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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 36
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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Der Schatzgräber

Am Dienstage nach Bartholomäi, des Jahrs als Kaiser Wenzel mit der schönen Bademagd der Prager Haft entfloh, hielt nach altem Herkommen, die Schäfergilde zu Rotenburg in Franken, soviel Teilhaber drei Meilweges im Umkreis um diese Reichsstadt weideten, den jährlichen Umgang, und nachdem sie in der Sankt Wolfgangs-Kirche vor dem Klingentor Messe gehört, zogen sie ins Wirtshaus zum Güldnen Lamm, lebten den ganzen Tag in Saus und Schmaus, flöteten und schalmeieten, und hielten ihren Schäfertanz auf offnem Markte bis zu Sonnenuntergang. Das junge Volk verlief sich dann wieder aus der Stadt; die alten wohlhabenden Hirten aber saßen beim Zechgelag beisammen um die Weinkanne, bis tief in die Nacht, und wenn der Wein das Band der Zunge gelöset hatte, wurden sie laut und koseten von mancherlei Dingen. Einige machten Wetterbeobachtungen, trotz unsern luftigen Windspähern, und ihre Prophezeiungen, aus der Laune, mit welcher Maria übers Gebürge gegangen war, aus dem heitern oder trüben Adspekt des Siebenschläfers, und aus der Blüte des Heidenkrauts, trafen richtiger zu, als der Hahnenruf des Schleswiger Wetterpropheten, ob sie gleich nicht begehrten, ihr Licht dem gesamten deutschen Vaterlande aufzustecken, sondern gleichsam nur unter dem Scheffel weissagten. Andere erzählten die Abenteuer ihrer Jugend, wie sie unter dem Beistande des getreuen Phylax den Wolf von der Herde abgewehret, und seinen Schreckensbruder, den grimmigen Werwolf, durch den kräftigen Andreassegen weggescheucht hatten; oder wie sie in Wüsten und Wäldern, von Hexen und Gespenstern, zur Nachtzeit, gefoppt und geängstiget worden waren; was sie für Wunderdinge gehört, gesehen und erfahren hatten. Diese Erzählungen waren zum Teil so grausend, daß den städtischen Zuhörern davon die Haut schauerte und die Haare zu Berge stiegen: denn eine löbliche gemeine Bürgerschaft, nahm an dem ländlichen Schäferfeste, in den Stunden des Feierabends, vergnügten Anteil. Viel Zünftler und Handwerker begaben sich in die Trinkstube des Wirtshauses zum Goldnen Lamm, zahlten einen Schoppen Wein, hörten diesen Schnack mit an, und gaben ihr Wort auch mit dazu.

Am besagten Abend war der silberbehaarte Martin, ein muntrer Greis von achtzig Jahren, der wie der fromme Erzhirte Jakob, ein ganzes Schäfergeschlecht aus seinen Lenden hatte hervorsprossen sehen, über alle Maßen heiter und gesprächig. Er ließ sich, da es schon anfing in der Trinkstube an Gästen lichte zu werden, noch einen Becher Fernewein zum Schlaftrunk zapfen. Es tat ihm wohl, daß das Geräusch um ihn her sich verminderte, und daß er nun auch zum Worte kommen konnte. »Kameraden«, hob er an; »ihr habt viel von euren Abenteuern gekost, die zum Teil wunderseltsam gnug klingen; doch will mich bedünken, der Wein habe zuweilen mit eingeschwatzt, ich weiß auch eins, das mir in meiner Jugend begegnet ist, und das euch, ob ich gleich nur die reine Wahrheit dabei einschenkte, wunderbarer vorkommen würde, als alle die eurigen; aber 's ist schon zu weit in die Nacht, ich kann's nimmer enden.« Alles schwieg, da der ehrwürdige Graukopf den Mund auftat, es herrschte solche Stille in der Trinkstube, als wenn der Bischof von Bamberg stille Messe läs; und da der Greis schwieg, wurde alles laut um ihn her, und seine Nachbarn und Gefreundten riefen einmütig: »Vater Martin, laß uns dein Abenteuer hören! warum hältst du damit hinterm Berge? Gib's uns zum Feierabend.« Selbst einige Bürger aus der Stadt, die eben im Begriff waren heimzugehen, hingen Mantel und Hut wieder an den Haken, und ermahnten ihn, zum Valet seine Wundergeschichte mitzuteilen. Altvater Martin konnte dieser dringenden Aufforderung nicht widerstehen und redete also.

Anfangs ging mir's gar kümmerlich in der Welt. Als ein verlaßner elternloser Knabe, mußt ich mein Brot vor den Türen suchen, hatte keine Heimat, war aller Orten zu Haus, und zog mit meinem Ranzen, von Dorf zu Dorf im Lande herum. Wie ich heranwuchs, stark und bengelhaft wurde, verdang ich mich als Bub bei einem Schäfer, auf dem Harz, und diente ihm bis ins dritte Jahr bei den Schafen. Zu Anfang des Herbsts desselben Jahres, fehlten eines Abends beim Heimtreiben zehn Stück von der Herde, da schickte mich der Großknecht aus, sie im Walde zu suchen. Der Hund geriet auf eine falsche Spur, ich irrete im Gebüsch umher, die Nacht brach ein, und weil ich der Gegend unkundig war, und mich nicht wieder heimfinden konnte, beschloß ich unter einem Baum zu übernachten. In der Mitternachtsstunde wurde der Hund unruhig, fing an zu queulen, zog den Schwanz ein und drückte sich dicht an mich, da vermerkt ich, daß es hier nicht geheuer sei, ich schauete umher, und sah bei hellem Mondschein, daß eine Gestalt mir gegenüber stund, als ein Mann mit zottigen Haaren am ganzen Leibe, er hatte einen langen Bart, der ihm bis über den Nabel reichte, um das Haupt trug er einen Kranz, um die Lenden einen Schurz von Eichenlaub, und hielt einen ausgewurzelten Tannenbaum in der rechten HandDas ist der Wildemann auf dem Harzgelde, welchen einige fälschlich für den Schildhalter des braunschweigischen Wappens ausgeben. Er ist der Berggeist des Harzes, wie er sich hier zu erkennen gibt, der einer reichhaltigen Fundgrube daselbst den Namen gegeben, wo er oft den Bergleuten erschienen ist. So furchtbar übrigens diese Gestalt dem Altvater Martin mag vorgekommen sein, so angenehm fällt sie, auf den Harzgulden in Zahlung, dem Empfänger ins Auge.. Ich zitterte wie ein Espenlaub, daß mir vor Entsetzen die Seele bebte. Das gespenstische Ungetüm winkte mir mit der Hand ihm zu folgen; –


