vater auch Appetit. Dieser kostete anfangs nur wenig. Da er aber fand, daß es ganz gut schmeckte, griff er zu und bediente sich besonders mit dem wohlschmeckenden Wein reichlich. So lebten Vater und Sohn von dem, was der Geist gebracht hatte, bis es aufgezehrt war. Weil sie aber das Arbeiten ganz und gar verlernt hatten, sagte der Vater: »Lameth, weißt du was, gehe hin und verkaufe eine der Schalen, die wir ja doch nicht mit aufessen können.« Lameth willigte ein, steckte die Schale in sein Oberkleid und wollte damit zu einem Zinngießer gelten, weil er dachte, daß sie von solch geringem Metall sei. Allein unterwegs begegnete ihm ein Händler, der ihn fragte, wohin er mit der Schale gehen wolle. Lameth antwortete: »Ich will sie verkaufen.« Der Händler führte ihn in einen offenen Durchgang, ließ sich die Schale vorzeigen und fragte, was er dafür verlange. Lameth antwortete: »Ihr werdet selbst am besten wissen, was sie wert ist. Sagt mir, was Ihr mir dafür geben wollt.« Der Händler besah die Schale von vorn und von hinten und bot ihm endlich zwölf Löwentaler dafür. Dabei setzte er hinzu: »Sie ist eigentlich nicht so viel wert, aber die Arbeit daran gefällt mir.« Lameth lief ganz vergnügt mit dem vielen Geld zu seinem Vater zurück, und Achim, der so wenig wie sein Sohn den wahren Wert der Schale kannte, freute sich ebenfalls über den guten Verkauf. Nun schmeckte beiden der Müßiggang immer besser, bald kam die zweite Schale dran. Der Händler, der an der vorigen so großen Nutzen gezogen hatte, lauerte schon auf Lameth und fragte ihn, ob er noch eine Schale zu verkaufen hätte. Lameth war schlau genug zu sagen: »Ja, aber die vorige habe ich Euch zu billig gegeben. Mein Vater hat mich darüber arg gescholten. Ihr sollt mir mehr für sie geben, sonst muß ich die Schale weitertragen.« Der Händler erwiderte: »Junge, sie ist nicht mehr wert gewesen. Aber weil mir eine Schale ohne die andere nichts nützt und ich deren zwei haben muß, wenn ich sie wieder verkaufen will, will ich dir zwanzig Taler für diese da geben.« Lameth war sehr froh, dies zu hören, gab ihm die Schale, lief mit dem Geld zu seinem Vater und rief ihm freudig entgegen: »Dieser Händler muß wohl ein ehrlicher Mann sein, daß er mir so viel Geld für die Schale gegeben hat.« Achim bejahte es und war froh, wieder einige Zeit ohne Arbeit sich's wohl sein lassen zu können. Aber das Geld währte nicht lange, und so sollte endlich auch der große Kessel, in dem der Geist die Weinflaschen gebracht hatte, zum Händler wandern. Weil aber der Kessel schwer war, nahm ihn Lameth auf den Kopf und trug ihn öffentlich davon. Da begegnete ihm ein Goldschmied und fragte ihn, wohin er mit dem Kessel wolle. Lameth sagte: »Ich will einen Händler suchen, der ihn mir abkauft.« Der Goldschmied erwiderte: »Ja, ein solcher Schelm wird dir viel dafür geben. Ich habe dich schon zweimal mit einer Schale bei mir vorbeigehen sehen. Was hat dir denn der Händler jedesmal dafür gegeben?« Lameth gestand in seiner Einfalt, was er empfangen hatte. Da versetzte der Goldschmied: »Nun, siehst du wohl, wie der schelmische Händler dich betrogen hat? Jede dieser Schalen war wenigstens hundert Löwentaler wert.« Lameth meinte, der Goldschmied treibe seinen Spott mit ihm und fragte: »Ei nun, wieviel ist denn alsdann dieser Kessel wert?« Der Goldschmied wog ihn mit den Händen, untersuchte ihn genau und sagte endlich: »Ich will dir fünfhundert Löwentaler dafür geben.« Lameth wußte nicht, ob er noch in seiner Haut stecke, als er von der großen Summe hörte. Der Schmied sagte, er sollte den Kessel noch einen anderen Goldschmied sehen lassen. Wenn der ihm mehr dafür geben wollte, so sei er dann auch bereit, ihm so viel zu geben. Da mochte Lameth keinen Schritt weitergehen, sondern übergab ihm den Kessel, stopfte die fünfhundert Löwentaler in seinen Sack, schwang ihn in aller Eile auf den Kopf und jagte wie ein Windspiel nach Hause. Als er zu seinem Vater kam, konnte er vor, schnellem Atmen kaum reden. Er warf den Geldsack auf den Tisch, daß er entzweibarst und die Taler im Zimmer umherrollten. »Vater, sehet nur, was ich für einen Fang gemacht habe«, rief er, »der schelmische Händler hat uns recht betrogen. Wäre ich nur gleich zu dem ehrlichen Mann, dem Goldschmied, gegangen, da hätte ich für meine zwei Schalen weit mehr bekommen.« Aber der alte Achim sagte: »Ei, zürne dich nicht, mein Sohn! Sei froh, daß du das größte Stück so gut angebracht hast. Jetzt wollen wir klüger mit dem Geld umgehen, denn ein solches Glück wird uns wohl nimmermehr zuteil werden.« Lameth war zufrieden damit, nur bat er sich von dem Geld so viel aus, um sich etwas besser zu kleiden. Vierhundert Löwentaler aber legte er davon zurück, damit er in Zukunft etwas davon kaufen könnte. Was übrigblieb, gebrauchten sie für Essen und Trinken und ließen sich's dabei wohl sein.

Einst kam Lameth die Lust an, ein wenig aufs Land zu gehen. Während er vor der Stadt Konstantinopel draußen die Lusthäuser des türkischen Kaisers beschaute, hörte er von ferne die Kanonen donnern. Dies war das Zeichen, daß sich alle Männer zurückziehen sollten, weil die Frauen des Großsultans auf dem Weg nach den Lustgärten waren. Lameth, der wohl wußte, daß auf Übertretung dieses Befehls Todesstrafe stand, fühlte sich aber von Neugier getrieben, diesen Zug heimlich zu beobachten. Weil er gerade einen hohlen Baum am Wege erblickte, in dem er sich verbergen konnte, stieg er hinein und erwartete dort den Zug so wohl verborgen, daß ihn niemand in seinem Versteck bemerkte, er aber alle an sich vorübergehen sah. Da zerbrach wider alles Erwarten nahe diesem hohlen Baum die Sänfte der älteren Prinzessin des Sultans, Bellastra, so daß sie mit dem Tragstuhl zur Erde stürzte und in Ohnmacht fiel. Sogleich umringten Diener und Frauen die Sänfte und beschäftigten sich mit der Fürstin. Der Schleier wurde ihr abgenommen, man träufelte ihr köstliches Wasser auf die Schläfe, und so wurde sie endlich wieder zur Besinnung gebracht.

Dies alles konnte Lameth mit ansehen. Die Schönheit der Prinzessin Bellastra war so nahe vor seinen Augen, daß er alles um sich her vergaß. Er streckte beständig den Kopf aus dem Baum heraus, und hätten nicht diejenigen, die der Prinzessin zu Hilfe geeilt waren, genug mit ihr zu tun gehabt, so wäre er gewiß entdeckt worden und verloren gewesen. So aber hatte er das Glück zu sehen, daß der ganze Zug wegging, nachdem Bellastra sich erholt hatte, um die Prinzessin wieder in ihres Vaters Palast zu bringen. Lameth saß noch immer in seinem hohlen Baum und blickte der Prinzessin nach, solange er es tun konnte. Als er sie aus den Augen verloren hatte, rang er die Hände und rief: »Bellastra, Bellastra, mein Leitstern! Wohin entschwindest du? Ohne dich muß ich sterben.« Als er die Hände rang, drehte sich der Ring an seinem Finger wieder. Auf der Stelle erschien ein Luftgeist und fragte: »Lameth, was ist dein Begehr?« So verwundert Lameth über die Erscheinung war, so faßte er sich doch bald und sagte offen: »Ach, ich liebe die Prinzessin Bellastra. Kannst du mir nicht helfen, sie als Braut zu erhalten?« Der Luftgeist antwortete: »Nein, das steht nicht in meinen und meiner Gesellen Kräfte. Aber verzage deshalb nicht, Lameth! Du hast ja das herrliche Schloß aus der Höhle Xa Xa, durch das du des Dienstes der Erdgeister sicher bist. Sie können dir dazu behilflich sein, wenn du die Sache richtig angreifst.«

