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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 38
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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Die Entführung

Eine Anekdote

Am Wässerlein Lockwitz im Vogtlande, auf der thüringischen Grenze, ist gelegen das Schloß LauensteinEs führen mehrere Orte diesen Namen, z. B. ein altes Schloß und Städtlein im Erzgebürgischen Kreis, ein Städtchen in Unterkärnten und ein Bergschloß und Flecken im Hannoverschen, vielleicht noch andere., welches vorzeiten ein Nonnenkloster war, das im Hussitenkriege zerstöret wurde. Die geistliche Domäne ging, als ein verlassenes Eigentum, in der Folge wieder an den weltlichen Arm über, und wurde von dem Grafen von Orlamünda, als damaligen Grundherrn, an einen Lehnsmann ausgetan, der auf die Ruinen des Klosters sich ein Schloß erbauete, und dem wohlerworbenen Eigentum entweder seinen Namen gab, oder diesen davon bekam: er hieß der Junker von Lauenstein. Es veroffenbarte sich aber gar bald, daß geistliches Gut in der profanen Hand der Laien nicht gedeihet, und daß ein solcher stiller Kirchenraub, auf eine oder die andere Art geahndet wird.

Die Gebeine der heiligen Nonnen, die schon jahrhundertelang in dem düstern Begräbnisgewölbe, im stillen Frieden ruheten, konnten die Entweihung ihres Heiligtums nicht gleichgültig ertragen. Die morschen Totenknochen wurden rege, rasselten und rauschten zur Nachtzeit aus der Tiefe herauf, und erhoben ein furchtbares Getöse und Gepolter im Kreuzgange, der noch unversehrt geblieben war. Oft zog eine Prozession von Nonnen, mit feierlichem Gepränge, im Schloßhof herum, sie wallfahrteten durch die Gemächer, schlugen Türen auf und Türen zu, wodurch der Eigentümer in seinen vier Pfählen verunruhiget und aus dem Schlafe gestöret wurde. Oft toseten sie im Gesindesöller, oder in den Ställen, erschreckten die Mägde, zwickten und zwackten sie bald dort bald da, quälten das Vieh, den Kühen versiegte die Milch, die Pferde schnoben, bäumten sich auf und zerschlugen die Standbäume.

Bei diesem Unfug der frommen Schwestern und ihren unablässigen Plackereien verkümmerten Menschen und Tiere, und verloren allen Mut, vom gestrengen Junker an, bis auf den grimmigen Bollenbeißer. Der Gutsherr scheuete keine Kosten, dieser tumultuarischen Hausgenossenschaft durch die berühmtesten Geisterbanner Friede gebieten, und ewiges Stillschweigen auferlegen zu lassen. Doch der kräftigste Segen, vor welchem das ganze Reich des Belials zitterte, und der Sprengwedel mit Weihwasser getränkt, der unter den bösen Geistern sonst aufräumte, wie die Fliegenklappe unter den Stubenfliegen, vermochte lange Zeit nichts gegen die Hartnäckigkeit der gespenstischen Amazonen, die ihre Ansprüche auf den Grund und Boden ihres vormaligen Eigentums so standhaft verteidigten, daß die Exorzisten mit der heiligen Gerätschaft der Reliquien bisweilen die Flucht ergreifen und das Feld räumen mußten.

Einem Gaßner seines Jahrhunderts, der im Lande herumzog, Hexen auszuspähen, Kobolde zu fahen, und die Besessenen von dem Raupengeschmeiß der bösen Geister zu säubern, war's aufbehalten, die geistischen Nachtschwärmerinnen endlich zum Gehorsam zu bringen, und sie wieder in ihre dunkle Totenkammer einzusperren, wo sie Erlaubnis erhielten, ihre Schädel hin- und herzurollen, und mit ihren Knochen zu klappern und zu poltern, soviel sie wollten. Alles war nun ruhig im Schlosse, die Nonnen schliefen wieder ihren stillen Totenschlaf; aber nach sieben Jahren hatte ein unruhiger Schwestergeist schon wieder ausgeschlafen, ließ sich zur Nachtzeit sehen, und trieb eine Zeitlang das vorige Spiel, bis er ermüdete, sieben Jahre ruhete, dann wieder Besuch in der Oberwelt gab, und das Schloß revidierte. Mit der Zeit gewöhnten sich die Einwohner an die Erscheinung des Gespenstes, und wenn die Zeit kam, daß sich die Nonne blicken ließ, wahrte sich das Hofgesinde, zur Abendzeit den Kreuzgang zu betreten, oder aus der Kammer zu gehen.

