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Volkssagen und Legenden

Gustav Schwab: Volkssagen und Legenden - Kapitel 4
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typelegend
authorGustav Schwab
titleVolkssagen und Legenden
publisherprojekt.gutenberg.de
year2012
correctorreuters@abc.de
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created20120717
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Die über die Bosheit triumphierende Unschuld, das ist:
Das Buch Hirlanda

Die Geschichte einer geborenen Herzogin die sieben Jahre als Dienstmagd unter dem Vieh gelebt hat, nachmalen wieder an den Hof berufen, durch Verleumdung zum Scheiterhaufen verdammt und von ihrem Sohne gerettet ward. Vorgestellt in einer anmutigen Historie.

Vor vielen hundert Jahren lebte in England ein Herzog namens Artus, der sich mit der Herzogin Hirlanda von der Bretagne vermählte. Die Bretagne war eine Landschaft, die, obwohl in Frankreich gelegen, damals der Krone Englands als Lehen angehörte. Dort verbrachte der Herzog mit seiner jungen Gemahlin Hirlanda die ersten fünf Monate seiner Ehe in großer Liebe und Einigkeit. Eines Tages wurde er genötigt, von ihr zu scheiden, um in den Diensten seines Königs einen Ritterzug in das Feld zu wagen. Wie bitter diese unverhoffte Trennung den jungen Eheleuten vorkommen mußte, vermögen gewiß diejenigen zu verstehen, die selbst durch zarter Liebe Bande innig verknüpft sind. Nach dem traurigen Abschied war der Herzog immer in schweren Gedanken, und er befürchtete, daß seiner Gemahlin ein großes Unglück bevorstünde. Diese Furcht wurde noch gewaltig durch einen Traum vermehrt, der ihn bald darauf im Schlaf heimsuchte und den er einem vertrauten Diener mit großer Bekümmernis erzählte:

»Ich war kaum eingeschlummert«, sagte er, »da kam mir vor, als sähe ich meine geliebte Hirlanda ohnmächtig im Bette liegen, und auf ihrem Leibe saß ein grausamer Geier, der ihr das innerste Eingeweide mit Gewalt herauszerrte. Ich sah mich schmerzlich um, ob dem halbtoten Weibe nicht irgend jemand zu Hilfe käme; bald aber wurde ich gewahr, daß noch zwei andere Raubvögel herzuflogen und mit ihren spitzigen Schnäbeln ihr das Herz aus dem Leibe reißen wollten. Dieser Traum verstörte mich so, daß ich fürchtete, meine geliebte Gemahlin schwebe in irgendeinem Unglück oder sie sei, was Gott verhüten wolle, gar schon gestorben.«

Der Herzog hatte keine Ruhe, bis er einen Diener nach Hause abgeschickt und durch diesen über das Wohlbefinden seiner Frau günstige Nachrichten bekommen hatte.

Während nun der Herzog zu Felde lag, ereignete es sich, daß Richard, der König, von einer abscheulichen Krankheit heimgesucht wurde, die zu einem häßlichen Aussatz ward und von der kein Arzt im ganzen Königreich ihn heilen konnte. Endlich ließ der elende König einen Wunderdoktor rufen, dessen Kunst und Name im ganzen Lande sehr berühmt waren. Diesem entdeckte er sein Anliegen und bat ihn freundlich, allen seinen Fleiß anzuwenden, daß er von der entsetzlichen Plage befreit würde. Der Wunderdoktor tat dem König zu Liebe sein Bestes; dennoch wurde die Krankheit immer ärger. Am Ende kam der Arzt auf einen gräßlichen Gedanken, den der Satan selbst nicht teuflischer hätte ausdenken können. »Jetzt weiß ich ein kräftiges Mittel«, sprach er zu dem Könige, »doch ich zweifle, daß Eure Majestät Herz und Mut genug haben, es zu gebrauchen.«

Der König, der in seinem verzweifelten Zustand sich nicht gescheut hätte, Gift zu schlucken, erwiderte: »Du weißt, daß ich Dir bisher in allem gefolgt habe; zweifle nicht, daß, falls Du einen guten Vorschlag hast, ich mich auch in diesen willig fügen werde.«

Da sprach der Schalksknecht: »Allergnädigster König! Wisset, daß Ihr wieder zu Eurer völligen Gesundheit gelangen würdet, sobald Ihr Euch entschließen könnte, in dem Blute eines jungen Kindes zu baden. Ich beteure Euch, daß nichts in der Welt so kräftig gegen die Fäulnis ist, die sich an Eurem Leibe angesetzt hat, als das frische Blut eines neugebornen Kindes. Nur muß man diesem äußerlichen Mittel mit einer Zugabe nachhelfen, die auch die innerliche Wurzel der Krankheit heilt. Es muß nämlich das Herz des Kindes dazukommen, welches Eure Majestät ganz warm und roh, wie es aus dem Leibe genommen wird, essen und ganz aufzehren soll.«

Über diesen Vorschlag kam den König ein Grausen an, aber aus Liebe zur Gesundheit und Hoffnung eines längeren Lebens entschloß er sich endlich, dieses unnatürliche Mittel zu gebrauchen. Sein Gewissen beschwichtigte er mit solchen Überlegungen: »Es muß dem gemeinen Wesen mehr an der Wohlfahrt eines Königs liegen als an dem Leben eines kleinen Kindes in seinem Reiche. Darum tue ich nicht unrecht, wenn ich in meiner großen Not zu dem verzweifelten Mittel greife, vor dem mir selber graut.«

Wie der Wunderarzt merkte, daß der König bereit sei, in allem zu folgen, so sprach er weiter: »Mein König muß auch wissen, daß das Kind von hohem, ja fürstlichem Geblüte sein muß, dazu darf es auch noch nicht getauft sein.«

Der König entsetzte sich abermals, wenn er bedachte, daß um seinetwillen ein unschuldiges Kind an Leib und Seele verderbt werden sollte; doch nachdem er sich eine Weile besonnen hatte, sprach er die Worte: »Not bricht Eisen; warum sollte sie nicht auch rechtfertigen können, was nicht ziemlich ist?«

Kaum war der Entschluß des Königs gefaßt, so entzündete der böse Geist in dem Fürsten Gerhard, dem leiblichen Bruder des Herzogs Artus, die Begierde, seines Bruders Güter einst ungeteilt zu besitzen, so daß der Vorsatz in ihm reifte, an dem glücklichen Paare zum Verräter zu werden. Sobald er nämlich von dem schelmischen Vorschlage des Wunderarztes Nachricht erhielt, verfügte er sich insgeheim zu dem Könige und erklärte: »Weil es schwer wäre, ein fürstliches Kind zu finden, das ohne Geräusch und Widerstreben der Eltern hinweggenommen werden könnte, so sei er bereit, falls der König ihm die Sache anheimstellen wollte, allen Fleiß anzuwenden, ihm das Kind seines Bruders, das die Herzogin unter dem Herzen trage, ohne alles Aufsehen in die Hände zu spielen.« Über dieses Anerbieten war der König hoch erfreut und gelobte dem Fürsten eine königliche Vergeltung, wenn er sein Versprechen ins Werk setzen könnte.

*

Gottes Langmut läßt den Gottlosen zuweilen eine Zeitlang den Zügel ihrer Bosheit schießen und die Prüfung der Unschuldigen auf Erden walten. Aufgemuntert durch das Versprechen des Königs, beurlaubte sich der Fürst Gerhard ohne Säumen vom englischen Hofe und fuhr über Meer nach der Bretagne, wo die Herzogin während der Abwesenheit ihres Gemahls hofhielt und ihrer Niederkunft harrte.

Hirlanda wurde durch die Ankunft ihres fürstlichen Schwagers aufrichtig erfreut und erzeigte ihm alle Liebe und Freundlichkeit. Äußerlich stellte sich auch der Fürst an, als wenn er ihr bester Freund wäre; aber im Herzen suchte er nach allen Mitteln und Wegen, sein böses Vorhaben auszuführen. Inzwischen kam die Zeit der Geburt heran, und man machte alle Anstalten, das erstgeborne Herzogskind würdig zu empfangen.

Der schlimme Gerhard aber suchte die Hebamme und die Säugamme auf seine Seite zu bringen und teils mit schmeichlerischen Worten, teils mit reichen Geschenken zu bestechen. Damit aber niemand Argwohn schöpfen möchte, so bat er sie öffentlich ohne Aufhören, der Herzogin in ihrem Wochenbette getreulich beizustehen und allen Fleiß anzuwenden, daß die Gefahr glücklich vorüberginge. Nachdem er diese beiden ganz gewonnen und auch die vornehmsten Frauen der Herzogin durch die kühnsten Versprechungen auf seine Seite gebracht hatte, verlangte er nichts anderes von ihnen, als daß sie zur Zeit der Geburt aussprengen sollten, das Kind der Herzogin sei während der Geburtswehen gestorben. Die Amme sollte sich dann mit dem Kind an einen geheimen Ort begeben, wo er es in Empfang nehmen wollte.

