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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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Es liegt ein Städtlein in Schwabenland Eglingen auf der Rauhen Alp genannt, ein Erbgut der Herren von Gravenegg, daselbst hausete Friedberts Mutter auf ihrem Wittum, segnete das Andenken ihres verstorbenen Gatten, und fluchte den Meißnern, die ihrer Meinung nach Friedbert ihren lieben Jungen erschlagen hatten. Jedem verstümmelten Lanzknechte, der aus dem Meißner Heereszug zurückkam, und vor ihrer Tür ein Almosen heischte, –

reichte sie mildiglich einen Buchhorner Heller, und forschte nach Kundschaft von ihrem Sohne, und wenn ihr ein schwatzhafter Invalid von dem wackern Jüngling was vorzufabeln wußte, wie er als ein braver Kämpe gefochten und als ein Held gefallen sei, wieviel Grüße er noch an seine fromme Mutter bestellt habe, ehe er die Seele auf der Wahlstatt ausgeblutet, zapfte sie dem Lügner einen Schoppen Wein und ließ ihren mütterlichen Augen dabei so ergiebige Tränen entquellen, daß sie das Vortuch ausringen konnte. Unter dieser Wehklage waren vier Sommer verflossen und die rauhe Herbstluft schüttelte bereits das buntfarbige Laub von den Ästen, da geriet das stille sittsame Städtlein plötzlich in frohen Aufruhr; ein reitender Bote verkündete, der tapfre Friedbert sei nicht umgekommen in der Schwabenschlacht, sondern sei aus fremden Landen im Anzuge nach seiner Vaterstadt, gerüstet als ein stattlicher Ritter, der viel Abenteuer im Morgenlande bestanden habe, und eine wunderschöne Braut heimführe, die Tochter des Sultans von Ägypten, mit großer Morgengabe. –

Der Ruf vergrößert bekanntlich alles; das Wahre an der Sache war, daß Friedbert aus der Erbschaft des Vater Benno und aus seiner Zahnstocherfabrik so viel Reichtum erworben hatte, daß er auf dem Heimzuge nach Schwaben von Ort zu Ort seinen Troß vergrößerte; er kaufte Pferde und Saumrosse mit herrlichen Decken, kleidete sich und die schöne Kalliste prächtig, nahm Dirnen und Diener an, und zog stolz einher, wie ein Abgesandter des Königs von Aragonien.

Da die Eglinger den Zug von der Augspurger Straße sahen dahertraben, lief alles Volk zusammen mit Jauchzen und Frohlocken, und Friedberts Schwestern und Schwäher, auch die löbliche Bürgerschaft, von dem ehrsamen Magistrat angeführt, zogen ihm entgegen mit der Bürgerfahne und ließen beim Einzug ihres heimkehrenden Mitbürgers vom Turm trommeten und lieblich Schalmeien, als sei er von den Toten wieder aufgelebt. Die tränenreiche Mutter umarmte ihren Sohn mit froher Wehmut, richtete ein groß Mahl aus an ihre Freundschaft und Gevatterleute und teilte ihren ganzen Hellervorrat unter die Armen. Sie konnte sich nicht satt sehen an der schönen Gestalt ihrer zukünftigen Schnur und betäubte sie mit Liebkosungen und wohlmeinender Geschwätzigkeit. Die schöne Griechin wurde bald das Gespräch der Stadt und der umliegenden Gegend. –

Tages vorher ritt der Bräutigam nach Landes-Sitte umher die Hochzeitgäste einzuladen, in seiner Abwesenheit beschäftigte sich die schöne Kalliste ihren Brautputz zu ordnen, die weibliche Eitelkeit reizte sie das neue Kleid anzuproben um zu versuchen, ob es gut an ihrem schlanken Leib anpasse. Die dem schönen Geschlecht gewöhnliche Tadelsucht, das Vollkommenste selbst zu meistern und einen Mangel daran zu entdecken, ließ ihr bald etwas Mißständiges bemerken, das einer Abänderung zu bedürfen schien, worüber sie das schwiegermütterliche Gutachten einzuholen nötig fand. Die redselige Frau erschien und der Anblick der geputzten Dame brachte ihre Zunge alsbald in Bewegung. –

