Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Karl August Musäus >

Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
Schließen

Navigation:

Sobald Krösus Andiol von der raubsüchtigen Königin gewittert wurde, nahm sie sich vor, seiner als eines sinesischen Apfels sich zu bedienen, den man ganz ausschält, um des süßen Markes zu genießen. Die Sage von seiner illüstern Abkunft und der große Aufwand, den er machte, gaben ihm bei Hofe so viel Gewicht und Ansehen, daß auch den scharfsichtigsten Augen durch diese glänzende Hülse der Schildknappe nicht durchschien, obgleich seine handfesten Sitten die vormalige Troßgenossenschaft oft verrieten. Diese Anomalien der feinern Lebensart kursierten am Hofe vielmehr für baren Originalgeist und Charakterzüge eines Kraftgenies. Es gelang ihm unter den Günstlingen der Königin den ersten Platz zu erhalten, und um ihn zu behaupten, scheuete er weder Müh noch Kosten. Täglich gab er prächtige Feten, Turniere, Ringelrennen, königliche Gastmahle, fischte mit goldenen Netzen, und würde, wie der Verschwender Heliogabal, die Königin in einem See von Rosenwasser oder Lavendelgeist herumgeschifft haben, wenn sie die römische Geschichte studiert hätte, oder von selbst auf diesen sinnreichen Einfall gekommen war. Indessen fehlt' es ihr nicht an ähnlichen Ideen. –

Bei einer Jagdpartie, welche ihr Favorit veranstaltet hatte, äußerte sie den Wunsch, den ganzen Wald in einen herrlichen Park mit Grotten, Fischteichen, Kaskaden, Springbrunnen, Bädern von parischen Marmor, Palästen, Lusthäusern und Kolonnaden umgeschaffen zu sehen, und den Tag darauf waren viel tausend Hände geschäftig, den großen Plan auszuführen und das Ideal der Königin, wo möglich, noch zu verschönern. Wenn das lange so fortgedauert hätte, würde das ganze Königreich sein umgeformt worden; wo ein Berg stund, wollte sie eine Ebne haben, wo der Landmann ackerte, wollte sie fischen, und wo Gondeln schwammen, wünschte sie Karussell zu reiten. Der kupferne Pfennig ermüdete so wenig Goldpfennige auszubrüten, als die erfindsame Dame solche durchzubringen; ihr einziges Bestreben war, den hartnäckigen Verschwender mürbe zu machen und ihn zugrunde zu richten, um seiner los zu werden.

Indes Andiol am Hofe sich auf eine so glänzende Art produzierte, mästete sich der träge Amarin von den Wohltaten seines Tellertuchs; doch verleideten ihm Neid und Eifersucht gar bald den Hochgeschmack seiner Tafel. Bin ich nicht ebenso wohl, dacht er, Ritter Rolands Knappe gewesen, wie Andiol der stolze Prasser? Und ist die Mutter Drude nicht auch in meinen Armen erwärmet? Gleichwohl hat sie ihre Gaben so ungleich ausgeteilt: er hat alles, und ich habe nichts! Ich darbe im Überfluß, habe kein Hemde auf dem Leib und keinen Heller im Säckel; er lebt prächtiger als ein Prinz, glänzt am Hofe und ist der Günstling der schönen Urraca. Unwillig nahm er sein Tellertuch zusammen, steckt's in die Tasche und ging auf den Marktplatz promenieren, als eben der Mundkoch des Königs öffentlich ausgestäupet wurde, weil er durch eine schlecht zugerichtete Mahlzeit dem Monarchen eine starke Indigestion zugezogen hatte. Wie Amarin diese Geschichte erfuhr, fiel's ihm auf, und er dachte bei sich selbst: in einem Lande, wo man Küchenversehen so streng ahndet, werden sonder Zweifel auch Küchenverdienste hoch belohnt. Stehenden Fußes ging er in die Hofküche, gab sich für einen reisenden Koch aus, der Dienste suche, und verhieß in Zeit von einer Stunde das Probestück zu liefern, welches man von ihm fordern würde.

Das Küchendepartement wurde am Hofe zu Astorga wie billig für eins von den wichtigsten erkannt, welches auf das Wohl oder Weh des Staates zunächst Einfluß habe. Denn die gute oder böse Laune des Regenten und seiner Minister hängt doch größtenteils von der guten oder schlechten Dauungskraft des Magens ab, und daß diese durch die chymische Operation der Küche befördert oder gehindert werde, ist eine bekannte Sache. Nun aber hat der weiseste der Könige in seinen Sprüchen, vermutlich aus eigner Erfahrung, gelehret, daß ein grimmiger Leu minder furchtbar sei, als ein übel humorisierter König; darum war es ein höchst vernünftiger Grundsatz, mit der Wahl des Mundkochs sorgfältiger zu Werk zu gehen, als mit der Wahl eines Ministers. Amarin, dessen Außenseite ihn eben nicht empfahl; denn er hatte völlig das Ansehen eines Vagabonden, mußte seine ganze Beredsamkeit, das ist, das Talent der Windbeutelei, annehmen, um unter die Adspiranten der Kochsbestallung aufgenommen zu werden. Nur die Dreustigkeit und Zuverlässigkeit, mit welcher er von seiner Kunst sprach, bewog den Speisemeister, ihm ein cochon farci en haut gout, an welcher Zurichtung die Kunst der erfahrensten Köche oft gescheitert war, zur Probe aufzugeben. Als er die Ingredienzen dazu fordern sollte, verriet er eine so grobe Unwissenheit in der Wahl derselben, daß sich die ganze Küchengilde des Lachens nicht enthalten konnte. Er ließ sich dies all nicht irren, verschloß sich in eine abgesonderte Küche, schürete zum Schein groß Feuer an, deckte indes ganz in der Stille sein Tellertuch auf, und begehrte das verlangte Probestück meisterlich zugerichtet. Augenblicklich erschien das leckere Gericht in der gewöhnlichen antiken Majolik; er nahm's und richtet' es zierlich auf einer silbernen Schüssel an, und übergab's dem Oberschmecker zur Prüfung, der mit Mißtrauen ein wenig auf die Zunge nahm, um die feinen Organen seines Gaumens nicht durch eine so verpfuschte Speise zu verletzen. Allein zu seiner Verwunderung fand er das Farci köstlich, und erkannt' es würdig, auf die königliche Tafel aufgetragen zu werden. Der König bezeigte seiner Indisposition halber wenig Eßlust, doch kaum duftete ihm das herrliche Farci Wohlgeruch entgegen, so klärte sich seine Stirn auf, und der Horizont derselben deutete auf gut Wetter. –