Die Stunde der Niederkunft war da; die Kindesnöte dauerten einen ganzen Tag und einen guten Teil der folgenden Nacht und waren so hart, daß man sehr fürchtete, die Mutter würde mit dem Kinde zugrunde gehen. Endlich wurde das Kind geboren, die Herzogin aber von solchen Schmerzen befallen, daß sie eine gute Weile ohnmächtig dalag. Die boshaften Weiber, die der meineidige Gerhard bestochen hatte, bekamen also Zeit genug, mit dem Kind aus dem Schlosse zu fliehen und der See zuzueilen. Dort wartete ihrer ein segelfertiges Rennschiff. Kaum aber waren sie mit gutem Geleite eingeschifft, als eine Menge bewaffneter Knechte daherkam, die von dem Fürsten Gerhard bestellt waren und den neugebornen Prinzen nach England bringen sollten.

Während nun diese glücklich davonsegelten, erschien der Engel des Herrn einem frommen Abte des Klosters Sankt Malo, mit Namen Bertrand, und brachte ihm den Befehl Gottes, alsbald einige Mannschaft zusammenzubringen und nach dem Hafen Aleth zu schicken; dort sollten sie am Ufer einige Flüchtlinge anhalten, die ein fürstliches Kind, das noch nicht getauft sei, bei sich hätten. Dieses Kind sollte er taufen und erziehen lassen, die Säugamme aber so lange im Gefängnis halten, bis Gott ihm neue Befehle zusenden würde.

Der Abt beeilte sich, dem Befehle Gottes zu gehorchen; er schickte Mannschaft nach dem Hafen, welche die Flüchtlinge bei ihrer Landung überraschte und die Kriegsknechte teils niedermachte, teils in der See ertränkte. Die Amme mit dem Kind allein war in Gewahrsam genommen und vor den Abt geführt. Auf seine Fragen gab sie lügenhafterweise vor, daß ein Trupp Seeräuber sie und das Kind am Meerufer gefangengenommen hätte. Das Söhnchen übrigens sei gemeiner Eltern Kind.

Der Abt strafte mit ernsten Worten die Falschheit des lügnerischen Weibes und bewies ihr aus der kostbaren Seide, in welche das Kind eingewickelt war, daß es nicht nur kein gemeines Kind sein könne, sondern daß es Fürsten zu Eltern haben müsse. Hierauf warf er die boshafte Amme ins Gefängnis, ließ das Kind taufen und gab ihm seinen eigenen Namen Bertrand. Er selbst hob das Kind aus der Taufe, und seine eigene Schwester, der vor wenigen Tagen ihr Töchterchen von der Brust weg gestorben war, nährte das Findelkind mit ihrer eigenen Milch.

*

Nachdem der junge Bertrand durch Gottes wunderbare Schickung dem Messer des Schlächters entzogen und in Sicherheit gebracht wurde, wenden wir uns wieder zu der betrogenen Wöchnerin, der armen Herzogin Hirlanda.

Sobald diese nach der Geburt von ihrer schweren Ohnmacht wieder zu sich gekommen war, fragte sie zuerst nach ihrem lieben Kinde und begehrte zu sehen, was sie geboren hätte. Sogleich sagte eine der bestochenen Frauen seufzend zu ihr: »Ach, durchlauchtigste Frau, wollet doch nicht begehren Eure Leibesfrucht mit Augen zu sehen, denn sie ist so gestaltet, daß sie Euch mehr Schrecken als Trost verursachen würde.«

Hierüber wurde die kranke Mutter sehr bestürzt, doch siegte in ihr die Begierde, ihr Kind zu sehen. »Es liegt nichts daran«, sagte sie, »wie es gestaltet sei; ich will, daß man mir das Kind zeige!«

Da sprach die Lügnerin weiter: »Lasset doch Euren verderblichen Vorwitz fahren, gnädige Herzogin, denn Ihr habt gar kein natürliches Kind geboren, es hatte keinen wohlformierten Leib, sondern war nur ein Klumpen Fleisch, und kaum hatte es einige Zeichen des Lebens gegeben, so ist es alsbald gestorben.«

Die Herzogin ließ sich noch nicht beruhigen; sie sprach unter bitteren Zähren: »So sage nur, liebe Tochter, ob doch das arme Kind getauft worden ist und wohin man seinen Leichnam gebracht hat?« Das böse Weib antwortete: »Wie sollte man eine Frucht taufen dürfen, die keine menschliche Gestalt an sich hat? Man hat es ohne Taufe unter die Erde gescharrt!«

Diese Worte durchstachen das Herz der betrübten Hirlanda, und man glaubte, sie würde vor Trauer bei lebendigem Leibe dahinsterben. Sie klagte Gott ihren Jammer so schmerzlich und beweinte ihr Kind so kläglich, daß selbst die feindlichen Herzen der Weiber zum Mitleiden bewegt und zur Vergießung von Tränen getrieben wurden. Aber ihr großes Herzeleid wurde von Tag zu Tag vermehrt durch ihren falschen Schwager, den Fürsten Gerhard: Dieser gottvergessene Mensch redete die bedrängte Frau mit vielen Schmähworten an, nannte sie eine Mörderin ihres Kindes und behauptete, die Mißgeburt müsse eine Frucht des Ehebruchs oder noch größerer Greuel sein. So mußte sich die bedrängte Fürstin in ihrem eigenen Palaste, während sie ohnedem in der tiefsten Betrübnis war, ihr unschuldiges Heiz von einem Bösewicht zerfleischen lassen, der auf nichts anderes dachte, als wie er sie unter die Erde bringen könnte.

Unter den Frauenzimmern der Herzogin befand sich ein Edelfräulein, auf welches sie immer ein besonderes Vertrauen gesetzt hatte; aber eben die war es, welche zu ihrem Unglück am meisten helfen sollte. Denn auch diese hatte der trügerische Gerhard mit Geld bestochen und durch schmeichelnde Liebkosungen auf seine Seite gebracht. Auf seine Anstiftung ängstete sie ihre gnädige Frau unaufhörlich, hinterbrachte ihr, wie schlimm ihre Sache stehe und wie sie in gewisser Lebensgefahr schwebe. So ging sie einstmals zu ihr und sprach mit erheuchelter großer Betrübnis: »Ach Herrin, wie wird es .Euch ergehen! Was hat der Himmel in seinem Zorne mit Euch vor! Wie wollet ihr der großen Gefahr, in der Ihr schwebet, entfliehen?«

Die Fürstin wurde bei diesen Worten so niedergeschlagen, daß sie nicht wußte, was sie sagen sollte. Doch trieb sie die große Angst zu fragen, was diese Worte bedeuten sollten.

Das lose Fräulein holte einen tiefen Seufzer und sprach: »Unglückseligste Frau, laßt Euch anvertrauen, was ich mit List aus dem Fürsten, Eurem falschen Schwager, herausgelockt habe. Wisset, daß dieser Euch fälschlich angeklagt hat, Euer Kind sei die Frucht eines unaussprechlichen Greuels. Und deswegen hat er den bestimmten Befehl von dem Herzog erhalten, Euch heimlich hinrichten zu lassen, bevor er selbst wieder zurückkäme.«

Auf diese Rede kam die Herzogin eine tödliche Angst an, und sie ward von ihren Sinnen verlassen. Als sie wieder zu sich selbst gekommen war, sprach sie schluchzend und wehklagend zu dem Fräulein: »Mein liebes Kind, Ihr wisset, wie ich Euch immer vertraut habe; darum ratet mir auch in dieser fürchterlichen Not, wo ich mir selbst vor Schrecken nicht zu raten weiß.«

»Liebe Frau«, antwortete die Falsche, »ich weiß Euch keinen bessern Rat, als daß Ihr Euch heimlich auf die Flucht begebet; denn seid gewiß, wenn Ihr dieses nicht tut, so müßt Ihr schon in der folgenden Nacht sterben.«

Die Herzogin fand keinen bessern Rat, nahm von Kostbarkeiten zu sich, was sie konnte, und verließ mit anbrechender Nacht heimlich das Schloß.

Die erste Nacht blieb sie unter großer Angst in einem dunklen Walde liegen; vor Tag stand sie wieder auf, und floh so weiter Tage und Nächte durch lauter Heiden und unbewohnte Gegenden.

Endlich, nach langem Umherirren, kam sie auf einen Edelsitz, der ihr gänzlich unbekannt war. Hier hoffte sie sicher zu sein und trug den Bewohnern als eine arme Magd ihre Dienste an: sie wurde aber zu nichts anderem angenommen, als den Tag über das Vieh zu hüten und des Abends den Viehmägden zu helfen. Diesen verächtlichen Dienst nahm sie demütig an. Sie war getrosten Mutes, nur wenn sie manchmal des Tages ganz einsam im offnen Walde war, weinte sie über ihr unaussprechliches Unglück mit so viel heißen Zähren, daß ihre Kleider ganz naß wurden. Dennoch sagte sie dem gnädigen Gott herzlichen Dank, daß er sie der schnöden Welt so wunderbar entrückt und sie in diesen niedrigen Stand versetzt habe, in welchem sie ihm wohlgefälliger dienen und für ihr Seelenheil besser besorgt sein könne. Vielmals kniete sie unter den grünen Bäumen, erhob Herz und Auge gen Himmel und betete mit tiefer Inbrunst. So führte sie mitten im Elend ein frommes und gottseliges Leben und nahm an allen Tugenden zu.