Sie ergoß einen Strom von Lobsprüchen über die Wohlgestalt der lieblichen Schnur, und konnte nicht aufhören den Geschmack ihres Sohnes in der Wahl und die Kunst des Schneiders in dem Zuschnitt des Kleides zu bewundern. Sobald sie aber vernahm, daß das Fräulein in Ansehung des letztern Punktes mit ihr nicht gleicher Meinung sei, änderte sie die Sprache um ihre wenige Kenntnis von den Feinheiten der Mode nicht zu verraten, und der Schneider kam dabei sehr ins Gedränge. Hauptsächlich betraf die Kritik des Fräuleins die ungeschickte Form des Brautschleiers, welchen sie mit einem Augspurger Regentuch verglich. »Ach«, erseufzete sie, »daß doch der griechische Schleier, in eine goldne Krone geschlungen, meinen hochzeitlichen Putz verschönerte, der wie ein lichtes Schneegewölke in den Lüften schwamm und mit dem der Zephyr scherzte, so würden die Dirnen der Stadt mich beneiden und Friedberts Geliebte würde für die schönste der Bräute gepriesen werden! Ach sie ist dahin die Zierde des griechischen Mädchens, die ihm Zauberreize lieh, welche die Augen des Jünglings entzückten!« Eine wehmütige Zähre träufelte dabei von ihren rosenfarbenen Wangen auf den schwanenweißen Busen, welche die gute Mutter ganz weichmütig machte und ihr das Herz sehr einengte, besonders weil sie dafür hielt, das Weinen einer Braut sei von so schlimmer Vorbedeutung als wenn ein Kind im Mutterleibe weine. Diese Kümmernis preßte das Geheimnis heraus, das ihr schon lange zwischen den Lippen schwebte, der offenherzige Friedbert hatte den Schwabenstreich begangen, der geschwätzigen Matrone den Raub des Schleiers zu offenbaren, ohne ihr doch die Eigenschaften desselben zu entdecken; nur um ihn recht sicher zu verwahren, gab er ihn der Mutter als ein Liebespfand aufzuheben, und hatte ihr Stillschweigen geboten. Die Matrone freute sich, eine so gute Gelegenheit gefunden zu haben, die Heimlichkeit, die ihr lange wie ein Stein auf dem Herzen gelegen hatte, abzuwälzen. »Weinet nicht zartes Fräulein«, sagte sie, »daß sich Eure sonnenhellen Äuglein nicht trüben und die hochzeitliche Freude in Tränen zerrinne, kümmert Euch auch nicht um den Schleier, er ist wohl aufgehoben und unter meiner Hand. Dieweil Ihr so groß Verlangen traget ihn anzulegen, will ich, so Ihr mir gelobet gegen Euren Sponsen reinen Mund zu halten und mich nicht zu verraten, aus meiner Flachskammer ihn herabholen, mich lüstet selbst zu sehen ob er sich zu Eurem Brautputze paßt und Euch wohl anstehe.« Kalliste stund wie eine Bildsäule da, das Blut erstarrte in ihren Adern vor Verwunderung; Freude über die gemachte Entdeckung und Verdruß über den heuchlerischen Friedbert setzten sie einige Augenblicke in ein untätiges Staunen. Doch da sie den Pantoffelgang der Matrone hörte, nahm sie alle Besinnung zusammen, empfing den Schleier aus ihrer Hand mit Freuden, wirbelte ein Fenster auf, und indem sie die goldne Krone auf dem Haupte befestigte, und das ätherische Gewand ihr über die Schultern herabrollete, ward sie zum Schwan, welcher die Flügel ausbreitete und husch zum Fenster hinausflog.

Jetzt kam das Staunen an die Alte bei dieser wunderbaren Metamorphose. Sie schlug ein großes Kreuz vor sich, tat einen lauten Schrei und empfahl sich in den Schutz der Heiligen Jungfrau; denn weil sie von der intellektuellen Welt die rohen Begriffe ihres Zeitalters hegte, meinte sie die schöne Kalliste sei nichts anders als ein Gespenst oder eine Teufelslarve gewesen, und der traute Friedbert verwandelte sich mit einemmal in ihren Augen in einen schändlichen Unhold und Teufelsbanner, worüber sie sich höchlich betrübte und wünschte daß er lieber als ein guter Christ von den Meißnern erschlagen wär, als daß er sich in solche satanische Netze hätte verwickeln lassen. Friedbert ahndete nichts von der für ihn so traurigen Katastrophe, die sich in seiner Abwesenheit daheim begeben hatte, und kam gegen Abend fröhlich und wohlgemut angeritten, eilte mit klingenden Sporen die Stiege hinauf ins Brautgemach, sein Liebchen zu umfangen. Aber da er die Tür auftat, flog ihm ein mütterlicher Bannstrahl entgegen, die Matrone zog das Wehr ihrer Beredsamkeit auf, und es wirbelte und rauschte ein Rheinfall von Vorwürfen und Verwünschungen auf ihn herab. Er merkte dadurch mit großer Bestürzung ab was vorgefallen war, gebärdete seiner als ein wütiger Mensch, würde an der Mutter und an sich in der ersten Wut einen Mord begangen haben, wenn jene nicht mit lauttönender Stimme Sturm geläutet und das ganze Haus zusammen berufen hätte, daß die erschrockenen Diener den rasenden Roland noch zu rechter Zeit entwaffneten.

Nachdem auf beiden Seiten der erste Ungestüm sich abgetobet hatte, kam es zu vernünftigern Erklärungen. Friedbert war bemüht sich von dem Verdacht bestmöglichst zu reinigen, daß er ein Geisterbeschwörer sei und mit Zauberei umginge, oder daß er eine BiondettaMan sehe das Märchen: Teufel Amor genannt, im vierten und folgendem Teil der Bibliothek der Romanen. in die Familie hätte verpflanzen und seine rechtgläubige Mutter zur Schwiegerin einer satanischen Larve habe machen wollen. Er offenbarte den ganzen Verlauf seiner Abenteuer mit der schönen Kalliste und die Beschaffenheit ihres Flugkleides; doch gegen ein Vorurteil das einmal in eine Weiberseele eingerostet ist, arbeitet die Belehrung umsonst, die Matrone glaubte davon was sie wollte, und Friedbert hatte es nur dem mütterlichen Instinkt zu verdanken, daß sie ihm nicht den Prozeß machen ließ. Indessen gab diese sonderbare Geschichte zu mancherlei Mutmaßungen Anlaß, es fehlte dem verdächtigen Friedbert nur ein schwarzer Hund, um nicht wie D. Faust oder Cornelius Agrippa in den Ruf eines großen Zauberers zu kommen.

