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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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Ulrich mit dem Bühel

Unweit des Fichtelberges, an der böhmischen Grenze, lebte zu Kaiser Heinrich des Vierten Zeiten ein wackrer Kriegsmann, mit Namen Egger Genebald, auf seinem Lehn, das ihm für den welschen Heerszug zuteil ward, hatte im Dienst des Kaisers viel Städte und Flecken geplündert, und großes Gut erbeutet, davon er drei Raubschlösser erbauete, in einem düstern Walde; Klausenburg auf der Höhe, Gottendorf im Tal, und Salenstein am Flusse. In diesen Schlössern zog er mit vielen Reisigen und Knechten aus und ein, mochte sich des Raubens und Plünderns nicht entwöhnen, und übte das Faust- und Kolbenrecht wo er konnte. Oft überfiel er mit seinen Gewappneten, aus einem Hinterhalte, die Kaufleute und Reisenden, Christen oder Juden das galt ihm gleich, wenn er ihrer nur mächtig zu werden vermeinte; oft brach er eine liederliche Ursach vom Zaun, seine Nachbarn zu befehden. Ob es ihm gleich vergönnt war, in den Armen einer liebenswürdigen Gemahlin zu rasten, um nach dem Ungemach des Krieges das Glück der Liebe zu schmecken: so hielt er doch die Ruhe für Weichlichkeit; denn nach der Denkungsart seines ehernen Zeitalters, waren Schwert und Speer in der Hand des deutschen Adels, was Spaten und Sense in der Hand des friedlichen Landmannes sind, die Werkzeuge eines ehrlichen Gewerbes. Und traun! der Ritter nährte sich seines anmaßlichen Berufs unverdrossen.

Da er aber mit diesem Unfug allen seinen Grenznachbarn Überlast machte, und keiner sein Eigentum für ihn sichern konnte, beschlossen sie einen Rat über ihn, und verschworen sich, Gut und Blut dran zu setzen, den räuberischen Weih aus dem Neste zu vertreiben, und seine Festen zu zerstören. Sie sandten ihm einen Fehde- und Absagebrief, rüsteten ihre Mannschaft, und belagerten, auf einen Tag, seine drei Schlösser, da er im freien Felde gegen die Verbündeten nicht bestehen konnte. Hugo von Kotzau zog mit seinem Volk vor Klausenburg auf der Höhe; der Ritter Rudolph von Rabenstein lagerte sich vor Gottendorf im Tal, und Ulrich Spareck, der Tümmler genannt, legte sich mit seinen Bogenschützen vor Salenstein am Flusse.

Als Egger Genebald von allen Seiten sich beängstiget sahe, und hart bedränget wurde, faßte er den Anschlag, mit dem Schwerte sich freie Bahn durch die feindlichen Haufen zu machen, und ins Gebürge zu fliehen. Er sammlete sein Volk um sich her, und nachdem er die Kriegsleute angemahnet hatte, sich hurtig zu halten, um entweder zu siegen oder zu sterben, setzte er seine Gemahlin, die sich der Entbindung versahe, auf ein wohlzugerittnes Roß, und bestellte einen seiner Leibdiener zu ihrer Aufwartung. Ehe aber noch die Zugbrücke niedergelassen, und das eherne Tor aufgetan wurde, rief er ihn beiseits und sprach: –

»Hüte meines Weibes im Nachzug, als deines Augapfels, so lange mein Panier wehet, und der Federbusch auf meinem Helm emporstehet; sofern ich aber erliege im Streit, so wende dich nach dem Walde, und verbirg sie daselbst in der Felsenkluft, die dir wohl bekannt ist. Dort erwürge sie in der Nacht mit dem Schwert, daß sie nicht weiß wie ihr geschieht. All mein Gedächtnis soll vertilget werden auf Erden, daß mein ehelich Gemahl, oder die Frucht ihres Leibes, nicht der Spott meiner Feinde werde.« Nachdem er das gesagt hatte, tat er einen mutigen Ausfall aus dem Schlosse, also daß die Feinde in groß Schrecken gerieten, und sich schon nach der Flucht umsahen. Da sie aber das geringe Häuflein gewahr wurden, das sich ermächtigte gegen ein ganzes Heer zu streiten, schöpften sie frischen Mut, stritten als mannliche Helden, umringten die feindliche Schar, erschlugen den Ritter samt seinen Knechten, daß nicht einer davonkam außer dem Leibdiener, der im Getümmel des Kampfes die edle Frau davonführte, und sie in die Waldhöhle verbarg.

Als sie hineintrat, benahm ihr Kummer und Angst den Odem, daß ihr eine Ohnmacht zuzog, und sie sichtlich dahinstarb. Da gedachte der Diener an das Wort seines Herrn, wollte schon das Schwert zücken, und seiner holden Gebieterin das Herz damit durchbohren. Doch jammerte ihn des schönen Weibes, und sein Herz wurde in heißer Liebe gegen sie entzündet. Wie sie wieder zur Besonnenheit kam, beweinte sie mit einem Strom von Zähren ihr Unglück, und den Tod ihres Gemahls, rang die Hände und wimmerte laut. Da trat der Versucher zu ihr und sprach: »Edle Frau, so Ihr wüßtet, was Euer Gemahl über Euch beschlossen hat, so würdet Ihr Euch nicht so traurig gebärden. Er tat mir Befehl, Euch in dieser Höhle zu ermorden, aber Eure schönen Augen haben mir verwehret, ihm zu gehorchen. So Ihr mich nun hören wollt, weiß ich guten Rat für mich und Euch. Vergesset, daß Ihr meine Gebieterin wäret: das Geschick hat uns jetzt gleich gemacht. Ziehet mit mir gen Bamberg in meine Heimat, dort will ich Euch zu meiner Hausfrau nehmen, Euch ehrlich halten, und auch des Kindleins, das Ihr unterm Herzen traget, als des meinen pflegen. Entsaget dem Stande, worin Ihr geboren waret: Hab und Gut ist dahin; die Feinde Eures Herrn würden nur stolzen Spott mit Euch treiben, so Ihr in ihre Hände fielet, und was wolltet Ihr, als eine verlaßne trostlose Wittib ohne mich beginnen?«