Er begehrte davon zu kosten, leerte einen Teller nach dem andern ab, und würde das ganze Spanferkel aufgezehret haben, wenn nicht eine Anwandlung von Wohlwollen gegen seine Gemahlin ihn bewogen hätte, einige Überbleibsel davon ihr zuzusenden. Die Lebensgeister des Monarchen waren durch die gute Mahlzeit so angefrischt und wirksam, und Se. Majestät fanden sich nach der Tafel so wohlgemut, daß Sie geruheten mit dem Minister zu arbeiten, und sogar aus eigner Bewegung die dornichten Geschäfte von der langen Bank vorzunehmen. Das herrliche Triebrad dieser so glücklichen Revolution wurde nicht vergessen; dem kunsterfahrnen Amarin wurden prächtige Kleider angetan; man führte ihn aus der Küche vor den Thron, und nach einem langen Panegyrikus seiner Talente wurd er mit Feldhauptmannsrang zum ersten Mundkoch des Königs ernannt.

In kurzer Zeit erreichte sein Ruhm den höchsten Gipfel. Alle Leibgerichte der übelberüchtigten römischen Sardanapalen aus dem Altertum, welche der knausrige Zopf und der frugale Hilmar Curas in ihren historischen Schulkompendien jenen alten Weltbeherrschern für Beweise der ausgelassensten Verschwendung und wollüstigsten Schleckerei anrechnen, die ihrer Meinung nach den Ruin des Reichs und der römischen Finanzen nach sich gezogen haben sollen, dergleichen zum Beispiel Krafttorten waren mit gediegenen Goldkörnern bestreut, Pasteten von Pfauenzungen, Krammetsvögelhirn, Rebhühnereier, nach welchen Dingen heutzutage keinem feinen Züngler mehr lüstet; nicht minder Frikassees von Hahnenkämmen, Karpenaugen, Barbenmäulern, in welchen letztern der alten Sage nach eine Gräfin von Holland ihre Grafschaft soll vernascht haben: alles das waren nur alltägliche Gerichte, die der neue Apicius seinem Monarchen auftischte. An Galatagen, oder wenn er den königlichen Gaumen noch leckerhafter zu kitzeln gutfand, vereinigte er oft die Seltenheiten aus allen drei Teilen der damals bekannten Welt in einer einzigen Schüssel, und schwang sich durch diese Verdienste zu dem eminenten Posten eines königlichen Oberküchenmeisters, und endlich gar zum Majordomo empor.

Ein so glänzendes Meteor am Küchenhorizont, beunruhigete das Herz der Königin außerordentlich. Sie vermochte bisher alles über ihren Gemahl und führt' ihn am Gängelbande ihrer Willkür; aber nun befürchtete sie, durch die unvermutete Favoritenschaft um Gewalt und Ansehen zu kommen. Dem guten König Garsias war die freie Lebensart seiner Gemahlin nicht verborgen; aber entweder besaß er so viel politisches oder physisches Phlegma, daß er um des lieben Hausfriedens willen, oder aus körperlicher Indolenz, nie an seine Stirn fühlte, und wenn ihn je zuweilen eine grämliche Laune anwandelte, so griff ihn seine schlaue Donna von der schwachen Seite des Magens an, und war so sinnreich in Erfindung schmackhafter Brühen und Ragouts, die auf seinen Geist so mächtig wirkten, als wenn sie mit dem Wasser aus dem Fluß Lethe wären eingekocht gewesen. Doch seit der Küchenrevolution, die Amarins Tellertuch bewirkte, kam die Kochkunst der Königin um alle Reputation. Sie hatte einigemal die Dreustigkeit gehabt, sich mit dem Majordomo in einen Wettkampf einzulassen: aber allemal zu ihrem Nachteil. Denn anstatt über Amarins Schüssel zu siegen, wurde die ihrige gemeiniglich unversucht abgetragen und den Aufwärtern und Tellerleckern preisgegeben. Ihr Schöpfungsgeist ermüdete in Zubereitung köstlicher Speisen; Amarins Kunst konnte nicht anders als durch sich selbst übertroffen werden. Unter so kritischen Konjunkturen machte die Königin den Entwurf, auf das Herz des neuen Günstlings ihres Gemahls einen Angriff zu wagen, um ihn durch die Liebe in ihr Interesse zu ziehen. Sie berief ihn in geheim zu sich, und durch die Überredungskunst ihrer Reize gelang es ihr leicht, das von ihm zu erhalten, was sie wünschte. Er verhieß ihr auf den nächstbevorstehenden Geburtstag des Königs eine Zurichtung von seiner Fasson, welche alles übertreffen sollte, was jemals dem Sinne des Geschmacks geschmeichelt hätte. Welche Belohnung für diese Gefälligkeit der Majordomo sich ausbedungen, läßt sich leichter erraten als erzählen. Gnug so oft die Königin mit Amarins Kalbe pflügte, behielt ihre Schüssel nach dem Urteil des Königs und seiner Schranzen jederzeit den Preis.

