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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 31
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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Dämon Amor

Ehe noch durch die nordische Sündflut, die beßre Hälfte der Insel Rügen am pommerschen Gestade zertrümmert, oder vom Meer verschlungen wurdeIm Jahr 1309., und der mächtige Völkerstamm der Obotriten diese Gegenden bewohnte, herrschte ein junger Fürst, Udo genannt, über diese fruchtbare Insel, die sein väterliches Erbgut war, und residierte in der Stadt Arcon, derer Ruinen jetzt tief unter dem Meer begraben liegen. Er hatte sich mit Fräulein Edda, der Tochter eines seiner Vasallen vermählt, und lebte als ein kleiner Monarch, in seinem vom Meer umgrenzten Staate, in einer glücklichen Unabhängigkeit; liebte seine Untertanen, tat was ihm recht zu sein dünkte, und kümmerte sich wenig um das Departement der auswärtigen Angelegenheiten. In seinem friedlichen Eigentum fühlte er nichts von der Last der Regierungssorgen; daher glich er mehr einem glücklichen Privatmann, als einem Volksregenten, und besaß das seltene Talent der Fürsten, im Schoß der Ruhe, die güldne Gleichmäßigkeit zu genüßen, ohne Langeweile dabei zu empfinden. Wenn er sich ja zuweilen den Umarmungen seiner Gemahlin entriß, ging er auf die Jagd: Fischerei und Weidwerk war sein liebster Zeitvertreib.

Einsmals jagte er an der nördlichsten Spitze seiner Domäne, auf einem Vorgebürge, das sich weit in die See erstreckte, und rastete nebst seinem Gefolge während der Hitze des Tages unter dem Schatten eines Eichbaums, wo er des herrlichen Anblicks und der Kühlung der wogenden See genoß. Da regte der Sturmwind plötzlich die rauschenden Flügel, die Oberfläche des Meeres runzelte sich wie eine zornige Stirn; die hohe Wellen brausten, und zerrannen an den Felsenwänden des Gestades in gischenden Schaum. Ein Schiff kämpfte mit den Fluten, und war das Spiel der Winde, welche der Mühe des arbeitenden Piloten spotteten, und es dem Wall entgegen führten, wo es auf einer verborgnen Klippe scheiterte. So ein interessantes Schauspiel es auch für das Auge sein mag, auf festem Grund und Boden die menschliche Verwegenheit mit zwei betrüglichen Elementen ringen zu sehen, solange der Wettstreit noch unentschieden ist: so sehr empört sich das Herz gegen den Sieg der stärkern Partei über die schwächere, und die Teilnehmung bietet zum Schutz und der Erhaltung der Unterliegenden alle Kräfte auf, die dem menschlichen Willen zu Gebote stehen. Fürst Udo eilte nebst seinem Hofgesinde alsbald an den Strand, den Schiffbrüchigen beizustehen, und sie, wo möglich, den erzürnten Fluten zu entreißen. Er bot dem verwegensten Fischer große Prämien, die Unglücklichen, die sich noch über Wasser hielten, zu retten. Aber alle angewandte Mühe war vergebens, das Meer hatte seinen Raub bereits dahingenommen, ehe der hülfreiche Nachen die heftige Brandung durchschneiden konnte.

Nur ein einzelner Mann schwebte auf den Fluten, wie ein leichter Kork daher, und ritt auf einer Tonne, wie auf einem schulgerechten Pferde, das dem Winke des Reuters gehorsamt. Eine heranrollende Welle schleuderte ihn hoch auf den Strand, zu den Füßen des mitleidigen Fürsten, der den Verunglückten mit Leutseligkeit aufnahm, mit trocknen Kleidern versehen ließ, und ihn mit Speise und Trank erquickte. Er reichte ihm selbst seinen Mundbecher dar, zum Zeichen, daß er nicht dem Strandrecht, als ein Leibeigener, verfallen sein, sondern als ein Gast gehalten werden sollte. Der Fremdling nahm die geschenkte Freiheit mit Dank an, und leerte den Becher auf das Wohl des Strandherrn; war fröhlich und guten Muts, und schien seines Unglücks ganz vergessen zu haben. Diese philosophische Gleichmütigkeit gefiel dem Fürsten, und machte ihn neugierig, den Seefahrer näher kennen zu lernen, darum frug er ihn aus: »Fremdling, wer bist du? Von wannen kommst du? Und was ist dein Gewerbe?« Der Geborgene antwortete: »Ich heiße Waidewuth der Unbekannte, bin ein Schwimmer, komme von der Bernsteinküste aus Bruzzia und steuerte auf England zu.«

Udo fand in der Physiognomie, in dem Beinamen, und in der Schwimmkunst des Fremdlings etwas, das seine Neugierde zu fragen immer mehr reizte; der Unbekannte wußte seine Antworten aber so zu drehen, daß der Fürst nicht erfuhr, was er eigentlich wissen wollte. Er vermeinte, bei näherer Bekanntschaft ihm die geheimnisvolle Hülle dennoch abzuziehen, und drang nicht weiter in ihn. Darauf gefiel es dem Fürsten, die Jagdpartie fortzusetzen, er lud den fremden Ankömmling dazu ein, welcher keine Ermüdung spüren ließ, und den Vorschlag mit Vergnügen annahm. Ehe er sich noch in den Sattel schwang, zerschlug er die Tonne, auf welcher er ans Land geschwommen war, und steckte, gleichsam zum Andenken, einen Span davon zu sich.