*

Sobald Hirlanda das Schloß verlassen hatte, sprang dem falschen Gerhard das Herz vor Freuden auf. Ihre unbesonnene Flucht schien ihm eine kräftige Anklage wider ihre Unschuld an die Hand zu geben. Es war ihm tausendmal lieber, daß die Fürstin noch am Leben war, als wenn sie gestorben wäre; so durfte ja sein Bruder nicht mehr heiraten, und er hoffte unfehlbar das Herzogtum zu erben.

Damit jedoch sein Bruder keinen Argwohn gegen ihn schöpfen möchte, als hätte er dessen Gemahlin durch böse Ränke vertrieben, so stellte sich der arglistige Fuchs, als wäre er über die Flucht seiner Schwägerin trostlos; er klagte vor allen Hofbedienten schmerzlich über ihr Verschwinden; auch ließ er im ganzen Schlosse fleißig suchen und fragen, ob sie nicht irgendwo erforscht werden möchte, und schickte zu Roß und zu Fuß Leute aus, denen er große Reichtümer versprach, wenn es ihnen gelänge, Hirlanda zu finden.

Als die Boten unverrichteterdinge zurückkehrten, eilte er ins Feldlager des Königs zu seinem Bruder, um mündlichen Bericht über den ganzen Verlauf der Sache abzustatten. Dort stellte er sich so traurig, als könnte er alle Tage seines Lebens nicht mehr fröhlich werden.

Sein Bruder erschrak über diese verstellte Traurigkeit sehr und fragte ihn eifrig darüber aus, was doch dieselbe zu bedeuten hätte.

Hierauf sprach der Schalk: »Herzliebster Bruder, ich bringe Dir eine so schlechte Zeitung, daß ich sie Dir lieber verschweigen als mitteilen möchte!«

In vollem Schrecken fragte der Herzog: »Ist doch nicht meine Hirlanda gestorben?«

»Wollte Gott, sie wäre gestorben«, erwiderte Gerhard mit gesenktem Haupte, »dann wäre das Leid noch zu verschmerzen. Nun aber sollst Du wissen, daß sie in ihrem letzten Wochenbette eine solche Mißgeburt geboren hat, daß ihre Weiber sie auf der Stelle begraben mußten und einhellig sagten, eine solche Frucht könne von keinem Menschen herrühren. Als die Sünderin merkte, daß der Greuel an den Tag kommen würde, hat sie bei der Nacht ihr Heil in der Flucht gesucht; und wiewohl ich zu Roß und zu Fuß Leute nach ihr ausgesandt, habe ich doch keine Spur von ihr entdecken können.«

Wer wollte beschreiben, welche Wirkung diese Botschaft in dem Gemüte des Herzogs verursacht habe. Auf die erste Bestürzung folgte in seinem leichtgläubigen Herzen eine grausame Erbitterung über die Missetat seiner Gemahlin. Die Wut wurde bei ihm immer heftiger und raubte ihm zuletzt alle Besinnung. Er machte seinem Feldzug ein kurzes Ende und eilte mit Gerhard in vollem Grimme nach Haus.

Dort durchforschte und befragte er alle Vornehmen seines Hofes, was sich, solange er von der Heimat ferne gewesen, mit Hirlanda zugetragen habe. Weil aber alle von dem Fürsten Gerhard mit Geld bestochen waren, so stimmten sie meisterlich in seine Lügen ein. Dadurch wurde der Herzog in seinem falschen Wahn bekräftigt. Er schwor, daß er Hirlanda, wenn er sie jemals wiederfinde, ums Leben bringen würde.

Der boshafte Gerhard indessen nahm Abschied von seinem Bruder und verfügte sich wieder nach England. Dort hoffte er den versprochenen Lohn in Empfang zu nehmen; denn er dachte nicht anders, als daß Hirlandas Sohn dem König ausgeliefert und geschlachtet worden sei.

Wie er aber dort angekommen war, mußte er wider all sein Verhoffen erfahren, daß kein Kind in England angekommen sei, sondern daß dasselbe noch an der bretagnischen Küste zu Aleth von gewaffneter Mannschaft aufgefangen worden. So hatte es ein Bootsknecht, der mit dem Kind auf dem Schiffe gewesen und durch die Flucht sich gerettet, zu London erzählt. Dies brachte den Bösewicht ganz aus der Fassung; er getraute sich nicht, bei dem Könige sich anmelden zu lassen, sondern floh zurück auf seinen Herrensitz, und hier quälten ihn immer schwere Gedanken und Sorgen, was sich wohl mit dem Kinde zugetragen haben möchte und daß es, großgewachsen, sich dereinst wohl an ihm rächen könnte.

*

Sieben ganze Jahre waren verflossen. Herzog Artus hatte als ein Witwer gelebt und zuerst die Falschheit seines ungetreuen Weibes, später aber seine eigene Unbesonnenheit angeklagt, denn es stiegen ihm von Zeit zu Zeit Zweifel gegen die Ehrlichkeit seines Bruders auf, und er konnte über nichts mehr in der Welt eine rechte Freude empfinden.

Da trug es sich zu, daß eine große Schar benachbarter Edelleute bei ihm um die Erlaubnis anhielt, eine Wallfahrt nach dem Sankt Michaelsberge anzustellen, welcher weit im Süden an der Grenze von Frankreich und Spanien liegt und durch großen Zulauf vielen Volkes verherrlicht wird. Der Herzog erlaubte es, und die große Wallfahrt ging vonstatten.

Nachdem nun die Edelleute ihre Andacht bei dem heiligen Michael verrichtet hatten, nahm einer von den Vornehmsten, Herr d'Olive genannt, Abschied von der Gesellschaft, um eine Verwandte, welche weiter hineinwärts nach der Normandie zu wohnte, zu besuchen.

Nach langer Reise kam er an das gewünschte Schloß, das in einer tiefen Wildnis lag.

Hier fand er auf einer Trift Trift = Viehweide (vom mittelhochdeutschen trip = das Treiben) eine Hirtin, die er anfangs nicht erkannte. Sie sah wohl feiner aus als sonst Bauernweiber, aber ihre Schönheit war ganz verblichen. Als sie jedoch auf seine Bitte ihre Herde für eine Weile verließ und ihn, der irregegangen war, auf den rechten Pfad geleitet und unterwegs mit ihm in ein Gespräch geriet, da erkannte er an der Sprache ihre vornehme Herkunft, und er argwohnte alsbald, es möchte die flüchtige Herzogin Hirlanda von Bretagne sein.

Als er nun von seiner Verwandten auf dem Schlosse freundlich empfangen und zu Abend herrlich bewirtet worden war, erblickte er zufällig unter den Dienstmägden abermals jene Hirtin, welche in dem Speisezimmer irgend etwas zu verrichten hatte. Er faßte sie aufmerksam ins Auge, erinnerte sich ihrer früheren Gestalt und erkannte endlich mit Sicherheit, daß es Hirlanda sei.

Er fragte darauf die Frau des Hauses, welche neben ihm am Mahle saß, was das für eine Magd sei und woher sie dieselbe erhalten habe.

Diese antwortete »Woher sie sei, kann ich Euch nicht sagen: ich weiß nur, daß sie vor sieben Jahren auf mein Schloß gekommen ist und um einen Dienst bei mir angehalten hat. So habe ich sie als ein verlassenes, armes Weibsbild zu mir genommen und ihr das Vieh zu hüten aufgetragen.«

Der Ritter erstaunte und sprach: »Liebe Base, glaubet mir, daß diese Magd niemand anders ist als die Herzogin Hirlanda von Bretagne, die ihren Adel unter diesen schlechten Kleidern verbirgt!«

Die Edelfrau ward bei diesen Worten ganz nachdenklich und gestand endlich, daß diese ihre Magd ihr oft seltsam vorgekommen sei und wie sie ihr oft an Sitten und Gebärden abgemerkt, daß sie keine Bauernmagd, sondern edleren Standes sei.

Nach dem Mahle, als die Gäste voneinandergingen, berief die Edelfrau in Beisein des Herrn d'Olive jene Magd auf ihr Zimmer und forschte aus ihr, wer sie sei und von wannen sie auf das Schloß gekommen. Hirlanda, die nicht erkannt sein wollte, erzählte darauf: »Sie sei eines Bauern Tochter und wegen Armut von ihrem Dorfe hinweggelaufen, um einen Dienst zu suchen.«

Der Bretagner aber sprach: »Frau, Eure Gestalt und Gebärde zeigt etwas ganz anderes an, und wenn ich meinen Augen trauen darf, so sage ich, daß Ihr der Herzogin von Bretagne ganz ähnlich sehet!«

Als Hirlanda diesen Namen nennen hörte, wurde sie ganz schamrot und wußte kein einziges Wort zu erwidern. Um so ernstlicher drang der Edelmann in sie; er wollte es erzwingen, daß sie aufrichtig die Wahrheit bekennen sollte. Endlich kam er so weit, daß Hirlanda nach vielen Ausreden in ihren eignen Reden gefangen wurde und nicht umhinkonnte, sich ihm zu erkennen zu geben. Auf dieses Bekenntnis wollten sowohl die Edelfrau als der Ritter ihr zu Füßen fallen und ihr die tiefste Ehrerbietung beweisen. Die Herzogin gestattete es aber nicht, sondern bat inständig, sie doch ja nicht zu verraten. Dann erzählte sie den beiden ihre ganze Geschichte und überzeugte sie von ihrer Unschuld.