aber ich rührte mich nicht von der Stelle, drauf vernahm ich eine heisere grölzende Stimme, die sprach: ›Feigherz fasse Mut, ich bin der Schatzhüter des Harzes. Gehe mit mir, so du willst, sollst du einen Schatz heben.‹ Ob mir die Angst gleich kalten Todesschweiß austrieb, so ermannete ich mich doch endlich, schlug ein Kreuz vor mich und sprach: ›Hebe dich weg von mir Satan, ich bedarf deines Schatzes nicht!‹ Da grinsete mir der Geist ins Gesicht, stach mir den Gecken und rief: ›Tropf, du verschmähest dein Glück! Nun so bleib ein Lump all dein Lebtag!‹ Er wendete sich von mir, als wollt er förder gehen; doch kam er bald wieder zurück und sprach: ›Besinn dich, besinn dich, Schelmendeckel, ich füll dir den Ränzel, ich füll dir den Säckel.‹ ›Es stehet geschrieben‹, antwortete ich: ›Laß dich nicht gelüsten, weiche von mir du Ungetüm, mit dir hab ich nichts zu schaffen!‹

Da der Geist sahe, daß ich ihm kein Gehör gab, ließ er ab in mich zu dringen, und sprach nur soviel: ›Du wirst's bereuen!‹ sahe mich dabei trübselig an, und nachdem er sich eine Zeitlang bedacht hatte, fuhr er fort: ›Merke, was ich dir sage und nimm's wohl zu Herzen, ob dir's einmal frommen möchte, wenn du zu Verstande kommst. Es liegt ein ungeheurer Schatz an Gold und Edelsteinen, tief unter der Erde im Brocken verwahret, der im Zwielichten versetzt ist, und darum sowohl am hellen Tage, als zur Mitternachtstunde gehoben werden kann. Ich hüte sein seit siebenhundert Jahren; aber von heut an wird er wieder gemeines Gut, daß ihn nehmen kann, wer ihn findet: meine Zeit ist um. Darum gedacht ich, ihn in deine Hände zu geben, denn ich gewann dich lieb, da du auf dem Brocken weidetest.‹ Darauf gab mir der Geist Kundschaft von dem Orte, wo der Schatz zu finden sei, und von der Weise, wie ich dazu gelangen sollte, 's ist mir noch als wenn's heute geschähe, sogar erinnere ich mich aller seiner Worte. ›Geh nach dem Andreasberg‹, sprach er, ›und frag dort nach dem schwarzen Königstale, jetziger Zeit das kleine Morgenbrodstal genannt. Wenn du an ein Bächlein gelangst, die Duder, Oder, auch Eder benamt, so folge demselben, dem Strom entgegen, bis an die steinerne Brücke, an einer Sägemühle gelegen. Gehe nicht über die Brücke, sondern halte dich rechter Hand längs dem Bächlein hinauf, bis dir eine hohe Steinklippe entgegen stehet. Einen Bogenschuß davon wirst du wahrnehmen eine eingefallene Grube, als ein Grab, wo man einen Toten hineinleget. Wenn du das Grab hast, so räume es getrost auf; ob du saure Arbeit daran tust, wirst du doch vermerken, daß die Erde mit Fleiß dareingeschüttet sei. Hast du nun feste Steine auf beiden Seiten, so fahre mit der Arbeit fort, bald wirst du eine viereckige Steinplatte eingemauret finden, eine Elle hoch und breit, diese zwänge aus der Mauer, so bist du im Eingang des Schatzbehälters. In diese Öffnung mußt du auf dem Bauche hineinkriechen, mit dem Grubenlicht im Munde, die Hände frei, daß du nicht mit der Nase an einen Stein stoßest: es fällt darinne sehr talein, und hat scharfes Gestein. Wenn dir schon die Kniescheiben etwas bluten, so acht es nicht, denn du bist auf gutem Wege. Raste nicht, bis du eine breite steinerne Treppe erreichest, von welcher du auf zweiundsiebenzig Stufen gemächlich in die Tiefe hinabsteigest, in eine geräumige Halle mit drei Türen von innen, zwei davon stehen offen, die dritte ist feste verwahrt, mit eisernem Schloß und Riegel. Gehe nicht ein durch die zur Rechten, daß du nicht verunruhigest die Gebeine des ehemaligen Schatzherrn. Gehe auch nicht ein durch die zur Linken: es ist die Unkenkammer, wo Ottern und Schlangen innen hausen, sondern öffne die verschloßne Tür mittelst der wohlbekannten Springwurzel, welche bei dir zu tragen du nicht vergessen darfst, sonst ist all dein Tun verloren, und du endest nichts mit Werkzeug und Brecheisen. Wie du sie erlangen mögest, darum frage einen erfahrnen Weidmann: es ist eine gemeine Jägerkunst, und die Wurzel ist nicht schwer zu überkommen. Sei unverzagt, ob die Tür gleich mit großem Krachen und Geprassel auffährt, wie der Knall einer Donnerbüchse: es geschiehet dir kein Leid, und die Kraft kommet aus der Springwurzel. Bedecke nur dein Grubenlicht, daß es nicht verlösche, so wirst du vermeinen zu erblinden, von dem herrlichen Glanz und Schimmer des Goldes und der Edelsteine, an den Wänden und Pfeilern des innern Gewölbes; aber hüte dich, deine Hand darnach auszustrecken, es wär als ob du einen Kirchenraub begingest. In der Mitte des Kellers stehet eine kupferne Truhe, gleich einem hohen Altar in der Kirche, darinnen findest du Goldes und Silbers gnug, und magst daraus nehmen, soviel dein Herz begehrt. Wenn du so viel hast, als du tragen kannst, so hast du gnug auf deine Lebenszeit, auch magst du dreimal wiederkommen, nur zum vierten Mal wär dein Beginnen umsonst: auch würdest du ob deiner Gierigkeit hart gestraft werden, auf der steinernen Stiege ausgleiten und ein Bein brechen. Verabsäume nicht jedesmal den Schurf wieder zuzuwerfen, wodurch du den Eingang in die Schatzkammer des Königs Bruktorix dir eröffnet hastDiese umständliche Nachweisung eines angeblichen Schatzes auf dem Brocken, ist keine Erfindung des Referenten dieser Geschichte, sondern aus einem Manuskript gezogen, welches die Abschrift eines älteren Manuskripts zu sein scheinet, betitelt: Liber singularis, in quo arcana arcanorum, tamquam de coelo elapsa tractantur..‹

Als der Geist das gesagt hatte, spitzte der Hund die Ohren und fing an zu bellen, ich vernahm das Klatschen von Fuhrmannspeitschen und das Rasseln der Räder in der Ferne, und da ich mich umsahe, war das Gespenst verschwunden.« –