Während der Jagd bewies er sich nicht minder als einen guten Bogenschützen, wie er zuvor als ein geschickter Schwimmer sein Talent gezeiget hatte. Der Fürst verließ endlich den Wald, und trabete über das Blachfeld nach seiner Residenz. Er sahe unterwegs einige Dohlen auffliegen, da verdroß es ihn, sein Federspiel nicht zur Hand zu haben, um sie zu beizen. Der Unbekannte vermerkte nicht sobald das Verlangen des Fürsten, als er solchem schon Gnüge tat: er zog den Span von der gelehrigen Tonne, die ihm zum Seepferde gedienet hatte, unvermerkt hervor, und warf ihn in die Luft, da schwang sich ein Sperber über das Haupt des Fürsten in die Höhe, stieß auf die Dohlen, beizte sie nieder, und gehorchte dem Rufen keines Jägers, als nur allein des Schwimmers, auf dessen Hand er zurückkam; worüber sich der Fürst nebst seiner ganzen Jägerei höchlich verwunderten. –

Jeder machte insgeheim seine Glossen über den rätselhaften Mann, einige hielten ihn für einen Meergott, andere für einen Zauberer. Udo wußte selbst nicht, was er aus ihm machen sollte, hielt sein Urteil zurück; doch ahndete er nichts Gemeines von ihm. Er nahm ihn als einen Gast mit in den Palast, pflegte sein aufs beste, stellte ihn auch seiner Gemahlin, der sanften Edda, vor, und empfahl ihr denselben als einen Freund. Der Unbekannte rechtfertigte durch sein Betragen die gute Meinung, die der Fürst von ihm hegte; er war ein feiner Hofmann, verriet viele Kenntnisse, und wußte mit artigen Taschenspielerkünsten die Damen gut zu amüsieren; aber weder die ihm bewiesene Güte und Freundschaft, noch der Freudenbecher, den er oft mit seinem Pfleger leerte, war vermögend, das Band der Zunge zu lösen, daß er sich ihm offenbaret hätte. Der spähende Scharfblick des Fürsten merkte ihm zuweilen eine geheime Schwermut ab, insonderheit wenn ihn Udo zum Augenzeugen seiner häuslichen Glückseligkeit machte, die in den Palästen der Großen so fremde zu sein pfleget, als in dem Götterdiwan des homerischen Olympus. Diese Beobachtung erweckte dem Fürsten einen Verdacht, als ob der geheimnisvolle Gast gegen seine Gemahlin im Herzen eine unreine Flamme nähre, die er zu ersticken nicht vermöge, und sie auflodern zu lassen sich scheue. Und weil der Samenstaub des Argwohns, wo er hinfällt, leicht zu einem Giftschwamm wird, der aus einem Atom, in einer feuchten Nacht aufschießt, und seine vollkommne Größe erreicht: so wurde der Fürst ebenso geschwind in diesem Irrwahn bestärkt, als er davon befreiet wurde.

Eines Tags, da er mit dem verdächtigen Günstling auf die Jagd ritt, und beide von dem übrigen Gefolge zufälligerweise abgekommen waren, trat ihn dieser an und sprach: »Guter Fürst, Ihr habt Euch eines Schiffbrüchigen erbarmet, der für diese Wohltat nicht undankbar ist. Das Strandrecht machte mich zu Eurem Eigentum; Ihr habt mir die Freiheit geschenket, davon ich nun gedenke Gebrauch zu machen, und in meine Heimat zu ziehen; so es Euer Wille ist, mich zu beurlauben.« Der Fürst antwortete: »Freund, du hast Macht zu tun, was dir gefällt; aber dein Abschied kommt mir unerwartet, sag an was dich von hinnen treibt?« »Die Ahndung eines kränkenden Verdachts«, versetzte Waidewuth der Unbekannte, »welchen Ihr gegen mich heget, ob mich gleich mein Herz von aller Schuld freispricht. Ihr mißdeutet meine Schwermut, die einen Grund hat, von dem Ihr nichts wähnet, der Euch aber unverborgen bleiben soll, so Ihr Verlangen traget, solchen in Erfahrung zu bringen.« Udo bestürzte über diese Rede, es war ihm schwer zu begreifen, wie der menschliche Scharfsinn vermögend sei, die verborgensten Gedanken des Herzens zu erraten, suchte sich, so gut er konnte, aus der Affäre zu ziehen, und sprach: »Gedanken, Freund, sind zollfrei, hat mich ein Irrwahn betrogen, wohl gut! so hast du ihn nicht entgolten: die beste Verteidigung ist, daß du mir die Ursache deiner stillen Schwermut offenbarst.« »Es sei darum!« gegenredete Freund Waidewuth. »Ich verstehe mich auf die Sterndeutung, habe Euch zuliebe die Adspekten um Euer Schicksal befragt, und befunden, daß eine Glücksveränderung Euch bevorstehet, die mich beunruhiget. Das ist der Grund meiner Schwermut, begehrt Ihr nähern Bescheid aus der Sache, so höret.« »Halt ein«, fiel Udo dem Unglückspropheten ins Wort, »die Adspekten deines Antlitzes deuten auf nichts Gutes. Daß du an meinem Schicksal teilnimmst, dank ich dir; doch enthalte dich, es mir zu verkünden, daß mein Unstern mich nicht im voraus quäle.« Der Astrolog schwieg. Udo entließ ihn mit den Empfindungen wahrer Freundschaft, beschenkte ihn reichlich, und er verschwand, ohne daß zu erfahren war, welchen Weg er genommen hatte.