Der Bräutigam ohne Braut befand sich in einer unglücklichen Verfassung, sein Gemüt wurde von banger Verzweiflung zerrissen über den Verlust der schönen Kalliste, sein Schicksal hing lange zwischen Tod und Leben, die Wahl des einen wie des andern kostete ihm Überwindung. Es gibt schwerlich einen peinigendern Zustand als am Eingange des Hafens Schiffbruch zu leiden, wenn man die Reise um die Welt glücklich vollendet zu haben glaubt, und am Tage vor der Hochzeit eine geliebte Braut zu verlieren ist ganz das nämliche. Ist sie eine Beute des Todes worden, hat sie ein Räuber entführt, oder ein hartherziger Vater in ein Kloster gesperrt, so gibt es für den Liebhaber einen Weg ihr ins Grab zu folgen, dem Räuber nachzueilen und ihm die Beute abzujagen, oder durch die verschlossenen Klosterpforten zu dringen: aber wenn sie aus dem Fenster davonfliegt, wer kann ihr da nacheilen außer die Pariser Luftschwimmer? Doch die edle Kunst den Sterblichen Gang und Bahn durch die ätherischen Gefilde zu eröffnen, kam dem armen Friedbert nicht zustatten, sondern war einem spätern und glücklichern Zeitalter vorbehalten. Die kurzsichtigen oder neidischen Vielwisser der englischen Sozietät mögen so schief und verächtlich von dem aerostatischen Wunderkinde ihrer Nachbarn urteilen als sie wollen, so liegt doch klar am Tage, daß eine luftige Marechaussee, die Pech und Schwefel herabregnen ließ, dem leidigen Schleichhandel an den britischen Küsten ungleich zuverlässiger Einhalt tun würde als die schwerfälligen Küstenbewahrer und alle papiernen Beschlüsse des zänkischen Unterhauses.

Friedbert hatte keinen andern Weg seiner davon geflogenen Braut wieder auf die Spur zu kommen als den die Frösche auch nehmen würden, wenn sie auf Reisen gingen, nämlich zu hüpfen und zu schwimmen, je nachdem es die Gelegenheit erfordert, bis sie an Ort und Stelle sind. Die ungeduldige Sehnsucht nach seiner Geliebten dehnte den Abstand von Schwabenland bis in die Zykladen seiner Vorstellung nach weiter, als wenn die Reise in den Mond hätte gehen sollen. »Ach«, rief er voll Verzweiflung aus, »wie kann die träge Erdschnecke dem leicht beflügelten Schmetterlinge folgen, wenn er unstet und flüchtig von einer Blume zur andern flattert und an keiner Stätte verweilet! Wer bürget mir dafür, daß Kalliste nach Naxos zurückgekehret ist? Wird nicht die Scham, in ihrem Vaterlande für eine Irrläuferin ausgeschrieen zu werden, sie bewogen haben, einen andern Zufluchtsort zu wählen? Und wenn sie nun auch in Naxos war, was könnte mir das frommen? Wie dürft ich Spießbürger meine Augen aufheben gegen eine Fürstentochter des Landes?« Mit diesen Gedanken quälte sich der Mutlose viel Tage lang, welchen Kummer er sich gleichwohl hätte ersparen können, wenn er die Stärke seiner Leidenschaft geprüft und gewußt hätte, daß der Enthusiasmus oft Wunder tut. Plötzlich wirkte der Instinkt was die kaltblütige Überlegung zu keinem Entschluß hatte reifen lassen: er sattelte seinen Rappen, nachdem er sein Gut und Erbe in Taschenformat bequemet hatte, ritt zur Hintertür hinaus, damit er das geschwätzige mütterliche Valet vermeiden möchte, und trabte rasch über die vaterländische Grenze, als wenn er die Reise in den Zykladen in einem Futter hätte machen wollen. –

Glücklicherweise erinnerte er sich des Weges den Vater Benno dahin genommen hatte, und gelangte über Venedig ebenso wie dieser nach mancher überwundener Schwierigkeit auf seiner Meeresfahrt, nur ohne Schiffbruch, flink und frisch in Naxos an.

Mit Freuden hüpfte er ans Land, betrat mit geheimen Wonnegefühl die mütterliche Erde seiner Geliebten, welche er im Schoß ihres Vaterlandes wiederzufinden verhoffte, und sputete sich von der schönen Kalliste Kundschaft einzuziehen; aber niemand wußte ihm zu sagen, wo das Fräulein hingeschwunden sei. Man trug sich mit allerlei Gerüchten und munkelte dies und das, wie es zu geschehen pflegt, wenn ein artiges Mädchen aus dem Zirkel ihrer Bekanntschaft verschwindet, und dies Geflister urteilt selten zum Vorteil der Abwesenden. Zwar gibt es eine Schanze dahinter man sich gegen die Wurfpfeile des lästerzüngigen Gerüchtes zu bergen pflegt, das ist der goldne Spruch: Sie reden was sie wollen, mögen sie doch reden, was kümmert's mich? Aber damit mag sich zur Notwehr schützen wer will und kann, nur kein Mädchen darf das nicht, wenn sie auf ihren Ruf noch einigen Wert setzt. Friedbert grämte sich über die Maßen, daß ihn seine Geliebte so plantiert hatte und war unschlüssig, ob er in seine Einsiedelei zurückkehren, oder eine Wegelagerung an den Nilquellen versuchen sollte. Indem er diesfalls mit sich zu Rate ging, langte Fürst Isidor von Paros, ein Lehnsträger des Despoten der Zykladen in Naxos an, um sich mit Fräulein Irene, einer Schwester der schönen Kalliste, zu vermählen. Es wurden Vorbereitungen zu einem prächtigen Beilager gemacht, und die Feierlichkeit sollte mit einem großen Turnier beschlossen werden. Dem schwäbischen Helden wandelte bei dieser Zeitung sein alter Kriegsmut wieder an, und weil ihn Mißmut und Langeweile quälte, wünschte er Zerstreuung, und glaubte, daß er diese bei dem ausgeschriebenen Kampfrennen finden würde, zumal fremde Ritter durch Herolde auf dem Markte der Stadt und auf allen Kreuzstraßen dazu eingeladen wurden. In seinem Vaterlande war er zwar nicht turnierfähig gewesen, und hätte ihm da leicht begegnen können, mit Spott und Hohn auf die Schranken gesetzt zu werden; in der Ferne aber hielt es eben nicht schwer, unter der Gewährschaft eines vollen Beutels, die konventionellen Prärogative welche der Geburt ankleben, sich zuzueignen. Friedbert spielte in Naxos den Ritter wenigstens mit eben der Würde und dem Anstand, als der deutsche Schneider den Baron zuweilen in Paris, oder der entlaufene Kammerdiener den Marquis an den deutschen Höfen. Er legte sich eine blanke Rüstung zu, kaufte um hohen Preis ein ritterliches Pferd das seiner Schulen kundig war, und am Tage der zum Rennen bestimmt war, wurde er ohne Anstand in die Schranken eingelassen. Seine Imagination spielte ihm zwar den unerwarteten Streich, die zirkelrunde Stechbahn, in welche die Ritter eingeschlossen wurden, nebst der amphitheatralischen Erhöhung ringsumher mit unzählichen Zuschauern angefüllt, der schauerlichen Backofengestalt wieder zu verähnlichen: doch zuweilen dient die Feigherzigkeit der Bravour zum Sporn in der Gefahr. Der selbstkreierte Ritter brach seine Lanze mit Ehren, hielt sich fest im Sattel und verdiente sich einen Ritterdank, den er aus der Hand der Neuvermählten empfing.