Bei diesen Worten des Geistes erwachte Lameth wie aus einem Traum. Erst jetzt begriff er, welch einen herrlichen Schatz er mit dem Schloß habe, das er bisher so wenig beachtet hatte. Auch bemerkte er jetzt erst, daß sein Ring über die Luftgeister eine Herrschaft ausübe. Er verabschiedete daher den Geist ganz wohlgemut und ging viel vergnügter nach der Stadt zurück. Doch dachte er immer darüber nach, wie er seinen Plan klug ausführen wollte. Deswegen wurde er wider seine Gewohnheit ganz still, so daß sein Vater eines Tages ihn fragte, was ihm fehle. Da gestand Lameth, daß er Bellastra, die Tochter des Sultans, liebe und nun darüber nachdenke, wie er sie erlangen könne. Achim meinte, sein Sohn sei närrisch geworden, und er redete ihm zu, sich solche Hirngespinste aus dem Sinn zu schlagen und an etwas anderes zu denken. Lameth ließ sich aber davon nicht abbringen und verlangte von seinem Vater, er solle versuchen, beim Großsultan eine Audienz zu erhalten und für ihn um die Prinzessin zu werben. Sein Vater antwortete ganz aufgebracht: »Du Tor, wie sollte ich vor seiner Hoheit erscheinen und ein so lächerliches Begehren vorbringen! Zudem weißt du, daß man vor dem Sultan nicht ohne ein Geschenk erscheinen darf. Wenn wir auch all unser Geld darauf verwenden wollten, so würde es doch für nichts geachtet werden. Was hätten wir dann davon?« Lameth antwortete: »Vater, kümmert Euch darum nicht. Ich bin jetzt älter und klüger geworden und weiß, daß ich derlei Dinge besitze. Die Steine, die ich besitze und die ich vorher so geringgeachtet habe, sind keine Gläser. Es sind Edelsteine, die von großen Herren hoch geschätzt werden. Aller Schmuck, den die Prinzessin Bellastra in den Haaren und an der Brust trug, kam mir wie Spielsteine der Kinder vor gegen die meinigen. Drum, lieber Vater, wenn Ihr nicht wollt, daß ich sterben soll, so tut mir den Gefallen und bringt meine Bitte für mich an und laßt mich für das weitere sorgen.«

Achim hatte seinen Sohn lieb und gab ihm endlich nach. Er verwahrte sich aber zum voraus, daß Lameth ihm keine Schuld geben dürfe, wenn die Sache ein unglückliches Ende nehme. Doch Lameth war guten Muts und trieb immer wieder seinen Vater an. Dieser machte sich auch wirklich am folgenden Morgen auf, um zum Sultan zu gehen, und sein Sohn übergab ihm zwölf von den mittleren Sorten seiner Steine in allerlei Farben. Er legte sie in schöner Ordnung in ein Körbchen, deckte ein sauberes Tuch darauf und händigte sie seinem Vater ein. Dabei unterrichtete er ihn, was er reden und auf des Sultans Fragen antworten sollte. Außerdem gab er ihm noch einen schönen roten Stein mit, den sollte er jenem in die Hand drücken, der die Leute bei dem Großsultan zur Audienz zu führen hätte. Der alte Vater ging voll Bekümmernis hin. Er bildete es sich im voraus recht lebhaft ein, wie übel er empfangen werde, wenn er Lameths törichtes Verlangen vorbringen würde. Aber die Liebe zu seinem Sohn überwand alles. So gelangte er in den Audienzsaal. Hier stand er lange und sah, wie andere zur Audienz geführt wurden, bei ihm aber ging man vorüber, gerade, als ob er nicht da wäre. Endlich erwischte er beim Ärmel einen der Hofbedienten, welche die Leute vor den Sultan riefen. Er drückte ihm geschwind den Stein in die Hand und bat um Audienz. Der Diener betrachtete den Stein in seiner hohlen Hand heimlich und erkannte bald, daß es ein Rubin von großem Wert war. Gleich sah er den alten Achim viel freundlicher an, ließ alle anderen Vornehmen stehen und brachte den Taglöhner vor den Großsultan. Achim warf sich vor seinen Füssen nieder und sagte: »Großmächtigster Sultan, hier überbringe ich Eurer Hoheit ein kleines Geschenk von meinem Sohne, der sich in seines Herrn Huld empfehlen möchte.« Der Großsultan ließ sich das Körbchen zeigen. Und als das Tuch abgenommen war, funkelten ihm zwölf herrliche Kleinodien entgegen. Er wußte vor Verwunderung nicht, was er sagen sollte, denn obwohl er den größten Schatz der Welt hatte, so besaß er doch solche Herrlichkeiten nicht. Ja, er hatte so vollkommene Edelsteine noch nie gesehen. Er hieß daher jedermann abtreten und fragte seinen Großwesir, indem er ihm das Körbchen zeigte: »Was hältst du von diesem Geschenk?« Der Großwesir verstummte, als er die Herrlichkeiten sah. Er mußte nur immer den Mann ansehen, der die Gabe überliefert hatte. Endlich sagte er leise zum Sultan: »Herr, ich kann mir nicht erklären, wie dieser Mann zu solchen Schätzen gekommen ist.« Darauf fragte der Sultan den Achim, wer denn sein Sohn wäre. Dieser erwiderte: »Mein Sohn hat seine Schätze aus Afrika geholt. Er besitzt davon so viel, daß Euer Majestät nur befehlen dürfen, was Ihr Begehr ist.« Der Großsultan fragte mit sichtlichem Erstaunen: »Hast du nichts weiter anzubringen?« Achim zuckte die Achseln und sagte mit stammelnder Zunge: »Großmächtigster Monarch! Wenn Eure Hoheit das, was ich vortragen will, nicht ungnädig aufnehmen wollte, so möchte ich wohl in Untertänigkeit eine Bitte meines Sohnes vortragen.« Der Sultan sprach: »Sage, was er von mir verlangt. Es soll dir darum nichts Ungutes widerfahren. Rede deswegen mit aller Freiheit!«

Da hub Achim an: »Großer Monarch, notgedrungen muß ich Eurer Majestät bekennen, daß mein Sohn, Lameth mit Namen, Eurer Hoheit älteste Tochter, die Prinzessin Bellastra, liebt und bei ihrem hohen Vater durch mich untertänigst werben läßt. Mein Sohn versichert, daß er es sich angelegen sein lassen wird, einen Brautschatz herbeizuschaffen, wie sich ihn Eure Hoheit nur wünschen kann.« Die anwesenden Hofleute konnten sich des Lachens bei dieser Brautwerbung nicht enthalten. Der Großwesir, dessen Sohn schon lange die feste Hoffnung hegte, die Hand der Prinzessin zu erhalten, flüsterte seinem Herrn ins Ohr: »Großmächtigster Monarch, das ist doch eine schöne Zumutung, daß Eure Hoheit ihre erstgeborene Tochter dem nächstbesten Landläufer zur Ehe geben soll!« Aber der Sultan warf einen Blick auf das Körbchen und antwortete: »Achim, sage deinem Sohn, daß er sich nach sechs Monaten bei mir wieder anmelden soll.« Mit dieser huldreichen Antwort war Achim sehr zufrieden. Lameth begnügte sich auch damit und beschloß, die vorgeschriebene Zeit ruhig abzuwarten.

Es läßt sich denken, daß der Großwesir auch nicht untätig blieb. Er wußte es so einzurichten, daß der Großsultan, der an den seltsamen Achim und das ihm gegebene Wort nicht mehr dachte, in die Vermählung seiner Toter mit dem Sohn des Wesirs willigte. Und nun wurden große Vorbereitungen zu Bellastras baldigem Verlöbnis gemacht. Das hörte Achim und wurde betrübt, doch Lameth blieb unbekümmert und flößte seinem Vater Mut ein. Indessen rückte der Tag heran, an dem Bellastra mit dem Sohn des Großwesirs nach türkischer Sitte getraut werden sollte. Lameth erfuhr dies auch. Er blieb aber so sorglos, daß sein Vater nichts anderes dachte, als sein Sohn sei von der närrischen Einbildung genesen, die Prinzessin heiraten zu wollen, und habe es sich gänzlich aus dem Sinn geschlagen.

Lameth aber hatte ganz andere Gedanken. Er wartete bis zum Abend. Dann verschloß er sich in seine Kammer, berief mit Hilfe seines Ringes einen Luftgeist und sprach zu dem augenblicklich Erschienenen: »Ich will, daß du in des Großsultans Palast gehst, und wenn der Sohn des Großwesirs in das Gemach seiner Braut treten will, so nimm und entführe ihn nach Damaskus. Dort sollst du ihn in dem Lorbeerwald niedersetzen und so lange zurückhalten, bis ich es anders befehlen werde.« Der Geist richtete aus, was ihm Lameth befohlen hatte. Bellastra erwartete vergebens ihren Bräutigam. Am Morgen fand sie der Sultan allein, und Bellastra schwur bei Mohammed, daß sie den Sohn des Großwesirs seit gestern abend nicht gesehen habe. Der Großsultan war hierüber höchst aufgebracht, schickte um den Großwesir und redete ihn zornig an: »Wie, achtet Euer Sohn, der Sklave, meine Tochter so gering, daß er sie in der ersten Stunde verläßt?« Der Großwesir begriff nichts von diesem Vorwurf. Er versicherte, daß sein Sohn ihn verlassen habe, um zu seiner vermählten Braut zu gehen, und daß er ihn, seit er Abschied genommen, mit keinem Auge wiedergesehen habe. Traurig verließ der Wesir den Sultan und erkundigte sich an allen Orten nach seinem Sohn, aber er konnte keine Spur von ihm entdecken. So ging der Tag nach der Hochzeit mit allgemeinem Mißvergnügen und großer Stille hin, und Bellastras Verlöbnis wurde für nichtig erklärt.

