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Volkssagen und Legenden

Gustav Schwab: Volkssagen und Legenden - Kapitel 3
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typelegend
authorGustav Schwab
titleVolkssagen und Legenden
publisherprojekt.gutenberg.de
year2012
correctorreuters@abc.de
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created20120717
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Der arme Heinrich

In Schwaben war ein Herr ansässig, dem keine Tugend fehlte, die ein junger Ritter, der nach vollem Lobe strebet, haben soll, so daß im ganzen Lande von niemand so viel Gutes gesagt ward. Er war reich und von edler Geburt; sein Name war wohlbekannt, er hieß Heinrich, und sein Geschlecht war von Aue genannt.

Wie nun dieser Mann, gepriesen und geehrt, sich Reichtums und fröhlichen Sinnes erfreute, da ward auf einmal sein hoher Mut in ein gar armes Leben herabgebeugt; denn wer in der höchsten Weltseligkeit lebt, der ist vor Gott gering. Darum fiel auch Herr Heinrich mit Gottes Willen aus seinem besten Glücke in ein gar schmähliches Leid und ihn ergriff der Aussatz. Als nun diese Heimsuchung an seinem Leibe sichtbar ward, da wendeten sich Mann und Weib von ihm ab, und, wie angenehm er der Welt zuvor war, so unerträglich ward er ihr jetzt, so daß ihn, wie den geschlagenen Hiob, niemand mehr ansehen wollte. Als der arme Heinrich sah, daß er, gleich allen Aussätzigen, der Welt widerwärtig war, da unterschied ihn jedoch sein bitterer Schmerz von Hiobs Geduld. Er trauerte, daß er so viel Glück hinter sich lassen mußte, ja oft verwünschte und verfluchte er den Tag, an welchem er zur Welt geboren war.

Doch empfand er wieder ein wenig Freude, als ihm zum Troste gesagt wurde, daß diese Krankheit gar verschieden sei, und zuweilen heilbar. Da dachte er hin und her, wie er wohl genesen könnte, zog gen Montpellier und fragte die Ärzte um Rat; aber es wurde ihm geantwortet, er sei nicht zu heilen und werde nimmer vom Aussatze rein. Traurig hörte er dies an, und zog weiter gen Salerno in Italien, die weisen Ärzte auch dort zu befragen. Nun sagte ihm der beste Meister, der dort war, eine wunderbare Sache, nämlich daß er zwar heilbar wäre, aber doch nimmermehr werde geheilt werden. »Wie mag das zugehen,« sprach Heinrich, »du redest gar unverständlich! Bin ich heilbar, so werde ich auch geheilt; denn was an Geld oder Zurüstung verlangt wird, das getraue ich mir beizuschaffen!« – »Lasset das Dingen,« antwortete der Meister. »Eure Krankheit ist nun einmal der Art! Was frommt's, daß ich's Euch sage! Es gibt wohl eine Arznei dafür, die Euch heilt, aber kein Mensch ist so mächtig oder klug, daß er sie gewinnen könnte; darum werdet Ihr nimmer geheilt, Gott wolle denn Euer Arzt sein.« – Da sprach der arme Heinrich: »Was nehmet Ihr mir meinen Trost hinweg? Ich habe doch so großes Gut; ich kann Euch mir gewiß geneigt machen, daß Ihr mir gerne helfet!« – »Mir fehlet nicht der Wille,« antwortete der Meister. »Wär es eine Arznei, die man feil fände oder sonst auf irgendeine Art erlangen könnte, so ließe ich Euch gewiß nicht verderben! Aber es ist leider nicht so, und wäre Eure Not noch größer, so müßte Euch doch meine Hilfe versagt bleiben! Höret an: Ihr müßt eine reine Jungfrau haben, die aus freiem Willen den Tod für Euch leidet. Nun ist's aber nicht der Menschen Art, daß jemand so etwas freiwillig tut. Und doch, wie ich Euch gesagt habe, dies allein ist die rechte Arznei für Eure Krankheit!«