Nach Ableben des ersten Besitznehmers, fiel das Lehen an seine aus rechtmäßigem Ehebett erzielte Deszendenz, und es fehlte nie ein männlicher Erbe, bis auf die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, wo der letzte Zweig des Lauensteinischen Geschlechtes blühete, bei welchem die Natur ihre Kräfte erschöpft zu haben schien, um ihn zur Existenz zu bringen. Sie war mit dem Stoffe zur Anlage seines Körpers so verschwenderisch umgegangen, daß in der Periode, wo dieser zur höchsten Vollkommenheit gediehen war, die Masse des gestrengen Junkers beinahe an das Gewicht des berühmten Schmerbauchs, Franz FinatziDieser Ehrenmann, den keine Sorgen der Nahrung drückten, wog im 56. Jahre seines Alters 488 Pfund Fleischergewicht. in Preßburg reichte, und seine Korpulenz nur einige Zoll weniger maß, als des wohlgemästeten Holsteiners, Paul Butterbrod genannt, der sich den Pariser Damen unlängst zur Schau ausgestellet hat, die seine prallen Schenkel und Arme mit so großem Wohlgefallen betasteten. Indessen war Junker Siegmund, vor seiner Kürbisepoke, ein ganz stattlicher Mann, der auf seiner Hufe in gutem Wohlstand lebte, den von sparsamen Vätern ererbten Nachlaß nicht schmälerte, aber doch zum frohen Lebensgenuß gebrauchte. Er hatte, sobald ihm der Vorfahr Platz machte, und den Besitz von Lauenstein überließ, nach dem Beispiel aller seiner Ahnherren sich vermählt, war alles Ernstes auf die Fortpflanzung des adlichen Geschlechts bedacht, und erzielte mit seiner Gemahlin glücklich eine eheliche Erstlingsfrucht; aber das Kind war ein wohlgestaltes Fräulein, und dabei hatte es auch mit der Propagation sein Bewenden. Die allzu sorgsame Pflege des gefälligen Weibes, schlug bei dem nahrhaften Eheherrn dergestalt an, daß alle Hoffnung des nachfolgenden Kindersegens in seinem Fett erstickte. –

Der häuslichen Mutter, welche gleich vom Anfang der Ehe das Hausregiment allein führte, fiel auch die Erziehung der Tochter anheim. Je mehr Papa Bauch wurde, desto unwirksamer wurde seine Seele, und endlich nahm er von keinem Dinge in der Welt mehr Notiz, das nicht gebraten oder gesotten war.

Fräulein Emilie war, bei dem Gewirr von ökonomischen Geschäften, größtenteils der treuen Pflege der Mutter Natur überlassen und befand sich dabei nicht übel. Die verborgene Kunstmeisterin, die nicht gern ihre Reputation aufs Spiel setzt, und einen Irrtum, den sie sich zuschulden kommen lassen, gemeiniglich durch ein Meisterstück ersetzt, hatte die Körpermasse und die Talente des Geistes bei der Tochter nach richtigern Verhältnissen abgemessen, als bei dem Vater: sie war schön und hatte Verstand. In dem Maße wie die Reize des jungen Fräuleins aufzublühen begannen, stimmten sich die Absichten der Mutter höher hinauf, durch sie den Glanz des verlischenden Geschlechtes noch recht zu erheben. Die Dame besaß einen stillen Stolz, der ihr im gemeinen Leben doch nicht abzumerken war; außer darin, daß sie streng über die Ahnentafel hielt, und solche als den ehrwürdigsten Schmuck ihres Hauses ansah. Im ganzen Vogtlande war, außer den Herren Reußen, kein Geschlecht ihr alt und edel gnug, in welches sie die letzte Blüte des Lauensteinischen Stammes verpflanzt zu sehen wünschte, und so sehr sich's die jungen Herren in der Nachbarschaft angelegen sein ließen, die schöne Beute zu erhaschen: so geschickt wußte die schlaue Mutter diese Absichten zu vereiteln. Sie bewachte das Herz des Fräuleins so sorgfältig, wie ein Mautner den Schlagbaum, daß keine konterbande Ware einschleichen möchte, verwarf alle Spekulationen wohlmeinender Basen und Tanten, die auf eine Ehestiftung zielten, und tat mit der Fräulein Tochter so hehr, daß sich kein Junker an sie wagte.