Der edlen Frau stieg das Haar zu Berge, und ein Totenschauer lief ihr längs dem Rücken herab, über dem was sie zu hören bekam. Sie entsetzte sich ebensosehr über den grausamen Befehl ihres Gemahls, als über die Vermessenheit des Dieners, der sich erfrechte, ihr seine unwürdige Liebe zu erklären. Gleichwohl stund ihr Leben jetzt in der Hand eines Knechtes, der seines Herrn Willen tat und seiner Pflicht Gnüge zu leisten vermeinte, wenn er sie dessen beraubte. Sie wußte keinen andern Rat, als ihren Schergen und deklarierten Liebhaber bei Gutem zu erhalten. Darum tat sie sich Gewalt an, eine verschämte falschfreundliche Miene anzunehmen, und sprach: »Loser Schalk, hast du mir das Geheimnis meines Herzens aus den Augen gelesen, daß du weißt, nach welchem Buhlen es verlangt? – Ach! du weckst den Funken zur lodernden Flamme auf, der unter der Asche meines zerstörten Glücks für dich glimmt! – Aber laß mich jetzt im Winkel meinem erschlagnen Gemahl ein Tränlein weinen, morgen alles Unglücks vergessen, und mein Schicksal mit dir teilen.«

Der verliebte Diener, der sich eines so leichten Sieges bei der schönen Frau nicht versehen hatte, war vor Freuden außer sich, da er hörte, daß sie ihm mit heimlicher Liebe bereits zugetan sei, er umfaßte ihre Kniee, sich der großen Gunst zu bedanken, und überließ sie ungestört ihrer stillen Traurigkeit. Er bereitete ihr ein Lager von Moos, und legte sich zu ihrer Hut quer vor den Eingang der Höhle. Der schönen Witwe kam kein Schlaf in die Augen, wiewohl sie sich stellte, als ob sie sanft schlummere. Sobald sie den frechen Wicht schnarchen hörte, sprang sie hurtig von dem Lager auf, zog gemachsam sein Schwert aus der Scheide, schnitt ihm flugs damit die Gurgel, und zugleich den schönsten Traum seines Lebens entzwei. Er hatte kaum zu ihren Füßen die Seele ausgezappelt, so schritt sie hurtig über den Leichnam aus der Höhle, und irrete durch den düstern Wald, ohne zu wissen, wo sie der Zufall hinführen würde. Sie vermied sorgfältig das freie Feld, und wenn sich etwas regte, oder wenn sie in der Ferne Menschen erblickte, verbarg sie sich tief ins Gebüsche.

Drei Tage und drei Nächte war sie also in großer Betrübnis herumgeirret, ohne etwas anders zur Erquickung zu genüßen, als einige Walderdbeeren, und war sehr ermattet. Ach! da vermerkte sie, daß die Zeit herannahe, daß sie gebären sollte. Sie setzte sich unter einen Baum, fing bitterlich an zu weinen, und über ihren Zustand laut zu wehklagen. Da stund unversehens ein altes Mütterlein vor ihr, als wenn sie aus der Erde herausgewachsen war, die tat ihren Mund auf und frug: –

»Edle Frau, was weinet Ihr, und womit steht Euch zu helfen?« Die Bekümmerte empfand großen Trost, daß sie eine menschliche Stimme vernahm. Als sie aber aufschauete, und ein häßliches altes Weib, mit zitterndem Haupte, auf einen hainbüchenen Stab gelehnt, neben sich erblickte, die selbst Hülfe zu bedürfen schien, und unter ihren roten Augen ein lederfarbenes Wackelkinn ihr entgegenstreckte, mißbehagte ihr der Anblick so sehr, daß sie das Angesicht von ihr wandte, und mutlos antwortete: »Mutter, was begehrest du meine Leiden zu erfahren, es stehet doch nicht in deiner Macht, mir Hülfe zu leisten.« »Wer weiß«, versetzte die Alte, »ob ich Euch nicht helfen kann, offenbaret mir Euren Kummer.« »Du siehest«, sprach die Witwe, »wie es mit mir ist, die Zeit meiner Entbindung nahet heran, und ich irre, in diesem wilden Gebürge, einsam und verlassen.« »Wenn dem also ist«, erwiderte die Alte, »so findet Ihr bei mir freilich schlechten Trost: ich bin eine Jungfrau meines Zeugnisses, weiß um die Notdurft kreißender Weiber keinen Bescheid, habe mich nie darum gekümmert, wie der Mensch in die Welt eingehet, sondern nur, wie ich mit Ehren herausgehen mag. Folget mir indes in mein Haus, daß ich Euer pflege, so viel ich kann.«