Nun erkannte der arme Heinrich wohl, wie es unmöglich sei, daß jemand gern für ihn stürbe, und aller Trost, auf den er ausgezogen, war ihm hinweggenommen. Fernerhin hatte er keinen Gedanken mehr an seine Genesung, und war des Lebens überdrüssig. Er zog heim und fing an, sein Erbe, wie es ihm am besten schien, auszuteilen. Im stillen machte er seine armen Verwandten reich, und linderte auch das Elend Fremder; das übrige gab er Gotteshäusern, damit sich der Herr seiner Seele erbarme. Von aller seiner Habe behielt er nur ein neu angebautes Land, wohin er vor den Menschen floh. Aber nicht er selbst nur klagte über dieses traurige Verhängnis, sondern er wurde auch von allen, die ihn selbst oder nach anderer Sage kannten, bejammert. Jenes Neuland aber baute ein freier Meier, der hier in Ruhe und Frieden lebte, während andere Bauern, unter böser Herrschaft, nicht einmal mit Steuer und Gabe großes Ungemach meiden konnten. Was dieser Meier tat, das war dem armen Heinrich recht, der ihn auch von aller fremden Last befreit hatte, so daß keiner im ganzen Lande so wohlhabend war.

Zu diesem Manne zog der arme Heinrich; der vergalt ihm alle seine Milde, und nichts verdroß ihn, was er um des Kranken willen leiden mußte; er war so treu gesinnt, daß er Sorgen und Mühe willig ertrug und seinem Herrn alles gemächlich einrichtete. Gott hatte dem Meier ein glückliches Leben beschieden, denn er hatte einen gesunden, frischen Leib, eine fleißige sittsame Frau, dazu schöne Kinder, recht, wie sie des Mannes Freude sind. Darunter war ein Mägdlein von zwölf Jahren, von gar freundlichen Sitten. Sie war so lieblich, daß sie nach ihrer schönen Gestalt dem Alleredelsten im Reiche als Kind wohl angestanden hätte. Die andern Hausgenossen waren solchen Sinnes, daß sie den Kranken wohl zu Zeiten, wie es sich schickte, mieden; sie aber eilte in jeder Stunde zu ihm, und wollte nirgends anderswohin; mit reiner Kindesgüte hatte sie ihm ihr Herz so ganz zugewendet, daß man das süße Mädchen allezeit zu seinen Füssen sitzend fand, dagegen liebte auch er sie wiederum vor allen, und was ihr Freude machte, was Kindern bei ihren Spielen gefällt und ihr Herz so leicht gewinnt, das schenkte er ihr oft; bald einen kleinen Spiegel, bald ein Haarband, oder was sonst zu kaufen war. Durch solche Freundlichkeit machte er sie so zutraulich und heimlich, daß er sie seine Frau zu nennen pflegte.

