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Volkssagen und Legenden

Gustav Schwab: Volkssagen und Legenden - Kapitel 7
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typelegend
authorGustav Schwab
titleVolkssagen und Legenden
publisherprojekt.gutenberg.de
year2012
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Herzog Ernst

Eine lesenswürdige Historia vom Herzog Ernst in Bayern und Österreich.
Wie er durch wunderliche Unfälle sich auf gefährliche Reise begeben,
jedoch endlich vom Kaiser Otto, der ihm nach dem Leben getrachtet,
wiederum begnadigt worden.

Es regierte in dem Herzogtum von Bayern und Östreich vor Zeiten ein hochgeborner Fürst, mit Namen Herzog Ernst, der sein väterliches Erbe friedsam, in Gerechtigkeit und Einigkeit, beisammenhielt. Dieser vermählte sich mit einer hochgeborenen und schönen Jungfrau, Adelheid genannt, eines Königs Tochter, der Lotharius hieß. Dieselbe gebar ihm einen überaus schönen Sohn, dem er in der heiligen Taufe seinen eigenen Namen Ernst beilegte.

Über kurze Zeit jedoch wurde nach des allmächtigen Gottes Schickung dem Kind sein Vater durch den bittern Tod hinweggenommen und seine Mutter Adelheid dadurch in großen Kummer versetzt.

Die einzige Freude, die ihr blieb, war der nachgelassene adelige Sohn, der bald in vielen Sprachen unterrichtet und in Latein, Griechisch und Welsch wohl bewandert wurde, auch ein männliches Gemüt zu entfalten begann und in allen guten Tugenden aufwuchs. Das Hofgesinde gehorchte ihm gern, und sein ganzes Land, das er von seinem Vater ererbt hatte, war ihm in Liebe untertänig.

Als er anfing, Ritterspiel zu treiben, erwarb er sich auch bei den Rittern und Grafen gutes Lob; insonderheit war ein Graf bei ihm, der Wetzel hieß und ihm nahe verwandt war. Diese beiden Herren hielten stets zueinander, und die Mutter des jungen Herzogs hatte ihre große Freude daran, doch setzte sie ihre Hoffnung auf Gott und nicht auf Menschen, hielt Tag und Nacht in der Andacht ihres Gebetes an und bestrebte sich durch Werke der Barmherzigkeit ein christliches Leben zu führen, um dereinst ein Kind des ewigen Lebens zu werden.

Aber die Ritter und Herren des Landes baten ihren Sohn, den Herzog Ernst, er sollte seiner Mutter Adelheid doch raten, daß sie wieder zur einer Ehe schreiten möchte. Auch an die Herzogin selbst richteten sie dies ihr Begehren. Sie aber schlug es ihnen immer ab; doch wurde sie von ihrem geliebten Sohn so heftig mit Bitten bestürmt, daß sie ihm endlich angelobte, wenn es etwas wäre, was ihrem Geschlechte keinen Schaden brächte, so wollte sie sich willig darein ergeben.

Nun herrschte zu denselbigen Zeiten im römischen Reich mit ganzer Gewalt Kaiser Otto, der erste Kaiser desselben Namens, der war geboren zu Braunschweig und gekrönt zu Aachen. Dieser Kaiser nun gewann die Stadt Straßburg und zerstörte sie mit Gewalt und gab ihr den Namen, den sie jetzt führt; denn vorher hieß sie, wie sie noch in Latein heißt, Silberthai. Er überwand auch die Ungarn, die, ehe er Kaiser ward, von Augsburg aus alles Land verdarben und großen Schaden anrichteten. Er unterwarf dem römischen Reiche viele Länder, war ein Freund der Gerechtigkeit und hieß darum des Landes Vater.

Als er noch in der grünenden Blüte seiner Jugend war, wurde ihm eine überaus schöne Hausfrau angetraut, mit Namen Ottogeba, die voll Zucht und Tugend war und aus dem erlauchten Hause der Könige von England stammte. Aber nur kurze Zeit hatte Kaiser Otto in süßem Glücke mit ihr gelebt, da kam die Stunde, in welcher Gott sie aus diesem Erdenleben forderte.

Als die fromme Kaiserin Ottogeba nach fürstlichem Brauche feierlich zur Erde bestattet war, lebte der Kaiser Otto einige Zeit in Trauer und Einsamkeit. Dann aber betrachtete er in seinem Gemüte die Worte des heiligen Apostels Paulus, daß es besser wäre, sich ehrlich zu vermählen, als allerlei Anfechtung zu leiden, forderte seinen Rat zusammen und trug ihm die Sache vor. Da beschlossen seine Räte allesamt, daß sie einen Boten an die Herzogin Adelheid in Bayern senden wollten und sie befragen lassen, ob sie den gewaltigen Kaiser Otto zum ehelichen Gemahl haben wollte. Hierzu wählten sie einen ansehnlichen Herrn und geboten ihm, alle Sachen aufs treulichste auszurichten, wie es ihm vom Kaiser und seinen Räten befohlen würde.

Diese Botschaft kam vor die Herzogin; sie aber erschrak im Herzensgrunde, da sie solche neue Mär hören mußte, denn sie hatte lange Zeit in stillem und ehrbarem Wesen ihren Witwenstand tugendhaft gehalten und sich vorgesetzt, darin zu verharren. Darum berief sie von Stund an die Edeln ihres Landes, samt dem Herzog Ernst, ihrem lieben Sohn, legte ihnen den Antrag vor und bat sie, dem Kaiser eine höfliche Antwort zu geben.

Dies versprachen die Herren und gingen darüber zu Rat; und allesamt waren für die Einwilligung in die Heirat. Sie baten daher den Herrn Ernst, den Sohn der Herzogin, und den Grafen Wetzel, seinen vertrauten Freund, sie möchten der Herzogin anzeigen, was der Rat ihrer Edeln beschlossen habe.

Jene beiden taten dies. Die Herzogin erschrak von ganzem Herzen und sprach: Mein lieber Sohn! Ich fürchte sehr, wenn ich, nach dem Rate der Gewaltigen dieses Landes und Deinem eigenen, mit dem Kaiser mich vermähle, so dürfte zwischen ihm und Dir Zwietracht und Uneinigkeit entstehen, wodurch ich in großem Jammern vor dem Tode meine Zeit verzehren würde.«

Dawider sprach Herzog Ernst: Herzallerliebste Frau Mutter, eine so sorgliche Furcht sollte Euch nicht von der Vereinigung mit dem allerwürdigsten Fürsten abhalten. Ich selbst will mich mit Hilfe des barmherzigen Gottes, der unser alleroberster Kaiser ist, jenem meinem irdischen Kaiser in glücksamen wie in widerwärtigen Sachen dienstbar erzeigen und ihm allzeit gehorsam sein, will ihn und die Seinen mit meinen Armen umfangen, so daß ich stets die Gnade seiner kaiserlichen Majestät zu genießen habe.

Von so mannlichen Worten des jungen Fürsten, ihres geliebten Sohnes, wurde die Frau gestärkt; sie faßte alle Worte, die ihr Sohn geredet, in ihr Herz und tat dem römischen Kaiser Otto durch seinen Boten ihres Herzens Willfährigkeit zu wissen, bestimmte auch Zeit und Tag der Vermählung.

Kaiser Otto ward über die Maßen froh, als sein Bote mit so fröhlicher Nachricht wiederkehrte; sofort versammelte er alle seine Fürsten und Lehensherren zu einem gemeinsamen Hofgelage; dann machte er sich samt ihnen allen mit großer Macht und Herrlichkeit auf und ritt nach Bayern, wo die Herzogin wohnte.

Diese wand ihm hinwiederum von ihrem Sohne Herzog Ernst und andern Herrn ihres Landes würdiglich und mit großem Gefolge entgegengeführt und überantwortet.

Der Kaiser aber führte sie mit all seinem Volk unter lautem Jubel nach der Stadt Mainz. Daselbst hielt er eine große Hochzeit, wie einem so mächtigen Kaiser wohl gebührte. Dann ritten die Gäste alle wieder heim, ein jeglicher in seinen Ort, woher er gekommen war. Herzog Ernst bezeigte dem Kaiser alle Ehrfurcht, fiel ihm zu Füßen und erwies sich in allem gegen ihn als ein gutwilliger Sohn, der ihm gerne untertänig und gehorsam sein wollte.

Als sie einmal beieinander waren, nahm der Kaiser den Herzog Ernst bei der Hand und sprach zu ihm: »Wisse, mein geliebter Sohn, daß ich Deine Mutter von ganzem Herzen liebe. Auch Dir möchte ich gerne mehr dienen, denn ich vermag. Doch auch so will ich darauf denken, daß ich Dir Dein Land vergrößere, denn ich habe ein herzliches Wohlgefallen an Dir, um Deiner Frömmigkeit und Mannheit willen.«

Während sie im Gespräche waren, kam die Kaiserin dazu und redete also zu ihrem Sohne: »Geliebtester Sohn, ich bitte Dich flehentlich, Du wolltest Deinen Vater in allen Ehren halten und ihm immer gehorsam sein«. Zugleich schenkte sie ihm herrliche Kleinodien.

Aber dieses friedliche Leben währte nicht lange. Denn es war einer am Hofe, der die Einigkeit und das ruhige Leben, das der Kaiser und die Kaiserin mit ihrem Sohne führten, nicht mit ansehen konnte. Darum dachte er oft, wie er doch bösen Samen darein säen könnte, damit der junge Fürst, Herzog Ernst, des Vaters Huld verliere; und endlich ersann er eine falsche List, von der ihr bald hören sollet, die ihm aber doch zuletzt allzu sauer wurde. Sonst hielt das ganze Hofgesinde den jungen Fürsten in großen Ehren, und auch er vertrug sich gut mit jedermann, und wenn dem Lande eine Widerwärtigkeit zustieß, so beschirmte er dasselbe im Namen seines Vaters, so daß der Kaiser eine Zeitlang ganz ruhig und in Freuden bei seiner Gemahlin leben konnte.

Jetzt aber geschah es, daß der Pfalzgraf Heinrich die Esse seines Herzens mit dem Feuer des Neides in Flammen setzte. Dieser Pfalzgraf verklagte den jungen Fürsten fälschlich bei seinem Stiefvater, Kaiser Otto, und sprach einstmals, als er vor ihn kam, zu dem Herrscher: »O wie ein getreuer Vater des Kaiserreiches seid Ihr, allergnädigster Herr! Aber ich habe einige wunderliche, ja boshafte Reden vor Eure kaiserliche Majestät zu bringen, von Eurem Sohne, Herzog Ernst, den Ihr so liebhabt, den Ihr vor andern Räten ehret. Dieser Fürst trachtet früh und spät, Eurem alten Leben ein Ende zu machen, um das ganze Reich allein besitzen zu können. Darum sehet Euch vor, daß Ihr das abwehret, ehe er seinem bösen, begierigen Herzen, das zu solcher Bosheit nur allein geneigt ist, Raum gibt, sonst ist Euer Leben ohne allen Zweifel verloren!«

Da der Kaiser solche Worte von Heinrich, dem Pfalzgrafen, vernommen hatte, ward er ganz zornig über ihn und sprach: »Was sagst Du, Heinrich? Von wem kommt Dir solche Nachricht? Fürwahr, wenn mir das ein anderer sagte, ich wollte ihm den Kopf abhauen lassen! Und wenn ich wüßte, daß Du solches aus Haß gegen meinen Sohn tust, so sollte auch Dir das gleiche widerfahren; denn ich habe noch nie Unrechtes von Herzog Ernst gesehen noch gehört, sowenig als von seiner Mutter, der Kaiserin; er schützet mich in allen meinen Angelegenheiten, worin es immer sein mag, mit Kriegen oder Verträgen; darum kann ich es nun und nimmer glauben. Doch sage mir, von wem Du solches gehöret hast, damit ich der Sache auf den rechten Grund komme!«

Da sprach Pfalzgraf Heinrich: »Das kann ich Eurer Majestät wohl sagen, wenn es nötig ist; denn nicht von einem allein habe ich es gehört, sondern von zweien und dreien; dazu habe ich auch an ihm selbst gemerkt, daß er auf Bübereien sinnt. Darum, gnädigster Herr und Kaiser, wollte ich Eure Majestät treulich vor solchem Schaden gewarnt haben. Denn das bin ich schuldig und verpflichtet zu tun.« Nun fing der Kaiser mit traurigem Mute an und sprach zu dem Verleumder: ~O, mein lieber Heinrich, wenn dem also ist, wie Du mir von meinem Sohne angezeigt hast, so bitte ich Dich weiter um guten Rat, wie ich ihn aus dem Lande vertreiben kann, ehe er sich untersteht, sein Vorhaben auszuführen. « .Das will ich meinem kaiserlichen Herrn wohl anzeigen, erwiderte der Falsche; »während Euer Sohn gen Regensburg geritten ist, so sammelt Ihr insgeheim und ohne der Kaiserin Wissen viel Kriegsvolkes, schicket die hin und lasset ihn aus dem ganzen Lande verjagen!«

Der Kaiser tat also. Er brachte durch Herrn Heinrich in kurzer Zeit einen großen Haufen mannlicher Ritter zusammen, an deren Spitze der Pfalzgraf selbst gestellt wurde; und das geschah alles ohne Wissen der Kaiserin. Dann zog der Arge wider den frommen Herzog Ernst, verwüstete Ostreich, schlug viel Volkes zu Tode, hauste grimmig mit Sengen und Brennen und zog dann nach dem Bistum Würzburg, wo er gleichen Schaden verübte.

Auch schickte er heimlich Kriegsvolk gen Bamberg und befahl ihnen, daß sie eine Zeitlang stille liegen und sich nicht merken lassen sollten, was sie im Sinne hätten, bis er selbst mit dem ganzen Zuge käme; alsdann sollten sie sich plötzlich in ihre Rüstung stecken und die Bürger in aller Schnelligkeit überfallen. Das geschah auch; doch wehrten sich die Bürger und schlugen ihrer viel hundert zu Tode. Erst als sie sahen, daß sie überwältigt waren und solches Blutvergießen auf des Kaisers Befehl durch den Pfalzgrafen Heinrich angerichtet worden, ergaben sie sich.

Nichtsdestoweniger schickten sie eilends einen Boten an ihren Schutzherrn, den Herzog Ernst, nach Regensburg und ließen ihm alles anzeigen, was sich mit ihnen begeben hatte.