Solange das Herz eines Mädchens noch Lehre annimmt, ist es einem Nachen zu vergleichen, auf spiegelgleicher See, der sich steuren läßt, wohin das Ruder ihn führet; aber wenn der Wind sich erhebt, und die Wellen das leichte Fahrzeug schaukeln, gehorcht es nicht mehr dem Ruder, sondern folgt dem Strome des Windes und der Wellen. Die lenksame Emilie ließ sich, an dem mütterlichen Gängelbande, willig auf dem Pfad des Stolzes leiten: ihr noch unbefangnes Herz war jedes Eindrucks fähig. Sie erwartete einen Prinzen oder Grafen, der ihren Reizen huldigen würde, und alle minder hochgeborne Paladins, welche ihr den Hof machten, wies sie mit kaltem Sprödsinn zurück. Ehe sich indessen ein standesmäßiger Anbeter für die Lauensteiner Grazie einfand, trat ein Umstand ein, welcher das mütterliche Heuratssystem merklich verrückte, und bewirkte, daß alle Fürsten und Grafen des Römischen Reichs Deutscher Nation zu spät würden gekommen sein, um des Fräuleins Herz zu werben.

In den Unruhen des Dreißigjährigen Kriegs bezog das Heer des wackern Wallensteins, in den Gegenden des Vogtlandes, die Winterquartiere. Junker Siegmund bekam viel ungebetene Gäste, die im Schlosse mehr Unfug trieben, als vor Zeiten die gespenstischen Nachtwandlerinnen. Ob sie gleich weniger Eigentumsrecht daran behaupteten als diese, so ließen sie sich doch durch keinen Geisterbanner wegexorzisieren. Die Gutsherrschaft sähe sich gezwungen, zu diesem bösen Spiel gute Miene zu machen, und um die gebietenden Herren bei Laune zu erhalten, daß sie gute Mannszucht hielten, wurde ihnen reichlich aufgeschüsselt. Gastmahle und Bälle wechselten ohn Unterlaß. Bei jenen präsidierte die Frau, bei diesen die Tochter vom Hause. Diese splendide Ausübung des Gastrechts machte die rauhen Krieger gar geschmeidig, sie ehrten das Haus, das sie so wohl nährte, und Wirt und Gäste waren miteinander zufrieden. Unter diesen Kriegsgöttern befand sich mancher junge Held, der dem hinkenden Vulkan seine lüsterne Betthälfte hätte untreu machen können; einer aber verdunkelte sie doch alle.

Ein junger Offizier, der schöne Fritz genannt, hatte das Ansehen eines behelmten Liebesgottes, er verband mit einer glücklichen Bildung ein sehr einnehmendes Betragen, war sanft, bescheiden, gefällig, dabei aufgeweckten Geistes und ein flinker Tänzer. Noch nie hatte ein Mann auf Emiliens Herz Eindruck gemacht, nur dieser erregte in ihrem jungfräulichen Busen ein unbekanntes Gefühl, das ihre Seele mit einem unnennbaren Wohlbehagen erfüllete. Das einzige, was sie Wunder nahm, war, daß der reizende Adonis nicht der schöne Graf, oder der schöne Prinz, sondern nur schlechtweg der schöne Fritz genennet wurde. Sie befragte gelegentlich bei näherer Bekanntschaft einen und den andern seiner Kriegskameraden, um den Geschlechtsnamen des jungen Mannes, und um seine Abkunft; aber niemand konnte ihr darüber einiges Licht erteilen. Alle lobten den schönen Fritz, als einen wackern Mann, der den Dienst verstünde, und den liebenswürdigsten Charakter besitze: mit seiner Ahnentafel schien's indessen nicht gar richtig zu sein, es gab darüber so mancherlei Varianten als über die eigentliche Abkunft und den wahren Ehrenstand des wohlbekannten und dennoch rätselhaften Grafen von Cagliostro, der bald für den Abkömmling eines Maltesischen Großmeisters, und mütterlicher Seite für den Neffen des Großherrn; bald für den Sohn eines neapolitanischen Kutschers; bald für den leiblichen Bruder des Zannowichs, angeblichen Prinzen von Albanien, und seinem äußern Berufe nach, bald für einen Wundertäter; bald für einen Peruckenmacher ausgegeben wird. Darinne kamen alle Aussagen überein, daß der schöne Fritz, von der Pike an sich bis zum Rittmeister heraufgedienet habe, und wenn ihn das Glück ferner begünstige, werde er sich mit rapidem Fortschritt zu den glänzendsten Posten bei der Armee aufschwingen.