So diente sie ihm drei Jahre, welche der arme Heinrich bei dem Meier zubrachte. Nun trug es sich zu, daß dieser mit seinem Weib und seiner Tochter, von der Arbeit ruhend, bei ihm saß und sie sein Leid beklagten. Denn es tat ihnen weh; auch mußten sie fürchten, daß sie sein Tod schwer treffen und ein neuer hartgesinnter Herr sie um ihr Glück bringen würde. So saßen sie in Sorgen beisammen, bis endlich der Meier anfing: »Lieber Herr, wenn es mit Euren Hulden sein kann, so fragte ich gerne: da zu Salerno so viele Meister in der Heilkunst sind, wie kommt es, daß keiner so weise ist, und für Eure Krankheit einen Rat findet? Herr, das wundert mich!« Da holte der arme Heinrich mit bitterlichem Schmerz einen Seufzer aus dem Herzensgrund und antwortete so traurig, daß das Seufzen ihm die Worte im Munde zerbrach: »Ich habe diese schimpfliche und verspottete Krankheit wohl verdient, du hast ja gesehen, daß mein Tor weltlicher Lust weit offen stand. Da achtete ich wenig darauf, daß Gott mir dieses Wunschleben nur nach seiner Gnade verliehen; ich dachte in meinem Sinne, wie alle Weltkinder, daß ich solche Ehre und Freude auch ohne Gott haben könnte. Nun hat Gott eine Krankheit auf mich gelegt, von der mich niemand befreien kann. Die Guten fliehen mich, die Bösen verschmähen mich; ja keiner ist so schlecht, der mir nicht seine Verachtung zeigt und die Augen von mir abwendet. Nun leuchtet deine Treue erst recht an mir, daß du mich Siechen bei dir duldest und nicht fliehest. Und dennoch, so wenig du mich scheuest – so wie die Sachen mit mir stehen, ertrügest du doch wohl leicht meinen Tod! Nun sage, wessen Unwert, wessen Not war je größer in der Welt? Vorher war ich dein Herr, nun bin ich dein bedürftig, lieber Freund; und so, dein Weib und meine Frau hier, ihr drei verdient das ewige Leben, daß ihr mich Kranken also pfleget. – Was du mich aber gefragt hast, darauf will ich dir antworten: ich ging nach Salerno und konnte dort keinen Meister finden, der sich meiner Heilung unterwinden durfte oder wollte, denn ich sollte ein Mittel herbeischaffen, wie es niemand auf der Erde mit irgend etwas gewinnen kann. Mir ward nichts andres gesagt, als daß ich eine Jungfrau haben müßte, die entschlossen wäre, für mich den Tod zu leiden. Würde ihr ins Herz geschnitten und ihr Herzblut gewonnen, das allein könnte mir helfen. Aber das ist ganz unmöglich, daß für mich jemand gerne den Tod leide; darum muß ich diese schwere Schande bis an mein Ende tragen, das mir Gott bald gewähre!«

Was der arme Heinrich dem Vater sagte, das hörte die reine Jungfrau mit an. Sie achtete auf seine Worte und merkte sie wohl und sie blieben in ihrem Herzen bis zur Nacht eingeschlossen. Als sie sich aber nach ihrer Gewohnheit zu Füssen ihres Vaters und ihrer Mutter niedergelegt hatte und beide eingeschlafen waren, da holte sie über das Unglück ihres Herrn manchen tiefen Seufzer. Da erwachten die Eltern und fragten, was ihr wäre und welch Unglück sie so heimlich beklagte. Sie wollte es aber lange nicht sagen, bis endlich ihr Vater durch sanfte und strenge Worte es dahin brachte, daß sie sprach: »Ihr möget immerhin auch mit mir klagen; denn was kann uns leider sein als das Unglück unseres Herrn, den wir verlieren sollen. Nimmermehr bekommen wir einen so guten Herrn, der an uns tut, wie dieser!« Sie antworteten: »Du sprichst wahr. Doch frommt uns leider unsre herbe Trauer und Klage nicht haarbreit. Liebes Kind, wende deine Gedanken davon ab; es tut uns gewiß so weh wie dir, aber leider steht es nicht in unsrer Macht ihm zu helfen. Gott hat es getan; wär' es ein anderer, so müßten wir ihm fluchen.« So geschweigten sie das Kind; aber sie schlief nicht und blieb traurig die ganze Nacht und den folgenden Tag; was man auch vorbrachte, es kam nicht aus ihrem Herzen. Als sie die andere Nacht wieder schlafen gingen, und sie selbst sich in ihre Bettstätte gelegt hatte, da beschloß sie festiglich bei sich, wenn sie den morgenden Tag erlebte, so wollte sie ihr Leben für ihren Herrn dahingeben. Über diesem Entschlusse ward sie froh und leichten Mutes; ihre einzige Sorge war, daß Herr Heinrich, wenn sie es ihm verkündigte, daran verzagen und daß alle drei es ihr nicht zugeben möchten. Darüber wurde ihre Unruhe so groß, daß Vater und Mutter wie in voriger Nacht davon erwachten. Sie richteten sich auf und sprachen: »Was nimmt dir die Ruhe? Du bist recht albern, daß du mit solcher Klage, die doch niemand enden kann, dir dein Herz schwer machst! Warum läsest du uns nicht schlafen?« So verwiesen sie ihr die unnütze Sorge und meinten sie beschwichtigt zu haben; aber ihr Entschluß war ihnen noch nicht kund. Da antwortete sie: »Und doch hat mein Herr gesagt, daß er wohl erhalten werden könnte. Bei Gott! Wenn ihr mir es nicht wehret, so bin ich zu seiner Arznei gut; denn ich bin fest entschlossen, ehe ich ihn verderben sehe, den Tod für ihn zu leiden.«