Als der Ritter d'Olive dieses vernommen, erbot er sich auf der Stelle, sie nach ihrem Schloß in der Bretagne zurückzubringen und mit ihrem herzoglichen Gemahl zu versöhnen.

Die demütige Fürstin bat ihn jedoch inständig, ihr Geschick nicht zu offenbaren, sondern sie in ihrem niedrigen Stande bis ans Ende verharren zu lassen. So machte er sich allein auf die Reise, doch mit dem festen Entschluß, seinem Herrn, dem Herzog, sobald er könnte, die frohe Botschaft mitzuteilen. Dazu zeigte sich auch bald günstige Gelegenheit auf einer Jagd, die der Herzog veranstaltet hatte. Der Ritter d'Olive trachtete dabei, neben dem Herzog zu reiten. Beiläufig sagte er dann, daß er ihn, den Herzog, als einen besonders glücklichen Mann einschätze, da er doch alles besitze, was er auf Erden nur wünschen möge.

Der Herzog dagegen sagte: Nichts von allem, was er besitze, sei vermögend, ihn zu vergnügen, da er in der Ehe so unglücklich gewesen sei und keinen Erben seines Gutes hinterlassen würde.

»Wie aber«, fiel da der Ritter ein, »wenn Eure heimlich von Euch betrauerte und sehnlich vermißte Hirlanda noch am Leben wäre? Wolltet ihr, Durchlauchtiger Herzog, Euch auch alsdann nicht mehr glücklich preisen?«

»Ja, freilich«, sprach der Fürst, »dann wüßte ich nicht, was mir auf Erden zu wünschen übrigbliebe. Und wenn mir sie einer lebendig in die Arme führen wollte, ich weiß nicht, wie ich mich ihm dankbar genug zeigen könnte!«

Als der Edelmann diese Worte hörte, fing er an, dem Herzog alles, was sich zwischen ihm und Hirlanda zugetragen, zu erzählen: wie er sie in gemeiner Bauerntracht, das Vieh hütend, angetroffen und an nichts als an ihrer Sprache erkannt habe und wie er so lange in sie gedrungen, bis sie ihm endlich bekennen mußte, daß sie die unglückliche Hirlanda sei.

Über diese unerwartete Botschaft wurde das Herz des Herzogs mit Leid und Freude so ganz angefüllt, daß ihm süße und bittere Zähren mit Macht aus den Augen hervordrangen. Er beschenkte den Edelmann fürstlich und hieß ihn sich aufs geschwindeste aufmachen und seine vielgeliebte Hirlanda abholen. Pferd und Wagen, Diener und Geld wurden zu seiner Verfügung gestellt; nirgend auf dem Wege sollte er sich aufhalten, sondern so bald als möglich die Ersehnte ihrem Gemahl in die Arme führen.

Eilends machte sich der Ritter d'Olive auf den Weg, und in wenigen Tagen war er auf dem Schlosse der Normandie, begrüßte seine Verwandte, richtete der Herzogin den Auftrag ihres reumütigen Gemahls aus und brachte durch dringende Vorstellungen die frohe und erschrockene Fürstin so weit, daß sie sich entschloß, nach der Bretagne zurückzukehren.

In dem Edelsitze wurde es indessen unter allen Bewohnern ruchbar, daß die arme Hirtin, die sieben Jahre lang das Vieh gehütet, eine gewaltige Herzogsfrau sei, und alles eilte herbei, ihr die tiefste Verehrung zu bezeugen und nachzuholen, was bisher an Ehrerbietung versäumt worden war. Dies tat besonders die adelige Besitzerin des Schlosses, die sich zwar glücklich pries, eine so hohe Fürstin so lange beherbergt, aber auch höchst unglücklich achtete, sie nicht eher erkannt und besser bewirtet zu haben. Aber Hirlanda dankte ihr, als wenn sie das Beste bei ihr genossen hätte, und nahm unter vielen Tränen einen wehmütigen Abschied.

Sobald der Herzog vernommen, daß seine sehnlich erwartete Gemahlin nur noch eine Tagesreise von seinem Schlosse entfernt sei, kam er ihr mit allem seinem Adel und seiner ganzen Dienerschaft entgegen, um sie mit möglichster Ehre und Liebe zu empfangen und heimzuführen.

Sobald er an den Wagen kam, in welchem sie saß, fiel er ihr mit großer Inbrunst um den Hals, und Liebe und Leid schloß ihm den Mund, so daß er kein Wort mit ihr reden konnte. Ebenso erging es der Herzogin, als sie denjenigen wieder sah, dessen Abwesenheit ihr so viele tausend Zähren ausgetrieben hatte. Lange waren beide sprachlos, bis ihre stummen Zungen endlich wieder gelöst wurden und sie einander aufs freundlichste willkommen hießen. Der Herzog bat sie wohl tausendmal um Verzeihung, wenn er sie auf irgendeine Weise erzürnt hätte, wiewohl seine Schuld an ihrem Unheil keine andere war, als daß er seinem falschen Bruder so leicht geglaubt hatte. Aber auch Hirlanda bat ihren Gemahl demütig um Vergebung, daß sie ihn durch ihre unbesonnene Flucht betrübt hätte, wiewohl sie dies aus keiner andern Ursache getan als aus Furcht vor dem ihr angedrohten Tode.

Und wie sie nun zusammen in dem Wagen heimfuhren, da erzählte die Herzogin, was sich mit ihr in den sieben Jahren zugetragen. Durch diese Erwähnung ihres ausgestandenen Elends bewegte sie ihren Ehegemahl zu solchem Mitleiden, daß er sich anließ, als wenn er nimmer zu trösten wäre.

Als sie in die Hofburg und Hauptstadt des Landes kamen, zogen ihnen der ganze Rat und alle Bürgerschaft entgegen. Die geliebte Fürstin wurde empfangen, als wenn sie von den Toten erstanden wäre. Was Festliches angestellt werden konnte, wurde nicht gespart, und der Tag der glücklichen Wiedervereinigung schien viel fröhlicher zu sein als der erste Tag des herzoglichen Beilagers gewesen war.

Wenn die Sonne am hellsten scheint, pflegen erfahrene Seeleute am ersten einen Sturm zu befürchten. So sind alle menschlichen Dinge der Veränderlichkeit unterworfen, und oft, wenn man meint, dem Glück im Schoß zu sitzen, kommt unvermutet wieder ein neues Ungewitter, das uns in den vorigen Abgrund, ja in einen noch weit tieferen zurückwirft. Hirlanda hat dies erfahren. Denn während noch alles in Lust und Freuden schwebte und wegen der Wiederkunft der verlorenen Landesmutter jubelte, siehe, da schmiedete der gottlose Gerhard neue Anschläge, die Unschuld zu stürzen; denn es war ihm, als müßte er vor Zorn und Grimm wütend werden, als er hörte, daß seine Schwägerin wieder heimgekommen sei.

Er war damals, als Hirlanda in der Bretagne anlangte, nicht im Lande. Damit nun niemand seinen Widerwillen merken sollte, schickte er schleunig einen von seinen Hofjunkern ab, welcher seiner Schwägerin versichern sollte: wenn er nicht bettlägerig wäre, so würde er selbst gekommen sein, ihr wegen ihrer Wiederkunft Glück zu wünschen. Der Herzog und seine Gemahlin empfingen den Abgesandten aufs freundlichste und ließen mit keinem Worte ihren Widerwillen gegen den tückischen Gerhard merken.

Dies veranlaßte den Falschen, daß er einen ganz freundlichen Brief an die Herzogin schrieb, in welchem er bei Himmel und Erde beteuerte, daß ihre Wiederkehr niemand mehr zu Herzen gehen könne als ihm. Er schwur sieben schwere Eide, daß er an ihrem früheren Unheil keine Schuld habe: vielmehr sei die Säugamme, die gleich nach der Geburt heimlich mit dem Kinde davongeflohen war, die erste Anstifterin jenes Unglücks gewesen. Kurz, er wußte so natürlich zu lügen, so freundlich zu schmeicheln, daß der Herzog und die Herzogin seinen Worten glaubten und ihn wieder an den Hof beriefen.

So kam der falsche Gerhard wieder heim und wurde mit besonders großen Freuden empfangen. Er stellte sich auch äußerlich an, als wenn er ein wahres brüderliches Herz hätte, innerlich ging er mit keinem andern Gedanken um, als wie er neues Unheil anstiften könnte.