Die geheime Nachfrage der wißbegierigen Emilie blieb ihm unverborgen, seine Freunde glaubten ihm mit dieser Avise zu schmeichen, und begleiteten solche mit allerlei günstigen Vermutungen. Er deutete, aus Bescheidenheit, ihr Vorgeben auf Schimpf und Scherz; im Herzen war's ihm gleichwohl lieb zu vernehmen, daß das Fräulein von ihm Erkundigung eingezogen hatte. Denn gleich der erste Anblick derselben hatte ihn mit dem Entzücken überrascht, welches der Vorläufer der Liebe zu sein pfleget.

Kein Sprachidiom besitzt solche Energie und ist zugleich verständlicher und bestimmter, als das Gefühl süßer Sympathien, und durch deren Wirkung geht der Fortschritt, von der ersten Bekanntschaft bis zur Liebe, gemeiniglich ungleich schneller vonstatten, als der von der Pike bis zur Schärpe. Es kam zwar nicht so eilig zu einer mündlichen Erklärung; aber beide Teile wußten ihre Gesinnungen einander mitzuteilen, sie verstunden einander; ihre Blicke begegneten sich auf halbem Wege, und sagten sich, was die scheue Liebe zu entdecken wagt. Die fahrlässige Mutter hatte, bei der Unruhe im Hause, die Wache vor dem Herzpförtlein der geliebten Tochter, gerade zu unrechter Zeit eingezogen, und da dieser wichtige Posten unbesetzt war, so ersah der listige Schleichhändler Amor seine Gelegenheit, sich im Zwielichten unbemerkt hineinzustehlen. Wie er sich einmal in Posseß gesetzt hatte, gab er dem Fräulein ganz andre Lehren als Mama. Er, der abgesagte Feind von aller Zeremonie, benahm gleich anfangs seiner folgsamen Schülerin das Vorurteil, Geburt und Rang müsse bei der süßesten der Leidenschaften mit in Anschlag kommen, und die Liebenden ließen sich unter ein tabellarisches Verzeichnis bringen, und nach solchem klassifizieren, wie die Käferlein und das Gewürm einer leblosen Insektensammlung. Der frostige Ahnenstolz schmolz so schnell in ihrer Seele, wie die bizarren Blumenranken, an einer gefrornen Fensterscheibe, wenn die Strahlen der lieblichen Sonne die Atmosphäre erwärmen. Emilie erließ ihrem Geliebten Stammbaum und Adelsbrief; und trieb ihre politische Ketzerei so weit, daß sie die Meinung hegte, die wohlhergebrachten Vorrechte der Geburt wären, in Absicht auf Liebe, das unleidlichste Joch, welches sich die menschliche Freiheit habe aufbürden lassen.

Der schöne Fritz betete das Fräulein an, und da er aus allen Umständen wahrnahm, daß ihn das Minneglück nicht minder als das Kriegsglück begünstige, zögerte er nicht, bei erster Gelegenheit, die sich darbot, ihr ohne Scheu die Lage seines Herzens zu offenbaren. Sie nahm das Geständnis seiner Liebe mit Erröten, aber nichtsdestoweniger mit innigem Vergnügen an, und die trauten Seelen einigten sich, durch das wechselseitige Gelübde unverbrüchlicher Treue. Sie waren nun glücklich für den gegenwärtigen Augenblick und schauderten zurück vor dem zukünftigen. Die Wiederkehr des Lenzes rief die Heldenschar wieder unters Zelt. Die Heere zogen sich zusammen, und der traurige Termin, wo die Liebenden voneinander scheiden sollten, stund nahe bevor. Nun kam's zu ernstlichen Konsultationen, wie sie den Bund der Liebe auf legale Art bestätigen möchten, daß nichts als der Tod sie wieder scheiden könnte. Das Fräulein hatte ihrem Verlobten die Gesinnungen der Mutter, über den Punkt einer Vermählung offenbaret, und es war nicht zu vermuten, daß die stolze Frau von ihrem Lieblingssystem, zugunsten einer Affektionsheurat, nur ein Haarbreit abweichen würde.