Als der Bote mit dieser Zeitung vor den Herzog kam, erschrak dieser sehr, ging zu seinem Freunde Wetzel und erzählte es ihm unter bitteren Tränen. »O allmächtiger Gott«, rief er, »welche Verleumdung mag zu meines Vaters, des Kaisers, Ohren gekommen sein, daß er es über sich vermocht hat, mich also zu verderben!«

So ging er mit bekümmertem Herzen und in schweren Gedanken auf und nieder. Endlich befahl er seinen Räten, sich zu versammeln, denn er habe ihnen Ernsthaftes anzuzeigen. Und sie versammelten sich auf sein Geheiß. Da trat der junge Fürst mit seinem Freunde, Grafen Wetzel, unter sie und gab den Räten den Brief, den die Bürger von Bamberg an ihn abgeschickt hatten. Als diese ihn gelesen und das Blutvergießen daraus ersehen hatten, das der Pfalzgraf angerichtet, wurden sie ganz traurig, doch beschlossen sie schnell, daß Herzog Ernst sein bestes Kriegsvolk, das er im Lande hätte, an sich ziehen und den Feind aus dem Lande schlagen sollte. Aber sie wußten noch nichts von der Verleumdung, die ihnen zugerichtet worden war.

Also sammelte der kühne Herzog Ernst seine Ritter, wohl an viertausend streitbarer Männer, und zog mit dem Volke Bamberg zu. Wie das Heinrich, der Pfalzgraf, vernahm, besetzte er die Stadt Bamberg mit Kriegsvolk und zog mit seiner übrigen Macht dem Herzog Ernst entgegen; und das Ziehen währte nicht lang, da trafen ihre Scharen zusammen und schlugen einander auf beiden Seiten viel Volkes zu Tod. Zuletzt behielt Herzog Ernst das Feld, und der Pfalzgraf entkam mit wenigen Reitern.

Dieser ritt geradenwegs zum Kaiser und meldete ihm, wie es gekommen sei, daß ihm sein Sohn Ernst fast all sein Volk erschlagen habe, und wie er ihm mit seinen Scharen zu mächtig gewesen sei.

Als der Kaiser alles gehört, wurde er ergrimmt über den guten Herzog Ernst und sprach: »Das will ich nicht ungerächet lassen; von aller seiner Habe soll mein Sohn verjagt werden.«

Und jetzt nahm er viel Kriegsvolk und eroberte eine Stadt nach der andern.

Wie das der junge Fürst sah, wurde er hart bekümmert, schickte einen Boten zu seinem Vater, dem Kaiser, und ließ ihn bitten, daß er doch sein Land nicht also verwüsten möchte, denn er habe doch seiner Majestät sein Leben lang nichts Böses zugefügt, weder mit Worten noch in der Tat. Er wisse sich in allem unschuldig und könne daher nicht begreifen, warum er von dem Kaiser mit Krieg heimgesucht werde. Der Bote brachte dem Kaiser den Brief in Beisein der Kaiserin, und diese verbot demselben heimlich, wider ihrem Willen heimzuziehen, sondern er sollte sie wiederum aufsuchen, ehe er ginge; und dazu verstand sich auch der Bote.

Der Kaiser hatte den Brief durch und durch gelesen; er ging hin und wieder in dem Saal mit zornigem Mute; wie ein grimmiger Löwe.

Die Kaiserin aber merkte wohl, daß es ihrem Sohne galt, näherte sich ihrem Herrn, dem Kaiser, und sprach: »Allergnädigster Herr, ich bitte Euch um Gottes Barmherzigkeit willen, daß Ihr in dem Zorne, den Ihr gegen unsern Sohn tragt, nicht beharret!«

Da sprach der Kaiser zu ihr: »Liebe Frau! ich lasse mich nicht überreden; darum entfernet Euch nur und geht Euren Geschäften nach; die Übeltat, die er an mir verübt hat, ist zu groß, als daß ich es vergessen könnte.«

Aber die Kaiserin sprach nur noch kläglicher: »So bitte ich um Gottes willen, Ihr wollet wenigstens eine Versammlung und Zusammenkunft beider Teile anstellen, damit man doch auf einen sichern Grund der Verfolgung komme, die gegen meinen unschuldigen Sohn angezettelt worden ist!« Aber bei dem Kaiser war keine Barmherzigkeit zu finden.

Als dies die Kaiserin sah, ging sie mit betrübtem Herzen in ihre Kammer und schrie im Gebete zu Gott. Da war es, als käme ihr eine Stimme vom Himmel, die ihr sagte: »An all diesen Dingen ist der Pfalzgraf schuldig.« Wie die Frau die Stimme vernommen hatte, sprach sie weiter im Gebet: »O allmächtiger Gott, wie ist es möglich, was hat den Pfalzgrafen veranlaßt, meinen lieben Sohn bei meinem Herrn so zu verleumden! O Gott, erbarme dich meiner!«

In diesem Elend schickte sie einen Diener nach dem Boten ihres Sohnes Ernst und befahl ihm, diesen über alles zu unterrichten, wie es um ihn bei seinem Vater, dem Kaiser, stünde; insonderheit gab sie dem Boten auf, daß er ihrem Sohne sagen sollte, all das Unglück habe der Pfalzgraf Heinrich angerichtet und er allein sei der Urheber dieser Verräterei.

Wie der Bote seinen Bescheid hatte, ritt er in Eile Regensburg zu und hinterbrachte alles getreulich seinem Herrn, dem Herzog, wie ihm von des Fürsten Mutter befohlen war.

Nachdem Herzog Ernst alles vernommen hatte, gab er dem Boten reichen Lohn für seine Bemühung, eilte zu seinem Gesellen, dem Grafen Wetzel, und teilte ihm alles mit, was er erfahren hatte. Und dieser geriet in große Verwunderung.

Seitdem war der junge Fürst stets von schwermütigen Gedanken gequält und wußte nicht, ob er wieder Gnade bei seinem Vater finden werde. Endlich wandte er sich abermals an seinen Freund Wetzel und bat ihn, daß er ihm einen Zug vollbringen helfen möge, auf welchem sie sich nur von einem einzigen Diener begleiten lassen wollten. Das verhieß ihm Wetzel.

Damals nämlich hielt der Kaiser gerade mit seinen Kurfürsten einen Reichstag zu Speyer und war dort eine große Versammlung von Fürsten und Herren. Diese Gelegenheit nahm Herzog Ernst wahr und ritt mit seinem Freund und dem Diener gen Speyer. Dort stiegen sie in des Kaisers Hofe von ihren Rossen, hießen den Diener die Pferde halten und gingen hinauf in den Palast. Da fanden sie den Kaiser mit dem Pfalzgrafen allein in der Kammer sitzen, und Herzog Ernst ging zu letzterem hin und sprach: »Du meineidiger, treuloser Pfalzgraf, warum verleumdest Du mich so bei meinem Vater?« Mit diesen Worten zog er sein Schwert aus und durchstach im wilden Zorne seinen Feind.

Als der Kaiser dies sah, fürchtete er sich vor seinem Sohn und sprang wohl vier Klafter tief hinab in eine Kapelle, deren Wölbung an die Kammer grenzte, wo sie waren; darein verbarg er sich aus Furcht vor seinem Sohne.

Herzog Ernst, wie er sah, daß sein Vater entronnen war und der Pfalzgraf tot vor seinen Füßen lag, lief mit seinem Gesellen Wetzel die Treppe wieder hinab zu den Rossen, bei denen sie den Diener fanden. Da saßen alle drei wieder auf, ritten in Eile durch die Stadt und nahmen ihren Weg einem unbekannten Orte zu.

Der Kaiser blieb eine gute Weile in der Kapelle und hatte große Angst. Erst wie er kein Getümmel mehr hörte, kam er heraus und sagte den Herren, was sich Unerhörtes begeben habe.

Auf die Kunde von diesem großen, unsühnbaren Morde entstand in der ganzen Stadt ein Aufruhr; Reiter wurden auf allen Straßen hin und wieder abgeschickt, mit dem Befehl, wo sie Herzog Ernst mit seinem Gesellen, dem Grafen Wetzel, und einem Diener begegneten, da sollten sie alle drei ohne Gnade totschlagen.

Aber Gott, wiewohl er dem Fürsten den Mord nicht verzieh, nahm die Verfolgten doch in seinen Schirm und führte sie auf eine sichere Straße, so daß sie nicht ereilt wurden.

Die Reiter und Knechte kamen zurück und sagten dem Kaiser, daß sie niemand hätten finden können. Darüber wurde der Kaiser grimmig und Schwur bei seinem Reiche, daß er es nicht ungerächt lassen wolle.

Durch das große Geschrei, das hin und her in der Stadt ertönte, und das viele Volks, welches zusammenlief, wurde endlich auch die Kaiserin aufmerksam, suchte ihren Gemahl auf und fragte ihn: »Lieber Herr, saget mir an, was dieses ungestüme Hinundherrennen bedeutet?« Da erzählte ihr der Kaiser Wort für Wort, daß ihr Sohn den Pfalzgrafen erstochen habe und, wenn ihm der Kaiser nicht entronnen wäre, auch seinen Vater umgebracht haben würde. Die Kaiserin dankte ihrem Gemahl für diese Mitteilung, eilte aber sogleich in ihr Kämmerlein und betete zu Gott mit allem Ernste, daß er ihren Sohn doch behüten und nicht in des Vaters Hände fallen lassen wolle. Inzwischen war der Leichnam des Pfalzgrafen mit großer Feierlichkeit begraben worden. Dann ging der Kaiser mit seinen Fürsten und Herrn zu Rate, und es wurde beschlossen, daß Herzog Ernst, der junge Fürst, aus seinem Lande ganz und gar vertrieben werden sollte, auch wollte ihn der Kaiser nimmermehr zu Gnaden annehmen, denn er war ihm von Herzen feind geworden.

Er sammelte daher ein Heer von zwölftausend Mann, und ritt selbst den nächsten Weg auf Regensburg zu, denn er meinte, sein Sohn wäre dort. Er begann die Stadt zu belagern.

Die Belagerung währte lange Zeit, und die Einwohner wurden sehr betrübt, weil ihr Herr, der Herzog Ernst, nicht zum Entsatze kam. Doch hielten sie sich, wie es frommen Bürgern und Untertanen zusteht, und wollten an ihm nicht treulos werden. Auch versammelten sie einen Rat und beschlossen, ihrem Herrn und Herzog einen Boten zu schickten (denn sie kannten seinen Aufenthalt), um ihm die große Not zu klagen, in der sie durch seinen Vater schwebten; auch ihm zu melden, daß, wenn ihnen nicht bald Hilfe käme, sie sich dem Kaiser ergeben müßten.

Die Botschaft gelangte glücklich zu dem jungen Fürsten, und dieser sprach gar betrübt zu seinem Freunde Wetzel. »Mein allerliebster Freund, was soll ich Unglücklicher anfangen? Des Landes und der Leute bin ich beraubt. Niemanden hab ich, auf den ich mich verlassen könnte, hilft Gott meinen Untertanen nicht, so sind sie verloren!«

Dann schickte er den Boten eilig wieder nach Regensburg zurück und ließ die Bürger bitten, sie sollten sich nur noch eine kleine Weile halten, er verhoffte bald bei ihnen zu sein. Der Bote eilte heim und zeigte dies den Bürgern an.

Herzog Ernst aber ritt ohne Verzug zu dem Herzog von Sachsen und wurde von ihm mit seinen Dienern so gut und schön empfangen, so wie es auch billig war.

Nach der ersten Begrüi3ung klagte der gebeugte Fürst dem Sachsenherzog seine Not, erzählte ihm alles, was ihm widerfahren war und was er begangen hatte und wie er jetzt ein Vertriebener sei und seine Hauptstadt Regensburg belagert würde. »Darum, gnädigster Fürst«, schloß er, »bitte ich Euch, Ihr wollet mir eine Anzahl Kriegsleute geben, daß ich in Sicherheit gen Regensburg kommen möge, damit ich meine kostbarsten Kleinode wegschaffen und meine getreuen Bürger trösten und kräftigen kann. Dann will ich in ein anderes Land ziehen, wohin mich Gott führet. Solche Bitte hoffe ich, Herr Herzog, wollet Ihr mir nicht abschlagen in diesem meinem Elend!«

Der Herzog antwortete gar freundlich: »Lieber junger Herr und Fürst! Eure Bitte soll Euch nicht abgeschlagen sein!« Und von Stund' an gebot er, daß sich fünftausend Pferde rüsten sollten, was auch alsbald geschah.

Der Herzog von Sachsen ritt selbst mit dem Heerhaufen; und als sie gen Regensburg kamen, sahen sie den Kaiser mit seinem Heere davor gelagert. Doch ritten die Herzöge mit ihren Reitern bis dicht vor das Lager.

Als der Kaiser so viel Volks kommen sah, gebot er seinem Heer auf der Stelle, sich zu rüsten und die Feinde von dannen zu schlagen.

Aber der Herzog von Sachsen begehrte mit dem Kaiser zu unterhandeln, und so vernahm dieser aus des Herzogs eignem Munde, daß es seine Absicht sei, den Fürsten Ernst in seine Stadt Regensburg zu bringen.

Da sprach Herr Otto: »Ist es auch recht, daß Ihr meinen Feind beschützen helfen wollet, der meinen guten Freund Heinrich, den Pfalzgrafen, an meiner Seite erstochen hat und mir dasselbe getan hätte, wenn ich nicht entsprungen wäre? Sollte ich dem ungetreuen Sohn meine Treue beweisen? Nein, fürwahr, er hat es nicht um mich verdient!«

Der gute Herzog von Sachsen wurde solcher Klage nicht froh, sondern er sprach mit demütigen Worten: »Allergnädigster Herr und Kaiser, wollet diese meine Weise nicht für übelnehmen, ich habe solches um des gemeinen Besten willen getan. Ich wollt' Euch aufs untertänigste bitten, daß Ihr Eurem Sohn gnädig sein möget und ihm vergeben; wer weiß, ob er an den Dingen wirklich schuld hat, wegen deren er bei Euch angeschwärzt worden ist.«

Aber der Kaiser, als er solche Worte vernahm, hieß den Herzog von sich gehen. Dieser gehorchte, und ritt zu seinem Freunde zurück. Unterdessen begannen die Bürger in der Stadt zu merken, daß Ernst, ihr Herzog, in der Nähe sei. Von Stund' an schickten sie ihm Boten, daß er doch sollte in die Stadt kommen; sie wollten Leib und Leben für ihn lassen und ihm in Liebe untertänig sein.