Ein Vierteljahr war vergangen, ohne daß man etwas von dem Sohn des Großwesirs hätte erfahren können. Da erkühnte sich der Sohn des Großadmirals, um Bellastra zu werben und erhielt das Jawort des Sultans, und neue Anstalten zur Hochzeit wurden getroffen. Lameth erhielt von allem sichere Nachrichten und war wieder ganz unbekümmert. Er ließ die Trauung vorübergehen. Abends berief er abermals einen Luftgeist. Als dieser erschien, befahl er ihm, wenn der Bräutigam sich zu seiner Braut begeben wollte, so solle er ihn ergreifen und ihn gegen Ägypten nach Kairo entführen, dort in einem Orangenwald niedersetzen und gleich dem Sohn des Großwesirs dort lassen, bis er ihm anderen Befehl geben würde. Der Geist war gehorsam, faßte den Bräutigam und trug ihn davon. Bellastra aber wartete wieder vergebens und härmte sich ab. Am anderen Morgen fand sie der Großsultan ganz in Tränen schwimmend auf ihrem Ruhebett liegen. Auf seine Frage, wie es ihr gehe, antwortete sie mit Seufzen: »Ich Unglückselige muß wohl von jedermann verspottet werden, da mich schon der zweite Bräutigam wie der erste verhöhnt hat und mich allein ließ.« Der Großsultan schüttelte den Kopf und sprach: »Liebe Tochter, darunter muß etwas verborgen liegen. Eben jetzt ist der Großadmiral bei mir gewesen und hat mir berichtet, daß er aus Vorsicht einige bewährte Diener seinem Sohne zu Aufsehern gestellt und von weitem hinter ihm hergeschickt habe. Sie hätten ihm hinterbracht, daß der Bräutigam glücklich bis vor Eure Kammertür gekommen sei, dort aber sei er vor ihrer aller Augen verschwunden. Noch wisse der Großadmiral nichts von seinem Sohn, obwohl er ihn bis auf diese Stunde vergebens habe suchen lassen.« Diese Worte gaben der Prinzessin wenig Trost. Es wagte auch fortan niemand mehr, sich um sie zu bewerben.

Nachdem die sechs Monate verstrichen waren, sagte Lameth zu seinem Vater: »Jetzt ist es Zeit, daß Ihr den Großsultan an sein Wort erinnert, um zu vernehmen, wofür er sich meinetwegen entschlossen hat.« Nun legte Lameth ihm zwölf andere Steine in ein Körbchen, die schönsten und größten, die er hatte. Zugleich fügte er die Perlenschnur, an der das Schloß gehangen hatte, hinzu. Diese sandte er der schönen Bellastra zum Geschenk. Er sprach: »Lieber Vater, nun gehet und erfreut mich bald mit einer guten Antwort.« Der Alte ging getrost fort. Als ihn der Sultan im Audienzsaal erblickte, gedachte er sogleich seines früher getanen Versprechens und befahl allen außer Achim abzutreten. Er ließ ihn vor sich kommen und fragte ihn, was sein Anliegen wäre. Achim warf sich vor dem Großsultan nieder und sagte: »Großer Monarch, mein Sohn Lameth empfiehlt sich seiner Hoheit besonderer Gnade. Da die sechs Monate vorbei sind, nach denen unser Herr versprochen hat, eine gütige Antwort auf sein untertäniges Ansuchen zu erteilen, so sendet er mich deswegen hierher und schickt Eurer Hoheit dies geringe Geschenk. Zugleich wagt er es, der Prinzessin Bellastra diese Perlenschnur zu Füssen zu legen.«

Der Sultan ließ sich das Körbchen reichen, und als er die köstlichen Steine sah, fuhr er auf und rief: »Welcher König kann mir solche Dinge senden?« Darauf berief er seine Räte und beratschlagte mit ihnen, was in der Sache zu tun sei. Er stellte ihnen vor, obgleich er den Menschen nicht kenne, von dem die herrlichen Geschenke herrührten, so ersehe er doch aus ihnen, daß er der Reichste in seinem Lande sein müsse. Der Großwesir aber, der noch immer unzufrieden war, daß sein Sohn die Prinzessin Bellastra nicht erhalten hatte, sagte: »Großmächtigster Monarch, es steht in Eurer Macht, in dieser Sache nach Belieben zu verfahren. Weil aber der Menschen Tun so sehr voller Betrug ist, meine ich, Eure Hoheit täte nicht übel, wenn sie denjenigen, dem sie ihre Tochter zu geben entschlossen ist, vorher recht auf die Probe stellte. Er hat sich ja erboten, alles mögliche herbeizuschaffen, was zu einem Brautschatz gehörte. Prüfet ihn, so werdet Ihr bald erfahren, was hinter seinen Worten steckt!« Dem Sultan gefiel dieser Vorschlag. Er kehrte in den Audienzsaal zurück, wandte sich zu Achim und sagte zu ihm: »Gehe hin und berichte deinem Sohn, daß ich mir seine Geschenke in Gnaden gefallen lasse. Wisse, wenn er mir zum Brautschatz für meine Tochter sechs Kamele mit Gold und sechs mit Silber beladen, dann sechs weiße Sklaven, jeden mit einem Sack der schönsten persischen Stoffe, und sechs schwarze Sklaven, jeden mit einem Korb voll solcher Juwelen übersenden wird, so soll er mein Eidam werden.«

Als Achim dies hörte, machte er eine traurige Verbeugung und ging mit schwermütigen Gedanken nach Hause. Der Großsultan aber ging zu Bellastra. Indem er ihr die herrliche Perlenschnur übergab, sprach er: »Ein unbekannter Mensch läßt um dich werben. Er hat mir die kostbarsten Geschenke gemacht, wie ich solche noch nie gesehen habe. Heute sendet er dir diese Perlenschnur. Was denkst du darüber?« Bellastra nahm die Perlen und betrachtete sie. Die Schnur war so groß, daß sie ihr sechsmal um den Hals ging und dazu noch sechsmal um beide Hände. Jede Perle war schön, groß, rund und ohne Tadel. Da sagte die Prinzessin zu ihrem Vater: »Ich möchte den Menschen wohl kennenlernen, der solche Kleinodien hat. Ich glaube, es gibt nicht eine gleiche Perlenschnur auf der Welt.« Der Sultan bejahte dies und sagte zugleich: »Es reut mich, daß ich ihm eine Antwort erteilt habe, die ihn im Grunde abweist, denn ich habe ihm Dinge zum Brautschatz zugemutet, die er unmöglich herbeischaffen kann.« Als die Prinzessin hörte, was er gefordert hatte, wurde sie ganz traurig und sagte: »Nun werde ich wohl mein Leben lang unvermählt bleiben müssen.«

Lameth wartete inzwischen mit Sehnsucht auf die Rückkunft seines Vaters. Als er ihn erblickte, fragte er mit großer Wißbegierde: »Vater, habt Ihr alles gut ausgerichtet?« Achim antwortete: »Sohn, laß dir doch diese Gedanken für Bellastra vergehen! Sowenig du die Sterne am Himmel mit deinen Händen erlangen kannst, sowenig wirst du die Prinzessin zur Frau erhalten.« Darauf erzählte er ihm, was der Sultan zum Brautschatz verlange. Lameth hörte ganz geduldig zu, und als sein Vater ausgeredet hatte, fragte er ihn: »Verlangt der Sultan nicht mehr als dies?« Achim erwiderte: »Ich glaube, du bist von Sinnen gekommen, und wenn du alle Pflastersteine von Konstantinopel zu Gold, Silber und Juwelen machen würdest, so hättest du nicht genug, die Bedingungen des Sultans zu erfüllen.« Lameth aber lachte nur darüber und sagte: »Geduldet Euch nur ein klein wenig, morgen werdet Ihr gewiß anders reden.« Und er legte sich, da der Tag zu Ende ging, ruhig schlafen und hieß seinen Vater morgen recht früh aufstehen. Er selbst erhob sich vor Tagesanbruch, nahm sein kostbares Schloß zur Hand, drehte den Schlüssel um und rief dadurch die Erdgeister zu sich, die ganz willig erschienen. Sie sagten: »Würdiger Besitzer des vortrefflichen Schlosses, was ist dein Verlangen?« Lameth antwortete schnell: »Daß ihr alsbald sechs Kamele mit Silber, sechs mit Gold beladen, dann sechs schwarze Sklaven, jeden mit einem silbernen Becken voll Kleinodien, und sechs weiße Sklaven, jeden mit einem Sack voll persischer Stoffe, Decken, europäischer Spitzen, alles aus der Höhle Xa Xa, herbeischafft!« Die Erdgeister antworteten freudig: »Sofort!« Und noch vor dem völligen Anbruch des Tages waren sie wieder da und brachten alles mit, wie es Lameth verlangt hatte.

Achim, der noch schlief, wurde durch das Getümmel der Sklaven und Kamele aufgeweckt, öffnete das Fenster und erstaunte nicht wenig, als er alles, was der Sultan verlangt hatte, vor sich sah. Atemlos lief er zu seinem Sohn die Stiege hinauf und verkündigte ihm dies mit Freuden. Lameth lachte und sprach: »Nun sag, ob es mich viel Mühe gekostet hat, die Wünsche des Großsultans zu erfüllen? Macht Euch darum nur auf, übergebt dem Sultan das Verlangte und sagt ihm, daß ich alles das viel geringer schätze als das Glück, die schöne Bellastra zu besitzen.« Achim meinte immer noch, es träume ihm. Als er aber auf die Strasse hinabging und sah, daß alles noch vorhanden war, machte er sich eilig auf die Beine und ließ den Zug nachfolgen. Das Volk staunte über diesen Anblick und jagte den beladenen Tieren und Sklaven nach. Als sie daher nahe an dem Palast des Sultans waren und die Wache das Laufen der vielen Leute gewahr wurde, glaubte sie, es sei ein Aufruhr, schloß das Tor zu und sorgte, daß dem Großsultan von dem Auflauf Meldung gemacht wurde. Dieser blickte mit Besorgnis zu einem der Fenster des Palastes hinaus. Da sah er, wie der versprochene Brautschatz, den er für seine Tochter verlangt hatte, daherzog. Sogleich ließ er den Achim vor sich kommen, der stellte ihm im Namen seines Sohnes alles vor und empfahl sich in seine hohe Huld und Gnade.