Die beiden Wichte spielten nun am Hofe zu Astorga die ansehnlichsten Rollen, und strotzten mit unbändigem Stolz und Übermut nach Art glücklicher Parvenüs einher. Ob sie das Schicksal nach ihrer Trennung gleich wieder so nahe zusammengebracht hatte, daß sie aus einer Schüssel aßen, aus einem Becher tranken und die Gunst der schönen Urraca teilten: stellten sie sich doch, ihrer Verabredung gemäß, wildfremd gegeneinander, und ließen nichts von ihrer ehemaligen Kameradschaft merken. Keiner von beiden wußte sich indessen zu erklären, wo der weise Sarron hingeschwunden sei. Dieser hatte vermöge seines Däumlings bisher das strengste Inkognito beobachtet, und die Vorteile desselben auf eine Art genossen, die zwar nicht in die Augen fiel, aber demungeachtet ihm alle seine Wünsche gewährte. Der Anblick der schönen Urraca hatte auf ihn eben den Eindruck gemacht als auf seine Spießgesellen, seine Wünsche und Anschläge waren die nämlichen, und weil es zur Ausführung derselben keiner Umständlichkeit bedurfte, so hatte er in Absicht der königlichen Liebschaft bereits einen großen Vorsprung gewonnen, ehe seine Nebenbuhler das mindeste davon ahndeten. Seit der Trennung umschwebte der weise Sarron die beiden Konsorten unsichtbar und blieb nach wie vor Amarins Tisch- und Andiols Taschengenoß, füllte den Magen mit den Überbleibseln von der Tafel des einen, und seinen Beutel unbemerkt mit dem Überfluß des andern. Seine erste Sorge war, sich in ein romantisches Gewand zu werfen, um seinen Plan auszuführen und die schöne Königin in ihrer Schäferstunde zu beschleichen. Er kleidete sich in himmelblauen Atlas mit rosenfarbenen Unterkleidern, in Form eines arkadischen Schäfers, der in einem Maskensaal seine Herde weidet, parfümierte sich durchaus und trat durch Hülfe seiner Wundergaben ungesehen in der Königin Gemach, zur Zeit ihrer Sieste.

Der Anblick der schlafenden Schönheit im reizvollsten Negligé entflammte seine Begierden so sehr, daß er sich nicht enthalten konnte, einen feurigen Kuß auf ihre purpurfarbenen Lippen zu drücken, von dessen Schnalzen die schlummernde Hofdame erwachte, deren Funktion war, mit einem Fliegenwedel von Pfauenfedern ihrer Gebieterin kühle Luft zuzufächeln, und die geflügelten Insekten zu verscheuchen. Die Prinzessin erweckte der herzhafte Kuß gleichfalls aus dem süßen Schlafe, und sie frug mit lüsterner Verschämtheit wer im Zimmer sei, der es wagen dürfe, einen Kuß auf ihren Mund zu drücken. Die Hofdame setzte ihren Windfächer wieder in Bewegung, als wenn sie immer munter gewesen war, versicherte daß keine dritte Person im Zimmer sei, und fügte die Vermutung hinzu, es müsse ein süßer Traum Ihro Hoheit getäuscht haben. Die Prinzessin war ihrer Empfindung viel zu gewiß, und befahl dem aufwartenden Kammerfräulein außen im Vorsaal bei der Wache Nachfrage zu halten. Indem diese ihr Taburett verließ, um dem Befehl Folge zu leisten, fing der Windfächer an sich zu bewegen und der Königin kühle Luft zuzuwehen, welche Blütenduft und Ambragerüche ausatmete. Über dieser Erscheinung kam der Königin Grausen und Entsetzen an, sie sprang von ihrem Sofa auf und wollt entfliehen, fand sich aber von einer unsichtbaren Gewalt zurückgehalten und vernahm eine Stimme, welche diese Worte ihr zuflüsterte: »Schönste Sterbliche, fürchtet nichts, Ihr befindet Euch unter dem Schutze des mächtigen Königes der Feien, Dämogorgon genannt. Eure Reize haben mich aus den obern Regionen des Äthers in die drückende Atmosphäre des Erdballs herabgezogen, Eurer Schönheit zu huldigen.« Bei diesen Worten trat die Hofdame ins Zimmer, um von ihrem Auftrag Rapport zu erstatten, sie wurde aber gleich wieder mit Protest zurückgeschickt, weil ihre Gegenwart bei dieser geheimen Audienz entbehrlich schien.