Nach Verlauf weniger Monden, erhob sich ein fürchterliches Kriegsgeschrei vom festen Lande her. Das Gerücht erscholl, Cruco der König der Obotriten, der über Mecklenburg regierte, rüste sich auszuziehen zum Streit, gegen alle obotritischen Stämme, die sich von der Lehnsverbindung des königlichen Throns freigemacht hatten, um die abgesonderten Fürstentümer wieder mit der Krone zu vereinigen. Wider Willen sahe Fürst Udo sich genötiget, von diesen auswärtigen Angelegenheiten Notiz zu nehmen. Er schickte Kundschafter aus, und erfuhr, daß sich die Sache in der Tat also verhielt. Obgleich das Ungewitter nur noch in der Ferne wetterleuchtete, so stund doch der Wind gerade nach seiner Insel zu, der es, allem Vermuten nach, gar bald über das Meer herwälzen würde. Dabei war ihm nicht wohl zu Mute. Zwar ließ er von den Sorgen, die ihn drückten, den Untertanen so wenig spüren, als ein schüchterner Abt seinen Konventualen von dem geheimen Anliegen, daß der furchtbare Kommissar mit dem Aufhebungsdekret vor der Klostertür stehe, und daß die letzte Messe gesungen sei, ob er gleich die Mönche fleißig zu Chore treibt, als wenn kein Wechsel bevorstünde. Fürst Udo rüstete sich in aller Eile, so gut er konnte, und verließ sich noch auf den unsichern Schutz des Meers, das seine Insel umfloß. Aber das ungetreue Element schlug sich zur stärkern Partei, und trug, auf seinem breiten Rücken, die feindliche Flotte willig an das Gestade seines Territorialherrn.

Der Fürst, der gegen den mächtigern Feind im freien Felde nicht bestehen konnte, wurde in seiner Residenzstadt Arcon belagert, vierzig Tage lang von allen Seiten bestürmt, bis die Stadt, nach einer tapfern Gegenwehr, erobert wurde. Wie alles bunt über ging, schloß sich ein mutvoller Haufe getreuer Bürger um den Fürsten, sprengte die Pforte auf, –

und riß sich, wie die Helden Davids, unter Beihülfe der Nacht durchs feindliche Lager, gewannen das Ufer, und stachen mit einem Schifflein, das daselbst vor Anker lag, in die hohe See; unentschlossen, wohin sie ihren Lauf richten sollten. Der Hauch des sanft wehenden Zephirs, ließ den Flüchtlingen die Gebürge ihres verlaßnen Vaterlandes nur noch in blauer Ferne sehen; aber die betränten Blicke des unglücklichen Fürsten hingen noch unbeweglich an dem Gestade seines gewesenen Eigentums. Er betrauerte nicht so sehr den Verlust seiner Herrschaft, als die Trennung von seiner geliebten Gemahlin, und einem liebenswürdigen Säuglinge, dem Ebenbilde der holden Mutter, und des zärtlichen Vaters Entzücken. Die Ungewißheit, welches Schicksal die Fürstin und das zarte Pfand der Liebe, bei Eroberung der Stadt, möchte betroffen haben, ob sie den Siegern als eine Kriegsbeute anheimgefallen; oder von dem ergrimmten Feinde der Kriegswut wären aufgeopfert worden, setzte ihn in Verzweiflung. Er wußte es seiner getreuen Leibwache wenig Dank, daß sie ihn dem gefräßigen Schwert entrissen hatte, und pries die Erschlagenen glücklich, die von keinem nagenden Kummer mehr gequälet wurden.

Das Schicksal schien gegen den unglücklichen Prinzen selbst Mitleiden zu empfinden, und den Wunsch, ein qualenvolles Leben zu beendigen, ihm gewähren zu wollen. Ein wütender Orkan brauste plötzlich über das baltische Meer, ergriff das Schiff und drehete es wie einen Kreußel um, zerriß das Segel, spaltete den Mastbaum, und zerbrach das Steuerruder. Das elende Wrack wurde von den hohen Fluten bald an die Wolken erhoben, bald in den Abgrund geschleudert, und ein gewaltsamer Stoß an eine Klippe zertrümmerte es endlich ganz. –

Udo war der erste, der auf des Schiffers Losung: rette sich wer kann, mit geheimen Wonnegefühl sich in das Meer stürzte, seinen Untergang zu beschleunigen. Aber eine unwiderstehliche Gewalt zog ihn wider Willen aus der Tiefe herauf, und eine zurückrollende Welle ließ ihn betäubt am Gestade zurück. Bei seinem Erwachen fand er eine Menge Menschen um sich, die geschäftig waren, seine Lebensgeister zu ermuntern; und da er wieder zur Besonnenheit kam, war Waidewuth der Unbekannte der erste, der ihm in die Augen fiel, und sich's am eifrigsten angelegen sein ließ, sein Leben von den Pforten des Todes zurück zu rufen. Anstatt für diesen Dienst ihm zu danken, sprach er mit schwacher Stimme und trauriger Gebärde: »Grausamer! hab ich das um dich verdient, daß du mich gewaltsam von dem Gestade der Ruhe, in den Pfuhl meiner Leiden zurückstoßest, denen mein Geist beinahe entronnen war? Tue Barmherzigkeit an mir, und laß mich in den Fluten das Grab finden, das ich mit Sehnsucht suche. Laß mich aus deiner Hand sanft vom Ufer hinabgleiten, in das empörte Meer: so will ich sie für die eines Wohltäters erkennen; denn indem sie mich aus den Wogen rettete, war sie die Hand eines Peinigers, der seine barbarische Augenweide daran findet, die Martern eines Unglücklichen zu verlängern.«

