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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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Vorbericht

an

Herrn David Runkel

Denker und Küster an der St. Sebaldskirche in —
meinen sehr werten Freund

Wir Schriftsteller pflegen sonst die Vorreden unsrer Lukubrationen gewöhnlich an den geneigten Leser, oder ans ganze erlauchte Publikum zu adressieren; ich entsage dieser Gewohnheit aus guten Gründen. Zu bescheiden, mir herauszunehmen, das Auge der Leser in den rechten Sehpunkt zu rücken, oder wie viele tun, mit Lorgnette und Brille ihnen entgegen zu laufen; denn das heißt im Grunde doch, sie samt und sonders für Dreischrittseher erklären; zu stolz mein Produkt ihnen anzupreisen, und zu leutescheu das ganze erlauchte Publikum in einer Vorrede anzuschreien, das von den Hausierern, die auf den Märkten ihre Ware ausrufen, ungern Notiz zu nehmen scheint, gedenke ich das lediglich mit Ihm, werter Freund, zu verabhandeln, was ich in Autorangelegenheiten gegenwärtig auf dem Herzen habe.

Gleich beim Uranfang unsrer Bekanntschaft, welche ich, wie ganz Deutschland, Herrn Daniel Chodowiecky verdankeDie Leser werden ersucht, im Göttingischen Taschenkalender das Monatskupfer zum April vom Jahr 1782 nachzusehen, wenn sie dieser Stelle einen Geschmack abgewinnen wollen., ist mir Seine Physiognomie so auffallend gewesen, daß ich von den Talenten Seines Geistes ein sehr günstiges Vorurteil hege. Schlauheit und Spähungsgeist blickt Ihm unverkennbar aus den Augen. Die gewölbte vorstrebende Stirn gleicht einer silbernen Schüssel, in welcher die Hirndrüse, der goldne Apfel des Verstandes für die drei operationes mentis allgnugsam Platz und Raum hat; die aufgestutzte Nase scheint eine der weitriechenden zu sein; die dünnen Lippen und das spitze Kinn – doch beide deuten minder auf Eigenschaften des Geistes als des Herzens: daher enthalte ich mich darüber zu urteilen, und überlasse diese Prüfung Seiner Geliebten und nun vermutbaren Ehekonsortin, welche Er in dem Augenblick unsrer ersten Bekanntschaft mit einem Heuratsantrag unterhielt, wovon zwar kein Wort hörbar, aber doch aus Seiner ganzen Körperform zu urteilen war, daß Er in einem hohen Tenor perorierte, und jedes auf der Waagschale des Verstandes abgewogne Wort, mit großer Bedächtlichkeit und Präzision über die dürren Lippen fallen ließ.

Mit diesen Talenten versehen, ist Er gerade der Mann, den ich wünsche, um mich gegen Ihn, in Betreff des Büchleins, das Er vor Augen sieht, zu expektorieren.

