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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 26
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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In dem Viertel, wo Mutter Brigitta eingemietet hatte, gab's auch Nachbarschaften, und unter diesen auch Mädchenspäher, denen die Wohlgestalt der reizenden Meta nicht verborgen bleiben konnte. Gerade ihrer Behausung gegenüber wohnte ein wohlhabender Brauherr, den die Scherztreiber, weil er sehr bei Mitteln war, nur den Hopfenkönig nannten. Er war ein junger flinker Witwer, dessen Trauerjahr eben zu Ende lief, und nun, ohne die Gesetze des Wohlstandes zu übertreten, berechtiget war, sich nach einer anderweiten Gehülfin in der Wirtschaft umzusehen. Er hatte gleich nach dem Hinscheiden der selgen Frau, mit seinem Schutzpatron, dem heilgen Christoph, in aller Stille den Kontrakt gemacht, ihm eine Wachskerze zu opfern, so lang als eine Hopfenstange und so dicke als ein Schürbaum, wenn er es ihm mit der zweiten Wahl, nach dem Wunsch seines Herzens, würde gelingen lassen. Kaum hatte er die schlanke Meta erblickt, so träumte ihm, der heilige Christoph sähe, im zweiten Geschoß des HausesSankt Christoph erscheinet seinen Schutzbefohlnen nie in einem einsamen Kämmerlein, wie die übrigen Heiligen, mit Himmelslicht umflossen: Für seine giganteske Natur ist jedes Zimmer zu niedrig, daher tut der heilige Enakssohn alle Geschäfte mit seinen Pfleglingen nur vor dem Fenster ab., zum Fenster des Schlafgemachs herein und mahne seine Schuld ein. Das dünkte dem raschen Witwer ein himmlischer Beruf zu sein, unverzüglich das Netz auszuwerfen. Am frühen Morgen berief er die Mäkler der Stadt, und gab ihnen Kommission auf gebleicht Wachs, drauf putzte er sich heraus wie ein Ratsherr, sein Heuratsgewerbe zu betreiben. Er hatte keine musikalischen Talente, und in der geheimen Symbolik der Liebe war er ein roher Idiot; aber er hatte ein reiches Brauerbe, ein bares Kapital auf der Stadtkämmerei, ein Schiff auf der Weser, und einen Meierhof vor der Stadt. Unter diesen Empfehlungen hätte er auch wohl ohne Beistand des heiligen Christophels, auf einen erwünschten Erfolg seiner Werbung rechnen können, besonders bei einer Braut ohne Heuratsgut.

Er ging, dem alten Herkommen gemäß, gerade vor die rechte Schmiede, und entdeckte der Mutter freundnachbarlich seine christliche Absicht auf ihre tugendliche und ehrsame Tochter. –

Keine Engelerscheinung hätte die gute Frau mehr entzücken können, als diese frohe Botschaft. Sie sahe jetzt die Frucht ihres klugen Plans und die Erfüllung ihrer Hoffnung reifen, aus der bisherigen Dürftigkeit zu ihrem ersten Wohlstand zurückzukehren; segnete den guten Gedanken, aus dem Winkelgäßgen weggezogen zu sein, und in der ersten Aufwallung der Freude, da sich tausend heitere Ideen in ihrer Seele aneinanderreiheten, dachte sie auch an den Nachbar Franz, der die Veranlassung dazu gegeben hatte. Ohngeachtet er eben nicht ihr Schoßjünger war, gelobte sie ihm doch, als dem zufälligen Werkzeuge ihres aufgehenden Glückssterns, eine heimliche Freude mit irgend einer Spende zu machen, und dadurch zugleich Abtrag für den wohlgemeinten Flachshandel zu leisten.

In dem mütterlichen Herzen waren die Heuratspräliminarien so gut als unterzeichnet, doch erlaubte der Wohlstand nicht, in einer so wichtigen Sache zu rasch zu Werke zu gehen, daher nahm sie den Antrag ad referendum, um nebst ihrer Tochter die Sache mit Gebet zu überlegen, und bestimmte eine achttägige Frist, nach deren Verlauf sie den ehrsamen Brautwerber, wie sie sagte, mit genüglicher Antwort zu kontentieren verhoffte, welches er sich, als die gewöhnliche Prozedur, gar gern gefallen ließ und sich empfahl. Kaum hatte er den Rücken gewendet, so wurden Spindel und Weife, Schwingstock und Hechel, ohne Rücksicht auf ihre treugeleisteten Dienste, und so unverschuldet als zuweilen die Pariser Parlamentsherren, ins Elend verwiesen, und als unnütze Gerätschaften in die Rumpelkammer gestellt. Wie Meta aus der Messe zurückkam, erstaunte sie über die plötzliche Katastrophe in dem Wohnzimmer, es war alles aufgeputzt wie an einem von den drei hohen Festen im Jahr. Sie begriff nicht, wie die emsige Mutter an einem Werkeltage ihre tätige Hand so lässig in den Schoß legen konnte; doch ehe sie noch Zeit gewann, über diese Reform im Hause die freundlich-lächelnde Mutter zu befragen, kam ihr diese schon mit Aufklärung des Rätsels entgegen. Die Suada saß auf ihren Lippen, und es ergoß sich ein Strom von weiblicher Wohlredenheit aus ihrem Munde, das bevorstehende Glück mit den lebhaftesten Farben abzuschildern, die ihre Einbildungskraft nur immer auftreiben konnte. Sie erwartete von der keuschen Meta das sanfte Erröten der jungfräulichen Verschämtheit, welches das Noviziat in der Liebe ankündiget, und dann eine völlige Resignation in den mütterlichen Willen. Denn bei Heuratspropositionen waren ehedem die Töchter in dem Fall unserer Fürstentöchter, sie wurden nicht um ihre Neigung befragt, und hatten keine Stimme bei der Wahl ihres legalen Herzgespiels, als das Jawort vor dem Altar.