Waidewuth der Unbekannte reichte ihm freundlich die Hand, und sprach mit weichmütiger Stimme: »Euer Unglück, edler Fürst, hat Euch zu Boden gedrückt, mit seinem Zentnergewicht; aber es ziemt einem standhaften Manne nicht, darunter zu erliegen, sondern die letzte Kraft anzuwenden, die Last abzuwälzen und sich wieder emporzustreben. Ehe Ihr den Entschluß faßt, zu sterben, so schüttet wenigstens Euer Anliegen in den Busen eines Mannes, den Ihr vormals Eurer Freundschaft würdig achtetet, und versaget Euch den Trost nicht, zu wissen, daß Ihr einen Teilnehmer Eurer Schmerzen habet: denn das ist das Labsal der Leidenden.« »Ach!« antwortete der kummervolle Fürst, »warum begehrest du, daß ich dir mein Unglück wiederholen soll, dessen Erinnerung mein Herz zerfleischt? Ein mächtiger Feind hat mich meines Fürstentums beraubt, ich habe mein zartes Ehgemahl nebst dem holden Säugling, dem Pfande keuscher Liebe, verloren! Nun weißt du alles, um meinen Entschluß zu billigen, ein Leben zu verlassen, das mir bittrer ist als der Anblick des Todes.« Der leidige Tröster erwiderte: »Alles das sagten mir die Sterne, als ich sie um Euer Schicksal befragte, und das bekümmerte mich in der Seele, als ich von Euch schied; aber ihr Adspekt kann Euch wieder günstig werden. Verzaget darum nicht, es stehet in der Macht des Schicksals, Euch für all Euren Verlust reichen Ersatz zu leisten. Ihr seid ein junger rüstiger Mann, wolltet Ihr Euch um ein Weib zu Tode härmen? Ihr dürft nur wollen, so wird Euch nicht die Hausfrau fehlen, welche Euch Kinder gebiert, die Eurer im Alter pflegen; und verschenkt das Glück nicht Kronen und Fürstentümer, an wen es will? Es kann Euch wieder eines verleihen, wenn Ihr dessen zu Eurer Glückseligkeit bedürfet. Ein guter Wirt sucht den Groschen wiederzugewinnen, den er verloren hat; ein lässiger klagt und jammert, legt die Hände in den Schoß, und verarmet.«

Fürst Udo saß in tiefer Traurigkeit, und sahe nach dem Meer, fand in dieser Philosophie für Geist und Herz wenig Kern und Saft, aber Freund Waidewuth hörte nicht auf, ihm Trost einzusprechen, daß er sich endlich bewegen ließ, ihm in eine Schifferhütte zu folgen, die unfern vom Strande lag, und daselbst die Verpflegung seines Gastfreundes anzunehmen, die in mäßiger Schifferkost bestund. Die romantische Idee verschwand dadurch, die Udo bei der Aufnahme des wunderbaren Fremdlings am rügischen Gestade von demselben gefaßt hatte. Er sahe nun, daß dieser Abenteurer weder ein Zauberer, noch ein Flußgott, sondern ein gemeiner Schiffer sei, der sich von seinen Konsorten durch nichts unterschied, als daß ihm eine prophetische Gabe verliehen war, die aber, wie gewöhnlich, im Vaterlande nichts galt. Darum versprach er sich von der gemachten Akquisition seiner Freundschaft in dem gegenwärtigen Zustande wenig Trost. Demungeachtet gefiel ihm der Eifer desselben, nach Vermögen die ihm bewiesene Wohltat zu erwidern. Nach einer ländlichen Mahlzeit, welcher doch der Bewillkommungsbecher, mit geistigem Weine gefüllt, nicht fehlte, wies der dienstfertige Wirt dem ermatteten Gaste eine Ruhestätte an, und wünschte, daß der güldne Schlaf ihn auf einige Zeit seines Kummers vergessen mache.

Am folgenden Morgen, da Udo sich ermunterte, nahm er zu großer Verwunderung gewahr, daß er sich nicht mehr in einer Schifferhütte, sondern in einem königlichen Gemach befand, das mit prächtigem Hausgeräte versehen war. Er lag in einem herrlichen Thronbette, auf sanften Flaumen. Die Sonne begrüßte ihn freundlich durch die hohen Fenster von buntgefärbtem Glas, und es schien, als wenn ihr wohltätiger Schimmer seine matte Seele wieder neu belebe. Sobald er sich regte, traten eine Menge wohlgekleideter Bedienten herein, und warteten ehrerbietig auf seine Befehle. Die ersten Fragen, die er an sie gelangen ließ, waren natürlich die, ihm zu sagen, wo er sich befinde, wie er in diesen Palast gekommen, und wer der Eigentümer davon sei. Sie antworteten: er befinde sich in der Stadt Gedan am Weichselfluß, in der königlichen Residenz. Der Beherrscher derselben sei WaidewuthDer Name eines alten Königes der preußischen Wenden, in der Volkssprache Wittewulf genannt, den die Tradition für einen großen Zauberer ausgibt, und von dessen zwölf Söhnen die preußischen Provinzen sollen sein benennet worden. der Mächtige.