Hundert Anschläge wurden gefaßt, solches zu untergraben, und alle wieder verworfen, es taten sich bei jedem unabsehliche Schwürigkeiten hervor, die an einem glücklichen Erfolg zweifeln ließen. Da indessen der junge Kriegsmann seine Geliebte entschlossen fand, jeden Weg, der zu Erreichung ihrer Wünsche führte, einzuschlagen: so proponierte er ihr eine Entführung, den sichersten Fund, welchen die Liebe erdacht hat, und welcher ihr schon unzählichmal gelungen ist, und noch oft gelingen wird, den Eltern das Konzept zu verrücken, und ihren störrischen Eigensinn zu überwinden. Das Fräulein bedachte sich ein wenig und willigte ein. Nur war eins noch zu bedenken, wie sie aus dem wohlvermauerten und verbollwerkten Schlosse entkommen werde, um sich dem willkommenen Räuber in die Arme zu werfen, denn sie wußte wohl, daß die Wachsamkeit der Mutter, sobald die Wallensteinische Besatzung würde ausmarschieret sein, wieder den vorigen Posten besetzen, jeden ihrer Schritte beobachten, und sie nicht aus den Augen lassen werde. Allein die erfindsame Liebe siegt über jede Schwürigkeit. Es war dem Fräulein bekannt, daß auf Allerseelentag, im nächsten Herbst die Zeit bevorstünde, wo der alten Sage nach, die gespenstische Nonne, nach Ablauf von sieben Jahren, sich im Schlosse würde sehen lassen, die Furcht aller Inwohner desselben vor dieser Erscheinung war ihr gleichfalls bewußt, daher geriet sie auf den dreusten Einfall, diesmal die Rolle des Gespenstes zu übernehmen, eine Nonnenkleidung im Geheim für sich in Bereitschaft zu halten, und unter diesem Inkognito zu entfliehen.

Der schöne Fritz war entzückt über diese wohlausgedachte Erfindung und klopfte vor Freuden in die Hände. Ob es wohl zu Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs mit der Starkgeisterei noch zu früh am Tage war, so war der junge Kriegsheld doch gnug Philosoph, die Existenz der Gespenster zu bezweifeln, oder doch wenigstens an ihren Ort zu stellen, ohne darüber zu grübeln. Nachdem alles verabredet war, schwang er sich in Sattel, befahl sich in den Schutz der Liebe, und zog an der Spitze seines Geschwaders davon. Der Feldzug lief für ihn glücklich ab, ob er gleich allen Gefahren trotzte: es schien, daß die Liebe seine Bitte erhört, und ihn unter ihre Protektion genommen hatte.

Unterdessen lebte Fräulein Emilie zwischen Furcht und Hoffnung, sie zitterte für das Leben ihres getreuen Amadis und legte sich fleißig auf Kundschaft, wie es den Wintergästen im Felde ergehe. Jedes Gerücht von einem Scharmützel setzte sie in Schrecken und Bekümmernis, welches die Mutter für einen Beweis ihres guten empfindsamen Herzens erklärte, ohne daraus einen Arg zu haben. Der Kriegsmann verabsäumte nicht, seinem Liebchen von Zeit zu Zeit durch geheime Briefe, welche durch den Kanal einer getreuen Zofe an sie gelangten, selbst von seinen Schicksalen Nachricht zu erteilen, und pflegte, durch eben diesen Weg, von ihr wieder Botschaft zu empfangen. Sobald der Feldzug geendiget war, setzte er alles zu der vorhabenden geheimen Expedition in Bereitschaft, kaufte vier Mohrenköpfe zu einem Postzug und eine Jagdchaise, sahe fleißig in den Kalender, um den Tag, wo er sich an dem verabredeten Orte, in einem Lustwäldchen beim Schlosse Lauenstein einfinden sollte, nicht zu verfehlen.