Allein Mutter Brigitta irrte sich in diesem Punkte gar sehr: die schöne Meta wurde, bei dieser unvermuteten Notifikation, nicht rot wie eine Rose, sondern totenblaß wie eine Leiche. Ein hysterischer Schwindel umnebelte ihre Sinnen, und sie sank ohnmächtig in den mütterlichen Arm. Nachdem ihre Lebensgeister mit kaltem Wasser wieder waren aufgefrischt worden, und sie sich in etwas erholet hatte, flossen ihre Augen von Tränen, als wenn ihr groß Unglück begegnet wäre. Daraus merkte die verständige Mutter bald ab, daß ihr das Heuratsgewerbe nicht zu Sinne sei, worüber sie sich denn höchlich verwunderte, und weder Bitten noch Ermahnungen sparte, die Gelegenheit, durch eine gute Heurat ihr Glück zu machen, nicht aus Eigensinn und Widerspenstigkeit zu verscherzen. Aber Meta war nicht zu überreden, daß ihr Glück von einer Heurat abhinge, wozu ihr Herz nicht seinen Assent gäbe. Die Debatten zwischen Mutter und Tochter dauerten verschiedene Tage, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, der Termin zum Bescheid rückte heran, die gigantische Wachskerze für den heilgen Christoph, deren sich der König Og von Basan nicht würde geschämet haben, wenn sie als hochzeitliche Fackel bei seinem Beilager ihm vorgeleuchtet hätte, war auch bereits fertig und gar herrlich mit lebendigen Blumen bemalt, wie ein buntes Licht, ob der Heilige sich gleich so untätig für seinen Klienten, die ganze Zeit über bewiesen hatte, daß diesem das Herz der schönen Meta verriegelt und verschlössert blieb.

Indessen hatte sie sich die Augen ausgeweint, und die mütterliche Überredungskunst hatte so gewaltsam gewirket, daß sie, wie eine Blume von schwüler Sonnenhitze, zusammenwelkte und sichtbarlich abzehrte. Geheimer Kummer nagte an ihrem Herzen, sie hatte sich ein strenges Fasten auferlegt, und seit drei Tagen keinen Mundbissen genossen, auch mit keinem Tropfen Wasser ihre trocknen Lippen benetzt. Des Nachts kam ihr kein Schlaf in die Augen, und darüber wurde sie zum Sterben krank, daß sie die Letzte Ölung begehrte. Da die zärtliche Mutter die Stütze ihrer Hoffnung wanken sah, und bedachte, daß sie Kapital und Zinsen auf einmal verlieren könnte, fand sie nach genauer Überlegung, daß es ratsamer sei, die letztern schwinden zu lassen, als beide zu entbehren, und bequemte sich nach der Tochter Willen mit freundlicher Nachgiebigkeit. Es kostete ihr zwar große Überwindung und manchen schweren Kampf, eine so vorteilhafte Partie von der Hand zu weisen; doch gab sie sich endlich, wie es die Ordnung des Hausregiments mit sich bringt, ganz in den Willen ihres lieben Kindes, und machte der Kranken deshalb weiter keine Vorwürfe. Da auf den bestimmten Tag der flinke Witwer sich anmeldete, in dem guten Vertrauen, daß sein himmlischer Geschäftsträger alles nach Wunsch zur Richtigkeit würde gebracht haben, erhielt er ganz gegen seine Erwartung abschlägige Antwort, die jedoch mit so vielem Glimpf versüßt war, daß sie ihm einging wie Wermutwein mit Zucker. Er fand sich indessen leicht in sein Schicksal und beunruhigte sich so wenig darüber, als wenn sich ein Malzhandel zerschlagen hätte. Im Grunde war auch keine Ursache vorhanden, warum er sich hätte kränken sollen: seine Vaterstadt hat nie Mangel gehabt an liebenswürdigen Töchtern, die der Salomonschen Skizze gleichen, und sich zu vollkommnen Gattinnen qualifizieren; überdies verließ er sich, ungeachtet der mißlungenen Ehewerbung, mit festem Vertrauen auf seinen Schutzpatron, der ihn auch anderweit so gut bediente, daß er, ehe ein Monat verlief, mit großem Pomp, die gelobte Kerze vor den Altar des Heiligen pflanzte.

Mutter Brigitta bequemte sich nun, die exilierte Spinngerätschaft aus der Rumpelkammer zurück zu berufen und wieder in Aktivität zu setzen. Alles ging wieder seinen gewöhnlichen Gang. Meta blühete bald von neuem auf, war tätig zur Arbeit und ging fleißig in die Messe, die Mutter hingegen konnte den heimlichen Gram über fehlgeschlagne Hoffnung, und die Vernichtung ihres Lieblingsplans nicht verbergen, sie war mürrisch, mißmutig und kleinlaut. Besonders quälte sie an dem Tage üble Laune, wo der Nachbar Hopfenkönig Hochzeit hielt. –