Udo erstaunte, an dem König der Bernsteinküste wider Vermuten einen Freund und Bundesgenossen gefunden zu haben, von dem er so viel Wunderdinge hatte sagen hören; aber er hatte sich nicht träumen lassen, daß der Taschenspieler Waidewuth, welchen er bei sich beherbergt hatte, dieser Monarch in eigner Person sei. Ehe er sich von seiner angenehmen Bestürzung erholet hatte, trat der König, mit allen Ehrenzeichen seiner Würde geschmückt, in das Gemach, den Gast zu bewillkommen, und umarmte ihn aufs zärtlichste. »Mein Bruder«, sprach er, »Ihr seid hier in Eurem Eigentum, ich freue mich, Gelegenheit gefunden zu haben, die von Euch genoßne Freundschaft zu erwidern.« Udo befand sich bei dieser Überraschung in keiner geringen Verwirrung, er wurde von dem König als ein Prinz aufgenommen, den er als einen geringen Privatmann bei sich empfangen hatte, und ermangelte nicht, diesen Verstoß gegen die Etikette mit dem strengen Inkognito, das Seine Hoheit beobachtet hatte, zu entschuldigen. Um dem niedergeschlagenen Gaste die traurigen Gedanken zu vertreiben und ihn zu zerstreuen, entzifferte Waidewuth ihm alles, was ihm der Fürst bei der Landung am rügischen Gestade abzufragen vermeinte, ohne daß seine Neugierde vergnügt wurde.

»Ich ging aus«, sprach er, »Menschenkunde zu treiben, die Sitten und Gewohnheiten fremder Völker zu beobachten, um mich dadurch zu belehren und zu vervollkommnen; nebenher auch, ich leugn es nicht, die Töchter des Landes zu beschauen, um mir eine Gemahlin zu suchen. Elfriede, die Tochter des Königs der Ostangeln in Brittannia, war mir ihrer Schönheit und Tugend halber gerühmt worden. In dieser Absicht rüstete ich ein Schiff aus, um mein Gefolge und die Geschenke, die ich der Prinzessin bestimmt hatte, dahin zu bringen; für mich selbst hätte ich keines Schiffs bedurft: ich habe eine Methode, weit sicherer und bequemer zu reisen. In der Gegend Eurer Insel überfiel mich ein Sturm, dadurch ging ich meines Schiffes verlustig; doch der Schade war leicht zu verschmerzen. Während des Orkans bemerkte ich Eure Bewegung am Strande, den Notleidenden hülfreich beizustehen, diese Menschlichkeit gefiel mir, und bewog mich, Eure Bekanntschaft zu machen. Die Aufnahme, die Ihr mir widerfahren ließet, gewann Euch mein Herz, das war die Ursache des längern Aufenthaltes auf Eurer Insel. Dagegen kränkte mich das Vorauswissen Eures unabwendbaren Schicksals peinlich, und das war die Ursache, daß ich davon schied. Wäre dieser Glückswechsel nicht auf der Tafel des Verhängnisses angeschrieben gewesen, hätte ich meine ganze Macht aufgeboten, Euch zu beschützen. Von Euch begab ich mich auf die Brautschau nach England; aber ich kam zu spät: die schöne Elfriede hatte bereits ihr Herz versagt, und ich war zu bescheiden, die erste Liebe zu stören, oder zu eigensinnig, nach einem Herzen zu streben, das von der heißen Flamme schon versengt war. Auf dem Rückwege besuchte ich den Hof des Königs Cruco Eures Überwinders; ich sahe daselbst die Prinzessin Obizza, seine Tochter, eine liebliche Dirne, als eine zu finden ist, aber ihr Herz ist keiner Liebe empfänglich, und das meine zu stolz, eine Verschmähung ungerochen zu lassen; darum hütete ich mich, eine Torheit zu begehen, und unterdrückte eine Leidenschaft, welche die Ruhe zweier Reiche würde gestöret haben, wenn sie mich überwältiget hätte.«

Udo konnte nicht begreifen, wie das Glück, das seinem Freunde eine Krone verliehen hatte, ihm die kleine Begünstigung eines genügsamen Liebesgenusses, die es an Hirten und Karrenschieber auszuspenden pflegt, zu versagen schien. Es war augenscheinlich seine Schuld nicht, daß er noch im Cälibat lebte, darum konnte der Fürst sich nicht enthalten, ihm einzugestehen, daß er dieses Rätsel sich nicht aufzulösen wisse. König Waidewuth gab ihm, sonder Rückhalt, diesen Aufschluß darüber. »Euch ist unverborgen, daß mir die Gabe verliehen ist, in die Zukunft zu blicken: ihr andern ziehet blindlings euer Los, ohne zu wissen, ob ihr einen Treffer oder eine Niete greifen werdet. Ich aber frage bei der Wahl meines Herzens das Schicksal um Rat, und wenn ich befinde, daß der Gewinn nicht auf meiner Seite ist, so stehe ich ab von einer trüglichen Liebe, deren süßen Genuß hinterher der Reue bittrer Wermutgeschmack vergällt. Die schönsten Hoffnungen sind die täuschendsten. Wenn die Liebenden den Horoskop ihres zukünftigen Verhängnisses zu stellen wüßten, so würden wenig Bräute das Ehebette beschreiten, und das Heuschreckenheer der Hagestolzen würde die Sonne verdunkeln.« Udo beschloß diese Unterredung mit seinem Gastfreunde mit dem guten Rate, den er ihm erteilte, bei der Wahl des Herzens ein Auge zuzudrücken, und nicht mit Adlerblick die Zukunft, sondern vielmehr die Braut zu entschleiern. Wenn alle Ehekompetenten diese Prozedur befolgten, setzte er hinzu, so stehe nicht zu befürchten, daß die Hagestolzen zu einem Heuschreckenvolk anwachsen werden. Der König der Bernsteinküste gab diesem Rat Gehör, suchte in der Nähe, was er in der Ferne nicht gefunden hatte, teilte Herz und Thron mit einer Eingebornen, hatte auf gut Glück ein gutes Los gezogen, und der dauerhafte Genuß seines Eheglückes hinterließ keinen Wermutgeschmack.