Auf dieses rüstete sich Herzog Ernst, ging zu dem Fürsten von Sachsen, sagte ihm großen Dank für seine Begleitung und bat ihn um einige Reiter und Knechte; der aber gab ihm mit gutem Willen viele von seinem Volk.

So machte sich Herzog Ernst auf und ritt mit seinem Kriegsvolk unangefochten in die Stadt; denn der Kaiser fürchtete die Sachsen. Nachdem Herzog Ernst hinter den Toren der Stadt Regensburg wohlbehalten angekommen war, ging der Herzog von Sachsen wieder vor den Kaiser und sprach: »Allergnädigster Herr, mein Dank sei Euch gesagt; und wollet Eurem Sohne gnädig sein!«

So schieden sie traurig voneinander, und der Sachsenherzog ritt wieder in seine Heimat.

Große Freude war bei den Bürgern, als sie ihren Herrn wieder in der Stadt hatten; sie empfingen ihn mit seinem wohlgerüsteten Volk aufs beste und hofften, er würde jetzt bei ihnen bleiben.

Aber es geschah ganz anders. Denn Herzog Ernst befahl, alle Bürger sollten zusammenkommen, und wie sie alle beieinander waren, redete er sie also an: »Liebste Bürger und gute Freunde! Ihr sehet den großen Trotz meines Vaters, des Kaisers, der sich unterfängt, mich von Land und Leuten zu vertreiben. Er hat auch wohl die Gewalt dazu, und ich will mich dessen nicht mehr wehren, wie ich getan habe. Darum, liebe Brüder, bin ich zu Euch hergekommen, Euch aufs dringendste zu bitten, daß Ihr meinen Vater den Kaiser beschicken wollet und ihn um Gnade bitten, daß er einem jeden von Euch erlaube, so viel von den Seinigen mitzunehmen, als er tragen kann, und Euch so aus der Stadt ziehen lasse; die andre Habe wollet Ihr dahinten lassen!«

Dieser Rat gefiel einem Bürger wohl, dem andern nicht. Endlich beschlossen sie und zeigten ihrem Herrn an, sie wollten bleiben und bei Weib und Kind sterben und genesen.

Also nahm ihr Herr unter Tränen Abschied von ihnen und ritt im Schutze des geliehenen Sachsenheeres wieder aus der Stadt Regensburg hinaus und durch das kaiserliche Kriegsvolk hindurch.

Solange Herzog Ernst von den sächsischen Kriegern begleitet ward, drohte ihm kein Gefährde von dem Kaiser. Als er sich aber eine Strecke Weges entfernt hatte, entschloß er sich, die geliehenen Kriegsleute dem Herzog von Sachsen zurückzusenden, und siehe, da setzte ihm der Kaiser nach, um ihn zu verderben.

Herzog Ernst, der dies erfuhr, sprach nun zu seinem Gesellen Wetzel und dem Rest von fünfzig bayerischen und österreichischen Rittern, die ihm noch verblieben war: »Liebe Herren«, sagte er, »ich bitte Euch getreulich, daß Ihr mir wollet einen Zug vollbringen helfen nach dem Heiligen Grabe. Ihr sehet ja meines Vaters Zorn; dazu habe ich kein Schloß und keine Stadt mehr, darin ich sicher wäre, ich bin ganz elend: darum will ich das Land verlassen, vielleicht, daß sich der Kaiser indessen eines andern bedenkt und sein großer Grimm sich legt. Meinethalben soll kein unschuldiges Blut mehr vergossen werden, es ist dessen schon jetzt zu viel!« Den Rittern gefiel die Rede des jungen Fürsten, sie gelobten, ihm die Reise vollbringen zu helfen, wofür er ihnen sehr dankbar war. Er sorgte sogleich dafür, daß den edlen Rittern ganz neue Rüstung und Wehr verfertigt wurde, damit sie mit allem, was zur Reise gehörte, wohl versehen wären.

Auch die Kaiserin erfuhr, daß ihr Sohn aus Deutschland hinwegziehen wollte; sie schickte ihm daher ohne Wissen seines Vaters und ganz im geheimen hundert Mark Silbers, dazu viel andere Kleinode, und entbot ihm viel tausend gute Nacht. Dieses Gut teilte der junge Fürst unter seine Ritter aus und besoldete sie damit; denn sonst hatte er nicht mehr viel Guts und Geldes, weil er so elendiglich von seinem Vater aus allen seinen Landen vertrieben war. Und wie er nun mit seinen Rittern vom Lande schied, da hub er an zu weinen und sprach: »Nun erbarme es Gott, daß ich so elendiglich aus meiner Väter Lande ziehen muß!« Doch getröstete er sich seiner mannlichen Ritter, die alle so gutwillig mit ihm gingen.

Darauf zogen sie die nächste Straße nach Ungarn.

Alldort wurden sie gut empfangen von dem König und blieben acht Tage da. Darnach gab der König dem Herzog und seiner löblichen Ritterschaft etliche Boten, die ihm den rechten Weg durch den Wald nach der Bulgarey weisen sollten.

Als sie glücklich hindurchgekommen waren, schickten sie die ungarischen Wegweiser zurück, nachdem sie sie reichlich beschenkt und ihnen aufgegeben hatten, dem König ihren großen Dank zu vermelden.

Wie sie sich nun im Kaiserreich der Griechen befanden, ritten sie den nächsten Weg auf Konstantinopel zu. Als sie dort angelangt waren, empfing sie der Kaiser gar schön und tat ihnen große Ehre an. Besonders empfand er große Liebe für Herzog Ernst, weil dieser sich gegen seinen Vater, den römischen Kaiser, so mutig zur Wehre gestellt hatte.

An diesem Hofe blieb Herzog Ernst mit seiner Gesellschaft wohl drei Wochen lang, bis ein überaus großes Schiff kam, welches der Kaiser mit allen Lebensbedürfnissen versehen ließ. Dann befahl derselbe den besten Schiffsleuten, die er hatte, den jungen Fürsten mit allem Fleiße zu fahren, damit derselbe keinen Schiffbruch zu befürchten hatte. Als nun das Fahrzeug mit allem Vorrat wohl versehen, auch mit Segelstangen, Stricken, Segeltüchern und allem, was zu einem solchen Schiffe gehört, vollkommen ausgerüstet war, segnete Herzog Ernst mit seiner Ritterschaft den Kaiser und fuhr in Gottes Namen dahin. Mit ihm fuhren viel Griechen, die ihm Gesellschaft leisteten und ihn in zwölf Schiffen begleiteten, weil sie die heilige Fahrt nach Jerusalem auch gerne vollbracht hätten.

Sechs Wochen waren sie mit gutem Winde gefahren; da erhub sich in der Nacht ein starkes Ungewitter auf dem Meere, so daß die Fahrzeuge große Not von den Wellen litten. Der Sturmwind war so heftig, daß die zwölf Schiffe mit den Griechen von den grausamen Stößen des Orkanes alle entzweigingen und versanken, weil es keine so wohlerbaute, starke Fahrzeuge waren als die Herzog Ernsts; denn nur sein Schiff war so gut mit Eisen beschlagen, daß die Wellen es nicht so bald auseinanderzureißen vermochten. Jedoch, hätte es länger gedauert, so würde es das Ungestüm der Wogen auch nicht mehr ertragen haben können, sondern in Stücke gegangen sein.

Als der Herzog seine Begleiter so jämmerlich ertrinken sah, weinte er mit allen seinen Genossen und bat Gott, daß er doch ihnen selbst möge gnädig und barmherzig sein. Nun wußten die Schiffsleute nicht, in welcher Gegend oder in welcher Landesnähe sie waren; auch fing der Vorrat an, ihnen auszugehen, denn sie waren wohl schon vierzig Wochen auf dem Meere gefahren und hatten nichts gesehen als Himmel und Wasser. Deswegen flehten sie brünstig zu Gott, daß er sie dem Lande zuführen wolle; sie litten großen Mangel, und wären sie noch einen halben Monat auf dem Wasser gefahren, so würden sie Hungers gestorben sein.

Endlich erblickten sie eine Küste, steuerten mutig zu und erreichten in kurzer Zeit das Land.

Sobald sie aus dem Schiffe gestiegen, setzten sie sich auf ihre Rosse, ließen das Fahrzeug am Strande und mit den Schiffleuten einige Knappen darin; die Ritter selbst gingen mit dem Herzog und besichtigten von ferne eine Stadt, die sie vor sich sahen. In ihre Nähe sich zu begeben wagten sie nicht, weil niemand wußte, in welcher Landschaft sie waren und welche Leute da wohnten.

Die Stadt war sehr schön gebaut, hatte eine hohe und dicke Mauer und einen breiten Wassergraben, auch gewaltige Basteien und einen schönen Wall. Nachdem sie lange hin und her geritten, entschlossen sie sich, zu ihrem Schiffe zurückzukehren, und aßen und tranken dort, so gut sie es hatten; denn es war nicht mehr viel übrig bei ihnen. Nach dem Essen warfen sie sich in ihre Rüstung, und Herzog Ernst gab dem Grafen Wetzel die Fahnen, auf welchen ein goldenes Kruzifix gestickt und der Spruch daruntergeschrieben war: »Gottes Wort bleibet ewiglich«. In dieser Stadt wohnten die Agrippiner. Sie waren mit ihrem König gerade ausgezogen, um eines Königs Tochter aus Indien zu rauben, die einem fernen Königssohn zugeführt werden sollte und in Begleitung von Brautführern durch das Land reiste. Deshalb war die Stadt leer.

Herzog Ernst aber wußte das nicht. Er ritt mit seiner Ritterschaft um die Stadt herum und fürchtete sich sehr. Nach vier Tagen entschloß er sich, die Stadt zu betreten. Kein Mensch war darin. Lange ritten sie hin und her in den Gassen, gelangten endlich vor ein schönes Schloß, stiegen von ihren Rossen, gingen hinein und kamen bald in einen hohen Saal. Da fanden sie schön zugerüstete Tische, die mit Essen und Trinken reichlich versehen waren, wie wenn ein Fest gehalten werden sollte.

Das geschah denn auch insoweit, als Herzog Ernst mit seiner ganzen Ritterschaft sich niedersetzte und sich alle recht satt aßen und tranken. Dann schickten sie auch den Schiffsleuten Essens genug, sich daran zu erlaben. Und darauf befahl Herzog Ernst, daß man das Schiff mit Lebensmitteln versehen solle.

Da trugen die Diener von den Speisen, soviel sie konnten, zu Schiffe, so daß sie wohl für ein halbes Jahr genug hatten.

Jetzt gingen Herzog Ernst und Graf Wetzel im Schlosse herum; sie betrachteten sich alle Gebäude, die sehr köstlich waren. Dann begaben sie sich wieder auf das Schiff und blieben die ganze Nacht auf demselben. Wie der andre Tag anbrach, ging Herzog Ernst zu seinem Freunde Wetzel und bat ihn, wieder mit ihm in die Stadt zu gehen.

Das tat der willig.

Als sie die Stadt wieder betreten hatten, gingen sie aufs neue durch die Straßen lustwandeln und sahen manchen schönen Bau, über den sie sich verwundern. Dann betraten sie wieder den Saal, aßen und tranken vom Besten, das vorhanden war, und besahen sich auch sonst den Palast.

Da fanden sie eine Kammer, in der standen zwei herrlich bereitete Betten mit Decken von Goldstoff, und auch die Bettstellen waren von lauterem Golde; mitten in der Kammer stand ein Tisch mit einem köstlichen Teppiche gedeckt und auf diesem die lieblichsten Gerichte. Zunächst an diese Kammer stieß ein kleiner Saal und an diesen ein Garten mit einem gar schönen Brunnen.

Da sprach Herzog Ernst: »Lieber Freund Wetzel, wir wollen uns ausziehen und baden«; das taten sie und wuschen sich zum besten. Dann gingen sie in die Kammer, legten sich in die zwei köstlichen Betten und ließen sich den Schlaf eine gute Zeit behagen.

Nachdem sie genug gerastet hatten, gingen sie abermals in dem Schlosse herum und betrachteten sich alle seine Herrlichkeiten, dann besahen sie mit Gemächlichkeit alle angenehmen Plätze der Stadt. Auf einmal sieht Graf Wetzel ein großes Heer daherziehen.

Alle Leute desselben waren so gestaltet, daß sie von unten bis an den Hals ganz schön waren; oben aber hatten sie Kranichsköpfe. »Liebster Herr«, sprach Wetzel zu seinem Freund Ernst, »sehet Ihr nicht dieses ungeheure Volk, das dort herzieht?«

Da ward es auch Herzog Ernst gewahr und sprach: »Was wollen wir tun? Ich denke, wir verbergen uns, damit wir sehen, was sie anfangen!« So verbargen sich die zwei Helden hinter der Türe in einem Winkel und sahen da zu, was die Agrippiner taten.

Diese zogen feierlich in die Stadt, und ihr König betrat das Schloß; er hatte eine schöne Jungfrau bei sich, die von königlichem Stamme war; es war eben die, welche der König mit seinen Untertanen den Brautfahrern abgenommen hatte.

Nun setzte sich der beschnabelte König mit seinen Bürgern zu Tische; aber sie merkten bald, daß mehrere Speisen ihnen entrückt waren, und konnten sich nicht denken, wie das zugegangen. Doch aßen und tranken sie sich voll und fingen an zu schnattern und zu singen; auch war unter ihnen mancherlei Saitenspiel, und sie trieben gar wunderliche Abenteuer mit Springen und Tanzen und Gaukeln.

Der König saß bei der schönen Jungfrau am Tisch und bot ihr öfters den Schnabel, damit sie ihn küssen sollte.

Aber die gute Jungfrau war voll Traurigkeit, wandte den Mund stets seitwärts und dachte: »O allmächtiger Gott, wäre ich weit weg von diesen scheußlichen Geschöpfen; ja, wenn ich in einem Walde wäre, wo die wilden Tiere wohnen, ich wollte mich nicht hierher wünschen!«

Solche Trübseligkeit der Jungfrau sahen die beiden Herren hinter der Türe in ihrem Winkel und sprachen zueinander: »Wie könnten wir doch die Jungfrau erretten!«

»Ich will«, sprach Herzog Ernst, »mein Leben daransetzen und die schöne Magd befreien!« So sprachen sie leise miteinander, wie sie es anfangen wollten. Doch ließen sie die Sache eine Weile auf sich beruhen; endlich sagten sie, einer zum andern: »Wenn es nur unsern Rittern im Schiffe gutgeht und sie nicht von diesen Halbmenschen erschlagen werden! Und Herzog Ernst sprach: »Ich wollte, sie wären bei uns im Saale, wir wollten hier unter sie fahren!«

Die Mahlzeit der Agrippiner hatte inzwischen lange gewährt, und sie hatten groß Geschnatter zuhauf getrieben.