Über diese Rede wurden Vater und Mutter sehr betrübt. Der Vater sprach: »Von solchen Dingen laß ab, und verheiße unserem Herrn nicht mehr, als du vollbringen kannst, denn dies geht über deine Kräfte. Du bist ein Kind, du hast den Tod noch nicht gesehen; kommt es dann dazu und du sollst sterben, so möchtest du gerne noch leben, und dann ist es zu spät; du hast noch nie in den finstern Abgrund geblickt. Darum schließe deinen Mund, oder es soll dir übel gehen!« So meinte er sie mit Bitten und Drohungen zum Schweigen zu bringen, aber er vermochte es nicht. »Lieber Vater,« sprach sie, »so unerfahren ich bin, so wohnt mir doch so viel Verstand bei, daß ich die Not des Todes aus der Sage kenne, und weiß, daß es etwas Herbes ist. Aber wer sein Leben mit mühsamer Arbeit hoch bringt, dem ist auch nicht allzu wohl; denn wenn er mit großer Not seinen Leib bis ins Alter fristet, so muß er doch den Tod leiden, und vielleicht ist alsdann seine Seele dahin, und es wäre ihm besser, er wäre niemals zur Welt geboren. Mir aber ist's zuteil geworden, daß ich noch in jungen Jahren für das ewige Leben meinen Leib hingeben mag. Ihr sollt mir's nicht verleiden; ich tue uns allen damit wohl, denn so lange unser Herr lebt, steht auch eure Sache wohl. Gönnet mir's, denn es muß sein.« Die Mutter, als sie ihres Kindes Ernst sah, sprach weinend: »Gedenke, liebste Tochter, wie groß die Beschwerden sind, die ich deinetwillen erlitten, und laß mich bessern Lohn empfangen, als von dem ich dich sprechen höre. Du willst mir das Herz brechen! Und willst du denn auch bei Gott dein Heil verwirken? Denkst du nicht an sein Wort, daß man Vater und Mutter ehren soll, und daß er uns zum Lohn dort der Seele Wohlfahrt und hier auf Erden ein langes Leben verheißen hat? Du solltest ein Stab unseres Alters sein, und willst schuld werden, daß wir weinend über deinem Grabe stehen?« Die Jungfrau antwortete: »Ich glaube wohl, Mutter, daß du und der Vater mir mit Liebe zugetan sind, und finde es auch täglich. Von eurer Liebe habe ich Seele und einen schönen Leib, um den mich jedermann preiset. Wem sollte ich also nächst Gott mehr Gnade verdanken als euch zweien? Aber eben weil ich Leib und Seele durch eure Liebe habe, so gönnet mir, daß ich beides vom Teufel erlöse und mich Gott ergebe. Ich fürchte, würde ich älter, daß die Süßigkeit der Welt mich unter ihre Füße brächte, wie sie so manchen zur Hölle hinabgezogen hat. Und bedenket noch weiter: stirbt unser Herr, so kommet ihr in große Arbeit und Not; lebt er aber in seiner Krankheit noch so lange fort, bis man mich einem reichen und ehrenwerten Mann gebe, so denkt ihr freilich, mir sei Heil widerfahren, und es ist geschehen, was ihr nur immer hoffen könnet. Aber ganz anders sagt es mir mein Herz: wird mir mein Mann lieb, das ist eine Not, denn ich habe meinen leidenden Herrn vor Augen; wird er mir verhaßt, so ist es gar der Tod. Setzet mich lieber in das volle Glück, das nimmer vergeht! Ihr habt noch mehr Kinder, die laßt eure weltliche Freude sein und tröstet euch über meinen Tod!«

Als die Eltern sahen, daß ihr Kind so fest zum Tode entschlossen war, so weise redete und menschlichen Rechtes Schranke zerbrach, da wagten sie nicht länger, sie von dem abzuwenden, was sie so fest ergriffen hatte und wozu ihr der Entschluß von Gott gekommen war. Doch als sie dann wieder nur der Liebe zu ihrem Kinde gedachten, saßen sie beide still in ihrem Bett, frierend vor Jammer, und keines sprach ein Wort, und die Mutter hatte zuerst ihre Rede vor Leid abgebrochen. Am Ende dachten sie doch, es wäre das beste, sie gönnten ihr's, weil sie doch ihr Kind nie herrlicher verlören. Da sprachen sie zu ihr, es möge geschehen, was sie erbeten hätte.