Als der Brautzug in die Kirche begann, und voraus von den Stadtpfeifern trommetet und schalmeiet wurde, wimmerte und erseufzete sie wie in der Unglücksstunde, da ihr die Hiobspost gebracht wurde, die wütige See habe ihren Mann mit Schiff und Gut verschlungen. Meta sahe das Brautgepränge mit großer Gleichmütigkeit vorüberziehen, selbst der herrliche Schmuck, die Edelgesteine in der Myrthenkrone, und die neun Reihen Zahlperlen um den Hals der Braut, machten auf ihre Gemütsruhe keinen Eindruck, welches zu verwundern war, da eine neue Pariser Haube, oder sonst ein Meteor des modischen Flitterputzes, doch so oft die Zufriedenheit und häusliche Glückseligkeit eines ganzen Kirchspiels störet. Nur der herznagende Kummer ihrer Mutter beunruhigte sie, und umnebelte den heitern Blick ihrer Augen. Sie war bemüht durch tausend Liebkosungen und kleine Aufmerksamkeiten sich ihr anzuschmeicheln; es gelang ihr damit nur insoweit, daß die gute Mutter doch wieder etwas gesprächig wurde.

Auf den Abend, als der Brautreihen anhub, sprach sie: »Ach Kind! diesen frohen Reihen könntest du jetzt anführen. Welche Wonne! wenn du die Mühe und Sorgen deiner Mutter mit dieser Freude belohnt hättest. Aber du hast dein Glück verschmähet, und nun erleb ich's nimmer, dich zum Altar zu geleiten.« »Liebe Mutter«, sprach Meta, »ich vertrau dem Himmel, wenn's droben angeschrieben stehet, daß ich zum Altar geführet werden soll, so werdet Ihr mir den Kranz wohl schmücken: denn wenn der rechte Freier kommt, wird mein Herz bald ja sagen.« – »Kind, um Mädchen ohne Heuratsgut ist kein Drang, müssen kaufen wer mit ihnen kaufen will. Die jungen Gesellen sind heutzutage gar kehrisch, freien um glücklich zu werden, aber nicht um glücklich zu machen. Zudem weissagt dir dein Planet nicht viel Gutes, du bist im April geboren. Laß sehen, wie steht im Kalender geschrieben? Ein Mägdlein in diesem Monat geboren, ist holdseligen freundlichen Angesichts und schlanken Leibes, aber veränderlichen Gemüts, hat Belieben zum Mannsvolk. Mag ihr Ehrkränzlein wohl in acht nehmen, und so ein lachender Freier kommt, mag sie ihr Glück nicht verpassen. Das trifft zu aufs Haar! Der Freier ist dagewesen und kommt nicht wieder: du hast ihn verpaßt.« – »Ach Mutter, was der Planet sagt, laßt Euch nicht kümmern, mein Herz sagt mir, daß ich den Mann, der mich zum ehelichen Gemahl begehrt, ehren und lieben soll, und wenn ich den nicht finde, oder der mich nicht sucht, will ich mich nähren [mit] meiner Hände Arbeit bei heiterm Mute, Euch beistehn und Euer pflegen dereinst im Alter, als einer frommen Tochter ziemt. Kommt aber der Mann meines Herzens, so segnet meine Wahl, auf daß es Eurer Tochter wohlgehe auf Erden, und fraget nicht, ob er sei vornehm, reich oder geehrt, sondern ob er sei gut und bieder, ob er liebe und geliebet werde.« – »Ach Tochter, die Liebe hat gar eine dürftige Küche, und nährt nur kümmerlich bei Salz und Brot.« – »Aber doch wohnt Eintracht und Zufriedenheit gern bei ihr, und würzet Salz und Brot mit fröhlichem Genuß des Lebens.«

Die reichhaltige Materie von Salz und Brot wurde bis in die späte Nacht erörtert, solange sich noch eine Geige auf dem Hochzeitgelag hören ließ, und die große Begnügsamkeit der bescheidenen Meta, die bei Schönheit und Jugend, doch nur auf ein ganz eingeschränktes Glück Anspruch zu machen schien, nachdem sie eine sehr vorteilhafte Partie ausgeschlagen hatte, brachte die Mutter auf die Vermutung, daß sich der Plan zu einem solchen Salzhandel in ihrem jungfräulichen Herzen wohl schon möchte angesponnen haben. Sie erriet auch leicht den Handelskompagnon im engen Gäßgen, von dem sie nie geglaubt hatte, daß er der Baum sein würde, der in dem Herzen der liebenswürdigen Meta wurzeln würde. Sie hatte ihn nur als einen wilden Ranken betrachtet, der sich nach jedem nahgelegnen Stäudchen hinbreitet, um sich daran hinaufzustängeln. Diese Entdeckung machte ihr wenig Freude, sie ließ sich gleichwohl nicht merken, daß sie solche gemacht habe. Nach ihrer strengen Moral aber verglich sie ein Mädchen, das vor der priesterlichen Einsegnung Liebe im Herzen hatte einnisten lassen, einem wurmstichichen Apfel, der nur fürs Auge tauge, nicht aber für den Genuß, und den man irgendwo auf einen Schrank stelle, ohne seiner weiter zu achten: denn der schädliche Wurm zehre am innern Mark und sei nicht heraus zu bringen. Sie verzagte nun ganz daran, in ihrer Vaterstadt jemals wieder empor zu kommen, ergab sich in ihr Geschick, und ertrug schweigend, was sie meinte das nicht mehr zu ändern stehe.