Die hülflose Frau nahm den guten Willen für die Tat an und gelangte, unter der Geleitschaft der Oberältesten ihrer jungfräulichen Zeitgenossenschaft, in einer dürftigen Hütte an, wo sie etwas weniger Bequemlichkeit fand, als unter freiem Himmel. Doch genas sie, unter dem Beistande der Sybille, glücklich eines Töchterleins, welches die Mutter selbst nottaufte, und es der keuschen Wirtin zu Ehren, Lukrezia nannte. Ungeachtet dieser Politesse, mußte die Wöchnerin doch mit so frugaler Kost vorlieb nehmen, daß die strenge Diät, welche eigensinnige Ärzte den Kindbetterinnen zu verordnen pflegen, sardanapalische Mahlzeiten dagegen genennet zu werden verdienen. Sie lebte bloß von Kräutersuppen, die ohne Salz und Schmalz gekocht waren, und dabei wurde ihr, von dem zähen Mütterlein, das schwarze Brot so kümmerlich zugeschnitten, als wenn's Marzipan gewesen wär. Dieser Fastenspeisen wurde die Wöchnerin, die sich wohlauf befand, und nachdem die Milchschauer vorüber waren, große Eßlust verspürte, bald überdrüssig, sie sehnte sich nach einem nahrhaften Fleischgericht, oder wenigstens nach einem Eierkuchen, und der letztere Wunsch schien ihr nicht unerreichbar: denn sie hörte jeden Tag, in der Morgenstunde, eine Henne gackern, die ihr frisch gelegtes Ei laut rezensierte.

Die ersten neun Tage unterwarf sie sich jedoch der magern Kost ihrer Pflegerin standhaft; nachher gab sie ihr aber das Verlangen, nach einer kräftigen Hühnerbrühe, nicht undeutlich zu verstehen, und da die Alte wenig darauf achtete, erklärte sie sich mit deutlichen Worten. »Gutes Weib«, sprach sie, »deine Suppen sind so rauh und streng, und das Brot so hart, daß mir der Gaumen davon wund ist. Bereite mir ein Süpplein, das glatt eingehe, und wohl gefettet sei, ich will dir's lohnen. Es schreit ein Huhn in deinem Hause, das schlachte und richte mir's zu, daß ich durch eine gute Mahlzeit neue Kräfte zum Abzug mit meinem Kindlein gewinne. Siehe diese Perlenschnur, die ich um den Hals trage, will ich dafür mit dir teilen, wenn ich förder ziehe.« »Edle Frau«, antwortete die zahnlose Wirtschafterin, »es stehet Euch nicht zu, meine Küche zu meistern, das verträgt keine Hausfrau von einer Fremden. Ich weiß wohl eine Suppe zu kochen, und sie niedlich und schmackhaft zu bereiten; hab auch, wie mich bedünken will, die Kochkunst länger getrieben als Ihr. Meine Suppen sind ohne Tadel, und schlafen auf die Milch, was verlangt Ihr mehr? Von meinem Hühnlein sollt Ihr nichts schmecken, das ist meine Gespielin und Hausgenossin in dieser Einöde, schläft mit mir in der Kammer, und ißt mit mir aus der Schüssel. Behaltet Eure Perlenschnur, ich begehre keinen Teil daran, oder Lohn und Gewinn für Eure Pflege.« Die Kindbetterin sahe wohl, daß ihre Wirtin Küchenkritiken nicht liebte, sie schwieg und aß, um sie wieder zufrieden zu stellen, über Vermögen von der Kräutersuppe, die ihr diese eben auftrug.

Des folgenden Tages nahm die Alte einen Handkorb an Arm und den hainbüchenen Stab in die Hand, und sprach: »Das Brot ist aufgezehrt bis auf dies Ränftlein, das ich mit Euch teile, ich gehe zum Bäcker, neuen Vorrat zu kaufen. Wahret indes das Haus, pfleget meines Hühnleins, und hütet Euch es abzuschlachten. Die Eier sind Euch vergönnt, wenn Ihr sie suchen wollt, es pflegt sie gern zu vertragen. Harret meiner Wiederkehr sieben Tage, das nächste Dorf liegt nur eines Feldweges von hier; für mich sind's aber drei Tagereisen. Wenn ich in sieben Tagen nicht wiederkomme, so sehet Ihr mich nimmer.« Mit diesen Worten trippelte sie fort, doch bei ihrem Schneckengange war sie in der Mittagsstunde noch keinen Bogenschuß von der Hütte, und in der Abenddämmerung verlor ihre nachschauende Kostgängerin sie erst aus den Augen.


Jetzt führte diese das Küchenregiment, und spähete fleißig nach einem Eie von dem Leghuhn; sie durchsuchte alle Winkel des Hauses, auch alle Gebüsche und Hecken rings umher, das trieb sie so sieben Tage lang, ohne eins zu finden. Sie harrete hierauf einen Tag und noch einen auf die Alte; da diese aber nicht zum Vorschein kam, verzieh sie sich ihrer Wiederkehr. Die Lebensmittel waren aufgezehrt, darum setzte sie den dritten Tag zum peremtorischen Termin, wo sie, im Nichterscheinungsfall der Alten, sich ihrer liegenden und fahrenden Habe, als eines verlassenen Gutes, anzumaßen vornahm. An dem Huhn, das die Eier vertrug, sollte das Eigentumsrecht vorerst ausgeübt werden, welches ohne Gnade zum Topfe verurteilt war. Die neue Besitznehmerin hatte es schon vorläufig in engen Gewahrsam gebracht, und unter einen Korb gesperrt. Am frühen Morgen des folgenden Tages schärfte sie ein Messer, das Huhn damit zu schlachten, denn es sollte zur Valetmahlzeit dienen, und setzte Wasser zum Kochen auf den Herd. Indem sie mit diesen Küchenanstalten geschäftig war, verkündigte das eingesperrte Huhn, mit großem Geschrei, ein frischgelegtes Ei, welches als ein Zuwachs der Verlassenschaft, der Erbnehmerin sehr willkommen war. Sie gedachte dadurch ein Frühstück obendrein zu erhalten, ging alsbald es zu holen, und fand es unter dem Korbe. Ihr Appetit war so lebhaft, daß sie das Abschlachten versparte, bis sie würde das Ei verzehrt haben. Sie sott es hart; aber da sie es aus dem Topfe nahm, war es so schwer wie Blei, und nachdem sie die Schale geöffnet hatte, fand sie nichts Eßbares darinnen, sondern zu ihrer großen Verwunderung war die Dotter von gediegenem Golde.

