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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 37
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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Der geheimnisvolle Planmacher freuete sich in der Seele über die gemachte Entdeckung, ging tagtäglich die Runde nach dem Baume, und las sein angeblich Testament so fleißig als sein Gebetbuch. Als es ihn gerechte Zeit zu sein bedünkte, sein Vorhaben ins Werk zu richten, tat er sich nach einem roten Mantel um. Es war aber in der ganzen Stadt nicht mehr als ein einziges Exemplar vorhanden, und das befand sich in der Garderobe eines Mannes, den man ungern um eine Gefälligkeit anspricht: der Besitzer davon war Meister Hämmerling, der Scharfrichter. Es kostete viel Überwindung, ehe sich der wohlachtbare Reichsbürger entschließen konnte, seine Reputation auf ein so mißliches Spiel zu setzen, wobei er Gefahr lief, daß ihm, wenn die Sache auskam, keiner seiner Zechbrüder im Güldnen Lamm mehr Bescheid tun würde; indessen sah er sich doch gezwungen, in den sauern Apfel zu beißen. Er brachte sein Wort bei dem Freund Rotmantel an, und dieser fand sich auf gewisse Art geehrt dadurch, daß ein rechtlicher Mann sich seiner Amtskleidung bedienen wollte, und gewährte ihm gern und willig seine Bitte. Mit diesem nötigen Apparatus versehen, machte sich der Wurzelsucher auf, laut Instruktion, die Prozedur aufs pünktlichste zu beginnen. Er verspundete das Nest, und alles erfolgte, wie Nachbar Blas angegeben hatte. Als der Specht mit der Wurzel im Schnabel angeflogen kam, wischte Meister Peter hurtig hinter dem Baum hervor, und machte sein Manöver so gut und behend, daß dem Vogel über den Anblick des feuerroten Mantels, vor Schrecken die Wurzel samt einer Beilage entfiel, wodurch der gute Mann leicht hätte um sein Gesicht kommen können, wie der Altvater Tobias. Die Jägerkunst war glücklich gelungen, und die magische Wurzel, als der Kapitalschlüssel zu allen verschlossenen Türen erlangt, welches den Besitzer in unbeschreibliche Wonne versetzte. Er unterließ nicht, sie in eine ganze Reisigwelle von Kreuzdornholz einzuschließen und wanderte damit so vergnügt, als wenn er schon den Schatz gehoben hätte, nach Hause.

Natürlicherweise war nun seines Bleibens nicht länger in seiner Vaterstadt, all sein Dichten und Denken war auf den Brocken gerichtet, darum machte er schleunige Anstalten, in aller Stille zu dekampieren. Seine Reisebedürfnisse waren sehr mäßig, sie bestanden in nichts weiter als in einem handfesten Wanderstabe und einem dichten Wadsack, zu dessen Akquisition, unter einem andern Vorwande, die Sparbüchse der gefälligen Lucine ihm willigen Vorschuß leistete. Glücklicherweise fügte sich's, daß an dem zur Emigration bestimmten Tage, Mutter und Tochter zu den Urselinerinnen gegangen waren, wo eine Nonne eingekleidet wurde. Vater Peter nahm dieser guten Gelegenheit wahr, von der Schildwache zu desertieren: denn ihm war die Hut des Hauses, währender Abwesenheit der weiblichen Inquilinen anbefohlen.

Als er eben im Begriff war, die Penaten zu gesegnen, fiel ihm ein, daß es nicht undienlich sein möchte, einige Vorübungen mit der Springwurzel zu versuchen, um sich augenscheinlich von der angepriesenen Wirksamkeit derselben zu überführen. Mutter Ilse hatte ein in die Wand ihrer Kammer eingemauertes Schränkchen, worinnen sie unter sieben Schlössern, als eine kluge Wirtschafterin, ihr Spargut auf den Notfall nebst dem Patengelde ihrer einzigen Leibeserbin verwahrte, die Schlüssel dazu trug sie, wie ein Amulett, stets mit sich herum. In dem häuslichen Finanzkollegium hatte Vater Peter weder Sitz noch Stimme, folglich waren ihm diese arcana domus völlig unbekannt, ihm ahndete nur so etwas von einem hier verborgenen Schatze: denn wenn ihm der Schrank in die Augen fiel, schlug ihm das Herz gleich einer Wünschelrute, und dieses Herzklopfen hielt er immer für ein untrügliches Zeichen, daß Geld oder Geldeswert in der Nähe sei. Jetzt kam's auf ein Experiment an, zu erfahren, ob sein Wünschelrutengefühl probat sei oder nicht. Er zog gar säuberlich die Wurzel hervor und berührte damit die Schranktür. Zu seinem Erstaunen haspelten sich alsbald die sieben Schlösser auf, die Tür krachte und öffnete sich mit Geräusch. Da funkelte ihm der Mammon der sparsamen Hausfrau, nebst dem Patenpfennig der frommen Lucine in die Augen. Er wußte nicht, ob er sich mehr über die Wirksamkeit der magischen Wurzel, oder über den gefundenen Schatz freuen sollte, und stand voll Verwunderung da, wie ein stummer Ölgötz. Endlich dachte er an seinen Schatzgräberberuf, und an die vorhabende Wanderschaft, darum eignete er sich den Fund als ein Viatikum zu. Nachdem er den Schrank rein ausgeleert hatte, schloß er, wie Nikol List, der Dieb der goldnen Tafel in Lüneburg, die Schlösser insgesamt gar bedächtlich wieder ab, und zog frohen Mutes unverweilt nach wohlverwahrter Haustür, seiner Straße.