Bei dieser Gelegenheit gelangte er auch zum Handkuß bei der schönen Zoe, welcher die gewöhnliche Hofetikette noch immer den Besitz der Titularschönheit gelassen hatte, wie ein Exminister die Titularexzellenz behält; obgleich der Zahn der Zeit der guten Dame alle Reize abgenagt hatte, daß sie für einen malenden Apell nun nichts mehr war, als Modell zu einem schönen alten Kopfe. Er meldete sich bei ihr unter dem Namen eines welschen Ritters an, es sei nun, daß Zoe für diese Qualität noch eine gewisse Vorliebe hegte, oder daß sie den Ring wahrnahm, der ehemals ihr Eigentum gewesen war, und der jetzt mit dem Herzrubin an des Fremdlings Hand funkelte; gnug er genoß der freundlichsten Aufnahme von ihr und sie schien ein sonderbares Wohlgefallen an ihm zu finden. Nachdem das hochzeitliche Geräusch vorüber war, die Fürstin das Hoflager wieder verlassen, und in den stillen Aufenthalt ihres Palastes sich zurückgezogen hatte, erhielt Friedbert den Zutritt in dieses klösterliche Heiligtum, welches nur wenig Vertrauten, offen stund, und Zoe schenkte ihm eine mütterliche Zuneigung. Bei einem Spaziergange in dem schattenreichen Hain des Parkes, drehete sie sich mit ihm abseits und sprach: »Hab eine Bitte an Euch, lieber Fremdling! die Ihr mir nicht versagen dürft. Sagt an, wie seid Ihr zum Besitz des Ringes gelanget, am Goldfinger Eurer rechten Hand? Dieser Ring war ehemals mein Eigentum und ich bin seiner verlustig gegangen, weiß nicht wie oder wann, darum treibt mich die Neugier zu erfahren, wie er Euch zu handen kommen ist?« »Edle Frau«, antwortete der Schalk, »den Ring hab ich auf ehrliche Weise in einem Speerrennen erworben, von einem mannlichen Ritter in meinem Vaterlande, welchem ich obgesiegt habe und der sein Leben damit lösen mußte. Wie der aber dazu gelanget sei, ob ihm der Fingerreif als eine Kriegsbeute anheimgefallen, oder ob er ihn von einem Juden erhandelt, als einen Ritterdank sich erworben, oder durch Erbgangsrecht an sich gebracht hat, vermag ich nicht Euch zu berichten.« »Was würdet Ihr tun«, fuhr Zoe fort, »wenn ich mein Eigentum von Euch zurückforderte? Dem ehrenfesten Ritterstande kommt es zu, eine ziemliche Bitte den Damen nicht abzuschlagen. Doch begehr ich Euer durch Waffenrecht erworbenes Gut nicht zur Gabe noch Geschenk, ich will Euch dafür lohnen nach dem Werte wie Ihr das Kleinod schätzet, und Eurer Wohltat nie vergessen.«

Friedbert war über dieses Ansinnen gar nicht verlegen und freute sich vielmehr, daß ihm sein Anschlag so wohl gelungen war. »Eure Wünsche, tugendsame Fürstin!« sprach er, »sind mir ein unverbrüchliches Gesetz, sofern es von mir abhangt sie Euch zu gewähren. Gut und Blut sei Euch verpfändet bei ritterlichen Ehren, fordert es von mir, nur verlanget nicht, Eid und Gewissen zu verletzen. Dieweil mir das Kleinod durch einen schweren Kampf zuteil ward, tat ich einen teuren Eid bei Seel und Seligkeit, daß der Ring bei meinem Leben nicht anders von meiner Hand kommen sollte, als bis ich vor dem Altar Herz und Hand meiner Gemahlschaft damit zu ehelicher Treue verpfänden würde. Nun kann ich dieses Eides nicht anders quitt werden, als wenn ihm Gnüge geschiehet; so Ihr aber gesonnen seid mir darin förderlich zu sein, hab ich nichts dagegen, daß Ihr der Braut den Ring abdinget, und aus ihrer Hand Euer vormaliges Eigentum wieder zurückempfahet.« »Wohl gesprochen!« versetzte Zoe, »wählet aus meinem Hofgesinde eine Jungfrau die Euren Augen gefällt, sie soll mit einer reichen Morgengabe von mir ausgesteuret werden, doch mit dem Beding, daß sie das Kleinod misse, und alsbald wie sie es aus Eurer Hand empfängt in die meinige zurückgebe; Euch aber will ich auch zu hohen Ehren bringen.«

Diese geheimen Traktaten waren nicht sobald geschlossen, so verwandelte sich der klösterliche Palast der Fürstin in einen Harem, alle Schönheiten des Landes berief sie zu sich und nahm sie in ihr Gefolge auf, gab ihnen schöne Kleider und prächtiges Geschmeide, ihre natürlichen Reize durch den unnatürlichen Flitterputz der Modekrämerinnen noch mehr zu erheben. Denn sie wähnte ebenso irrig als unsre weibliche Zeitgenossen, der vergoldete Rahmen verkaufe eigentlich das Gemälde und nicht die Zeichnung, obgleich die tägliche Erfahrung lehret, daß ein Galakleid die Liebe so wenig befeuret als der brokadne Rock unsrer lieben Frau zu Loretto die Andacht. Ein prachtloses sittsames Negligé ist die eigentliche Uniform der Liebe, welches mehr Eroberungen macht als ein Brustharnisch von Juwelen und eine Sturmhaube von Spitzen und Blonden, mit den triumphierenden Schwungfedern, welche des Siegs verfehlen.