Sosehr der verbrüderte Monarch darauf bedacht war, die trübe Stirn seines Gastes aufzuheitern, so war doch nichts vermögend, dessen Kummer zu zerstreuen, er blieb immer tiefsinnig und traurig, das Bild seiner Gemahlin schwebte ihm unablässig vor Augen, daher unterließ er nicht, von Zeit zu Zeit den königlichen Seher um ihr Schicksal zu befragen. Ob ihm nun dieser gleich mit Vorbedacht eine Zeitlang auswich, so konnte er dem bedrängten Fürsten endlich doch nicht länger widerstehen, indem er weislich erwog, daß das Schweben des Geistes zwischen Hoffnung und Furcht peinlicher sei, als die Gewißheit. Er hatte ihm keine gute Botschaft zu hinterbringen, darum nahm er seinen Weg über einen Gemeinplatz und sprach: »Ein verletzter Nerve schmerzet heftiger, als wenn er ganz entzwei geschnitten wird, und ein zerquetschtes Gliedmaß verursacht peinlichere Empfindung, als wenn es von dem kranken Leibe abgelöset wird. Vernehmet also, mein Bruder, daß Eure Gemahlin den Schmerz, von Euch getrennt zu sein, nicht hat überleben können; ihr Schatten umschwebte mich bereits, eh Ihr Euren Fuß hier ans Land setztet; in ValhalaAufenthalt der abgeschiednen Seelen der Helden und guten Menschen: der Himmel der alten nördlichen Völker. findet Ihr sie wieder. Aus Eurem Mundbecher trank sie den Scheidetrunk der Liebe, welchen sie mit wirksamen Gift vermischte, da ihr hinterbracht wurde, die Stadt sei in der Feinde Gewalt: denn sie hielt es für unanständig, als eine Fürstin, die Sklavenfesseln des stolzen Feindes zu tragen.«

Udo erhob eine laute Wehklage über den Verlust seiner geliebten Gemahlin, verschloß sich sieben Tage lang in sein Gemach, und betrauerte sie mit Tränen. Am achten Tage aber ging er daraus hervor, heiter und fröhlich, wie die Sonne nach einem Märzennebel, der unter ihr im Tale verschwindet. Aller Gram war nun aus seinem Herzen vertilgt, und sein Sinn stund in die weite Welt, um zu versuchen, ob ihn die wandelbare Göttin wieder eines günstigen Anblicks würdig achten werde, nachdem ihn sein Schicksal so hart verfolgt hatte.

Er entdeckte dieses Vorhaben seinem Busenfreunde, der solches nicht mißbilligte. »Ich kann Euch«, sprach König Waidewuth, »kein Glück anbieten, das Eurer Würde gemäß sei. Ihr seid als ein unabhängiger Fürst geboren, es ziemt Euch auch, als ein solcher zu leben, und Euer Fürstentum, wo möglich, wieder zu erlangen. Die Sterne sind Euch nicht abhold: das Glück erwartet Euch an der Quelle Eures Unglücks.« Fürst Udo machte sich zur Abreise fertig, und Waidewuth unterließ nicht, ihn aufs stattlichste dazu auszurüsten. Da der Abschiedstag herannahete, stellte der König ein herrliches Gastgebot an, zu welchem alle Magnaten seines Reichs eingeladen wurden, und welches neun Tage lang, unter mancherlei abwechselnden Lustbarkeiten dauerte. Am letzten Tage führte er seinen Gast abseits ins innere Gemach, um mit ihm zum Valet den traulichen Becher der Freundschaft zu leeren, und als der Wein Stirn und Herz erwärmet, und die Offenherzigkeit das Band der Zunge gelöset hatte, faßte der Wirt den Gast bei der Hand und redete also:

»Noch eins, mein Bruder, ehe wir uns scheiden! Empfahet diesen Fingerreif von mir, als das untrüglichste Freundschaftszeichen; nicht zum Geschenk, sondern als ein anvertrautes Gut, zu Eurem Nutz und Frommen, so lange Ihr dessen bedürfet. Zugleich vernehmet ein Geheimnis, daraus Ihr erkennen möget, daß sich mein Herz gegen Euch eröffnet hat. Alle Welt hält mich für einen großen Zauberer: ich verstehe mich auf die Zauberei so wenig, als ein neugebornes Kind aus Mutterleibe. Aber das ist nun einmal, wie Euch nicht unbekannt sein kann, das Los der Fürsten, daß ihnen Eigenschaften zugeschrieben werden, die sie nicht besitzen. Die Weissagung aus dem Gestirn ist mir verliehen: aber meine ganze Zauberei besteht in diesem Ringe, den mir ein weiser Mann, der mein Freund war, verehrte, als er starb. Ein kleiner geschmeidiger Dämon ist in dessen Kristall verschlossen, der sich in alle Gestalten formen läßt, die ihm der Besitzer des Ringes zu geben wünscht. Er ist ohne Schalkheit, schnell, dienstfertig und treu. Er war es, der als eine ledige Tonne gestaltet, mich an Euer Ufer trug: er war in dem Span, den ich davon nahm, und welchen ich zu Eurem Vergnügen befiederte, daß er in Gestalt eines Sperbers die Dohlen beizte, und auf meine Hand zurückkehrte, auf der ich ihn in Eure Residenz brachte. Er belustigte Euren Hof durch mancherlei Possenspiel, und erwarb mir den Ruf eines geschickten Taschenspielers; trug mich aus Eurer Insel über Meer nach England, in der Gestalt eines leichten Nachens, und von da zurück ans mecklenburgische Gestade. Hier verwandelte ich ihn in ein beflügeltes Roß, worauf er mich auf seinem Rücken gemächlich in meine Staaten zurücktrug. Auch will ich Euch nicht verhehlen, daß er mein treuer Kundschafter gewesen ist, der mir Botschaft von Eurem Schicksal brachte. Auf meinen Befehl lenkte er Euer Schifflein, als ein lauer Zephir, an die Bernsteinküste, und da der Orkan es zertrümmerte, zog er Euch aus den Fluten an den Strand, und trug Euch auf seinen Schultern, als Ihr schliefet, in diesen Palast.