Die schöne Urraca fand sich natürlich durch einen solchen überirdischen Liebhaber ungemein geschmeichelt, sie ließ alle Farben der feinsten Koketterie spielen, um durch den bunten Schimmer ihrer buhlerischen Reize den Beherrscher der Feien zu blenden, und sich eine so wichtige Eroberung zu sichern. Von der bescheidensten Verlegenheit, welche sie anfangs affektierte, ging sie zu den wärmsten Gefühlen der aufkeimenden Leidenschaft über. Sie fing an den Druck der unsichtbaren Hand zu erwidern, drauf folgten schmachtende halblaute Seufzer und ein innres Stöhnen, welches den vollen Busen bald hob, bald senkte, nur die zaubervollen schwarzen Augen blieben untätig, weil sie kein Objekt fanden, darauf sie wirken konnten. Dagegen ließ die liebreizende Königin ihren Witz so mächtig spielen, daß Sir Dämogorgon Mühe hatte, seinen ätherischen Verstand bei Ehren zu erhalten. Die trauliche Zärtlichkeit der Liebenden, wuchs mit jedem Augenblick, die Königin beklagte nur, daß ihr ätherischer Liebhaber ein Wesen ohne Körper sei, und schien der Körperwelt für der Geisterwelt ein großes Prärogativ einzuräumen. »Habt Ihr«, sprach sie, »mir nicht eingestanden, mächtiger Beherrscher des Luftkreises, daß Euch die körperlichen Reize einer Sterblichen gefesselt haben? Aber was soll mein Herz an Euch binden? Liebe ohne Sinnlichkeit dünkt mich sei ein Unding.« Der Luftmonarch wußte darauf nichts zu antworten; denn obgleich die platonische Liebe in den Luftregionen eigentlich hauset, und hier der Ort gewesen wär, durch diese beliebte Theorie sich aus der Affäre zu ziehen, so war ihm doch weder Plato noch sein System bekannt. Darum faßt er das Ding bei einem andern Ende an. »Wisset, schöne Prinzessin«, sprach er, »daß es wohl in meiner Macht steht, mich zu verkörpern, und in Menschengestalt mich Euren Augen darzustellen; aber eine solche Erniedrigung ist unter meiner Würde.« Die schöne Urraca ließ indessen nicht ab, diese Aufopferung so dringend zu begehren, daß der verliebte Feienkönig dem Verlangen seiner Dame nicht widerstehen konnte. Er willigte dem Anschein nach ungern ein, und die Phantasie der Prinzessin schob ihr das Bild des schönsten Mannes vor, den sie mit gespannter Erwartung zu erblicken vermeinte. Aber welcher Kontrast zwischen Original und Ideal, da nichts als ein gemeines Alltagsgesicht zum Vorschein kam, einer von den gewöhnlichen Menschen, dessen Physiognomie weder Genieblick noch Sentimentalgeist verriet! Der angebliche Feienprinz hatte in seiner arkadischen Schäfertracht völlig das Ansehen eines flämischen Bauers, nach van Dyks Komposition. –

Die Königin verbarg ihre Verwunderung über diese bizarre Erscheinung so gut sie konnte, und beruhigte sich vor der Hand damit, daß der stolze Luftgeist des zudringlichen Begehrens halber sich zu verkörpern, ihrer Sinnlichkeit vermutlich eine kleine Pönitenz habe auferlegen wollen, und daß er bei einer anderweiten Erscheinung sich schon veradonisieren werde.

Die erste Entrevue endigte sich also im ganzen genommen zur Zufriedenheit beider Teile, es wurden neue Zusammenkünfte verabredet, welche der weise Sarron nicht verabsäumete und sich durch die Umarmungen der reizenden Buhlschaft für die Abenteuer in der Drudenhöhle allgnugsam entschädigte. Vielleicht wär er jedoch ohne die Gabe der Unsichtbarkeit glücklicher gewesen als mit derselben. Unerkannterweise folgte er seiner Dame wie ihr Schatten, und da konnt es nicht fehlen, Entdeckungen zu machen, die einem Liebhaber eben nicht behagen, er fand daß die gefällige Prinzessin ihre Gunstbezeugungen auf Koch und Kämmerling, wie auf den Feenherrscher mit gleichmäßiger Freigebigkeit ausspendete, und diese fatale Kollision mit den vormaligen Zeltkameraden, die so gut akkreditiert waren als er selbst, erzeugt' in seinem Herzen eine peinigende Eifersucht. Er sann auf Mittel, die Nebenbuhler auszubeißen, und fand zufälligerweise Gelegenheit, seinen Groll an dem Dummkopf Amarin auszulassen.

Bei einem Gastmahle, womit die Königin ihren Gemahl und den ganzen Hof regalierte, wurde eine verdeckte Schüssel aufgetragen, für welche König Garsias seinen rüstigen Appetit ganz aufsparte. Denn ob sie gleich das Tellertuch hergezaubert hatte, so kursierte sie doch unter der Firma der Königin, und der Oberküchenmeister beteuerte hoch, daß die Kochkunst von Ihro Hoheit die seinige diesmal so weit übertreffen, daß er, um seine Reputation nicht aufs Spiel zu setzen, sein gewöhnliches Kontingent zum Tafelaufsatz zurückbehalten habe. Diese Schmeichelei ging der Königin so glatt ein, daß sie solche dem Majordomo mit dem zärtlichsten bedeutsamsten Blicke bezahlte, welcher dem unsichtbar auflaurenden Sarron durchs Herz schnitt. »Schon gut!« sprach er unwillig zu sich selbst, »ihr sollt alle nichts davon schmecken.« –

Als der Vorschneider die Schüssel aushob und die Glocke abdeckte, verschwand zum Erstaunen aller umstehenden Hofdiener die darinnen verborgene Schleckerei, und die Schüssel war leer und ledig. Es erhob sich unter der Dienerschaft groß Flüstern und Gemurmel, der Vorschneider ließ vor Schrecken das Messer zur Erde fallen und sagt's an dem Speisemeister. Dieser lief zum Oberschmecker und hinterbracht ihm die Hiobspost, welcher nicht säumte sie seinem Chef ins Ohr zu spedieren, darauf erhob sich der Majordomo mit ernsthafter Amtsmiene von seinem Platz und raunte der Königin die traurige Novelle gleichfalls ins Ohr, –

welche darüber leichenblaß ward und Schlagwasser begehrte. Der König harrete indes mit großer Begierde dem Kredenzer entgegen, der ihm den sehnlich erwarteten Leckerbissen auftragen sollte, er sahe bald zur Rechten, bald zur Linken, nach dem Teller, der da kommen sollte. Da er aber die Bestürzung der Hofdiener wahrnahm, und wie alles in Verwirrung durch einander lief, frug er was das sei, und die Königin faßte sich ein Herz und eröffnete ihm mit wehmütiger Gebärde, es habe sich ein Unfall ereignet, daß ihre Schüssel nicht serviert werden könne. Über dieses unangenehme Aviso ergrimmte der hungrige Monarch, wie leicht zu erachten, gar sehr in seinem Herzen, schob mit Unmut den Stuhl und begab sich in sein Appartement, bei welchem eilfertigen Rückzuge sich jedermann wahrte, ihm in den Weg zu treten. Die Königin weilte auch nicht lange im Speisesaal und begab sich in ihr Gemach, daselbst über den armen Amarin den Stab zu brechen.