Die andächtigen Weiblein, die mit großer Inbrunst dem klösterlichen Gepränge beigewohnt hatten, wunderten sich baß, daß sie das Haus verschlossen und den Hüter desselben nicht auf seinem Posten fanden, sie schelleten, sie pochten, sie riefen: »Vater Peter tu auf!« Es regte und rührte sich nichts von innen, als das zutätige Hausvieh, die miaulende Katze. In Ermanglung der wirksamen Wurzel, wurde der Schlosser mit seinem Bund Dieterichen herbeigerufen, das Haus zu eröffnen. Während der Zeit hatte Mutter Ilse eine gar emphatische Predigt ausgedacht, in welcher die Epanorthosis nicht gesparet war, die sie dem faulen Heinz, der ihrer Meinung nach der Ruhe pflegte, zu halten vorhatte, denn sie sprach: »Baal schläft!« Das ganze Haus wurde vom Söller bis zum Keller durchsucht; aber Baal war nicht zu finden. Wer weiß, dachte sie, wo das Ungetüm in einem Weinhause schon am frühen Morgen schwelgt. Urplötzlich durch diesen Gedanken aufgeschreckt, fühlte sie mit der Hand in die Tasche nach dem Schlüsselbund: denn sie argwohnte, das Amulett sei von ihr nicht in Obacht genommen und der Schatz von dem durstigen Ehekonsorten spoliiert worden. Aber das Schlüsselbund fand sich an Ort und Stelle, und der Schrank machte die ruhigste unbefangenste Miene von der Welt, daß sie nichts Arges vermutete.

Es wurde Mittag, hernach Abend, und endlich Mitternacht: Vater Peter kam nicht zum Vorschein. Nun wurde die Sache bedenklich, Mutter und Tochter konsultierten ernstlich über Ursache und Zweck dieser sonderbaren Verschwindung. Es kamen seltsame Vermutungen auf die Bahn, und da die schauervolle Mitternachtstunde leichter mit traurigen und schwermütigen als mit heitern und fröhlichen Ideen sich paaret; auch Mutter Ilse wohl wußte, daß sie für ihren Mann ein wahres Plagholz war: so brannte sie diese Gewissensrüge, wie Feuer auf der Seele, und gebar die schwärzesten Vorstellungen. »Ach«, rief sie mit Händeringen aus, »daß es Gott im Himmel erbarme! Lucine, es ahndet mir, dein Vater hat sich ein Leids getan!« Das sorgsame Mädchen, der gleichwohl ein solcher schreckbarer Gedanke noch nicht eingefallen war, erbebte vor Entsetzen, tat einen hellen Schrei, alle ihre Sinnen umnebelten sich, und sie sank ohnmächtig dahin. –

Die resolute Hausmutter säumete indessen nicht, mittelst eines brennenden Schwefelfadens ihre erstorbenen Lebensgeister wieder aufzuwecken. Aber nachdem sie sich erholet hatte, schrie sie Ach und Wehe! über das vermutbare Unglück, schluchzete und jammerte bis zum Anbruch des Tages.

Alle Winkel des Hauses wurden nochmals durchsucht, jeder Nagel an der Wand und jeder Balken beschauet; jedoch wurde Meister Peter zum Glück an keinem gefunden, und daraus ergab sich denn doch so viel, daß er sich weder erhenkt noch entgurgelt hatte. Drauf wurden Leute mit Störstangen ausgeschickt, die alle Tiefen und Timpfel, längs der Tauber, untersuchen mußten; allein auch diese Mühe war fruchtlos. Mutter Ilse war schnellen Sinnes, flugs war bei ihr Feuer im Dache, das auch bald wieder verlöschte, daher beruhigte sie sich leicht über den Verlust des abhanden gekommenen Ehekompans, und war zufrieden, daß er sich nur mit Leib und Seele zugleich aus der Welt gestohlen, und ihr die Schmach erspart hatte, seinen Leichnam durch Meister Hämmerlings Hausgesinde zur Erde bestatten zu lassen. Nun war sie mit Ernst darauf bedacht, seinen vakanten Platz in der Wirtschaft durch einen rüstigen Esel zu ersetzen, sie traf eine gute Wahl, und wurde mit dem Eigentümer des lastbaren Tieres über den Preis desselben einig, beschied ihn des folgenden Tages zu sich, um für den Sukzessor des trauten Ehekonsorten gute Zahlung zu leisten. Sobald sie aus dem Bette fuhr, war ihre erste Sorge, die Kaufsumme zu berichtigen. Sie öffnete die sieben Schlösser des Wandschrankes, ein Darlehen aus dem Schatzgelde zu diesem Behuf zu erborgen. Ach wie wurde ihr zu Sinne, als sie alle Fächer leer und ledig fand! Einige Augenblicke stund sie in stiller Betäubung; bald aber ging ihr ein Licht auf, und sie geriet in eine solche Wut über den entlaufnen Hausdieb, daß sie wie Madame la Motte, als diese die Lossprechung des Kardinals vernahm, vor großem Grimm das Nachtgeschirr sich vor der Stirn entzwei schlug, und sich mit den Scherben die Haut verletzte. Sie erhob dabei ihre Stimme mit so greulichen Verwünschungen, daß die schöne Lucine voller Bestürzung herbeieilte, zu sehen, welches Unglück sich begeben habe. Als ihr nun die Mutter der Länge nach die gemachte Entdeckung mitteilte, auch ihr unverhalten ließ, daß der Patenpfennig zugleich mit verschwunden sei, freuete sich die fromme Tochter mehr über den Verlust, als daß sie sich darüber betrübt hätte: sie war nun augenscheinlich überzeugt, daß der liebe Vater sich kein Leids getan habe, sondern in die Welt gegangen sei, sein Glück anderwärts zu versuchen.