Unterdessen lief das Gerücht in der Stadt um, die stolze Meta habe dem reichen Hopfenkönig den Korb gegeben, und erscholl auch bis ins enge Gäßgen. Franz war außer sich vor Freuden, als er diese Sage bestätigen hörte, und die geheime Sorge, daß ein bemittelter Nebenbuhler ihn aus dem Herzen des lieben Mädchens verdrängen möchte, quälte ihn nicht mehr. Er war nun seiner Sache gewiß, und wußte sich das Rätsel, welches der ganzen Stadt ein unauflösliches Problem blieb, ganz leicht zu erklären. Die Liebe hatte zwar aus dem Wüstling einen Virtuosen gebildet: doch dieses Talent war für einen Brautwerber damals gerade die kleinste Empfehlung, welches in jenen rohen Zeiten weder so geehrt noch genährt wurde, wie in unserm üppigen Jahrhundert. Die schönen Künste waren noch nicht Kinder des Überflusses, sondern des Mangels und der Dürftigkeit. Man wußte von keinen reisenden Virtuosen, als den Prager Studenten, deren gellende Symphonien vor den Türen der Reichen, um einen Zehrpfennig sollizitierten; die Aufopferung des lieben Mädchens war auch zu groß, um sie mit einer Serenade zu vergelten. Jetzt wurde ihm das Gefühl seiner jugendlichen Unbesonnenheit ein Stachel in der Seele. Manch herziges Monodrama fing er mit einem O und Ach an, das seinen Unsinn beseufzete: »Ach Meta«, sprach er zu sich selbst, »warum hab ich dich nicht früher gekannt! du wärst mein Schutzengel gewesen, und hättest mich vom Verderben errettet. Könnt ich meine verlernen Jahre wieder zurückleben, und sein der ich war, so war mir jetzt die Welt Elysium, und dir wollt ich sie zu einem Eden machen! Edles Mädchen, du opferst dich einem Elenden, einem Bettler auf, der nichts im Besitz hat, als ein Herz voll Liebe und Verzweiflung, daß er dir kein Glück, wie du es verdienest, anbieten kann.« Unzählichmal schlug er sich, bei den Anwandlungen solcher empfindsamen Launen, voll Unmut vor die Stirn, mit dem reuvollen Ausruf: »O Unbesonnener! o Tor! zu späte wirst du klug.«

Die Liebe ließ indessen ihre Schöpfung nicht unvollendet, sie hatte bereits in seinem Gemüte eine heilsame Gärung hervorgebracht, das Verlangen nämlich, Tätigkeit und Kräfte anzuwenden, sich aus seinem gegenwärtigen Nichts hervorzustreben: sie reizte ihn nun zum Versuch, diesen guten Willen auszuführen. Unter mancherlei Spekulationen, die er gemacht hatte, seinen zerrütteten Finanzen aufzuhelfen, war die vernünftigste, welche einen guten Erfolg zu verheißen schien, diese, daß er die Handelsbücher seines Vaters durchging, und die Kaduzitäten, die als Verlust eingetragen waren, notierte, in der Absicht, das Land zu durchziehen und eine Ährenlese anzustellen, um zu versuchen, ob aus diesen verlornen Halmen sich noch ein Maß Weizen sammlen ließ. Diesen Ertrag wollte er anlegen, einen kleinen Handel zu beginnen, welchen seine Einbildungskraft bald in alle Teile der Welt ausbreitete. Es dünkte ihn, er sähe schon Schiffe in der See, die mit seinem Eigentum befrachtet wären. Er ging rasch dran, sein Vorhaben auszuführen, machte das letzte goldne Nestei aus der Erbschaft, das StundeneiDie ältesten Taschenuhren wurden von der Form, welche man ihnen zuerst gab, Stundeneier genennt. seines Vaters zu Gelde, und kaufte dafür einen Reitklepper, der ihn, als einen Bremer Kaufmann, in die weite Welt tragen sollte.

Nur die Trennung von der schönen Meta ging ihm schwer ein. »Was wird sie«, sprach er zu sich, »von dieser plötzlichen Verschwindung denken, wenn ich ihr nicht mehr auf dem Kirchweg begegne? Wird sie mich nicht für treulos halten, und aus ihrem Herzen verbannen?« Dieser Gedanke beunruhigte ihn außerordentlich, und er wußte lange keinen Rat, wie er sie von seinem Vorhaben verständigen sollte. Aber die erfindungsreiche Liebe gab ihm den glücklichen Einfall ein, von öffentlicher Kanzel seine Abwesenheit und deren Absicht ihr kund machen zu lassen. –

Er erkaufte deswegen in der Kirche, welche bisher das geheime Verständnis der Liebenden begünstiget hatte, eine Vorbitte für einen jungen Reisenden, zu glücklicher Ausrichtung seiner Geschäfte, diese sollte so lange dauren, bis er den Groschen für die Danksagung erlegen würde.