Der Sultan ließ seine Tochter Bellastra rufen, und nun traten die Sklaven hervor und legten alles zu seinen Füssen nieder. Die mit Gold und Silber gefüllten Kisten waren zu schwer, um alsbald vor dem König abgeladen zu werden. Sie wurden daher von den Kamelen fortgetragen und zur Schatzkammer verwiesen. Der Sultan besah die edlen Steine und kostbaren Stoffe, die ihm zum größten Teil unbekannt und die alle von unendlichem Wert waren. Er sprach endlich zu seiner Tochter: »Nun, was denkst du von deinem Bräutigam, meinst du, daß er diesmal deiner würdig sei?« Bellastra antwortete: »Nach dem zu urteilen, was ich vor mir sehe, muß er der reichste und glücklichste Mann der Welt sein.« Nun versammelte der Großsultan auch seine Räte und zeigte ihnen den Brautschatz. Sie verstummten alle, und keiner, selbst der Großwesir nicht, getraute sich ein Wort zu reden. Da brach der Sultan das Stillschweigen, ging zu Achim hin und sprach: »Macht Euch auf und richtet Eurem Sohn, dem künftigen Bräutigam meiner Tochter, meinen Gruß aus. Er soll nicht säumen und je eher, je lieber kommen und mich mit seiner Gegenwart erfreuen.«

Achim geriet vor Freude ganz außer sich und verbeugte sich zum Abschied. Der alte Mann lief wie ein junges Reh nach Hause und verkündete seinem Sohn die Botschaft. Dieser konnte sich auch vor Freude kaum fassen. Er rief: »Vater, jetzt müssen wir uns vor allen Dingen standesgemäß ausrüsten, um dem Großsultan aufzuwarten.« So ging er in seine Kammer, rief mit Hilfe seines Schlosses die Erdgeister und sprach: »Schafft mir vor allem ein schönes englisches Reitpferd, dann so schmucke Kleider, wie sie dem Schwiegersohn eines Sultans geziemen. Hernach besorgt mir eine vornehme Begleitung, daß ich unter Pauken- und Trompetenschall meinen Einzug halten kann.«

Die Erdgeister taten alles mit Eifer. Vor allem aber führten sie den zukünftigen Herrn des Schlosses unaufgefordert in das Bad der Weisheit. Hier untergetaucht, wurde er alsbald so verändert, daß er an Gestalt, Sitte, Tugend und Weisheit nicht mehr der Sohn des Taglöhners war und auf einmal alle Eigenschaften an sich hatte, die ein großer Herr von Rechtes wegen haben soll. Dann führten sie ihn wieder nach Hause. Da schon alles vorbereitet war, womit Lameth und Achim sich schmücken konnten, und von den hilfsbereiten Geistern bedient, waren sie in ganz kurzer Zeit fertig. Lameth hatte einen herrlichen Kaftan mit Hermelinfutter und Diamantknöpfen an, wie ihn der Sultan selbst noch nicht getragen hatte. Er setzte sich mit viel Anstand auf das treffliche englische Pferd, das ihn erwartete, eine Menge Sklaven zu Ross und zu Fuß umgaben ihn. Mit solchem Gefolge ritt er an den Hof des Sultans. Achim mußte mit einem Vorreiter den Zug eröffnen. In dessen Mitte befand sich Lameth auf seinem tänzelnden englischen Pferd, das sich in den schönsten Sprüngen gefiel. So kam er wie der vornehmste Ritter daher, so daß aller Augen sich auf ihn richteten und alle gestehen mußten, daß sie dergleichen noch nie gesehen hatten. Hinter ihm beschloß den Zug eine Menge von Dienern, die Stirnbänder von Gold- und Silberblech hatten, darein der Name Lameths gegraben war und auf denen sich die Sonne spiegelte, daß jeder, der sie ansah, seine Blicke wegwenden mußte.

Der Sultan hörte von ferne den Schall der Pauken und Trompeten. Endlich sah er auch den Zug herannahen. Er konnte jedoch den alten Taglöhner Achim in seiner verwandelten Kleidung nicht erkennen, bis er vom Pferde stieg, vor dem Großsultan sich niederwarf und die Ankunft seines Sohnes verkündete. Der Sultan hob ihn auf und hieß ihn freundlich willkommen. Lameth näherte sich indessen dem Schloß und wollte vor dem Tor absteigen, aber zwei Hofbediente, die sich ihm ehrfurchtsvoll nahten, duldeten dies nicht, sondern führten ihn zu Pferd in den Schloßhof und halfen ihm hier vom Rosse. Als er die Treppe hinaufgestiegen war, empfing ihn der Großsultan mit einer Umarmung und führte ihn in ein Zimmer, in dem er die vor Schönheit strahlende Prinzessin Bellastra fand. Lameth warf sich ihr zu Füssen und sprach: »Auf Eures großmächtigsten Vaters Erlaubnis untersteht sich ein Sklave, sich vor Eure Füße zu werfen, anbetungswürdige Schönheit, Euch die demütigen Dienste seiner Liebe anzubieten und um Eure Gegenliebe zu flehen.« Bellastra reichte ihm verschämt ihre Hand und sprach: »Was mein Vater zugesagt hat, bin ich schuldig zu erfüllen. Doch versichere ich, daß es ohne Zwang geschieht und wünsche Euch, daß Ihr glücklicher sein möget als meine früheren Bewerber.« Lameth verstand die letzten Worte nur allzu wohl und war daher ein wenig bestürzt. Doch behielt er die Fassung, sich in Bellastras Huld und Gnade zu empfehlen.

Nun wurde zur Tafel geblasen. Der Sultan und der Taglöhner saßen auf der einen, Lameth und Bellastra auf der anderen Seite. Die Großen des Hofes bedienten sie. Lameth hatte unter seiner Begleitung allerlei Musikanten, die bald afrikanische, bald indische, bald europäische Weisen aufspielen mußten, worüber sich der Sultan und Bellastra so ergötzten, daß sie Essen und Trinken vergaßen. Lameth selbst betrug sich gegen seine Braut und den Sultan aufs feinste und wußte auf dessen Fragen so klug zu antworten, daß er ihm recht gewogen wurde. Bellastra aber seufzte öfters in ihrem Herzen: »Möge es doch meinem Bräutigam nicht so ergehen wie meinen beiden vorigen.« Während der Tafel besprach sich der Sultan auch mit Lameth über den Tag der Vermählung. Da erbat sich Lameth zuvor die Erlaubnis, einen anständigen Wohnsitz für sich und seine Gemahlin erbauen zu dürfen. Als darauf der Sultan seinem Eidam eine Wohnung in seinem eigenen Palast anbot, bis diesem gegenüber ein gleicher gebaut sein würde, dankte Lameth für das gütige Anerbieten und erklärte, er werde mit seinem Bau nicht viel Zeit verlieren, denn alle Materialien seien schon beisammen. Er bitte deshalb, so lange mit der Vermählung zu warten

Der Sultan stellte alles seinem Willen anheim, und als es Abend geworden war, verabschiedete sich Lameth mit seiner ganzen Begleitung. Der Zug setzte sich, mit Windlichtern versehen, in Bewegung und verteilte sich bald in der Nachbarschaft, wo allen vom Sultan Quartiere angewiesen waren. Ehe Lameth zu Bett ging, rief er kraft seines Schlosses und Ringes eine Anzahl von Erd- und Luftgeistern zu sich und sagte ihnen: »Ich befehle euch hiermit, daß ihr ohne alles Geräusch, ganz in der Stille, heute nacht dem Palast des Sultans gegenüber mir einen neuen Palast erbaut, der an Herrlichkeit seinesgleichen nicht haben soll. Er muß mit vier Toren und mit einem geräumigen Hof versehen sein. Alle Zimmer und Säle sollen regelmäßig und wohl ausgestattet, die Ställe mit schönen und guten Pferden, Küche und Keller mit allem erforderlichen Gerät, mit Speisen und Weinen, die Schatzkammer mit hinreichendem Geld versehen sein. Was zu einem königlichen Hofstaat gehört, muß darin im Überfluß vorhanden sein. Wenn ihr dieses tut, werde ich ein besonderes Wohlgefallen daran haben.«

Die Geister gingen hin und taten, wie ihnen Lameth befohlen hatte. Ein herrlicher Palast aus weiß, blau, rot und grün gestreiften Marmorsteinen stieg empor. Was sonst von Eisen ist, war daran aus Gold und Silber, künstlerisch gearbeitet. Die Zimmer waren inwendig mit köstlichem Gerät versehen, wie sonst nirgends zu erblicken ist. Und dieser ganz große Palast wurde in solcher Stille erbaut, daß die Schildwache, die vor des Sultans Palasttoren stand und ganz nahe dabei war, nicht das geringste davon hörte, und weil eben eine finstere Nacht war, auch nichts davon sehen konnte.