Ungefähr einen Monat nach dieser häuslichen Katastrophe schellte jemand an der Tür, Mutter Ilse ging hinaus aufzutun, in der Meinung, es sei eine Mehlkundschaft. Da trat herein ein stattlicher junger Mann, von feinem Ansehen, wohlgekleidet als ein Junker, bezeigte ihr große Reverenz, freuete sich ihres guten Wohlseins, frug nach der schönen Lucine und tat ganz bekannt, ob sich das Weib gleich nicht besann, ihn jemals mit Augen gesehen zu haben. Die Nachfrage nach der Tochter belehrte die Mutter zwar bald, daß der Besuch ihr nicht eigentlich gelte, doch hieß sie den Unbekannten in die Stube treten, rückte ihm einen Schemmel, und frug nach seinem Gewerbe. Der Fremdling nahm eine etwas geheimnisvolle Miene an, und begehrte die kunstreiche Nähterin zu sprechen, von der so viel Rühmens gemacht werde, er habe eine Bestellung an sie. Mutter Ilse hatte ihre eignen Gedanken darüber, was das für eine Bestellung sein möchte, die ein junger Passagier, der in der Stadt fremd war, an ein hübsches Mädchen auszurichten habe. Da indessen alles in ihrer Gegenwart verabhandelt werden sollte, hatte sie nichts dagegen und rief die fleißige Tochter, welche auf das mütterliche Geheiß den Nährahmen verließ und herabkam. Die sittsame Lucine errötete, da sie des Fremden ansichtig wurde, und schlug beschämt die Augen nieder. Er faßte traulich ihre Hand, welche sie zurückzog, blickte sie mit innigster Zärtlichkeit an, wodurch sie noch in größere Verlegenheit kam; wollte reden, sie schien ihn nicht anhören zu wollen, sondern brach das Stillschweigen zuerst mit diesen Worten: »Ach Friedlin, wo kommst du hierher? Ich dachte, du wärest hundert Meilen weit von mir. Du kennst meine Gesinnung und kommst mich von neuem zu quälen!« »Nein, liebes Mädchen«, antwortete er, »ich komme dein und mein Glück zu vollenden. Mein Schicksal hat sich geändert. Ich bin nicht mehr der arme Kunz, der ich vormals war: es ist mir ein reicher Vetter gestorben, ich bin Erbe seines Vermögens und habe Geld und Gut vollauf, darf mich nun ohne Scheu vor deiner Mutter sehen lassen. Daß ich dich liebe, das weiß ich, daß du mich liebest, das hoff ich; das erste ist wahr, drum warb ich um dich; ist das andre wahr, so freist du mich.«

Die blauen Augen der schönen Lucine heiterten sich während dieser Rede auf, und bei den letzten Worten verzog sich ihr kleiner Mund zu einem sanften Lächeln; sie warf einen verstohlnen Blick auf die Mutter, gleichsam ihre Gesinnung zu erforschen, die in wunderbare Betrachtungen vertieft schien. Es war ihr unbegreiflich, wie die sittsame Dirne einen Liebeshandel, ohne daß sie Notiz davon erhielt, habe anspinnen können. Sie kam nie aus dem Hause, als von der Mutter vergesellschaftet und im Hause hatte sich, außer dem Vater, nie eine männliche Gestalt blicken lassen. Mutter Ilse hätte einen körperlichen Eid darauf getan, daß es ein Mädchenspäher künstlicher würde anstellen müssen, sich in das Herz ihrer Tochter zu stehlen, als eine Linse durch ein Nadelöhr zu werfen; gleichwohl bewies die Tatsache, daß der schlaue Friedlin die mütterliche Wachsamkeit beschlichen und dem unbefangenen jungfräulichen Herzen die Liebe eingeimpft habe. Die große Lehre aus dieser Erfahrung war diese, daß das Herz einer schönen Tochter, unter der Hut und Wacht der Mutter, für Dieberei so wenig gesichert sei, als ein Sparpfennig unter sieben Schlössern.

Ehe sie noch mit ihren Glossen über diese geheime Intrike zu Ende war, legitimierte der rasche Freiwerber sein Gewerbe auf eine sehr gültige Weise, durch Aufzählung eines ganzen Tisches voll Goldstücken, welche auf der schwarzen Schiefertafel, einen solchen Glanz der Mutter ins Gesichte strahlten, daß sie nicht umhin konnte, ein Auge über den verborgenen Liebeshandel zuzudrücken, von dem sie ohnehin vermutete, daß er in aller Zucht und Ehrbarkeit sei betrieben worden. Die schlaue Lucine hatte bisher immer einen kräftigen Exorzismus der strengen Domina gefürchtet, welcher den lieben Getreuen aus dem Hause bannen würde: im Grunde liebte sie ihn so herzig und inbrünstig, wie die zärtliche Psyche den Amor, denn es war ihre erste Liebe. Doch diese Sorge war dasmal überflüssig: das stürmische Weib war so fromm wie ein Lamm, sie hegte den gesunden Grundsatz, daß man mit reifen Töchtern nicht lange Markt halten, sondern sie um ein leidliches Gebot losschlagen müsse, überdas sei der erste Käufer auch insgemein der beste. Sie hatte daher ihre mütterliche Einwilligung schon in Gedanken zurechte gelegt, damit sie gleich beihanden wäre, wenn der reiche Freier sie darum ansprechen würde.

Sobald er sein Geld aufgezählt hatte, brachte er sein Wort in bester Form Rechtens bei der harrenden Mutter an, und es war bei ihr alles Ja und Amen. Das Heuratsnegoz kam rascher zustande, als der Handelstraktat über das getreue Hausvieh, den Esel. Der deklarierte Bräutigam strich hierauf die Hälfte der Schaumünzen in den Hut und schüttete sie der Braut in die Schürze, zum Mahlschatz; mit der andern überströmte er, als mit einem goldnen Regen, das dürre Land der mütterlichen Habsucht, um davon die Hochzeit auszurichten. Nachher bat er seine Geliebte um eine geheime Audienz, welche ihm nun als ein legales Tête-à-tête unweigerlich zugestanden wurde. Die reizende Lucine kam mit der heitersten Miene nach Verlauf einer Stunde wieder zum Vorschein, und belohnte den aufrichtigen Friedlin für die Auflösung manches Zweifelsknoten, in Ansehung seiner Glücksveränderung, mit dem ersten sanften Kusse von ihrem Rosenmunde. Die geschäftige Mutter hatte indessen vor allererst ihren Reichtum in Sicherheit gebracht, und solchen weil sie nicht Zeit hatte, ihn an einen heimlichen Ort im Keller zu vergraben, dem ungetreuen Wandschrank vorderhand wieder anvertrauet, hierauf das ganze Haus geschmückt und mit Besemen gekehret; auch ließ sie durch eine dienstfertige Nachbarin Küche und Keller wohl bestellen, und schlug in einer ledigen Kammer ein herrliches Gastbett für den neuen Eidam auf, welcher ihrer Meinung nach, allzulange zögerte, seiner Geliebten gute Nacht zu sagen und die Federn zu suchen.