Hiermit endigte der graubärtige GeisterseherAd vocem Geisterseher gedenkt der Verfasser an eine, im vorgängigen vierten Teil a. d. 100. S. bewirkte Schuld, die er öffentlich abzubüßen sich verbunden erachtet. Ihm entschlüpfte dieser Ausdruck dort gegen einen verdienten Mann, dessen Andenken damit zu beschmitzen nicht seine Meinung war. Er nimmt daher diese Stelle reuig zurück und ersucht die Leser, seine ausführliche Erklärung darüber im 62. Stück der Gothaisch. gel. Zeit. 1786 nachzusehen. sein Abenteuer, das auf die Zuhörer ganz verschiedenen Eindruck machte. Einige hatten's ihren Spott damit und sprachen: »Alter Vater, das hat dich geträumet!« Andere gaben der Sache guten Glauben; noch andere waren Eiertreter, nahmen eine weise Miene an, und gingen mit der Sprache nicht heraus. Der Wirt zum Goldnen Lamme war ein großer Schlaukopf, sein unvorgreifliches Ermessen der Sache ging dahin, aus dem Erfolg lasse sich die Kontrovers am sichersten entscheiden: alles kam darauf an, ob der Altvater die unterirdische Wallfahrt begonnen habe und mit vollem Säckel wieder zu Tage ausgefahren sei oder nicht. Er schenkte ihm einen Becher aus der frischen Flasche ein, um seine gesprächige Laune zu unterhalten, und frug traulich: »Vater Martin, sag an, bist du im Berge gewesen, und hast du funden, was dir der Geist verheißen hat; oder ist er an dir zum Lügner worden?« »Mit nichten«, antwortete der ehrliche Weißbart, »ich kann den Geist nicht Lügen strafen, denn ich habe nie einen Schritt darum getan, das Grab zu suchen, oder es aufzuschürfen.« »Und warum nicht?« »Um zweierlei Ursach willen, einmal darum, weil mir mein Hals zu lieb war, als daß ich ihn dem Teufelsspuk hätte preisgeben sollen, und hernach darum, weil mich kein Mensch jemals hat berichten können, wie die Springwurzel zu erlangen stehe; wo sie wachse, und auf welchen Tag und zu welcher Stunde sie müsse gegraben werden, ob ich gleich manchen wackern Weidmann darum befragt habe.« Der Wirt zum Goldnen Lamme war mit seiner Untersuchung nun schon zu Ende, ohne daß ihm ein Licht im Verstande dadurch angezündet wurde. Dagegen erhob Nachbar Blas, ein bejahrter Hirt, seine Stimme und sprach: »Jammer und Schade, Vater Martin: daß deine Heimlichkeit mit dir veraltet ist. Hättest du vor vierzig Jahren ausgebeichtet, die Springwurzel sollte dir traun! nicht gefehlet haben. Ob du schon den Brocken nimmer besteigen wirst: so will ich doch Kurzweil halber dir anzeigen, wie sie zu erlangen ist.

Am leichtesten geht das vonstatten durch Hülfe eines Schwarzspechts. Merke im Frühling, wo er in einen hohlen Baum nistet, wenn nun die Brutzeit vorbei ist, und er ausfleucht Nahrung zu suchen, so treibe einen harten Quast in die Öffnung des Hinflugs. Stelle dich hinter den Baum auf die Lauer, bis der Vogel zurück kommt zur Futterzeit. So er wahrnimmt, daß das Nest wohl verspundet sei, wird er mit ängstlichem Geschrei um den Baum schwirren, und seinen Flug plötzlich gegen Sonnenuntergang nehmen. Wenn das geschiehet, so sei bedacht einen roten scharlaknen Mantel aufzutreiben; oder in dessen Ermanglung geh zum Krämer und kaufe von ihm vier Ellen rotes Tuch, verbirg's unter dem Kleid, und harre beim Baume einen, auch wohl zween Tage lang, bis der Specht wieder zu Neste fleugt, mit der Springwurzel im Schnabel. Sobald er damit den Pfropf berührt, wird dieser aus dem Astloch, mit großer Gewalt, wie ein Kork aus einer gärenden Flasche fahren. Dann sei behend, und breite den roten Mantel oder das Tuch unter den Baum: so meint der Specht, es sei Feuer, erschrickt davor und läßt die Wurzel fallen. Einige zünden auch unter dem Baum wirklich ein zartes Feuerlein an, das nicht viel raucht, und streuen die Blüte von dem Kraut Spickenardi darauf. Aber es ist damit ein mißlich Tun, wenn die Flamme nicht rasch gnug auflodert, entfleugt der Specht und trägt die Wurzel mit sich davon. Hast du sie nun in deiner Gewalt, so unterlaß nicht jeden Tag ein Stücklein Kreuzdornholz dabeizubinden: denn wofern du die Wurzel frei aus der Hand legen wolltest, wär sie ohne Genuß verloren.« Es wurde über diese Prozedur noch mancherlei gekannegießert, und es war bereits hoch Mitternacht, ehe die Zechgäste auseinander schieden.