Da kam die Zeit, daß jedermann nach Hause gehen sollte.

»Mein lieber Freund«, flüsterte der Herzog Ernst seinem Gesellen Wetzel zu, »wie wollen wir es anfangen, daß uns die Jungfrau zuteil wird? Ich denke, es ist am besten, wir springen hervor und stechen den König tot!«

»Nein«, sprach Wetzel, »wir wollen achtgeben, wenn der König zu Bette geht, dann wollen wir ihm die Jungfrau nehmen.«

Dieser Rat gefiel dem Herzog.

Wie nun das Mahl ein Ende hatte, ging alles nach Hause; das schnablichte Gesinde war trunken und schnalzte wie die Enten, der König aber begab sich in die schön geschmückte Kammer, die aller Orten mit lauterem Golde verziert war. Dann fertigte er zwei Diener ab, welche die Jungfrau holen sollten: als nun diese mit ihr unterwegs waren, kamen Ernst und Wetzel aus ihrem Schlupfwinkel ihnen nachgefolgt, sprangen hervor und schlugen dem einen Diener den Kopf ab; der andre entrann ihnen, kam in des Königs Kammer und schrie: »Die Inder sind da und wollen die Jungfrau wieder nehmen!«

Da schnalzte der König, sprang auf und der Jungfrau entgegen: diese stach er mit seinem spitzigen Schnabel in beide Seiten; so daß ihr das Blut herunterfloß und sie zur Erde fiel.

Als die Helden dies sahen, wurden sie grimmig wie Löwen: Herzog Ernst sprang auf den König zu und durchstach ihn mit dem Schwert, daß er zu Boden stürzte. Nun wurden die Herren von den Agrippinern umringt, daß sie sich ihrer kaum erwehren konnten. Doch trieben sie diese zur Kammer hinaus, verschlossen dieselbe fest und gingen dann zu der Jungfrau, die sie von der Erde aufhoben und trösteten.

Aber sie war von des Königs Schnabel so verwundet, daß sie vor Sterbensangst fast nicht reden konnte. Endlich sprach sie: »O ihr kühnen Helden, hättet Ihr mich meinem Vater lebendig heimgebracht, so wäre ich einem von Euch zuteil geworden; jetzt aber kann das nicht sein, die Zeit meines Verscheidens ist da; Gott wolle meiner Seele barmherzig sein! So gab sie ihren Geist in Herzog Ernsts Armen auf und starb. Wie die Helden sahen, daß die Jungfrau tot war, sprachen sie zueinander: »Nun wollen wir uns wehren, oder wir sind des Todes!«

Damit tat Herzog Ernst die Kammertür auf; da stand es voll von Agrippinern, die schlugen und stachen gegen die beiden. Die wehrten sich jedoch gar männlich, schlugen ihrer viele zu Tode und machten sich endlich eine Bahn bis zum Stadttore; aber dies war verschlossen. Jetzt standen sie erst recht in Ängsten und riefen Gott und den Heiland um Hilfe an.

Da schickte es Gott, daß ihre Ritter das Schiff verließen, auf die Pferde saßen und nach ihren Herren sehen wollten. Sie ritten bis ans Tor und fanden es zu. Nun hörten sie großes Rauschen und Schlagen in der Stadt; da erschraken sie, rannten wieder nach den Schiffen, rüsteten sich mit ihren besten Wehren und eilten zurück nach dem Tor. Aber sie konnten es nicht öffnen.

Endlich schlugen sie es mit Streitäxten entzwei und kamen so zu ihren Herren hinein. Da schöpften diese wieder Mut und zerarbeiteten sich so lang an den Agrippinern, bis sie mit dem Leichnam der Jungfrau vor das Tor kamen. Dort erhub sich ein neuer Streit, und sie wurden so hart bedrängt, daß sie die Jungfrau unter den Feinden liegenlassen mußten; denn jetzt zogen diese mit großer Macht in das Feld und gedachten den Herzog Ernst mit seiner Ritterschaft zu erschlagen.

Diese aber hielten sich, wie mannlichen Leuten geziemt, zogen in guter Ordnung nach dem Schiff, schlugen um sich, stachen und hieben tapfer in die Feinde; aber die Agrippiner schossen mit vergifteten Pfeilen nach ihnen: da wichen die Helden allgemach in ihr Schiff zurück und hatten große Arbeit, bis sie die vielen Verwundeten ins Schiff gebracht. Dann segelten sie davon. Die Agrippiner hatten auch Schiffe, in die warfen sie sich, fuhren ihnen nach und schossen mit ihren Giftpfeilen, als ob es schneiete.

Nun hatte Herzog Ernst in seinem Schiff einen Wurfzug, mit dem warf er drei bis vier Schiffe in den Grund, so daß alle Kranichsleute, die darauf waren, ertranken. Wie die übrigen sahen, daß sie den Helden nichts abgewinnen konnten, kehrten sie wieder heim und beklagten ihren König, der in der Stadt umgekommen war.

Aber Herzog Ernst und seine Ritterschaft schifften auf dem ungestümen Meere dahin und dankten Gott von ganzem Herzen, daß er sie von den Kranichsköpfen erlöst hatte.

Doch lagen mehrere Ritter hart verwundet von der Feinde Geschoß; denn diese hatten große Pfeile, deren Spitzen alle vorn vergiftet waren; wen sie damit getroffen, und war auch nur die Haut geritzt, der mußte sterben. Mit solchem Geschoß waren wohl an acht tapfere Ritter verletzt worden; diese lagen ganz elend auf ihrem Lager, denn niemand konnte ihnen helfen, und keiner war im Schiff, der ihnen ihre Schmerzen wenden konnte.

Das Meer selbst wollte die kranken Ritter nicht länger auf seinem Rücken dulden, es wurde wild und warf das Schiff hoch auf den Wellen empor. Wären sie nicht bald gestorben, so hätten der Herzog und seine Ritter sie über Bord werfen müssen; aber Gott schickte ihnen den Tod. Als sie nun christlich verschieden, band man sie auf einige Dielen und heftete wohlverwahrtes Geld daran, daß sie ehrlich begraben werden konnten, wo man sie am Ufer fände. Dann wurden sie unter großem Weinen der Übergebliebenen ins Meer geworfen.

Vier Tage fuhren jetzt die Ritter ganz still und mit gutem Winde dahin, aber ihrer wartete das Unglück. Denn am fünften Tage fing der Wind an aus Süden zu blasen und erregte ein großes Ungewitter, so daß Herzog Ernst meinte, das Schiff müßte untergehen. Der Steuermann wußte nicht, in welcher Gegend sie wären; denn es war finstere Nacht.

Als der Tag anzubrechen begann, ging der oberste Schiffsmann hinaus aufs Verdeck und sah sich um. Da erschrak er gewaltig und rief mit lauter Stimme: »O allmächtiger Gott, komm uns am heutigen Tage zu Hilfe, sonst müssen wir verderben!« »Schiffsmann, was ist's, daß Du so schreiest?« sprach drunten im Schiffe der Herzog Ernst.

»Herr, bittet Gott mit allen den Eurigen um Gnade«, antwortete der Schiffsmann, »wir sind ganz nahe beim Magnetenberg und können nicht mehr davonkommen. Alle diese Schiff, die Ihr da sehet, sind schon verdorben!«

Herzog Ernst rief ihm zu: »Steig herunter und versuche, ob wir das Schiff nicht mit Gottes Hilfe wenden können!«

Aber der Schiffer sprach: »Das ist unmöglich, wir müßten wider Gottes Gewalt handeln. Darum bittet ihn, daß er Euch gnädig und barmherzig sein wolle!«

Wie nun der Herzog sah, daß der Schiffsmann so verzagt war, wußte er nicht, was er tun sollte, und sprach zu seinen Rittern: »Liebe Freunde, weil es Gott so haben will, daß wir unser Leben in dem wilden Wasser lassen sollen, so falle ein jeder auf seine Knie, bitte Gott den Herrn um Gnade, daß er jedem seine Sünden verzeihen wolle.«

Alle fielen auf die Knie. Nun fing Herzog Ernst an und sprach: »O allmächtiger Gott, der Du mich armen Sünder mit meinem Volke beschützet hast, wenn jetzt unsere Stunde gekommen ist, in der wir unser Leben enden sollen, so bitten wir Dich, Du wollest uns Deinen Heiland senden, daß er unsere Seelen in seine Hände nehme!« Bei solchen Worten ergab sich ein jeder Ritter in Gottes Willen.

Da begann die Kraft des Berges das Schiff an sich zu ziehen, daß es in Stücke ging.

Jetzt fing erst ein rechter Jammer an; einige von ihnen faßten die Trümmer des zerbrochenen Schiffs und arbeiteten ängstlich, wie sie sich auf die am Berge liegenden zertrümmerten Schiffe retten könnten.

Nun trafen hier Herzog Ernst und sein Freund Wetzel mit noch einigen Rittern zusammen, ihrer sieben auf einem solchen Schiff. In diesem fanden sie viele Tote; dieselben legten sie oben auf das Schiff.

Da kamen die Greifen geflogen, nahmen die Leichname hinweg und brachten sie ihren Jungen zum Fraße. Nun erscholl ein jämmerlich Geschrei; die Ritter und Herren, die sich hin und wieder noch auf die Schiffe flüchteten, schrien und weinten und riefen zu Gott, daß er ihnen gnaden wolle. Diese Klagen hörte Herzog Ernst und die bei ihm waren; das jammerte sie sehr, aber sie konnten ihnen nicht zu Hilfe kommen, sondern baten nur stets Gott unter Tränen, daß er sich ihrer erbarmen wolle. So irrten sie traurig auf dem Schiffe hin und her, da kam Wetzel von ungefähr in eine Kammer, in der er viel Ochsenhäute beieinander liegen sah. Er ging zurück zu Ernst und sprach: »Allerliebster Herr, wir müssen unser Leben doch wagen; sollen wir hier so elendiglich unsern Tod abwarten? Es wäre viel besser, Ihr folgtet mir dieses Mal; eine andere Zeit will ich wieder Euch folgen.«

»Mein lieber Freund«, antwortete Ernst, »wohl kommt die Zeit, wo ein guter Geselle dem andern folgen soll! Je nachdem Du Rat gibst, je nachdem folge ich!«

Da sprach Graf Wetzel: »Weil wir unser Leben einsetzen müssen, so wäre das meine Meinung: es sind hier im Schiffe viele Ochsenhäute, darein wollen wir uns nähen lassen, und dann sollen uns die Diener auf das Schiff legen. Wann nun die Greifen kommen, so meinten sie, es sei irgendein Leichnam; alsdann führen sie uns in ihr Nest, den Jungen zur Speise. So möchte dann Gott ein weiteres Mittel schicken, daß wir mit dem Leben davonkämen, und so gelangen wir wenigstens glücklich über das Meer!«

Herzog Ernst war dies zufrieden. »Aber es dünkt mich«, sprach er, »daß wir uns mit unserer Rüstung versehen müssen, denn der Greif wird uns sonst mit seinen spitzigen Klauen häßlich durchgreifen!«

So, nachdem sie alles im Schiffe gemustert, kamen sie in einen Winkel, da fanden sie viel Edelsteine, von diesen nahmen beide ein gutes Teil zu sich, legten ihre Rüstung an, versorgten sich aufs beste und ließen sich zusammen in zwei Ochsenhäute nähen, worüber sich die guten Diener sehr betrübten, sie taten es gar ungern; doch mußten sie nach ihres Herrn Geheiß handeln. So wurden sie fest eingenäht und oben auf das Schiff gelegt.

Kaum lagen sie eine Stunde da, so kam ein grausam großer Greif, der nahm beide mit und führte sie in die Luft, als wenn ein Habicht eine Lerche dahintrüge. Die Diener sahen ihren Herrn mitsamt Wetzel hinfahren und wurden sehr traurig. Auch die zwei waren betrübt; denn der Greif hatte sie so hart gefaßt, daß sie sich nicht rühren konnten, und wenn sie nicht in ihrer Rüstung so wohl verwahrt gewesen wären, so würden sie nicht davongekommen sein; denn sie meinten, der Atem würde ihnen ausbleiben.

Da nun der Greif in seinem Neste war, legte er sie nieder, schwang sich wieder in die Luft und ließ die zwei Herren bei den jungen Greifen liegen.

Als diese sich allein fanden, sprach Herzog Ernst zu Wetzel: »O, lieber Geselle, lebst Du noch?«

Dieser konnte vor Müdigkeit und Ohnmacht kaum antworten und sprach: »Wenn uns Gott nicht hilft, so können wir nicht von hinnen kommen. Denn ich habe in meinen Armen keine Stärke mehr, daß ich mich aus der Ochsenhaut schneiden könnte!«

Da sprach Herzog Ernst: »Rasten wir noch eine kleine Weile, bis wir besser zu Kräften kommen!« So lagen die beiden eine Stunde und fürchteten sich seht vor dem alten Greifen, daß er wiederkommen würde.

Doch fing Herzog Ernst an, sich aus der Ochsenhaut zu schneiden, und als er aufgestanden, schnitt er seinen Freund Wetzel auch heraus. Da alle beide los waren, sahen sie die jungen Greifen an: die waren so groß als Kälber.

Die Ritter stiegen bald aus dem Nest und sahen sich um; da wurden sie gewahr, daß sie der Greif über das große Meer geführt hatte; doch wußten sie nicht, an welchem Orte sie sich befanden. Es war ihnen aber auch einerlei; sie dachten nur an ihren Hunger und aßen Wurzeln. Dann fielen sie wieder auf ihre Knie, lobeten und preiseten Gottes Allmacht. Nur wußten sie nicht, wo sie heruntersteigen sollten; denn wenn der alte Greif sie ereilt hätte, wären sie von ihm umgebracht worden.

Alsdann stiegen sie mit großem Kummer von dem hohen Berge hinab, und wie sie hinuntergekommen waren, liefen sie in einen großen Wald und beklagten ihre fünf Diener sehr, die sie in dem Schiffe verlassen hatten.