Augenblicklich ließ sie den bestürzten Majordomo, der sich von seinem Schrecken über die verschwundene Speise und den darüber geäußerten Unwillen des Königs noch nicht erholt hatte, vor sich bescheiden, und als er de- und wehmütig der zornmütigen Gebieterin sich zu Füßen legte, redete sie ihn emphatisch mit diesen Worten an: »Undankbarer Verräter, achtest du die Gunstbezeigungen einer Königin so gering, daß du es wagen darfst, den Unwillen ihres Gemahls gegen sie zu reizen und sie dem Gelächter des Hofgesindes auszusetzen? Ist dein Ehrgeiz so unbegrenzt, daß du mir für den höchsten Preis, den kleinen Ruhm mißgönnst, des Königs Tafel mit der niedlichsten Speise zu besetzen? Reuete dich dein Versprechen, auf mein Geheiß das herrlichste Schaugericht herzuzaubern, daß du es verschwinden ließest, da ich im Begriff war Lob und Beifall davon einzuernten? Offenbare mir flugs das Geheimnis deiner Kunst, oder erwarte den Lohn der Zauberei auf dem Scheiterhaufen, wo du morgenden Tages bei langsamen Feuer braten sollst.« Dieser strenge Bescheid engte dem zaghaften Tropf dergestalt das Herz ein, daß er der Rache der Königin nicht anders zu entrinnen glaubte, als durch ein aufrichtiges Geständnis der Beschaffenheit seiner Kochkunst. Da nun seine geschwätzige Zunge einmal im Gange war, und er überdies der aufgebrachten Dame den Verdacht zu benehmen wünschte, daß er das köstliche Ragout neidisch habe verschwinden lassen, verschwieg er weder die Abenteuer in den Pyrenäen noch auch die Spenden der Mutter Drude. Durch diese getreue Erzählung gelangte die Königin auf einmal zu der längstgewünschten genauen Kundschaft ihrer drei Favoriten und ward augenblicks Sinnes, sich der magischen Geheimnisse derselben zu bemächtigen. Sobald der unbedachtsame Schwätzer ausgeschwatzt und seiner Meinung nach sich hinlänglich gerechtfertiget hatte, nahm sie das Wort und sprach mit verächtlicher Miene: »Elender Tropf! meinst du mit einer armseligen Lüge dich zu retten und mich zu täuschen? Laß mir die Wunder deines Tellertuchs sehen, oder fürchte meine Rache.« Amarin war so willig als schuldig, diesem kategorischen Befehl Folge zu leisten, er zog sein Tellertuch hervor, breitet' es aus und frug, was er der Königin auftischen solle, sie begehrte eine reife Muskatennuß in der frischen Schale. Amarin gebot dem dienstbaren Geiste des Tüchleins, die Majolik erschien, und die Königin empfing die reife Muskatennuß in der Schale an dem grünen Zweige, welchen ihr Amarin ehrerbietig auf den Knieen zu ihrer Verwunderung darreichte. Doch anstatt darnach zu greifen, erfaßte sie das magische Tellertuch und warf's in eine offene Truhe, die sie hurtig verschloß. Ohnmächtig sank der betrogene Majordomo zu Boden, da er den Verlust seiner zeitlichen Glückseligkeit vor Augen sah; die schlaue Räuberin aber tat einen lauten Schrei, und als ihre Diener hereintraten, sprach sie: »Dieser Mann ist mit der fallenden Sucht behaftet, pfleget sein; doch laßt ihn nie wieder zu mir hereintreten, daß er mir kein zweites Schrecken mache.«

Dämischerweise hatte der kluge Sarron bei aller seiner Klugheit sich diesmal schlecht vorgesehen, da er seinem Kompan einen hämischen Possen zu spielen gedachte. Aus Schadenfreude verschlang er gierig die geraubte Schleckerei, dachte nicht an die goldne Regel, die drei weise Nationen wegen ihrer Brauchbarkeit so kurz und rund in drei Worte eingeschlossen haben, und empfand Übelsein und Magendrücken. Aus Furcht, sichtbare Beweise seiner Unsichtbarkeit im Tafelgemach zurückzulassen, sucht' er das Freie und promenierte im Park, um durch die Bewegung die Ladung des Magens in einen engern Raum zu drängen. Er konnte die Königin also diesmal nicht in ihr Gemach begleiten, sie hatte ihn aber Tages vorher zu einer partie fine auf den Abend eingeladen, wo er auch nicht verabsäumte, sich einzufinden. Die Königin war ungemein bei Laune, auch so zärtlich und liebreizend wie eine Grazie, daß Freund Dämogorgon im süßen Taumel der Lüste dahinschwand. In dieser Verzückung reicht' ihm die schlaue Buhlerin eine Nektarschale dar, die sie selbst kredenzte und deren Genuß ihn bald in süßen Schlummer wiegte, denn es war ein wirksamer Schlaftrunk darin verborgen. Sobald er laut zu schnarchen begann, bemächtigte sich die arglistige Räuberin des Däumlings der Unsichtbarkeit, ließ den Luftmonarchen durch ihre Diener forttransportieren und in einem Winkel der Stadt auf die freie Straße legen, wo er auf dem Steinpflaster den narkotischen Taumel ausschnarchte. Der Königin kam vor Freude kein Schlaf in die Augen, ihr Dichten und Denken war nur darauf gerichtet, auch das dritte magische Kleinod zu erhaschen.