Am Tage Allerseelen, rüstete sich das Fräulein, unter dem Beistande der getreuen Zofe, ihren Plan auszuführen, schützte eine kleine Unpäßlichkeit vor, begab sich zeitig auf ihr Zimmer, und verwandelte sich daselbst in den niedlichsten Poltergeist, der jemals auf Erden gespukt hat. Die weilenden Abendstunden dehnten sich, ihrer Empfindung nach, über die Gebühr; jeder Augenblick vermehrte das Verlangen ihr Abenteuer zu bestehen. Indes beleuchtete die verschwiegene Freundin der Liebenden, die blanke Luna, mit ihrem falben Schimmer das Schloß Lauenstein, in welchem sich das Geräusch des geschäftigen Tages, nun allgemach in eine feierliche Stille verlor. Es war niemand mehr im Schlosse wach, als die Ausgeberin, welche in schweren Ziffern, noch bei später Nacht, an der Küchenrechnung kalkulierte; der Kapaunenstopfer, der zum Frühstück für den Hausherrn ein halb Schock Lerchen zu rupfen hatte; der Türhüter, der zugleich das Amt eines Nachtwächters versah und die Stunden abrief, und Rektor, der wachsame Hofhund, welcher den aufgehenden Mond mit seinem Gebell begrüßte.

Wie die Mitternachtstunde ertönte, begab sich die dreuste Emilie auf den Weg, sie hatte einen Kapital sich zu verschaffen gewußt, der alle Türen schloß, schlich leise die Treppe hinunter durch den Kreuzgang, wo sie in der Küche noch Licht erblickte. Deshalb rasselte sie mit einem Schlüsselbunde aus allen Kräften, warf alle Kamintüren mit Getöse zu, öffnete das Haus und das Pförtlein am Tor ohne Anstoß: denn sobald die vier wachenden Hausgenossen im Schlosse, das ungewohnte Geräusch vernahmen, wähnten sie die Ankunft der tosenden Nonne. Der Hühnerrupfer fuhr vor Schrecken in einen Küchenschrank, die Ausgeberin ins Bette, der Hund ins Häuslein, der Türhüter zu seinem Weibe ins Stroh. Das Fräulein gelangte ins Freie, und eilte nach dem Wäldchen, wo sie schon in der Ferne den Wagen mit flüchtigen Rossen bespannt zu erblicken wähnte, der ihrer wartete. Allein da sie näher kam, war's nur ein trüglicher Schatten der Bäume. –

Sie glaubte, durch diesen Irrtum irregeführt, den Ort der Zusammenkunft verfehlt zu haben, durchkreuzte alle Gänge des Lustwäldchens von einem Ende bis zum andern; allein ihr Ritter nebst seiner Equipage war nirgends zu finden. Sie bestürzte über diesen Zufall, und wußte nicht, was sie davon denken sollte. Bei einem gegebenen Rendezvous nicht zu erscheinen, ist unter Liebenden schon ein schwer verpöntes Verbrechen; aber in dem gegenwärtigen Falle zu fehlen, war mehr als Hochverrat der Liebe. Die Sache war ihr unbegreiflich. Nachdem sie bei einer Stunde lang vergeblich geharret hatte, und ihr das Herz vor Frost und Angst bebte und bangte, hub sie an bitterlich zu weinen und zu wehklagen: »Ach der Treulose treibt frechen Spott mit mir, er liegt einer Buhlerin im Arm, dem er sich nicht entreißen kann, und hat meiner treuen Liebe vergessen.« Dieser Gedanke brachte ihr plötzlich die vergessene Ahnentafel wieder ins Gedächtnis, sie war beschämt, sich so weit erniedriget zu haben, einen Mann ohne Namen und ohne edles Gefühl zu lieben. In dem Augenblicke, da der Taumel der Leidenschaft sie verließ, zog sie die Vernunft zu Rate, um den getanen Fehlschritt wieder gutzumachen, und diese treue Ratgeberin sagte ihr, daß sie wieder in das Schloß zurückkehren, und den Treubrüchigen vergessen sollte. Das erste tat sie unverzüglich, und gelangte zu großer Verwunderung der getreuen Zofe, der sie alles entdeckte, sicher und wohlbehalten in ihr Schlafgemach. Den zweiten Punkt aber, nahm sie sich vor, bei mehrerer Muße in nochmalige Überlegung zu ziehen.

Der Mann ohne Namen war indessen nicht so strafbar, als die zürnende Emilie glaubte. Er hatte nicht verfehlet, sich pünktlich einzufinden. Sein Herz war voll Entzücken, und er harrete mit ungeduldiger Erwartung die holde Liebesbeute in Empfang zu nehmen. Als die Mitternachtstunde herannahete, schlich er sich nah ans Schloß, und lauschte, wenn das Pförtchen sich auftun würde. Früher als er vermutete, trat die geliebte Nonnengestalt daraus hervor. Er flog aus seinem Hinterhalte ihr entgegen, faßte sie herzig in die Arme und sprach: »Ich habe dich, ich halte dich, nie laß ich dich: fein Liebchen du bist mein, fein Liebchen ich bin dein, du mein, ich dein, mit Leib und Seele!« –

