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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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Die Nymphe des Brunnens

Drei Meilen hinter Dünkelspühl in Schwabenland, lag vor Zeiten ein altes Raubschloß, das einem mannfesten Ritter zugehörte, Wackermann Uhlfinger genannt, die Blume der faust- und kolbengerechten Ritterschaft, das Schrecken der schwäbischen Bundesstädte, auch aller Reisenden und Frachtführer die keinen Geleitsbrief von ihm gelöset hatten. Wenn Wackermann seinen Küraß und Helm angelegt, seine Lenden mit dem Schwert umgürtet hatte, und die goldnen Sporen an seinen Fersen klirrten, war er nach der Sitte seiner Zeitgenossen ein roher hartherziger Mann, der Rauben und Plündern für ein Vorrecht des Adels hielt, den Schwächern befehdete, und weil er selbst mannhaft und rüstig war, kein ander Gesetz erkannte als das Recht des Stärkern. Wenn's hieß: Uhlfinger ist im Anzüge; Wackermann kommt, fiel Schrecken auf ganz Schwabenland, das Volk flüchtete in die festen Städte, und die Wächter auf den Zinnen der Warten stießen ins Horn, und verkündeten die nahe Gefahr. Die geringfügigste Beleidigung rügte er scharf, und manchen seiner Spießgesellen hatte er so zerbasedowt, wie Armbrecher R—ch der Menschenfreund, den Erzvater der Philanthropisten, obgleich in dem damaligen handfesten Weltalter, durch jenen barbarischen Heroismus, sein Geruch nicht so stinkend wurde vor dem ganzem Lande, wie in unsern gesittetem Zeiten durch solch eine kraftmännische Behandlung.

Dieser gefürchtete Mann war aber daheim, wenn er seine Rüstung abgelegt hatte, fromm wie ein Lamm, gastfrei wie ein Araber, ein gutmütiger Hausvater und zärtlicher Gatte. Seine Hausfrau war ein sanftes liebvolles Weib, sittig und tugendsam, dergleichen es heutzutage wenig gibt. Sie liebte ihren Gemahl mit unverbrüchlicher Treue, und stund ihrem Hauswesen gar fleißig vor, sah nicht durchs Gitter nach Buhlern aus, wenn ihr Herr davon ritt Abenteuer zu bestehen, sondern legte sich einen Rocken an von feinem Flachs wie Seide, und drehte die Spindel mit geschäftiger Hand, daß sie einen Faden gewann, den die lydische Arachne für den ihrigen würde erkannt haben. Sie war Mutter von zwo Töchtern, die sie mit großer Sorgfalt tugendsam und häuslich auferzog. In dieser klösterlichen Eingezogenheit störte nichts ihre Zufriedenheit als die Freibeuterei ihres Gemahls, der sich mit ungerechtem Gut bereicherte. Sie mißbilligte diese privilegierten Raubereien in ihrem Herzen, und es machte ihr keine Freude, wenn er ihr gleich die herrlichsten Stoffe mit Gold und Silber durchwirkt, zu reichen Kleidern schenkte. »Was soll mir der Plunder«, sprach sie oft zu sich selbst, »daran Seufzer und Tränen hangen?« Sie warf mit geheimen Widerwillen diese Geschenke in ihre Truhe, und würdigte sie weiter keines Anblicks, bemitleidete die Unglücklichen die in Wackermanns Haft fielen, setzte sie oft durch ihre Vorbitte in Freiheit und begabte sie mit einem Zehrpfennig.

Am Fuß des Schloßberges verbarg sich tief im Gebüsche eine ergiebige Felsenquelle, welche in einer natürlichen Grotte entsprang, die nach einer alten Volkssage von einer Brunnennymphe bewohnt sein sollte, welche man die Nixe nannte, und die Rede ging, daß sie sich bei sonderbaren Ereignissen im Schlosse, zuweilen sehen ließ. Zu diesem Brunnen lustwandelte die edle Frau oftmals ganz einsam, wenn sie während der Abwesenheit ihres Gemahls außerhalb der düstern Burgmauern frische Luft schöpfen, oder ohne Geräusch Werke der Wohltätigkeit im Verborgenen ausüben wollte. Sie beschied dahin die Armen, die der Pförtner nicht einließ, und spendete an gewissen Tagen nicht nur den Abhub ihrer Tafel an sie aus, sondern trieb ihre demütige Gutherzigkeit zuweilen so weit als die heilige Landgräfin Elisabeth, die mit stoischer Verleugnung alles widernden Gefühls, mit ihrer königlichen Hand am Sankt Elisabethenbrunnen, oft Bettlerwäsche wusch.

Einsmals war Wackermann mit seinen Reisigen auf Wegelagerung ausgezogen, den Kaufleuten aufzulauern, die vom Augspurger Markte kamen, und verweilte länger als sein Verlaß war. Das bekümmerte die zarte Frau, sie wähnte ihrem Herrn sei ein Unglück begegnet, er sei erschlagen oder in Feindes Gewalt. Es war ihr so weh ums Herz, daß sie nicht ruhen noch rasten konnte. Schon mehrere Tage hatte sie sich zwischen Furcht und Hoffnung abgeängstet, und oft rief sie dem Zwerg zu, der auf dem Turm Wacht hielt: »Kleinhänsel schau aus! Was rauscht durch den Wald? Was trappelt im Tal? Wo wirbelt der Staub? Trabt Wackermann an?« Aber Kleinhänsel antwortete gar trübselig: »Nichts regt sich im Wald, nichts reutet im Tal, es wirbelt kein Staub, kein Federbusch weht.« Das trieb sie so bis in die Nacht, da der Abendstern heraufzog, und der leuchtende Vollmond über die östlichen Gebürge blickte. Da konnte sie's nicht aushalten zwischen den vier Wänden ihres Gemachs; sie warf ihr Regentuch über, stahl sich durchs Pförtgen in den Buchenhain, und wandelte zu ihrem Lieblingsplätzchen dem Kristallbrunnen, um desto ungestörter ihren kummervollen Gedanken nachzuhängen. Ihr Auge floß von Zähren, und ihr sanfter Mund öffnete sich zu melodischen Wehklagen, die sich mit dem Geräusch des Baches mischten, der vom Brunnen her durchs Gras lispelte.