Der Sultan war schon ein alter Herr, der wenig schlafen konnte und deswegen die Gewohnheit hatte, am Morgen nach dem Erwachen sogleich ans Fenster zu gehen, um die kühle Morgenluft und die schöne Aussicht zu genießen, denn er konnte von seinem Schloß aus ganz Konstantinopel übersehen. So erhob er sich auch an diesem Morgen, als es noch halb dunkel war, und sah zum Fenster hinaus. Da erblickte er in der Dämmerung etwas, das ihm gegenüber stand und die gewohnte Fernsicht benahm. Er wischte sich die Augen und meinte, der Nebel schwimme ihm noch davor. Als er aber wieder scharf nach jener Stelle sah, dünkte ihm, als ob ein großes Haus oder ein Schloß sich vor seinen Augen erhebe. Da nun am vorigen Abend dort noch nichts gewesen war, fragte er die unten stehende Schildwache laut, was da gegenüber auf dem großen Platz stehe. Sie antwortete, es scheine ein großer und herrlicher Palast zu sein. Voll Verwunderung schickte er einen seiner Trabanten an Ort und Stelle, und dieser kam bald zurück und erzählte, daß wirklich ein so prächtiges Schloß dastehe, wie Menschenaugen es noch nie gesehen hätten. Aber niemand hatte ihm sagen können, wie es hergekommen wäre, denn die Nacht über sei alles still gewesen. Doch konnte der Trabant nicht genügend rühmen, wie alles von Marmor, Jaspis, Porphyr und anderen schön polierten Steinen glänze, alle Rahmen und Fenstereinfassungen von Silber, alle Fenstergläser von Kristall seien.

Der Sultan staunte darüber, zumal da ihm die Pracht des Palastes in die Augen stach, als es allmählich heller wurde. Er ließ deswegen seine Tochter Bellastra rufen und sagte zu ihr: »Du wirst gewiß nicht lange mehr auf deine Vermählung warten dürfen, denn siehe, hier steht das Haus schon, das für dich und deinen Gemahl in dieser einen Nacht erbaut worden ist.« Indessen warf die aufgegangene Sonne ihre ersten Strahlen auf den Palast, und man konnte ihn vor Glanz kaum ansehen. Bellastra staunte nicht wenig über diesen Anblick, doch war sie auch von Herzen froh darüber, daß sie so bald mit ihrem Bräutigam vereint werden sollte. Indessen kam auch Lameth mit seiner prächtigen Begleitung dahergezogen. Er quartierte sich in seinem neu erbauten Palast ein und fand darin alles so wohl geordnet, als er es nur irgend wünschen konnte. Deswegen war er auch mit allem zufrieden und lobte seine dienstbaren Geister. Dann schickte er seinen Haushofmeister zum Sultan, ließ ihm seinen untertänigen Morgengruß überbringen und ihm sagen, sein neues Schloß sei fertig und alles stehe darin bereit. Seine Hoheit möge deshalb einverstanden sein, daß jetzt die Feier der Trauung in dem neuen Gebäude veranstaltet werde. Um weiteres sollte sich der Sultan nicht kümmern und sich die geringe Aufwartung, mit der er ihn bedienen werde, gefallen lassen.

Der Sultan gab seinen freundlichen Gegengruß zurück und befahl, alles zur Vollziehung der Trauung bereitzumachen. Als Lameth erfuhr, daß Bellastra gerüstet sei, holte er sie ab mit einem weit prächtigeren Zug, als der frühere war, und führte sie mit dem Großsultan und dem ganzen Hofstaat in den neuen Palast, dessen Herrlichkeit sie nicht genug bewundern konnten. Hier wurde die Trauung vollzogen und ein kostbares Mahl abgehalten, bei dem des Sultans Tafel in lauterem Golde, der Hofstaat aber in Silber bedient wurde. Hierüber erstaunte der Sultan sehr und gestand sich, daß er solches nachzutun nicht imstande sei. Die anmutigsten Musikchöre ließen sich abwechselnd vernehmen, und ein eigener Sängerchor sang zu Saitenspielen von Bellastras Tugenden und Schönheit. So verstrich der Tag unter lauter Lustbarkeiten. Lameth war glückselig an der Seite seiner engelschönen Braut, und sie wäre es auch gewesen, wenn sie nicht die geheime Sorge gequält hätte, daß der Bräutigam ihr am Abend geraubt werden könne. Aber nichts dergleichen geschah. Ihr Gemahl kam nicht von ihrer Seite, und das junge Ehepaar begann ein glückliches und ungetrübtes Leben. Bellastra liebte Lameth wie sich selbst, und er liebte und ehrte sie als die hohe Fürstentochter und tat alles, was er ihr an den Augen absehen konnte. Der Sultan war Lameths bester Freund. Große und Kleine am Hofe gewann er für sich durch seine Güte. Armen und Notleidenden half er. Niemand tat bei ihm je eine Fehlbitte, daher wurde auch Lameths Palast nur schlechtweg die Burg der Hilfe genannt.

Aber bei alledem war Lameth in seinem Glück nicht so sicher, daß ein Unglück ihm nicht noch einen harten Streich versetzt hätte. Es lebte nämlich der böse Zauberer Mattetai noch immer in Europa nach seinem Wohlgefallen, und er übte täglich viele Bosheiten aus. Zuletzt brachte er es noch weiter in seiner Kunst. Wie ihm früher Luft- und Erdgeister untertan waren und die Wassergeister ihm noch dienten, konnte er jetzt auch die Feuergeister in seinen Dienst zwingen. Einmal kam ihm wieder sein verlorener herrlicher Ring in den Sinn. Er wollte auch wissen, wie es mit dem Schloß in der Höhle Xa Xa stehe und ob er es nicht noch bekommen könnte. Da rief er die Feuergeister zu sich, die zornig erschienen und sich ungebärdig darüber stellten, daß man sie belästigte. Sie schüttelten sich, daß die Funken stoben und schrien den Zauberer mit gräßlicher Stimme an: »Was willst du von uns?« Mattetai sprach: »Sagt mir, ob es nicht möglich ist, daß ich meinen verlorenen köstlichen Ring wiedererhalte und das treffliche Schloß in der Höhle Xa Xa in meine Gewalt bekomme.« Die Geister antworteten: »Das können wir nicht beschaffen, wir sind nicht mächtig genug dazu. Beide besitzt Lameth und mißbraucht sie nicht. Und weil er Erd- und Luftgeister in seinen Diensten hat, so können wir ihm öffentlich nichts nehmen.«

Als Mattetai dies hörte, staunte er nicht wenig. Er hatte schon lange nicht mehr an Lameth gedacht und gemeint, dieser wäre längst zu Staub und Asche vermodert. Deswegen rief er: »Was muß ich hören? Wie, Lameth lebt noch? Und er besitzt die zwei größten Schätze der Welt? Ich Unglückseliger, ich habe mit all meiner Kunst, Mühe und Arbeit nicht soviel zuwege bringen können! Der Lotterbube hat mich hintergangen und mich um beide Schätze gebracht.« So gebärdete er sich wie ein Rasender, daß selbst die Feuergeister Mitleid mit ihm hatten und zu ihm sagten: »Mattetai, dem Lameth hat sich das Glück zugewendet, das du mit all deiner Kunst nicht hast erlangen können. Doch verzweifle deshalb nicht. Vielleicht kannst du mit List gewinnen, was du so sehnlich wünschest. Lameth lebt vergnügt in aller Sicherheit. Er denkt nur wenig an sein Schloß und läßt es in einem Winkel in guter Ruhe liegen. Versuche daher, ihm dies zu entwenden. Was wir dir dabei helfen können, wollen wir gerne tun.« Mattetai war froh. Er verabschiedete die Feuergeister und dachte darüber nach, wie er den herrlichen Schatz erlangen könnte. Er berief die Wassergeister, die ihm auch noch dienstbar waren, und ließ sich von ihnen durch das Meer schnell nach Konstantinopel tragen. Hier suchte er sich eine bequeme Wohnung aus und erkundigte sich nach Lameths Ergehen. Jedermann sagte Gutes von ihm, lobte seine Güte und andere Tugenden. Man erzählte ihm, daß er von seiner Gemahlin Bellastra geliebt, von dem Großsultan, seinem Schwiegervater, und allen Großen des Hofes hoch geachtet, von aller Welt in Konstantinopel geehrt werde. Mattetai biß die Zähne über diese Nachricht zusammen, doch überwand er seinen Kummer und ließ sich nach dem Platz führen, wo Lameths schöner Palast stand.