Von aller menschlichen Gesellschaft abgesondert, hatte neben Hund und Katze, hinter dem Ofen in des Wirts ledernem Polsterstuhle, ein Zechgast Posto gefaßt, der den ganzen Abend ein so tiefes Stillschweigen beobachtete, als wenn er sich vorbereite in einem Kartäuserkloster Profeß zu tun. So wenig Kontemplationsgeist er sonst besaß: so sehr war er diesmal ganz in sich gekehrt, und in tiefem Nachdenken begriffen, wozu er durch mehr als eine Ursache Veranlassung fand. Weiland eines weisen Magistrats und gemeiner Stadt Garkoch und Weinmeister, nachher Brunnenmeister, und endlich als Privatus Lungerer und Hungerer, war Meister Peter Bloch, seit dem letzten Jahrzehend, die große Leiter von Glück und Ehre, Sprosse für Sprosse immer abwärts gestiegen, welches der merkliche Abfall vom Weinmeister zum Brunnenmeister allgnugsam zu erkennen gibt, der dem Abstand vom Kaiser zum Küster wohl wenig nimmt. Er war in seinem vormaligen Wohlstand ein jovialischer Mann, recht wie zum Scherztreiber geboren, der auf Ehrenmahlen, die ihm verdungen wurden, Geist und Magen der Gäste in gleichem Maße wohl zu nähren und zu vergnügen wußte. In der Kochkunst tat es ihm nicht leicht ein anderer zuvor. Er verstund einen Auerhahn mit einem gehämmerten süßen Sode herrlich zuzurichten, auch hohe Gallerte von Fischen zu bereiten, desgleichen köstliche Synandtfladen, Quittentorten, Kuchen mit Oblaten, und allen Schweinsköpfen übergüldete er die Ohren. Er hatte sich frühzeitig nach einer Gehülfin umgetan; aber unglücklicherweise war seine Wahl auf eine Dirne gefallen, die ihrer bösen Zunge halber, womit sie wie eine Natter stach, in der ganzen Stadt verschrieen war. Wer ihr in Wurf kam, Freund oder Feind, das kümmerte sie nicht, dem wußte sie in einem Atem neunerlei Schande nachzusagen. Sie verschonte selbst die Heiligen im Himmel nicht, und war mit ihrer Lästerchronik so gut bekannt, als Frau SchnipsGöttinger Musenalmanach 1782. 146. S. [Bürgers Gedicht " Frau Schnips"] kurzweiligen Andenkens; nur glückte es ihr nicht wie dieser, von Freund Bürgers fruchtbarer Laune beschwängert, die Lacher auf ihrer Seite zu haben. Vollbrechts Ilse war durchgängig verhaßt, die jungen Gesellen gingen ihr meilenweit aus dem Wege, denn sie wußte auf jeden einen Ekelnamen. Daher wurde sie überreif, wie eine Hanbutte, die um der Stachel willen am Stocke sitzen bleibt. Endlich ließ sich Meister Peter, dem ihre Anstelligkeit und Häuslichkeit vorgelobt wurden, dennoch bereden, um sie zu werben. Da ging ein Knittelreim in der Stadt herum, der lautete also:

Vollbrechts Ilse,
Niemand will se,
Die böse Hülse:
Da kam der Koch,
Peter Bloch,
Und nahm sie doch.

Das traute Paar war kaum vom Altar zurück, so führte schon die Zwietracht den Hochzeitreihen an. Der Stadt Weinmeister hatte sich in der Fröhlichkeit des Herzens, an seinem Ehrentage, vom Wein übermeistern lassen, welcher Zufall ihm auch wohl an einem gemeinen Werkeltage begegnete, und taumelte der Braut in die Arme. Darüber gab's schon einen harten Strauß, und der Ehekalender prophezeite den Brautleuten stürmische unfreundliche Witterung, schwere Donnerwetter mit Schloßen und Platzregen, wenig Sonnenschein und viel kalte Nächte.

Das Prognostikon traf auch richtig zu, bis auf den letzten Punkt: denn der reiche Kindersegen, den diese zwiespältige Liebe in der Folge erndete, ließ wenigstens mitunter fruchtbares Wetter und lauwarme Nächte vermuten. Demungeachtet hatte Meister Peter lange Zeit nicht die Freude, den süßen Vaternamen lallen zu hören: seine Deszendenz bestund aus eitel Sterblingen, die so hinfällig waren, daß sie, wenn sie kaum die vier Wände beschrien hatten, an heftigen Zuckungen dahinstarben, gleich wie die jungen Zicklein im kalten Winter. Die Zornwut des zänkischen Weibes, verpestete die nahrhaften Säfte der balsamischen Muttermilch, und verwandelte sie in ätzenden Schierlingssaft, welchen der zarte Säugling aus der Quelle des Lebens trank.

Obgleich Meister Peter keine großen Güter zu vererben hatte, so war's ihm doch ungemütlich kinderlos zu bleiben, er beklagte sich ofte gegen seine Nachbarn über diesen Unstern, und wenn er ein Kind begraben ließ, sprach er: »'s hat wieder in die Kirschblüten geblitzt, daß keine Frucht davon zur Reife kommt.« Da eröffnete ihm eine kluge Frau die Ursache seiner häuslichen Mortalität, und als ihm ein Sohn geboren ward, legte er ihn einer gesunden Amme an die Brust. Der Knabe wuchs und ward stark, und der Vater hatte große Lust und Freude an ihm. Er nahm den trauten Görgel ganz allein unter seine Zucht und Aufsicht, und nachdem er ihn behost hatte, führte er ihn in die Küche anstatt in die Schule ein, versagte ihm keinen Leckerbissen, und zog einen kleinen Fresser aus ihm. Zur Mittagszeit wenn den Speisegästen angerichtet wurde, stund er auf der Lauer, gabelte in die Schüssel nach einem Leberlein oder deutete auf einen Hahnenkamm, und der tätschelnde Vater reichte ihm alsbald, in ein wenig Salz getaucht, die verlangte Schleckerei. Wenn er aber bei der Mutter so ein feines Stücklein praktizieren wollte, ging's ihm nicht ungenossen aus, sie schalt und kiff ob dieser Unart, und schlug den kleinen Lecker mit dem Kochlöffel wohl gar auf die Finger. –

Da weinte das liebe Kind, daß es das väterliche Herz erbarmte, und dem Meister Koch die Butter ins Feuer entfiel. Er sprach sodann gutmütig bittend zu der stürmischen Hausehre, in seiner fränkischen Mundart: »Weibelä, gib doch dem Bübelä ä Schlägelä von dem Hennelä.« So trieb's der gute Vater mit seiner Zucht, bis ins siebente Jahr, da war der traute Görgel zu Tode gefüttert. Es blieb ihm von allen seinen Kindern keins übrig, als nur eine einzige Tochter von so fester Masse, daß weder die Bilsenessenz der Muttermilch, noch die Mast der Vaterliebe sie vergiften konnte: sie wurde unter der mütterlichen Strenge und des Vaters Nachsicht groß und schön; auch ließ sich dieser nie bereden zu glauben, daß ihm der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt habe, da ihm eine hübsche Tochter war geboren worden.