Indem sie sich der Grotte nahete, war's ihr als ob ein leichter Schatten um den Eingang schwebe; aber weil's in ihrem Herzen so arbeitete, achtete sie wenig darauf, und der erste Anblick schob ihr den flüchtigen Gedanken vor, daß das einfallende Mondenlicht ihr eine Truggestalt vorlüge. Da sie aber näher kam, schien sich die weiße Gestalt zu regen und ihr mit der Hand zu winken. Darüber kam ihr ein Grausen an, doch wich sie nicht zurück; sie stund, um recht zu sehen was es wäre. –

Das Gerüchte von dem Nixenbrunnen, das in der Gegend umlief, war ihr nicht unbewußt. Sie erkannte die weiße Frau nun für die Nymphe des Brunnens, und diese Erscheinung schien ihr eine wichtige Familienbegebenheit anzudeuten. Welcher Gedanke konnte ihr jetzt näher liegen als der von ihrem Gemahl? Sie zerraufte ihr schwarzgelocktes Haar und erhob eine laute Klage: »Ach, des unglücklichen Tages! Wackermann! Wackermann! Du bist gefallen, bist kalt und tot! Hast mich zur Wittib gemacht und deine Kinder zu Waisen!«

Da sie so klagte und die Hände rang, vernahm sie eine sanfte Stimme aus der Grotte: »Mathilde sei ohne Furcht, ich verkünde dir kein Unglück, nahe dich getrost: ich bin deine Freundin, und mich verlangt mit dir zu kosen.« Die edle Frau fand so wenig Abschreckendes in der Gestalt und Rede der Nixe, daß sie den Mut hatte die Einladung anzunehmen; sie ging in die Grotte, die Bewohnerin bot ihr freundlich die Hand und küßte sie auf die Stirn, saß traulich zu ihr hin und nahm das Wort: »Sei mir gegrüßt in meiner Wohnung du liebe Sterbliche, dein Herz ist rein und lauter wie das Wasser meines Brunnens, darum sind dir die unsichtbaren Mächte geneigt. Ich will dir das Schicksal deines Lebens eröffnen, die einzige Gunstbezeugung die ich dir gewähren kann. Dein Gemahl lebt, und ehe der Hahn den Morgen auskräht, wird er wieder in deinen Armen sein. Fürchte nicht ihn zu betrauren: der Quell deines Lebens wird früher versiegen als der seine; vorher aber wirst du noch eine Tochter küssen, die in einer verhängnisvollen Stunde geboren, auf schwankender Waage des Schicksals Glück und Unglück dahinnimmt. Die Sterne sind ihr nicht abhold; aber ein feindseliger Gegenschein raubt der Verwaisten das Glück der mütterlichen Pflege.«

Das betrübte die edle Frau sehr, da sie hörte, daß ihr Töchterlein der treuen Mutterpflege entbehren sollte, und sie brach in laute Zähren aus. Die Nymphe wurde dadurch gerührt. »Weine nicht«, sprach sie, »ich will bei deinem Kinde Mutterstelle vertreten, wann du es nicht beraten kannst; doch unter dem Beding, daß du mich zur Taufpate des zarten Fräuleins wählest, damit ich Teil an ihr habe. Dabei sei eingedenk, daß das Kind, so du es meiner Sorge anvertrauen willst, mir den Waschpfennig wiederbringe, den ich einbinden werde.« Frau Mathilde willigte in dies Begehr, drauf griff die Nixe nach einem glatten Bachkiesel, und gab ihr solchen mit dem Beifügen, denselben durch eine treue Magd zu rechter Zeit und Stunde, zum Zeichen der Einladung zur Gevatterschaft in den Brunnen werfen zu lassen. Frau Mathilde verhieß dem allen treulich nachzukommen, verlor keins dieser Worte aus ihrem Herzen und begab sich nach der Burg zurück; die Nymphe aber ging wieder in den Brunnen und verschwand.

Nicht lange hernach trompetete der Zwerg freudig vom Turm herab, und Wackermann ritt mit seinen Reisigen wohlgemut in den Hof ein, mit reicher Beute beladen. Nach Verlauf eines Jahres merkte die tugendliche Frau, daß sie sich gesegneten Leibes fand, sie sagt' es an ihrem Herrn, der über diese Nachricht viel Freude hatte: denn er hoffte auf einen männlichen Erben. Sie aber trug große Sorge, wie sie's anstellen möchte mit der Gevatterschaft; das Abenteuer vom Nixenbrunnen ihm zu eröffnen, trug sie Bedenken. Da fügte sich's, daß Wackermann einen Fehdebrief bekam, von einem Ritter, den er beim Trunk beleidiget hatte, und der mit ihm anbinden wollte auf Tod und Leben. Er rüstete sich und seine Gewappneten fleißig zu, und als er im Begriff war aufzusitzen, und nach Gewohnheit von seiner Gemahlin sich verabschiedete, forschte sie sorgsam nach seinem Vorhaben, drang ihn wider Gewohnheit, ihr zu sagen gegen wen er ausziehe, und da er ihr diese ungewöhnliche Neugier liebreich verwies, verhüllte sie ihr Gesicht und weinte bitterlich. Das ging dem edlen Ritter ans Herz, doch tat er sich's nicht aus, saß auf und eilte zum Tummelplatz, traf mit seinem Gegner hart zusammen, erlegte ihn nach einem wackern Rennen und kehrte triumphierend heim.