Friedbert schwamm in einem Strome von Vergnügen, ohne sich gleichwohl von dem Freudenwirbel fortreißen zu lassen. Mitten in dem Geräusch des wieder auflebenden Hofes, bei Gesang und Saitenspiel und fröhlichen Tänzen, zog sich gleichwohl das Fältlein des Trübsinns um seine Stirn. Für ihn schmückten sich die schönsten griechischen Mädchen, sein Herz gleich armierten Magneten desto kräftiger an sich zu ziehen, doch er blieb kalt und unempfindsam. Diese Gleichmütigkeit bei einem jungen blühenden Manne war der Fürstin unerklärbar. Was die Liebesschule anbetraf, so hatte sie selbst jederzeit der Lehre ihres Landsmannes des weisen Plato gefolgt, ob aus Neigung, oder weil die Wachsamkeit des eifersüchtigen Ehedespoten ihrer Leidenschaft keinen freiem Gang erlaubte, das ist schwer zu entscheiden; dem vollblütigen Ritter, aber meinte sie, dürfte das System des sinnlichen Epikur wohl besser behagen, darum hatte sie alles darauf angelegt, sein Herz durch Sinnlichkeit zu bestricken. Allein sie fand, daß sie sich in ihrer Meinung geirret hatte: weder epikurische Sinnlichkeit, noch die feinern geistigen Empfindungen der platonischen Liebe, schienen seine Sache zu sein, sondern vielmehr ein strenger Stoizismus, der sie in Verwunderung setzte, und ihr zu dem Besitz des Ringes eben keine große Hoffnung machte.

In dieser Untätigkeit waren bereits einige Monate verflossen, daher fand die ungedultige Dame nötig, mit ihrem Ritter, wie sie ihn zu nennen pflegte, über die Angelegenheiten seines Herzens Rücksprache zu halten. Am Tage wo die Wiederkehr des Lenzes gefeiert wurde, und alle ihre Jungfrauen mit frischen Blumenkränzen geschmückt, einen fröhlichen Reihentanz begannen, fand sie ihn einsam und unteilnehmend in einer Laube, wo er sich mit dem auf mißliche Liebe deutenden Zeitvertreib beschäftigte, Frühlingsblumen, die eben hervorgesproßt waren, zu entblättern und zu zerstören. –

»Unempfindsamer Ritter«, sprach sie, »hat die blühende Natur für Euch so wenig Reize, daß Ihr die ersten Geschenke derselben fühllos zernichtet und Florens Fest entweihet? Ist Euer Herz alles sanften, alles liebevollen Gefühls so unfähig, daß weder die Blumen meines Gartens noch das aufblühende Geschlecht der Dirnen meines Hofes auf Euch einen zärtlichen Eindruck machen? Was weilet Ihr hier in dieser einsamen Laube, da Euch die Freude aus jenem Tanzsaal und die Liebe aus jeder Halle, aus jedem Busch und den geselligen Grotten dieses Gartens winkt? Deutet Euer Trübsinn aber auf zärtliches Gefühl, so offenbaret mir diesen geheimen Kummer, daß ich sehe, ob es in meiner Macht stehet Euer Herz zufrieden zu stellen.« »Euer Scharfsinn, weise Zoe«, gegenredete Friedbert, »blickt in die Verborgenheiten meiner Seele, Ihr urteilet ganz recht, daß ein verborgen Feuer in meinem Busen glimmt, von dem ich nicht weiß, ob ich es mit dem Hoffnungsöl unterhalten soll, oder ob es das Mark aus meinem Gebein verzehren wird. Für alle Nymphen, die Florens Fest dort in fröhlichen Reihentänzen feiern, ist mein Herz kalt und erstorben. Das himmlische Mädchen, das mich entzückt und dem ich mein Herz gelobt habe, schwebt nicht in jenem Kreise froher Tänzerinnen, dennoch hab ich es in Eurem Palaste gefunden, ach, vielleicht nur als eine Schöpfung der glühenden Phantasie des Künstlers! Wiewohl es mir unglaublich ist, daß der Maler ein solches Kunstwerk zuwege richten können, wenn ihm nicht die Meisterhand der Natur die Züge des herrlichen Konterfeis vorgezeichnet hätte.«