Die Neugierde, zu erfahren, wes Standes und Herkommens der Fremdling sei, wie sich die erste Bekanntschaft mit ihm ergeben, wie das geheimnisvolle Minnespiel der Liebenden angehoben habe, und durch welche List ihre Argusaugen wären geblendet worden, setzte die Lebensgeister der lauersamen Mutter in so ungewohnte Bewegung, daß ihr kein Schlaf in die Augen kam, ob sie sonst gleich mit den Hühnern aufzufliegen pflegte, und dabei oft das Sprüchlein anzog: Morgenstunde hat Gold im Munde. Der verschwiegnen Lucine stund in der Mitternachtsstunde noch ein scharfes Examen bevor; aber sie hatte entweder gute Ursachen nicht auszubeichten, oder ihre gesprächige Laune war mit dem trauten Herzgespiel bereits zur Ruhe gegangen. Da Mutter Ilse mit dem artikulierten Verhör herausrückte, rundete sich der kleine Mund der lieblichen Dirne zum Jähnen, sie rieb sich die Augen und vermeldete die Ankunft des Sandmännchens, hatte nicht Lust Rede zu stehen und sprach etwas schlaftrunken: »Liebe Mutter, das alles steht Euch bevor, der Länge nach zu erfahren, nur gönnt mir jetzt die Ruhe, deren ich benötigt bin, daß morgen meine Wangen nicht erbleichen, wenn der junge Gesell seinen Kauf bei frühem Tage besieht.« Mit dieser Ausflucht mußte sich die weibliche Neugier begnügen, und war wider Gewohnheit so bescheiden, die Decke des Geheimnisses nicht weiter zu betasten.

Es gab nun vielen Wirrwarr im Hause: die Zurüstungen zur Hochzeit wurden mit großem Eifer betrieben. Das Gerücht von Lucines Heurat lief wie ein Steppenfeuer in der Stadt umher und war die Neuigkeit des Tages. Wo sich der stattliche Freier auf der Straße blicken ließ, da fuhr alles an die Fenster, auch blieben die Leute an den Eckhäusern und auf den Kreuzwegen stehen, gafften ihm nach, und beredeten die Freierei. Einige gönnten der wackern Dirne ihr Glück, andere neideten sie deshalb, und obwohl Friedlin ein schöner Mann war, der in ganz Rotenburg seinesgleichen suchte, auch sich dabei herrlich kleidete und trug: so fand die Eifersucht der Stadtdirnen doch bald dies bald das an ihm zu meistern: der einen war er zu lang, der andern zu schlank, der dritten zu rund, der vierten zu bunt. Einige nenneten ihn einen Prahler, andere einen Luftling, hofften zu ihrem Troste, die Freude werde nicht lange dauren, verglichen ihn einem Zugvogel, der nur kömmt im Lande zu nisten und wieder davonfleugt. Indessen mußte Nachbar Neidhart doch eingestehen, daß der fremde Zugvogel fleißig zu Neste trüge. Eins Tages kam ein Nürnberger Fuhrmann, mit einem schwerbeladenen Frachtwagen vors Haus gefahren, der schrotete Kisten und Kasten hinein. Mutter Ilse säumte nicht mit Meißel und Hammer sie zu öffnen, erstaunte über den reichen Segen ihres zukünftigen Tochtermanns, und pries den angeblichen Erblasser desselben einmal über das andere selig.

Der Hochzeittag war anberaumt und die halbe Stadt dazu eingeladen, die Ausrichtung geschahe im Wirtshaus zum Goldnen Lamm: das Wohnhaus hatte nicht Raum alle Gäste zu fassen. Da die Braut den Kranz aufschmückte, sprach sie zur Mutter: »Dieser Kranz würde traun! am Ehrentage mir behagen, wenn Vater Peter mich zur Kirche führte. Ach wär er doch wieder da! Wir haben Gottes Segen vollauf, und er nagt wohl am Hungertuche.« Dieser Gedanke fiel ihr so schwer aufs Herz, daß sie darüber anhob zu weinen und zu jammern. Aus Sympathie, oder weil die alte Liebe bei erneuertem Wohlstand in dem mütterlichen Herzen wieder anfing zu vegetieren, stimmte die Hochzeitmutter mit ein und sprach: »Ich wär's wohl zufrieden, daß er wieder käm, möcht ihn doch der Eidam zu Tode füttern, 's ist immer, als wenn was im Hause fehlte, seitdem der Vater nicht da ist.« Daran sagte sie auch keine Unwahrheit: im Grunde fehlte in ihrem Feuerzeug der Stein, woraus ihr stählerner Sinn den Funken hervorsprühen ließ, durch welchen der Zunder der Zwietracht entzündet wurde. Seit seiner Auswanderung war, zu ihrem größten Leidwesen, beständiger Friede im Hause, und ihre Gallenblase bedurfte doch zuweilen einer Ausleerung.

Was geschah ? Am Polterabend vor der Hochzeit, karrete ein Mann mit einem Schubkarren zum Tore herein, verzollete ein Faß Brettnagel, die er dem Beschauer vorzeigte, fuhr mit seiner Ladung geradesweges vors Hochzeithaus und pochte an die Tür. Die Braut schob das Lid im Fenster auf, zu sehen wer da sei: –

da war's Vater Peter. Darüber entstund großer Jubel im Hause, die hocherfreute Lucine sprang über Tisch und Bank ihm entgegen, und umhalsete ihn zuerst, hernach bot ihm Mutter Ilse die Hand, und verzieh ihm den verübten Diebsgriff in ihr Schatzgeld, mit den Worten: »Schelm beßre dich!« Endlich bewillkommete ihn auch Friedlin der Bräutigam, und Mutter und Tochter waren zugleich die Dolmetscherinnen aller seiner Freiermeriten: denn Vater Peter faßte den wildfremden Mann scharf ins Auge, und schien über ihn allerlei Glossen zu machen. Jedoch da er berichtet wurde, wie dieser Fremdling die Gerechtsame der Hausgenossenschaft sich erworben habe, war er wohl mit dem zukünftigen Eidam zufrieden, und tat so vertraut, als wenn er schon lange mit ihm bekannt gewesen wäre. Nachdem Mutter Ilse dem wiedergefundenen Ehemann etwas zum Imbiß aufgetragen hatte, war sie begierig seine Abenteuer zu vernehmen und forschte mit Fleiß, wie es ihm in der Fremde ergangen sei. »Gott segne mir meine Vaterstadt!« sprach er, »ich bin das Land durchzogen, hab allerlei Gewerbe versucht, und zuletzt einen Eisenhandel getrieben; aber dabei mehr zugesetzt als gewonnen. All mein Reichtum besteht in diesem Fäßlein Brettnagel, die ich den Brautleuten zum Hausrat in die Wirtschaft zu steuren gedenke.« Mutter Ilse hatte nun ihren Feuerstein wieder, und ihre Suada sprühete von neuem helle Funken von Vorwürfen und Schmähungen, daß dem Kleeblatt der Zuhörer davon die Ohren gelleten, bis sich Friedlin ins Mittel schlug und versprach, den Schwiegervater aus der Erbschaftsmasse zu alimentieren, und ihn ehrlich zu halten.