Zu ihrem Unglück sah Bellastra gerade zum Fenster hinaus, und der alte Zauberer wurde von ihrer Schönheit so entzückt, daß er jetzt nicht mehr bloß daran dachte, wie er den armen Lameth seines Ringes und Schlosses berauben, sondern wie er ihm seine engelgleiche Gemahlin entführen könne. Freilich, eben dazu hatte er das Schloß nötig. Mit diesen Gedanken eilte er in sein Quartier zurück, genoß das Abendessen und schloß sich frühzeitig, als wäre er von der weiten Reise schläfrig, in seine Kammer ein. Hier berief er die Feuergeister und bat sie dringend, ihm behilflich zu sein, das Schloß zu erlangen. Da sie sich willig zeigten, sandte er sie auf Kundschaft in das Schloß, und bald brachten sie die Botschaft, daß Lameth nicht zu Hause, sondern auf einer Jagd abwesend sei und vor mehreren Tagen nicht heimkommen werde. Auch berichteten sie ihm, daß das treffliche Schloß in einer Schlafkammer auf einem Samtkissen liege. Mattetai schalt seine Geister, daß sie ihm das Kleinod nicht sogleich mitgebracht hätten. Die Geister antworteten, das stehe nicht in ihrer Macht, denn sie dürften sich dem Schloß nicht nähern. Da legte er den Kopf in beide Hände und sann lange nach. Endlich sprach er zu den Geistern: »Höret, morgen früh verschafft mir eine schmucke Begleitung von Dienern und für mich selbst ein herrliches persisches Kleid mit einem guten Reitpferd, dann will ich mein Glück versuchen.«

Die Geister versprachen, alles herbeizuschaffen. Und am anderen Morgen erschienen zehn persische Trabanten, die ein prächtiges Kleid und ein treffliches Ross für Mattetai brachten. Mattetai rüstete sich nun aus und ritt auf den Palast zu, nachdem er seinen dienstbaren Geistern das Nötige aufgetragen hatte. Davor angekommen, sandte Mattetai einen Diener voraus und ließ sich als persischer Gesandter anmelden, der mit Lameth, als seinem alten Bekannten, sich zu unterhalten begehre. Bellastra ließ dem Fremden sagen, es tue ihr leid, daß ihr Gemahl abwesend sei und das Glück nicht haben sollte, seinen Besuch zu empfangen. Wenn sich aber der Gesandte ein paar Tage gedulden wollte, so werde sie ihrem Gemahl Boten senden, damit er einem alten Freunde seine Ergebenheit bezeigen könnte. Der abgesandte Diener, ein gut unterrichteter Feuergeist, erwiderte: »So unlieb diese Botschaft meinem Herrn zu vernehmen sein wird, so hat er, auf der Durchreise begriffen, doch zu sehr Eile, um länger als bis zum Abend verweilen zu können. Jedoch bittet er sich die Ehre aus, den herrlichen Palast seines Freundes, dessen Ruf bis nach Persien gedrungen ist, betrachten zu dürfen. Es hat ihm nämlich der König, sein Herr, aufgetragen, ihn zu besichtigen und eine genaue Beschreibung und Zeichnung davon mitzubringen.«

Bellastra glaubte nichts Unrechtes zu tun, wenn sie dem Fremden diese Bitte erfüllte. Sie sandte ihm also ihren Haushofmeister entgegen und ließ ihn abholen und im ganzen Palast umherführen. Als Mattetai in das Zimmer kam, in dem Bellastra war, bezeigte er ihr alle mögliche Ehrerbietung, küßte den Saum ihres Kleides und entschuldigte sich, daß er so viel Unruhe verursache. Bellastra begegnete ihm wiederum freundlich, und da sich Mattetai als ein rechter Hofmann zu benehmen wußte, so ließ sie ihn alle Zimmer nach seinem Wunsche sehen. Als sie aber vor Lameths Schlafgemach kamen, scheuten sich die Diener des Palastes, ihm auch dieses zu öffnen und entschuldigten sich damit, daß es nicht ganz in Ordnung sei. Aber Mattetai bestand darauf, auch dieses Gemach zu sehen, weil er einen Abriß des ganzen Palastes mit allen seinen Teilen für seinen Herrn anzufertigen habe. Zum Schein hatte er auch immer die Schreibtafel in der Hand und zeichnete bei jedem Zimmer seine Anmerkungen darauf. Er würde, sprach er, wenig Ehre einlegen, wenn er das Werk unvollendet ablieferte. So wurde ihm endlich auch dieses Zimmer aufgeschlossen, auf das er freilich wenig Aufmerksamkeit richtete, denn seine Augen schweiften nur umher, um das Schloß zu entdecken. Sobald er es sah, gab er mit einem starken Husten seinen Geistern das verabredete Zeichen, und in dem Augenblick entstand im Hof unten ein Geschrei. »Feuer, Feuer!« Und wirklich sah man überall die Flammen in die Höhe flackern, denn obgleich der Palast aus lauter Steinen erbaut war, so schienen sie doch über und über zu brennen, als wenn es Holz oder ein anderer feuerfangender Stoff wäre. Jedermann lief hinab, das Feuer zu löschen. In dieser allgemeinen Verwirrung ergriff Mattetai das treffliche Schloß aus der Höhle Xa Xa und steckte es geschwind in die Tasche. Dann lief er mit seinen dienstbaren Geistern dem Feuer zu und half löschen, so daß man nach dem Brand dem persischen Gesandten und seinen Leuten den höflichsten Dank für ihre wirksame Hilfe aussprach. Nun wartete der Zauberer nicht mehr lange. Er nahm ehrerbietigen Abschied und ging vergnügt seines Weges, denn er hatte den ersehnten Schatz in der Tasche. Er ritt in seine Behausung, bezahlte, was er verzehrt hatte, eilte mit seinem Zug wieder zum Tor hinaus und verabschiedete, sobald er in einem Walde war, seine verkappte Geisterschar. Dann nahm er Einkehr im nächsten Dorf und erwartete mit Schmerzen die Nacht. Sowie es Mitternacht war, verschloß er sich in sein Zimmer, zog sein liebes Schloß heraus und küßte es vor Freuden. Darauf drehte er den Schlüssel um und rief die daran gebundenen Erdgeister.

Es erschienen vier von ihnen. Sie stellten sich aber sehr unwillig, brummten wie die Bären und sprachen: »Unwürdiger Besitzer des vortrefflichen Schlosses, was willst du von uns?« Mattetai antwortete: »Geschwind, nehmt Lameths herrlichen Palast mit Bellastra und allem, was darinnen ist, und tragt ihn mit mir unversehrt nach Amerika, dort setzt ihn in einer schönen Gegend nieder!« Als die Geister dies hörten, schäumten sie vor Zorn, stampften mit den Füssen auf die Erde, daß alles erzitterte und antworteten: »Unwürdiger Besitzer des trefflichen Schlosses, wisse, daß wir dir zwar jetzt gehorchen müssen, aber glaube sicherlich, deine Bosheit wird zu rechter Zeit bestraft werden.« Trotz dieser unwilligen Rede faßte ein Erdgeist den Zauberer am Schopf und führte ihn nach seinem Willen nach Amerika. Die anderen Geister entrückten Lameths schönen Palast nebst Bellastra und Gesinde ebenfalls dahin und setzten ihn in einer schönen Ebene neben einem grünenden Palmenwald nieder. Mattetai entließ nun seine Geister, dagegen rief er die Feuergeister und befahl ihnen, alle diejenigen, die mit Bellastra hergekommen waren, zu nehmen und in eine wohnungslose Einöde zu tragen, was auch im Augenblick geschah. Nur Bellastra und ihre Kammerfrau blieben nach des Zauberers Willen zurück.

Der Morgen brach an. Als Bellastra erwachte und in ihrem Palast alles so still fand, als wenn er ausgestorben wäre, wußte sie nicht, was dies bedeuten sollte. Als sie aufstand und einen Blick ins Freie warf, zweifelte sie lange, ob sie schlafe oder wache. Sie sah wohl, daß sie in ihrem Palast war, aber anstatt wie sonst die rauschende Stadt Konstantinopel zu übersehen, blickte sie in eine fremde, ihr ganz unbekannte Gegend, in eine stille, grüne Einöde hinaus. Sie rief angstvoll ihre Kammerfrau, aber diese antwortete ihr ebenso erschrocken, im ganzen Schloß sei kein Mensch anzutreffen, und alle Türen seien versperrt. Bellastra betrübte sich nicht wenig. Noch während sie miteinander redeten, trat der Zauberer Mattetai ins Zimmer, machte eine tiefe Verbeugung und wollte eine Entschuldigung gegen die Fürstin vorbringen. Allein sie war über sein Erscheinen so erschrocken, daß sie mit ihrer Kammerfrau in ein anderes Zimmer eilte und den Riegel hinter sich zuzog, um die widerwärtige Erscheinung nicht mehr zu sehen.

In jener Nacht, als der Palast seiner Tochter entführt wurde, konnte der Sultan wieder einmal nicht schlafen. Er warf sich hin und her, und es wurde ihm überdrüssig, länger zu liegen. Weil der Mond so klar schien, stand er auf und sah zum Fenster hinaus in der Richtung von Lameths Palast. Wie riß er nun die Augen auf, als er keinen Palast mehr auf jener Stelle, sondern den Platz leer sah! Anfangs meinte er, ihm träume nur so. Als er aber das Fenster öffnete und genauer hinsah und den Palast immer noch nicht erblicken konnte, rief er den Leibdiener, der im nächsten Zimmer die Wache hatte, und befahl ihm, zum Fenster hinauszuschauen und zu sagen, was er sehe. Als dieser einen Blick hinausgetan hatte, rief er: »Hilf Himmel, ich sehe kein Schloß mehr! Ich weiß nicht, ist es unter die Erde versunken, oder wo ist's hingekommen?« Nun ließ der Sultan Lärm schlagen. Der Großwesir und die übrigen Minister wurden gerufen, und er fragte sie, wie sich das Verschwinden des Palastes mit seiner Tochter erklären lasse. Der Wesir, der, obgleich er sich äußerlich immer ganz anders gezeigt hatte, in seinem Herzen dem Lameth aber gram war und ihn verdächtigte, daß er seinen Sohn hatte entführen lassen, sagte: »Gewiß, dieser Lameth muß ein Erzzauberer sein, der sich verstellen konnte, wie er wollte, um die weisesten und schönsten Personen in der Welt zu betrügen und sie aus dem Weg zu räumen, wenn er ihrer satt ist.«

Der Sultan entbrannte in Zorn. Er gab seinem Gardehauptmann Befehl, den Fürsten Lameth dort aufzusuchen, wo er zu jagen pflegte, ihn gefangenzunehmen und unter sicherer Begleitung an den Hof zu bringen. Der Hauptmann tat dieses ungern, denn Lameth war ihm sehr lieb, doch mußte er den Befehl vollziehen. Er ritt daher mit seinen Leuten aus, um ihn aufzusuchen. Er brauchte nicht lange zu forschen, da traf er ihn. Lameth war von einer ihm selbst unerklärlichen Schwermut befallen worden, hatte viel eher als er wollte, die Jagd beendet und eilte gerade nach Konstantinopel zurück. Als er den Hauptmann der Garde sah, fragte er ihn, was es gutes Neues in Konstantinopel gäbe. Dieser aber zuckte die Achseln und antwortete: »Wenig, o Herr! Ich habe den Befehl, Euch gefangenzunehmen, und wollte, der Auftrag hätte einen anderen getroffen.« Lameth war sich keiner Schuld bewußt und fragte nach dem Grund seiner Ungnade. Der Hauptmann aber erwiderte, dies würde er vom Sultan selbst erfahren. Da überreichte Lameth ihm willig seinen Degen. Er sagte dabei: »Freund, ich habe ein gutes Gewissen und fürchte mich vor nichts.« So ritt er mit dem Hauptmann und von dessen Leuten umringt in die Stadt zurück und von der Rückseite her in die Burg des Großsultans hinein.