Nun freute sich das reine Mägdlein und kaum als der Tag angebrochen war, ging sie in das Schlafgemach ihres Herrn und rief ihn an: »Herr, schlafet Ihr?« – »Nein, liebe Frau, aber sage, warum bist du heute so früh auf?« – »Ach, Herr, dazu zwingt mich der Jammer über Eure Krankheit!« Er antwortete: »Liebe Frau, damit zeigst du ein gutes Gemüt gegen mich. Gott vergelte dir's! Aber Rat für dieses Übel gibt es nicht!« – »Ei gewiß, lieber Herr, es wird dafür guter Rat. Ihr habt ums doch gesagt, wenn Ihr eine Jungfrau hättet, die gerne für Euch den Tod leide, so könnet Ihr wohl durch sie geheilt werden. Nun, weiß Gott, die will ich selber sein, denn Euer Leben ist besser und edler als das meine.« Da dankte ihr der Herr für ihren guten Willen, und seine Augen füllten sich mit heimlichen Tränen. »Liebe Frau,« sprach er, »sterben ist nicht eine sanfte Not, wie du dir vielleicht gedacht. Ich bin überzeugt, daß du mir gerne hälfest. Ich erkenne deinen guten und reinen Willen; das genügt mir. Deine Treue wolle dir Gott vergelten; aber alle, die davon höreten, würden spotten, daß ich, nachdem meine Krankheit so weit gekommen und alle Mittel nicht halfen, noch zu einem neuen greife. Liebe Frau, du tust wie Kinder tun, die ein Gelüste haben, und hernach reut es sie wieder. Bedenke doch, Vater und Mutter können dich nicht entbehren; auch ich kann nicht dessen Unglück verlangen, der mir allezeit Liebe erzeigt hat; was die beiden dir raten werden, liebe Frau, das tue!« So redete er zu der Guten, lächelte und versah sich dessen wenig, was hernach geschah. Denn Vater und Mutter sprachen: »Herr, Ihr habt uns geliebt und geehrt, es wäre nicht recht von uns gehandelt, wenn wir es Euch nicht mit Gutem vergelten wollten. Unsere Tochter ist des Willens, den Tod für Euch zu leiden, und wir gönnen's ihr wohl. Heute ist der dritte Tag, daß sie uns um Gewährung ihrer Bitte anlag, und nun hat sie es von uns erhalten. Gott lasse Euch genesen, denn wir wollen sie für Euch hingeben.«

Als dem armen Heinrich auf diese Weise die Jungfrau für seine Krankheit den Tod anbot und er ihren Ernst sah, da erhub sich großes Leid unter den Vieren. Vater und Mutter konnten nicht anders, sie mußten um ihr Kind bitterlich weinen. Aber auch den Kranken ergriff ein Schmerz, daß er zu weinen anhub, und nicht wußte, was besser wäre, getan oder gelassen. Vor Furcht weinte auch das Mägdlein, denn es meinte, er verzage an ihrem Entschlusse. Zuletzt bedachte sich der arme Heinrich, dankte allen für ihre Treue und willigte ein. Da wurde das Mägdlein fröhlichen Mutes und nun bereitete sie sich aufs beste zur Fahrt nach Salerno. Was sie nur bedurfte, das ward ihr gegeben, schöne Pferde und reiche Kleidung, wie sie vorher nie getragen, von Hermelin, Samt und dem köstlichsten Zobel. Wer könnte das Herzeleid ihrer Eltern beschreiben? Gewiß wäre das Scheiden jämmerlich gewesen, als sie ihr liebes Kind so schön und frisch in den Tod fortschickten, wenn nicht Gottes Güte ihre Not gesänftigt hätte, desselben Gottes, von dem auch dem jungen Mägdlein der Mut erwuchs, daß es den Tod willig hinnahm.