Die fromme Lucine erreichte den Wunsch, daß sie Vater Peter folgenden Tages in die Kirche führte, herausgeputzt wie eine Magistratsperson, wenn der neue Rat aufgeführet wird. Die Hochzeit des glücklichen Paares wurde mit großem Gepränge vollzogen. Bald nachher richteten die jungen Leute ihre eigne Wirtschaft an, Friedlin hatte das Bürgerrecht gewonnen, bezog sein neues Haus am Markte neben der Apotheke, kaufte dazu einen Weinberg und Garten, auch Ackerfeld, samt Wiesen und Weihern, und trieb bürgerliche Nahrung als ein wohlhabender Mann. Vater Peter aber hatte sich in Ruhe gesetzt, zehrte, wie die ganze Stadt glaubte, von dem Segen des reichen Schwiegersohnes, und niemand vermutete, daß sein Nägelmagazin das eigentliche Füllhorn sei, aus welchem das Öl des Überflusses träufe.

Er hatte die Wallfahrt nach dem Blocksberg, ohne daß eine lebendige Seele etwas darum wußte, glücklich vollendet, zwar nicht mit der Eile, wie die löbliche Innung der Druden, in der Walpurgisnacht auf der Besenpost; aber mit mehrerer Muße und Bequemlichkeit. In jedem Wirtshaus, zwischen dem Fichtelberg und Brocken in gerader Linie gelegen, kehrte er ein und hielt Kellerrevision, befand sich mehr unter als über der Erde auf dieser Ausflucht über die fränkische Grenze, und fuhr nicht eher ganz nüchtern wieder zu Tage aus, bis er in blauer Ferne das Harzgebürge vor Augen hatte. Nun fand er mancherlei Schwürigkeiten vor sich, wozu er des freien und ungehinderten Gebrauchs aller obern und untern Fähigkeiten der Seele benötiget war. Darum legte er sich ein strenges Fasten in Speise und Trank auf.

Solange er den Brocken noch nicht erreicht hatte, diente ihm seine Nase zum Reisekompaß, und er ging dieser getreulich nach; aber nun befand er sich gleichsam unter einer Polhöhe, wo diese Magnetnadel keine Direktion mehr anzeigte. Er durchkreuzte den Brocken hin und her, niemand konnte ihm das Morgenbrodstal nachweisen. Zufälligerweise kam er dennoch auf die rechte Spur, fand den Andreasberg, witterte das Flüßchen aus, die Eder genannt, aus welchem er einen frischen Trunk schöpfte, der ihn mehr begeisterte, als die Dichter ein idealischer Labetrunk aus der Hippokrene; entdeckte das Grab, und war so glücklich, die Streitfrage des Wirtes zum Goldnen Lamme zu lösen. Er ging wirklich in den Berg, die Springwurzel leistete ihre guten Dienste; er fand den Schatz und belastete seinen Wadsack mit so vielem Golde, als er zu tragen vermochte, welche Summe er für seine Bedürfnisse auf Lebenszeit, und zur Aussteuer der schönen Lucine, hinreichend fand. Obgleich die goldne Bürde, welche er jetzt zu Tage zu fördern bemühet war, seine Schulter so sehr drückte als ehedem ein schwerer Mehlsack: so wurde ihm doch der Weg, die zweiundsiebenzig steinern Stufen herauf, lange nicht so sauer und beschwerlich, als der zur Mühle. Er war jetzt so reich wie Anton Thevenet, der mit seiner Bande den berüchtigten großen Diebstahl an dem Wechsler Fingerlin zu Lyon beging.

Da er auf dem Rückwege wieder das Tageslicht erblickte, war ihm zu Mute, wie einem dem Schiffbruch Entronnenen, der lange mit den Schrecken des Todes in den Wogen gekämpft hat, nun unter seinen Füßen festen Grund und Boden fühlt und den Strand freudig hinaufklimmt. Bei aller verheißenen Sicherheit, trauete er, während der unterirdischen Expedition, dem Berggeist nicht allerdings, fürchtete, der schauervolle Schatzhüter werde ihm in wilder Mannsgestalt erscheinen, ihm ein tödliches Schrecken einjagen, oder die reiche Beute wieder abnehmen. Die Haut schauerte ihm, und alle Haare stunden ihm zu Berge, da er die steinerne Treppe hinabstieg. Er hielt sich auch so wenig mit Betrachtung des Schatzgewölbes auf, daß er sich nachher nicht einmal zu erinnern wußte, ob die Wände und Pfeiler von Gold und Juwelen geflimmert und gefunkelt hatten. Alle seine Gedanken waren nur auf die kupferne Truhe gerichtet, aus welcher er, so behend als möglich, volle Ladung einnahm. Inzwischen lief alles nach Wunsch ab, es ließ sich kein Berggeist hören noch sehen; nur die eiserne Tür tat sich, sobald er den Fuß aus dem Gewölbe herausgesetzt hatte, mit großem Ungestüm wieder zu. In der Eil hatte der scheue Schatzsucher die köstliche Springwurzel, die er beim Einraffen des Goldes aus der Hand gelegt, mit sich herauszunehmen vergessen, wodurch ihm der zweite Transport unmöglich gemacht wurde, welches jedoch der begnügsame Mann, der so viel Reichtum in gediegenem Golde besaß, als er fortbringen konnte – und wir wissen, daß er ein bengelhafter Lastträger war – eben nicht sehr zu Herzen nahm.