Seine züchtige Hausfrau empfing ihn mit offenen Armen, liebkoset' ihm freundlich und ließ nicht ab mit glatten Worten und den weiblichen Künsten süßer Schmeichelei ihn auszuholen, was für ein Abenteuer er bestanden habe. Er aber verschloß flugs sein Herz, verwahrte alle Zugänge mit dem Riegel der Unempfindsamkeit und offenbarte ihr nichts; vielmehr höhnt' er sie dieses Vorwitzes halber und sprach spottweise: »O Mutter Eva deine Töchter sind noch nicht ausgeartet, Neugier und Vorwitz ist der Weiber Erbteil bis auf diesen Tag. Einer jeden hätte gelüstet den verbotnen Baum zu plündern; oder den Deckel des verpönten Schauessens aufzuheben, und das darin verborgene Mäuslein davon springen zu lassen.« »Verzeihet lieber Gemahl«, antwortete die kluge Frau, »die Männer haben auch ihr bescheiden Teil aus Mutter Evens Erbschaft empfangen. Der Unterschied ist nur, daß eine gutmütige Frau für ihrem Manne kein Geheimnis hat noch haben darf. Es stünd die Wette, wenn mein Herz Euch was verhehlen könnte, daß Ihr nicht ruhen noch rasten würdet, bis Ihr mir meine Heimlichkeit abgelockt hättet.« »Und ich«, versetzt' er, »geb Euch mein Wort, daß mich Eure Heimlichkeit nichts kümmern wird; es ist Euch vergönnt die Probe zu machen.« Da war's wo Frau Mathilde ihren Ehgemahl hinhaben wollte. »Wohlan«, sprach sie, »lieber Herr, Ihr wißt daß meine Entbindung nah bevorstehet, wenn ich nun eines gesunden Kindes genese, so sei mir vergönnt eine von den Gevattern zu erkiesen, die das Kindlein aus der Taufe heben. Ich habe eine Freundin ins Herz geschlossen, die Euch unbekannt ist; da ist nun mein Begehr, daß Ihr nie in mich dringen wollt, Euch zu sagen wer sie sei, von wannen sie kommt, noch wo sie hauset. Wann Ihr mir das bei Eurer ritterlichen Ehre verheißet, und Eurer Zusage Gnüge tut, will ich die Wette verloren haben und frei bekennen, daß der männliche Geist über die weibliche Schwachheit triumphiert.« Wackermann leistete seiner Hausfrau das Versprechen unweigerlich, und sie erfreute sich des guten Erfolgs ihrer schlauen List innigst.

Nach wenig Tagen genas sie eines Fräuleins. Obgleich der Vater lieber einen Sohn umarmt hätte, so ritt er doch ganz wohlgemut zu seinen Nachbarn und Gefreundten, sie zur Gevatterschaft zu laden. Sie fanden sich insgesamt an dem bestimmten Tage ein, und da die Kindbetterin das Geräusch der Wagen, das Wiehern der Pferde und das Getümmel des Hofgesindes vernahm, berief sie eine vertraute Dirne zu sich, und sprach: »Nimm diesen Bachkiesel, wirf ihn stillschweigend hinter dich in den Nixenbrunnen, und spute dich auszurichten was dir befohlen ist.« Die Dirne tat nach dem Befehl ihrer Frau, und eh sie wieder zurückkam, trat eine unbekannte Dame in das Gesellschaftszimmer, neigte sich züchtig gegen die anwesenden Herren und Frauen, und wie das Kindlein vorgetragen wurde, und der Täufer zum Becken trat, nahm sie ihre Stelle unter den Paten oben an. Jedermann machte ihr ehrerbietig Platz als einer Fremden, und sie hielt das Kind zuerst auf dem Arm über der Taufe. Aller Augen waren auf sie gerichtet, sie war so schön, so sittsam und dabei so herrlich gekleidet in ein fliegendes Gewand von wasserblauer Seide, und aufgeschlitzten Ärmeln mit weißem Atlas unterlegt; über das war sie mit Juwelen und Perlenschmuck so reichlich behangen, wie die heilige Jungfrau zu Loretto, an einem kirchlichen Galatage. Ein glänzender Saphir hielt den durchsichtigen Schleier, der in dünnen Wolken von dem Wirbel des künstlich geschlungenen Haares, längst den Schultern bis an die Fersen herabschwebte; aber der Zipfel des Schleiers war naß, als sei er durchs Wasser gezogen.

Die unerwartete Erscheinung der fremden Dame hatte die sämtliche Mitgevatterschaft dergestalt in der Andacht gestört, daß sie vergaßen dem Kinde einen Namen zu geben, darum tauft' es der Priester Mathilde nach den Namen der Mutter. Nach vollbrachter Taufhandlung wurde die kleine Mathilde zu derselben zurückgebracht und alle Paten folgten nach, der Wöchnerin Glück zu wünschen, und dem Patgen den Waschpfennig einzubinden. Die Kindbetterin schien bei dem Anblick der Unbekannten etwas betroffen, vermutlich aus Verwunderung, daß die Nixe so treulich Wort gehalten hatte. Sie warf einen verstohlnen Blick auf ihren Gemahl, der mit einem unausdeutbaren Lächeln antwortete, und sich übrigens das Ansehn gab, als nehm er von der Fremden weiter keine Notiz. Das Patengeschenke gab jetzt der Empfängerin andere Beschäftigung, ein goldner Regen strömte aus freigebigen Händen auf den Täufling herab. Die Unbekannte nahete sich zuletzt mit ihrer Patensteuer, und täuschte die Erwartung aller Mitgevattern. Sie vermuteten von der glanzreichen Dame ein Kleinod, oder einen Denkpfennig von großem Wert, besonders da sie ein seidnes Taschentuch hervorzog, und solches mit großer Bedächtlichkeit voneinander schlug; aber Frau Pate hatte nichts dreingewickelt als einen BisamapfelBisamapfel und Ambranuß scheint in der Bedeutung übereinzukommen, und beides ein Balsam oder Riechbüchsgen anzuzeigen. Das erste Wort kommt in der Bibel vor Jes. 3. v. 20. aus Holz gedreht, sie legte diesen feierlich auf des Kindes Wiege, küßte die Mutter freundlich auf die Stirn und begab sich aus dem Zimmer.