Kaum vergüldete der erste Morgenstrahl die Zinnen des königlichen Palastes zu Astorga, so schellte die rastlose Dame ihren Zofen und sprach: »Sendet Botschaft an Childerich den Sohn der Liebe, daß er mich frühe zur Messe geleite und diese Gunst mit einem reichen Opfer für die Armen löse.« Der verzärtelte Günstling des Glücks und der schönen Urraca wälzte sich noch auf dem weichen Lager, gähnte hoch auf, da er diese ehrsame Botschaft empfing, ließ sich dennoch von seinen Kammerdienern halb schlaftrunken ankleiden und verfügte sich nach Hof, wo ihm der Kämmerling der Königin ein scheel Gesicht machte, daß ihm die Ehre widerfahren sollte, sein Stellvertreter zu sein. Mit andächtigen Pomp ging der Zug diesmal in die Domkirche, wo der Erzbischof mit seinen Chorherrn ein feierliches Hochamt hielt. Das Volk hatte sich in großer Anzahl bereits versammlet, die herrliche Prozession zu begaffen. Die schöne Urraca, und noch mehr die reiche Schleppe ihres Kleides, von sechs Hofdamen ihr nachgetragen, erregte allgemeine Bewunderung. Eine Menge frecher Bettler, Lahme, Blinde, Krüppel, auf Krücken und Stelzen, umringten den pompösen Kirchzug, verlegten der Königin den Weg und fleheten um Almosen, welche Andiol zur Rechten und Linken aus seinem Säckel reichlich ausspendete. Ein blinder Greis zeichnete sich durch seine Dreustigkeit, mit welcher er sich herzudrängte, und durch sein bängliches Geschrei, womit er Wohltaten forderte, vor seinen übrigen Konsorten aus; er kam der Königin nicht von der Seite, hielt unablässig seinen Hut auf und bat um eine milde Gabe. Andiol warf ihm von Zeit zu Zeit ein Goldstück hinein, doch eh es der Blinde fand, stahl es ihm flugs ein diebischer Nachbar weg, und er fing seine Litanei von neuem an. Die Königin schien dieser unglückliche Greis zu rühren, sie entriß behend ihrem Begleiter den Säckel und gab ihn in die Hand des blinden Mannes: »Nimm hin«, sprach sie, »guter Alter, den Segen, den dir ein edler Ritter durch mich mitteilt, und bete für das Wohl seiner Seele.«

Andiol erschrak über diese königliche Freigebigkeit auf seine Kosten dergestalt, daß er aus aller Fassung kam und mit der Hand eine Bewegung machte, als wenn er den Säckel wiederhaschen wollte, über welche scheinbare Filzigkeit das andächtige Gefolge der Königin in ein lautes Gelächter ausbrach. Dadurch wurde seine Bestürzung nur noch größer, gleichwohl trug er so viel Scheu, den Wohlstand zu beleidigen, daß er die Königin am Arm in die Kathedrale geleitete und sein Herzeleid so gut er konnte verbarg, bis die Messe gesungen war. Darauf forscht' er mit Fleiß nach dem Bettler und verhieß große Belohnung für eine alte Gedenkmünze aus dem Säckel, die seinem Vorgeben nach ein seltenes Kabinettstück sei. Aber niemand wußte zu sagen, wo der Bettler hingeschwunden war; sobald der Säckel in seiner Hand war, verschwand er und kam nicht mehr zum Vorschein. Eigentlich wär der sehende Blinde im Vorgemach der Königin zu erfragen gewesen, wo er der Rückkehr derselben harrete, denn er war ihr Hofnarr, den sie in einen blinden Bettler verkappt hatte, um sich des Heckpfennigs zu bemächtigen, welchen sie zu ihrer großen Freude auch in dem Säckel fand, den ihr Geschäftsträger treulich überantwortete.

Die arglistige Frau befand sich nun durch ihre Künste im Besitz aller magischen Kleinodien der drei Knappen, welche untröstbar über ihren Verlust stöhnten und jammerten, und sich aus Verzweiflung Haar und Knebelbart zerrauften; sie aber triumphierte stolz über den guten Erfolg ihrer Prellerei und kümmerte sich nicht weiter um das Schicksal der drei unglücklichen Wichte. Das erste was sie begann war eine Prüfung, ob die Wunderdinge ihre produktive Kraft auch in der Hand der neuen Inhaberin äußern würden. Der Versuch gelang nach Wunsche: das Tellertuch lieferte auf ihr Geheiß seine Schüssel, der kupferne Pfennig gebar Dukaten, und unter der Hülle des Däumlings ging sie ungesehen durch die Wache im Vorsaal, in die Gemächer ihres Frauenzimmers. Mit frohem Herzklopfen machte sie Entwürfe zu den glänzendsten Szenen, die sie auszuführen gedachte, und die Lieblingsidee daraus war, sich in eine leibhafte Fei zu verwandeln. Sie war sinnreich ein neues System von der Natur dieser rätselhaften Damen zu erfinden, deren genauere Kenntnis dem Forschungsgeiste der Weltweisen selbst verborgen ist. Was ist eine Fei anders, dachte sie, als die Besitzerin eines oder mehrerer magischen Geheimnisse, wodurch sie die Wunder ausrichtet, die sie über das Los der Sterblichen zu erheben scheinen; und kann ich nicht in Absicht dieser verborgenen Kräfte mich als eine der ersten Feien qualifizieren? Der einzige Wunsch blieb ihr übrig, einen Drachenwagen oder ein Gespann Schmetterlinge zu besitzen, denn der Weg durch die freie Luft war ihr vor der Hand noch verschlossen. Doch schmeichelte sie sich, daß ihr auch diese Prärogative nicht fehlen werde, wenn sie erst in den Feienkonvent aufgenommen war; sie hoffte leicht eine gefällige Schwester zu finden, welche ihr so eine luftige Equipage durch Tausch gegen eine ihrer Wundergaben ablassen würde. Nächte lang unterhielt sie sich mit dem angenehmen Gedankenspiel, hübsche Jungen zu beschleichen, sie unsichtbarerweise zu necken, ihnen zu liebkosen, den Kopf zu verrücken, durch Liebesqual sie zu peinigen, und statt der Nymphe sie entweder einen leeren Schatten greifen zu lassen, oder nach Beschaffenheit der Umstände auch wohl ihre Wünsche zu realisieren. Dennoch fühlte die neue Fee den Mangel eines wesentlichen Bedürfnisses, ehe sie es wagen konnte, mit Anstand auf Abenteuer auszugehen; es fehlt' ihr noch an einer wohlgerüsteten Feengarderobe. Mit dem frühesten Morgen, der auf eine durchgewachte Nacht folgte, in welcher ihre warme Phantasie den sämtlichen Feenornat, von der Schwungfeder an bis zum Absatz des niedlichen Schuhes assortieret hatte, wurde die gesamte Schneiderzunft zu Astorga in Arbeit gesetzt, als wenn die erste Maskerade daselbst hätte eröffnet werden sollen, oder die eigensinnigsten Theaterprinzessinnen bei einer Opera seria zu bedienen gewesen wären. Doch ehe diese Zurüstung zur Vollkommenheit gedieh, trug sich etwas zu, darüber das ganze Königreich Suprarbien, am meisten aber die schöne Urraca, in Erstaunen geriet.