So fuhr denn die Jungfrau mit ihrem Herrn fröhlich und zufrieden nach Salerno. Was konnte sie nun noch betrüben, als daß der Weg so weit war und sie nicht eher ihn erlöste. Sobald sie dort angelangt waren, ging Herr Heinrich zu seinem Meister und sagte ihm: »Hier bringe ich eine Jungfrau, wie du sie verlangt hast!« Mit diesen Worten zeigte er sie ihm. Dem Meister däuchte das unglaublich, und er sprach: »Kind, hast du solchen Entschluß selbst gefaßt, oder haben Bitten und Drohungen deines Herrn bewirkt, daß du so sprichst?« – »Nein,« antwortete sie, »dieser Entschluß ist aus meinem eigenen Herzen gekommen.« Darüber verwunderte sich der Arzt, führte sie beiseite und beschwur sie, ihm zu sagen, ob etwa ihr Herr solche Worte von ihr mit Drohen erzwungen habe. »Kind,« sprach er, »dir ist not, daß du dich besser berätst; ich will dir recht sagen, wie es ist: wenn du den Tod nicht ganz freiwillig leidest, und was du tust, nicht gerne tust, so ist dein junges Leben dahin und hilft uns nicht so viel als ein Brosamen. Auch will ich dir sagen, wie dir geschehen wird: ich schneide dir nach dem Herzen, und breche es noch lebend heraus. Mägdlein, nun sage mir, wie steht dir dein Mut? Es geschah nie einem Kinde so weh, wie dir geschehen wird; nur daß ich es tun und ansehen soll, macht mir schon große Angst. Und bedenke weiter, gereuet es dich eines Haares breit, so habe ich meine Mühe und du hast dein Leben verloren.« So beschwor er sie noch einmal. Sie aber fühlte sich zu standhaft, als daß sie abgelassen hätte. Daher sprach sie mit Lachen: »Gott lohne Euch, lieber Herr, daß Ihr mir so die Wahrheit herausgesagt habt; ja, wahrhaftig, ich fange an, ein wenig zu verzagen, und es ist mir ein Zweifel aufgekommen, den ich Euch vorlegen will: ich fürchte nämlich, daß unser Vorhaben durch Eure Zaghaftigkeit unterwegs bleibt. Getrauet Ihr mich zu schneiden; ich getraue mir wohl, zu leiden! Die Angst und Not, von der Ihr mit da vorgesprochen habt, die habe ich schon vorher auch ohne Euch gewußt. Gewiß, ich wäre nicht hieher gekommen, wenn nicht mein Entschluß so fest und sicher gewesen wäre, daß ich wußte, ich würde nimmermehr schwanken. Laßt Eure Meisterschaft sehen, was zaudert Ihr länger? Versucht's und fürchtet Euch nicht, meinem Herrn seine Gesundheit wiederzugeben, mir aber das ewige Leben.«