Nun aber berieten sich eben in dieser Zeit die Diener in dem Schiff, und zwei von ihnen ließen sich von den drei anderen auch in eine Ochsenhaut nähen; und diese wurden von dem vorigen Greifen ebenfalls geholt und in sein Nest geführt. Auch diese schnitten sich mit vieler Mühe aus der Ochsenhaut. Als sie merkten, daß der Greif hinweggeflogen war, stiegen sie mit großer Sorge aus dem Nest und gingen in den Wald; sie hofften hier ihren Herrn und seinen Freund aufsuchen zu können.

Da nun die übrigen drei Diener noch allein im Schiff waren, wußten sie nicht, was sie tun sollten. Zuletzt sprach einer von ihnen: »Meine Meinung wäre, daß Ihr Euch beide auch in eine Ochsenhaut nähen ließet, und das wollte ich tun, so ich hoffe auf Gott den Allmächtigen; hat er unseren Herren, Herzog Ernst und dem Grafen Wetzel, davongeholfen und darnach den andern zwei Dienern, die der Greif hinweggeführt hat, so wird Euch Gott auch helfen. Dann will ich allein in dem Schiff bleiben, solang mir Gott das Leben vergönnt!«

Diesem Rat folgten die zwei und zogen ihre Rüstung an, dann nähte sie der eine Genosse in zwei Ochsenhäute. Er mühte sich lange mit ihnen ab, bis er sie auf das Verdeck brachte.

Wie sie nun bereits vier Stunden gelegen waren, kam der Greif in schnellem Fluge, nahm sie in seine Klauen und trug sie über das Meer zu seinem Nest. Als nun der eine Diener sah, daß er ganz allein auf dem Schiffe war, fing er an ganz traurig zu werden, aber mehr um seiner Genossen und seines Herrn als um seiner selbst willen. Bald hatte er nichts mehr zu essen als ein halbes Brot, dies genoß er ohne einen Trunk; wie nun alles verzehrt war und er sich so ganz allein sah und von keiner Seele mehr Trost empfangen konnte, mußte er in Hunger und Durst elendiglich in dem Schiffe sterben.

Inzwischen waren die zwei andern Gesellen in großer Furcht und Müdigkeit eine Zeitlang im Neste des Greifen gelegen, bis sie wieder zum Bewußtsein kamen. Auch sie schnitten sich mit vieler Mühe und Arbeit aus der Ochsenhaut und kamen aus dem Nest in den Wald, wohin die zwei vorigen gegangen waren, ihren Herrn zu suchen; aber sie konnten ihn nicht finden. Alle vier liefen zerstreut hin und her, wie die Schafe, die ihren Hirten verloren haben, und hatten nichts zu essen als die Wurzeln aus der Erde. Die zwei letzten Diener gingen und suchten einen Brunnen, denn sie hatten sich gar müde an dem Berge gestiegen. Wie sie nun so durstig in dem Walde umliefen, dabei über ihren Herrn und ihre Gesellen klagten; so siehet der eine einen Hirsch daherspringen, der am Brunnen trinken wollte. Als der Hirsch sich dem Brunnen näherte, ward er scheu und lief, als wenn man ihn jagte: da merkten die zween, daß jemand in derselben Gegend wäre, und gingen hinzu. Dort fanden sie die zwei andern Gesellen beim Brunnen sitzend, wodurch alle vier nicht wenig erfreut wurden.

Sie erquickten sich an dem fließenden Wasser: dann beratschlagten sie, wie sie ihren Herren in dem dicken Walde suchen wollten, und stiegen durch manche tiefe Kluft, zuletzt schwang sich einer der Genossen auf einen hohen Baum und sah ihrer zween Leute in dem Walde gehen; da fing er an zu pfeifen und zu rufen.

Als Herzog Ernst und der Graf das Geschrei und Pfeifen hörten, standen sie stille und wußten nicht, was das für Laute wären. Plötzlich sah Ernst vier seiner Diener daherkommen. Des wurden sie von Herzen froh und empfingen einander mit lauter Freude.

Ein jeder erzählte, wie es ihm ergangen war, dann gingen sie eine Weile im Walde fort: Da sahen sie einen tiefen Grund, in dem ein reißendes Wasser floß; hier stiegen sie mit vieler Mühe über die Felsen, bis sie zu dem Wasser kamen. Denselben Weg, von wo sie gekommen waren, konnten sie nicht wieder hinauf, denn er war voll großer Steinklippen. Nun gingen sie längs dem Wasser hinunter, in der Hoffnung, irgendeinen Weg zu finden; aber es war vergebens, denn je länger sie gingen, je schlimmer begann der Pfad zu werden, und je höher die Berge waren, desto breiter wurde das Wasser und verlor sich zuletzt in eine tiefe Kluft, da brauste es so abscheulich, daß es ein Schrecken zu hören war. Nun wußten sie nicht, was sie tun sollten, standen beieinander und ratschlagten.

Da befahl Herzog Ernst seinen Rittern, sie sollten große Bäume abhauen und ein Floß bauen, mit dem sie durch die Kluft fahren konnten. Als das Floß fertig war, banden sie ihre Harnische drauf.

Nun sprach Herzog Ernst: Meine lieben Freunde! Wer von Euch mit durch diesen Berg fahren will, der befehle sich Gott dem Allmächtigen und bitte ihn um Gnade, daß er uns den Heiland zum Geleitsmann schicken wolle, damit wir glücklich mögen durchkommen!« Die Diener taten dieses alles und baten den Allmächtigen um Sicherung ihres Lebens. Dann bestiegen sie das Floß, das sie verfertigt hatten, und stießen es in das Wasser. Da schoß es hin wie ein Pfeil.

Als sie nun in das Loch hineingekommen waren, wurde es stockfinster, so daß keiner den andern auf dem Floß sehen konnte. Da schwamm das Fahrzeug schwankend von einer Seite zur andern, so daß sie meinten, es würde in Stücken gehen. Eine Weile ging es quer, dann wieder der Länge nach: das Wasser brauste so sehr, daß keiner hören konnte, was der andere sprach. Dies ungestüme Fahren trieben sie wohl einen halben Tag, während welcher Zeit keiner etwas sah. Später begann der Berg, durch dessen Schlucht sie fuhren, zu leuchten, so daß er schimmerte wie Feuer.

Als sie ganz nahe waren, schlug Herzog Ernst ein Stück vom Gestein ab. Diesen Stein heißt man auf Latein Unio und zu deutsch Karfunkel. Herzog Ernst steckte ihn in seine Tasche, weil er mit dem Edelstein eine besondere Absicht hatte.

Nachdem nun Herzog Ernst, der Graf Wetzel und die Ritter durch den Berg gefahren waren, kamen sie an einen großen Wald, und dort arbeiteten sie sich mit dem Floß an das Land: da sahen sie viel schöner Städte und Schlösser, worüber sie von Herzen froh waren, wiewohl sie der Hunger sehr hart quälte.

Nun taten sie alle ihre Harnische an, gingen miteinander nach einer großen Stadt und stellten sich unter das Tor. Da kamen Menschen gegangen mit einem Auge, das hatten sie über der Nase; diese heißt man zu Latein Cyklopen, und sie wohnen in Indien, sonst nennt man das Volk auch Arimasper. Viele derselben kamen herbeigelaufen, besahen Herzog Ernst mit seinen Leuten und verwunderten sich sehr, daß es Menschen gebe, die zwei Augen hätten, denn sie meinten, das wären Wilde; darum gingen sie fort und zeigten dem Herrn der Stadt an, es seien Leute vor den Toren mit zwei Augen.

Als der Herr der Stadt das vernahm, wunderte er sich sehr mit allen seinen Bürgern und schickte nach ihnen. Der oberste Stadthalter ging hin zu dem Tor und fragte sie, aus welchem Lande sie gekommen wären.

Da antwortete ihm Herzog Ernst, sie kämen aus dem Königreiche der Agrippiner. Nun führte sie jener zu dem Herrn der Stadt, äußerte die Vermutung, die Fremden seien Saryrn oder Waldmenschen, das heißt halb Menschen und halb Böcke, und sie seien etwa durch Verirrung aus dem Walde gekommen.

Der Herr aber empfing sie aufs freundlichste, und sie dankten ihm mit großer Ehrerbietung. Als er sah, daß sie sich so höflich erzeigten, gewann er sie sehr lieb.

Da sprach Herzog Ernst: Lieber Herr! Machet doch, daß Eure Diener uns etwas zu essen bringen, damit wir uns des Hungers erwehren mögen, denn wir haben seit sechs Tagen nichts als Wurzeln gegessen.«

Der Herr befahl, daß man ihnen zu essen brächte. Dies geschah auf der Stelle. Herzog Ernst und Graf Wetzel setzten sich mit den vier dienenden Rittern zu Tische und aßen und tranken sich recht satt. Nach vollbrachter Mahlzeit führte der Herr der Stadt den Herzog Ernst und seinen Freund in die Kammer und fragte sie, von warmen sie denn wären.

Da sprach der Herzog zu ihm: »Ich und meine Gesellen sind aus Deutschland, und mein Vater ist der allgewaltigste Kaiser in der Christenheit. Ich wollte eine Wallfahrt vollbringen nach dem Heiligen Grabe gen Jerusalem, da habe ich auf dem Meer vor großem Ungewitter viel Gesindel verloren.« Und nun erzählte Ernst seinem Wirte alle Abenteuer, die ihn und seine Genossen betroffen hatten, und dieser verwunderte sich nicht wenig über solche Rede.

Am Ende erfuhr der König der Arimasper selbst, daß Herzog Ernst in seinem Reiche wäre. Er wandte einen Boten an den Herrn der Stadt, der ihm diese Fremden schicken sollte, wiewohl derselbe sie nur ungern von sich ließ.

Wie nun Ernst mit seinen Rittern vor den König kam, wurde er von ihm aufs beste empfangen, und dieser gewann sie in der Folge gar lieb, besonders den Herzog Ernst und den Grafen Wetzel.

Sie waren eine gute Zeit bei dem Könige gewesen, als dieser einmal um Mitternacht auf die Jagd ritt und seine beiden neuen Freunde mitnahm. Wie sie eine kleine Weile geritten waren, sieht der König mit den Seinen, daß die Sciapoden wieder ins Land gefallen waren.

Ernst fragte ihn, was das für Feinde wären, da sprach der König: »Es sind unüberwindliche Feinde, Leute, die aus Morgenland kommen; man nennt sie Sciapoden oder Monokolen, das heißt auf deutsch Einfüßler, denn sie haben nur einen einzigen Fuß, und überdies bedecken sie sich damit, wenn die Sonne heiß scheint, und hüpfen so geschwind, daß sie niemand erreichen kann, zumal wenn sie auf das Meer kommen, da springen sie noch viel geschwinder als auf dem trockenen Lande.«

Da antwortete Herzog Ernst dem Könige: »Gnädiger Herr! ich bitte Euch ernstlich, daß Ihr mir einige streitbare, tapfere Männer gebet, dann will ich es mit Gottes Hilfe wagen und sie zurück oder gar zu Tode schlagen.«

Das ward dem Herzog Ernst vom Könige zugesagt, und so ritt er mit seinen Gesellen und dem ihm zugegebenen Volk an das Meergestade und schlug die Einfüßler fast alle zu Tode; nur einen fing er, und diesen führte er zum Könige.

Wie sie nun heimkamen, wurden sie mit Jubel empfangen von allen Leuten und besonders von dem Könige, wegen des großen Siegs, den sie gewonnen hatten.

Bald nach diesem Streite kamen andere Völker, Panochen genannt, und forderten auch Zins von dem Könige der Arimasper. Diese Völker haben so große Ohren, daß die Lappen bis auf die Erde hingen. So wurde der König von seinen Feinden aufs neue betrübet, denn kaum hatte er einen Teil aus dem Lande gebracht, so waren andere da. Da fragte er den Herzog Ernst um Rat, wie er es mit ihnen machen sollte, ob er ihnen den gewohnten Zins zuschicken sollte oder nicht.

Der kühne Held sprach: »Nein! Gebt mir das Kriegsvolk wieder, das ich vorhin gehabt; dann will ich sie wohl mit List vertreiben!«

Da der König solchen Trost von Herzog Ernst hörte, wunderte er sich sehr über seine Kühnheit und befahl dem Volk aufzubrechen. Dies geschah, und so zog Herzog Ernst den Feinden mit Macht entgegen.

Er merkte, daß sie in einem Wald ihre Versammlung hatten, umlegte den Ort mit seinem Volke und zündete ihn auf der einen Seite an. Als die Feinde nun den Wald brennen sahen, liefen sie zerstreut. und wollten entfliehen; aber Herzog Ernst hatte ihnen den Weg verlegt und schlug sie fast alle tot, außer zweien, die nahm er gefangen und führte sie mit sich in das Königreich der Arimasper zurück. Hier wurde er nach errungenem Siege vom König und allem Volk aufs feierlichste empfangen.

Aber das Königreich der Arimasper hatte großes Unglück, denn es war von vielen Völkern hart angefochten. Es kamen die Riesen und forderten ebenfalls Tribut von dem König. Der Riesenbote, welcher vor ihn kam, war so groß, daß er nahezu das Maß von zwölf Schuhen hatte, und das Volk, das ihn sah, entsetzte sich von seiner Größe. Dieser sprach mit trotzigen Worten zu dem Könige: »König, Du sollst wissen, daß Du meinem Herrn, dem Riesenkönig, den Zins zu geben schuldig bist; wenn Du dies nicht bald tust, so werden wir Dein Land bis auf den Grund verderben!« Über solch freche Rede erschrak der König sehr und wußte dem Boten keine Antwort darauf zu geben; er ließ denselben warten und schickte unterdessen nach dem Herzog Ernst.

Als dieser kam, fragte ihn der König um Rat, wie er es mit den Riesen machen sollte. Ob es nicht besser wäre, ihnen den Zins zu schicken. Herzog Ernst jedoch widerriet das dem König und sprach zu dem Riesenboten, er solle wieder heimziehen und seinem Herrn sagen, wenn ihm die Haut juckte, so sollte er kommen, sie werde ihm gekratzt werden.

Diese Rede verdroß den Boten, er ging wieder heim zu seinen Riesen und zeigte ihnen die schnöde Botschaft an. Da wurden diese zornig, machten sich in schnellem Grimm auf und fielen in das Gebiet der Arimasper ein.