Die Fürstin war ungedultig, zu vernehmen, welches Gemälde auf den jungen Rittersmann einen so sonderbaren Eindruck gemacht habe. »Folget mir flugs dahin«, sprach sie, »daß ich urteile, ob der betrügliche Amor mutwilligen Spott mit Eurem Herzen treibe, und eine Wolke statt der Göttin Euch zu umarmen gegeben habe, denn seine Schalkheit geht über alles; oder ob er wider Gewohnheit ehrlich mit Euch zu Werke gegangen, und wahrhaften Liebesgewinn Euch unbetrüglich zugedacht hat.« Zoe besaß eine auserlesene Sammlung von Gemälden, teils Kunstwerke guter Meister, teils Familienstücke. Unter jenen befanden sich Abbildungen der berühmtesten Schönheiten griechischer Abkunft aus ältern und neuern Zeiten, unter diesen war ihre eigne Gestalt verschiedenemal abkonterfeiet mit all den jugendlichen Reizen, die sie ehedem besaß, da sie noch ins Feienbad wallfahrtete. Eine Anwandelung von Eitelkeit, die ihrem Geschlechte zuweilen auch jenseit dem großen Stufenjahre anhangen soll, noch in den Ruinen das Andenken des vormaligen Glanzes zu erneuren, brachte sie auf die Gedanken, daß vielleicht ihr eignes Porträt Friedberts Phantasie bezaubert haben könnte, und sie konnte sich nicht verwehren ein geheimes Vergnügen zu empfinden, wenn sie ihm sagen würde: »Freund das Original zu dem Gemälde bin ich selbst«, und die Vorstellung seiner Bestürzung, wenn der mächtige Zauber auf solche Art gelöset würde, machte ihr im voraus vielen Spaß. Der Ritter Schlaukopf war indessen seiner Sache viel zu gewiß und fürchtete gar nicht, wie er vorgab, eine Malerillusion; er wußte wohl daß das Urbild schöner in der Natur vorhanden war als der Pinsel es nachgeahmt hatte, nur war ihm unbekannt, wo es jetzt anzutreffen sei, und wie er wieder zu dessen Besitz gelangen möchte.

Beim Eintritt in die Galerie flog er mit glühendem Ungestüm zu dem geliebten Konterfei, und sprach in der Stellung eines Anbetenden: –

»Sehet hier die Göttin meiner Liebe, wo find ich sie? Auf Euren Lippen, weise Fürstin! schwebt mir Tod und Leben. – Entscheidet! Täuscht mich trügliche Minne, so laßt mich zu Euren Füßen sterben; rechtfertigen aber meine Ahndungen die Wahl meines Herzens, so offenbaret mir, welches Volk oder Land dieses Kleinod aufbewahret, daß ich ausziehe die Dame aufzusuchen und durch ritterliche Taten ihre Gunst zu erringen.« Die ehrsame Fürstin befand sich bei dieser Entdeckung in keiner geringen Verlegenheit, da sie derselben nicht vermutend gewesen war; eine ernsthafte Miene überschattete ihr Angesicht, dessen noch immer schön proportioniertes Oval eine jovialische Idee vorher gerundet hatte, nun aber verlängte sich die Linie von der Stirn zum Kinn um einen guten Zoll. »Unbedachtsamer«, sprach sie: »wie könnt Ihr Euer Herz einer Dame geloben, von der Ihr nicht wißt, ob sie jemals gelebt hat, ob sie Eure Zeitgenossin ist, und ob sie Liebe mit Liebe erwidern kann. Eure Ahndung hat Euch zwar nicht ganz irregeführt, dies feine Lärvchen ist weder Fiktion noch Monument einer Schönheit aus vorigen Zeiten, es gehört einem jungen Fräulein zu; sie heißt Kalliste. – Ach einst war sie meine Lieblingstochter! Jetzt ist sie eine Unglückliche, die verdienet bemitleidet zu werden. Sie kann Euch nie zuteil werden; in ihrem Busen lodert eine unauslöschliche Flamme gegen einen Verworfenen, den zwar ein Raum von vielen hundert Meilen von ihr trennt; denn sie hat den Mut gehabt, seinen trüglichen Fallstricken zu entfliehen; aber nichtsdestoweniger liebt sie ihn und beweinet ihren Unstern in der Einsamkeit eines Klosters, unfähig der Empfänglichkeit einer andern Liebe.« Friedbert stellte sich über dieses Fragment aus Zoens Familiengeschichte sehr bestürzt, freute sich aber heimlich in der Seele, daß er den Aufenthalt seiner Geliebten ausgekundschaftet hatte, und noch mehr darüber, daß er aus dem mütterlichen Munde ein so unverdächtiges Zeugnis von der Liebe der Prinzessin zu seiner Wenigkeit empfing. Er unterließ nicht die offenherzige Dame über die sonderbare Intrike ihrer Lieblingstochter auszuforschen, und sie befriedigte seine scheinbare Neugier mit einer parabolischen Geschichte, aus welcher den wahren Sinn herauszuklauben ihm eben nicht viel Mühe machte.

»Kalliste«, sprach sie, »lustwandelte eines Abends am Gestade des Meeres in Gesellschaft ihrer Schwestern, welche der Vorwitz trieb, außerhalb der sichern Ringmauern der mütterlichen Wohnung eine ihnen unbekannte Gegend zu besuchen. Hinter einem Hügel des krummen Ufers lag ein Raubschiff vor Anker. Die unbesorgten Mädchen ahndeten keine Gefahr, da sprang ein Räuber aus dem Busch hervor, ereilte die Zagende, trug sie auf seinen Armen ins Schiff, indem ihre leichtfüßigen Schwestern entflohen und führte sie in seine Heimat. Er warb durch tausend Liebkosungen um ihre Gunst, dadurch gelang es ihm, sich in ihr Herz zu stehlen, sie vergaß der Würde ihrer Geburt, und war im Begriff das unauflösliche Bündnis mit dem Arglistigen einzugehen. Da wehete ein günstiger Wind ein Schifflein an den Strand, sie dachte an ihr Vaterland und an die mütterlichen Tränen die um sie flossen, gab der Stimme der Vernunft Gehör, und nutzte die Gelegenheit ihrer Gefangenschaft zu entrinnen. Aber die unwiderstehliche Leidenschaft, die sich bereits ihres Herzens bemeistert hatte, folgte ihr über Land und Meer, hat tiefen Schmerz in ihre Brust gegraben und alle jugendliche Freude daraus verbannt. Bald wird das Flämmlein ihrer schmachtenden Augen verlischen und die bange Schwermut sie mit dem Grabe gatten, das sie zur Brautkammer sich erkieset hat.« »Nun«, sprach Friedbert, »so soll ihr Grab auch das meinige sein, mein Leben stehet in meiner Hand! Wer mag mir wehren mit der schönen Kalliste zu sterben? Ich bitte Euch nur um die einzige Gunst, zu verschaffen, daß mein Leichnam neben sie begraben werde, damit mein Schatten ihres Grabes hüte. Doch laßt mir vorher den Trost ihr das Geständnis getan zu haben, daß sie die Dame meines Herzens sei, und ihr den Ring zum Unterpfand meiner Treue zu überliefern, damit ich meiner Gelübde quitt sei, dann möget Ihr ihn als ein Erbteil dahinnehmen.«