Bei der flüchtigen Übersicht des Titels könnt Ihm, wenn Er ein Küster von gemeinem Schlage, das ist, der gewöhnlichen Menschen einer wär, der schale Gedanke einfallen: wozu dienet dieser Unrat? Märchen sind Possen, erfunden Kinder zu schweigen und einzuschläfern, nicht aber das verständige Publikum damit zu unterhalten. Allein Seine Physiognomie ist mir Bürge, daß es Ihm nicht begegnen kann, ein so mächtig windschiefes Urteil ohne nähere Untersuchung der Sache sich entfallen zu lassen. Er, als ein spekulativer Kopf und Menschenspäher, hat sonder Zweifel längst die Beobachtung gemacht, daß der menschliche Geist in seinem unaufhörlichen Ringen und Streben nach Beschäftigung und Unterhaltung, eben so wenig ein Kostverächter ist, als sein Nachbar und Hausgenoß der Magen nach Nahrung und Speise; daß aber der eine wie der andere zu Zeiten eine Abwechselung begehrt, um Ekel und Überdruß zu vermeiden. Ich trau Ihm so viel literarische Kenntnis zu, daß er weiß, wie die Aktien der dermaligen Modelektüre laufen, welche zur angenehmen Beschäftigung und Unterhaltung des Geistes bestimmt ist; oder wenn Ihm das Amt der Schlüssel an der St. Sebaldskirche, wie das ein sehr möglicher Fall ist, an der Erweiterung Seiner Erkenntnis sollte hinderlich gewesen sein, so will ich Ihm nicht verhalten, daß in dem letzten Jahrzehend die leidige Sentimentalsucht in der modischen Büchermanufaktur dergestalt überhand genommen, daß der Sturm des Herzdranges der deutschen Skribenten mehr empfindsame Schriften ins Publikum gewehet hat, als ehedem der heiße Südwind vom Schilfmeer her Wachteln ins Israelitische Lager warf. Daher denn eben nicht zu verwundern ist, wenn dem deutschen Publikum ebenso, wie vormals dem israelitischen, für der losen Speise ekelt, und ersteres nach den Zeitbedürfnissen zur Unterhaltung, sich nach einer Abwechselung sehnt. Was ist billiger und leichter, als diesen Wunsch zu vergnügen? Meiner unvorgreiflichen Meinung nach war's wohl Zeit, die Herzgefühle eine Zeitlang ruhen zu lassen, das weinerliche Adagio der Empfindsamkeit zu endigen, und durch die Zauberlatern der Phantasie das ennuyierte Publikum eine Zeitlang mit dem schönen Schattenspiel an der Wand zu unterhalten.

Er würde eine große Ignoranz in der Menschenkunde verraten, mein werter Herr Runkel, wenn Er sich den Zweifel beigehen ließ, ob die Spielwerke der Phantasie dem Geiste auch gnügliche Unterhaltung gewähren, oder mit andern und zweckmäßigern Worten: ob Volksmärchen den empfindsamen Schriften beim lesenden Publikum die Waage halten möchten? das würde beweisen, daß Er noch wenig über die Natur der Seele nachgedacht hätte; die Erfahrung müßte Ihn sonst belehret haben, daß die Phantasie gerade die liebste Gespielin des menschlichen Geistes und die vertrauteste Gesellschafterin durchs Leben sei, von der ersten Entwickelung der Seele aus der kindischen Hülse, bis zum Einschrumpfen der körperlichen Organisation im späten Alter. Das Kind verläßt sein liebes Spielwerk, Puppe, Steckenpferd und Trommel, der wildeste Gassenläufer sitzt still und horchsam, wenn ein Märchen, das ist, eine wunderbare Dichtung seine Phantasie anfacht, hört stundenlang mit gespannter Aufmerksamkeit zu, da er bei der Erzählung wahrer Begebenheiten ermüdet, und sobald es möglich, dem instruktiven Schröckh entläuft. Der Hang zum Wunderbaren und Außerordentlichen liegt so tief in unsrer Seele, daß er sich niemals auswurzeln läßt; die Phantasie, ob sie gleich nur zu den untern Seelenfähigkeiten gehöret, herrscht wie eine hübsche Magd gar oft über den Herrn im Hause über den Verstand. Der menschliche Geist ist also geartet, daß ihm nicht immer an Realitäten genügt; seine grenzenlose Tätigkeit wirkt in das Reich hypothetischer Möglichkeiten hinüber, schifft in der Luft und pflügt im Meere. Was war das enthusiastische Volk unsrer Denker, Dichter, Schweber, Seher, ohne die glücklichen Einflüsse der Phantasie? Aber auch selbst der kalte Vernünftler gestattet ihr zuweilen ein vertrauliches tête-à-tête, wirft Möglichkeit und Wirklichkeit durcheinander, und bildet sich unterhaltende Träume; oder nutzt die Erfindungen einer fremden Zauberlaterne, um seinen philosophischen Forschungsgeist damit zu nähren. Denn außer Zweifel ist es dem Studium der Menschenkunde angemessen und der Beobachtung eines Denkers anständig, nicht nur zu bemerken, wie Menschen nach ihrer verschiedenen Lage in der wirklichen Welt im Denken und Handeln sich benehmen, sondern auch, wie unsre Väter zu sagen pflegten, zu erlaubter Gemütsergötzung zu erforschen, wie sie in einer idealischen Welt, wenn andre Umstände und Verhältnisse einträten, sich äußern würden.