Unterdessen lebten die beiden neuen Eheleute in solcher Herzlichkeit zusammen, daß es schien, ihr Glück könne hinfort durch kein Leid mehr unterbrochen werden. Was der Herzog seiner geliebten Hirlanda Freundliches erweisen konnte, tat er um so beflissener, je mehr er die Pflicht erkannte, ihr das siebenjährige Elend durch Beweise seiner innigen Liebe zu vergüten. Auch war da nichts, was die fromme Fürstin ferner betrübte, als allein, daß ihr in den ersten Jahren des neuen Zusammenseins kein Erbe geschenkt wurde. Und das erste Kind, das sie so zu Schmerzen geboren, konnte sie nicht vergessen.

Im übrigen stand alles am Hofe wohl, und jedermann bemühte sich, der lieben Gebieterin nach Schuldigkeit dienstbar zu sein. Auch der Fürst Gerhard ließ es seinerseits an nichts fehlen, was ihm den Ruhm eines bescheidenen Bruders und den Namen eines getreuen Freundes verschaffen konnte, so daß jene beiden, durch seine List hintergangen, nichts als Gutes von ihm glaubten und seines begangenen Unrechtes ganz vergaßen.

*

Sieben Jahre hatte die erneute glückliche Ehe gedauert; zu Ende dieser Zeit wurde die Herzogin Hirlanda mit einem Mägdlein gesegnet. Als nun der falsche Gerhard sah, daß durch die Geburt dieser Erbin der Anspruch auf seines Bruders Erbschaft ihm wieder aus den Händen schlüpfte, so dachte er darauf, durch falsche Klagen seinen Bruder aufs neue gegen die Herzogin aufzubringen.

Als daher am Tage der Niederkunft seiner Gemahlin der Herzog in dem Schloßgarten sich erging und mit einiger Schwermut darüber brütete, daß die Herzogin keinen männlichen Erben zur Welt gebracht hatte, trat der Bösewicht allein zu ihm und stellte sich, als ob des Bruders Kummer ihm sehr zu Herzen ginge. Dann wünschte er ihm Glück zu der gebornen Herzogstochter, weil er nun doch eine Erbin seiner Güter habe, worauf er so lange geharrt hätte.

Der Herzog aber sprach: »Du hast keine Ursache, Bruder, mir Glück zu wünschen und Dich mit mir zu erfreuen; Hirlanda hat mir eine Tochter geboren, und ich hatte nach einem Sohne geseufzt.«

Auf diese Antwort hatte Gerhard gewartet; mit Begierde griff er nach der Gelegenheit, die Herzogin ihrem Gemahl verhaßt zu machen. Darum sprach er weiter: »Es steht freilich nicht in unserer Gewalt, Erben ganz nach unserem Wunsche zu erwerben. Doch meine ich, an der Geburt dieser unverlangten Tochter sei Hirlanda zum großen Teil selbst schuld. Durch übermäßige Buße und übertriebenes Fasten hat sie die Gesundheit ihres Leibes so geschwächt, daß sie für immer untauglich werden wird, einen männlichen kräftigen Erben zu gebären!«

Dies und anderes sagte Gerhard zu seinem Bruder und versenkte ihn in immer tiefere Schwermut.

Einige Tage nachher, als er merkte, daß sein Bruder in seiner Kaltsinnigkeit nicht nachließ, machte er bei seiner Schwägerin unter dem Scheine der Freundschaft einen Besuch, und nachdem er ihr insgeheim offenbart hatte, warum ihr Gemahl sich nicht mehr so freundlich gegen sie erzeige, gab er ihr den Rat, durch größere Zärtlichkeit das Herz des Herzogs zu gewinnen. Warum er dieses riet, wird sich bald zeigen.

Die unschuldige Fürstin befolgte den scheinbar gutgemeinten Rat; der Herzog aber, von Natur wild und mißtrauisch, wurde hierdurch nicht zur Freundlichkeit bewogen, sondern fing an zu argwöhnen, ob nicht unter dieser Liebkosung irgendein Trug verborgen sein könnte. Der böse Gerhard, welcher seinen Bruder in diesem Argwohn bestärken wollte, ließ nun durch einen Vertrauten ein kleines Briefchen schreiben und es dem Herzoge zu Tisch unter sein Handtuch legen. Es waren folgende Zeilen: Trau nicht, o Fürst, des Weibes List / Das gegen Dich so freundlich ist!

Diese wenigen Worte machten den Herzog so verstört, daß er von demselben Tag an nie mehr ein freundliches Wort zu der Fürstin redete. Ja, sooft er ihr begegnete, tat er ihr mit spitzigen Worten wehe oder erwies ihr mit spöttischen Gebärden eine Unehre. Der armen Hirlanda machte dies so bittere Schmerzen, daß sie in Tränen zerfloß und niemand sie zu trösten vermochte.

Der ehrvergessene Gerhard aber, der das ganze Spiel angefangen hatte, gedachte nicht eher davon abzulassen, als bis er die Herzogin um Ruf und Gut, ja um Leib und Leben gebracht hätte.

Es wohnte in der Nähe ein Edelmann, der wegen seiner Verworfenheit von allen Menschen gefürchtet und gehaßt wurde, selbst aber so vermessen war, daß er niemand fürchtete und alle Ungerechtigkeiten ohne die mindeste Scheu beging. Zu diesem gottlosen Menschen begab sich Gerhard und versprach ihm eine große Belohnung, wenn er ihm in einer gewissen Sache dienen wollte.

Der Edelmann zeigte sich sogleich bereit; nur begehrte er zu wissen, worin er ihm einen Gefallen erweisen könnte.

Da sagte ihm der tückische Gerhard, daß sein Bruder, der Herzog, sehr zornig auf seine Gemahlin sei, weil sie ihm keinen Erben geboren habe; von ihm, dem Edelmanne nun, verlange er, daß er den Zorn seines Bruders noch mehr erhitzen und ihm einflüstern solle, daß die Tochter, welche Hirlanda dem Herzog geboren, eine Frucht der Treulosigkeit sei und daß der Ritter d'Olive, welcher die Herzogin zuerst auf der normannischen Viehtrift entdeckt habe und eine schändliche Neigung zu der Fürstin trage, von dieser erhört worden sei.

Dieser Vorschlag gefiel dem schlechten Manne außerordentlich wohl; sobald es daher Gelegenheit gab, verfügte er sich zu dem Herzog und redete ihn also an: »Gnädigster Fürst und Herr! Stets war ich von einem besondern Eifer beseelt, für das hohe Ansehen Eurer Durchlaucht, meines Landesfürsten, mich zu wehren; so werde ich auch jetzt von meinem Gewissen getrieben, meinem Herrn eine Sache, die seine Person betrifft, vertraulich zu offenbaren. Und wenn Eure Durchlaucht das, wovon ich sichere Kenntnis habe, sich anzuhören entschließen können, so werde ich nichts vorbringen, wofür ich nicht mein eigenes Leben verpfänden könnte. Ich kann mir freilich kaum denken; daß nicht auch meinem gnädigsten Herrn etwas von der Sage zu Ohren gekommen sein sollte, die sich ganz öffentlich über den genauen Umgang verbreitet, welchen der Ritter d'Olive mit der Herzogin pflegt. Denn dieser Edelmann ist unablässig bemüht, sie in Unehre zu stürzen. Schon solange mein Herr abwesend war, ist er nicht von ihrer Seite gekommen, und wenn er sich nicht füglich zu ihr begeben konnte, so hat er sie durch eine seiner Freundinnen in sein eigenes Haus gelockt. Ist es ein Wunder, wenn jedermann die neugeborne Tochter der Fürstin mit verdächtigem Auge betrachtet? Glaubet mir, gnädigster Herr, ich würde von allem diesem nicht sprechen, wenn ich nicht mit Augen gesehen hätte, was für verbotene Händel jene beiden miteinander getrieben haben!« Über diese Mitteilung wurde der Herzog so entrüstet, daß er sich vor Zorn kaum zu fassen wußte. Er glaubte, alles dieses müsse wahr sein, weil der ruchlose Edelmann erklärt hatte, er wolle Gut und Blut an die Verteidigung seiner Wahrheit setzen. So befahl er denn voll Ingrimm, man sollte der Herzogin ihr Kind nehmen und an einem entlegenen Ort einer fremden Säugamme geben.

Die tugendhafte Fürstin war auf ihrem Zimmer und hielt ihr liebes Töchterlein auf den Armen, als unversehens eine Rotte grober Kriegsknechte hereintrat, welche mit frechen Worten die Herzogin anfuhren, sie sollte ihren Bastard aus den Händen geben. Bei dieser schimpflichen Anrede erschrak die Fürstin in tiefster Seele und rief Gott und Menschen zu Zeugen des Unrechts, das ihr geschehe. Aber die ruchlosen Menschen hörten auf ihre Klage nicht, sondern rissen ihr das Kind mit Gewalt aus den Armen und verließen das Zimmer mit Lärmen und Gespötte. Die Fürstin jammerte so herzzerreißend, daß es auch hätte wilde Tiere erbarmen sollen; doch konnte sie mit allem ihrem Weinen ihren Ehgemahl nicht erweichen.

Im Gegenteil: Sein Zorn wurde so groß, daß er eben jenen Kriegsknechten gebot, die Herzogin zu fahen Fahen = fangen (vom althochdeutschen fahan) und als Ehebrecherin in ein schimpfliches Gefängnis zu werfen.