Um die Hälfte meines Reiches, wär mir der dienstbare Dämon nicht feil. Aber weil ich Euch mit Liebe umfasse, will ich auf Treu und Glauben ihn eine Zeitlang Euch zum Gebrauch darleihen, und wenn Ihr dessen nicht mehr benötiget seid, so laßt ihn, als einen Sperber gestaltet, wieder zu mir fliegen, mit dem Ringe im Schnabel. Wenn Ihr den Geist aus demselben zu Eurem Dienste hervorrufen wollet, so drehet den Reif am Finger dreimal rechts; alsbald wird er frei, und ist bereit, Eure Befehle auszurichten. Drehet Ihr aber den Ring dreimal links, so kehret er in seine kristallene Wohnung zurück.« Fürst Udo nahm das Pfand der Freundschaft mit innigstem Danke, besahe den Ring, und bemerkte in dem durchsichtigen Kristall ein trübes Wölklein, woraus die Phantasie ebenso leicht einen kleinen Teufel schuf, mit zwei Hörnern, Krallen, Schwanz und Pferdefuß, als sie aus dem Wölklein im Mond, einen Mann mit der Dornwelle auf dem Rücken, gebildet hat.

Udo nahm den Weg, nach der empfindsamsten Beurlaubung von seinem prophetischen Jonathan, nach dessen Ausspruche, gerade auf Mecklenburg zu: die Hermenevtik des gesunden Menschenverstandes wußte von der Quelle seines Unglücks keine schicklichere Auslegung zu finden. Er hatte beschlossen, das strengste Inkognito daselbst zu beobachten, und so unglaublich es ihm auch vorkam, in der Residenz seines Überwinders groß Glück zu machen, so grübelte er darüber doch nicht lange, und überließ es der Zeit und dem Erfolg, ihm dieses Problem zu lösen. Die Stadt Mecklenburg war die Hauptstadt im Königreich der Obotriten, und der Wohnsitz ihrer Regenten. Sie war das europäische Bagdad oder Kairo, in Ansehung der Größe und Volksmenge, oder vielmehr das deutsche London und ParisDas scheinet die griechische Benennung der Stadt Mecklenburg, Megalopolis, zu bestätigen, von welcher in der Folge das Land den Namen geerbet hat. . Cruco hatte sie auf den Gipfel ihrer Größe und ihres Wohlstandes erhoben: er hielt daselbst einen glänzenden Hof, und verpflanzte dahin alle überwundene Fürsten und Vasallen, die er in seine Gewalt bekam. Er hatte die Grenzen seines Reichs auf eine glorreiche Art, vermöge des Rechtes des Stärkern über den Schwächern, erweitert, und den gesamten Völkerstamm der Obotriten seinem Zepter unterworfen; demungeachtet war seine Glückseligkeit nicht vollkommen: es fehlte ihm an einem männlichen Reichserben. Fräulein Obizza, seine einzige Tochter, war der Thronfolge nicht fähig: denn alle nördliche Völker gehorchten damals dem Salischen Gesetz. Der König meinte gleichwohl, ein Mittel gefunden zu haben, die Regierungsfolge bei seinem Geschlecht zu erhalten, und hatte durch eine pragmatische Sanktion den erstgebornen Sohn seiner Tochter, an welchen Prinzen sie auch würde vermählt werden, sich zum Thronfolger ausbedungen. Allein die Prinzessin hatte, bei allen ihr verliehenen Reizen, den so seltnen Fehler ihres Geschlechts, daß sie gegen das andere Geschlecht eine unüberwindliche Abneigung hegte. Sie hatte die glänzendsten Verbindungen ausgeschlagen, und da ihr Vater sie aufs zärtlichste liebte, und ihr nicht den Zwang auferlegen wollte, nach Sitte der Fürstentöchter, die Liebe als ein Staatsgeschäfte zu betreiben: so wünschte er wenigstens, daß sie aus der Liebe eine Herzensangelegenheit machen, und sich aus Neigung einen Gemahl wählen möchte. Doch auch diesen Wunsch wollte ihm das Fräulein nicht gewähren: ihre Stunde war entweder noch nicht kommen; oder Mutter Natur hatte ihr die süßen Empfindungen, mit welchen sie gegen ihre reizenden Töchter oft so verschwenderisch umgehet, ganz versagt.

Dem Vater Cruco verging darüber alle Geduld, er war um einen Thronfolger verlegen, und fand sich gedrungen, jedem Freibeuter Macht und Gewalt zu geben, sein Heil zu versuchen, auf das Herz der schönen Obizza Jagd zu machen, und verhieß dem Eroberer das Fürstentum Rügen als eine Prämie. Dieser Köder lockte eine Menge Glücksritter von allen vier Winden des Himmels nach Mecklenburg, die das Herz der unempfindsamen Obizza zu bestürmen kamen. Alle genossen am Hofe eine günstige Aufnahme, die Prinzessin durfte auf des Vaters Geheiß keinem den Zutritt versagen. Es wär fürwahr das bunteste Schauspiel für das Auge eines philosophischen Beobachters gewesen, die Operationen einer Menge von Gecken zu belauschen, die das Fräulein, wie ein dichter Dunstkreis einen Schweifstern, umnebelten, und davon jeder nach seiner eignen Methode, ihr unbezwingliches Herz zu erringen strebte. Einige vermeinten verstohlnerweise sich hinein zu schleichen, sich hinein zu winseln, hinein zu stehlen, oder es zu erschmeicheln: andere waghalsten, es mit wildem Ungestüm, gleich im ersten Rennen zu erlaufen. Doch dieser Unsinn diente nur, die Prinzessin in ihrem Männerhasse zu bestärken, und ihre Verachtung gegen das andere Geschlecht dergestalt zu mehren, daß auch ein Endymion keinen Eindruck auf sie würde gemacht haben.