Bei der letzten Begegnung hatte er sich reisefertig gekleidet, und strich ganz nahe an seinem Liebchen vorbei, grüßte sie bedeutsam und mit mindrer Vorsicht als sonst, daß sie darüber errötete, und Mutter Brigitta zu mancherlei Randglossen Gelegenheit bekam, ihr Mißfallen über die Zudringlichkeit des unbesonnenen Laffen, der ihre Tochter noch ins Gerede bringen würde, zu erkennen zu geben, und letztere damit den lieben langen Tag, eben nicht auf die angenehmste Weise, zu unterhalten. Von der Zeit an wurde Franz in Bremen nicht mehr gesehen, und von dem schönsten Augenpaar seiner Vaterstadt vergeblich gesucht. Oft hörte Meta die Vorbitte verlesen, aber sie achtete nicht darauf, denn sie war äußerst bekümmert, daß sich ihr Geliebter verunsichtbart hatte. Diese Verschwindung war ihr unerklärbar, und sie wußte nicht, was sie davon denken sollte. Nach Verlauf einiger Monate, da die Zeit ihren geheimen Unmut in etwas gemildert hatte, und ihr Gemüte ruhiger seine Abwesenheit ertrug, fiel ihr einsmals, als ihr eben die letzte Erscheinung ihres Herzgespiels vorschwebte, die Vorbitte sonderbar auf. Sie reimte und erriet den Zusammenhang der Sache, und die Absicht dieser Notifikation. Ob nun gleich kirchliche Bitte, Gebet und Vorbitte, eben nicht im Geruch großer Wirksamkeit stehen, und für die andächtigen Seelen, die sich darauf steuren, nur ein schwacher Stab sind, indem das Feuer der Andacht in der christlichen Gemeinde, beim Schluß der Predigt, zu verlöschen pflegt: so fachte bei der frommen Meta das Verlesen der Vorbitten solches erst recht an, und sie unterließ nie, den jungen Reisenden seinem Schutzengel bestens zu empfehlen.

Unter dieser unsichtbaren Geleitschaft, und den guten Wünschen seiner Geliebten, setzte Franz die Reise nach Brabant fort, um in Antwerpen einige beträchtliche Summen einzumahnen. Eine Reise von Bremen nach Antwerpen war zu der Zeit, wo es noch Wegelagerungen gab, und jeder Grundherr einen Reisenden, der keinen Geleitsbrief gelöset hatte, zu plündern und im Verließ seines Raubschlosses verschmachten zu lassen sich berechtiget hielt, mit mehr Gefahren und Schwürigkeiten verknüpft, als jetziger Zeit von Bremen bis nach Kamschatka: denn der Landfriede, den Kaiser Maximilian hatte ausrufen lassen, galt durchs Reich zwar als Gesetz, an vielen Orten aber noch nicht als Observanz. Demungeachtet gelang es dem einsamen Reisigen, das Ziel seiner Wallfahrt zu erreichen, ohne daß ihm mehr als ein einziges Abenteuer aufstieß.

Tief in dem öden Westfalen ritt er an einem schwülen Tage bis in die sinkende Nacht, ohne eine Herberge zu erreichen. Es türmten sich gegen Abend Gewitterwolken auf, und ein heftiger Platzregen durchnäßte ihn bis auf die Haut. –

Das fiel dem Zärtling, der von Jugend an aller ersinnlichen Bequemlichkeiten gewohnt war, sehr beschwerlich, und er befand sich in großer Verlegenheit, wie er die Nacht in diesem Zustande hinbringen sollte. Zum Trost erblickte er, nachdem das Ungewitter vorüber gezogen war, ein Licht in der Ferne, und bald darauf langte er vor einer dürftigen Bauerhütte an, die ihm wenig Trost gewährte. Das Haus glich mehr einem Viehstalle als einer Menschenwohnung, und der unfreundliche Wirt versagte ihm Wasser und Feuer, wie einem Geächteten, denn er war eben im Begriff, neben seine Stiere sich auf die Streue zu wälzen, und zu träge, um des Fremdlings willen das Feuer auf dem Herde wieder anzufachen. Franz intonierte aus Unmut ein klägliches Miserere, und verwünschte die westfälischen Steppen mit emphatischen Flüchen. Der Bauer ließ sich das wenig anfechten, blies mit großer Gelassenheit das Licht aus, ohne von dem Fremdling weiter Notiz zu nehmen, denn er war der Gesetze des Gastrechts ganz unkundig. Weil aber der Wandersmann vor der Tür nicht aufhörte, ihm mit seinen Lamenten Überlast zu machen, die ihn nicht einschlafen ließen, suchte er mit guter Art seiner los zu werden, bequemte sich zum Reden und sprach: »Landsmann, so Ihr Euch wollt gütlich tun und Euer wohl pflegen, so findet Ihr hier nicht was Ihr suchet. Aber reitet dort, linker Hand, durch den Busch, dahinter liegt die Burg des ehrenfesten Ritters Eberhard Bronkhorst, der herbergt jeden Landfahrer, wie ein Hospitalier die Pilger vom Heilgen Grabe. Nur hat er einen Tollwurm im Kopf, der ihn bisweilen zwickt und plagt, daß er keinen Wandersmann ungerauft von sich läßt. So Euch's nicht irret, ob er Euch das Wams bläuet, wird's Euch bei ihm baß behagen.«

Für eine Suppe und einen Schoppen Wein die Ribben einer Bastonade preiszugeben, ist freilich nicht jedermanns Ding, obwohl die Schmarotzer und Tellerlecker sich rupfen und zausen lassen, und alle Kalamitäten der Übermütler willig dulden, wenn ihnen der Gaumen dafür gekitzelt wird. Franz bedachte sich eine Weile, und war unschlüssig, was er tun sollte, endlich entschloß er sich dennoch, das Abenteuer zu bestehen. »Was liegt daran«, sprach er, »ob mir hier auf einer elenden Streu der Rücken geradebrecht wird, oder vom Ritter Bronkhorst? Die Friktion vertreibt wohl gar das Fieber, das im Anzuge ist, und mich wacker schütteln wird, wofern ich die nassen Kleider nicht trocknen kann.« Er gab dem Gaul die Sporen, und langte bald vor der Pforte eines Schlosses von altgotischer Bauart an, klopfte ziemlich deutlich an das eiserne Tor, und ein ebenso vernehmliches »Wer da?« hallete ihm von innen entgegen. Dem frostigen Passagier kam das lästige Passagezeremoniell der Torwächterinquisition so ungelegen als unsern Reisenden, die mit Recht über Wächter- und Mautamtsdespotismus, bei Toren und Schlagbäumen, seufzen und fluchen. Gleichwohl mußte er sich dem Herkommen unterwerfen und duldsam abwarten, ob der Menschenfreund im Schlosse bei Laune sei, einen Gast zu prügeln, oder geruhen würde ihm ein Nachtlager unter freiem Himmel anzuweisen.