Unterdessen hatten sich die Glücksumstände der Familie merklich geändert. Meister Peter war in der Jugend in der Rechenschule versäumet, hatte keine Spezies aus dem Grunde begriffen als die Subtraktion, die Addition und Multiplikation wollten ihm nie ein, und mit der Division hatte er sich all sein Lebtag nicht zu befassen gewußt. Es kostete ihm zu viel Anstrengung, Ausgabe und Einnahme in seiner Ökonomie gegeneinander abzuwägen; hatte er Geld, so versorgte er Küch und Keller reichlich, gab den Schmarotzern, die seine Speisekunden waren, Kredit soviel sie begehrten, hielt die lustigen Brüder, die gute Schwänke zu erzählen wußten, zechfrei, und füllte allen Hungerleidern, die sich an ihn wandten, und sein Mitleid rege zu machen wußten, den Magen. War seine Kasse erschöpft, so borgte er vom Wucherer gegen hohe Zinsen, und weil er das Pantoffelregiment des zänkischen Weibes fürchtete, gab er gegen die strenge Domina vor, es wären eingegangene Schulden. Sein Grundsatz, der sich mit seiner Gemächlichkeit gar wohl vertrug, und nach welchem noch viel bequeme Wirte kalkulieren; war der: Am Ende wird sich wohl alles finden. Und es fand sich auch wirklich am Ende, daß Meister Peter in Konkurs verfiel und sich genotdrungen fand, zur allgemeinen Bedauerung aller Gutschmecker und feinen Züngler seiner Vaterstadt, das Küchen- und Kellerschild einzuziehen. Weil er sich aber mit seinen Küchentalenten viel Tischfreunde erworben hatte, versahe ihn ein wohlweiser Magistrat aus Kommiseration, mit dem dürftigen Amte eines Brunnenmeisters; denn die Herrn fürchteten eine üble Nachrede, wenn's hieß, in der Reichsstadt Rotenburg sei der Garkoch verhungert. Allein auch bei diesem kleinen Amte, hatte der Exkoch weder Glück noch Stern. Es entstund ein Gerücht, die Judenschaft habe die Brunnen vergiftet, drauf wurden in einem wütigen Auflauf die Juden zum Teil erschlagen, zum Teil aus der Stadt gejagt und ihr Hab und Gut geplündert, darauf war's mit dem Gerede, von dem losen Gesindel in der Stadt, eigentlich abgesehen; aber Meister Peter verlor unverschuldeterweise dabei sein Brunnenamt, unter der Anschuldigung, er habe nicht sorgfältig gnug auf die Wasserbehälter invigiliert. Jetzt wußt er weder Rat noch Hülfe: graben mocht er nicht, so schämt er sich zu betteln. In jenen frugalen Zeiten, wo sich die stattliche Hausfrau nicht scheuete, eigenhändig den schwarzen Topf ans Feuer zu rücken, und ihre Küche zu besorgen, war bei den Herrschaften um einen Koch eben keine Nachfrage: die gallische Küche hatte den deutschen Gaumen noch nicht verwöhnt. In diesem trübseligen Zustande, mußt er des beißigen Weibes Gnade leben, die sich von einem kleinen Mehlhandel dürftig nährte. Für die Kost leistete er ihr die Dienste eines Esels, welches Haustier, bei dem neuen Wirtschaftsgewerbe, ohne diesen Stellvertreter, ihr unentbehrlich gewesen war. Sie belud die ungewohnte Schulter des trägen Ehgespans mit manchem schweren Sack Getreide, den er keuchend in die Mühle trug, maß ihm dafür kärglich gnug sein Futter zu, und wenn er sein Tagewerk nicht förderte, schlug ihn der Satansengel wohl gar mit Fäusten.

Das jammerte der weichgeschaffenen Seele der tugendlichen Tochter über alle Maßen und kostete ihr manche stille Träne. Sie war der Augapfel des Vaters, er hatte sie von Jugend auf nach seiner Weise gegängelt, sie erwiderte auch die väterliche Liebe mit kindlicher Zutätigkeit, und das tröstete den guten Vater für alle häuslichen Kalamitäten. Die liebenswürdige Lucine hatte die Nadel zum Nahrungszweig gewählt, ihren Unterhalt damit zu gewinnen, und sie hatte in der Nähterei, und besonders in der Bildnerei mit der Nadel, große Kunstfertigkeit erlangt: was ihre Augen sahen, das konnten ihre Hände. Sie stickte Meßgewande, Altartücher, und köstliche buntfarbige Tischteppiche, die damals im Gebrauch waren, hatte die biblischen Historien des Alten Testamentes, von Erschaffung der Welt an, bis auf die keusche Susanna, von Wolle und Seide hineingewebt, und es ist kein Zweifel, daß sie, wenn sie unsere Zeitgenossin gewesen wär, mit den drei kunstreichen Schwestern in Zelle würde gewetteifert, seidenes Frauenhaar in ihre Nadel eingefädelt und mit täuschender Kunst die Schöpfung des Grabstichels nachgeahmt haben. Ob sie den Gewinn ihrer Arbeit gleich der strengen Mutter genau berechnen mußte, und solchen auch gern und willig zu den gemeinsamen häuslichen Bedürfnissen beitrug: so wußte sie doch zuweilen diese um einen Dreibätzner zu berücken, den sie beiseit legte, und dem guten Vater heimlich zusteckte, daß er in ein Weinhaus schleichen und sich gütlich davon tun konnte. Zu dem bevorstehenden Schäferfest, hatte sie eine doppelte Zehrung aufgespart, welche sie dem durstigen Vater, mit heimlicher Freude, verstohlen in die Hand drückte, nachdem er, zur Abendzeit, aus der Mühle zurückkam, und eben einen vollen Mehlsack abgeschultert hatte. Er machte dem lieben Mädchen dafür das freundlichste Gesicht, das ihm zur Gebot stund, wenn er unter den Lasten schier erlag, die ihm sein Hausdrache von Weibe aufbürdete, wie er hinter ihrem Rücken die gurrige Ehehälfte, aus gerechtem Eifer, zu nennen pflegte. Die Gutmütigkeit der liebevollen Lucine, griff ihm diesmal in die Seele, und er wurde dadurch so gerührt, daß ihm die Augen wässerten, denn er trug einen Plan mit sich herum, der diesen Abend zur Reife gedeihen sollte, womit er von Seiten der frommen Tochter eben kein Trinkgeld zu verdienen glaubte. In ernstes Nachdenken vertieft, wandelte er die Straße hinab ins Wirtshaus zum Güldnen Lamme, drängte sich durch das Getümmel der Zechgäste, forderte einen Schoppen Wein, und pflanzte sich damit, ohne an der Gesellschaft Anteil zu nehmen, hinter den Ofen auf des Wirts ledernen Polsterstuhl, der ungeachtet aller Bequemlichkeit, wegen seines ungeselligen Standortes, unbesetzt war. Hier gab er, nachdem der Wein die Wirbel der abgespannten Nerven ein wenig zurechte geschraubt und die Lebensgeister angefrischt hatte, seinen Gedanken freie Audienz, und zog die kritische Proposition, die ihm in Ansehung der schönen Lucine war gemacht worden, in reife Überlegung.