Als der Meister sie so gar unwandelbar fand, brachte er sie zu dem Siechen zurück und sprach zu ihm: »Uns irrt kein Zweifel mehr, ob Eure Jungfrau vollkommen tüchtig sei. Wohlan, freut Euch, ich mache Euch bald gesund!« Hierauf führte er das Mädchen in ein verborgenes Kämmerlein, und schloß den armen Heinrich zur Türe hinaus, damit er ihr Ende nicht mit ansehen sollte. In dieser Kammer, die mit mancherlei Arzneien verstellt war, hieß er das Mägdlein die Kleider ablegen. Als sie der alte Meister ansah, dachte er, daß in der ganzen Welt keine schönere Kreatur gefunden werden könnte, und es erbarmte ihn so sehr, daß ihm das Herz fast verzagte. Es stand da ein hoher Tisch; auf den hieß er sie steigen und sich niederlegen, und band sie fest. Dann nahm er ein Messer in die Hand, das für solche Dinge bereit lag und lang und breit war, das versuchte er, aber es schnitt nicht so gut, als ihm lieb gewesen wäre. Und da sie nun doch einmal nicht leben sollte, so erbarmte ihn ihre Not, und er wollte ihr den Tod sanft antun. Daher faßte er einen guten Wetzstein, der dabei lag, und fing an, das Messer langsam auf und ab zu streichen, zu schärfen und zu wetzen. Das hörte draußen der, für den sie sterben sollte, der arme Heinrich, und es jammerte ihn unsäglich, daß er sie nimmermehr lebendig mit den Augen erblicken sollte. Da suchte er, ob er nicht eine Öffnung in der Wand fände, und sah durch einen Ritz, wie sie gebunden dalag, und ihre Gestalt so gar schön und lieblich war. Er schaute sie an und wieder sich; da wandte sich sein Sinn; ihm däuchte nicht mehr gut, was er gedacht hatte, und der alte, finstere Entschluß machte milder Güte Platz. »Du Tor,« sprach er zu sich selber, »begehrst du zu leben, ohne das Wohlgefallen dessen, gegen den niemand etwas vermag? Fürwahr, du weißt nicht, was du tust, wenn du dieses schmähliche Leben, das Gott über dich hat kommen lassen, nicht willig und demütig erträgst. Und weißt du denn, ob dich dieses Kindes Tod sicher heilt? Was dir Gott beschieden hat, das laß dir widerfahren! Nein, ich will dieses Kindes Tod nicht sehen!«

Da hielt er nicht länger zurück, klopfte an die Wand und rief: »Laßt mich hinein!« Der Meister antwortete: »Ich habe jetzt nicht Zeit, Euch einzulassen!« – »Nein, Meister, redet mit mir!« – »Herr, jetzt kann ich nicht, wartet bis ich fertig bin!« – »Nein, Meister, redet zuvor mit mir!« – »So sagt mir's durch die Türe!« – »Es läßt sich so nicht sagen!« – Da ließ ihn der Meister ein, und Heinrich ging zu dem Mägdlein, wo es gebunden lag und sprach: »Dies Kind ist so wonniglich, daß ich wahrhaftig seinen Tod nicht zu sehen vermag. Es geschehe Gottes Wille an mir! Wir wollen sie wieder aufstehen lassen. Wie ich mit Euch gedingt habe, Silber und Gold gebe ich Euch; aber die Jungfrau sollt Ihr leben lassen!« Da das Mägdlein nun erst recht sah, daß es nicht sterben und ihn nicht erlösen sollte, da war ihr das Herz schwer; sie raufte zornig ihre Haare und gebärdete sich zum Erbarmen. Bitterlich weinte sie und rief: »Wehe mir Armen, wehe! Wie soll es mir nun ergehen? Soll ich die reiche Himmelskrone, die mir um diese kurze Not geschenkt worden wäre, verlieren? Jetzt bin ich erst tot! Nun entbehrt mein Herr und entbehre ich die Ehre, die uns zugedacht war!« Umsonst bat sie um den Tod, der sie glücklich machen sollte. Dann wandte sie sich zu dem armen Heinrich, hub an, ihn zu schelten und sprach: »Ich muß leiden für meines Herrn Zaghaftigkeit; ich sehe wohl, die Menschen haben mich getäuscht; ich hörte sie allezeit sagen, Ihr hättet festen Mannesmut! Gott helfe mir, sie haben gelogen. Ihr getrauet Euch nicht einmal geschehen zu lassen, was ich doch mir zu leiden getraue!« So bat und schalt sie ihn; aber umsonst. Sie mußte ihr Leben behalten. Der arme Heinrich nahm Vorwurf und Spott tugendlich hin, wie einem frommen Ritter geziemte. Als er die unglückliche Jungfrau wieder angekleidet und den Arzt bezahlt hatte, wie ausgemacht war, fuhr er zurück in die Heimat, obgleich er wußte, daß er dort in aller Mund nur Hohn und Schmähung finden würde. Aber alles dieses stellte er Gott anheim.