Der Eigentümer der alten Burg hatte von Jugend an, als ein rüstiger Kriegsmann im Heere des Kaisers, unter dem wackern Georg von Fronsberg gedienet, und ein Fähnlein Fußvolk gegen die Venediger angeführet, sich nachher in Ruhe gesetzt, und lebte auf seinen Gütern, wo er die Sünden der ehemaligen Feldzüge abzubüßen, viel gute Werke verrichtete, die Hungrigen speiste, die Durstigen tränkte, die Pilger herbergte, und die Beherbergten wieder aus dem Hause prügelte. Denn er war ein roher wüster Kriegsmann, der des martialischen Tons sich nicht wieder entwöhnen konnte, ob er gleich seit vielen Jahren in stillem Frieden lebte. Der neue Ankömmling, der bereitwillig war, gegen gute Bewirtung sich der Sitte des Hauses zu unterwerfen, verzog nicht lange, so rasselten von innen die Riegel und Schlösser am Tor, die keuchenden Türflügel taten sich auf, als wenn sie durch den Jammerton, den sie hören ließen, den eintretenden Fremdling warneten, oder beseufzeten. Dem bangen Reisigen überlief's mit einem kalten Schauer nach dem andern den Rücken herab, als er durch das Tor einritt, demungeachtet wurde er wohl empfangen: einige Bediente eilten herbei, ihm aus dem Sattel zu helfen, erzeigten sich geschäftig das Gepäck abzuschnallen, den Rappen in den Stall zu ziehen, und den Reuter zu ihrem Herrn in ein wohlerleuchtetes Zimmer einzuführen.

Das kriegerische Ansehn des athletischen Mannes, der seinem Gaste entgegenkam, und ihm so nachdrücklich die Hand schüttelte, daß er hätte laut aufschreien mögen, auch ihn mit stentorischer Stimme willkommen hieß, als wenn der Fremdling taub gewesen war, übrigens ein Mann in seinen besten Jahren schien, voll Feuer und Tatkraft, setzte den scheuen Wanderer in Furcht und Schrecken, also, daß er seine Zagheit nicht verbergen konnte, und am ganzen Leibe erbebte. »Was ist Euch, junger Gesell«, frug der Ritter, mit einer Donnerstimme, »daß Ihr zittert wie ein Espenlaub, und erbleichet als woll Euch eben der Tod schütteln?« Franz ermannete sich, und weil er bedachte, daß seine Schultern nun einmal die Zeche bezahlen müßten, ging seine Poltronnerie in eine Art Dreustigkeit über. »Herr«, antwortete er traulich, »Ihr seht, daß mich der Platzregen durchweicht hat, als sei ich durch die Weser geschwommen. Schaffet, daß ich meine Kleider mit trocknen wechseln kann, und lasset zum Imbiß ein wohlgewürztes Biermus auftragen, das den Fieberschauer vertreibe, der an meinen Nerven zuckt: so wird mir wohl ums Herz sein,« »Wohl!« gegenredete der Ritter, »heischt was Euch not tut, Ihr seid hier zu Hause.«

Franz ließ sich bedienen wie ein Bassa, und weil er nichts anders als Podoggen zu erwarten hatte, so wollte er sie verdienen, foppte und neckte die Diener, die um ihn geschäftig waren, auf mancherlei Weise, es kommt, dacht er bei sich, doch alles auf eine Rechnung. »Das Wams«, sprach er, »ist für einen Schmerbauch, bringt mir eins, das genauer auf den Leib paßt; dieser Pantoffel brennt wie Feuer auf dem Hühnerauge, schlagt ihn über den Leisten; diese Krause ist steif wie ein Brett und würgt mich wie ein Strick, schafft eine herbei, die mir sanfter tue, und durch keinen Stärkenbrei gezogen sei.«

Der Hausherr ließ über diese bremische Freimütigkeit so wenig einen Unwillen spüren, daß er vielmehr seine Diener antrieb, hurtig auszurichten, was ihnen befohlen war, und sie Pinsel schalt, die keinen Fremden zu bedienen wüßten. Als der Tisch bereitet war, setzten sich Wirt und Gast, und ließen sich beide das Biermus wohl behagen. Bald darauf frug jener: »Begehret Ihr auch etwas zur Nachkost?« Dieser erwiderte: »Laßt auftragen was Ihr habt, daß ich sehe, ob Eure Küche wohl bestellt sei.« Alsbald erschien der Koch und besetzte den Tisch mit einer herrlichen Mahlzeit, die kein Graf würde verschmähet haben. Franz langte fleißig zu, und wartete nicht bis er genötiget wurde. Als er sich gesättiget hatte, sprach er: »Eure Küche, seh ich, ist nicht übel bestellt, wenn's um den Keller auch so stehet, so muß ich Eure Wirtschaft fast rühmen.« Der Ritter winkte dem Kellner, dieser füllte flugs den Willkommen mit dem gewöhnlichen Tischwein und kredenzte ihn seinem Herrn, der ihn auf die Gesundheit des Gastes rein ausleerte. Drauf tat Franz dem Junker ehrlichen Bescheid, welcher sprach: »Lieber, was saget Ihr zu diesem Weine?« »Ich sage, daß er schlecht sei«, antwortete Franz, »wenn's vom besten ist, den Ihr auf dem Lager habt, und daß er gut sei, wenn's Eure geringste Nummer ist.« »Ihr seid ein Schmecker«, entgegnete der Ritter: »Kellner, zapf uns aus dem Mutterfasse!« Der Schenke brachte einen Schoppen zum Kostetrunk, und als ihn Franz versucht hatte, sprach er: »Das ist echter Firnewein, dabei wollen wir bleiben.«