Vor Freuden über diesen Fund, war ihr alle Eßlust verschwunden, ihre einzige Sorge ging nun dahin, das wunderbare Huhn zu füttern, es zu liebkosen und an sich zu gewöhnen. Sie dankte es dem Glücke, daß sie die herrliche Eigenschaft desselben noch zu rechter Zeit entdeckt hatte, ehe der Kochtopf die köstliche Eierfabrik zerstörte. Das alchymische Huhn brachte ihr auch eine ganz andere Meinung von dem alten Mütterlein bei, als sie vorher von ihr geheget hatte. Bei der ersten Bekanntschaft, nahm sie das Weib für eine abgelebte Bäuerin, und als sie ihre ungesalznen Kräutersuppen versucht hatte, hielt sie dieselbe für eine Bettlerin. Nach der gemachten Entdeckung aber war sie ungewiß, ob sie eine wohltätige Fee, die aus Mitleid ihr ein reichliches Almosen verliehen, oder eine Zauberin, die sie durch Blendwerk äffte, aus ihr machen sollte. So viel ergab sich aus allen Umständen, daß etwas Übernatürliches hier mit im Spiele war, daher gebot die Klugheit der bedachtsamen Frau, bei ihrem Abzuge aus der Wildnis des Fichtelbergs, nicht so rasch zu Werke zu gehen, sondern ihr Vorhaben reiflich zu überlegen, um eine unsichtbare Macht, die ihr wohlzuwollen schien, nicht zu erzürnen. Sie war lange unschlüssig, ob sie sich das wunderbare Huhn zueignen, und mit sich nehmen; oder solchem die Freiheit wieder schenken sollte. Die Eier hatte ihr die Alte zugestanden, und in drei Tagen war sie die Besitzerin von drei goldnen Eiern; aber was das Leghuhn betraf, war sie zweifelhaft, ob sie einen Diebstahl begehen würde, wenn sie es mit davon nähme; oder ob sie es als eine stillschweigende Schenkung ansehen sollte. Eigennutz und Bedenklichkeit erhoben einen ungleichen Wettstreit gegeneinander, worinnen, wie gewöhnlich, der erste die Oberhand behielt. Also blieb es bei der Adjudikation des Nachlasses der Alten, die reisefertige Dame setzte das Huhn in eine Hühnersteige, band ihr Kindlein in ein Tuch, nach Zigeuner Brauch, auf den Rücken, und so verließ das Kleeblatt der Einwohner, das kleine einsame Haus in der Wüste, in welchem nun, außer einem Heimchen, das darinnen zirpte, kein Hauch des Lebens mehr übrig war.

Die sorgsame Emigrantin nahm ihren Weg gerade nach dem Walddorfe zu, wohin die Alte zu gehen vorgegeben hatte, und war alle Augenblicke einer Erscheinung von ihr gewärtig, um das Huhn zurückzufordern. Kaum war sie eine Stunde gegangen, so kam sie auf einen gebahnten Weg, der gerade in das Dorf führte. Die Neugierde trieb sie, im Backhause nach dem alten Mütterlein Nachfrage zu halten, welches hier zuweilen Brot einzukaufen pflege. Allein niemand wollte etwas von ihr wissen, oder sie jemals gesehen haben. Das bewog ihre Hausgenossin, etwas von dem Aufenthalte in der Einsiedelei der Alten zu erzählen. –

Die Bäuerinnen verwunderten sich höchlich über diese Begebenheit, keine wußte von dem Hause im Gebürge, und nur ein wohlbetagtes Weib erinnerte sich, von ihrer Großmutter gehört zu haben, daß eine Waldfrau im Gebürge hause, die sich alle hundert Jahr einmal sehen lasse, um ein gutes Werk auszuüben, und dann wieder verschwinde. Dadurch wurde der edlen Frau das Rätsel ziemlich gelöset, sie zweifelte nicht, daß sie gerade den glücklichen Zeitpunkt getroffen habe, wo der unbekannten Bewohnerin des Fichtelberges vergönnt gewesen sei, ihre wohltätige Hand gegen sie aufzutun. Sie hielt das Huhn, welches fortfuhr jeden Tag ein goldnes Ei zu legen, nun zwiefacher Ehren wert, nicht allein um des reichen Gewinns willen, welchen es ihr einbrachte, sondern vornehmlich als ein gutes Andenken an ihre treue Pflegerin in dem hülflosen Zustande, worin sie sich befunden hatte, und sie bedauerte nur, daß sie mit der alten Mutter nicht nähere Bekanntschaft gemacht hatte. Dadurch hätte sich die edle Frau allerdings um die wißbegierige Nachwelt ein unsterbliches Verdienst erwerben können, wenn sie ihre Wirtin ausgeforscht, und von ihrer Natur und Beschaffenheit genaue Kundschaft eingezogen hätte, so wüßten wir zu sagen, ob sie eine Norne, oder eine Elfe, eine verwünschte Prinzessin, eine weiße Frau, oder eine Zauberin und Zunftgenossin der Circe, oder der Hexe zu Endor gewesen sei.