Freudig trug er die reizende Bürde in den Wagen und rasch ging's fort über Stock und Stein, bergauf talein. Die Rosse brausten und schnoben, schüttelten die Mähne, wurden wild und gehorchten nicht mehr dem Stangengebiß. Ein Rad fuhr ab, ein harter Stoß schnellete den Kutscher weit ins Feld, und über einen jähen Absturz rollte, wie eine Walze, Roß und Wagen, mit Mann und Maus in den tiefen Abgrund hin. –

Der zärtliche Held wußte nicht wie ihm geschah, sein Leib war zerquetscht, sein Kopf zerschellt, er verlor von dem harten Fall alle Besonnenheit. Wie er wieder zu sich kam, vermißte er die geliebte Reisegesellschafterin. Er brachte den übrigen Teil der Nacht in dieser unbehülflichen Lage zu, und wurde von einigen Landleuten, die ihn am Morgen fanden, in das nächste Dorf gebracht.

Schiff und Geschirr war verloren, die vier Mohrenköpfe hatten sich den Hals abgestürzt; doch dieser Verlust kümmerte ihn wenig. Er war nur über das Schicksal seiner Emilie in der äußersten Unruhe, schickte Leute auf alle Heerstraßen, sie auszukundschaften; aber es war nichts von ihr in Erfahrung zu bringen. Die Mitternachtsstunde setzte ihn erst aus der Verlegenheit. Wie die Glocke zwölfe schlug, öffnete sich die Türe, die verlorne Reisegefährtin trat herein; doch nicht in Gestalt der reizenden Emilie, sondern der gespenstischen Nonne, als ein scheußliches Geripp. Der schöne Fritz wurde mit Entsetzen gewahr, daß er sich schlimm vergriffen hatte, schwitzte Todesschweiß, hob an sich zu kreuzen und zu segnen, und alle Stoßgebetlein zu intonieren, die ihm in der Angst einfielen. Die Nonne kehrte sich wenig daran, trat zu ihm ans Bette, streichelte ihm mit eiskalter dürren Hand die glühenden Wangen und sprach: »Friedel, Friedel schick dich drein, ich bin dein, du bist mein, mit Leib und Seele.« –

Sie quälte ihn wohl eine Seigerstunde lang mit ihrer Gegenwart, worauf sie wieder verschwand. Dieses platonische Minnespiel trieb sie forthin jede Nacht und folgte ihm bis ans Eichsfeld, wo er im Quartier lag.

Auch hier hatte er weder Ruh noch Rast, vor der gespenstischen Liebschaft, grämte und härmte sich, und verlor allen Mut, also, daß ihm der große und kleine Stab des Regiments seine tiefe Melancholei abmerkte, und alle biedere Kriegsleute groß Mitleid mit ihm trugen. Es war ihnen allen ein Rätsel, was der wackere Kompan für ein Anliegen habe, denn er scheute sich, das unglückliche Geheimnis ruchtbar werden zu lassen. Der schöne Fritz aber hatte einen Vertrauten unter seiner Kameradschaft, einen alten Wachtmeister-Lieutenant, der im Rufe war, daß er sei ein Meister in allen Schröpferskünsten, er besaß, sagte das Gerücht, das verlorne Kunstgeheimnis sich feste zu machen, konnte Geister zitieren, und hatte jeden Tag einen Freischuß. Dieser erfahrne Kriegsmann drang mit liebreichem Ungestüm in seinen Freund, ihm den heimlichen Kummer zu offenbaren, der ihn drücke. Der gequälte Märtyrer der Liebe, der des Lebens satt und müde war, konnte sich nicht entbrechen, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, endlich auszubeichten. »Bruder, ist's nicht mehr als das?« sprach der Geisterbanner lächelnd, »dieser Marter sollst du bald enthoben sein, folge mir in mein Quartier!« Es wurden viel geheimnisvolle Zubereitungen gemacht, viel Kreise und Charaktere auf die Erde gezeichnet, und auf des Meisters Ruf, erschien in einem dunklen Gemach, das nur der trübe Schimmer einer magischen Lampe erhellete, der mitternächtliche Geist diesmal in der Mittagsstunde, wo ihm sein getriebner Unfug hart verwiesen und eine hohle Bachweide in einem einsamen Tale zum Aufenthalte eingeräumet wurde, mit dem Bedeuten, sich von Stund an in diesen Pathmus zu verfügen.