Der Ritter befahl einen großen Henkelkrug zu bringen, und trank sich mit seinem Gaste heiter und froh, fing an von seinen Kriegszügen zu reden, wie er gegen die Venediger zu Felde gelegen, die feindliche Wagenburg durchbrochen und die welschen Scharen wie die Schafe abgewürgt habe. Bei dieser Erzählung geriet er in einen solchen kriegerischen Enthusiasmus, daß er Flaschen und Gläser niedersäbelte, das Trenchiermesser wie eine Lanze schwang, und seinem Tischgenossen dabei so nahe auf den Leib rückte, daß diesem für Nase und Ohren bange war.

Es wurde spät in die Nacht, gleichwohl kam dem Ritter kein Schlaf in die Augen, er schien recht in seinem Elemente zu sein, wenn er auf den Kriegszug gegen die Venediger zu reden kam. Die Lebhaftigkeit der Erzählung mehrte sich mit jedem Becher, den er ausleerte, und Franz fürchtete, daß dieses der Prolog zu der Haupt- und Staatsaktion sein möchte, bei welcher er die interessanteste Rolle spielen sollte. Um zu erfahren, ob er innerhalb oder außerhalb des Schlosses pernoctieren werde, begehrte er einen vollen Becher zum Schlaftrunk. Nun meinte er, werde man ihm den Wein erst einnötigen, und wenn er nicht Bescheid tat, ihn unter dem Scheine eines Weinzwistes, nach der Sitte des Hauses, mit dem gewöhnlichen Viatikum fortschicken. Gegen seine Erwartung, wurde ihm ohne Widerrede gewillfahrt, der Ritter riß augenblicklich den Faden seiner Erzählung ab, und sprach: »Zeit hat Ehre, morgen mehr davon!« »Verzeihet, Herr Ritter«, antwortete Franz, »morgen wenn die Sonne aufgehet, bin ich über Berg und Tal, ich ziehe einen fernen Weg nach Brabant und kann hier nicht weilen. Darum beurlaubt mich heut, daß mein Abschied morgen Eure Ruhe nicht störe.« »Tut, was Euch gefällt«, beschloß der Ritter; »aber scheiden sollt Ihr nicht von hinnen, bis ich aus den Federn bin, daß ich Euch noch mit einem Bissen Brot und einem Schluck Danziger zum Imbiß labe, dann bis an die Türe geleite, und nach Gewohnheit des Hauses verabschiede.«

Franz bedurfte zu diesen Worten keiner Auslegung. So gern er dem Hauspatron die letzte Höflichkeit der Geleitschaft bis in die Haustür entlassen hätte, so wenig schien dieser geneigt, von dem eingeführten Ritual abzuweichen. Er befahl den Dienern den Fremden auszukleiden, und ins Gastbette zu legen, wo sich Franz wohl sein ließ, und auf elastischen Schwanenfedern einer köstlichen Ruhe genoß, daß er sich, ehe ihn der Schlaf übermannte, selbst gestund, eine so herrliche Bewirtung sei, um eine mäßige Bastonade, nicht zu teuer erkauft. Bald umflatterten seine Phantasie angenehme Träume. Er fand die reizende Meta in einem Rosengehege, wo sie mit ihrer Mutter lustwandelte und Blumen pflückte. Flugs verbarg er sich hinter eine dichtbelaubte Hecke, um von der strengen Domina nicht bemerkt zu werden; wiederum versetzte ihn die Einbildungskraft in das enge Gäßgen, wo er durch den Spiegel die schneeweiße Hand des lieben Mädchens, mit ihren Blumen beschäftiget, sah; bald saß er neben ihr im Grase, wollte ihr seine heiße Liebe erklären, und der blöde Schäfer fand keine Worte dazu. Er würde bis an den hellen Mittag geträumet haben, wenn ihn nicht die sonore Stimme des Ritters und das Geklirr seiner Sporen aufgeweckt hätte, der bei Anbruch des Tages schon in Küch und Keller Revision hielt, ein gutes Frühstück zuzurichten befahl, und jeden Diener auf den ihm zugeteilten Posten stellte, um bei Händen zu sein, wenn der Gast erwachen würde, ihn anzukleiden und zu bedienen.