Ihre Gastfreundin heuerte in dem Walddorfe einen Wagen mit Ochsen bespanntDie Ochsenfuhren waren in Deutschland vor Zeiten nichts Ungewöhnliches, selbst Fürsten bedienten sich ihrer. Als Kaiser Maximilian der Erste einsmals durch Franken zog, wurden auf einer Station, anstatt der Pferde, vier Joch Ochsen vor seinen Wagen gespannt, welches er sich gefallen ließ, und scherzweise zu seinen Hofdienern sagte: »Seht, da fährt das römische Reich mit Ochsen um.« und fuhr damit nach Bamberg, wo sie nebst dem zarten Fräulein, dem Hühnlein und einer Mandel Eier, wohlbehalten anlangte, und sich daselbst häuslich niederließ. Anfangs lebte sie daselbst sehr eingezogen, und ließ ihr einziges Geschäfte die Erziehung ihres Töchterleins, und die Pflege des wundersamen Leghuhns sein. Als sich aber mit der Zeit der Eiersegen mehrte, kaufte sie viel Ländereien und Weinberge, auch Landgüter und Schlösser, und lebte als eine reiche Frau von ihren Renten, tat den Armen Gutes, und bedachte die Klöster. Wodurch der Ruf ihrer Frömmigkeit, und ihres großen Vermögens sich so ausbreitete, daß sie die Aufmerksamkeit des Bischofs auf sich zog, der ihr wohlwollte, und ihr viel Achtung und Freundschaft bewies. Fräulein Lukrezia wuchs heran, und wurde wegen ihrer Sittsamkeit und Schönheit, von Klerus und Laien bewundert, und den geistlichen Herren dienten ihre Reize nicht minder zur angenehmen Augenweide, als den fleischlichenDer entgegengesetzte Begriff von geistlich, ist weltlich und auch fleischlich. Aus Unkunde der Sprache oder Übereilung, verwechselte eine junge Ausländerin beide Ausdrücke. »Wer ist der Schwarzrock?« frug sie beim Eintritt zweier Herren in eine Gesellschaft. Ihr ward geantwortet: »Ein geistlicher Herr.« »So ist«, erwiderte sie, »der Blaurock wohl ein fleischlicher?« Der Sprachfehler wurde belacht, aber doch eingestanden, der Ausdruck sei passend, und verdiene in Umlauf zu kommen. Er paßt aber gewöhnlich für Schwarzrock und Blaurock zugleich..

Um diese Zeit berief der Kaiser einen Reichstag nach BambergIm Jahr 1057.. Durch so viele Hofhaltungen der Prälaten und Fürsten, wurde die Stadt also eingeengt, daß die Mutter nebst ihrer Tochter, um dem Getümmel auszuweichen, auf eins ihrer Landhäuser sich begab. Der wohlwollende Bischof aber machte bei Gelegenheit, der Kaiserin von dem Fräulein eine so vorteilhafte Schilderung, daß sie Verlangen trug, diese junge Schönheit an Hof unter ihr Frauenzimmer aufzunehmen. Kaiser Heinrichs Hofhaltung stund nicht in dem Geruch, daß sie eine Schule strenger Zucht und Tugend seiDas beweisen die Gravamina der sächsischen Stände, die sie durch eine feierliche Gesandtschaft nach Hofe gelangen ließen, welche darauf antragen mußte, der Kaiser möchte die Konkubinen wegschaffen, sich an einer Gemahlin begnügen, und ein unbescholtner Leben führen. , daher sträubte sich die sorgsame Mutter gegen dieses Vorhaben, soviel sie konnte, und bedankte sich dieser, der Tochter zugedachten Ehre. Die Kaiserin bestand gleichwohl auf ihrem Sinn, und des Bischofs Ansehen vermochte so viel über die bedenkliche Frau, daß sie endlich einwilligte. Die keusche Lukrezia erschien bei Hofe, und wurde als eine üppige Hofdame aufgeschmückt, bekam das Nadelkästlein der Kaiserin in Verwahrung, und trug, nebst andern Jungfrauen von edler Geburt, ihr an Hoffesten die Schleppe nach. Aller Augen warteten auf sie, wenn die Kaiserin hervorging, denn nach dem einmütigen Geständnisse der Höflinge, war sie die Grazie unter den Nymphen des kaiserlichen Gefolges.

Bei Hof ist jeder Tag ein Fest. Dieser Taumel von abwechselnden Vergnügen, die an die Stelle der einförmigen Lebensart unter mütterlicher Aufsicht traten, erfüllten ihre Seele mit unausredbarem Wonnegefühl, sie glaubte, wo nicht in den Schoß der Seligkeit, dennoch in den Vorhof desselben, den empyreischen Himmel versetzt zu sein. Zum Nadelgelde hatte ihr, außer dem Gehalt vom Hofe, die gutmütige Mutter noch ein Schock Eier, von dem magischen Huhn, ausgesetzt. Daher fehlte es ihr nicht, sich jeden Wunsch des Herzens gewähren zu können, der für junge Schönen denkbar ist, welche Amors Pfeil noch nicht verwundet hat, und die das höchste Ideal ihrer Glückseligkeit, mit kindischem Ergötzen, in dem Flitterglanze des Putzes suchen, den sie nicht um einen Heiligenschein vertauschen würden. Sie tat es an Kleiderpracht allen Jungfrauen ihrer Gebieterin zuvor, die sie zwar heimlich darum neideten, und ins Angesicht ihren feinen Geschmack lobten, ihr nach Hofes Sitte freundlich liebkoseten, und allen Verdruß und Unwillen tief ins Herz verschlossen: denn die Kaiserin war ihr mit Huld und Gunsten beigetan. Die Grafen und Herren schmeichelten und liebkoseten ihr nicht minder, doch ohne alle Gleisnerei, jedes Wort kam aus dem Herzen: Frauenlob ist glatt wie Öl, in der Männer Munde; aber wie Essig scharf und beizend, auf der weiblichen Zunge.