Über dieses armselige Geschenk entstund ein heimliches Flüstern unter den Anwesenden, das bald in ein spöttisches Gelächter ausbrach. Es fehlte nicht an mancherlei boshaften Anmerkungen und Spekulationen, wie sie in Wochenstuben zu sein pflegen; da aber der Ritter und seine Dame ein tiefes Stillschweigen beobachteten, so blieb den Forschern und Schwätzerinnen nichts übrig, als sich an leeren Mutmaßungen zu weiden. Die Unbekannte kam nicht wieder zum Vorschein, und niemand wußte zu sagen wo sie hingeschwunden sei. Wackermann wurde ingeheim allerdings von dem Verlangen gequält, zu erforschen wer die Fremde gewesen sein möchte, die man, weil niemand ihren Namen wußte, die Dame mit dem nassen Schleier nennte; nur der Scheu als ein mannlicher Ritter einer Weiberschwachheit sich schuldig zu machen, und die Unverbrüchlichkeit seines gegebnen Wortes banden ihm die Zunge, wenn in der Stunde ehelicher Vertraulichkeit ihm die Frage auf den Lippen schwebte: »Sag an, wer war Frau Pate mit dem nassen Schleier?« Er gedachte ihr das Geheimnis mit der Zeit dennoch abzulisten oder abzulieben, und rechnete dabei auf die Beschaffenheit des weiblichen Herzens, welchem die Gabe der Verschwiegenheit so wenig verliehen sei, als dem Siebe die Aufbewahrung einer Flüssigkeit. Doch diesmal irrete er in der Rechnung: Frau Mathilde wußte ihre Zunge zu schweigen, und bewahrte das unauflösliche Rätsel so sorgfältig im Herzen, wie den Bisamapfel in ihrem Schatzkästlein.

Ehe das Fräulein dem Gängelbande entwuchs, wurde die Prophezeiung der Nymphe an der guten Mutter erfüllt: sie erkrankte plötzlich und starb, ohne Zeit zu haben an den Bisamapfel zu gedenken, oder damit nach Verfügung der Nixe zu Gunsten der kleinen Mathilde zu verfahren. Ihr Gemahl war eben abwesend auf dem Turnier zu Augspurg, und zog mit einem Ritterdank von Kaiser Friedrichen gekrönt wieder nach Hause. Wie der Zwerg auf dem Turm seinen Herrn in der Ferne sah angeritten kommen, stieß er nach Gewohnheit ins Horn, dem Hofgesinde dessen Ankunft kund zu tun; aber er ließ nicht wie sonst einen freudigen Ton erschallen, sondern posaunte gar eine traurige Melodei. Das fuhr dem Ritter durchs Herz und bekümmerte seine Seele. »Was für ein Schall«, sprach er, »gellt mir ins Ohr? Hört ihr's ihr Knappen, ist das nicht Krähenruf und Totensang? Kleinhänsel verkündet uns nichts Gutes.« Und die Knappen waren alle bestürzt, sahen ihren Herrn traurig an, und einer unter ihnen nahm das Wort und sprach: »Das ist die Weise des Vogels Kreideweiß, Gott wende Unglück ab; 's ist eine Leich im Hause!« Da spornte Wackermann seinen Hengst und ritt übers Blachfeld daher, daß die Funken stoben. Die Zugbrücke fiel, er sah gierig in den Schloßhof und erblickte leider das Leichenzeichen vor seiner Haustür ausgestellt, eine Laterne ohne Licht mit einem wehenden Flor geschmückt, und alle Fensterläden verschlossenDieser altdeutsche Gebrauch das Absterben eines Hausgenossen anzudeuten, erhält sich noch an einigen Orten im Herzogtum Cleve, wo auch alle Leidtragenden in der ganzen Stadt ihre Fensterläden zu schließen verbunden sind, und wenn sie eben solche Zimmer bewohnen, folglich am hellen Mittag Licht brennen müssen.. Dabei vernahm er von innen Schluchzen und Wehklagen des Gesindes, denn Frau Mathilde war eben aufgebahrt. Zu Häupten des Sarges saßen die beiden größern Töchter in Boy und Flor gehüllt, und beweinten die erbleichte Mutter mit zahllosen Tränen. Am Fuß des Sarges saß die kleine Lieblingstochter; noch unvermögend ihren Verlust zu empfinden, zerzupfte sie mit kindischer Gleichmütigkeit spielend die Überbleibsel der Blumen, womit die Leiche geschmückt war. Dieser wehmütige Anblick überwältigte Wackermanns männliche Standhaftigkeit, er weinte und jammerte laut, stürzte über den eiskalten Leichnam her, benetzte die bleichen Wangen mit seinen Tränen, drückte mit zitterndem Munde die erstorbenen Lippen, und überließ sich ohne Scheu allen schmerzhaften Gefühlen seines Herzens. Hernach hing er seine Waffen in die Rüstkammer auf, saß bedeckt mit einem abgekrempten Hute und einem schwarzen Trauermantel beim Sarge, trug Leid um seine abgeschiedene Hausfrau, und erwies ihr die letzte Ehre durch ein feierliches Totengepränge.