Nachdem er alles getreulich, laut Instruktion des Altvaters Martin, ausgerichtet, und das scheinbare Grab wieder zugeworfen hatte, zog er in reifliche Überlegung, wie er das erhobene Schatzkapital in Sicherheit bringen und davon in seiner Vaterstadt, nach Herzensgelüsten, ohne großes Aufsehen und Maulgesperre leben und zehren könnte. Auch lag ihm sehr daran, daß sein böses Weib daheim, nichts von der Beerbung des alten Harzköniges wittern möchte: denn er befürchtete, daß sie ihn so lange auf der ehelichen Folter quälen würde, bis er ihr sein Hab und Gut ausgesäckelt hätte. Sie sollte, seiner Absicht nach, zwar den Genuß davon haben, und aus dem wohltätigen Bächlein ihren Durst löschen: aber die Quelle davon nie ausspähen. Der erste Punkt war leicht in Richtigkeit gebracht; allein der andere kostete großes Kopfbrechen, ohne daß Meister Peter damit etwas endete. Er trug seinen Mammon wohl eingepackt und feste geschnürt ins nächste Dorf, das ihm aufstieß, kaufte dort beim Rademacher einen Schubkarren, und beim Faßbinder ließ er sich eine Tonne mit doppeltem Boden zurichten, fuhr damit auf den nächsten Eisenhammer, füllte sie oben und unten mit Brettnageln, und in die Mitte verbarg er gar schlau den Schatz. Mit dieser Ladung machte er sich allgemachsam auf den Heimweg, hielt, weil er eben keine Eile hatte, bei jedem Krug an, und ließ auftragen das Beste was der Wirt hatte.

Als er von der Kästenzeche den Berg hinein nach Ellrich fuhr, in das wohlbekannte Städtlein, obwohl damals Amarant und Nanntchen noch nicht daselbst hauseten, gesellete sich ein junger Mann zu ihm, von feinem Ansehen, dem aber tiefer Kummer auf dem Gesichte saß. Vater Peter, dem's gar wohl und leicht ums Herz, und der eben gesprächiger Laune war, redete ihn an: »Junger Gesell, wo hinaus?« Er antwortete gar trübsinnig: »In die weite Welt, guter Vater, oder aus der Welt, wohin mich meine Füße tragen.« –

»Warum aus der Welt?« sprach Meister Peter, »was hat dir die Welt zuleide getan?« Der Wandersmann: »Sie hat mir nichts zuleide getan, ich ihr auch nichts, dennoch steht mir's darin nicht länger an.« Der jovialische Karrenschieber, der, wenn's ihm wohl war, jedermann gern froh und heiter um sich sah, tat sein Bestes, den Kopfhänger aufzumuntern, und weil seine Wohlredenheit nichts über ihn vermochte, vermutete er, die böse Laune möchte wohl unterm Zwerchfell im Ösophagus ihren Sitz haben. Darum lud er ihn zum Abendessen im Wirtshaus ein, und versprach ihn zechfrei zu halten, welches der mißmutige Gefährte nicht ausschlug. Es war an demselben Abend ein fröhliches Gelag daselbst, wobei viel Scherz und Kurzweil getrieben wurde. Meister Peter war recht in seinem Elemente und wurde so aufgeräumt, daß er auf eigne Kosten, für die ganze Gesellschaft einschenken ließ. Da gab's Schnacken, Schnurren und Charakterzüge, so bunt und kraus, als die gedruckten nur immer sein mögen, und in der Schenke nehmen sie sich vortrefflich aus! Der Murrkopf allein fand keinen Geschmack daran, saß in einem Winkel, sahe vor sich auf die Erde, aß kaum drei Mundbissen und kredenzte den Freudenbecher nur ein wenig mit den Lippen.

Da Meister Peter wahrnahm, daß dem milzsüchtigen Gaste auch auf diese Weise nicht beizukommen war, vermutete er, daß sein Kummer tiefe Wurzeln in dem Herzen müsse geschlagen haben, ließ in einer Kammer eine gute Streu zubereiten, und nahm sich vor, den folgenden Tag seinen Gast auszuforschen: denn er wähnte ein sonderbares Abenteuer, und war begierig es zu vernehmen. Der schöne Sommermorgen lockte ihn in die Laube des Hausgartens, er bestellte das Frühstück dahin, und sobald der Grillenfänger wach war, berief er ihn heraus ins Freie, saß bei ihm in der Laube, munterte ihn auf und sprach: »Lustig Gesell! laß deinen Kummer schwinden, und sei gutes Mutes. Sieh da! nach einer trüben Nacht läßt sich's doch zu einem heitern Tage an. Was bangt und quälet dich? Sag an!« »Was kann's helfen, guter Vater«, antwortete gar trübselig der Jüngling, »ob ich dir mein Herz offenbaren wollte, du hast doch weder Rat noch Trost für mich.« »Wer weiß«, versetzte Meister Peter, »ob ich dir nicht helfen kann; singt nicht die christliche Gemeine: Oft kommt der Trost aus Winkeln her, wo man ihn nicht vermutet?« Er setzte mit so zudringlicher Gutmütigkeit an den Ritter von der traurigen Gestalt, daß dieser nicht umhin konnte, ihm endlich zu Willen zu sein. »Die Ursach meines Kummers«, sprach er, »ist kein Bubenstück, das mich bangt und nagt, sondern ein Unstern tugendlicher Liebe, darum darf ich mich nicht entblöden, dir mein Anliegen zu entdecken.

Ich bin der Armbrustschütz des Grafen von Öttingen in Frankenland, und sein geborner Dienstmann. Ich war bei ihm wie Kind im Hause. Er hat mich auferzogen, und die Leute munkelten, ich sei sein Sohn. Um die Zeit der Mitfasten brachte ihm ein Maler allerlei Gemälde zu Kauf, die der Graf bestellt hatte, sein neues Schloß damit zu zieren. Unter diesen Schildereien befand sich das Konterfei eines wunderschönen Mädchens, die sie eine Göttin nannten, und wovon der Meister behauptete, daß er die liebliche Gestalt einer zarten Dirne abgestohlen habe, die an Schönheit die Abkonterfeiung weit übertraf; aber zu verschämt gewesen sei, dem Maler zu sitzen. Ich konnte nimmer satt werden, das Bildnis anzuschauen, lief zehnmal des Tages in den Saal, wo es aufgestellt war, gaffte es stundenlang an, und je länger ich es betrachtete, desto mehr wurde mein Herz davon entzündet, daß ich keine Ruh noch Rast mehr finden konnte. Eines Tages rief ich den Maler beiseits und beschwor ihn mir zu sagen, wo die feine Dirne anzutreffen sei, nach der er das Konterfei im Speisesaal abkopeiet habe, und bot ihm großen Lohn, wenn er mit der Sprache frei herausgehen wollte. Der Meister merkte, wo mich der Schuh drückte, lachte über meine Phantasei, und offenbarte mir sonder Trug, was ich zu wissen begehrte. Die schöne Dirne, sagt' er, sei in der Reichsstadt Rotenburg an der Tauber seßhaft und des alten Garkochs Tochter, ich könne bei ihr mein Heil versuchen; sie sei jedoch gar stolzen und spröden Sinnes. Alsbald begehrte ich Urlaub vom Grafen, der mir solchen weigerte und mich nicht entlassen wollte; darum entlief ich bei der Nacht und zog gen Rotenburg, wo ich bald das Mägdlein auskundschaftete. Aber sie zu sehen, oder zu ihr zu gelangen, war all meine Müh vergebens. Sie lebt unter dem Gewahrsam einer luchsäugigen Mutter, einem Drachen von Weibe, die sie nicht vor die Tür gehen oder zum Fenster ausschauen läßt, verschließt das Haus wie einen Jungfernzwinger, und keine männliche Seele darf hinein.