Ein junges Genie, seiner Profession nach ein Maler, und beinahe ein ebenso aufgedunsener Flachkopf, als sein jüngerer Kunstgenoß, der famose junge Maler am HofeEine deutsche Geschichte für Denker und Gefühlvolle. Wien und Leipzig 1785., welcher in zwei voluminösen Bänden, eine so gar fade Rolle in der Lesewelt spielt, hatte sich in Rotenburg gesetzt, um daselbst seine Kunst zu treiben. Das höchste Ideal der weiblichen Schönheit war sein Hauptstudium. Wo er einer wohlgestalten Dirne ansichtig wurde, am Fenster, auf freier Straße oder in der Kirche, da zog er seine Pergamenttafel hervor, und konterfeiete sie mit der Bleifeder ab, –

hernach setzte er das Bild in Ölfarbe, verkauft' es in die Klöster, für eine heilige Veronika, oder Madonna, und fand damit guten Vertreib, sonderlich bei jungen Mönchen, die ihre Andacht dabei hatten. Am Fronleichnamsfest war ihm, bei der feierlichen Prozession, die schöne Lucine zuerst in die Augen gefallen, er hatte flugs den Rötelstift zur Hand genommen, die herrliche Physiognomie zu erhaschen; allein sie war kein Alltagsgesichte, das sich mit der Leichtigkeit, wie ein Schattenbild an der Wand, abnehmen ließ. Die Züge des reizenden Mädchens waren so sanft ineinander verschmolzen, und die ganze Wohlgestalt so fein abgerundet, daß die Kopei dem Original durchaus nicht entsprach. So sehr der Künstler bemühet war, aus dem ersten Entwurf, durch Beihülfe der Einbildungskraft das liebliche Dosenstück herauszupinseln: so wenig wollte es ihm damit glücken, es blieb immer in Vergleich des Urbildes, ein steifer Haubenkopf, darum strich er aus Verdruß die unbehülfliche Larve wieder aus.

Bald nachher machte ein reicher Graf, zu Ausschmückung seines neuerbauten Schlosses, eine Bestellung bei ihm, von verschiedenen Gemälden, wozu er die Ideen selbst angab. Das Hauptstück sollte die Geburt der Venus vorstellen, wie sie, als das Meisterstück der schönen Natur, aus dem Schoße des Meeres hervorstieg, von Göttern und Meerwundern angestaunt. Zu dieser Komposition wußte der Maler kein vollkommner Muster, die Liebesgöttin darnach zu schildern, als des vormaligen Garkochs, Meister Peter Blochs, schöne Tochter; nur war die Frage, ob das züchtige Mädchen die ganze Summe ihrer Reize dem Auge des Künstlers preisgeben würde, um in ihre Körperform eine Göttin zu kleiden, die er nach der Natur zu zeichnen vorhatte. Um den geradesten Weg einzuschlagen, der zu dieser Absicht führete, wendete er sich unmittelbar an den Vater, machte sich ein Gewerbe bei ihm, ließ von ihm Farben reiben, und vergalt ihm seine Mühe reichlich. Nach gemachter Bekanntschaft, führete er ihn eines Tages ins Weinhaus, ließ ihm wacker einschenken und rückte, da er merkte, daß der Gast bei guter Laune war, mit seiner Petition heraus, nebst angefügter Verheißung eines namhaften Grazials, im Fall zugestandener Verwilligung. Aber Meister Peter nahm das Ding schief, erbosete sich heftig über den unziemlichen Antrag, argwohnte von dem angeblichen Befugnis des Malers, zum Behuf der Kunst die schöne Natur zu entschleiern, unlautere Absichten auf Ehre und Tugend der schönen Lucine, und sprach mit zorniger Gebärde: »Wie versteht das der Herr? Ist's gekurzweilt oder soll's geernstet sein? Meint er, daß ich ihm meine Tochter barleibig, als ein gerupft Hühnlein, verkaufen soll? Das letzte hab ich wohl vormals als Garkoch getan; aber das erste ziemt keinem rechtschaffnen Reichsbürger.« Das Kunstgenie hatte seine ganze Beredsamkeit nötig, um dem Freund Garkoch das eigentliche Verständnis zu eröffnen. Er führete ihm das Beispiel der freien Reichsstadt Kroton in Großgriechenland an, wo weiland eine löbliche Bürgerschaft sich um die Wette beeifert habe, die schönsten Stadtjungfern seinem Kunstverwandten, dem Maler Zeuxis, zu dem nämlichen Behuf vor die Staffelei hinzustellen, und zwar wie sie aus der Hand der Natur hervorgegangen wären, ihrer jungfräulichen Ehre und Reputation unbeschadet. Vielmehr wären die fünf auserwählten Schönheiten, aus welchen der Kunstmeister das Ideal der Liebesgöttin zusammenstudieret habe, allerseits glücklich an Mann gebracht, und überdies noch gar viel zu ihrem Lobe poetisiert worden.

So einleuchtend dieses Exempel war, so wenig machte es auf den ehrbaren Rotenburger Eindruck, der es für unschicklich hielt, mit der sittsamen Lucine eine Prozedur vornehmen zu lassen, für welche, in unsern Tagen, ein Vizekönig von Indien responsabel gemacht wird, weil er die Grazien von Oude im griechischen Kostüm zur Schau soll ausgestellet habenEine bekannte Beschuldigung gegen Herrn Hastings, daß er einige eingeborne Prinzessinnen nackend, auf dem Sklavenmarkt, zum Verkauf habe ausstellen lassen, um ihren Preis zu erhöhen.. »Freund, ich sehe wohl«, sprach der Maler, »daß wir des Handels nicht einig werden, du hast deinen freien Willen. Inzwischen wenn du deinen Vorteil, als ein guter Koch, verstanden hättest, so würdest du diese zwanzig Goldgülden bar aufgezählt nicht verschmähen, den bildenden Künsten einen Augenschmaus dafür aufzutischen.« Der Anblick des Goldes erschlaffte die Strenge der reichsbürgerlichen Tugend dergestalt, daß sie nachgebend und geschmeidig wurde wie sämisches Leder. In den kümmerlichen Umständen, worinne sich Meister Peter befand, war diese Summe eine zu süße Lockspeise. Er bedachte, wie gütlich er sich von einem Goldgülden tun könnte, und zwanzigmal diesen Genuß zu wiederholen, das überwog alle Bedenklichkeiten. Er versprach die Sache in Überlegung zu ziehen, und auf Mittel zu denken, die schöne Lucine dem Künstler in die Hände zu spielen, dem er es überließ, dafür zu sorgen, wie er zum Anschauen ihrer verborgenen Reize gelangen möchte. Selbst zu einer solchen unsittsamen Gefälligkeit sie zu überreden, gestund er frei sein Unvermögen. Der junge Weltmann lachte über diese kleine städtische Delikatesse, und nahm es auf sich, diesen Punkt in Richtigkeit zu bringen. »Meinst du, Vater Peter«, sprach er, »daß es mir große Schwürigkeit kosten wird, das Mädchen aus dem Eie zu schälen? Ist dir unbekannt der Wettstreit der Sonne und des Sturmwindes, um den Reisemantel eines Wanderers? Was der Orkan nicht mit seinem gewaltsamen Sausen vermochte, das wirkte jene mit ihren sanften Strahlen. Von dir würde sich die schöne Lucine freilich nicht überreden lassen, ihr Gewand zu enthüllen: du würdest dem Sturmwind gleichen; aber ich werde ihr Sonnenstrahl sein.«