Es kostete dem glücklichen Träumer viel Überwindung, sich von dem sichern gastfreundlichen Bette zu scheiden, er wälzte sich hin und her; doch die grelle Stimme des gestrengen Junkers engte ihm das Herz ein, und einmal mußte er in den sauren Apfel beißen. Also erhob er sich von den Federn, und sogleich waren ein Dutzend Hände geschäftig ihn anzukleiden. Der Ritter führte ihn ins Speisegemach zu einer kleinen wohl zugeschickten Tafel; aber da es jetzt zum Abdrücken kam, fühlte der Reisende wenig Eßlust. Der Hauswirt ermunterte ihn: »Warum langt Ihr nicht zu? Genießt etwas für den bösen Nebel.« »Herr Ritter«, antwortete Franz, »mein Magen ist noch zu voll von Eurem Abendmahl; aber meine Taschen sind leer, die mag ich wohl füllen für den künftigen Hunger.« Er räumte nun wacker auf, und bepackte sich mit dem Niedlichsten und Besten, was transportabel war, daß alle Taschen strotzten. Wie er sahe, daß sein Gaul wohl gestrichelt und aufgezäumt vorgeführet wurde, trank er ein Gläslein Danziger zum Valet, in der Meinung, das werde die Losung sein, daß ihn der Wirt beim Kragen fassen und sein Hausrecht werde fühlen lassen.

Aber zu seiner Verwunderung schüttelte er ihm, wie beim Empfang, traulich die Hand, wünschte ihm Glück auf die Reise, und die Riegeltür wurde aufgetan. Er säumte nun nicht den Rappen anzustechen, und zak zak war er zum Tor hinaus, ohne daß ihm ein Haar gekrümmt wurde.

Jetzt fiel ihm ein schwerer Stein vom Herzen, da er sich in völliger Freiheit befand, und sahe, daß er so mit heiler Haut davongekommen war, er konnte nicht begreifen, warum ihm der Wirt die Rechnung kreditiert hatte, die seinem Bedünken nach hoch an die Kreide lief, und umfaßte nun den gastfreien Mann mit warmer Liebe, dessen faust- und kolbengerechten Arm er gefürchtet hatte; trug aber noch groß Verlangen, Grund oder Ungrund des ausgestreueten Gerüchtes an der Quelle selbst zu erforschen. Darum wendete er flugs den Gaul und trabte zurück. Der Ritter stund noch im Tor, und glossierte mit seinen Dienern, zu Beförderung der Pferdekunde, die sein Lieblingsstudium war, über Abkunft, Gestalt und Bau des Rappen und seines harten Trabes, wähnte, der Fremdling vermisse etwas von seinem Reisegepäck, und sahe die Diener wegen ihrer vermeinten Unachtsamkeit scheel an. »Was gebricht Euch, junger Gesell«, rief er dem Kommenden entgegen, »daß Ihr umkehret, da Ihr wolltet förder ziehen?« »Ach, noch ein Wort, ehrenfester Ritter!« antwortete der Reisige. »Ein böses Gerücht, das Euch Glimpf und Namen bricht, sagt, daß Ihr jedes Fremdlings wohl pfleget, der bei Euch einspricht, um ihn, wenn er wieder davon scheidet, Eure starken Fäuste fühlen zu lassen. Dieser Sage hab ich vertrauet, und nichts gesparet, die Zeche Euch abzuverdienen: ich gedachte bei mir, der Junker wird mir nichts schenken, so will ich ihm auch nichts schenken. Nun laßt Ihr mich in Frieden ziehen, sonder Strauß und Gefährde, das nimmt mich wunder. Lieber, sagt mir darum, ist einiger Grund oder Schein an der Sache; oder soll ich das faule Geschwätz Lügen strafen?« Der Ritter entgegnete: »Das Gerücht hat Euch keinesweges mit Lügen berichtet; es treibt sich keine Rede im Volk um, es liegt ein Körnlein Wahrheit darinnen. Vernehmt den eigentlichen Bericht, wie die Sache stehet. Ich beherberge jeden Fremdling, der unter mein Dach eingehet, und teile meinen Mundbissen mit ihm, um Gottes Willen. Nun bin ich ein schlichter deutscher Mann, von alter Zucht und Sitte, rede wie mir's ums Herz ist, und verlange, daß auch mein Gast herzig und zuversichtlich sei, mit mir genüße was ich habe, und frei sage was er bedarf. Aber da gibt's einen Schlag Leute, die mir mit allerlei Faxen Verdruß tun, foppen und äffen mich mit Kniebeugen und Bücklingen, stellen all ihre Worte auf Schrauben, machen viel Redens ohne Sinn und Salz; vermeinen mit glatten Worten mir zu hofieren, gebärden sich bei der Mahlzeit, wie die Weiber beim Kindtaufschmause. Sag ich: ›Langt zu!‹ so erwischen sie aus Reverenz ein Knöchlein von der Schüssel, das ich meinem Hunde nicht bot; sprech ich: ›Tut Bescheid!‹ so netzen sie kaum die Lippen aus dem vollen Becher, als wenn sie Gottes Gabe verschmäheten; lassen sich zu jedem Dinge lang nötigen, tät schier not, auch zum Stuhlgang. Wenn mir's nun das leidige Gesindel zu bunt und kraus macht, und ich nimmer weiß, wie ich mit meinem Gaste dran bin: so werd ich endlich wild und brauche mein Hausrecht, fasse den Tropf beim Fell, balge ihn weidlich und werf ihn zur Tür hinaus. Das ist bei mir so Sitt und Brauch, und so halt ich's mit jedem Gaste, der mir Überlast macht. – Aber ein Mann von Eurem Schlag ist mir stets willkommen: Ihr sagtet rund und deutsch heraus, was Euch zu Sinne war, wie's der Bremer Art ist. Sprecht getrost bei mir ein, wenn Euch der Weg wieder vorbeiträgt. Damit Gott befohlen.«

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