Hieraus wird Ihm nun wohl, werter Freund, klar einleuchten, daß die Spiele der Phantasie, welche man Märchen nennt, zur Unterhaltung des Geistes allerdings sehr bequem sind, und daß das hochlöbliche Publikum mit dem Tausche, statt des empfindsamen Gewinsels sich mit Volksmärchen amüsieren zu lassen, nichts einbüßen würde. Wenigstens hat bereits die Erfahrung gelehret, daß das italienische Publikum die Volksmärchen des Herrn Carl Gozzi, der ihnen ein dramatisches Gewand gab, sehr günstig aufgenommen. Nun kann es Ihm auch nicht schwer fallen, die allegorische Titelvignette sich zu erklären, welche zu entziffern Er ohne vorgängige Belehrung Seinen spekulativen Kopf vergeblich würde angestrengt haben. Wer sieht nicht, daß der Genius Verstand sich freundlich an die wohlgenährte Nymphe Phantasie anschmiegt, und mit ihr traulich im Gebiete ihrer erträumten Zauberpaläste lustwandelt? Oder mit andern Worten: wer sieht nicht, daß die Phantasie nach der Sitte unsers Zeitalters auch hier mit dem Verstande davonläuft?

Nächst dieser wohlgemeinten Belehrung halt ich noch eine anderweite Zurechtweisung für Ihn nicht überflüssig. Er könnte leicht auf den Irrwahn geraten, der Erzähler dieser Volksmärchen ließe sich beigehen, das Publikum auf einen andern Ton zu stimmen; aber das zu wollen wäre Vermessenheit. Hat doch Klopstock mit all seinem Gewicht und Ansehen nicht vermocht durch seinen publizierten orthographischen Kodex einen einzigen Buchstaben von der Stelle zu rücken, wie könnt ein Skribent ohne Namen sich erdreusten, dem Geschmack des Publikums eine andere Richtung zu geben? Hör Er Freund, wie die Sache stehet.

Viele und zum Teil berühmte Männer, haben das Bedürfnis, der angenehmen Lektüre ein neues Feld zu eröffnen, damit der Leserenthusiasmus nicht erkalte, der die edle Bücherfabrik in Atem erhält, bereits erkannt, und demselben möglichst abzuhelfen sich bestrebt. Der gelehrte Rektor Voß, dessen Name Ihm vermöge des Nexus zwischen Kirch und Schule nicht unbekannt sein kann, ist unter uns zuerst darauf verfallen, das lesende Publikum von der abgenutzten Empfindsamkeit zu den mannichfaltigen Spielen der Phantasie zurückzuführen, und hat rasch die bekannten morgenländischen Erzählungen der Tausend und Einen Nacht ohne Zutat der geringsten Spezerei wieder aufgewärmt. Ob nun gleich diese Olla potrida den Hochgeschmack der Neuheit längst verloren, und solchen in der Vossischen Küche wahrlich! nicht wiedererlangt hat: so beweist doch der schnelle Fortgang des Werkes, daß der Meister Koch richtig kalkuliert und für den Geschmack des Publikums eine interimistische Mahlzeit aufgetischt habe. Zu gleicher Zeit nahm Freund Bürger der SeifensiederLaut öffentlicher Ankündigung von der zu unternehmenden Umschaffung der Tausend und Einen Nacht mit dem Motto:

Help Gott mit Gnaden
Hie wird och Seepe gesaden.
aus dem nämlichen Bewegungsgrunde dasselbe Pensum in Arbeit, Vorhabens die ganze Masse umzuschmelzen und nach eigner Komposition ein Produkt daraus zu schaffen, das die Erwartung des Publikums nicht würde getäuscht haben. Aber entweder ist ihm das Feuer zu zeitig ausgegangen; oder die Masse hat sich verkocht, ist umgeschlagen, oder noch nicht zu gehöriger Konsistenz gediehen; gnug er hat seine Zusage bis jetzt noch nicht erfüllt. Dem ungeachtet heißt es hier: et voluisse sat est, um das daraus zu folgern, weshalb diese historischen Belege hier angezogen werden.