Mutter Zoe wurde durch diese herzbrechende Liebeserklärung des jungen Ritters also gerührt, daß sie sich der Tränen nicht enthalten konnte, zugleich setzte sie einen solchen Lieblingswert auf den Ring, daß sie dem Ritter diese Bitte nicht versagen mochte, nur fürchtete sie, das Fräulein werde bei der dermaligen Stimmung ihres Herzens eben nicht bei Laune sein, ein so verfängliches Geschenk anzunehmen, er wußte sie aber zu belehren, daß eine so rittermäßige Galanterie den strengsten Begriffen der Damen von der Unverletzbarkeit ihrer sonstigen Verbindungen nicht widerspräche. Sie willigte also in sein Begehren ein, und gab ihm einen schriftlichen Befehl an den Archimandriten des Klosters mit, Vorzeigern Audienz bei der traurenden Kalliste zu gestatten. Friedbert saß frühe auf, Hoffnung und Zweifelmut spornten den Rappen an, bald zu erfahren, wie seine Geliebte ihn aufnehmen würde; alle Umstände ließen indessen vorläufig vermuten, daß sie ihm den Schleierraub verziehen habe. Mit klopfendem Herzen trat er in die jungfräuliche Zelle ein, das Fräulein saß auf einem Sofa abwärts des Einganges, ihr natürlich gelocktes Haar floß über die Schultern herab und war nur mit einem blauen Bande nachlässig umschlungen. –

Ihr in sich gekehrter Blick und ihre Miene schienen tiefen Kummer zu verraten, und das Haupt unterstützte ihr schwanenweißer Arm. Sie schien auf den Ankommenden eben nicht groß zu achten; doch ein unerwarteter Fußfall von ihm, ließ eine wichtigere Botschaft als einen mütterlichen Morgengruß oder eine Nachfrage nach ihrem Befinden vermuten; sie schlug die holden Augen auf und erkannte den Fremdling, der ihr zu Füßen lag. Verwunderung und Staunen gaben ihr eine unwillkürliche Bewegung, sie schreckte auf, gleich einem Rehe, das bei anscheinender Gefahr die Flucht nimmt. Er faßte ihre zarte Hand mit Inbrunst. Sie stieß ihn aber mit zornmütiger Gebärde von sich. »Hinweg von mir, betrüglicher Mann!« sprach sie, »es ist gnug, daß du mich einmal hintergangen hast, den zweiten Raub sollst du nicht an mir begehen!« Friedbert hatte sich dieses Straußes beim Empfang wohl versehen, darum ließ er sich nicht irren, die Apologie seiner verliebten Schalkheit mit der den Liebenden gewöhnlichen Überzeugungsgabe der schönen Kalliste ans Herz zu legen, in welchem er einen gültigen Vorspruch zu finden hoffte. Und weil nichts leichter entschuldiget wird, als Beleidigungen auf Rechnung unbegrenzter Liebe, wenn beide Teile übrigens in der Hauptsache übereinstimmen, gesetzt, daß der Zwist auch ein wichtiger Objekt als einen Schleierraub betraf: so besänftigte sich der Unwille des Fräuleins mit jedem neuen Verteidigungsgrunde immer mehr. Sobald er merkte daß seine Argumente zu Beschönigung des Raubes in ihrem Herzen Eingang fanden, war ihm nicht mehr bange, daß sie ihm nun entwischen würde, weder durch die Tür noch zum Fenster hinaus. Das augenscheinliche Dokument seiner Treue, daß er aus Schwabenland bis in die Zykladen ihr gefolget war, und die Überzeugung ihrerseits, daß er bis an der Welt Ende sie würde aufgesucht haben, erwarb ihm endlich völlige Verzeihung. Das Fräulein tat ihm das Geständnis der Liebe, und die Gelübde, das Los des Lebens mit ihm zu teilen.

Der nach so vielen Schwierigkeiten erlangte Sieg setzte den erhörten Friedbert in solch Entzücken, daß er das Maß seiner Glückseligkeit nicht umfassen konnte. Wonnetrunken eilte er unter der schönen Geleitschaft seiner Geliebten in den mütterlichen Palast zurück. –