Udo gelangte während dieser sonderbaren Epoke im Mecklenburgischen an. Weil er verlegen war, unter welchem Namen er sich bei Hofe introduzieren sollte, so schloß er sich an die Freierkohorte an. Es fiel ihm zwar auf, daß gerade sein Fürstentum für die Preisaufgabe zur Prämie ausgesetzt war: gleichwohl kam ihm der Gedanke nicht ein, auf diesem Wege zum Besitz seines verlornen Eigentums wieder zu gelangen. Er sahe indessen die Prinzessin, und wider Vermuten erregte ihr Anblick in seiner Seele ein überraschendes Entzücken, eine gewisse Unruhe störte seinen Schlaf, er wurde ein Träumer, und in alle Phantasien des Schlummers mischte sich die Grazie des Mecklenburger Hofes. Dadurch wurde er bald inne, daß eine ebenso unwiderstehliche Macht, als die war, welche ihn an der Bernsteinküste aus dem Abgrund emporhob, ihn zu der Prinzessin hinzog. Allein sie schien ihn unter dem Gedränge der sie umgebenden Freierkohorte nicht zu bemerken.

Bisher hatte er von Freund Waidewuths Spende noch keinen Gebrauch zu machen gewußt; jetzt dachte er auf einen Versuch, dem dienstfertigen Dämon ein Geschäfte zu geben. Er gestaltete ihn in den niedlichsten Amor um, der je der Phantasie des Minnesängers Jacobi vorgeschwebt hat, und verschloß ihn in eine goldne Nadelbüchse, mit gemeßner Ordre, alle Funktionen des Liebesgottes bei der Person zu seinem Vorteil zu verrichten, welche die Büchse öffnen würde.

An einem schönen Abende befand sich der Hof in dem königlichen Lustgarten. Ein kleiner Wirbelwind, der sich erhoben hatte, brachte den Schleier der Prinzessin in Unordnung. Sie forderte eine Nadel, um ihn wieder anzuheften. Fürst Udo eilte alsbald herbei, ließ sich auf ein Knie vor ihr nieder, und überreichte ihr die goldne Büchse, welche ein gefährlicher Geschenk in sich schloß, als weiland die berüchtigte Büchse der Pandora. Die Prinzessin öffnete solche ohne Verdacht, da schlüpfte Dämon Amor in ihren Busen, und verwundete sie mit seinem güldnen Pfeil. Udo entfernte sich augenblicklich, voll Unruhe, welchen Erfolg seine Unternehmung haben würde.

Des folgenden Tages wurde er mit Entzücken gewahr, daß ihn die schönen Augen des spröden Fräuleins unter dem Haufen ihrer Champions suchten. Am dritten Tage bemerkte die schlaue Aya, daß sich in dem Herzen ihrer Herrschaft, zum Vorteil des unbekannten Ritters, eine kleine Gärung erzeugt habe. Am vierten Tage sprach der Hof schon laut von dieser außerordentlichen Erscheinung. Der König selbst erhielt unter der Hand Nachricht davon, war darüber außerordentlich erfreuet, und wünschte sich Glück, daß seine weisen Maßregeln so gute Wirkung getan hatten. Er zögerte keinen Augenblick, die verschämte Obizza um die Angelegenheiten ihres Herzens zu befragen, und sie hatte dieses so wenig mehr in ihrer Gewalt, daß sie den Schleier über das Gesicht zog, und unter der Beschattung desselben das freie Geständnis ablegte, der unbekannte Ritter habe ihr Herz gewonnen.

Udo empfing zum Erstaunen des ganzen Hofes das Fräulein von der Hand des Königs, als ein Mann ohne Namen. Nachdem bereits die Ehetraktaten in Richtigkeit gebracht waren, befragte ihn erst der erfreute Vater der zärtlichen Braut, weß Standes und Herkommens er sei? Und er offenbarte sich demselben nun ohne Zurückhaltung. Cruco war hocherfreuet, daß er Gelegenheit fand, das dem Fürsten von Rügen bewiesene Unrecht mit reichem Wucher zu ersetzen. Udo aber verharrete noch so lange am Hofe, bis der Thronerbe geboren war. Ein herrlicher Knabe, den Vater Cruco aus den Händen seiner Tochter voll Wonne empfing, und nun ließ er seinen Eidam sein vormaliges Eigentum in Besitz nehmen. Da dieser des Dämons nicht mehr bedurfte, sandte er ihn, als Sperber gestaltet, der Abrede gemäß, mit dem Ringe im Schnabel, an den freundschaftlichen Eigentümer mit vielem Dank zurück.

Seit der Zeit hat Dämon Amor noch manches Ehebündnis gestiftet, aber es ist ihm keins wieder so gut gelungen, als das mit dem Fürsten Udo und der zärtlichen Obizza von Mecklenburg. Denn wo er sonst den Freiwerber macht, da pflegt das zärtliche Paar, das er zusammen führt, in der Folge bei der Hitze irgend eines lebhaften Hauszwistes, sich leicht das freimütige Geständnis zu tun: der Teufel hat uns gepaart!

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