Weil jedoch nach der Bemerkung eines großen Mannes die heftigsten Schmerzen immer die kürzesten sind, so vergaß der tiefgebeugte Witwer bald seines Herzeleids, und dachte mit Ernst darauf den erlittenen Verlust durch eine zwote Gemahlin zu ersetzen. Seine Wahl fiel auf ein wildes rasches Weib, ganz das Gegenbild der frommen sittsamen Mathilde. Das Hausregiment nahm folglich nun eine andere Gestalt an; die junge Frau liebte Pracht und Verschwendung; gebehrtete sich stolz und gebieterisch gegen das Gesinde; des Schlemmens und Bankettierens war kein Ende. Ihre Fruchtbarkeit bevölkerte das Haus bald mit zahlreicher Deszendenz; die Töchter erster Ehe wurden nicht mehr geachtet, und kamen ganz in Vergessenheit. Wie die ältern Fräuleins heranwuchsen, suchte sich die Stiefmutter ihrer ganz zu entledigen, sie wurden nach Dünkelspühl in ein Frauenkloster in die Kost verdungen; die kleine Mathilde kam unter Aufsicht einer Amme, und wurde in ein abgelegnes Stübchen versetzt, wo sie der eiteln Frau, die mit Familiensorgen sich nicht gern befaßte, weit genug aus den Augen war. Ihr verschwenderischer Aufwand mehrte sich also, daß der Ertrag des Faust- und Kolbenrechtes, so unermüdet der Ritter solchem oblag, nicht mehr hinreichte denselben zu bestreiten. Sie sahe sich oft genötiget, die Verlassenschaft ihrer Verweserin zu spoliieren, die reichen Stoffe zu vermöbeln, oder von Juden Geld darauf zu leihen. Einsmals befand sie sich in besondrer ökonomischen Verlegenheit. Sie durchsuchte Schubladen und Truhen, um etwas von Werte auszuwittern, da stieß sie auf ein geheimes Fach eines Putzschrankes, und fand darinnen zu ihrer großen Freude Frau Mathildens Schatzkästlein. Die funkelnden Juwelen der Demantringe, Ohrenspangen, Armbänder, Schürzhaken und andern Geschmeides entzückte ihr gieriges Auge. Sie musterte alles genau durch, besah's Stück vor Stück, und überschlug in ihren Gedanken, welchen Gewinn dieser herrliche Fund einbringen würde. Unter diesen Kostbarkeiten fiel ihr auch der hölzerne Bisamapfel in die Augen. Sie wußte lange nicht was sie daraus machen sollte, sie versucht' es ihn aufzuschrauben; aber er war verquollen. Sie wog ihn in der Hand, und befand ihn so leicht als eine taube Nuß, darum meinte sie, es sei irgend ein lediges Ringfutteral, und weil sie damit nichts anzufangen wußte, warf sie's als ein Ding ohn allen Wert aus dem Fenster.

Zufälligerweise saß die kleine Mathilde unten im Zwingergarten und spielte mit ihrer Puppe. Wie sie die hölzerne Kugel auf dem Sande daherrollen sahe, warf sie die Puppe aus der Hand, und griff mit kindischer Begierde nach dem neuen Spielzeug, hatte auch ebensoviel Freude über diesen Fund als Mama an dem ihrigen. Sie ergötzte sich viele Tage mit der Spielerei und ließ sie nicht aus der Hand. An einem schönen Sommertage lüstete der Amme mit ihrer Pflegetochter der frischen Kühlung am Felsenbrunnen zu genießen, um Vesperzeit forderte das Kind seine Honigsemmel, welche die Amme mitzunehmen vergessen hatte. Sie hatte noch nicht Lust zurückzukehren; um nun die Kleine bei Gutem zu erhalten, ging sie in's Gebüsche ihr eine Handvoll Himbeere zu pflücken. Das Kind spielte indes mit dem Bisamapfel, warf ihn hin und her wie einen Fangeball, bis ein Wurf mißlang, und die kindische Freude in eigentlichem Verstande in den Brunnen fiel. Augenblicks stund eine junge Dame da, schön wie ein Engel, und freundlich wie eine Grazie. Das Kind bestürzte darüber, glaubte ihre Stiefmutter vor sich zu sehen, die sie immer schalt und schlug, wenn sie ihr unter die Augen kam. Die Nymphe aber liebkosete ihr mit sanften Worten: »Fürchte nichts liebe Kleine, ich bin deine Pate, komm zu mir. Sieh, hier ist dein Spielzeug das in den Brunnen fiel.« –

Dadurch lockte sie das Kind zu sich, nahm's auf den Schoß, drückt' es zärtlich an den Busen, herzt' und küßte die kleine Mathilde, und benetzte ihr Angesicht mit Tränen. »Arme Verwaiste«, sprach sie, »ich hab's versprochen Mutterstelle bei dir zu vertreten, ich will's auch halten. Besuche mich oft, du wirst mich stets an dieser Grotte finden, wenn du einen Stein in den Brunnen fallen lassest. Bewahre diesen Bisamapfel sorgfältig und spiele nicht wieder damit, daß du ihn nicht verlierest, er wird dir einst drei Wünsche gewähren. Wenn du heranwächsest will ich dir mehr sagen, jetzt kannst du's nicht fassen.« Sie gab ihr noch manche gute Vermahnung, die sich für des Kindes Alter schickte, gebot ihr Stillschweigen; die Amme kam zurück und die Nymphe verschwand.