Zoe war über die Maßen verwundert, daß die trübsinnige Kalliste den Vorsatz in der Abgeschiedenheit von der menschlichen Gesellschaft ihre Jugend zu vertrauren so urplötzlich aufgegeben hatte, und mit heitrer Stirn, auf welcher keine Spur der Schwermut mehr zu entdecken war, in ihr Zimmer eintrat. Es fehlte wenig, daß Friedbert nicht zum zweitenmal in den Verdacht einer Zauberei geriet, zumal da die Mutter aus dem Munde der Liebenden vernahm, daß die Präliminarien ihrer untrennbaren Vereinigung so gut als unterzeichnet waren; denn ihr war nicht in den Sinn gekommen, zu gedenken, daß die Gelobung des irrenden Ritters, der Dame seines Herzens einen Ring zu überliefern, auf die Gegensteuer ihres Herzens abziele, vornehmlich da sie vermeinte, ein früherer Kompetent habe davon bereits Posseß ergriffen, und zum Beweistum seiner Gerechtsame schon Feuer auf dem Herde als in seinem Eigentum angezündet. So sehr übrigens Friedbert der Fürstin Günstling war, so wenig vermochte diese Prädilektion über ihre standesmäßigen Vorurteile in Absicht einer gleich edeln Geburt. Ehe sie daher die förmliche Einwilligung zur Vermählung gab, forderte sie den Glücksritter auf, sich einer stiftsmäßigen Ahnenprobe zu unterwerfen. Ob nun wohl zu Naxos so wie überall genealogische Schmiede vorhanden waren, in deren Werkstatt er sich mit leichter Mühe eine eherne Stammtafel hätte können schmieden lassen, so lang und breit als zu dieser Formalität erforderlich war: so qualifizierte er sich doch mit gutem Bedacht, zu der Fähigkeit in eine so illustre Sippschaft zu gelangen, durch das Zeugnis der Liebe, die wie er sagte, gern Gleiches zu Gleichem paare und nicht Dohlen mit dem Adlergeschlecht, oder Eulen mit dem Straußen gatte. Überdies wies er auf seinen Degen, welcher als der unverwerflichste Zeuge die Ehre seiner Geburt gegen männiglich zu behaupten bereit sei. Gegen die Gültigkeit dieser Beweise fand Zoe nichts einzuwenden, besonders da sie merkte, daß der Fremdling die schöne Kalliste empfindsam gemacht hatte, und in diesem Fall hat eine kluge Mutter keine andere Wahl, wenn sie den goldnen Hausfrieden nicht geflissentlich stören will, als die Wahl der lieben Tochter gut zu heißen, und allen mütterlichen Gerechtsamen, in die Herzensangelegenheiten derselben einzureden, gänzlich zu entsagen.

Fräulein Kalliste stempelte den ehrlichen Friedbert zu einem Tetrarchen von Schwabenland, mit eben dem Rechte, nach welchem der Heilige Stuhl Bischöfe und Prälaten in partibus kreiert, und unter diesem glänzenden Titel führte sie der Glücksprinz zum Altare, wo sie den ihr gelobten Ring empfing, welchen sie den Tag nach dem Beilager der harrenden Mutter getreulich überlieferte. Der neugeprägte Tetrarch fand nun keinen Anstand weiter, die Geschichte des Ringes der Fürstin Schwiegermutter treuherzig zu eröffnen, wie er durch Erbgangsrecht vermöge des Vermächtnisses des Vater Benno dazu gelangt sei, und bei dieser Gelegenheit erzählte er die ganze Geschichte des ehrwürdigen Einsiedlers. Zoe vergalt diesen aufrichtigen Bericht mit gleicher Offenherzigkeit, und gestund den absichtlichen Hinterlaß des Ringes in ihrem Handschuh am Schwanenteiche, mit dem Beifügen, daß Vater Benno den geheimen Sinn dieser Hieroglyphe sich ganz richtig erkläret, daß es nicht an ihr gelegen habe, den Besuch am Weiher nicht zu wiederholen; sondern ihrem tyrannischen Gemahl sei durch eine schwatzhafte Base von ihrer damaligen Begleitung das Abenteuer verraten worden, er sei darüber so ergrimmt, daß er sich alsbald des magischen Schleiers bemächtiget, und dieses herrliche Geschenk der Natur, in der ersten Wut in tausend Stücken zerrissen habe, wodurch ihr die Rückkehr ins Feienbad sei unmöglich gemacht worden. Die ausharrende Beständigkeit des getreuen Eremiten machte ihr viel Vergnügen und sie belohnte solche durch ein zärtliches Andenken an den guten Benno. Weil sich nun aus der Erzählung des Eidams ergab, daß jener selbst den Schleierraub veranlaßt habe, welcher diesem allerdings zu gutem Glück gediehen war, so erhielt er dafür von der gutherzigen Dame desto leichter völlige Verzeihung, und seine Verdienste um den geliebten Altvater machten ihr den schwäbischen Eidam wert bis an ihren Tod.

Friedbert lebte mit seiner sich immer verjüngenden Gemahlin im Genuß eines Eheglücks, welches heutiges Tages nur in den süßen Idealen schwärmerischer Liebe anzutreffen ist, die das Dornengebüsch der Ehe sich immer als einen Rosengarten abzubilden pfleget. Kalliste bedauerte nur, daß sie ihren Gemahl des herrlichen Prärogativs des Wunderbades nicht gleichfalls teilhaft machen konnte; denn da sie nach fünfundzwanzig Jahren mit ihm die Silberhochzeit feierte, bleichten schon seine braunen Locken und gewannen an den Spitzen eine Silberfarbe, wie wenn der erste Schnee auf den Hügeln und Bergen die Ankunft des Winters verkündet. Die schöne Kalliste glich dagegen noch immer einer aufblühenden Rose in den Tagen des schönsten Lenzes.

Die Tradition sagt nichts davon, ob das Eheglück des zärtlichen Paares unverrückt fortgedauert habe, da sich in der Folge Winter und Frühling begegneten; oder ob nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur bei dem Kampfe zweier entgegengesetzten Jahreszeiten, lieblicher Sonnenschein mit Sturm und Schneegestöber abwechselten. Aber wenn dem Gerücht zu trauen ist, so haben die Lyoner Damen aus keiner andern Ursache die Luftschwimmer so sehr begünstiget, und zum Behuf aerostatischer Versuche so fleißig subskribiertLaut öffentlicher Zeitungsnachrichten. , als der herrlichen Erfindung des Luftballs statt eines Transportschiffes sich zu bedienen, um geschwind und bequem die Reise nach den entlegenen Schönheitsquellen zu unternehmen, und die Wirksamkeit derselben unter Hoffnung genealogischer Begünstigungen zu prüfen, wenn Herr Pilatre von Rozier sich wird erbitten lassen das Steuerruder zu führen.

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