Da ihr unaufhörlich des Hofes süßer Weihrauch duftete, wär's in Wahrheit ein größer Wunder gewesen, als ein güldnes Hühnerei, wenn die helle Politur ihrer reinen weiblichen Seele, von dem Roste der Eitelkeit, nicht wäre angefressen worden. Die süße Näscherei verwöhnte sie zum immerwährenden Verlangen, sich was Schönes vorsagen zu lassen, und sie forderte, als eine ihr zugehörige Gerechtsame, das Geständnis, sie sei die schönste aller Jungfrauen am Hofe. Diese schmeichelnde Idee wurde bald Mutter, und gebar die buhlerische Koketterie, sie ging darauf aus, Fürsten und Grafen, und die Edlen des Hofes an ihren Siegeswagen zu spannen, und wo sie es vermöchte, das gesamte Römische Reich Deutscher Nation im Triumph aufzuführen. Sie wußte diese stolze Absicht unter die Maske der Bescheidenheit zu verbergen, dadurch gelang ihre Freibeuterei nur desto besser: sie setzte, wenn sie nur wollte, jedes empfindsame Herz in Brand, und diese Sucht zu sengen und zu brennen, schien das einzige Erbstück, das aus der väterlichen Verlassenschaft auf sie gekommen war. Wenn sie ihre Absicht erreicht hatte, zog sie sich mit sprödem Kaltsinn zurück, täuschte die Hoffnung aller, die um ihre Gunst buhlten, und sahe mit mutwilliger Schadenfreude, wie geheimer Kummer die Unglücklichen folterte, und Gram und Bleichsucht an ihren vollen Wangen zehrte. Sie selbst aber hatte, mit der ehernen Mauer der Unempfindsamkeit, ihr Herz umschlossen, welche keiner ihrer Champions zu überwältigen vermochte, um sich hinein zu stehlen, und zur Wiedervergeltung es gleichfalls in Flammen zu setzen. Sie wurde geliebt und liebte nicht wieder, entweder weil ihre Stunde noch nicht gekommen war; oder weil der Ehrgeiz die zärtliche Leidenschaft überwand; oder weil ihre Gemütsart so schwankend und unbeständig war, wie die offenbare See, daß der Keim der Liebe in dem hüpfenden unruhigen Herzen nicht anwurzeln konnte. Die versuchtesten Minnesöldner, die wohl merkten, daß dem Terrain nichts abzugewinnen sei, ließen es daher nur immer bei einem blinden Angriff bewenden, schlugen oft Lärmen, und defilierten bald wieder in aller Stille seitab ; machten es bald wie unsre luftigen Herren, die an jedes weibliche Herz anpochen, wenn's in einem schönen Busen schlägt; aber Hymens reine Fackel, wie die Raubtiere in den afrikanischen Wüsteneien das Feuer, scheuen. Die Minderkundigen hingegen, die mit dämischem Zutrauen, in vollem Ernste, den Angriff wagten, wurden mit Verlust ihrer Ruhe und Zufriedenheit, weil das Fräulein ihrer Schanze wohl wahrte, abgeschlagen.

Seit mehrern Jahren, folgte dem Hoflager des Kaisers ein junger Graf von Klettenberg, der, einen kleinen körperlichen Fehler ausgenommen, der liebenswürdigste Mann bei Hofe war. Er hatte eine verrenkte Schulter, und davon den Beinamen Ulrich mit dem Bühel: seine übrigen Talente und gefälligen Eigenschaften aber machten, daß auch der strenge Areopagus der Damen, die die Wohlgestalt eines Adonis zu meistern wagen, über diese Unvollkommenheit hinwegsahe, und sie bei ihm durch keinen Tadel rügete. Er stund bei Hof in gutem Ansehen, und wußte dem schönen Geschlecht so viel Verbindliches zu sagen, daß ihm alle Damen, die Kaiserin selbst nicht ausgenommen, günstig waren. Sein Witz war unerschöpflich, neue Vergnügen zu ersinnen, und den gewöhnlichen Hoflustbarkeiten neuen Reiz und Hochgeschmack mitzuteilen, daß er sich im Frauen-Zimmer unentbehrlich gemacht hatte. Wenn der Hof, bei üblem Wetter, oder bei den bösen Launen des Kaisers, deren ihm der Vater Papst gar viele machte, in träger Langerweile schmachtete: so wurde Graf Ulrich berufen, den Geist des Mißmuts zu verscheuchen, und Fröhlichkeit und Scherz in die kaiserliche Hofpfalz wieder einzuführen.

Obgleich ein Damenzirkel das eigentliche Element war, worin er lebte und webte: so wußte er doch dem schalkhaften Amor immer auszuweichen, daß ihn dieser nicht mit der Harpune seines unwiderstehlichen Wurfpfeils erreichte, und er der Leine hätte folgen müssen. Schäkerhafte Minne war sein Freudenspiel; aber wenn ihm ein Weib Fesseln zugedacht hatte, zerriß er sie, wie Simson die sieben neuen Bastseile, womit ihn seine betrügliche Buhlerin band. Er wollte nur, ebenso wie die stolze Lukrezia, Fesseln anlegen, aber keine tragen. Es konnte nicht fehlen, daß zwei so gleichgestimmte Seelen, die der Zufall einander so nahe gebracht hatte, daß sie unter einem Himmel lebten, unter einem Dache wohnten, in einem Gemach tafelten, und unter einer Laube Schatten suchten, endlich zusammentreffen und ihre Talente aneinander versuchen mußten.