Wie war doch der gütige Gott so streng gegen diese unschuldige Seele, und wie hart suchte sein Zorn sie heim!

Sie hatte sich alle Tage ihres Lebens beflissen, ihm zu gefallen und zu dienen; und doch schien ihrer keine andere Vergeltung zu warten als Not und Tod. Mit Schimpf vom Hofe ausgestoßen, mußte sie wie ein ehrloses Geschöpf sich in einem finstern Kerker einsperren lassen.

Ihre Feinde sprengten indessen unter allem Volke aus, daß sie eine gemeine Verbrecherin wäre, deren jahrelang getriebene Schande jetzt endlich aufgedeckt worden sei.

Inzwischen beratschlagte der verblendete Herzog mit den Seinigen, welchen Todes er sie sterben lassen sollte, denn er nahm sie für überwiesen und überführt an. Und endlich wurde beschlossen, daß sie lebendig auf offenem Marktplatz verbrannt werden sollte, es sei denn, daß sich ein Ritter ihrer annehmen und mit dem verleumderischen Edelmann, der als Zeuge wider sie gesprochen hatte, in ehrlichem Kampf um sie streiten wollte.

Dieses wurde nach dem Brauche jener alten Zeit in dem ganzen Lande verkündigt, und ein Tag wurde anberaumt, an welchem auf dem Kampfplatze erscheinen sollte, wer Lust hätte, sich der schwerverklagten Herzogin anzunehmen. Aber da war niemand im ganzen Lande, der sich gegen den boshaften Edelmann zu kämpfen getraute, weil er wegen seiner Grausamkeit von allen verabscheut und noch mehr gefürchtet war.

*

Aber der gerechte Gott sah die Zähren der unschuldigen Gefangenen, und in seinem Rate war ihre Rettung von Anbeginn beschlossen. Und jetzt erschien wieder sein Engel dem frommen Abte Bertrand zu St. Malo!

Der Engel offenbarte ihm, was der Mutter seines Patensohnes bevorstand, und befahl ihm, den jungen Bertrand wohl auszustatten und mit ihm und der gefangenen Säugamme sowie mit des Abtes Schwester und ihrem Manne, die des Knaben Pflegeeltern waren, vor dem Herzog von Bretagne auf einen bestimmten Tag zu erscheinen.

Der Knabe sollte sich vor seinem Gegenpart nicht fürchten, sondern herzhaft auf den falschen Zeugen losgehen und seine unschuldige Mutter erretten. Sobald es Tag geworden, erzählte der Prälat seinem Patensohne die Erscheinung, worüber beide neben großer Freude bitteres Herzeleid empfanden. Sie wußten jetzt, daß der junge Bertrand ein geborner Herzog sei, aber es machte ihnen auch großen Jammer, daß seine Mutter so unverschuldete Schande und Not zu dulden habe. Um so eifriger rüsteten sie sich zu dem bevorstehenden Kampfe, und befahlen die Herzogin dem Beschirmer der Unschuld in ihren Gebeten.

*

Allgemach kam der bestimmte Tag herbei, und in der Bretagne fand sich niemand, der sich gemeldet hätte, für die Herzogin zu kämpfen.

Den Abend zuvor schickten daher die Richter ein altes Weib, das bisher der Gefangenen aufgewartet hatte, zu Hirlanda in den Kerker, mit dem Befehl, ihr anzusagen, daß sie am andern Tage sterben müsse. Das alte Weib kam ganz traurig ins Gefängnis, und beim Anblick ihrer Herrin entfuhr ihr ein Seufzer.

Die Herzogin fragte ihre Magd, warum sie so traurig aussähe und was der Seufzer Böses bedeute. »Ach, gnädigste Frau«, sprach die Alte mit heißen Zähren, »ich habe die ganze Zeit Eurer Gefangenschaft herzliches Mitleid mit Euch getragen; jetzt aber will mir das Herz vor Kummer brechen. Denn ich komme auf Befehl der Richter hierher, Euch anzusagen, daß Ihr morgen des gräßlichsten Todes sterben und lebendig verbrannt werden sollet.« Hirlanda, als sie dieses hörte, schlug ihre Hände über dem Haupte zusammen und tat einen lauten Schrei, daß man es vor dem Kerker hören konnte. »O Gott«, rief sie, »womit habe ich mich an Dir versündigt, daß Du mich so hart heimsuchest? Ist es Dir nicht genug gewesen, daß ich sieben Jahre im Elend und in Knechtschaft leben sollte, muß ich auch noch zur Schande meines Namens und Geschlechts als Ehebrecherin lebendig in den Flammentod gehen? Sieh mein Elend an, mildreicher Vater! Du weißt ja, daß es mir unmöglich ist, solche Qualen auszustehen, und wenn Du mich nicht auf wunderbare Weise stärkest, so werde ich in der schweren Pein verzagen müssen.«

Darauf fragte sie die Magd, ob denn keine Gnade für sie zu hoffen wäre.

Das Weib antwortete: »Nein, es ist bis diese Stunde noch kein Kämpfer für Euch erschienen.«

Da gedachte Hirlanda des Ritters d'Olive.

»Dieser ist längst außer Landes«, erwiderte die alte Frau, »und Euer Ankläger gibt vor, er habe sich aus dem Staube gemacht, weil er mit Recht fürchte, es werde ihm ergehen wie Euch.«

Da warf sich die Herzogin weinend auf die Knie und betete so lang und so inbrünstig, bis sie Trost vom Himmel in ihrem zerschlagenen Herzen empfand. Dann erbat sie sich als letzte Gunst einen Priester, dem sie beichtete. Und als die Beichte vorüber war, sprach sie mit starker Stimme: »Siehe, Herr! Hier ist mein schwacher Leib, der morgen verbrannt werden soll. Ich opfere ihn in deine göttlichen, barmherzigen Hände. Verleih mir Standhaftigkeit in meinem Leiden und nimm meinen entfliehenden Geist aus Gnade zur Seligkeit an!«

*

Kaum war der Tag angebrochen, so bereitete man sich von allen Seiten zu dem traurigen Schauspiel, das der Herzog den Bretagnern geben wollte. Die Stadt Rennes war zu diesem Jammer ausersehen, und eine unzählige Menge Volkes strömte dahin. Vor der Stadt auf einem ebenen Platze war eine große erhöhte Schaubühne errichtet, auf welcher der betörte Herzog und sein ganzer Hof zuschauen wollten. Nicht ferne davon war ein Scheiterhaufen aufgeschichtet und über ihn einige Bretter festgelegt und mit schwarzem Trauertuche bedeckt.

Auf diesen Brettern stand ein schwarzer, samtner Sessel für den Beichtvater, der andere für den Scharfrichter. Vor Hirlandas Sessel befand sich ein schwarzgedeckter Tisch und auf diesem ein Kruzifix mit schwarzem Flor überzogen. Wer nur von ferne dieses Totengerüste erblickte, wurde im tiefsten Herzen erschüttert.

Alles war fertig; der Herzog, seine Räte und seine obersten Diener saßen auf der hohen Bühne und harrten der verurteilten Herzogin. Da kam ein Trupp Kriegsknechte mit Trommeln und Heerpauken herangezogen, welche die unglückliche Hirlanda zum Richtplatze führten. Sie selbst ging in einem langen schwarzen Talar, das Angesicht mit einem Schleier bedeckt, der auf beiden Seiten vom Haupt bis auf die Füße herabwallte. Ihre Hände hatte sie kreuzweise über die Brust zusammengelegt, ihr Antlitz schamhaft gegen die Erde gesenkt. Zur rechten Seite ging der Beichtvater, ein Kreuz in der Hand tragend, zur andern sein Gehilfe, aus einem Buch Gebete für das Heil der Sterbenden lesend. Hinter ihr ging der Scharfrichter in stolzem Gewand und um ihn her eine Schar von Henkersknechten. Eine endlose Menge von Zuschauern folgt nach. Alle rührte die klägliche Gestalt der Herzogin. Und wer die Zähren durch ihren Schleier schimmern sah, dessen Augen blieben nicht trocken.

So wurde denn das unschuldige Lamm zur Schlachtbank geführt, von dem Beichtvater und Henker auf den Scheiterhaufen begleitet und zwischen beide niedergesetzt.