Kennt Er den Wielandschen Oberon? Ohne Zweifel hat dieses glänzende Meteor auch in dem engbegrenzten Horizont Seiner niedrigen Wohnung hinter dem hohen Schieferdache der St. Sebaldskirche geleuchtet. Nun, was ist denn dies Gedicht anders als ein schön verifiziertes Märchen von achtzehn oder mehr tausend Reimen? Und hat nicht die erhabne Beherrscherin eines Weltteiles, die Früchte einer blühenden Einbildungskraft unlängst zum Nutzen und Vergnügen ihrer thronwürdigen Enkel reifen lassen?

Daß eine solche Konkurrenz mehrer zu einer Klasse gehörigen auffallenden Produkte, in dem Geschmack der Lesebücher aller Wahrscheinlichkeit nach eine Revolution bewirken werde, kann Ihm als einem feinen Denker nicht verborgen sein, und was Er vermöge dieser Belehrung einsieht, das hat der weise Raspe in Nürnberg durch eigne Spekulation bereits seit Jahr und Tag eingesehen, welcher flugs mit einer neuen Auflage der veralteten hölzernen Übersetzung des Kabinetts der Feen von der Madame d'Aunoy in neun Teilen zum Vorschein gekommen ist, ohne zu besorgen, daß ihm die ganze Auflage, oder nur ein Exemplar davon zu Makulatur werde.

Hieraus, werter Freund, wird Er unschwer ermessen, daß der Referent gegenwärtiger Märchen kein ander Verdienst sich zueignen könne als das, in dem wieder neuangebauten Felde der unterhaltenden Lektüre ein eignes Stückgen Acker eingezäunt zu haben, um unter den verschiedenen Gattungen von Märchen, das Volksmärchen, auf dessen Kultur bisher noch kein deutscher Skribent verfallen war, zu bearbeiten. Aber da ist ein böser Nachbar gekommen, welcher, da der neue Pflanzer mit Schippe und Spaten geschäftig war, sich einfallen läßt, gerade neben ihm sich anzusetzen, durch gleiches Beginnen ihm ins Metier zu greifen, und frischweg im Ostermeßkatalog die Früchte seiner Ernte, ohne Mißwachs oder Wetterschlag zu ahnden, auf künftige Herbstmesse anzukündigenUnter dem Titel: Volksmärchen, aus verschiedenen Sprachen übersetzt. Berlin.. Um daher seine wohlgegründeten Prioritätsjura zu wahren, und bei Ihm, Herr Patron, nicht in den Verdacht zu geraten, als ob Sein Klient jemands Nachtreter sei, oder auf einen Einfall, der bereits das Eigentum eines andern war, Jagd gemacht zu haben, hat sich dieser zu seiner Legitimation genotdrungen gesehen, zwischen der Meßzeit mit seinem Spizilegium hervorzutreten, und das ist die Ursache, werter Freund, daß Er diese Bogen zu einer Zeit empfängt, wo die Meßprodukte sonst noch nicht zu reifen pflegen. Beiläufig sieht Er hieraus, was die Autorambition für eine zarte empfindsame Pflanze sei, die eine so sorgfältige Prozedur zu erfordern scheinet. Wiewohl es sich begeben kann, daß beide Erzähler sich gar nicht in Weg treten. Denn da der Berliner nur Übersetzungen verheißt, hier aber, wie Er vor Augen sieht, vaterländische Originale aufgetischt werden, so kann es leicht sein, daß der eine von uns eine Stiege Hühner, der andre Gänse zu Markte trägt, die doch nicht einerlei sind, ob sie gleich beide zu der Familie der Haustiere oder des zahmen Geflügels gehören.

Noch find ich, werter Herr Runkel, dies und das in Seinem Kopfe zu berichtigen, ehe wir uns scheiden, um zu verhüten, daß Er, an dessen günstigen Urteil mir alles liegt, diese Probe nicht schief beurteile. Dieser Fingerzeig betrifft Wesen, Form, Ton und Haltung der vorliegenden Erzählungen.