Lukrezia faßte den Anschlag, an dem Grafen eine Eroberung zu machen, und weil er im Rufe war, daß er der wankelmütigste Liebhaber bei Hofe sei, beschloß sie, ihn fester zu halten als ihre übrigen Champions, die sie nach den Jahreszeiten, wie die Modewelt ihre Kleider, zu wechseln pflegte, und ihn nicht eher zu entlassen, bis sie den Ruhm erlangt hätte, den unbeständigen Wandelstern fixiert zu haben. Ihn aber trieb der Ehrgeiz, mit dem schönsten Hoffräulein eine Intrike anzuspinnen, alle Nebenbuhler auszustechen, und ihnen seine Überlegenheit in der Kunst zu lieben empfinden zu lassen, und wenn sie vor ihm die Segel würden gestrichen haben, dann flugs den Anker zu lichten, und auf den Fittichen der Winde, in den Hafen eines andern liebevollen Herzens einzulaufen. Beide Mächte rüsteten sich zum wechselseitigen Angriff, und die Operationen gingen auf dem Blumengefilde der Liebe, von der einen und der andern Seite, nach Wunsch vonstatten.

Es schmeichelte dem Fräulein ungemein, daß der Liebling des Hofes, auf den sie schon lange eine geheime Absicht gehabt hatte, jetzt freiwillig kam, ihren Zauberreizen zu huldigen, und daß sie Gelegenheit fand, an ihm Rache zu üben, da er ihr bisher widerstanden hatte. Seine Blicke, die vordem flüchtig vor ihr vorübereilten, waren nun allein auf sie gerichtet; er folgte ihr untrennbar, wie der Tag der Sonne. Alle Feten, die er dem Hofe gab, hatten auf sie Bezug; er zog allein ihren Geschmack bei der Anordnung derselben zu Rate, was sie gut hieß, wurde mit großer Pracht und Tätigkeit ins Werk gerichtet, und was nicht ihren Beifall hatte, wenn es auch die Kaiserin selbst proponiert hatte, kam nicht zustande. Die feinen Nasen spürten leicht aus, welcher Gottheit dieser Ambra duftete, und man sagte öffentlich, der Hof sei ein Horn, welches laute, wie Fräulein Lukrezia den Ton angebe. Die blühendsten weiblichen Physiognomien wurden gelb und bleich vor Neide, über diese ausgezeichnete Liebschaft, bei welcher alle stumme Zuschauerinnen abgeben mußten, die ihr Herz so gern bei dem Grafen angebracht hätten, oder an dem seinigen Anteil zu haben glaubten. Er opferte aber seine Eroberungen samt und sonders der schönen Bambergerin auf, und sie schenkte zur Vergeltung auch ihren Gefangenen die Freiheit wieder, umstellte das Herz keines Höflings mehr, mit Netz und Schlingen ihrer entgegenkommenden Zärtlichkeit, und ihr prüfendes Auge forschte nicht mehr nach den lüsternen Blicken verstohlner Anbeter.

Bis hieher schritt die Intrike des zärtlichen Paares ganz in der systematischen Ordnung fort, an die sich beide Teile gebunden hatten, sie glänzten beide im Vollmond wechselseitigen Genusses. Nun war es Zeit, daß dieser sich wieder zur Abnahme neigte, und zwar dergestalt, daß die eine Hälfte ganz dem beobachtenden Seherauge verschwand und in Schatten zu stehen kam, indes die andere ihren Schimmer auch noch im letzten Viertel beibehielt. Es kam jetzt darauf an, das Minnespiel durch einen Meisterstreich zu enden, der die eine Partei vor den Augen des Hofes sicherte, daß sie nicht die betrogene sei. Des Grafen Eitelkeit hatte anfangs nichts mehr beabsichtet, als das Übergewicht über alle Nebenbuhler zu gewinnen, um sich damit zu brüsten, und wenn ihm dieses gelungen wäre, seine Eroberung zu verlassen und eine neue zu suchen. Jene Absicht war erreicht; aber unvermerkt hatte der schlaue Amor, der selten ungestraft mit sich scherzen läßt, das Spiel des Stolzes und der Eitelkeit in eine ernsthafte Herzensangelegenheit verwandelt: die schöne Lukrezia hatte sein Herz erbeutet, und ihn an ihren Triumphwagen angekettet. Sie blieb ihrem Plane treuer. Da ihr Herz noch nicht Teil genommen hatte, und sie erwog, daß ihre Reputation, als Herzensbezwingerin, auf dem Spiele stehen würde, wenn ein Insurgent ihr den Gehorsam aufkündigte, ehe sie ihn in Freiheit setzte, und die Lacher nicht auf ihrer Seite sein dürften, wenn ihr Paladin die Fesseln zerbrach, welches sie im Geheim befürchtete: so beschloß sie, ihm den Abschied zu geben, als er am eifrigsten sich um die Fortdauer ihrer Gunst bewarb.