Als der König dies gewahr wurde, rief er viel Volks auf und befahl ihnen, Herzog Ernst gehorsam zu sein. Diese waren willig dazu. Nun zog der Herzog den Riesen entgegen; wie sie nahe aneinander kamen, hielten sich jene in einem Wald und beabsichtigten den Feind bei Nacht zu überfallen. Aber Herzog Ernst hielt gute Wache, so daß sie es nicht vollbringen konnten.

So lagen sie wohl einen Monat lang einander gegenüber und scharmützelten alle Tage.

Der Herzog verlor viel Volks und dachte auf etwas anderes; er achtete sorgfältig darauf, wann die Riesen sich zum Mittagsmahle anschickten, da wollte er sie in großer Eile überfallen. So brach er heimlich mit seinem Volke auf und fiel in der Mittagsstunde in das Holz, da sich die Riesen dessen nicht versehen hatten; ihrer viele wurden zu Tode gestochen; doch blieb auch auf des Herzogs Seite mancher im Walde liegen, von den Riesen mit Bäumen erschlagen. Dennoch arbeitete Herzog Ernst unter ihnen so, daß sie am Ende weichen mußten.

Einige Riesen, die sahen, daß es so übel stand, flohen aus dem Walde in ein weites Feld, aber der Herzog, der dies gewahr wurde, ritt ihnen eilends mit seinem Volke nach, doch waren sie ihm entronnen bis auf einen. Derselbe war gar hart verwundet: da nahm ihn Herzog Ernst mit sich, ließ ihm einen Arzt holen und die Wunden verbinden.

Als er wieder aufgekommen war, ritt der Herzog mit seinem Kriegsvolk zu dem Könige zurück und wurde von diesem vor allem Volke seiner Mannheit halber gelobt, denn seinesgleichen war nie einer in das Land der Cyklopen gekommen.

Aber Herzog Ernst wollte nicht daheim bleiben, sondern nahm seine Genossen mit einigem andern Gefolge und zog weiter.

Da er nun mancherlei Leute beieinander hatte, gefiel es ihm wohl; er sprach zu seinem Freunde Wetzel: »Lieber Geselle, rate mir nun; ich habe von den Leuten gehört, daß es in Indien ganz kleine Menschen gibt, die in stetem Streite mit den Kranichen liegen. Nun habe ich Lust, solche Menschen auch zu sehen. Darum ziehe mit mir, dann wollen wir noch einige tapfere Männer mit uns nehmen.«

Graf Wetzel war dies wohl zufrieden.

Sie bestiegen alsbald ein Schiff mit Speise und aller Notdurft und fuhren den nächsten Weg nach Indien. Wie sie in das Land gekommen waren, nahmen sie ihre Straße nach den Pygmäen oder dem Zwergvolke.

Als diese den Herzog mit seinem Gefolge sahen, erschraken sie vor den großen Leuten, gingen ihnen entgegen und baten sie um Frieden. Da sprach Herzog Ernst: »Wir sind nicht gekommen, den Frieden zu brechen; wir wollen Euch vielmehr Frieden machen!«

Darüber wurden die Zwergvölker froh, und einer fing an und sprach zu dem Herzog: »Wisset, gnädiger Herr, daß uns die Vögel großen Schaden tun; denn wir können vor ihnen am Tage gar nichts arbeiten, sondern müssen es bei Nacht tun!«

Indem kam ihr König gegangen, fiel dem Herzoge zu Fuß und empfing ihn mit seiner Ritterschaft gar tugendlich, ließ ihm auch ein gutes Nachtlager bereiten.

Mit Tagesanbruch ging Herzog Ernst nebst einigen der Zwerge aus und ließ sie einen Streit mit den Kranichen anfangen. Die Vögel kamen geflogen und stachen mit ihren spitzen Schnäbeln der Kleinen viel zu Tode. Herzog Ernst aber ritt mit etlichen Dienern hinzu, schlug und schoß der Vögel eine solche Menge zusammen, daß das Feld voller Kraniche lag und die Bewohner ein ganzes Jahr von ihrem Fleisch zu essen hatten.

Als Herzog Ernst wieder bei dem Könige war, nach gewonnenem Siege, ließ dieser ihm viel Golds und allerlei Edelsteine vortragen und bat ihn sehr, er möchte nehmen, was ihm gefiele; aber der Herzog wollte nichts davon, sondern bat den König nur, daß er ihm zwei kleine Männlein gebe.

Das tat der König mit Freuden und gab ihm zwei Zwerge zu Knechten.

Nun beurlaubte sich Herzog Ernst von dem Könige und fuhr mit seinem Volke wieder zu den Arimaspern und hatte die wunderlichen Leute, die er gefangen, die zwei Zwerge und den ungefügen Riesen bei sich. Wenn er sich dann eine Kurzweil machen wollte, ließ er sie miteinander streiten. So hatte er es gut in dem Lande, denn der Cyklopenkönig hatte ihm fünf große Städte und Schlösser geschenkt. Einmal, als er das Mittagsmahl genommen hatte, ging er zu seiner Lust ein wenig am Meeresgestade mit seinen Dienern spazieren.

Wie er sich nun so in der Gegend umtat, da sah er ein Schiff ans Land kommen. Neugierig ging er hinzu und fragte die Leute, die alle die dunkle Hautfarbe der Mohren hatten, von warmen sie wären.

Der Patron sprach: »Wir kommen aus Indien und sind vom Winde hergetrieben worden!« Herzog Ernst fragte sie weiter, welches Glaubens sie wären. Der Patron antwortete, sie glaubten an den eingebornen Sohn Gottes, den Erlöser, und wollten ihn nicht verleugnen, wenn sie auch darüber sterben müßten.

Diese Rede gefiel dem Herzog Ernst sehr wohl. Er sprach zu dem Schiffsherrn: »Lieber Schiffsmann, sage mir, hat jenes Land auch Krieg mit einem Könige?«

.Ja«, sprach der Patron, »es hat eine Zeitlang schweren Krieg mit dem Sultan in Babylonien gehabt; dieser hat sie des christlichen Glaubens halber bekriegt und so angegriffen, daß er über das halbe Land mit Feuer verwüstet hat; aber jetzt, seit einem Jahre, hat es mit diesem Könige guten Frieden; doch fürchte ich, er werde bald wieder anfangen, denn ehe wir aus unsrem Lande zogen, ging die Sage, er schicke sich wieder an, in unser Königreich einzufallen!«

Da sprach Herzog Ernst zu dem Patron, er solle ohne sein Wissen nicht hinwegfahren, denn er hoffe, wenn es nach seinem Wunsche gehe, auch mitfahren zu können. Da lud er den Schiffsherrn mit allen den Seinigen zu sich auf das Schloß ein und ließ sie dort aufs beste verpflegen. Dann rief er seinen Freund Wetzel samt seinem Kämmerer zu sich und sprach zu ihnen: »Liebe Freunde, was ratet Ihr dazu? Sollen wir uns aufmachen und zu diesen Mohren nach Indien ziehen? denn der dortige Mohrenkönig hat die Christen sehr lieb. Auch wisset Ihr wohl, daß wir uns hier nicht recht regen dürfen, obwohl mir der König etliche Landschaften geschenkt hat; soll ich aber deswegen unter den Heiden mein Leben enden? Das will ich nicht tun, selbst nicht, wenn ich wüßte, daß es mir übler gehen sollte, als es mir ergangen ist. Darum, liebe Herren, was ratet Ihr dazu?«

Sie sprachen, das gefalle ihnen gar wohl und zeigten sich willig, ihm auf die Reise zu folgen.

Jetzt befahl Herzog Ernst seinen Dienern, das Mohrenschiff mit Speise zu versehen; dann nahm er seine wunderbaren Leute, bestieg das Schiff mit Wetzel und seinen andern Rittern samt den Mohren, fuhr ohne Urlaub aus dem Königreiche der Arimasper weg und ließ die Städte, die ihm geschenkt waren, dem Könige liegen.

Ein guter Wind trieb ihr Schiff nach Indien. Wie sie dort angekommen waren, gingen die Mohren sofort zu ihrem König und zeigten ihm an, daß ein mannlicher Held mit ihnen gefahren, ein christgläubiger Mensch; der König ging gleich hinaus an das Meeresgestade und empfing den Herzog Ernst mit großer Achtung; er führte ihn heim und hielt ihn gar herrlich mit seinen Rittern und Dienern. Sie aber blieben eine Zeitlang in gutem Frieden bei dem König.

Da kam eines Tags ein Bote von dem Sultan in Babylon, während sie über der Mittagstafel saßen, der sprach zum Könige: »Du König der Mohren wisse, daß ich von meinem Herrn zu Dir geschickt bin und Dir sagen soll: wenn Du von Deinem Glauben nicht abstehen wirst, so will er Dich mit Deinem ganzen Lande verderben; darnach richte Dich!«

Der König hinter dem Tisch erschrak über solche Worte und wußte nicht, was er dem Boten antworten sollte.

Aber Herzog Ernst als ein mutiger Held sprach zu dem Boten: »Sage Deinem König, er solle kommen; wir wollen seiner warten als Kriegsleute!« Und dann sprach er zum Könige: »Gnädiger Herr! was denket Ihr, daß Ihr ein so betrübtes Herz habt? Wisset Ihr nicht, daß Ihr ein Herr und Sultan in Eurem Lande seid? Und wenn Ihr nur zehn Männer hättet, so solltet Ihr Euch nicht fürchten! Tut Ihr ja doch solches um des Worts Gottes willen! Er hat durch seinen Sohn gesprochen: Was Ihr tut und leidet um meines Namens willen, das soll Euch tausendfältig vergolten werden!«

Diese Rede gefiel dem König; er sprach zu Herzog Ernst: »Lieber, Eure Warte, die haben mir mein Herz erquickt; nun will ich es wagen, und sollte mein Königreich darum zu Scheitern gehen; denn der König von Babylon hat mir früher mein Land mit Raub und Brand verwüstet, auch zur See mir großen Schaden getan.«

Der Bote kehrte also zu dem Sultan von Babylonien wieder heim und zeigte ihm an, was er von Herzog Ernst gehört hatte: (Allergnädigster Herr König«, sagte er, ich darf Euch die Worte nicht vorenthalten, die einer der Herren des Königs von Indien, der neben ihm stand, an mich gerichtet hat. Dieser sprach also: »Sage Deinem König, er soll kommen, wir wollen ihm Kriegsleute genug sein!< und noch mehr schnöder Worte fügte er bei, die ich Euch nicht sagen mag, denn ich fürchte meines Königs Zorn.«

Diese Botschaft verdroß den Sultan sehr. Von Stund an rief er an hunderttausend Heiden zusammen, fiel dem Könige von Indien in sein Land, verwüstete, was er fand, schlug Männer, Weiber und Kinder tot und vergoß viel unschuldig Blut.

Nun zog auch der König von Indien notgedrungen zu Feld und ließ sein Gezelt aufschlagen. Am andern Tage hieß er sein Volk in aller Frühe auf sein und sich zur Feldschlacht anschicken. Er selbst durchritt seine Heerhaufen, tröstete sie und sprach, sie sollten nur tapfer wider die Heiden streiten; wenn sie dies nicht täten, so wären sie auf ewig aus ihrem Lande gestoßen. Dazu würde es ihren Weibern und Kindern übel ergehen. Während der König solche Rede hielt, kam Herzog Ernst geritten; den bat der König dringend, das Panier zu tragen, wozu sich Ernst gern bequemte, denn er hatte sich mit Graf Wetzel wohl gerüstet; ebenso hatte er auch den großen Riesen stets bei sich.

Als nun beide Heere eine gute Zeit in Schlachtordnung einander gegenübergestanden hätten, ritt der König von Babylon auch um seinen Heerhaufen, tröstete sie und hieß sie beherzt dreinschlagen, denn sie sähen ja, daß der König von Indien nicht viel Volks hätte; darum sollten sie mit Eifer nach dem Panier trachten. Er wußte aber nicht, daß es ein kühner Held trug.

Wie man nun zum ersten und andern Male geblasen hatte, schickte sich ein jeder mit seiner Wehr aufs beste.

Als man zum dritten Mal zum Angriffe blies, da hub sich ein Spießkrachen an und ein Geschrei, daß man es auf eine Meile hätte hören können. Die Heiden wagten es, dem Herzog das Panier streitig zu machen, aber das wurde ihnen übel gelohnt: denn Graf Wetzel stand mit seinen Rittern nahe an demselben und schlug so tapfer unter die Heiden, daß es um ihn her voll von Toten lag. Besonders der Riese, den Herzog Ernst aus Arimaspien mit sich gebracht hatte, der schlug mit seiner Keule so tapfer um sich, daß ihm kein Heide mehr standhalten wollte.

Mitten unter diesem grausamen Schlagen von beiden Seiten ritt der König von Indien hinter seine Schlachtreihen, stieg von seinem Pferd und kniete auf die Erde nieder, hub seine Hände gen Himmel auf und flehte zu Gott, daß er ihm den Erlöser zu Hilfe senden und sein gläubig Volk gegen die Heiden beschirmen möge.

Indessen dauerte das Blutvergießen fort; es floß unter den Toten das Blut dahin wie ein Bach, darin mancher Heide und mancher Mohr ertrinken mußte. Der König von Babylon sah das große Gemetzel um Herzog Ernsts Banner; er jagte in Eile auf ihn zu, als wollte er ihn niederreißen, aber Graf Wetzel unterlief ihn, und versetzte ihm mit seinem guten Schwert einen so harten Schlag, daß der Sultan mitsamt dem Rosse zu Boden fiel.

Als die andern Heiden das sahen, wollten sie ihrem Könige zu Hilfe kommen, aber der Riese stand mit seiner Keule dabei und schlug unsäglich viele Heiden nieder, so daß ihrer keiner zu dem Könige kommen konnte. Und so nahm diesen Graf Wetzel gefangen.

Da wurden die Heiden verzagt und fingen an die Flucht zu ergreifen.

Jetzt bekamen die Mohren erst ein Herz, rannten ihnen mit aller Gewalt nach und erstachen ihrer viele auf der Flucht, so daß der Heiden nur wenige davonkamen. Eine ganze Meile Wegs sah man nichts denn Leichname.