Heutzutage, sagt das Sprüchwort, gibt's keine Kinder mehr, vor alters war's damit anders; die kleine Mathilde war gleichwohl ein schlaues und kluges Kind, sie hatte so viel Besonnenheit gegen die Amme nichts von Frau Paten zu erwähnen, forderte bei ihrer Zuhausekunft Nähnadel und Zwirn, und vernähete damit sorgfältig den Bisamapfel in das Unterfutter des Kleides. Ihr Sinn und Gedanken stunden nun nach dem Nixenbrunnen, so oft es die Witterung erlaubte schlug sie der Aufseherin einen Spaziergang dahin vor, und weil diese dem schmeichelhaften Mädchen nichts abschlagen konnte, und diese Neigung ihr angeboren schien, indem die Grotte der Lieblingsaufenthalt der Mutter gewesen war, gewährte sie der Kleinen diesen Wunsch desto leichter. Da wußte diese nun immer einen Vorwand zu finden die Amme wegzuschicken, und sobald sie den Rücken wendete fiel der Stein ins Wasser, und verschaffte dem schlauen Mädchen die Gesellschaft ihrer liebreizenden Pate. Nach einigen Jahren blühete die kleine Waise zum jungfräulichen Alter heran, und ihre Schönheit schloß sich auf wie die Knospe einer hundertblätterichen Rose, die unter den buntfarbigen Grasblumenpöbel verpflanzt, in bescheidener Würde hervorglänzt. Zwar blühete sie gleichsam nur im Zwingergarten: sie lebte unter dem Gesinde versteckt, und wenn die üppiche Mutter bankettierte kam sie nie zum Vorschein, saß auf ihrer Kammer, beschäftigte sich mit häuslicher Arbeit, und fand nach vollendetem Tagewerke, zur Abendzeit reichen Ersatz für die rauschenden Freuden die sie entbehrte, in der Gesellschaft der Nymphe am Brunnen. Diese war nicht nur ihre Gesellschafterin und Freundin, sie war auch ihre Lehrmeisterin, unterrichtete das Fräulein in allen weiblichen Kunstfertigkeiten, und bildete sie ganz nach dem Beispiel ihrer tugendhaften Mutter.

Eines Tages schien die Nymphe ihre Zärtlichkeit gegen die reizvolle Mathilde zu verdoppeln, sie schloß sie in die Armen, ließ das Haupt auf ihre Schulter sinken und war so wehmutsvoll und traurig, daß das Fräulein mit ihr sympathisierte, und sich nicht enthalten konnte einige Tränen auf die Hand ihrer Pate fallen zu lassen, die sie eben schweigend an die Lippen drückte. Durch diese sanfte Mitempfindung wurde die Nymphe noch wehmütiger. »Kind«, sprach sie mit trauriger Stimme, »du weinst und weißt nicht warum; aber deine Tränen sind Vorgefühle deines Schicksals. Dem Hause auf dem Berge stehet eine große Veränderung bevor; ehe der Schnitter die Sense tängelt und der Wind über die Stoppeln des Weizenfeldes weht, wird's öde und wüste stehen. Wenn die Schloßdirnen in der Abenddämmerung herausgehen des Wassers aus meinem Brunnen zu schöpfen und mit ledigem Eimer zurückkehren, so gedenke daß Unglück kommt. Wahre den Bisamapfel der dir drei Wünsche gewähren wird, und gehe nicht verschwenderisch mit deinen Wünschen um: Gehab dich wohl, an dieser Stätte sehn wir uns nicht wieder.« Drauf lehrte sie dem Fräulein noch einige magische Eigenschaften des Apfels, um sich derselben im Notfall zu bedienen, weinte und schluchzete beim Hinscheiden, daß ihr die Worte versagten, und ließ sich nicht mehr sehen.

Um die Zeit der Weizenernte kamen eines Abends die Wasserträgerinnen mit ledigen Krügen ins Schloß zurück, bleich und erschrocken, zitterten an allen Gliedern, als schüttele sie der Frost des Wechselfiebers, verkündeten, die weiße Frau sitze am Brunnen mit trauriger Gebärdung des Händeringens und Wehklagens, welches nichts Gutes ominiere. Des hatten die Kriegsleute und Waffenträger ihren Spott, meinten es sei Täuschung und Weibergeschwätz; einige trieb die Neugier hinaus, Grund und Ungrund der Sache zu erforschen; sie sahen die nämliche Erscheinung, faßten sich dennoch ein Herz und gingen zum Brunnen. Wie sie hinkamen war das Gesicht verschwunden, und da gab's mancherlei Glossen und Auslegungen darüber, keiner riet jedoch auf die wahre Deutung, welche Fräulein Mathilde allein wußte, ob sie es gleich nicht laut werden ließ: denn die Nymphe hatte ihr Stillschweigen geboten. Sie saß einsam und trübsinnig auf ihrer Kammer, unter Furcht und Erwartung der Dinge die da kommen sollten.

Wackermann Uhlfinger war Weiber- und Becherlehn; seiner verschwenderischen Hausfrau konnte er nicht satt rauben und plündern, und wenn er nicht auf Wegelagerung ausging, bereitete sie ihm tagtäglich ein Wohlleben, berief seine Zechbrüder zusammen, unterhielt ihn im Taumel der Lüste und ließ ihn nie daraus wach werden, um den Verfall seines Hauswesens wahrzunehmen. Wann's an Barschaft oder Lebensmitteln gebrach, so gaben Jacob Fuggers Lastwagen, oder der Venediger reiche Speditionen immer neue Ausbeute. Dieser Plackereien müde, beschloß der Generalkongreß des schwäbischen Bundes, weil Abmahnungen und Warnungen nichts fruchteten, Uhlfingers Untergang. Eh er dachte daß es so ernstlich gemeinet sei, weheten die städtischen Bundesfahnen vor dem Tor seiner Bergfeste, und es blieb ihm nichts übrig als der Entschluß sein Leben teuer gnug zu verkaufen. Die Bombarden und Donnerbüchsen erschütterten die Basteien und die Armbrustschützen taten auf beiden Seiten ihr Bestes; es hagelte Bolzen und Pfeile, und einer davon, in einer unglücklichen Stunde abgedrückt, wo Wackermanns Schutzgeist von ihm gewichen war, fuhr durchs Visier seines Helms ihm tief ins Hirn, daß er alsbald im kalten Todesschlummer dahin taumelte. Durch den Fall des Pannerherrn geriet das Kriegsvolk in große Bestürzung; einige Feigherzige steckten die weiße Fahne aus, die Mutigen rissen sie wieder herab vom Turm. Daraus merkte der Feind daß innerhalb der Burg Unordnung und Verwirrung herrsche, die Belagerer liefen Sturm, überstiegen die Mauren, gewannen das Tor, ließen die Zugbrücke herab und schlugen alles mit der Schärfe des Schwertes was ihnen vor kam. Selbst die Unglücksstifterin, das verschwenderische Weib, wurde mit all ihren Kindern von dem wütigen Kriegsvolke erschlagen, das gegen den räuberischen Adel so erbittert war, als nachher die Aufrührer im schwäbischen Baurenkriege. Das Schloß wurde rein ausgeplündert, in Brand gesteckt und der Erde gleichgemacht.