Das ängstete und quälte mich gar sehr, darum sann ich auf eine List, zog Frauenkleider an, versteckte das Gesicht unter eine Kappe und schellte an der Tür. Da ward mir aufgetan, ich sahe die liebreizende Dirne, und ihr Anblick entzückte mich also, daß ich mich schier vergessen hätte; doch besann ich mich kurz, und bestellte einen Teppich mit Bildwerk bei ihr, denn sie ist eine kunstreiche Nähterin, als eine im Lande. Nun ging ich täglich im Hause frei aus und ein, unter dem Vorwand, zu sehen ob die Arbeit fördere, und genoß der Wonne, mein Liebchen vor Augen zu haben und mit ihr freundlich zu kosen, stundenlang. Bald vermerkt ich, daß mich die Jungfrau liebgewann, denn ich tat so ehrbar und sittsam, als eine ernste Matrone, und sie ist ein rechtes Tugendbild. Aber einsmals, als die Mutter außer dem Hause Geschäfte hatte, und ich allein bei der holden Dirne saß, drängte mich die heiße Liebe, mich ihr zu entdecken. Sie fuhr mit großem Schreck vom Nährahmen auf, und wollte entfliehen. Ich hielt sie flehentlich zurück, daß sie nicht Lärm machte und Feuer schrie, setzte ihr Leib und Seele zum Pfande, daß ich in ehrlicher Absicht gekommen sei, mit Zucht und Ehrbarkeit um ihre Gunst zu werben. Endlich glaubte sie meinen Worten, und da sie ruhiger wurde, eröffnete ich ihr den ganzen Handel, wie sich alles begeben hatte, daß mein Herz in Liebe gegen sie entbrannt sei. Sie strafte meinen Leichtsinn mit lieblichen Worten, daß ich Minne halber meinem Brotherrn, dem Grafen entlaufen sei, und frug, wovon ich denn ein Weib ernähren wollte? Da stund ich wie aufs Maul geschlagen, und wußte keine Antwort auf diese verfängliche Frage. Ob ich schon zwei gesunde Armen habe, so wagte ich doch nicht frei herauszusagen, daß mich ihr zuliebe diese schon nähren würden: denn ich fürchtete, ein Taglöhner sei einer so rechtlichen Dirne zu schlecht.

Sie blickte mich voll Mitleiden an und fuhr also fort: ›Friedlin, wir müssen uns scheiden, du wirst mich nimmer unter dieser trüglichen Gestalt wiedersehen. Diese Tür bleibt dir auf ewig verschlossen. Meine Tugend ist unbescholten, aber mein Herz ist schwach! Du hast mich belehrt, wie leicht die Verführung einen Weg durch verschloßne Türen zu finden weiß. Mein Vater hat mich fürs Kloster bestimmt, und ich eile nun diesem Beruf zu folgen; die Nadel soll mir erwerben, was ich dem Kloster steuren muß. Gehab dich wohl, auf hundert Meilen weit, daß kein Verdacht mir bösen Leumund mache.‹ Sie trieb mich, sie zu verlassen. Ich mußte gehorchen und mich von ihr scheiden. Ach das war ein bitter Kraut! Ich schlich trübselig in die Herberge, rang mit Kümmernis und Verzweiflung, hatte weder Ruh noch Rast, weinte und jammerte Tag und Nacht. Hundertmal zog ich des Tages die Straße, wo sie wohnte, auf und ab, und wo in eine Kirche zur Messe geläutet wurde, lief ich sporenstreichs hin, ihr aufzulauren, um nur den Trost zu haben, sie noch einmal zu sehen. Umsonst! sie blieb vor meinen Augen verborgen wie ein Geheimnis. Dreimal verließ ich die Stadt, in die weite Welt zu gehen; ich konnte nicht fort: es war als wenn ich an den Ort gebannt wäre. Noch einmal versucht ich's eines Morgens, mich in ein Weib vermummet ins Haus zu stehlen, um ihr auf ewig Lebwohl zu sagen. Ich schellte an der Tür mit großer Beklommenheit. Die Mutter kam heran, –

doch als sie mich erblickte, schlug sie das Fenster hastig zu, und schalt und schmähete von innen: ›Du Drude! du Trödlerin! sollst meine Schwelle nimmer betreten! Bist gar eine schlechte Bezählerin!‹ Aus diesen Worten verstand ich, unter welchem Vorwand die kluge Lucine meine Entdeckung der Mutter verhehlet hatte, die sonst schwerlich eine gute Kundschaft würde verschlagen haben. Nun gab ich alle Hoffnung auf, das herrliche Mädchen jemals wieder mit Augen zu sehen, verließ die Stadt und ziehe, als ein herrenloser Knecht, im Lande herum, bis mir der Kummer vollends gar das Herz abfrißt.«