Dieser blickte Lameth mit zornigen Augen an, ergriff ihn bei der Hand, führte ihn zum Fenster und sprach: »Nun sage mir, wo ist dein zauberischer Palast, wohin hast du meine Tochter Bellastra gebracht?« Lameth sah zum Fenster hinaus, und als er seinen Palast nicht mehr erblickte, erschrak er so sehr, daß er rücklings in Ohnmacht fiel, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Man brachte ihn mit allerlei Mitteln wieder zur Besinnung. Und nun klagte er über den Verlust seiner geliebten Bellastra, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Aber der Großsultan blieb ungerührt und war so erbittert, daß er ihm nur drei Tage Frist gönnte, in der er seine Tochter wieder herbeischaffen oder sterben sollte. Lameth war durch sein Unglück von Sinnen gekommen. Er wünschte sich selbst recht bald die Stunde, in der er das Verdrießliche enden könnte. Indessen kamen die Söhne des Großwesirs und Großadmirals unvermutet wieder zum Vorschein. Sie berichteten, daß sie von unsichtbaren Wesen hinweggeführt und bis auf diese Stunde gleichsam in Haft gehalten worden seien. Übrigens wären sie wohl versorgt worden, der eine in einem Olivenwald, der andere in einem Pomeranzenhain, bis sich beide wieder zugleich hierher gebracht sahen. Weil nämlich die Erdgeister nicht mehr unter Lameths Gewalt waren, hatte auch sein Befehl ein Ende. Die Geister mußten dem dienen, der das Wunderschloß besaß. Die ehrlichen Geister aber glaubten Lameth selbst zu dienen, wenn sie jene beiden nicht in der Einsamkeit zurückließen, sondern wieder an den Ort brachten, von dem sie diese entführt hatten. Jetzt schimpften der Wesir und der Admiral über Lameth und sagten, daß kein anderer es gewesen sei, der ihre Söhne bezaubert habe. Sie ließen daher dem Sultan keine Ruhe. Als nun der dritte Tag erschien und Lameth unter Seufzen und Tränen schweigend vor ihm stand, befahl er, daß man ihn im Hof des Schlosses aufhängen solle.

Aber die Soldaten, die dem Lameth sehr gewogen waren, widersetzten sich diesem grausamen Befehl. Einige rannten aus der Hofburg hinaus und machten es dem Volke kund. Da entstand ein gewaltiger Auflauf. Die Schloßtore wurden eingeschlagen. Die Masse drang mit Wut herein und schrie, wenn Lameth sterben sollte, so wollten sie mitsterben oder aber allen die Hälse brechen, die an seinem Tode schuld wären. Da besannen sich der Sultan und die Großen des Hofes anders. Der Sultan rief in den Hof hinab, das Volk solle sich beruhigen, Lameths Leben werde ihm geschenkt. Er befahl auch auf der Stelle, ihn freizulassen. Und wirklich führten einige Vornehme, von vielem Volk begleitet, den trauernden Lameth zum Tor hinaus. Er ging ohne Freude über seine Rettung wie ein Trunkener taumelnd fort, bis er allein in einen tiefen Wald kam, wo er sich im Gebüsch niedersetzte und sein unglückliches Schicksal überlegte. Da fiel ihm plötzlich ein, daß er den trefflichen Ring noch am Finger trug, durch dessen Kraft er die Luftgeister in seiner Gewalt hatte. Schnell drehte er den Ring herum, und ein Luftgeist erschien. Lameth sprach zu ihm: »Treuer Diener, dir wird bekannt sein, daß mir ein Bösewicht das unvergleichliche Schloß geraubt und dadurch bewirkt hat, daß mein neu gebauter Palast nebst meiner geliebten Bellastra weggeführt worden ist; gewiß weißt du, wo beide sich zur Zeit befinden. Ich bitte dich, sage mir, wo ich sie antreffen und ob ich meine teure Gemahlin wiederbekommen kann.« Der Luftgeist antwortete: »Es ist der Verräter Mattetai, der dich durch List um das Schloß gebracht und sofort Bellastra in ihrem Palast nach Amerika entführt hat. Dort hat sie viel Verfolgung von diesem Bösewicht auszustehen. Dennoch sei guten Mutes, Lameth! Die Erdgeister dienen dem Zauberer nur aus Zwang und werden selbst froh sein, wenn sie von seinem Dienst erlöst werden. Wenn du aber willst, so bringe ich dich nach Amerika und dahin, wo Mattetai deine Gemahlin eingeschlossen hält. Dann mußt du ihn wieder mit List hintergehen, wie er dich hintergangen hat.«

Als Lameth dies hörte, wurde er wieder lebendiger, weil er nun wußte, wo seine Bellastra zu finden war. Er bat den Geist, ihn auf der Stelle nach Amerika zu bringen. Dieser ergriff ihn, führte ihn dahin und setzte ihn in einem Palmenhain nieder, von dem aus er seinen wohlbekannten, herrlichen Palast erblicken konnte. Nun befahl Lameth seinem Luftgeist, ihm Bettelkleider zu bringen und ihn so zu entstellen, daß ihn niemand erkenne. Der Geist gehorchte, und bald war Lameth in einen armen, abgezehrten, hinkenden Bettler verwandelt, so daß sein eigener Vater ihn nicht wiedererkannt hätte. In dieser Jammergestalt wankte er aus dem Walde heraus und dem Palast zu. Sein Herz hätte ihm brechen mögen, als er Bellastra erblickte, wie sie ganz traurig zum Fenster hinaussah, den Kopf in beide Hände gestützt und in tiefe Gedanken versunken. Sie wurde den Bettler nicht eher gewahr, bis er vor ihr stand und sie um ein Almosen anflehte. Bellastra warf ihm eine Silbermünze hinunter und sagte dabei: »Betet für mich, Alter, daß ich aus meinem Elend endlich erlöst werden möge!« Der verstellte Lameth erwiderte: »Ja, schöne Frau, das will ich tun. Ich versichere Euch, es soll nicht lange dauern, so wird Euer Wunsch in Erfüllung gehen.« Bellastra sah den Alten vom Kopf bis zu den Füssen an, seufzte und sprach: »Ach, wenn du recht hättest, ich wollte für dich sorgen, daß du nimmermehr betteln brauchtest.« Der verwandelte Lameth antwortete: »Ja, wenn Ihr mir erlauben wollt, ein paar Minuten mit Euch allein zu sprechen, so könnte ich Euch gewiß dienen, denn ich weiß Euer ganzes Geheimnis.« Bellastra betrachtete den alten Bettler immer aufmerksamer. Da ihr seine Reden so bedeutsam vorkamen, sagte sie zu ihm: »Komm heute abend, wenn es dunkel ist, meine Kammerfrau soll dich zu mir geleiten.«

Lameth machte eine hinkende Verbeugung und sagte: »Ja, ja, es soll dich nicht gereuen, die Tat soll meine Worte erfüllen.« Er hinkte seinen Weg in den Palmenwald zurück und wartete, bis es recht finster wurde. Unterdessen rief er seinen Luftgeist und verabredete mit ihm das Nötige. Dieser entdeckte ihm, daß Mattetai das Schloß aus der Höhle Xa Xa allezeit an einer starken goldenen Kette um den Hals hängen habe. Solange er dieses besitze, sei er nicht mit Schwert, Gift, Feuer und Strick ums Leben zu bringen. Ja, wenn man ihn zwischen zwei Mühlsteine werfen würde, müßten eher diese in Stücke springen, als daß sie ihm einen Schaden zufügen könnten. Lameth müßte daher eine List ersinnen und versuchen, den alten Zauberer durch ein starkes Getränk zu berauschen, damit er alsdann, wenn jener besinnungslos wäre, das Schloß von seinem Halse lösen und über sein Leben gebieten könnte. Weil nun Mattetai den Wein aus Kalabrien am meisten liebte, so versprach der Geist, ihm solchen zu verschaffen. Zugleich wollte er ein Gegenmittel für den bringen, der Mattetai trunken machte. Dieses sollte den Wein unschädlich machen, so daß er davon trinken könne, soviel er wollte.

Dies alles sollte Lameth in Bettlergestalt seiner Gemahlin Bellastra überbringen und ihr sagen, wie sie sich dabei klug zu verhalten hätte, um den Zauberer in die Falle zu locken.