Das gute Mägdlein aber hatte sich so verweint und verklagt, daß sie dem Tode nahe war. Da erkannte ihre Not der, der die Nieren prüft, vor dem kein Herzenstor verschlossen ist. Er hatte beide nach seiner Liebe und Macht recht aus dem Grunde versuchen wollen, wie er es bei dem reichen Hiob getan. Da zeigte der Herr, wie lieb ihm Treue und Erbarmung ist; er schied beide von ihrem Elend und machte ihn zur Stunde rein und gesund. So schnell besserte es sich mit dem guten Heinrich, daß er noch unterwegs wieder rein und schön wurde, ja er genas so durch Gottes Pflege, daß er so jung ward wie vor zwanzig Jahren. Dieses Heil, das ihm widerfahren war, ließ er allen ansagen, von denen er wußte, daß sie Liebe und Güte gegen ihn im Herzen trugen. Als nun seine besten Freunde von seiner Ankunft hörten, ritten und gingen sie ihm drei Tagreisen entgegen, ihn wohl zu empfangen. Sie wollten keiner Sage, nur ihren eigenen Augen glauben, bis sie selbst die Wunder an seinem Leibe gesehen hätten. Der Meier und sein Weib blieben auch nicht still zu Hause sitzen. Die Freude, die sie empfanden, ist unbeschreiblich; ihre Herzen waren so bewegt, daß den lachenden Mund der Augen Regen begoß; ihr Mund wollte nicht mehr los werden vom Mund ihrer Tochter. Auch wer die Schwaben je in ihrem Lande sah, der muß sagen, daß von ihnen nie größere Liebe erzeigt wurde, als da sie Herrn Heinrich bei seiner Heimkehr empfingen. Dieser ward reicher, als er vorher war, an Gut und Ehren. Nun aber wendete er sich stets an Gott und hielt seine Gebote strenger als zuvor; und deswegen war seine Ehre unvergänglich. Dem Meier und seinem Weib, denen er so großen Dank schuldig war, gab er das Neubruchland, wo er krank gelegen hatte, zum Eigentum.

Als nun seine Freunde in ihn drangen, sich zu verehelichen, da sprach er: »Ich bin entschlossen, und will nach meinen Verwandten senden, damit ich ihrem Rate folge.« Als dies geschehen und alle beisammen waren, Männer und Frauen, so sagten alle aus einem Munde, es wäre recht und Zeit, daß er sich vermähle. Nun aber erhob sich ein großer Streit im Rate seiner Verwandten, wen er sich wählen sollte. Der eine riet hin, der andere her, wie Leute pflegen, wenn sie Rat geben sollen. Als sie sich nun nicht vereinigen konnten, sprach der arme Heinrich: »Ihr Herren und Frauen, es ist euch allen wohl bekannt, daß ich vor kurzer Zeit in schmählicher Krankheit lag und allen Menschen widerwärtig war; jetzt scheut mich niemand mehr, und durch Gottes Gnade habe ich wieder einen gesunden Leib. Jetzt ratet mir alle, wie soll ich es dem vergelten, durch den ich wieder gesund worden bin?« Sie antworteten: »Fasset den Entschluß, daß Euer Leib und Gut ihm untertänig sei!« –

Das Mägdlein stand neben ihm, als sie dieses sagten. Da sah er sie liebreich an, umfing sie und sprach: »Ihr Herren und Frauen, ich sage euch allen, daß ich durch diese gute Jungfrau, die ihr hier bei mir stehen seht, mich meiner Gesundheit wieder erfreue. Nun ist sie ledig und frei, wie ich es bin, und mein Herz rät mir, daß ich sie zum Weibe nehme. Wenn dies Gott und euch gefällt, so soll es geschehen. Ist es aber nicht möglich, so will ich unverehelicht sterben; denn Ehre und Leben habe ich von ihr allein! Bei Gottes Hulden aber will ich euch insgesamt bitten, daß es euch wohl gefalle!« Da antworteten alle, die zugegen waren: »Ja, so ist es ziemlich und recht!« Und da auch geistliche Herren darunter waren, so stand es nicht weiter an, daß sie zusammen getraut wurden.

Nach süßem, langem Leben kamen sie zusammen ins ewige Reich der Liebe.

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