Volksmärchen sind keine Volksromane, oder Erzählungen solcher Begebenheiten, die sich nach dem gemeinen Weltlaufe wirklich haben zutragen können; jene veridealisieren die Welt, und können nur unter gewissen konventuellen Voraussetzungen, welche die Einbildungskraft, solang sie ihrer bedarf, als Wahrheit gelten läßt, sich begeben haben. Ihre Gestalt ist mannichfaltig, je nachdem Zeiten, Sitten, Denkungsart, hauptsächlich Theogenie und Geisterlehre jedes Volkes, auf die Phantasie gewirket hat. Doch dünkt mich, der Nationalcharakter veroffenbare sich darin ebensowohl, als in den mechanischen Kunstwerken jeder Nation. Reichtum an Erfindung, Üppigkeit und Überladung an seltsamen Verzierungen, zeichnet die morgenländischen Stoffe und Erzählungen aus; Flüchtigkeit in der Bearbeitung, Leichtigkeit und Flachheit in der Anlage, die französischen Feereien und Manufakturwaren; Anordnung, und Übereinstimmung und handfeste Komposition, die Gerätschaft der Deutschen und ihrer Dichtungen.

Volksmärchen sind aber auch keine Kindermärchen; denn ein Volk, weiß Er wohl, bestehet nicht aus Kindern, sondern hauptsächlich aus großen Leuten, und im gemeinen Leben pflegt man mit diesen anders zu reden, als mit jenen. Es wär also ein toller Einfall wenn Er meinte, alle Märchen müßten im Kinderton der Märchen meiner Mutter Gans erzählet werden. Ob Er gleich Seinem Amt und Beruf nach mit dem Orgelton nichts zu schaffen hat, wie Ihm im Göttinger Taschenkalender fälschlich beigemessen wirdMan sehe oftbelobten Kalender S. 106. : so weiß ich doch, daß Er überhaupt viel auf guten Ton hält. Darum merk Er zu beliebiger Notiz, daß ich den Ton der Erzählung, so viel möglich, nach Beschaffenheit der Sache und dem Ohr der Zuhörer, das heißt, einer gemischten Gesellschaft aus groß und klein zu bequemen bemüht gewesen bin. Hab ich's Ihm, werter Herr Runkel, damit zu Danke gemacht, so ist mir's angenehm; wo nicht, so tut mir's leid. Wenn Er sich inzwischen den Erzähler als Komponisten denkt, der eine ländliche Melodie mit Generalbaß und schicklicher Instrumentalbegleitung versieht: so hoff ich wird schon alles recht sein.

Übrigens ist keins dieser Märchen von eigner oder ausländischer Erfindung, sondern, soviel ich weiß, sind sie insgesamt einheimische Produkte, die sich seit mancher Generation, bereits von Urvätern auf Enkel und Nachkommen durch mündliche Tradition fortgepflanzet haben. Im wesentlichen ist daran nichts verändert; sie sind nicht eingeschmolzen, auch nicht umgeprägt wie ehedem die französischen Goldmünzen, auf welchen in einem seltsamen Gemisch, Ludwig des XV. Bildnis oft mit der Perücke oder Nase seines Ältervaters zum Vorschein kömmt. Doch hat sich der Verfasser erlaubt, das Vage dieser Erzählungen zu lokalisieren und sie in Zeiten und Örter zu versetzen, die sich zu ihrem Inhalt zu passen schienen. Ganz in ihrer eigentümlichen Gestalt waren sie nicht wohl zu produzieren. Ob es aber mit Bearbeitung dieser rohen Massen ihm also gelungen, wie seinem Nachbar dem Bildner, der mit kunstreicher Hand durch Schlägel und Meißel, aus einem unbehülflichen Marmorwürfel bald einen Gott, bald einen Halbgott oder Genius hervorgehen läßt, der nun in den Kunstgemächern pranget, da er vorher ein gemeiner Mauerstein war: das zu entscheiden, werter Herr Runkel, ist jetzt Seine Sache.

Geschrieben im Rosenmond 1782.

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