Unversehens ergab sich die Gelegenheit zu dieser Katastrophe. Graf Ruprecht von Kefernburg, ein Landsmann und Grenznachbar Graf Ulrichs von Klettenberg, zog nach Goslar, Kaiser Heinrichs gewöhnlichem Aufenthalt, um eine frische rotwangige Base an Hof zu führen. Hier sahe er die schöne Lukrezia, und sie sehen und lieben, war der gewöhnliche Fall aller Ritter und Edeln, die von den vier Winden des vaterländischen Himmels, in die altväterische Reichsstadt, welche damals das deutsche Paphos war, einritten. Seine Physiognomie hatte für die Damen wenig Empfehlendes, und die Pflegerin seiner Kindheit hatte der Mutter Natur unbedachtsamer Weise ins Amt gegriffen, ihrem Zöglinge mehr verliehen als ihm jene beschied, und ihn mit einem Auswuchs auf dem Rücken begabt, der so charakteristisch war, daß er, zum Unterschied seiner Namensvettern, Ruprecht mit dem Höcker zubenamet wurde. Körperliche Gebrechen wurden in jenen Zeiten nicht durch Schneiderkunst verhehlt, sondern öffentlich zur Schau ausgestellt, in Ehren gehalten, und sogar von den Geschichtschreibern der Nachwelt sorgfältig aufbewahrt. Die Hinker, die Stammler, die Schielenden, die Einäugigen, die Speckwänste und die Darrsüchtigen sind noch in gutem Andenken, wenn das Gedächtnis ihrer Taten längst erloschen ist. Der Kefernburger besaß ein großes Maß von Dreustigkeit und Selbstheit. Ob ihn gleich seine Gestalt eben nicht zu großen Erwartungen in den Regionen der Liebe berechtigte, so demütigte sie ihn doch so wenig, daß ihm die Bürde auf den Schultern gleichsam zum Schwunggewichte der Eigenliebe diente, wenigstens hielt er sie nicht für eine Klippe, woran die Hoffnung seines Liebesglückes scheitern könnte. Mutig wagte er einen Angriff auf das Herz der schönen Lukrezia, und da sie eben diesen Janustempel, der eine Zeitlang geschlossen war, wieder geöffnet hatte: so nahm sie sein Opfer mit scheinbarem Wohlgefallen an, und unter diesem glücklichen Adspekt, war Goslar ihm Elysium. Der gute Graf aus der Provinz wußte freilich nicht, daß die schlaue Hofgrazie ihr Herz nur wie einen Triumphbogen gebrauchte, durch welchen sie die Scharen, die ihre Fesseln trugen, durchpassieren ließ, der aber gar nicht von der Beschaffenheit ist, einen beständigen Aufenthalt darin zu suchen.

Der zeitige Inhaber ihres Herzens ahndete seinen Fall, wie ein wankender Minister, der nicht die Entschließung hat, seinen Posten zu resignieren, sich hält, so lang er kann, und zögert, bis man ihn gehen heißt. Wenn es in seiner Macht gestanden hätte, mit seiner wankelmütigen Gebieterin zu brechen, so wär es ihm vielleicht gelungen, das Spiel noch zu seinem Vorteil zu drehen, den Anschein eines Verstoßenen zu verbergen, und das Auge der Lauerer irre zu führen. Er würde sich der ersten besten Liebschaft in die Arme geworfen haben. Die runde rotwangige Thüringerin kam wie gerufen, ihm zu diesem Gaukelspiel die Hand zu bieten. Allein sein ganzes Minnesystem hatte sich, durch die Dazwischenkunft einer ernsten Leidenschaft, ganz verschoben, und er hatte nun gleiches Schicksal mit den Schauspielern auf unsern Liebhabertheatern, die sich in die verliebten Rollen so hinein studieren, daß sie ihre theatralische Laufbahn mit der Hochzeit zu beschließen pflegen. Der Schmetterling, der das Licht oftmals ungestraft umgaukelt hatte, blieb daran bekleben, und die heiße Flamme vereitelte die letzten Zuckungen seines Strebens nach Freiheit.

Diesen Verlust der Freiheit nahm er erst wahr, da er an seinem Landsmann, dem Kefernburger, einen Nebenbuhler entdeckte, den er zwar eben nicht fürchtete; durch welchen er aber doch belehret wurde, daß seine Geliebte das Gefühl wahrer Zärtlichkeit mit ihm nicht teile. Zum ersten Mal im Leben empfand er die Qualen unvergoltner Liebe, umsonst versuchte er's, sich durch rauschende Vergnügen zu zerstreuen, und einer Leidenschaft sich zu entschlagen, die ihm das Leben vergällte; er wurde bald inne, daß ihm die Kraft fehle, dies Vorhaben ins Werk zu richten. Er war nicht mehr der Simson, der mit den Locken den Nagel aus der Wand, oder den Dorn, der ihn verwundet hatte, aus dem Herzen hervorziehen konnte; er war der Simson, der seiner Stärke beraubt, in dem Schoße der Tyrischen Buhlschaft ruhete, die ihn überlistet hatte. Ohne Leben und Tätigkeit, schlich er trübsinnig umher, erschien selten und so einsilbig bei Hofe, daß er den Damen Langeweile machte, einige bekamen sogar Vapeurs, wenn er sich nur im Vorgemach blicken ließ: denn tiefe Schwermut hing, wie die Abendwolke, hinter welche sich die untergehende Sonne verbirgt, ihm von der Stirn herab. Seine Siegesgöttin dagegen schwebte im stolzen Triumph empor, ohne Mitleid mit dem qualenvollen Zustande ihres getreuen Paladins zu empfinden. Sie trieb vielmehr ihre Grausamkeit so weit, daß sie zuweilen in seiner Gegenwart sich nicht scheuete, alle ihre Reize auf den scheinbarlich begünstigten Nebenbuhler spielen zu lassen, und mit ihm unverhohlen zu liebäugeln.

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