Die lange Anstrengung des Geistes hatte die veridealisierte Königin in einer Nacht endlich in Schlummer gewiegt, als sie durch eine martialische Stimme plötzlich aufgeweckt wurde, welche ihr das furchtbare de par le Roi in die Ohren gellete. –

Ein wachthabender Offizier gebot ohne Verzug ihm zu folgen. Die erschrockne Dame fiel aus den Wolken, wußte nicht was sie sagen oder denken sollte, fing an mit dem Kriegsmann zu expostulieren, der außer seiner gegenwärtigen Funktion sonst gar eine leidliche Figur machte, weshalb ihm auch, im Vorbeigehen gesagt, die Ehre eines Feienbesuchs zugedacht war. Nach einer vergeblichen Appellation an die höchste Instanz merkte die Königin wohl, daß sie der schwächere Teil sei und gehorchen müsse: »Des Königs Wille ist mein Gebot«, sprach sie, »ich folge Euch.« Da sie das sagte, ging sie zu ihrer Truhe, um ein Regentuch, wie sie vorgab, zum Schutz gegen die Nachtkälte überzuwerfen, in der Tat aber das Kunststück mit dem Däumling zu praktizieren, und urplötzlich zu verschwinden. Allein der Hauptmann hatte strenge Ordre, und war so unbescheiden, der schönen Gefangenen diese kleine Bequemlichkeit zu versagen. Weder Bitten noch Tränen vermochten etwas über den hartherzigen Kriegsmann, er umfaßte sie mit seinem muskulösen Arm und schob sie behend zum Zimmer hinaus, welches sogleich die Justiz in Beschlag nahm und versiegeln ließ. Unten am Portal hielt eine Sänfte von zwei Maultieren getragen, in welcher die jammernde Königin im nachlässigsten Negligé Platz nehmen mußte, und nun ging der Zug beim Schein der Windlichter still und trübselig wie eine Nachtleiche durch die einsamen Straßen zum Tor hinaus, zwölf Meilweges in einer Strecke, in ein abgelegenes Kloster ringsum hoch vermauert, wo die in Tränen zerschmolzene Gefangene, in ein schauervolles Kämmerlein vierzig Klaftern tief unter der Erde eingesperret wurde.

König Garsias hatte seit dem unbehaglichen Fasttage, an welchem sein Leibessen aus der Schüssel verschwunden war, so viel üble Laune gehabt, daß kein Auskommen mehr mit ihm war. Die eine Hälfte seiner Minister und Hofdiener waren in Ungnade gefallen und die andere, die gleiches Schicksal befürchtete, raffinierte mit Fleiß darauf, diese spleenitischen Anfälle eiligst wegzuschaffen. Der Leibarzt brachte zu diesem Behuf ein Vomitiv in Vorschlag, der Kammerdiener eine Mätresse, der Primas regni einen Bußtag, der General der Armee einen Kreuzzug gegen die Sarazenen, der Oberjägermeister eine Jagdpartie, der Hofmarschall eine Pastete von roten Rebhühnern im Geschmack des Majordomo; denn was den letztern selbst betraf, so hatte er nach dem Verlust seines Tellertuchs sich eklipsiert wie das famose Schaugericht. Unter diesen Palliativen behielt die Jagdpartie als ein Mittel der Zerstreuung, womit die wenigste Schwürigkeit verbunden war, die Oberhand, wiewohl sie das nicht leistete, was man sich davon versprach. Der König konnte das verschwundene Meisterstück der Kochkunst nicht verschmerzen, und gab deutlich zu verstehen, er sei der Meinung, daß es mit dieser Verschwindung nicht von rechten Dingen zugegangen war; ja er äußerte gegen seine Vertrauten von seiner Gemahlin selbst den schlimmen Verdacht der Zauberei. Die Königin hatte bei Hofe eine starke Gegenpartei, sobald ihre Widersacher merkten, unter welchem Adspekt dem Humor des Königes jetzt die Beherrscherin seines Willens erschien, verabsäumte der Geist der Kabale nicht diese Gelegenheit zu nutzen, sie zu verderben, und dieses gelang desto leichter, weil der Aufenthalt des Königes auf einem Jagdschlosse, die Talente des Tellertuchs, welches in Astorga gar leicht ein schmackhaftes Sühnopfer hätte liefern können, unwirksam machte. Nachdem die Sache in einem Kabinettsrat der Vertrauten reiflich war erwogen und von Läufer, Hofzwerg, Schalksnarren, Kammerdiener, Leibarzt, und wer sonst noch das Ohr des Monarchen hatte, der Fall der stolzen Königin war beschlossen worden, berief der König einen geheimen Staatsrat zusammen, durch welchen er die Sentenz des engern Ausschusses rechtskräftig bestätigen ließ, worauf solche auch sträcklich vollzogen wurde.