Als die Mohren sahen, daß sie das Feld behielten, ritten sie zurück nach dem Wahlplatz und nun suchte jeder seinen Freund; da fand mancher den seinen tot liegen, ein anderer ihn ohnmächtig. Herzog Ernst aber berief seine Ritter zusammen. Es kamen ihrer nur drei, der vierte blieb aus. Alsbald ließ er unter den Toten suchen so lange, bis sie ihn fanden, und der Leichnam wurde vor Ernst und Wetzel gebracht.

Als ihn Herzog Ernst so tot vor sich liegen sah, fing er mit seinem Freund und seinen Dienern bitterlich zu weinen an und sprach: »O Du lieber Diener, soll ich Dich jetzt so tot vor mir sehen? Gott hatte Dich so wunderbar in Deinem Leben erhalten, aber weil er Dich nicht mehr darin haben will, nun, so nehmet Deine Seele in seine Hände!« Also ließ er ihn nach christlicher Ordnung zur Erde bestatten. Dann ritt er mit traurigem Herzen zu dem König von Indien zurück und klagte ihm den Tod seines Dieners; diesen jammerte es auch.

Darauf ging Ernst mit seinem Freunde Wetzel zum König von Babylon und sprach: »Du König der Heiden, warum unterstehest Du Dich, die Christenluft also zu schwächen, und willst sie von ihrem Glauben abbringen, das doch der einzig wahre Weg ist, der vor Gott gilt?«

Der König von Babylon sprach darauf zu Herzog Ernst. »Du mannlicher Held! Wer magst Du doch sein? Fürwahr, großer Schaden ist von Deiner Hand meinem Volke geschehen. Und wenn Du mit Deinem Gesellen, der mich gefangen hat, nicht gewesen wärest, so würde ich den Mohrenkönig wohl überwanden haben. Nun aber bin ich ein gefangener Mann.«

Da fing Herzog Ernst an und erzählte dem König von Babylon seine ganze Reise, die er vollbracht hatte. Dann ließ er seine wunderlichen Leute vor sich bringen, stellte sie vor den König und sprach: »Diese Menschen habe ich mit meinen Genossen in seltsamen Landen überwunden. Daran, Herr König aus Babylonien, könnet Ihr wohl abnehmen, wie es mir ergangen ist.«

Da sprach der König von Babylon: »Lieber Herr, wenn Ihr mir nicht aus dieser Gefangenschaft helfet, so muß ich all mein Lebtag hier gefangen bleiben. Und komme ich los, so will ich Euch bis nach der Stadt Jerusalem mit meinem Volke begleiten, und Ihr sollt für keine Zehrung zu sorgen haben!«

Diese Verheißung gefiel dem Herzog Ernst gar nicht übel, er ging sofort zu dem Mohrenkönig und sprach zu ihm: »Gnädiger König, weil ich Euren großen Feind gefangen habe, deucht es mir das beste zu sein, daß Ihr von ihm Euch eine Versicherung geben laßt, und gebet ihn gegen selbige ledig!«

Da sprach der König von Indien: »Nein, der Sultan von Babylon wird nicht so bald ledig aus meinen Banden, sondern er muß den christlichen Glauben annehmen!«

Über diese Worte erschrak Herzog Ernst und sprach: »Wie wollt Ihr einen dazu zwingen? Wisset Ihr nicht, daß niemand zum Glauben zwingen soll? Wer ihn nicht aus eigenem Willen annehmen mag, den soll man in Ruhe lassen; wie er dann glaubt, so wird er's am Gerichte Gottes empfinden! So wollen wir den König der Heiden darum fragen.«

Alsbald schickte der König von Indien zu dem von Babylon, und hieß ihn zu sich kommen. Dieser gehorchte auf der Stelle. Wie ihn nun die Mohren, die ihn verwahren mußten, brachten, da fragte ihn der König von Indien: »Ihr König von Babylon, Ihr wisset, daß Ihr mein Gefangener seid! Wollt Ihr Euch nun taufen lassen und den Christenglauben annehmen, so möget Ihr Eurer Bande ledig werden. Tut Ihr aber dies nicht, so müßt Ihr Euer Leben lang mein Gefangener bleiben. Darnach habt Ihr Euch zu richten.«

Darauf erwiderte der König von Babylonien: »Ich weiß wohl, daß ich Euer Gefangener bin, aber Euren Glauben nehme ich nicht an. Wenn ich mich sonst loskaufen kann, sei es mit Gold oder Silber, soviel Ihr immer verlangen möget, das will ich gerne tun, dazu Euch verheißen, daß Ihr nimmermehr von mir sollt bekriegt werden, solang ich lebe; was ich Euch vom Lande genommen habe, will ich Euch auch zurückgeben.«

So willige Worte des Heidenkönigs hörte der Mohr nicht ungern, er nahm den Herzog Ernst beiseite und sprach zu ihm: »Was meinet Ihr von solchen Verheißungen?«

Herzog Ernst sagte: »Habt Ihr meine vorige Rede nicht behalten? mein Rat wäre, daß Ihr ihn losgebet und Euch einen Eid schwören lasset, daß er seine Zusage halten wolle; dann will ich mich mit ihm aufmachen und den nächsten Weg nach Jerusalem mit ihm ziehen, denn er hat mir sicher Geleit durch sein ganzes Land zugesagt.«

Nun traten sie miteinander wieder zum König von Babylon, und der König von Indien zeigte diesem seine Meinung an. Da Schwur er vor Gott und den Menschen für sich und seine Nachkommen, alle seine Zusage zu halten und das Königreich der Mohren nimmermehr mit Krieg anzufechten. Das alles gefiel dem König von Indien gar wohl, doch war er sehr betrübt, daß Herzog Ernst von ihm scheiden wollte; er redete ihm auf das allerfreundlichste zu, daß er doch bei ihm bleiben möchte; er wollte ihm sein halbes Königreich geben.

Aber der Herzog schlug es ihm ab.

Der babylonische König, nachdem er dem Könige von Indien geschworen hatte, nahm nun mit Herzog Ernst Urlaub von dem Mohrenfürsten. Dieser segnete den Herzog und sprach: »Liebster Freund, ich bitte Euch aufs ernstlichste, wann Ihr ja nicht bleiben wollet, daß Ihr doch wenigstens Eurer Diener einen bei mir lasset.« Aber auch diese Bitte schlug ihm Herzog Ernst unter vielem Dank ab. Er ritt mit großen Freuden samt dem Sultan von Babylon in sein Land.

Wie sie nun zwei bis drei Tagereisen landeinwärts gekommen waren, wurden viele heidnische Herren die Wiederkunft ihres Königs gewahr, ritten ihm mit viel Volks entgegen und empfingen ihn herrlich, samt Herzog Ernst und Graf Wetzel. Auch verwunderten sie sich über die seltsamen Geschöpfe Gottes, die Herzog Ernst mit sich aus den Ländern genommen.

Nun zogen sie weiter unter mancherlei Kurzweil, bis sie in die schöne Stadt Babylon kamen. Daselbst blieb Herzog Ernst drei Wochen und besah die Stadt mit aller Aufmerksamkeit; dann beauftragte er seinen Freund Wetzel, alles zur Reise vorzubereiten, denn er wollte aufbrechen und seinen Weg nach Jerusalem nehmen.

Und nun ging er zum Sultan und verabschiedete sich von ihm, was diesem gar leid tat; denn wiewohl er kein Christ war, so gefiel ihm doch Herzog Ernsts Tapferkeit wohl, und er sprach zu ihm: »Weil Euer Bleiben nicht länger bei mir sein soll, so danke ich Euch aufs höflichste; denn wenn Ihr nicht gewesen wäret, so hätte ich müssen ein gefangener Mann bleiben, solange mein Leben gewährt hätte. Nun aber bin ich durch Eure Bitte losgeworden. Dagegen habe ich Euch verheißen, Euch mit meinem Volke bis zur Stadt Jerusalem zu geleiten.«

Hiermit ließ er ihm viel Gold und Silber bringen und schenkte ihm mancherlei Kleinode.

Diese Schenkung nahm Herzog Ernst mit großem Dank an und bat den König um zweitausend Heiden mit ihren besten Wehren.

Als dies geschehen, nahm Herzog Ernst Urlaub von seinem Wirte und ritt mit seinen Dienern auf Jerusalem zu.

Als sie nahe bei Jerusalem waren, da sprachen die Heiden zu ihm: »Ihr wisset, liebster Herr, daß wir jetzt von Euch scheiden müssen, denn nun seid Ihr in der Christenheit, da dürfen wir nicht hinein, denn sonst schlügen sie uns alle tot. Darum begehren wir jetzt einen freundlichen Abschied von Euch!«

Da Herzog Ernst sah, daß sie nicht länger mitziehen durften, dankte er ihnen herzlich für die Ehre, die sie ihm erwiesen hatten. So schieden sie voneinander; dann ritt Herzog Ernst der Stadt zu. Als er nun hart davor war, schickte er seine wunderlichen Leute mit einem Diener vor ihm her und behielt nur den Riesen mit seiner großen Stange bei sich. Wie der Diener mit den seltsamen Geschöpfen durch die Stadt Jerusalem zog, erschrak das Volk sehr, lief dem Diener zu und besah die wunderlichen Leute. Nun wurde die Straße so voll von Pilgern, daß niemand zu dem Hause kommen konnte, in das der Diener zur Herberge gezogen war. Indem ritt Herzog Ernst mit seinem Freunde herrlich in die Stadt ein, nebst dem Riesen und zwei Dienern. Als er nun in die Straße kam, sah er viel Volks stehen, so daß er nicht wohl zur Herberge gelangen konnte. Da bat er den Riesen, Platz zu machen mit seiner Keule, was dieser auch unverzüglich tat, indem er durch das Volk mit vieler Mühe drang, bis sie in die Herberge kamen. Herzog Ernst hieß das Volk unter die Fenster stehen, damit er und seine Gesellen genug von jedermann gesehen würden. Als nun die Pilger hörten, daß es Herzog Ernst sei, zeigten sie das ihrem Könige an, der solcher Märe froh war und ihn mit großer Freude empfing. Nachdem sich das Getümmel des Volks ein wenig verlaufen hatte, gingen einige vornehme Pilger, die Herzog Ernst kannten, zu dem König von Jerusalem und zeigten ihm an, wie dieser Herr mit seltsamen Menschen gekommen wäre und wie er eine so große Wallfahrt vollbracht habe, auch seine Genossen fast alle auf dem ungestümen Meer umgekommen seien, bis auf sein eigen Schiff, auf dem er allein mit wenigen Dienern davongekommen.

Der König hörte diese Kunde ausnehmend gern, ging alsobald zu Herzog Ernst in die Stadt, empfing ihn voll Hochachtung und führte ihn mit sich heim in seinen königlichen Palast. Hier fragte er den Helden nach allem, was ihm widerfahren sei. Herzog Ernst erzählte ihm seine ganze Geschichte, und der König verwunderte sich über die Maßen.

Nun kam die Zeit, daß sie mit großen Freuden das Mittagsmahl nahmen; darauf gingen sie zum Heiligen Grab, darin unser Herr Christus geruht hat. Daselbst fiel Herzog Ernst auf seine Knie, dankte Gott und sprach: »O Du barmherziger Gott, Du hast mich wunderbar erhalten und mir Deinen lieben Sohn mehr als einmal geschickt, der mich gestärkt und erhalten hat, bis auf diese Stunde. Darum sage ich Dir Lob, Ehre und Dank bis in Ewigkeit!« Nach diesem Gebete zog er mit dem Könige wieder in seinen Palast und blieb eine lange Zeit zu Jerusalem. Wie nun Herzog Ernst ein halbes Jahr zu Jerusalem gewesen war, kamen dahin zween Pilger, die kannten den Herzog wohl, und als sie die Fahrt vollbracht hatten und wieder heimkamen, gingen sie zu dem Kaiser Otto und zeigten ihm an, daß sein Sohn Herzog Ernst zu Jerusalem sei und viele wunderliche Leute aus seltsamen Ländern mit sich gebracht habe.

Darüber wunderte sich der Kaiser sehr und gab den Pilgern große Geschenke.

Dann ging er zu seinem Gemahl, der Kaiserin, und sprach: »Liebe Frau, ich will Euch eine Märe sagen! Euer Sohn Herzog Ernst ist zu Jerusalem und ist ganz grau geworden.« Vor solchen Worten erschrak die Kaiserin vor Freuden und sprach zu dem Kaiser: »Fürwahr, mein gnädiger Herr, die grauen Haare, die er hat, die kommen ihm nicht von kleinem Unglück, denn er hat manchen großen Schaden in seinem Leben leiden müssen!« Herzog Ernst hatte nun ein ganzes Jahr zu Jerusalem verweilt, da sprach er einstmals zu dem König: »Gnädiger Herr, ich begehre einen freundlichen Abschied von Euch, denn es ist nunmehr Zeit, mein Vaterland zu besuchen.« Der König erschrak über dieser Rede, denn er meinte, der gute Herzog sollte sein Leben zu Jerusalem endigen.

Doch weil das nicht sein konnte, ließ er ihm zwei große Schiffe mit aller Beigehör zubereiten. Darauf verabschiedete sich Herzog Ernst von dem König zu Jerusalem und fuhr mit seinem Volk nach Frankreich; auch viele andere fuhren mit ihm. Sie kamen mit gutem Wind an die Küste und von da glücklich in Paris an. Nachdem sie zwei Tage in der Stadt gewesen, wurde einer seiner wunderlichen Männer, den er aus dem Arimasperlande mitgebracht hatte, krank. Es war einer der Sciapoden, der einen so großen Fuß hatte, daß er sich vor den Sonnenstrahlen damit bedecken konnte. Dieser starb zu Paris.

Herzog Ernst war darüber sehr bekümmert und sprach zu Graf Wetzel: »Mich dünkt's, lieber Freund, wir wollen wieder auf die See und nach Rom schiffen und diese Stadt auch besuchen. Dann wollen wir zusehen, wie wir nach Deutschland kommen!«

So fuhren sie nach Rom in kurzer Zeit und wurden hier mit ihrem Gefolge schön empfangen. Alle Leute verwunderten sich über die seltsamen Menschen, die der Herzog mit sich führte und die er alle Tage auf den Straßen herumführen ließ, damit sie jedermann genau besehen konnte.