Da trat ein Herold hervor und rief mit gewaltiger Stimme: »Höret, ihr Adligen und ihr Unadligen! Höret, ihr Alten und ihr Jungen! Es wird Euch hiermit angekündigt, daß diese Hirlanda hier wegen vieler begangenen Schandtaten rechtmäßigerweise zum Tode verurteilt und zum Feuer verdammt worden. Dennoch ist ihr nach Gewohnheit des Landes die Gnade vergönnt, daß sich ein jeder ihres Lebens annehmen und sie von dem Tod erretten kann, wenn er mit dem Zeugen, der wider sie ausgesagt hat, kämpfen will und sich getraut, ihn zu überwinden. Darum, wer Hirlanda für unschuldig hält und Lust hat, ihr das Leben zu erhalten, der trete hervor und kämpfe mit Gottes Hilfe!«

Nun waren in dem Kreise wohl viele, die gerne Hirlandas Unschuld verteidigt hätten, aber niemand war so kühn, sich wider den falschen Zeugen zu wagen. Dieser war sich zu sicher seiner Kunst und Stärke bewußt und jagte allen Zuschauern einen gewaltigen Schrecken ein. Er ritt einen mutigen, kohlschwarzen Rappen und war vom Haupte bis zu den Füßen mit einem blinkenden Harnisch bedeckt. Auf seinem Sturmhut trug er einen schwarzen Federbusch, einen großen Speer in der rechten, einen starken Schild in der linken Hand. Auf diesem Schilde führte er im Wappen einen goldenen Drachen auf schwarzem Felde, der ein silbernes Schaf im Rachen hielt, darunter war der Denkspruch geschrieben: »Ohne Gnade!« Dieser Verleumder ritt ganz hochmütig in dem Kreise auf und ab und rief mit lauter Stimme. »Wer ist's, der diese Ehebrecherin wider mich verteidigen will? Er trete hervor und zeige seine Stärke!«

Da war unter der großen Menge niemand, der es wagte.

Jetzt gab die erschrockene Fürstin ihr Leben verloren und begann an allen Gliedern ihres Leibes zu zittern. Sie stand von ihrem Sessel auf, fiel vor dem Kruzifix, das auf dem Tische stand, nieder und befahl weinend ihre Seele Gott. Dann erhob sie sich wieder, wandte sich zu dem umstehenden Volk und sprach von dem Scheiterhaufen herab: »Liebe Leute! Ich bezeuge vor Gott, daß ich des Verbrechens, das man mir aufbürdet, nicht schuldig bin. Ich will sterben zu Ehren desjenigen, der für mich am Kreuz gestorben ist, als arme Sünderin, aber nicht als Ehebrecherin. Ich verzeihe allen denen, die Ursache meines Todes sind, denn sie wissen nicht, was sie tun. Euch allen sage ich von Herzen gute Nacht; betet für meine Seele!«

Nachdem sie dies gesprochen, gab ihr der Priester den Segen und verließ mit dem Scharfrichter den Scheiterhaufen.

Alsdann fingen die Trompeter an zu blasen und gaben den Henkern das Zeichen, den Holzstoß anzuzünden.

Wie nun die Trompeter mit vollem Atem bliesen und die Henkersknechte geschäftig waren, den Scheiterhaufen anzuzünden, da sah man eine Staubwolke in der Ferne sich erheben und immer näher kommen.

Bald erkannte man einen Ritter, der dahergesprengt kam und dem in einiger Ferne mehrere Personen nachfolgten.

Der Reiter drang mit Gewalt durch die dichten Volkshaufen in die Schranken hinein und tummelte sein Roß einige Male aufs schnellste im Kreise herum. Sein Pferd war so weiß wie der Schnee, die Tracht des Ritters lichtgrün, mit goldenen Blumen durchsät, sein Wappen ein silberner Hermelin in grünem Felde, darunter der Denkspruch: »Nichts kann mich beflecken.«

Die Herzogin, die vor Angst und Schrecken schon halb tot war, wurde des Ritters gewahr.

Wer aber wahres Mitleid mit ihr fühlte, den erfüllte seine frische Erscheinung mit großen Freuden.

Einige meinten, es sei der Schutzengel der Fürstin; andere hielten ihn für den Ritter d'Olive, der seine eigene Ehre retten wollte. Als sie ihn jedoch näher ins Auge faßten, wurde den Freunden der Herzogin wieder bange, und sie zweifelten sehr an dem glücklichen Ausgange des Kampfes, denn der Jüngling war gar zart und schwach, der Edelmann dagegen ein geübter, beherzter, starker Ritter.

Sobald der Jüngling in die Mitte des Planes eingeritten war, grüßte er mit allen Sitten den Herzog und den gesamten Adel und sprach mit heller Stimme: »Durchlauchtigster Fürst und Herr! Weil ich durch wahrhaftigen Bericht erfahren habe, daß Eure liebe Gemahlin fälschlich angeklagt und unschuldigerweise zum Tode verurteilt worden, so fühle ich mich verbunden, Leib und Leben zum Schutz ihrer Unschuld einzusetzen und wider ihren Verleumder den Ritterkampf zu wagen. Ich hoffe dadurch Gott und der Wahrheit zu dienen und Euer eigenes Fürstenhaus von einer Schmach zu befreien.«

Der Herzog ließ sich dieses Anerbieten gefallen und sprach: »Dein Entschluß, junger Held, gefällt mir. Zeige dich tapfer und strebe nach dem Sieg. Aber sieh zu, was du tust; du bist jung und schwach, und dein Widersacher ist stark und wohlgeübt!«

Der Ritter antwortete: »Was meine Kräfte nicht vermögen, wird die Gerechtigkeit meiner Sache ersetzen, denn ich bin gewiß, daß die Fürstin fälschlich verklagt worden ist.«

Unterdessen war die Herzogin wieder zu sich selbst gekommen; sie ward inne, daß ein Verteidiger ihrer Unschuld sich eingefunden, und blickte den Ritter mit Verwunderung an; als sie aber sah, daß er noch so gar jung und zart war, wurde ihr todesangst, und sie rief im Grund ihres Herzens Gottes Hilfe für ihn an.

Nun tummelte der junge Kavalier seinen schneeweißen Zelter noch einmal und rief laut, daß alles Volk es hören konnte: »Wo ist der verwegene Bösewicht, der es gewagt hat, die unschuldige Herzogin anzuklagen? Er komme hervor, ich will ihm mit Hilfe Gottes den Hals brechen!«

Diese Schmachrede erbitterte den falschen Zeugen. Er sprengte hervor und rief: »Du Milchbart, wie darfst Du so kühn sein, diese Ehebrecherin zu rechtfertigen? Du sollst deine Vermessenheit teuer bezahlen; es wird mir wenig Mühe machen, Dich zum Henker heimzuschicken!«

Darauf bliesen die Trompeten zum Kampfe, und beide Ritter spornten ihre Rosse und rannten mit den Speeren gegeneinander. Ihr Ungestüm war so groß, daß der Verräter halb, der junge Ritter aber ganz aus dem Sattel gehoben ward.

Da erhub alles Volk seine Stimme, und alle Guten jammerten über das unschuldige Blut; die Herzogin selbst war nahe daran umzusinken; man sah sie beide Hände zum Himmel erheben und Gottes Beistand anflehen.

Als nun der Jüngling auf der Erde lag, wollte der Verleumder vom Pferde springen und ihn mit dem Schwert durchstoßen. Kaum aber hatte er einen Fuß auf die Erde gesetzt, als man den jungen Ritter ebenso schnell auf sein Pferd springen sah, wie er davon gefallen war. Der falsche Zeuge jedoch faßte einen schnellen Entschluß; er stieß dem Pferd des jungen Helden sein Schwert mit solcher Gewalt und so tief in den Vorderleib, daß er es mit keiner Macht wieder herausziehen konnte. Da sprang der junge Ritter geschwind vom Rosse herab und brachte dem alten Bösewicht einen so gründlichen Schwertstich unter dem Halsringe bei, daß er plötzlich zu Boden fiel.

Jetzt erhoben die Umstehenden vor Freuden ihre Stimme und riefen mit fröhlichem Mut: »Es lebe, es lebe Hirlanda!«

Der Herzog aber fing an vor Freuden zu weinen; er glaubte fest, es sei ein Wunder von Gott, daß ein junges Kind einen geübten Ritter zu Boden werfe. Der Herzogin selbst war nicht anders zumut, als wenn sie aus dem Rachen des Todes hervorkäme und durch ein Wunder aus dem Grabe erweckt wäre. »Gepriesen sei der Gott der Christen, der mich vom Tod erlöset hat!« rief sie und streckte die Hände gen Himmel.

Als der alte Sünder den tödlichen Streich empfangen, lästerte er Gott und den jungen Ritter und verfluchte Hirlanda samt Herrn d'Olive in den Abgrund der Hölle. Der tapfere Held aber stand ihm auf dem Leib und drohte ihn in Stücke zu zerhauen, wenn er die Wahrheit nicht aussagte. Da bekannte der Verräter, daß der Fürst Gerhard ihn angestiftet, seine Schwägerin fälschlich zu verklagen und ihren Ehegemahl wider sie aufzuhetzen. Er widerrief alles feierlich, was er je gegen die Fürstin und den Ritter d'Olive ausgesagt; mit diesen Worten verschied er. Der Fürst Gerhard, als er das Zeugnis gegen sich vernommen, sprang von der Schaubühne und wollte sich unter dem Volke verkriechen, um sich auf die Flucht zu machen. Aber der Herzog rief, man sollte ihn greifen und festhalten.

*

Nachdem der falsche Zeuge seinen Geist ausgehaucht, waren die Herolde alsbald beschäftigt, den glorreichen Sieger ihrer Fürstin mit großem Gepränge zuzuführen' Hirlanda hatte ein großes Verlangen, ihren Erretter zu sprechen und seinen Namen und Stamm kennenzulernen. Während nun der junge Ritter dem Scheiterhaufen nahte und das Gerüst hinaufstieg, wollte es Hirlanda dünken, der Hermelin des Helden sei eine Kunstarbeit ihrer Hände, ja sein ganzes Wappenzeug verglich sie mit den Windeln, die sie für die Geburt ihres ersten Kindes gemacht hatte.