Eine Hofkommission war nun unermüdet beschäftiget, den Nachlaß dieser unglücklichen Prinzessin zu durchstören, um Beweistümer der Zauberei, irgend einen Talisman, magische Charaktere, vielleicht auch gar einen Kontrakt mit dem bösen Feinde, oder eine Kopei davon, aufzufinden. Alles Geschmeide und andere Kostbarkeiten, desgleichen der ganze Feenapparatus, wurde getreulich konsigniert, doch aller angewandten Mühe ungeachtet, konnte die blödsüchtige Justiz nichts entdecken, was auf Zauberkünste eine Beziehung zu haben schien; das eigentliche Corpus delicti, der Raub der rolandischen Knappschaft, hatte ein so unverdächtiges und unbedeutendes Ansehen, daß man diese Schätze der Magie nicht einmal würdigte zu inventieren. Das köstliche Tellertuch, das durch öftern Gebrauch des ehemaligen Besitzers etwas unscheinbar worden war, –

diente dem unwissenden Gerichtsschreiber zum Haderlappen, die schwarzen Fluten eines umgestoßenen Dintenfasses damit aufzutrocknen; der wunderbare Däumling, das herrliche Vehikel der Unsichtbarkeit, und der reichhaltige Kupferpfennig, wurden als unnütze Plunder ins Auskehricht geworfen.

Was aus der Königin Urraca in dem trübseligen Kloster, wohin sie vierzig Klaftern tief unter die Erde exiliert war, geworden ist; ob sie zu lebenswüriger Pönitenz verurteilt wurde, oder jemals wieder das Tageslicht erblickt hat; desgleichen ob die drei magischen Geheimnisse durch Moder, Rost und Verwesung sind zerstöret, oder von einer glücklichen Hand dem Schutt und Kehrichthaufen, welchem alle Erdengüter endlich zur Aufbewahrung anheimfallen, sind entrissen worden, davon beobachtet die alte Legende ein tiefes Stillschweigen. Billig hätte das Glück einem darbenden Tugendhaften, der bei dem Schweiße seiner Arbeit mit einer ausgehungerten Familie schmachtete, und nur Tränen hatte, wenn die jungen Raben nach Brot schrieen, das nahrhafte Tellertuch oder den wuchernden Pfennig in die Hände spielen sollen, und einem abgezehrten harmvollen Liebhaber, dem Vätertyrannei oder Mutterdespotismus sein Mädchen raubte und ins Kloster stieß, hätte das Kleinod der Unsichtbarkeit sollen zuteil werden, um seine Geliebte aus der strengen Klausur zu befreien und sich untrennbar mit ihr zu einigen. Doch eine solche Anomalie von dem gewöhnlichen Laufe der Dinge in dieser Unterwelt, war zu sonderbar gewesen, um sich wirklich zu begeben. Die wünschenswertesten Erdengüter befinden sich gewöhnlich unter schlechter Administration, und der Eigensinn des Glücks versagt sie von jeher denen, die einen bescheidenen und vernünftigen Gebrauch davon machen würden.

Nach dem Verlust aller Spenden der freigebigen Mutter Drude, emigrierten die geplünderten Inhaber derselben in aller Stille aus Astorga. Amarin, der ohne sein Tellertuch der Funktion eines Oberküchmeisters nicht Gnüge leisten konnte, strich sich zuerst, Andiol, der Sohn der Liebe, folgte ihm auf dem Fuße nach. Da ihm die große Leichtigkeit seines Gelderwerbes die gewöhnliche Arbeitsscheu reicher Prasser gelehret hatte, so war er zu faul, seinen Pfennig nach dem Verhältnis seiner Ausgabe umzuwenden, lebte auf Kredit und pflegte nur bei schlimmen Wetter, oder wenn er keine Lustpartie hatte, seine Kasse zu füllen. Jetzt war er unvermögend, seine Gläubiger zu befriedigen, er wechselte daher sonder Verzug die Kleider und ging ihnen aus den Augen. Sobald Sarron aus seinem Totenschlaf erwachte und merkte, daß er aufgehöret hatte, den Feenkönig zu spielen, schlich er sich mißmutig ins Quartier, suchte seine alte Rüstung hervor und nahm den ersten besten Weg gleichfalls zum Tor hinaus.

Der Zufall fügt' es, daß die Rolandsche Knappschaft auf der Heerstraße nach Kastilien wieder zusammentraf. Anstatt mit unnützen Vorwürfen einander zu kränken, die ihren Zustand jetzt um nichts bessern konnten, faßten sie sich mit philosophischer Gelassenheit in ihr Schicksal. Die Gleichheit desselben und die unvermutete Zusammentreffung erneuerte augenblicklich die alte Kameradschaft, und der weise Sarron machte die Bemerkung, daß das Los der Freundschaft allein dem goldnen Mittelstande zugefallen sei und sich schwerlich mit Glück und großen Talenten vertrage.

Hierauf beschlossen die drei Konsorten einmütig, ihren Weg fortzusetzen, unter kastilischen Fahnen ihrem ersten Berufe zu folgen und Rolands Tod an den Sarazenen zu rächen. Sie befanden sich bald am Ziel ihrer Wünsche, mitten im Getümmel des Schlachtfeldes, ihr Schwert trank Sarazenenblut, und mit Siegespalmen umlaubt starben sie insgesamt den Tod der Helden.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.