Während des kriegerischen Tumults hielt sich Fräulein Mathilde in dem Pathmus ihres Dachstübchens ganz ruhig, hatte die Tür verschlossen und von innen fest verriegelt. Als sie aber merkte daß draußen alles buntüber ging, und Schloß und Riegel ihr keine Sicherheit weiter geben würde, warf sie ihren Schleier über, drehete den Bisamapfel dreimal in der Hand und trat kühnlich heraus, nachdem sie das Sprüchlein ausgesprochen hatte, welches ihr die Nixe lehrte:


Hinter mir Nacht vor mir Tag,
Daß mich niemand sehen mag,

und so wandelte sie unbemerkt mitten durch das feindliche Kriegsvolk aus der väterlichen Burg, wiewohl mit hochbetrübten Herzen, und ohne zu wissen wohin sie ihren Weg nehmen sollte. Solang ihre zarten Füße ihr nicht den Dienst versagten, eilte sie von dem Schauplatz des Greuels und der Verwüstung sich zu entfernen, bis sie von Nacht und Müdigkeit befallen, unter einem wilden Birnbaum im freien Felde zu herbergen beschloß. –

Sie setzte sich auf den kühlen Rasen und ließ den Tränen freien Lauf. Noch einmal schaute sie nach der Gegend um und wollte sie gesegnen, wo sie die Jahre der Kindheit verlebt hatte; wie sie die Augen aufhob, sahe sie ein blutrotes Feuerzeichen am Himmel stehen, woraus sie urteilte daß das Stammhaus ihrer Voreltern ein Raub der Flammen worden sei. Sie wendete ihre Augen von diesem grausenvollem Anblick weg, und wünschte mit Sehnsucht, daß die funkelnden Sterne erbleichen und die Morgenröte aus Osten hervorschimmern möchte. Eh es noch tagte und der Morgentau auf dem Grase sich in kleine Tropfen sammlete, setzte sie die ungewisse Pilgerreise fort, und gelangte bald in ein Dorf, wo sie von einer gutherzigen Bäuerin aufgenommen und mit einem Bissen Brot und einer Schale Milch erquicket wurde. Von dieser Frau tauschte sie bäuerische Kleider, und gesellte sich zu einer Karawane Frachtführer die sie gen Augspurg geleiteten. In diesem trübseligen verlassenen Zustande blieb ihr keine Wahl, als sich für Dienstmädchen zu vermieten; weil's aber außer der Zeit war, konnte sie lange keine Herrschaft finden.

Graf Konrad von Schwabeck ein deutscher Kreuzherr, auch Kastenvogt und Schirmherr des Bistums Augspurg, besaß daselbst einen Comterhof wo er sich im Winter aufzuhalten pflegte, in seiner Abwesenheit wohnte eine Schließerin darinne, Frau Gertrud genannt, die das Hauswesen regierte. Diese Frau war in der ganzen Stadt für eine Megäre ausgeschrieen, kein Gesinde konnt's bei ihr aushalten, sie lärmte und tosete im Hause umher wie ein Poltergeist. Das Rasseln ihrer Schlüsseln fürchteten die Dirnen, wie die Kinder den Ruprecht; das kleinste Versehen, oder auch nur ihre bösen Launen mußten Köpfe und Töpfe entgelten, oder sie bewaffnete ihren rüstigen Arm mit einem Bund Schlüssel und bläuete den Dienstmägden damit Rücken und Lenden blau, und wenn man ein böses Weib beschreiben wollte, so hieß es sie sei so arg als Frau Trude im Comterhofe. Eines Tages hatte sie das Strafamt so gewaltsam ausgeübt, daß alles Gesinde entlief; da kam die sanfte Mathilde und bot ihre Dienste an. Um ihren edlen Wuchs zu verhehlen hatte sie eine Schulter gepolstert als sei sie verwachsen, ihr blondes seidenes Haar verbarg ein breites Kopftuch, Angesicht und Hände hatte sie mit Ruß bestrichen; um eine zigeunermäßige Haut dadurch zu erkünsteln. Wie sie sich anmeldete und die Schelle an der Tür zog, steckte Frau Gertrud den Kopf aus dem Fenster: da sie nun die seltsame Figur gewahr wurde, meinte sie es sei eine Bettlerin und rief herab: »Hier ist kein Almosenamt, geht in die FuggereiEin Gestifte von Jacob Fugger in Augspurg, aus 106 Häusern bestehend, die zur Aufnahme und Pflege der Armen eingerichtet sind oder es doch ehemals waren. dort spendet man Heller aus«, und schlug das Fenster hastig zu. Fräulein Mathilda ließ sich dadurch nicht abschrecken, sie schellte so lange bis die Ausgeberin in der Absicht wieder zum Vorschein kam diese Insolenz mit einer Lage Scheltworten zu erwidern. Ehe sie aber ihren zähnlosen Mund öffnete, verständigte sie das Fräulein was ihr Begehr sei. »Wer bist du«, frug Frau Gertrud, »und was kannst du?« Die verstellte Dirne antwortete:


Ich bin eine Waise,
Mathilde ich heiße,
Kann plätten,
Kann glätten,
Kann nähen und spinnen,
Auch sticken
Und stricken
Und Augen gewinnen,
Kann hacken und pochen,
Auch braten und kochen,
Bin kunstreicher Hand,
Und flink und gewandt.«

Als die Wirtschafterin dieses Sprüchlein hörte und vernahm, daß das nußbraune Mädchen so viel gute Talente besaß, tat sie die Tür auf, gab ihr den Mietgroschen und nahm sie in die Küche. Sie stund ihren Geschäften so treulich vor, daß Frau Gertrud ganz aus der Übung kam, Töpfe nach dem Ziel zu werfen; ob sie gleich immer streng und mürrisch blieb, alles tadelte und besser wissen wollte: so hielt ihr doch das Dienstmädchen nie Widerpart, und wehrte durch Sanftmut und Duldung den Ergießungen ihrer schwarzen Galle ab. Sie wurde leidlicher und besser als seit vielen Jahren, zum Beweis daß fromm Gesinde, auch gut Regiment, gut Wetter, fromme und getreue Oberherrn macht.

Um die Zeit des ersten Schnees ließ die Hausmutter das ganze Haus fegen und reinigen, die Fenster waschen, Vorhänge aufziehn, und alles zum Empfang ihres Herrn zubereiten, der mit dem bunten Gefolge seiner Diener umgeben, nebst einem großen Schwall von Pferden und Jagdhunden zu Winters Anfang eintraf. Mathilde kümmerte sich wenig um die Ankunft des Kreuzherrn, ihre Küchenarbeit hatte sich so gemehret, daß sie sich nicht Zeit nahm nach ihm auszusehen. –

Graf Konrad schien bloß für das Vergnügen zu leben, er verabsäumte keine Lustbarkeit und kein Freudengelag in der reichen Stadt, die der Verkehr mit den Venedigern üppich gemacht hatte. Bald gab es ein Ringelrennen, bald ein Stechen auf der Rennbahn, bald einen Ratswechsel oder sonst eine glänzende Feierlichkeit; auch fehlte es nicht an öffentlichen Reihentänzen auf dem Rathause, oder auf dem Markte, und durch alle Straßen, wo die Edelleute den Bürgerstöchtern goldne Fingerreife und seidene Tücher verehrten, Minnespiel und gute Schwänke trieben. Als die Faßnachts-Mummereien begannen, schien der Freudentaumel aufs höchste gestiegen zu sein. Fräulein Mathilde hatte an dem allen keinen Teil, saß in der rauchenden Küche und weinte schier die schmachtenden Augen wund, klagte über den Eigensinn des Glücks, das seinen Günstling mit den Freuden des Lebens stromweise überschüttet, und dem Unbegünstigten jeden frohen Augenblick abgeizet. Ihr Herz war beklommen, ohne daß sie eigentlich wußte warum; daß Amor sich darein gebettet hatte, war ihr gänzlich unbekannt. Dieser unruhige Gast, der in jedem Hause Verwirrung macht wo er herbergt, flüsterte ihr am Tage tausend romanhafte Gedanken zu, und unterhielt sie des Nachts mit schalkhaften Träumen. Bald lustwandelte sie mit dem Kreuzherrn in einem Blumengarten, bald war sie zwischen die heiligen Mauren eines Klosters eingesperrt, und der Graf stund außen am Sprachgitter, verlangte mit ihr zu kosen und die strenge Domina wollt es nicht gestatten; bald aber tanzte sie dennoch mit ihm den Vorreihn auf einem fröhlichen Ball. Diese entzückenden Träume zerstörte oft plötzlich das Geklingel von Frau Gertrudens Bund Schlüssel, womit sie in der frühen Morgenstunde dem Gesinde zur Arbeit läutete; doch die Ideen welche zur Nachtzeit die Phantasie angesponnen hatte, bildete das Spiel der Gedanken den Tag über aus.

Liebe scheut keine Gefahren, übersteigt Berge und Klippen, hüpft über Abgründe, findet Weg und Bahn durch die libysche Wüste, und schwimmt auf dem Rücken des weißen Stiers über den stürmenden Pelagus; die liebende Mathilde sann und klügelte so lange, bis sie ein Mittel fand, den schönsten ihrer Träume zu realisieren. Sie hatte den Bisamapfel der Pate Nixe, der ihr drei Wünsche gewähren sollte noch im Besitz, nie hatte sie Verlangen getragen ihn zu öffnen, und sein innres Talent zu erproben, jetzt kam ihr ein den ersten Versuch damit zu machen. Die Augspurger hatten bei Prinz Maxens Geburt Kaiser Friedrichen zu Ehren ein herrlich Bankett angestellt, das drei Tage dauren sollte, zu welchem sie viel Prälaten Grafen und Herrn aus der Nachbarschaft eingeladen hatten, dabei wurde jeden Tag um einen ausgesetzten Preis gestochen und zu Abendzeit wurden die schönsten Jungfrauen zu Rathaus aufgeholt um mit der edlen Ritterschaft zu tanzen, und das dauerte bis an den lichten Morgen. Ritter Konrad ermangelte nicht dieser Festivität mit beizuwohnen, und war des Abends beim Tanz der Held der zarten Frauen und Jungfrauen. Obgleich keine seiner gesetzmäßigen Liebe teilhaft werden konnte; denn er war ein Kreuzherr: so hatten sie ihn doch alle lieb und wert, er war ein schöner Mann und tanzte wonniglich.

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