Hocherfreut über den guten Rat des dienenden Geistes, ging Lameth mit sechs Flaschen kalabrischen Weines und dem wirksamen Gegenmittel, alles in einem Korb verborgen, in der Dunkelheit nach Bellastras Palast. Sie schickte auf ein verabredetes Zeichen die Kammerfrau hinab, um ihn heraufzugeleiten. Dies konnte um so leichter geschehen, da der Bösewicht auf einige Tage verreist war. Als Lameth in Bellastras Zimmer trat, fand er sie traurig auf ihrem Ruhepolster sitzen. Sie redete ihn also an: »Wie ist's, guter Alter, kommt ihr, Euer Wort zu erfüllen und mir ein Mittel an die Hand zu geben, wie ich von meinem Elend loskommen könne?« Lameth erwiderte: »Tut, was ich Euch sage, wenn morgen Mattetai zurückkehrt, so trachtet dahin, daß er sich an diesem Weine berausche, den ich hier mitbringe, seht, das sind sechs Flaschen des besten kalabrischen Weines, den trinkt er am liebsten. Sprecht ihm zu, ja, muntert ihn durch Euer eigenes Beispiel auf zu trinken, bis seine Sinne ihn verlassen. Ehe Ihr selbst aber zu trinken anfangt, nehmt dieses Gegenmittel ein, das ich Euch hier übergebe und das Euch vor den Wirkungen des Weines bewahren soll. Ist Mattetai betrunken, so gebt mir mit einem weißen Tuch ein Zeichen zum Fenster hinaus. Dann will ich kommen und Eurem Elend ein Ende machen.« Bellastra hörte ihm mit Freuden zu und versprach, allen Verstand zusammenzunehmen, um den Anschlag glücklich auszuführen. Der vermeintliche Bettler stellte die Flaschen mit Wein und das Fläschchen mit dem Gegenmittel auf den Tisch, wünschte ihr Glück zu ihrem Vorhaben und ging seines Weges.

Bellastra sann die ganze Nacht über das Spiel nach, das sie vorhatte. Als es Tag wurde, legte sie ihre schönsten Kleider an und erwartete den Zauberer, der auch bald kam. Sie ließ ihn sogleich durch ihre Kammerfrau rufen und redete ihn bei seinem Eintritt ganz freundlich also an: »Mein Freund, da ich mich so lange vergeblich gegrämt habe und doch nicht zu den Meinigen zurückgelangen kann, so habe ich mich entschlossen, mein übriges Leben nicht in gleicher Traurigkeit zuzubringen. Wenn Ihr Euch daher künftig in meine Launen schicken und meine gewohnte Lebensart annehmen wollt, so will ich Euch zu meinem Gemahl nehmen.« Mattetai wallte das Herz im Leibe vor Freude, als er die Prinzessin so sprechen hörte, denn früher war sie allezeit vor ihm geflohen und hatte mit Wort und Tat auf alle Weise ihren Widerwillen gegen den Bösewicht ausgedrückt. Er konnte nicht Worte genug finden, Bellastra zu versprechen, daß er sich in allem ihrem Befehl unterwerfen werde, und brachte dabei einen närrischen Haufen von Worten untereinander her, so daß sie sich kaum des Lachens enthalten konnte. Sie unterbrach ihn daher und sprach: »Ich glaube alles, was Ihr mir sagt, nur eines macht mir Zweifel. Ihr wißt nicht, daß ich am türkischen Hof erzogen worden bin, wo man heimlich allezeit wacker zu trinken pflegt. Da möchte ich denn wissen, wenn mich die Lust dazu ankommen wird, ob Ihr mir dies auch zulassen und mir wacker Bescheid tun werdet.« Mattetai antwortete lachend: »Oho, wenn es nichts weiter ist als dieses, so werden wir bald miteinander einig werden. Ich hasse den Trunk auch nicht, und Euch zuliebe wollte ich einen ganzen Becher voll Gift austrinken. Warum sollte ich Euch nicht bei einem guten Glase Weins Bescheid tun, denn Schlechtes werde ich bei Euch doch nicht zu trinken bekommen!« Bellastra erwiderte: »Nein, schlechte Weine mag ich auch nicht, aber der Wein aus Kalabrien ist mein Leibtrunk.« Da lachte Mattetai wieder und sprach: »Potz Element, da taugen wir gut zusammen, den Wein aus Kalabrien liebe ich mehr als alle anderen.«

Bellastra sagte: »Nun, so kommt her und setzt Euch zu mir!« Sie stand auf und nahm die sechs Flaschen, eine nach der anderen, aus dem Schrank. »Laßt uns um die Wette zechen! Aber es fehlt noch ein Glas.« Mattetai erhob sich, warf einen zärtlichen Blick auf die Fürstin und ging, um schöne Becher zu holen. Diesen Augenblick benützte Bellastra, nahm das Fläschchen mit dem Gegenmittel aus dem Schrank und tat geschwind einen kräftigen Zug daraus. Gleich darauf kam der Zauberer mit dem Pokal, und Bellastra schenkte ihm ein. Sie sprach: »Dies auf mein Wohlsein getrunken, Freund!« Und Mattetai ließ sich nicht lange bitten. So leerten sie eine Flasche nach der anderen, und der Zauberer konnte sich über die Ausdauer Bellastras nicht genug wundern. Denn als sie an die vierte Flasche kamen, wurde ihm bereits taumelig im Kopfe. Bellastra schien zu bedauern, daß sie nur noch zwei Flaschen übrig habe. Sie sprach und trank ihm dabei wacker zu. Die letzte Flasche goß sie gar nicht in die Pokale, sondern setzte sie an den Mund und trank sie zur Hälfte auf Mattetais Gesundheit aus. Dann stellte sie ihm den Rest hin und sprach: »Trinkt das auf meine Gesundheit, Lieber! Dann wollen wir zur Ruhe gehen.« Mattetai, von Liebe und Wein trunken, ergriff die Flasche. Ehe er sie jedoch an den Mund setzen konnte, fiel er im Rausch zu Boden und ließ auch die Flasche fallen, daß sie in tausend Stücke zersprang.

Bellastra rüttelte den Liegenden, als wollte sie ihm helfen, eigentlich aber nur um zu sehen, ob er auch tief genug berauscht sei. Als sie merkte, daß er völlig bewußtlos war, öffnete sie das Fenster und gab das Zeichen mit dem Tuch, der lahme Bettler flog die Treppe hinauf und wurde von der Kammerfrau in das Gemach geführt, in dem der böse Mattetai wie ein Stein auf dem Boden lag. Lameth hieß nun seine Gemahlin und ihre Kammerfrau hinausgehen. Dann fiel er über den Zauberer her, riß ihm das Oberkleid auf und suchte das Schloß, das er auch sogleich an seiner Brust fand. Er zog es ihm samt der Kette ab und drehte den Schlüssel schnell um. Die Erdgeister erschienen sofort und fragten tanzend und springend vor Freuden: »Würdiger Besitzer des unschätzbaren Schlosses, was befehlt Ihr?« Lameth sagte: »Nehmt hier dem boshaften Zauberer das Leben!« Keinen angenehmeren Befehl hätte Lameth seinen dienstbaren Geistern geben können. Zwei ergriffen ihn bei den Händen, zwei bei den Füssen und zerrissen ihn in vier Stücke. Schnell drehte Lameth seinen Ring um. Die Luftgeister kamen und trugen auf seinen Befehl den zerrissenen Leib des Zauberers hinaus in alle Erdteile der Welt, dann mußten sie das Zimmer reinigen, ihm selbst seine vorige Gestalt wiedergeben und ihm die früher getragenen Fürstenkleider wieder anlegen. Dann mußten sie den Palast mit allem was darin war auf der Stelle wieder nach Konstantinopel versetzen und die von Mattetai verwandelte Dienerschaft wieder herbeischaffen.

Nachdem alles geschehen und die Diener wieder zur Stelle waren, rief Lameth seine geliebte Bellastra. Als sie in das Zimmer trat, erwartete sie den hinkenden Bettler vorzufinden, doch da erblickte sie ihren schönen Gemahl und warf sich ihm in die Arme. Lameth erzählte ihr, daß er den Bettler vorgestellt habe und wie alles ergangen sei. Die Diener stürzten herbei, um ihren Herrn zu grüßen. Ein gutes Nachtmahl wurde bereitet, und alle waren guter Dinge.

Als Bellastra in der Frühe erwachte, fiel ihr erster Blick zum Fenster hinaus und wieder auf die Stadt Konstantinopel. Der Sultan aber, der nach seiner Gewohnheit früh aufstand und an das Fenster trat, sah den Palast wieder an der alten Stelle stehen. Außer sich vor Freude kleidete er sich eilends an und begab sich mit seiner Leibwache an den Ort. Hier flog ihm seine Tochter Bellastra entgegen, bewillkommnete ihren Vater mit kindlicher Freude und reinigte ihren Gemahl von aller Schuld, indem sie die Begebenheit der Wahrheit gemäß erzählte. Der Großsultan schämte sich seiner Übereilung und empfing Lameth, der zu seiner Begrüßung herbeigeeilt war, aufs zärtlichste. Großwesir und Admiral, die ihn hatten töten wollen, warfen sich dem Wiedergekehrten zu Füssen und erhielten Verzeihung. Lameth und Bellastra lebten viele Jahre in Glück und Frieden. Das Schloß aus der afrikanischen Höhle Xa Xa aber wurde von Lameth besser verwahrt als zuvor, und er blieb des unschätzbaren Kleinods ruhiger Besitzer bis an sein Ende.

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