Der Kontrakt mit dem Maler Duns war so gut als geschlossen, es kam nur auf die Lieferung an, und dabei fand Meister Peter noch manchen Skrupel. Er drückte den Polsterstuhl des Wirts zum Goldnen Lamm schon stundenlang, ohne daß er es spitzig gnug einzufädeln wußte, wie er mit der angesponnenen Schelmerei zum Zweck gelangen, das Mädchen der Mutter vor den Augen wegstehlen, und mit guter Manier an seinen Kundmann liefern sollte. Der Angstschweiß trat ihm an die Stirn, wenn er daran gedachte, was am Ehehorizont sich für ein Ungewitter auftürmen, und wie es auf ihn herab blitzen und donnern würde, wenn Eumenide Ilse den väterlichen Hochverrat an der leiblichen Tochter in Erfahrung bringen sollte. Überdies pochte der Gewissenshammer hart an seine Herzenskammer, jeder Tropfen Wein, den ihm die kindliche Gutmütigkeit gern in Nektar verwandelt hätte, gewann hinterher einen Gallen- und Wermutgeschmack, wenn er erwog, daß das liebe Mädchen alles bei Heller und Pfennig zusammensparte, ihm einen Labetrunk zu gewähren, und dieser sollte ihn jetzt zu einer Arglist begeistern, ihre Zucht und Scham auf eine harte Probe zu stellen. Alles wohl ponderiert, war es für einen Vater auch eben nicht das löblichste Vorhaben, mit der Frucht seines Leibes unziemlichen Wucher zu treiben, höchstens ließ es sich durch die Entreprise eines poetischen Negerhandels, mit den Produkten des Geistes entschuldigenLeipzig, latein. Zeitung, 32. St. 1786. .

Die gierige Habsucht und der altdeutsche Biedersinn kämpften einen harten Kampf miteinander, und der Sieg war noch zweifelhaft, da der Altvater Martin sein Abenteuer zu erzählen begann. Dieses sonderbare Phänomenon reizte die Aufmerksamkeit des Anachoreten hinter dem Ofen, er gebot den streitenden Parteien Stillstand, und postierte Seele und Geist gerade hinter das Trommelfell seiner beiden Ohren, um die Geschichte genau zu vernehmen. Es fehlte ihm nicht ein Wort daran, und je weiter Vater Martin in der Erzählung fortrückte, desto interessanter wurde sie dem stillen Horcher. Bisher hatte die Neugierde nur seine Aufmerksamkeit gespannt; als aber Nachbar Blas mit der Theorie herausrückte, dem Schwarzspecht die Springwurzel, das unumgängliche Erfordernis der Schatzgräberei, abzulocken, glühete auf einmal seine ganze Phantasie. Er stund schon mit Leib und Seele, in der Einbildung, vor der kupfernen Truhe im Brocken, und säckelte Goldstücken ein. Mit Unwillen verwarf er jetzt die dürftige Malerproposition, seine Gewinnsucht labte sich an einem fettern Köder. Zwanzig Goldgülden würde er der Mühe kaum wert geschätzt haben, sich darum zu bücken, wenn sie ihm vor den Füßen gelegen hätten. Das Harzpotosi und der Weindunst hatten ihn so begeistert, daß er den raschen Entschluß faßte, sein Heil auf dem Brocken zu versuchen. Der schwere irdene Kochtopf war gleichsam vergeistiget und in einen Aerostat verwandelt, der mit entzündbarer Luft gefüllt, hoch in den Lüften schwebte, sich's in diesem ungewohnten Element wohl sein ließ und Schlösser darin erbauete.

Die Wurzel alles Übels, Geldgeiz und Habsucht waren eigentlich seine Fehler nicht: so lange sein Wohlstand dauerte, ging ihm das Geld gar glatt durch die Hand; desto unbehaglicher war es ihm nachher, Dürftigkeit mit Gleichmut zu ertragen. Wenn er sich also goldne Berge wünschte oder träumte, so geschah es bloß darum, das von seiner Hausehre ihm aufgebürdete Eselsvikariat mit Anstand zu resignieren, keine Säcke mehr in die Mühle zu tragen, und das liebe Mädchen, seine Tochter, mit einer reichen Mitgift auszusteuern. Wiewohl es auch Zeiten gab, wo er sich hätte bereden lassen, nach Art der Tscheremissen, Zahlung für sie anzunehmen, und sie an den Meistbietenden zu verhandeln; doch das waren nur seine Teufelsaugenblicke. Ehe er sich von des Wirts oftbelobtem Polsterstuhle erhob, war der Reiseplan nach dem Harze, bis auf eine Kleinigkeit, die Zehrung betreffend, ausgedacht, und der nächste Sonntag zu dessen Ausführung anberaumet.

Meister Peter ging so leichten frohen Mutes nach Hause, als wenn er im Güldnen Lamme das kolchische güldne Vlies erobert hätte. Auf dem Heimwege aber störte der leidige Einfall, daß er noch nicht im Besitz der magischen Springwurzel sei, schon diese idealische Glückseligkeit, und da er sich zugleich besann, daß auf Egidi zwar der Hirsch auf die Brunft trete, aber nicht der Specht zu Neste trage: so war's auf einmal wieder so finster in seiner Seele, als wenn in einem Hochzeithause die Lichter ausgetan werden, und der Schmaus zu Ende ist. Er schlich sich ganz trübsinnig in seine Kammer, warf sich auf die harte Strohmatte, konnte aber weder ruhen noch rasten. Da war's, als wenn ihm eine innere Stimme das Sprüchlein zuflüstere, aufgeschoben sei drum nicht aufgehoben. Flugs schlug er Licht an, spitzte eine Feder und brachte den ganzen Schatzprozeß, vom Anfang bis zu Ende, treulich zu Papiere, damit ihm kein Titel davon aus dem Gedächtnis entschwinden möchte. –

Und da es ihm so fein aus der Feder floß, und alles dastund, als ob er's vor Augen hätte, tauchte er die spröde Rinde seines Kummers wieder in den Honigtopf süßer Hoffnung ein, und tröstete sich damit, wenn er gleich noch einen Winter eseln müsse: so werde er doch die Wallfahrt des Lebens nicht auf dem traurigen Mühlenpfade enden.