Ehe sie sich jedoch weiterbesinnen konnte, lag der Ritter vor ihr auf den Knien und sprach: »Durchlauchtige Fürstin; wenn ich Euch zu Diensten mein Leben gewagt, so war dies nur meine heiligste Pflicht, denn ich habe es von Euch empfangen. Ich bin Euer unglücklicher Sohn, der Euch so viel Schmerzen und Leid bereitet hat, jetzt aber halte ich mich für das glücklichste Kind unter der Sonne, weil mir Gott die Gnade verliehen hat, Euch das Leben zu erhalten. Ja, herzliebste Mutter, ich bin Euer erstgeborner Sohn Bertrand, durch Feinde Euch am Tage meiner Geburt entrissen, am heutigen Tage durch Gottes Schickung Euch wieder zugestellt!« Was Hirlanda im Herzen empfand, als sie diese Worte des Ritters vernahm, läßt sich nicht beschreiben. Sie konnte es nicht glauben, weil es ihr gar zu fremd vorkam; sie konnte es aber nicht leugnen, weil alle Zeichen dafür sprachen. Bertrand aber hieß sie nicht zweifeln, fiel ihr um den Hals und gab ihr einen Sohneskuß. Da umfing ihn die Mutter mit beiden Armen und war von Liebe so durchdrungen, daß sie kein Wort reden konnte. Ihre Antwort bestand in lauter Freudentränen, so daß sie durch ihren Zährenschleier den kaum mehr sah, den sie in den Armen hielt. Endlich brach sie in die Worte aus: »O herzliebster Sohn, o goldenes Kind! Bist Du es, den ich mit Schmerzen geboren, den ich mit so bitterem Herzeleid betrauert habe? 0 ich glückselige Mutter! Nun will ich gerne sterben, weil meine Augen den gesehen haben, nach dem meine Seele verlangt hat.«

Der Herzog Artus und der ganze Hof sahen diesem Schauspiel mit höchster Verwunderung zu und konnten die Ursachen dieser öffentlichen Liebkosungen so lange nicht begreifen, bis Hirlanda ihrem Gemahl den jungen Ritter zeigte und nur die wenigen Worte zurief: »Herr! Sehet da Euren Sohn!« Bei diesen Worten erstarrte Artus.

Als er aber seine Augen fest auf das Gesicht des Ritters heftete, so mußte er bekennen, daß sein Antlitz dem der Herzogin so ähnlich war, als ob es ihr eigenes wäre. Da konnte er nicht mehr zweifeln, obgleich er es nicht begriff.

Inzwischen drang auch der Abt von Sankt Malo durch die Volkshaufen auf den Platz vor, redete den Herzog an und erzählte ihm, was sich mit seinem Sohn zugetragen; er stellte ihm seine Schwester als Erzieherin des Knaben vor und ließ ihm die gebundene Säugamme zum Zeugnis und Bekenntnis herbeiführen. Das armselige Weib warf sich der Herzogin zu Füßen, bekannte alles und flehete um Gnade, indem sie als Hauptschuldigen den Fürsten Gerhard angab.

Nach diesem Zeugnis konnte der Herzog nicht mehr an der Wahrheit zweifeln; er stieg mit reumütigem Herzen von der Schaubühne herab, hieß seine Gemahlin vom Scheiterhaufen herunterkommen, ging ihr entgegen und sprach zu ihr demütig: »Durchlauchtige Fürstin, ich wage es kaum, die Augen gegen Euch aufzuschlagen, viel weniger Euch meine Gemahlin zu nennen. Ich habe wider Gott und Euch gesündigt und bin nicht würdig, von Euch Vergebung zu erlangen. Verzeihet mir um unseres Sohnes willen, den Gott uns heute zur Freude unseres Herzens beschert hat.«

Hirlanda ließ den Herzog nicht ausreden, sondern reichte ihm liebreich ihre Hand und sprach: »Ja, um Gottes und unseres lieben Sohnes willen verzeihe ich Euch alles Übel, das Ihr mir zugefügt habt. Gedenke der gerechte Gott desselben so wenig, als ich daran denken will!«

Der Herzog dankte ihr mit erleichtertem Herzen, wandte sich darauf zu seinem Sohn, fiel ihm um den Hals und hieß ihn willkommen. Auch die Mutter neigte sich auf das Haupt ihres Kindes und weinte so süße Zähren, daß sie ihm sein weiches Haar durch und durch befeuchtete. Alle Umstehenden, die zu einem ganz anderen Schauspiel gekommen waren, weideten sich an diesem Anblicke.

Hierauf bewillkommnete der Herzog auch den Abt, dankte ihm tausendmal für die Bewahrung seines Sohnes und ließ seine Schwester fürstliche Gnade genießen. Auch der Säugamme wurde auf des Abtes Fürbitt verziehen, weil sie vierzehn Jahre in Angst und Buße zugebracht hatte.

Endlich wurde auf Befehl des Herzogs auch der Fürst Gerhard herbeigeführt, der vor Scham seine Augen nicht aufzuschlagen, viel weniger bei seinem Bruder um Gnade zu flehen wagte. Ihn allein sah der Herzog mit zornigen Augen an und hielt ihm mit erbittertem Gemüte alle seine Missetaten vor. »Deine Verbrechen«, sprach er, »rufen vor Gott und der Welt um Rache, und es ist keine Pein zu erdenken, die Deiner Bosheit gleichkäme! Verstümmelt sollst Du werden und auf ewig in demselben Gefängnisse schmachten, in welchem meine unschuldige Gemahlin gelegen!«

Die Herzogin suchte dieses strenge Urteil zu mildern und brachte zur Entschuldigung ihres Schwagers vor, was sie konnte. Aber der erzürnte Herzog ließ sich nicht besänftigen und wollte das gefällte Urteil auf keine Weise mildern. Gerhard ward dem Henker, der noch auf der Stelle war, übergeben, vor allem Volk an Händen und Füßen verstümmelt und durch die Henkersknechte schimpflich in den Kerker geschleppt.

In dem ganzen Lande war Freude, und ein allgemeines Fest wurde gefeiert. Der Herzog und Hirlanda, der junge Fürst Bertrand und der ganze Adel zogen in voller Pracht und Herrlichkeit in die Hauptstadt des Landes ein.

Aber der Herzog ward still im Gemüte, zog sich vom Regimente des Landes zurück und führte, nachdem er seinem jungen Sohn Bertrand die Grafschaft übergeben, mit seiner Gemahlin ein einsames, doch glückliches Leben. Im ganzen Lande trauerte niemand als der boshafte Gerhard, welcher, der allgemeinen Freude beraubt, in bittern Schmerzen in seinem Gefängnisse lag und Zeit hatte, seine schweren Missetaten einzusehen und zu bereuen. Doch währte seine peinliche Gefangenschaft nicht lange mehr. Leibliche Qualen, Hunger und Kummer zehrten an ihm, und in kurzem geriet er in Sterbensgefahr.

Wie ihm nun sein Ende bevorstand, ließ er die fromme Herzogin flehentlich ersuchen, sie möchte ihm um des gekreuzigten Jesu willen seine große Mißhandlung verzeihen. Auf diese Bitte begab sich die fromme Fürstin selbst in den Kerker, begrüßte ihren sterbenden Schwager freundlich und bemühte sich, ihn in den letzten Nöten zu trösten. Sie sagte ihm, daß sie alles Unrecht, das er ihr angetan, ihm von ganzem Herzen verzeihe. Sie blieb beständig bei ihm, erquickte ihn mit geistlichem Trost in seinen Todesängsten und schied nicht eher von ihm, als bis sie ihm mit eigenen Händen die Augen zugeschlossen und über dem Toten schmerzliche Tränen geweint hatte.

*

Diese denkwürdige Geschichte ist für arme Frauen geschrieben, die von ihren Männern Übles zu leiden haben. So schlimm wird es schwerlich einem Weibe gehen, wie es der frommen Herzogin Hirlanda ergangen ist, und doch sind die meisten Weiber viel ungeduldiger in ihren kleinen Trübsalen, als es Hirlanda in so großem Jammer gewesen ist. Und hier können sie nicht sagen: »Hirlanda war eine Heilige, darum hatte sie es leicht, in ihrem Kreuze geduldig zu sein!« Nein, Hirlanda war nicht heilig, sie war ebensowohl eine arme Sünderin, als es andere Frauen auch sind. Daß sie in ihren großen Verfolgungen so standhaft geblieben, kam besonders daher, daß sie der Ungeduld großen Widerstand leistete, in ihren vielen Widerwärtigkeiten getreulich die Hilfe Gottes anrief und sich dem Willen des Allerhöchsten vollkommen übergab. Wenn alle unschuldig Verfolgten getreulich diesem Muster nachfolgen wollten, so würden sie auch die göttliche Hilfe ebenso gegenwärtig empfinden wie Hirlanda und durch zeitliches Leiden ewige Freude erwerben.

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