Meister Peter hatte mit großer Aufmerksamkeit die offenherzige Erzählung seines Reisegefährten angehöret, und freuete sich über den glücklichen Zufall innig, der ihn zu einem Wanderer gesellet hatte, welcher ihm von der geheimen Geschichte seines Hauses, während seiner Abwesenheit, so avthentische Nachricht erteilte. Als Friedlin mit seinem Referat zu Ende war, sprach er: »Deine Geschichte ist sonderbar; aber eins ist mir noch nicht klar darin, du gedachtest eines Vaters deines Liebchens. Warum vertrautest du dich dem nicht an? Er wäre wohl Freiersmann worden, und würde einem so wackern Gesellen, als du zu sein scheinest, sein Kind schwerlich versagt haben.« »Ach!« entgegnete Friedlin: »der Vater ist ein Gauch, ein Saufbold, ein Landfahrer, der Weib und Kind böslich verlassen hat, und von dem niemand weiß, wo er geblieben ist. Das knurrige Weib führte oft bittre Klagen über ihn, und schalt das liebe Mädchen hart aus, wenn sie des Vaters Partei nahm, ob er ihr gleich den Patenpfennig zum Zehrgeld entwendet hat, wofür ich dem Schurken den Bart ausraufen möchte, wenn er mir in die Hände fiel.« Vater Peter horchte hoch auf, da ihm also sein Lob gepriesen wurde, und wunderte sich, daß der junge Gesell um alle seine Domestika so guten Bescheid wußte. Der Eifer desselben beleidigte ihn keinesweges. Er fand, daß Friedlin vortrefflich in seinen Plan passe, daß er ihn zum Depositär seiner Reichtümer machen, und dadurch alles Aufsehen, beim Genuß derselben in seiner Vaterstadt vermeiden, auch dem gierigen Weibe seinen Fund verbergen könne. »Kompan«, sprach er, »zeig mit deine Hand, ich verstehe mich aufs Wahrsagen, laß sehen, was dein Glücksstern dir verheißt.« »Was kann er mir verheißen«, antwortete der peregrinierende Liebhaber, der wieder ganz in seine trübselige Laune verfallen war, »doch nichts, als Unglück.«

Der angebliche Chiromant ließ sich nicht abweisen, und da Friedlin den freundschaftlichen Gefährten, der ihn zechfrei hielt, nicht wollte unwillig machen, so reichte er ihm die Hand dar. Meister Peter nahm eine bedenkliche Miene an, betrachtete alle Lineamente wohl, schüttelte zuweilen verwundernd den Kopf dabei, und da er das Spiel lang gnug getrieben hatte, sprach er: »Freund, wer's Glück hat, führt die Braut heim! Morgen, wenn die Sonne aufgeht, mach dich auf und ziehe gen Rotenburg in Frankenland: dein Liebchen ist dir treu und hold, sie wird dich wohl empfangen. Es steht dir eine reiche Erbschaft bevor, von einem alten Vetter, den du nicht kennst, bald hast du Geld und Gut im Überfluß, ein Weib davon zu nähren.« »Kamerad«, sprach Friedlin mit Unwillen, der den Wahrsager für einen Possenreißer und Scherztreiber hielt, »es ziemet dir nicht, mit einem Unglücklichen Gespött zu treiben, such dir einen, den du foppen kannst, ich bin nicht dein Mann.« Er stund hastig auf und wollte davon. Vater Peter erfaßte ihn beim Rockzipfel und sprach: »Bleib, du Murrkopf, ich treibe keinen Scherz, und bin bereit, meine Prophezeihung bei Ehren zu erhalten. Ich bin ein wohlhabender Mann, und will dir bar, auf einem Brette, so viel auf die Erbschaft vorstrecken, als du begehrest. Folge mir in die Kammer, daß ich dich von der Wahrheit meiner Worte durch die Tat überführe.« Der junge Gesell machte große Augen, da er den Freund Eisenhändler aus dem Tone reden hörte, seine abgebleichten Wangen röteten Freude und Erstaunen. Er folgte schweigend, in einem Zustande, wo ihm unbewußt war, ob er wachte oder träumte, dem rätselhaften Manne, welcher die Tür abschloß und sein Nägelfaß aufspündete.

Hier entdeckte sich Meister Peter dem getreuen Liebhaber der schönen Lucine offenherzig, vertrauete ihm das Schatzgeheimnis und sein Vorhaben, daß Friedlin als Tochtermann den reichen Mann spielen, er aber in der Stille leben und mit ihm des herrlichen Fundes sich freuen wolle. Die tiefe Melancholei des jungen Wichtes war nun mit einemmal verschwunden; er wußte keine Worte zu finden, dem ehrlichen Vater seine Dankbarkeit zu erkennen zu geben, daß er ihn zum glücklichsten Sterblichen auf Gottes Erdboden machen wolle. Des folgenden Tages verließen beide Reisegefährten, mit der besten Laune, die Stadt Ellrich am Harze, und steuerten frisch auf Nürnberg in Franken zu. Hier staffierte sich Friedlin als ein stattlicher Freier heraus, Vater Peter zahlte ihm das vorläufige Heuratsgut in die Tasche, und nahm den Verlaß mit ihm, wenn sein Gewerbe glücklich vonstatten gehen würde, sollte er durch einen geheimen Boten es ihm zu wissen tun, daß er einen Fuhrmann mit allerlei köstlichem Hausgeräte befrachten könne, damit der reiche Freier in Rotenburg Aufsehen mache.

Als der präsumtive Schwäher und Eidam voneinander schieden, gab der erstere dem letztern die Vermahnung mit auf den Weg: »Schweige deine Zunge und bewahre unser Geheimnis, vertraue keinem Menschen, was dir wissend ist, als der verschwiegenen Lucine, wenn sie deine Braut sein wird.« Meister Peter genoß die erkleckliche Rente seiner Harzreise, ob er gleich keine Beschreibung davon auf Kosten des Publikums ans Licht stellete, bis ins späteste Alter, hatte so viel im Vermögen, daß er nicht wußte, wie reich er war; Friedlin aber hatte den Namen des reichen Mannes, lebte mit der schönen Lucine, seinem tugendsamen Weibe, glücklich und zufrieden. Und wie ein reicher Mann auch leicht ein geehrter Mann sein kann, wenn er will, so bewarb er sich um eine Stelle im Rat, erstieg in der Folge die höchste Stufe reichsstädtischer Glückseligkeit, und wurde regierender Bürgermeister. Von ihm geht noch bei den Rotenburgern ein Sprüchwort im Schwange, bis auf den heutigen Tag: wenn sie einen bemittelten Mann beschreiben wollen, so heißt es, er sei so reich, als weiland Peter Blochs des Garkochs Eidam.

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