Der Tag vertrieb die finstre Nacht, die muntere Hausfrau wurde bereits rege, orgelte bei der Revision ihrer Ökonomie das gewöhnliche Morgenlied aus gellender Kehle, und der niedliche Finger der arbeitsamen Lucine, fädelte den seidenen Faden schon wieder in die blanke Nadel ein, ehe der geschäftige Konzipient die Feder niederlegte. Das hastige Weib öffnete rasch die Kammertür, und fand den trauten Eheschatz in voller Arbeit. »Du Vollzapf!« war ihr Morgengruß, »hast du die liebe, lange Nacht wieder beim Saufgelag gesessen, und das Geld verpraßt, das du mir aus der Wirtschaft heimlich stiehlst? Ins Spital mit dir, du Trunkenbold!« Meister Peter, der dieser herzigen Salutation längst gewohnt war, ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen, und wartete, bis der Sturmwind ausgetobt hatte, dann sprach er mit gelaßnem Mute: »Liebes Weib, entrüste dich nicht, ich habe ein gutes Geschäfte vor, das wohl nutzen und frommen mag.« »Du Lungerer«, schmähete sie, »du und ein gutes Geschäft! Ja du siehst mir darnach aus!« »Weib, laß dir sagen«, entgegnete er, »ich mache mein Testament, so mein Stündlein kommt, weiß nicht wie oder wann, daß mein Haus bestellet sei.« Der frommen Lucine schnitt diese Rede, die ihr ganz unerwartet kam, durchs Herz, ihre blauen Augen, heiter wie der Morgen, überströmte ein milder Tränenregen und ihr Mund brach in lauter Lamenten aus. Sie meinte, der gute Vater habe eine böse Ahndung gehabt, die sein baldiges Hinscheiden ihm verkünde, und es fiel ihr dabei ein, daß ihr die vergangne Nacht geträumet hatte, sie sähe ein neues Grab. Hierzu kam, daß es ganz gegen seine Gewohnheit war, an die vier letzten Dinge, Tod und Begräbnis, Auferstehung und Gericht zu gedenken, wenn er Tages vorher zu Weine gewesen war. Mutter Ilse dagegen achtete auf keine Ahndungen, ihr felsenhartes Herz, wurde durch die Vorstellung des vermutbaren Verlustes ihres getreuen Ehekonsorten, im geringsten nicht zu einer sanften Empfindung bewegt, welche dieser, allem Anschein nach, durch den schlauen Vorwand einer Testamentsverfügung beabsichtet hatte. Vielmehr führte sie ihr Thema in ebenso rauhen Dissonanzen aus, als sie angehoben hatte. »Du Schlemmer!« sprach sie, »hast Hab und Gut vergeudet, und willst ein Testament machen? Was hast du denn zu vererben?« Er: »Meinen Leib, meine Seele, mein Weib und mein Kind.« Sie: »Ei da muß ich auch drum wissen! Wen hast du zum Erben eingesetzt?« Er: »Den Himmel und die Erde, das Liebfrauenkloster und die Hölle, jedem Part ist ein Legat vermacht.« Sie: »Und welches?« Er: »Mein Leib der Erde, meine Seele dem Himmel, mein Weib der Hölle, und mein Kind dem Kloster.« Anstatt der Antwort, sprang ihm das wütige Weib, wie eine wilde Katze, an den Hals, zerzauste dem freimütigen Testator den Krausbart, und war stark dran her, ihm die Augen auszukratzen, welche wohlmeinende Absicht doch ein kräftiger Bombenwurf seiner geballten Faust, in ihr knöchernes Angesicht, der ihr die ganze Physiognomie verschob, noch zum Glück verhinderte, wodurch der ehelichen Fehde sogleich ein Ende gemacht wurde. Der häusliche Burgfriedebruch wurde, dem Herkommen nach, nicht weiter geahndet, und unter Verwendung der friedlichen Lucine, kam's bald zu einem gütlichen Austrag der Sache. Meister Peter wandelte wieder auf seinem Berufswege nach der Mühle, und alles ging den vorigen Gang.

Funfzigmal hatte er den Storch und die Schwalbe wieder zurückkehren sehen, ohne darauf acht zu haben, und gar oft hatte er am grünen Donnerstage, aus Brunnkreß und acht andern Kräutern, seinen Kunden ein Gemüse als das Neue vom Jahre aufgetragen, ohne selbst davon zu kosten. Aber den magergeschmälzten Kohl, womit ihn seine frugale Speisewirtin, im nächsten Lenz zum erstenmal beköstigte, hätte er nicht um die Martinsgans vertauscht, und als er der ersten Schwalbe ansichtig wurde, feierte er ihre glückliche Wiederkunft mit einem Schoppen Wein im Güldnen Lamme. Außerdem sparte er jede geheime Rente von der fleißigen Hand der Tochter, um davon Kundschafter zu besolden, die ihm das Nest eines Schwarzspechts ausspüren sollten. Er wählte dazu einige müßige Gassenbuben, und schickte sie aus in Wälder und Felder. Die mutwilligen Knaben trieben jedoch nur ihr Gespött mit ihm, führten den Gecken in April, jagten ihn meilenweit über Berg und Tal, und an Ort und Stelle fand er Rabenbrut oder ein Gehecke Eichhörnchen in einem hohlen Baume. Wenn er darüber ungehalten war, lachten sie ihm ins Gesicht und liefen davon. Einer seiner Spionen, der kein Schalk war, witterte doch in dem Wiesengrunde an der Tauber, einsmals einen Schwarzspecht aus, der auf einem halberstorbenen Erlenbaum genistet hatte, kam außer Atem und verkündigte seinen Fund. Der unbelehrte Naturforscher ging eilig hinaus, zu untersuchen, was an der Sache sei. Sein Kundschafter führte ihn zu dem Baum, er sahe auch einen Vogel ab- und zufliegen, der daselbst sein Nest zu haben schien; aber weil der Specht nicht zu dem Geflügel gehört, dessen die Küchendynastie sich bemächtiget hat; auch weder so gesellig ist als der Spatz und die Schwalbe, noch so häufig als der Rabe und seine Gefreundin die Dohle gefunden wird, so zweifelte er, ob sein Gewährsmann ihn auch recht berichtet habe: denn er hatte einen Schwarzspecht so wenig mit Augen gesehen als den Vogel Phönix. Zum Glück zog ein Jäger vorüber, der den Zweifelsknoten lösete und den Ausspruch tat, wie der Frager wünschte, auch die ganze Naturgeschichte des Vogels ungebeten abhandelte, ob er gleich von der vorzüglichsten Eigenschaft desselben keine Kundschaft zu haben schien.


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