Der Geist verschwand; jedoch in dem nämlichen Augenblick erhob sich ein Sturm und Wirbelwind, daß die ganze Stadt darüber in Bewegung kam. Es ist aber ein alter frommer Brauch daselbst, wenn ein großer Wind wehet, daß zwölf deputierte Bürger aufsitzen, flugs in feierlicher Kavalkade durch die Straßen ziehen, und ein Bußlied zu Pferde anstimmen, den Wind wegzusingenDiese Windkavalkade dauret noch in der namhaften Stadt bis auf diesen Tag. . Sobald die zwölf gestiefelten und wohlberittenen Apostel ausgesendet waren, den Orkan zu schweigen, verstummte seine heulende Stimme, und der Geist ließ sich nimmer wieder sehen.

Der wackere Kriegsmann merkte wohl, daß es mit diesem teuflischen Affenspiel auf seine arme Seele gemeint gewesen sei, und war herzlich froh, daß ihn der Plaggegeist verlassen hatte. Er zog wieder rüstig mit dem gefürchteten Wallensteiner zu Feld, ins ferne Pommerland, wo er, ohne Kundschaft von der reizenden Emilie, drei Feldzüge tat, und sich so wohl verhielt, daß er beim Rückzug nach Böhmen ein Regiment anführte. Er nahm seinen Weg durchs Vogtland, und wie er das Schloß Lauenstein in der Fern erblickte, klopfte ihm das Herz vor Unruh und Zweifelmut, ob ihm sein Liebchen auch treu verblieben wäre. Er meldete sich als ein altzugetaner Freund vom Hause an, ohne sich näher zu erkennen zu geben, und Tor und Tür wurden ihm, nach Gastrechtsbrauch, bald aufgetan. Ach! wie erschrak Emilie, als ihr vermeinter Ungetreuer, der schöne Fritz ins Zimmer trat! Freude und Zorn bestürmten ihre sanfte Seele, sie konnte sich nicht entschließen, ihn eines freundlichen Anblicks zu würdigen; und doch kostete ihr dieser Bund mit ihren schönen Augen große Überwindung. Sie war drei Jahre lang und drüber fleißig mit sich zu Rate gegangen, ob sie den namenlosen Liebhaber, welchen sie für treubrüchig hielt, vergessen wollte oder nicht, und eben darum hatte sie ihn keinen Augenblick aus den Gedanken verloren. Sein Bild umschwebte sie stets, und besonders schien der Traumgott sein großer Patron zu sein: denn die unzähligen Träume des Fräuleins von ihm, seit seiner Abwesenheit, schienen recht darauf angelegt, ihn zu entschuldigen oder zu verteidigen.

Der stattliche Oberste, dessen ehrwürdige Bestallung die strenge Aufsicht der Mutter etwas milderte, fand bald Gelegenheit, den scheinbaren Kaltsinn der geliebten Emilie unter vier Augen zu prüfen. Er offenbarte ihr das schauervolle Abenteuer der Entführung, und sie gestund ihm mit aller Offenherzigkeit den peinlichen Verdacht, daß er den Eid der Treue gebrochen habe. Beide Liebende vereinigten sich, ihr Geheimnis etwas zu erweitern, und Mama mit in den engen Zirkel ihrer Vertraulichkeit einzuschließen.

Die gute Dame wurde eben so sehr, durch die Eröffnung der geheimen Herzensangelegenheit der schlauen Emilie überrascht, als durch die Mitteilung der Species Facti von der Entführung, in Erstaunen gesetzt. Sie fand es billig, daß die Liebe eine so harte Prüfung belohne, nur war ihr der Mann ohne Namen anstößig. Als aber das Fräulein sie belehrte, daß es ungleich vernünftiger sei, einen Mann ohne Namen, als einen Namen ohne Mann zu heuraten, so wußte sie gegen dieses Argument nichts einzuwenden. Sie erteilte, weil eben kein Graf in ihrem Herzen im Hinterhalte lag, und es mit den geheimen Traktaten unter den Kontrahenten schon ziemlich zur Reife gediehen zu sein schien, ihre mütterliche Einwilligung. Der schöne Fritz umarmte die reizende Braut, und vollzog seine Vermählung glücklich und ruhig, ohne daß ihm die gespenstische Nonne Einspruch tat.

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