Nun war Herzog Ernst wohl acht Tage zu Rom gewesen, und nachdem er alle Merkwürdigkeiten der Stadt genau besehen hatte, ging er mit dem Grafen Wetzel zu Rat und sprach zu ihm: »O mein allerliebster Freund! Wir wollen uns aufmachen und nach unserem Vatertande ziehen. Denn Du weißt ja, daß wir mancherlei Gefahren hin und wieder ausgestanden haben und in großen Ängsten um Leib und Leben gewesen sind. Dennoch sind wir durch Gottes Hilfe darausgekommen. Jetzt aber will es mich bedünken, daß ich allererst in das größte Elend kommen werde, denn mein Vater wird von seinem grimmigen Zorne wider mich noch nicht gelassen haben, obwohl ich nicht schuldig daran bin. Darum bitte ich Dich, lieber Freund, um einen getreuen Rat, wie ich mich hierin verhalten soll.«

Da sprach Graf Wetzel: »Lieber Herr und Freund, ich sehe wohl, daß es uns jetzt übler gehen dürfte, als es uns bisher auf unserer ganzen Fahrt gegangen ist. Doch bitte ich Euch, Ihr wollet mir diesmal folgen. Ich habe gehört, daß der Kaiser Otto einen Reichstag zu Nürnberg mit seinem Fürsten und Herren halten will. Darum lasset uns aufsitzen, daß wir bald dahin kommen; dann wollen wir unsere Leute heimlich auf einem Wagen hinauffuhren lassen, damit der Kaiser unsere Ankunft nicht gewahr wird. Wer weiß, was für ein Mittel uns Gott inzwischen schickt!« Dies gefiel Herzog Ernst, und er sprach zu ihm: »Noch den heutigen Tag wollen wir uns hinwegmachen!«

Und das taten sie auch. Nach dem Mittagessen ließ Herzog Ernst zwei große gedeckte Wagen zurichten und kaufte für jeden derselben vier Pferde, nahm noch zwei Knechte an, verbot ihnen aber, jemand zu sagen, was auf den Wagen sei. Und nun ritt Herzog Ernst mit seinem Freunde Wetzel aus der Stadt Rom, und sie ließen die Diener hinter sich nachreiten, die so viel Unglück mit ihnen erlitten hatten; die zwei Wagen fuhren hinten nach.

Wo sie in eine Herberge kamen, gebot Herzog Ernst dem Wirt, daß er niemand etwas von den wunderlichen Leuten sagen sollte, die er mit sich führte.

Aber der Riese lief stets neben ihm her, wo er in eine Stadt kam. Über dessen Größe staunten die Leute sehr. Und so ritt Herzog Ernst mit den Seinigen in die Stadt Nürnberg, wo sie kein Mensch kannte; auch hielten sie sich mit ihrem Gefolge ganz heimlich in der Stadt auf. Später kam auch der Kaiser mit seiner Gemahlin und allen seinen Herren in die Stadt. Nun war es an einem Christtage zu Morgen, daß jedermann in die Kirche ging.

Die Kaiserin war auch hineingefahren mit etlichen Jungfrauen; das wurde Herzog Ernst gewahr, er sprach deswegen zu seinem Gesellen, Grafen Wetzel: »Was rätst Du mir? Jetzt ist meine Mutter, die Kaiserin, in der Kirche; ich dürfte wohl hineingehen und mich ihr zu erkennen geben; dann will ich mich gegen sie anstellen wie ein Bettler, der ein Almosen begehrt.« Das billigte Wetzel, und nun begaben sie sich miteinander zu der Kirche.

Da ging Herzog Ernst von Stund an durch das Volk zu der Kaiserin seiner Mutter, und als er vor sie kam, grüßte er sie freundlich und sprach: »Gebet mir doch ein Almosen, um Christi willen, von wegen Eures Sohnes Ernst!«

Da sprach die Kaiserin: »Ach lieber Freund! meinen Sohn hab' ich lange Zeit nicht gesehen. Wollte Gott, daß er noch am Leben wäre, ich würde Euch ein gutes Botenbrot geben!«

Schnell sprach Herzog Ernst: »Gnädige Frau, gebt mir das Botenbrot, dann will ich mich wieder von hinnen machen, denn ich bin einmal in Ungnade bei meinem Vater und kann nicht wieder zu Gnaden kommen!«

Die Kaiserin sagte: »So seid Ihr selbst mein Sohn Ernst!«

Da entgegnete Herzog Ernst: »Mutter, ich bin Euer Sohn; darum helfet mir!«

Wie nun die Kaiserin inneward, daß ihr Sohn wieder in das Land gekommen war, so sprach sie zu ihm: »O Du mein geliebter Sohn, da wir nicht Zeit haben, jetzt miteinander zu reden, so will ich Dir einen Weg anzeigen, wie Du bei Deinem Vater Gnade erwerben kannst. Ich rate Dir, daß Du morgen kommest, wann der Bischof von Bamberg das Evangelium gesungen hat, und mit Deinem Freunde, Graf Wetzel, dem Kaiser zu Fuße fallest und ihn bittest, Dir um Christi willen zu verzeihen; dann will ich heute den Bischof und andere Herren ersuchen, daß sie sich bei Deinem Vater für Dich mit einem Fußfall verwenden. So hoffe ich, daß sich des Kaisers Herz erweichen werde.«

Herzog Ernst nahm mit großem Trost im Herzen Abschied von seiner Mutter, ging wieder zu seinem Genossen Wetzel und erzählte ihm alles. Der ward von Herzen erfreut, und nun gingen sie zusammen in die Herberge und harrten auf den andern Tag.

Als aber die Kaiserin aus der Kirche heimgekommen war, schickte sie sogleich nach dem Bischof von Bamberg. Dieser kam, und sie führte ihn in ihr Kämmerlein und bat ihn mit weinenden Augen, daß er ihr doch eine Bitte gewähren wollte. Das verhieß er ihr gerne, und sie sprach zu ihm: »Wisset, lieber Herr, daß mein Sohn Ernst bei mir in der Kirche gewesen ist, und hat sich gegen mich wegen des Kaisers Ungnade beklagt, wie Ihr ja selber wisset, daß er unschuldig ist. Darum bitte ich Euch, wenn Ihr morgen das Evangelium gesungen habt, so wollet hernach ein klein wenig stille halten; dann wird mein Sohn kommen und einen Fußfall vor dem Kaiser tun und ihn um Gnade bitten: nun seid treulich gebeten, solches etlichen Fürsten und Herren anzuzeigen, damit auch sie ihm Gnade erwerben helfen.«

Diese klägliche Rede der Kaiserin erbarmte den Bischof sehr, er versprach ihr, alles zu tun, und beurlaubte sich. Dann ging er zu vielen Fürsten und Herren und meldete ihnen der Kaiserin Begehren; die verhießen ihm willig, das Ihrige zu tun. Herzog Ernst hatte mit großem Verlangen auf den andern Tag gewartet; endlich war der Kaiser mit seinen Herren in die Kirche gegangen.

Da machten sich Ernst und Wetzel auf, zogen miteinander in die Kirche und ließen ihre Diener von ferne nachgehen.

Als sie eingetreten, stand Herzog Ernst bei der Türe still; Graf Wetzel trat hinter den Altar und wartete der Zeit; denn wenn der Kaiser seinen Sohn nicht begnadigt haben würde und ihn wieder zum Gefängnis verurteilt, so hätte er ihn erstochen.

Da saß der Kaiser auf seinem Stuhl ganz herrlich und die Kaiserin neben ihm. Der Bischof von Bamberg fing an, das Evangelium mit lauter Stimme zu singen.

Wie das Amt aus war, ging Herzog Ernst mit großem Mut vor den Kaiser, seinen Vater, hatte seinen Mantel um sein Angesicht geschlagen, fiel vor ihm nieder auf seine Knie, neigte sein Haupt dreimal gegen ihn und sprach: »Allergnädigster Herr und Kaiser, ich bitte Eure Majestät, daß Ihr einem Sünder verzeihen wollet, der vor langer Zeit sich wider Euch vergangen hat, aber Gott weiß doch wohl, daß er in der Hauptsache unschuldig ist!«

Der Kaiser hörte die Bitte an und sprach zu ihm: »Je nachdem die Übeltat ist, wegen der Du Dich entschuldigst, so kann ich Dir verzeihen!« Da stund die Kaiserin von ihrem Stuhl auf und sprach: »Gnädiger Herr, vergebet diesem Menschen, weil er Euch an einem hohen Feste so inständig bittet!«

Desgleichen kam der Bischof von Bamberg mit vielen Fürsten und Herren; der bat auch und sprach: »Liebster Herr und Kaiser! Ihr sollt diesem armen Menschen vergeben, denn Ihr wisset wohl, es ist vor Gott kein Sünder so groß, wenn er rechte Reue über seine Sünden hat, so werden sie ihm verziehen!« Da sprach der Kaiser: Sie sollen ihm verziehen sein; doch will ich wissen, wer er ist!«

Nun warf Herzog Ernst den Mantel von seinem Angesicht zurück, und der Kaiser erkannte ihn und entfärbte sich in seinem Angesicht vor Zorn. Herzog Ernst sah das, erschrak sehr und winkte seinem Gesellen Wetzel am Altar, daß er Achtung haben sollte.

Aber der Kaiser, da er sah, daß alle Herren so eifrige Bitte für seinen Sohn einlegten, sprach: Lieber Sohn, wo ist denn Dein Freund, Graf Wetzel, hingekommen?«

Da sprach Herzog Ernst: »Dort bei dem Altar steht er!« Damit rief er ihn, und Wetzel kam mit großen Freuden gegangen und der Kaiser gab ihnen den Kuß des Friedens.

Darüber war die Kaiserin sehr erfreut. So blieben sie in der Kirche, bis das Evangelium von dem Bischof von Bamberg ausgelegt war. Dann gingen sie mit großen Freuden heim und jedermänniglich verwunderte sich.

Hierauf wurde das Mittagsmahl unter vieler Ergötzung und allerhand erfreulichen Gesprächen eingenommen.

Herzog Ernst fing unter anderm an und sprach: »Lieber Vater, ich bitte in Untertänigkeit, daß Ihr mir doch sagen wollet, warum Ihr mich also aus meinem Lande vertrieben habt, und ich habe Euch doch in keiner Sache etwas zum Verdruß getan!« Da sprach der Kaiser: »Lieber Sohn, ich will Dir nicht verhehlen, warum ich dieses getan habe. Der Pfalzgraf Heinrich kam einmal zu mir in meinen Saal und sprach zu mir: >Wisset, gnädiger Herr, es ist meine Schuldigkeit, Euch vor Schaden zu warnen. Denn Euer Sohn Ernst hat sich bei mehreren Herren vernehmen lassen, wenn er allein zu seinem Vater käme, wolle er ihn erstechen, damit er das Reich allein bekäme.< Der Pfalzgraf beteuerte, er selbst habe dies aus Deinem Munde gehört; er überredete mich dermaßen, daß kein Mensch den Zorn, den ich über Dich hatte, mir hätte ausreden können; darum schickte ich Kriegsleute gegen Dich und wollte Dich vertreiben lassen: die schlugest Du alle tot; dann, wie ich auf dem Reichstag zu Speyer war, kamst Du in meine Kammer und stachest den Pfalzgrafen an meiner Seite tot, und wenn ich nicht in meine Kapelle entflohen wäre, ich glaube, Du hättest mich auch erstochen! Da ward ich noch mehr von Zorn gegen Dich bewegt und vertrieb Dich ganz aus dem Lande.«

Darauf sprach Herzog Ernst: »So wahr Gott lebt, gnädiger Herr Vater, ich habe nie mit einem Wort wider Euch geredet; sondern als ich erfuhr, daß Euch der Pfalzgraf so schändlich belogen hatte, da hab' ich ihn getötet.«

Der Kaiser verwunderte sich nicht wenig über des Pfalzgrafen Verräterei.

Dann schickte Herzog Ernst, als die Mahlzeit vorüber war, einen seiner Diener in die Herberge und sprach zu ihm: »Bring das wunderliche Volk hierher, das ich mitgebracht habe!«

Das tat der Diener. Wie er sie aber über die Straße brachte, lief alles Volk ihnen nach, und der Riese hatte sich genug zu wehren. Als sie in dem Saal waren, schob man die Riegel vor, sonst wäre das Volk nachgedrungen, so neugierig war es, sie zu schauen. Dann sagte Herzog Ernst: »Lieber Vater, diese Leute hier habe ich dem König der Arimasper ganz untertan gemacht; der Mensch mit dem einen Auge aber ist in jenem Königreich zu Hause. Nun möget Ihr wohl schließen, wie mancherlei Gefahr ich ausgestanden habe. Einer von den Leuten, der nur einen einzigen gar breiten Fuß hatte, ist mir in Paris gestorben. Einen Agrippiner konnte ich nicht mitbringen, deren König habe ich erstochen; diese Leute haben Köpfe und Hälse wie Kraniche und besitzen ein großes Königreich. Von diesen schifften wir weiter und kamen an den Magnetberg, da ging unser Schiff zu Stücken, und sieben von uns retteten sich auf ein anderes Schiff. Dort nähten wir uns in Ochsenhäute, und der Greif trug uns ans Land in sein Nest. Gott half uns in einem Walde zueinander, da befuhren wir auf einem Floß im tiefen Grund ein Wasser und fuhren durch einen großen Berg und kamen an leuchtendem Gesteine vorüber; von dem hab' ich dies Stück abgeschlagen.«

Damit zog Herzog Ernst den Karfunkel heraus und gab ihn seinem Vater. Dann erzählte er noch weiter alle seine Abenteuer.

Der Kaiser konnte des Staunens gar nicht müde werden. Endlich sprach er zu Herzog Ernst: »Mein lieber Sohn, weil Du so vielfältig versucht worden bist, so verheiße ich Dir hier vor allen diesen Herren, daß Du all Dein Land wiederhaben sollst, und noch mehr Städte will ich Dir dazu schenken!« Das tat der Kaiser auch.

Alles schied fröhlich voneinander. Die Kaiserin lobte Gott in ihrem Herzen; Herzog Ernst mit seinem treuen Freunde, dem Grafen Wetzel, ritt in sein Land und regierte dort in guter Ruhe.

Der Kaiser aber zog gen Speyer auf den Reichstag, blieb lange Zeit daselbst und hielt einen köstlichen Hof, weil sein Sohn in das Land gekommen war. Die Kaiserin aber, Herzog Ernsts Mutter, bestellte Bauleute zu Salza und ließ Gott zu Danke ein herrlich Münster aufrichten, in welchem sie auch nach ihrem Tode begraben worden ist.

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